Inhalt

 

 

Zeitgeist: Manfred Pielmeier : Eskapaden der “Weltstadt mit Herz“ (S. 2-3);

 

Kurzprosa von: Ralph Gotta: „Salamanca“, S. 4-7; Gunna Wendt: “Der Waldgeist”, S. 8-11; Siniša Dragin: „Der Frühling ist ein anderes Land“ (Romanauszug), S. 12-13; Titu Popescu: „Ein Treffen in Venedig“, S. 13-15; Victor Loghin: „Die Möwe“. S. 16; Ovidiu Dunăreanu: “Geisterhafte Schatten in der Abenddämmerung“, S. 17-19; Radu Bărbulescu: „Als die Kuh noch nicht heilig war“, S. 19- 21; Gheorghe Sassarmann: „Hattusás“, S. 22-23; Laura Rumich: „Ich bin ein Roboter“, S. 24; Susanne de la Fuente: „Spätere Adoption ausgeschlossen“, S. 25;

 

Lyrik von: Carla Kraus (Wien), S. 26-27; Renate Schmadalla (Bad Münder), S. 28; Gisela Kirbach (München), S. 29-30; Frederike Haberkamp (Bonn), S. 31; Anja-Nadine Mayer (Röthenbach/Pegnitz), S. 32-33; Britta ZEILER (Coimbra/Portugal), S. 34-35; Anat-Katharina Kalman (Paris), S. 36-37; Iulia Pană (Konstanza), S. 38-41; Amelia Stănescu (Konstanza), S. 42-43; Cristiana Eso (Nancy), S. 44-45; Marijana Gaponenko (Odessa), S. 46; Anita Rivin (Jerusalem), S. 47; Bianca Marcovici (Haifa), S. 48-49; Shaul Carmel (Herzlia), S. 50-51; Roberst Stauffer (München), S. 52-53; Horst Samson (Neuberg), S. 54-57; Uwe Erwin Engelmann (Siegen), S. 58-59; Hans Jürgen Heimrich (Dittelbrunn-Hambach), S. 60;  Karl Seemann (Bad Bentheim), S. 61; Günter Ullmann (Greiz), S. 62; Oliver Friggieri (Malta), S. 62-65; Radu Bărbulescu (München), S. 66; Rumänische Sonette aus zwei Jahrhunderten, ins Deutsche übersetzt von Dieter Paul Fuhrmann: Sonette von: Vasile Voiculescu – Mateiu I. Caragiale -  Gh. Topârceanu – Victor Eftimiu – Ion Pillat – Ion Barbu -  Lucian Blaga – Tudor Vianu – B. Fundoianu – Dan Botta – Petre Solomon – Leonid Dimov – Tudor George - Radu Cârneci – Marin Sorescu und Constanta Buzea, S. 67-74 ; Gedichte von Vasile Dan (Arad), S. 75-76; Francisc Vinganu (Curtici), S. 77-78; Gheorghe Mocuta (Curtici), S. 79-80; Christian W. Schenk (Kastellaun), S. 81; Traian Pop Traian (Lugwigsburg), S. 82; Dan Danila (Leonberg), S. 83; Gustavo Zappa (Argentinien, Dt.-Übersetzung – Susanne de la Fuente), S. 84; Vlad Neagoe (Bukarest), S. 85-86),

 

Roman: Alexandru Ecovoiu (Bukarest), „Saludos“, 13. Folge, S. 87-96 ;

 

Stefan Wimmer (München), Prosa : „Bekanntschaft mit der Música Bronca“, S. 97-98;

 


 



Meridian München: Benedikt Weyerer: „Der Nationalsozialismus in München zwi-schen 1945 und 1975“, S. 99-105;

Manfred Pielmeier: Adam Berg und die Anfänge des Buchdrucks in München“, S. 106-107;

 

Bücher: Waldemar Fromm: „Die Kultur der Kulturwissenschaften - Geoffrey Hartmans „Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur”, S. 108-110; Georg Scherg: „Vom Unerträgli-chen und seiner Zeit Über Traian Pop Traian und seine Art, Gedichte zu schreiben“, S. 111-114;

 

Interview: Lorenz Knauer: „Ich würde gerne noch einen Film in Rumänien drehen...“, S. 115-120;

 

 

       a r c h e n o a h

     ISSN  0946-0810

 

Zeitschrift zur Förderung mul-tikultureller Beziehungen

 

Erscheint im Verlag Radu Barbu-lescu, Görzerstr. 105 A, 81549 München. Inhaber, Verleger und verantwortlicher Redakteur, Radu Barbulescu, Anschrift w. o. Für Anzeigen verantwortlich: Radu Barbulescu, Anschrift w. o.

Autoren: Frederike Haberkamp, Hans Jurgen Heimrich, Gisela Kirbach, Carla Kraus, Manfred Pielmeier, Harald Siegmund, Gunna Wendt, Benedikt Weyerer u. a.

Erscheint ab 2001 2 x jährlich. Preis pro Exemplar, 24.—DM / 12.—Eur. Jahresabbonement 48.—DM / 24.— Eur.Bankverbindung: Radu Barbulescu, K-to Nr. 100-148683, Stadtsparkasse München, BLZ 701^500 00.

Vervielfältigung: Radu Barbulescu, Anschrift w. o. 

 

Tel. 089 / 6 89 17 03

Fax 089 / 6 89 14 97

e-mail: archeobs @ radu-barbulescu. de

http//www.radu-barbulescu.de

 

 

Unser Titelbild: Constantin Grigo-ruţă, Konstanza: „Tomi: Boote“, Aquarell, 210 x 297 mm.

 


DER SEGELTÖRN GEHT WEITER

 

Wir wussten es schon bevor wir uns die Arbeit aufgebürdet ha-ben: es wird nicht leicht sein, inmitten einer reichen Kulturland-schaft, wie es nun der deutsche Kulturraum ist, eine Litera-tur/Kulturzeitschrift herauszugeben und sie zu etablieren. Um so mehr würde unser Unternehmen schwierig sein, da es von An-fang an einem ziemlich idealeistischen Zweck dienen sollte: der Schaffung einer internationalen Autorengemeinde, die unbeach-tet ihrer Herkunft, Religion, Geschlecht politischer Überzeugung usw. Freude daran hat, ihre Werke in Deutschland und auf Deutsch veröffentlicht zu sehen. Weil wir der festen Überzeugung sind, dass von allen Gebieten des menschlichen Tuns und Treibens, das kulturelle Gebiet das geeignetste ist, um die ein-malige Chance als Mensch in der Welt zu leben gebührend und auf höhere Weise zu nutzen und zu feiern. Und wir betrachten die Tatsache, dass sich auf unseren Seiten Autoren von fast allen Kontinenten (leider haben wir Australien noch nicht erreicht) und vielen Ländern getroffen haben und weiter treffen können, als den besten Beweis dafür, dass wir uns nicht geirrt haben, dass unser Versuch die Mühe wert war und immer noch ist.

Es klingt vielleicht komisch, angesichts der Tatsache, dass un-sere vierteljährliche Zeitschrift zu einer semestriellen Zeitschrift wird, und  in einer Welt in welcher Reichtum immer öfter als ma-terieller Reichtum verstanden wird, wenn wir hier zugeben, dass uns das Experiment archenoah reicher gemacht hat, aber es ist wahr: wir sind dadurch viel reicher geworden! Wir haben unseren Autorenkreis vergrößert, wir haben unsere Leserschaft vergrö-ßert (auch wenn die Abonnentenzahl zu niedrig ist, um auch einen finanziellen Erfolg verbuchen zu können), unser Wirkungs-kreis ist insgesamt gewachsen. Es gibt, zwischen Autoren und Leser, die aus verschiedensten Ländern, Kultur- und Religions-kreisen stammen, die verschiedenster Jahrgängen angehören, keine Berührungsangst mehr. Es bleibt, selbstverständlich, die Konkurrenz zwischen uns Autoren, aber es handelt sich um eine positive Konkurrenz, die uns allen zugute kommt.

Ein weiterer Grund zur Zufriedenheit ist es für uns, dass wir keine Abstriche im Sinne des rein kommerziellen, heutigen (Krämer) Weltgeistes machen mussten. Wir konnten unsere archenoah auch ohne Mogelpackung, ohne groß angelegte Werbekam-pagnen und ohne kommerzielle Werbung, die zwei Drittel der Zeitschrift ausmachen würde, weiter über den Wogen halten. Dafür muß ich mich insbesondere bei allen unseren Autoren bedanken, die auf ihre – unserer Ansicht nach – vollverdienten Honorare aus reiner Nachsicht verzichtet haben. Wir tragen aber immer noch die Hoffnung, dass wir uns irgendwann dafür revan-chieren werden.

Wir hoffen, dass Ihnen allen, den Lesern und Autoren, die Lektü-re unseres neuen Heftes Spaß machen wird.

 

Radu Bărbulescu

 

Manfred PIELMEIER:

 

Eskapaden der „Weltstadt mit Herz“

 

Eigentlich wäre die Bayernme-tropole besonders prädestiniert, die Fahne der Kultur überzeugend zu hissen, wofür manches spricht. Schon Namen wie "Weltstadt mit Herz", "Isarathen", die man ihr zugedacht hat, sollten kulturelle Verpflichtung sein. Dann sind da die Künstler, deren Wiege in Mün-chen stand oder die dort schöpfe-risch tätig waren und deren Kunst auf verschiedene Weise die Stadt weltweit berühmt gemacht hat, und die für den Ruf der Münchens als Kulturzentrum mitbestimmend wa-ren. Ihre Werke locken Abertau-sende aus allen Ländern der Welt in die Landeshauptstadt. Ob es von Bedeutung ist, daß auch der Sitz des bayerischen Kultusmi-nisteriums ins Herzen der Stadt plaziert wurde, lasse ich dahin gestellt sein.

Was geschieht aber heute auf dem Feld der Kultur? Sie gerät immer mehr unter den Rotstift der städtischen Haushaltsexperten, de-ren Schlachtruf heißt: "Sparen, sparen über alles!" Und da fiel ihr Blick auf den Bereich, der ihnen der am wenigsten wichtige schien: die Kultur. Da wurde kräftig gestri-chen, es traf die Theater, Konzerte, kulturelle Veranstaltungen ver-schiedenster Art, traf und trifft auch die Künstler, die sich erst einen Namen schaffen müssen, für die eigentlich die Stadt Mäzen sein müßte.

In die gleiche Kerbe schlug auch das Kultusministerium, das ausge-bildete Lehrer auf der Straße ließ, den diensttuenden immer mehr Arbeit aufbürdete, das die musi-schen Fächer auf ein Minimum reduzierte und eine Schule orga-nisierte, die ganz im Dienst der Wirtschaft steht. Die „wirtschaft-liche Schülermaschine“, das wird schließlich das Ergebnis sein. Und der Mensch bleibt auf der Strecke. Im gesellschaftlichen Verhalten spiegelt sich bereits der kulturelle Verfall wider. Wieso soll man höflich zueinander sein? Wieso anderen helfen? Hauptsache, die eignen Gewinne stimmen; sollen doch die anderen selbst sehen, wie sie zu Rande kommen.

Alles Folgen der lediglich an wirt-schaftlichen Interessen orientier-ten Erziehung zum "modernen Menschen", wenn das Wort Mensch überhaupt noch verwendet werden darf. Man müßte für den Namen "Kultusministerium" einen der Realität entsprechenden Aus-druck finden. Ich denke da bei-spielsweise an „Kulturvorspiegel-ungsanstalt. Wer den Stellenwert der Kultur niedrig ansetzt, wer die Sensibilisierung des Menschen für das leidvolle Schicksal anderer dem überläßt, dem Kultur egal ist, wer die Entwicklung der Phantasie der Kinder dem rein wirtschaftlich orientiertem Denken opfert, was durch die heutigen Lehrpläne ge-schieht, wer den persönlichen Einsatz für die Umwelt, für Ge-rechtigkeit als Widerstand gegen den Staat betrachtet, der ist Kul-turbanause im wahrsten Sinn des Wortes und wer sich noch dazu bewußt so verhält, ist letztlich Feind eines demokratischen Staates.

Schauen wir doch einmal über den Gartenzaun der Weltstadt mit Herz hinaus, in das kommunale Geschehen einer Kleinmetropole am Ammersee. Auch dort Strei-chungen. Natürlich  im Bereich der Kultur. Ein Beispiel. Da mußte sich vor kurzem der Gemeinderat mit Anträgen beschäftigen, die die Einrichtung von Behindertenauf-zügen zu Inhalt hatten. Einer war für das Rathaus gedacht, der an-dere für des Kurparkschlößchen, das Kulturzentrum und Wahrzei-chen des Ortes. Für beide Vor-haben zeigten sich die Räte be-geistert. Während nun die einen für die gleichzeitige Realisierung der vorliegenden Pläne sich einsetz-ten, um so mehr als das Amt für Denkmalschutz, die von einem Architekten des Ortes vorgelegten Pläne begrüßte, waren die anderen dafür, dem Rathausaufzug den Vorzug zu geben. "Behinderte" hieß es müßten alle behördlichen Stellen und den Sitzungssaal er-reichen können. Sie wollen schließlich den Angestellten in die Augen schauen können", so die Vorsitzende des Behindertenbei-rats. Natürlich, meinten die Vor-zugsanhänger, werde auch eines Tages der andere Aufzug gebaut werden. Das wäre beispielsweise eine dankenswerte Aufgabe für den kommenden Gemeinderat. "Außerdem", so der Bürgermei-ster, "können die Behinderten an vielen kulturelle Veranstaltungen, die für sie erreichbar sind, teilneh-men, z. B. an den Aufführungen unseres hervorragenden Bauern-theaters“.

Den Ausschlag gab seine Fest-stellung, die Gemeinde könne sich diesen Aufzug gegenwärtig nicht leisten. Also gestrichen. Gestrichen die Möglichkeit, die Behinderten am kulturellen gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Ein Zwischenfall, der fast symptoma-tisch für die Haltung dieser Kom-mune angesehen werden kann, war die Einweihung einer Behin-derten-Toilette für eine Gaststätte, die mit einem Weißwurstessen ge-feiert werden sollte. Als ein Roll-stuhlfahrer aufgefordert wurde, in die Toilette zu fahren, stellte sich heraus, daß der Eingang zu eng war. Ausgesperrt also.

Was heute zählt sind die Kosten. Darauf hat aber Kultur den gering-sten Anspruch, was viel darüber aussagt, welche Bedeutung man ihr zumißt. Diesen Vorwurf muß sich auch die Weltstadt München gefallen lassen. Sie bietet für den Beschuß eine volle "Breitseite". Kann ein Literaturhaus, das einen stattlichen Preis gekostet hat, als Kulturträger betrachtet werden, wenn es in die Fänge des Bertels-mann-Verlags geraten ist, wenn das kulturelle Leben die dort ver-kehrende Schicki-Micki-Gesell-schaft bestimmt, die in der Lage ist, die maßlos überhöhten Preise zu bezahlen, während der Durch-schnittsschriftsteller oder einer der es werden möchte, ausgesperrt ist, wie auch die Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft, die ihr Domizil in der Monacensia hat, jener städtischen Einrichtung, die in Wahrheit das ist, was man als Literaturhaus be-zeichnen kann, wo Lesungen und Ausstellungen stattfinden, wo ernsthaft über Kultur und Kunst diskutiert wird. Ein Glücksfall. Wo sind die Mäzene, wo bleibt die Stadt als Mäzen für Künstler, die das kulturelle Leben der Stadt maßgeblich mitbestimmen, auch wenn sie noch keine "großen Na-men" haben?  Alles gekürzt oder gar gestrichen. Die städtischen Zu-schüsse für die Theater, Konzerte, Museen, Veranstaltungen kulturel-ler Art gekürzt.

Wo bleibt die Gastlichkeit der Stadt? Haben Sie schon einmal München nach Mitternacht erlebt? Was soll zum Beispiel ein Reisen-der tun, wohin gehen, wenn er nach Mitternacht mit der Bahn in München eintrifft, dann früh mor-gens weiterreisen möchte, wenn im Bahnhof gastronomische Totenstil-le herrscht, er, wenn er den Not-ausgang des versperrten Bahn-hofs findet, sinnlos auf der Suche nach einem geöffneten Lokal herumirrt. Also nichts anderes als zurück zum überfüllten Warteraum des Bahnhofs, um vor sich hinzu-dämmern. Weltstadt mit Herz eine Parodie. Als Fremder verlassen in einer toten Stadt..

Kann es sich eine kulturbewus-ste Stadt leisten, daß Fußballfans besoffen im Stadtzentrum randalie-ren, Fußgänger anpöbeln, in den S-Bahnen Fahrgäste drangsalie-ren, Armaturbretter abreißen, Lie-der grölen, ihre Dreckschuhe auf die gegenüberliegenden Sitze pla-zieren? Kann sich eine Stadt lei-sten, daß der Mob das städtische Leben bestimmt?

Ist nicht der vielumjubelte FC-Bayern, der Fußballverein der Lan-deshauptstadt, dem der bayeri-sche Landesvater gelegentlich die Ehre seines Besuchs erweist, vor dem Hintergrund, daß kaum ein Bayern mehr das Leder tritt, zur Farce geworden. Muß es nicht nachdenklich stimmen, wenn die-ser Verein, der ein rein wirtschaft-liches Unternehmen geworden ist, seinen „Kaiser“ ausschickt, um der Stadt ein neues Stadium abzufor-dern, in dem die Akteure sich ihren Kaufpreis erspielen können? Kann es sein, daß selbst die Räte der Stadt in den Sog des Kaisers, dem Repräsentanten der Wadl-Kultur, geraten sind? Armes Bayern. Die-ne Heimmannschaft tritt nicht nur das Leder, sie tritt auch die Kultur mit Füßen.

Was ist denn aus dem weltbe-kannten Münchner  Oktoberfest geworden? Ist es nicht zu einer maßlosen Freß- und Sauforgie ent-artet, zu einem Bierzelt-Brüllfest mit Enthemmungstendenzen, zu einem Tummelplatz der interna-tionalen Ganoven-Elite?

Dringend zu empfehlen ist der Stadt, einen Kulturkrebs-Vorsorge-test anstellen zu lassen und wenn der positiv ausfällt, schleunigst auf eine Operation zu drängen, sonst könnte das der Tod der Kultur sein.

 

 

 

Der Autor ist Mitglied des Herrschinger Gemeinderats und freier Mitarbeiter der Starnberger Neuesten Nachrichten.

 


Ralph Gotta

   Heusenstamm

 

Salamanca

 

Beim Aufstehen wurde ihm klar, was für eine Schwachsinnsaktion er da im Begriff war zu starten. Die Vernunft versuchte ihn ein letztes Mal nach Hause - oder zu Jil - zu dirigieren. Doch wußte er, es führte kein Weg an Sala-manca vorbei. Also machte er sich mit der unsicheren Sicherheit dessen, der alles und doch nichts weiß, auf einen achthundert Kilo-meter langen Umweg, nur um zu sehen, inwieweit er von der blonden Norwegerin ange-nommen werde.

Während er so dahinfuhr, begann er die vage Hoffnung zu spüren, daß sich eines klaren Tages der Dunst uneinser Verlorenheit, durch den er alles und alle und sich selbst sah, auflösen werde, um dann eine Strecke, eine Linie vor sich zu sehen, die gerader, unkompli-zierter verlief als seine bisherige. Trotz aller bestehenden Navigationsschwierigkeiten, ob-wohl die Nadel seines inneren Kompasses fast ständig gleichzeitig in alle möglichen und unmöglichen Richtungen ausschlug, gab er nicht auf zu hoffen, sein Leben, ein Geschenk-paket, das ihm aufgebürdet wurde, um es zu öffnen und zu sehen, was er damit anfangen konnte und wollte, so lange mehr recht als schlecht zu bewältigen, bis er sterben mußte - oder durfte. Und eben dazu mußte dieser Um-weg sein, denn Umwege waren nun einmal zuweilen dazu da, den direkten ausfindig zu machen. Es mußte sein, so unsinnig es ihm auch erschien, es war doch nur logisch. Auch wenn er sich nicht nur einmal sagte, total verrückt zu sein, daß das, was er hier im Schilde führe, nicht gut gehen könne, zumal er vorigen Samstag seine etwaige Gelegenheit gehabt und vertan hatte, als er das verlockende Angebot der blonden Norwegerin, mit ihr die Nacht zum Tage zu machen, selbst auf wiederholte Nachfrage ablehnte - womöglich tatsächlich wegen der damals existierenden Müdigkeit, vielleicht aber auch nur aus dummem Stolz oder unglückseliger Zurück-haltung oder bloßer Angst vor dem eventuellen Entblößen. Wer konnte das schon sagen, der sich bisweilen selbst nicht kannte?

Nun, da er Madrid links liegenließ, merkte er, so zerfahren er auch war, so sehr er sich einmal mehr verfahren mochte, wie sein Vertrauen in sich selbst und die Dinge des Lebens wuchs, so wenig er sie auch verstand. Je näher er dem mittlerweile im Dunkel liegenden, irrlichternden SA-LA-MAN-CA kam, desto wundervoller und aufregender wurde der jeweilige Augenblick, der bei allen gedanklichen Ablenkungen an Zu-kunft und Vergangenheit, die nie wirklich und doch immer existierten, nicht aus dem Mittel-punkt seiner erregten Aufmerksamkeit wich. Wie er nun dem Wiedersehen mit der Plaza Mayor sowie der blonden Norwegerin und ihrer Freundin regelrecht entgegenfieberte, wie glücklich er jetzt war, von und auf dieser verdrehten, sich ständig um ihn drehenden Welt zu sein.

Er tauchte in die Stadt ein, fand zur Plaza Mayor, parkte seinen Wagen, nahm sich ein Zimmer in einem Dreisterne-Hotel nahe des Platzes, aß beim spanischen Mexikaner zu Abend, und wieder auf seinem Zimmer, erwog er ernsthaft, morgen jene Sprachschule aufzu-suchen, an der unter anderen die blonde Nor-wegerin und ihre Freundin Spanisch zu lernen versuchten, und dort nach Einzelunterricht zu fragen (auf keinen Fall in einer Gruppe, er wollte allein sein, war sich selbst völlig genug). 

 

Als er irgendwann morgens mit leichtem Kopf-druck und sich unausgeschlafen fühlend auf-wachte, merkte er, daß das Sprach-Programm, das er sich für seinen zweiten Aufenthalt in Salamanca vorgenommen hatte, unrealistisch war, daß ihn einzig und allein die mehr als vage Aussicht auf ein Abenteuer mit der blonden Nor-wegerin hierher zurückgetrieben hatte, und nun, da er diese Erkenntnis gewonnen hatte, begann er sogleich die Wollust zu verlieren und zu überlegen, ob er nicht umgehend wegfahren solle. Doch weil ihm das zu schwer fiel, genauer: weil er sich von dieser Selbsttäu-schung nicht zu trennen vermochte, behielt er sich mit den Worten hier: ,,Selbst die größte Enttäuschung vermag nicht enttäuschender zu sein als das alles enttäuschende Nichts.“

Dieser Satz half ihm schließlich, seine ihn ein-grenzenden Ängste in Grenzen zu halten. Und nun hatte er genügend Zeit, alle Dinge, die erledigt werden mußten, in aller Unruhe zu erledigen. Er ging zur Plaza Mayor, wo er Post-karten kaufte und schrieb. Unter anderen teilte er seinem Freund Paul mit, wie zehrend das un-entschiedene Duell zwischen dem Realist und dem Illusionist in ihm bisweilen sei.

Als nächstes rief er bei den Norwegerinnen an, und als die von ihm anvisierte ihren Namen sag-te, meldete er sich mit dem seinen und bat sie sogleich, jetzt ganz ruhig zu bleiben, denn er sei wieder in Salamanca. Die fadenscheinige Be-gründung für seine Rückkehr, er wolle vor sei-ner Heimfahrt hier noch unbedingt ein paar Fotos mit seiner Kamera schießen, die er beim ersten Mal vergessen habe mitzunehmen,  löste am anderen Ende der Leitung ein ungläubig klingendes ,,Aha“ aus. Als er die blonde Norwe-gerin dann schließlich fragte, ob sie und ihre Freundin für heute abend denn schon was vor-hätten, antwortete sie, nach einer kleinen Pause des Zögerns, sie gingen eventuell ins Kino, wenn er wolle, könne er ja mitkommen, was er nicht ausschlug. Zum Abschluß ihres Telefonats fragte sie ihn nach seiner Hotelrufnummer und versprach, ihn abends zurückzurufen, so gegen acht.

Wieder beim spanischen Mexikaner nahm er seine Abendmahlzeit ein, und lediglich das trostlose Country-Gesäusel, das sich augen-scheinlich nicht gerade als Kundenfang erwies, vermochte die seinem Selbst vorgespielte Melo-die der frohen Erwartung zu beeinträchtigen.

Nach dem Essen sowie dem Erwerb eines Stadtführers und zweier Filme begab er sich auf sein Zimmer, wo er die Langeweile mit Dösen, Sinnieren und dem Legen von Tarot-Karten zu verkürzen suchte. Auch prägte er sich einige Englischsätze ein, wie zum Beispiel: „You have a nice bosom and bottom“.

Doch sah es ganz danach aus, als sollten die sich soeben zu eigen gemachten Fremd-sprachenkenntnisse nicht zur Anwendung kom-men. ,,Sieben vorbei, acht vorbei, neun vorbei, verdammt“, vermochte er schließlich wenig er-bauliche Tatsachen seinem papierenen Be-gleiter nicht länger vorzuenthalten, der teilweise so etwas wie ein Hausaufgabenheft war, in das er Merksätze eintrug, die ihm später, bei der etwaigen Auflösung seiner ihm jetzt noch rätsel-haften Vergangenheit, eventuell behilflich sein würden, wodurch er womöglich gewisse Übun-gen in seinem künftigen Leben besser ver-stehen und meistern würde als zur Zeit. Im Moment jedoch saß die sich ganz allmählich in seine Seele geschlichene Ernüchterung tief, und nun überdachte er noch einmal seine Worte von heute morgen. ,,Selbst die größte Enttäu-schung vermag nicht enttäuschender zu sein als das alles enttäuschende Nichts“. Und dazu fiel ihm nun noch ein: ,,Es ist nicht einfach mit der Liebe und den Gefühlen: Wer sich darauf einläßt, darf und muß mit allem rechnen, und wer nicht, braucht keine Angst vor der Enttäu-schung zu haben und nichts  zu erwarten.“

Jener Aphorismus mochte mehr oder weniger stimmen, doch vermochte er ihm keinen Trost zu gewähren. Nun fragte er sich, warum er nicht wie ursprünglich geplant mit Paul nach Deutsch-land zurückgekehrt sei, welche innere Über-macht ihn in den Sumpf gezogen habe, in dem er nun einmal mehr bis zur Seele steckte. Danach übte er sich wie so oft in Eintracht mit seiner Zwietracht, und was ihn nicht an den Wellen des Schmerzes zerbrechen ließ, war das Buch, seine Lebensversicherung auf Zeit, an die er sich bei allem Respekt klammerte wie ein seines nahezu gesamten hölzernen Unter-baus beraubter, stromaufwärts und -abwärts irrender Floßfahrer an einen Baumstamm auf hoher, horizontloser See.

Kaum hatte er jene Zeilen zu Papier gebracht, klingelte ihn, zwanzig vor elf, das Telefon aus der unterdrückten Depression. Es war die blon-de Norwegerin. Nachdem sie sich entschuldigt hatte, ließ sie ihn wissen, sie und ihre Freundin seien sehr müde, wahrscheinlich gingen sie nicht mehr aus, und wenn doch, dann nur noch in ein Café um die Ecke ihrer Wohnung, dessen Name sie ihm auf Anfrage nannte.

Er suchte das Café nicht mehr auf. Für heute abend wollte er es bei der unverhofften Freude bewenden lassen, zurück in einem Rennen zu sein, aus dem er schon ausgeschieden zu sein glaubte, wenngleich er nun keine Wetten mehr auf seine Siegchancen annahm.

 

Er ging zum Tabakgeschäft auf der Plaza Mayor, wo er vier Briefmarken holte, die er auf die gestrigen Postkarten klebte, die er dann zusammen mit bestimmten Erinnerungen in einen Briefkasten bei der Post fallen ließ. Von dort lief er wieder zurück zur Telefonzentrale auf die Plaza Mayor, von wo aus er die blonde Nor-wegerin anrief. Es war bereits nach zwei, sie aber noch zu schläfrig, um sich auf ein Ge-spräch mit ihm einzulassen; er solle bitte später noch einmal anrufen, sagte sie und legte auf, woraufhin sich ihm der Verdacht aufdrängte, sie sei entgegen ihrer ursprünglichen Absicht über Nacht ausgeblieben. Er mühte sich nach Gei-steskräften, sein auseinanderbrechendes Selbst zusammenzuhalten, bediente sich seiner Ka-mera und wählte unter anderem die Catedral Vieja und die Catedral Nueva sowie die Front-seiten von Universitäten und Häuserreihen zum Motiv, trank in der berechtigten Hoffnung, da-durch den Aufruhr in seinem Magen niederzu-halten, nach getaner Arbeit auf der Plaza Mayor zwei Tassen Kamillentee. Dabei liefen ihm schließlich die Norwegerinnen über den Weg, was so ein großer Zufall nicht war, war dieser imposante und magnetische Ort doch der Treff-punkt einer ganzen Stadt.

Warum er wieder hier sei, befragte ihn die Freundin der blonden Norwegerin. ,,Ich bin nur den Tarot-Karten gefolgt“, gab er zur Antwort und fügte lächelnd hinzu: ,,Vielleicht hab ich einen Knall, aber manchmal muß man halt ein bißchen spleenig sein, sonst wird`s ja lang-weilig.“

Die Norwegerinnen reagierten mit verwundert-geziertem Lächeln, dann teilten sie ihm mit, sie gingen am Abend mit ein paar Freunden essen, wenn er Lust habe, könne er gerne mitkommen. Selbstverständlich hatte er Lust.

Wie abgesprochen, rief er sie um acht an, und sie verabredeten sich für halb zehn unter der Rathausuhr auf der Plaza Mayor.

In der verbleibenden Zeit verinnerlichte er sich den Text der Gebrauchsanweisung zur Verwen-dung eines Präservativs, das er sich nun in der Schublade des Nachttisches griffbereit zurecht-legte, und während er dies tat, erschien ihm die Vorstellung von einem aufwühlenden Ge-schlechtsakt mit der blonden Norwegerin völlig absurd. Nichtsdestotrotz ging er rechtzeitig zur Plaza Mayor, denn er wollte ihr ja schließlich unbedingt einen verpassen und sie deshalb auf keinen Fall verpassen.

Bis zehn vor zehn mußte er zitternd vor Kälte und Angst vor dem alles enttäuschenden Nichts auf ihr Erscheinen warten. Die blonde Norwe-gerin entschuldigte sich für ihr Zuspätkommen, sie habe verschlafen, woraufhin er unwillkürlich bei sich dachte: ,,Mann, was für eine Schlaf-haube von Frau.“ Dann stellte sie ihm erst Paula vor, eine im Verhältnis zu ihrer Größe etwas zu sehr in die Breite geratene Peruanerin, die an-stelle ihrer norwegischen Freundin mitgekom-men war, und schließlich Charlie und Winnie aus New York.

Die Mädchen aßen Fisch (ab wann war ein Mädchen eigentlich eine Frau?), er tat es ihnen gleich, die Amerikaner bearbeiteten von Spani-ern englisch gebratene Steaks. Ja, er verstand sich auf Anhieb gut mit Charlie und Winnie, der sich seinem Geschmack nach allerdings zu gut mit der blonden Norwegerin verstand.

In der zweiten Disco, hier gab es Discos wie Sand am Meer, kamen sich die blonde Norwe-gerin und Winnie der Winner zusehends näher, was ihm, dem Loser, zusehends mißfiel. Wäh-rend sich sein verfehltes, da nicht auf ihn fliegendes Zielobjekt Winnie an den Hals warf, versuchte er sich mit einer goldgelben Mexika-nerin namens Corona zu trösten, von der er sich schließlich ordentlich abfüllen ließ. Mit ihr in der linken Hand und an der Bar auf schwankenden Beinen stehend, hielt er auf einem Stück Papier fest: ,,Mein Buch ist nun kein Grund mehr, am Leben zu bleiben. Der einzige Grund, am Leben zu bleiben, ist der, am Leben zu bleiben.“

Als die plötzlich vor ihm stehende blonde Nor-wegerin wissen wollte, was er da aufschreibe, sagte er nur mit einem Minimum an Beherr-schung seines leicht unbeherrschten Selbst: ,,Das geht dich nichts an.“

Sie zogen von Tanztempel zu Tanztempel und die blonde Norwegerin und Winnie einander zu-nehmend an, während er sich immer weiter in den Schmollwinkel zurückzog und nicht länger zynisch-gute Miene zum bösen Spiel zu ma-chen vermochte. Die Leute hatten sichtlich Angst vor ihm, so freundlich sah er sie an. Alle diese Kleingeister und Kretins gingen ihm mächtig auf die Nerven, doch brachte es er, der dumme Geistmann, nicht fertig, sich aus der Umklammerung der offensichtlichen Mißach-tung seiner Begehrlichkeiten zu befreien, und je länger er blieb, desto mehr grenzte er sich ein im Ghetto augenscheinlichen Ausgegrenzt-seins. Und das schlimmste dabei war: er durfte sich nicht einmal bemitleiden, denn hätte er es mit Jil gewagt, würde er nun vermutlich nicht dort gestanden haben, wo er gerade stand.

Um fünf gelang es ihm schließlich, sich aus der Demütigung loszuwinden, aber nur, weil sein Körper nicht mehr konnte. ,,Ich gehe“, sagte er zu der blonden Norwegerin. ,,Warum?“ ,,Es reicht, ich habe die Schnauze voll.“ ,,Warum?“ ,,Es war ein Fehler von mir, zurückzukommen, ich bin ein Idiot, viel zu naiv.“ ,,Warum?“ ver-suchte die blonde Norwegerin die Musik zu übertönen. ,,Ich bin wegen dir wiedergekommen und nun dämlich eifersüchtig“, schrie er zurück. Alles weitere behielt der Lärm für sich.

Als er im Begriff war zu gehen, kam Winnie auf ihn zu und klopfte ihm kumpelhaft auf die Schul-ter, und ehe Winnie ein zweites Mal dazu kam, war er draußen, wo ihm die Wut sämtlichen Atem zu rauben schien. Verdammt, er hatte seine Chance vorigen Samstag gehabt, aber er war nun einmal nicht so cool wie diese Winnies, für die es offensichtlich nichts Einfacheres gab, als sich ungezwungen mit einem Mädchen zu amüsieren. Nein, er wollte nicht behaupten, er sei etwas Besseres als diese Winnies, die er zuweilen gern gewesen wäre. Sondern damit lediglich sagen, er war anders als sie. Herrgott noch mal, warum nur tappte er von einer Gefühlsfalle in die nächste, warum nur ging er immer gleich so sehr in die Tiefe, warum ver-mochte er die Herzensdinge nicht wenigstens ein klein wenig lockerer anzugehen? Und was war seit dem äußerlichen Scheiden von Jil, als er ein letztes Mal in ihre traurig-schönen Augen sah, nur alles geschehen? Nichts lief glatt, alles ging schief, und immer wieder schwappte der Bodensee in seine Seele, und immer wieder mußte er zusehen, nicht im Treibsand der Reue zu versinken.

 

Das sonntägliche dissonante Glockenspiel der Kathedralen unterbrach seinen Schlaf, in den er nicht mehr zurückzugleiten vermochte. Wohl hauptsächlich wegen des Verschleißes unge-zählter Coronas tat ihm der Kopf weh, aber war dieser immerhin noch so klar, ihm zu sagen, er müsse morgen die Rückreise antreten, und während er mit einem heißen Bad und einer Kopfschmerztablette die Enttäuschung der äußerlich vergangenen Nacht aus seinem Kör-per zu verscheuchen suchte, teilte ihm seine Seele mit, sein ungeschriebenes Buch liege zu sehr auf ihr, als daß er es noch länger vor sich herschieben könne.

Erschöpft von dem Bad und seinen Gedanken, überwand er sich zu einem Mittagessen beim spanischen Italiener, wo er seinen Magen mit irgend einer Pasta-Pampe zu füllen versuchte, und wieder auf seinem Zimmer, spürte er das Verlangen, die blonde Norwegerin zu streicheln und zu küssen. Nach dem Abendessen, erneut beim spanischen Italiener, rief er sie noch einmal an, doch hatten sie sich nicht mehr viel zu sagen, tauschten nur noch ihre Adressen aus in dem auf Erfahrung beruhenden Ver-dacht, sie würden den Wert einer Makulatur niemals übersteigen.

Schließlich telefonierte er noch mit Jil. Er sagte ihr, er müsse morgen mit seiner nomadenhaften Seele nach Hause fahren, er spüre, er dürfe nicht länger die äußere Welt bereisen, sondern müsse jetzt erst einmal in seine eigene verreisen. Denn er merke, teilte er ihr weiter mit, wie sehr er sich entfremdet, von sich selbst entfernt habe, und während er das sagte, ging ihm auf, daß das bei ihren beiden letzten ge-genseitigen Besuchen nicht viel anders gewe-sen war, daß es ihm überhaupt selten möglich war, dort zu sein, wo er gerade war, daß er meistens irgendwo anders war, zwischen hier und da, aber kaum richtig hier und kaum richtig da, zwischen weit oben und weit unten, aber nie in der Nähe der Mitte, und nun fragte er sich, ob das jemals anders werden würde, in Beziehung zu sich selbst und einer Frau.

 

 

 

Steckbrief:

 

Ralph GOTTA, geboren am 5.10.1962 in Frankfurt/Main, Studium der Politischen Wissenschaften in Frankfurt, freie Mitarbeit und Volontariat bei der „Offenbach Post“. Schreibt Prosa (auch Ro-mane) und Gedichte. Veröffentlichungen in verschiedene Litera-turzeitschriften. 


Gunna WENDT

       München

 

DER WALDGEIST

 

Sie hatte den Waldgeist zufällig kennengelernt. Es war an einem Herbsttag gewesen, an dem sie es in ihrer Wohnung nicht mehr ausgehalten hatte. Der große Zeitungsstapel, der in der Kü-che zeischen Einbauschrank und Fenster wie ein Möbelstück seinen Platz behauptete, war umgekippt, als sie aus dem oberen Drittel einen Artikel über den französischen Strukturalismus heraussuchen wollte. Sie war unvorsichtig ge-wesen, hatte die Zeitungen nicht stufenweise abgetragen, sondern versucht, mit einer Hand zu stützen und mit der anderen zu blättern. Da passierte es, der Papierberg kam ins Rutschen und bedeckte schließlich die Hälfte der Küche. Gleichzeitig klingelte es an der Haustür. Sie betätigte den Drücker, öffnete die Wohnungstür, ging zurück zur Zeitungshügellandschaft und vergaß den Besucher, bis er ihr vorsichtig auf die Schulter tippte. Ein Abonnentenwerber für Zeitschriften. Genug! Zuviel! Sie warf ihn hin-aus. Er wies auf seine Not hin. Sie blieb hart, benannte ihre. Er verwünschte sie, schrie ihr aus dem Treppenhaus Flüche entgegen, einen unschönen Verlauf der nächsten Zeit, insbeson-dere der Weihnachtsfeiertage betreffend, die sie schlagfertig erwiderte. „Ach, fallen Sie doch am besten gleich die Treppe runter!“

Der Hausbesitzer, der unglücklicherweise im selben Haus wohnte, kam, angelockt durch das Geschrei, die Treppe heraufgedonnert, forderte lautstark Ruhe und war bestrebt herauszube-kommen, was denn geschehen sei. Sie forderte ihn auf, einzutreten, er zierte sich, verlor sofort an Lautstärke, trat schließlich ein, als sie ihm sagte, sie hasse Treppenhausgespräche. Na-türlich fiel ihm sofort der die Küche überfluten-de, umgekippte Zeitungsstapel ins Auge. Er ver-gaß darüber den fluchenden Besucher, der ihm im Treppenhaus begegnet war und kam sofort zu der Sache, die ihn wahrscheinlich noch stär-ker beunruhigte. „Meine Liebe, es muß etwas geschehen. Sie können hier nicht unbegrenzt Papier stapeln. Da stürzt uns irgendwann die Decke ein. Da fallen uns irgendwann die Bücher auf den Kopf. Da...“ Sie wollte sofort antworten, aber sein letzter Satz machte sie nachdenklich und ließ sie überlegen, welche Ängste sich hin-ter dem Bild der Bücher, die einem auf dem Kopf fallen können, verbargen. Das Wissen, von dem man erschlagen wird. Aber welchs Wissen? Sie war von ihren Entschlüsselungs-versuche so fasziniert, dass sie den weiteren Ausführungen des Hauswirts nicht mehr folgte. Er gehörte zu den Leuten, die entweder über-haupt nicht oder pausenlos redeten. Weil er heute so schnell nicht mehr aufören zu wollen schien, ließ sie ihn in ihrer Wohnung stehen, packte ihren Mantel und lief aus dem Haus. Links die Straße hinunter, links um die Ecke, wieder links, und sie war im Wald.

 

Sie hatte den Wald erst wahrgenommen, nach-dem sie wohl schon länger als ein Jahr in dieser Wohnung lebte. Seiner Ausdehnung nach hätte er niemals die Bezeichnung „Wald“ verdient. Das Gelände, das er bedeckte, war fast quadra-tisch, und sie schätzte die Ausmaße auf einhun-dertfünfzig mal einhundertfünfzig Meter. Aber die Bäume standen so dicht und dunkel neben-einander, dass der Name „Wald“ stimmte. Am heißen Sommertagen verspürte sie beim Betre-ten des Waldes die angenehme, zum tiefen Ein-atmen zwingende Kühle, die sie eigentlich nur aus riesigen Wäldern kannte. Der kleine Wald vermochte die Frische auch mitten in der Stadt zu spenden. Eigenartigerweise war er trotzdem menschenleer.

Sie lief eine Viertelstunde ziellos in ihm herum, mehr oder weniger im Kreis, genoß das Ra-scheln des Herbstlaubs, aß ein paar Buch-eckern und setzte sich au eine der drei Bänke. Es war die einzige, von der aus man, durch die Baumstämme hindurch, aus dem Wald hinaus-sehen konnte. Erst heute fiel ihr auf, was zu se-hen war: das Haus, in dem sie wohnte. Als sie so bucheckernknabbernd dasaß, hörte sie eine Stimme: „Soll ich es eintürzen lassen?“ Sie sah neben sich der Waldgeist, der zu ihrem Haus blickte. Sie antwortete nicht, sah ihn nur misstrauisch an. Er war klein, von menschlicher Gestalt, erdfarben, und sein Hinterkopf und Rücken waren von Haaransatz an über und über mit Igelstacheln bedeckt. „Ich kann nämlich zaubern.“ Sie tippte sich mitleidig an den Kopf: „Zaubern. Als wenn man dazu zaubern können muß! Ich kann es auch einstürzen lassen, hätte es beinahe getan, wenn ich nicht neulich schon einen Teil meiner Zeitungssammlung zur Abho-lung vor die Tür gestellt hätte. Aber kannst du mir sagen, was ich davon gehabt hätte? Keine Wohnung mehr. Und um keine Wohnung zu ha-ben, braucht man weiß Gott nicht zaubern zu können.“ Der Waldgeist legte den Kopf auf seine linke Schulter, musterte sie eine Weile kritisch und meinte, sie müsse die Dinge nicht so genau nehmen. Er sei jedenfalls froh, dass er zaubern könne und lasse sich diese Freude durch sie nicht verderben. Daraufhin drehte er sich nach links, schwang die Beine auf die Bank, wandte ihr den Rücken zu und stellte seine Stacheln auf. Sie fand sein Verhalten für einen Waldgeist, der immerhin den Besitz der Fähigkeit, zaubern zu können, vorgab, mehr als lächerlich, beschloß jedoch, ihn ein bisschen zu testen: „Zaubere mir doch eine neue Wohnung, wenn du kannst.“ Der Waldgeist schnellte her-um, ließ die Stacheln fallen, blickte sie kopf-schüttelnd an, sprang von de Bank und ver-schwand ogne Gruß, nur die Worte vor sich hin rufend: „Nix kapiert, nix kapiert!“

 

Als sie einige Tage später wieder den Wald betrat, saß der Waldgeits auf ihrere Bank. „Ich warte schon seit ein paar Tagen auf dich!“ wa-ren seine Begrüßungsworte. Obwohl sie ihn ig-norierte, fuhr er fort: „Ich hab’s mir überlegt, schon gut, ich zaubere dir eine schöne Altbau-wohnung. Ich habe schon alle notwendigen Vor-arbeiten dazu getroffen.“ „Eine Altbauwohnung“, stönte sie entsetzt, „etwas Besseres konnte dir wohl nicht einfallen. Ich mag Altbauwohnun-gen, in denen vielleicht auch noch Geister von früheren Hausbwohnern herumschwirren, über-haupt nicht. Wenn ich morgens das Knarren von Parkett höre, ist der Tag für mich gelaufen!“ „Woher soll ich das wissen?“ verteidigte sich der Waldgeist heftig. Un dann erzählte er ihr, dass er erst kurze Zeit in diesem kleinen Wald in der Stadt wohne, früher weit draußen in einem riesi-gen gelebt habe, wo er noch mit den beiden Gaben ausgestattet gewesen sei: dem Zaubern und dem Hellsehen. Er hatte in die Stadt ziehen wollen, weil ihm das Waldleben auf dem Lande zu eintönig gewesen war. Das Waldleben in der Stadt erschien ihm anfangs abenteuerlich. Er verbrachte Tage und Nächte damit, zwischen zwei Buchen kauernd auf die direkt angrenzen-de Straße zuschauen und die Menschen beim Stadtleben, so nannte er es, zu beobachten. Viele Autos fuhren Tag und Nacht vorbei. Die kannte er schon von seinem früheren Wohnort her, allerdings nicht so sehr als konstante Be-lästigung, sondern in Schüben auftretend, mei-stens am Wochenende. Sie gefielen ihm nicht. Was neu für ihn war und ihm gefiel, war die Straßenbahn, ihr Klingeln vor allem. Kurz und gut, die Tage in der neuen Umgebung waren nur so dahingeflogen, und er mochte wohl schon einen Monat in der Wald in der Stadt verbracht haben, als er feststellte, dass er nicht mehr hellsehen konnte. Er hatte morgens wie-der neugierig zwischen den Bäumen heraus auf die Straße gespäht, sich sogar etwas weiter vorgewagt, weil er die Reklame auf der Stra-ßenbahn näher betrachten wollte. Er hatte nebenbei registriert, dass sich ihm ein Mann mit Aktenkoffer näherte, hatte ihm sogar freundlich zugelächelt und plötzlich einen harten Stoß mit dem Koffer erhalten, der ihn rücklings auf den Waldboden stürzen ließ. Warum hatte der Mann das getan? Das war seine erste Frage gewe-sen, auf die gleich die zweite folgte: Wieso hatte er, der Waldgeist, diese Absicht des Mannes nicht erkannt? Schließlich konnte er hellsehen! Es rätselte hin und her, konstruierte theoreti-sche Modelle, das Hellsehen im Landwald im Unterschied zum Hellsehen im Stadtwald betref-fend, ohne sich Klarheit verschaffen zu können. Klar war nur das eine: er konnte nicht mehr hell-sehen! Zuerst probierte er es immer wieder, dann gab er es auf. Vorher hatte er sich aller-dings vergewissert, dass er seine zweite Fähig-keit, nämlich die des Zauberns, nicht eingebüßt hatte. Also gut, er würde allein mit der Zauberei zurecht kommen müssen.

Sie hatte ihm interessiert zugehört und begann dann ihrerseits zu erzählen, dass sie manchmal hellsehen könne und bereit sei, es mit ihm zusammen zu üben, damit er vielleicht allmäh-lich auf ihre Stand käme, aber er lehnte ab. Manchmal hellsehen zu könen, das genüge ihm nicht. Entweder immer oder nie! Er brauche jetzt Fähigkeiten, auf die er sich verlassen könne, gerade weil er noch fremd in der Stadt sei. Da sie nicht wusste, wie sie ihm helfen konnte, ging sie nach Haus.

 

Am nächsten Tag lief sie schon morgens in den Wald. Der Waldgeist nahm ein Sonnenbad im Laub. Die intensive und nicht selbstverständli-che Herbstsonne schickte Bündel von Strahlen durch die dichten Baumkronen, und genau da, wo die das herabgefallene Laub berührten, hat-te es sich der Waldgeist bequem gemacht. „Du kannst mir vielleicht helfen“, bestürmte sie ihn atemlos, „mir ist etwas eingefallen.“  Der Wald-geist schien von der Störung seines herbstli-chen Sonnenbades nicht gerade begeistert zu sein. Da aber an seine Hilfsbereitschaft appel-liert wurde, nahm er sich zusammen und fragte, um was es denn ginge. Sie erzählte ihm, dass sie gestern streit mit ihrer besten Freundin ge-habt habe. Diese sei überraschend zu Besuch gekommen, im Verlauf eines zunächst harm-losen Gesprächs plötzlich sehr starrsinnig und beleidigend gewesen und schließlich mit den Worten davongelaufen: „Mich brauchst du gar nicht mehr anzurufen.“ Sie habe sich ins Bett gelegt und zuerst gar nicht schlafen können vor lauter Traurigkeit, aber dann sei sie doch einge-schlummert und noch dazu mit einem wunder-schönen Traum beschenkt worden. In diesem Traum kam die Freundin langsam auf sie zu. Lächelte, sprach kein Wort, vollführte mit der linken Hand eine elegante, schwungvolle Ab-wärtsbewegung, die so etwas wie „es macht doch nichts, alles ist vergeben und vergessen“ bedeutete, nahm sie in den Arm, küsste sie auf den Wangen und zum Schluß kurz und sanft mitten auf den Mund. Dann sei sie aufgewacht in entspanntester, glücklichster Stimmung, ob-wohl sie natürlich wusste, dass alles nur ein Traum gewesen war. Für sie  sei damit alles wieder in Ordnung. Sie wolle die Freundin nicht anrufen oder mit ihr sprechen. Sie habe jetzt einfach so ein gutes Gefühl, und das sei ihr ge-nug. Der Waldgeist war nachdenklich gewor-den. Er hatte während der Schilderung überlegt, was er mit dieser Geschichte zu tun haben und wobei er helfen könnte. Er fragte gleich danach. „Ist doch klar“, erwiderte sie sofort, „Du musst mir in Zukunft die Träume zaubern!“

Der kleine Waldgeist schüttelte so energisch den Kopf, dass die halbaufgerichteten Stacheln schepperten. „Nein, laß mich damit in Ruhe. Eine Wohnung, ja, die hätte ich dir gezaubert, das wäre eine Aufgabe für mich gewesen, aber du wolltest es nicht. Irgendwelche Träume zu zaubern, darin sehe ich keinen Sinn.“ „Aber ich“, drängte sie ihn, „eine Wohnung kann ich mir selbst besorgen. Das wird anstrengend, mühsam, aber ich werde es schaffen. Dafür brauchst du deine kostbare Zauberkraft nicht zu vergeuden. Wer weiß, wie lange du sie über-haupt noch haben wirst, denk mal ans Hell-sehen!“ Zu spät merkte sie, dass sie ihn damit zutiefst beleidigt hatte. Aber wieso war er auch so eigensinnig und lehnte alles, was sie vor-schlug, von vornerein ab? Sie musste eine Tak-tik anwenden. Aber welche, Schmeicheln oder Herausfordern? Sie entschied sich für eine Mischung aus beiden, und es gelang ihr, ihn zu überreden. Er war eben gutmütig und hilfs-bereit.

Sie vereinbarten, dass sie im Bedarfsfall zu der Bank im Wald kommen sollte, bei der sie sich kennengelernt hatten, um ihm die Erlebnisse zu schildern, die ihr Kummer bereiteten, und dass er ihr daraufhin in der folgenden Nacht einen Entschuldigungstraum, so nannte er es, zau-bern werde. Sie praktizierten es auf diese Wei-se eine ganze Weile. Der Waldgeist musste durchschnittlich einmal pro Woche auf seine Zauberkraft zurückgreifen. Sie besuchte ihn allerdings häufiger, um einfach so mit ihm zu-sammenzusein, und beide waren mit der Situa-tion zufrieden, wenn auch der Waldgeist ab und zu zweifelte, ob es denn wirklich sinnvoll sei, seine Zauberkraft für diese Entschuldigungs-träume zu benutzen. Wenn er sie vorsichtig da-rauf ansprach, reagierte sie sofort gereizt. Ein-mal machte er ihr den Vorschlag, doch lieber ihr eigenes Verhalten bezüglich einer Situation zu verändern, und da wurde sie sehr böse. „Ich weiß selbst, was ich zu tun habe. Ich brauche keine Verhaltensvorschläge. Du bist nicht mein Psychiater. Du bist mein Zauberer. Entweder du zauberst oder du lässt es sein! Ratschläge kann ich von dir nicht gebrauchen.“ Sie fühlte sich ihm ein paar Tagen überlegen, denn sie hatte sich gerade eine neue Wohnung besorgt, ganz allein, ohne fremde Hilfe und Zauberkraft. Sogar ihre Zeitungssammlung hatte darin Platz. In zwei Wochen schon würde sie umziehen. Der Waldgeist sprach ihr seine Anerkennung aus.

 

Nach dem Umzug lockerte sich die Beziehung der Beiden. Ein Grund dafür war die Lage der neuen Wohnung. Sie war mindestens sechs Kilometer vom Wald entfernt. Der Waldgeist be-fürchtete von Anfang an, dass er nun nicht mehr so häufig besucht werden würde, was seine Freundin zuerst abstritt. Aber er behielt Recht, sie kam bald nur noch in den Wald, als sie einen Entschuldigungstraum benötigte. Die klei-nen Treffen ohne Grund fielen weg. Manchmal beklagte sie sich sogar über den weiten Weg mit der U-Bahn und dem Bus, den sie zurück-legen musste, um den Wald zu erreichen. Den kleinen empfindsamen Waldgeist traf das tief. Er fühlte sich sofort schuldbewusst. Wenn er doch bloß noch hellsehen könnte, dann könnte er ihr so manchen Weg ersparen.

Ein weiterer Grund für ihre seltener werdenden Besuche war ihre wachsende Unzufriedenheit mit den Träumen, die er ihr zauberte. Sie wi-chen immer weniger von der Situation ab, die sie ihm schilderte. Jedesmal, wenn sie ihn da-rauf hinwies, zeigte er sich ratlos und nieder-gedrückt. Ohnehin war ihr aufgefallen, dass er sich verändert hatte. Äußerlich erkannte man es daran, dass er seine Stacheln überhaupt nicht mehr aufrichtete. Sie hingen kraftlos und schlapp an ihm herunter. Und dann schien der Waldgeist seinen Widerspruchsgeist verloren zu haben. Nie verteidigte er sich. Auf jeden Vor-wurf, ob berechtigt oder nicht, reagierte er mit schuldbewußtsein. Sie fand keine Erklärung für diese Veränderungen, so sehr sie auch über-legte. Schließlich meinte sie, er verträge viel-leicht den Winter nicht, es sei ihm zu kalt und trostlos im kleinen Wald in der Stadt. Als sie ihn darauf ansprach, beteuerte er, das Gegenteil sei der Fall. Der Winter sei seine Lieblingsjah-reszeit und hier besonders mild und abwechs-lungsreich. Irgendwann gab sie es auf und stell-te ihre Besuche bei ihm vorerst ein.

Nach vier Wochen brauchte sie unbedingt wie-der ein Traum. Es ging ihr so schlecht, dass ihr kein Weg zu weit gewesen wäre, um zu dem zaubernden Waldgeist zu gelangen. U-Bahn, Bus, ein paar Schritte zu Fuß, und sie stand vor dem Wald, lief sofort hinein und auf die Bank zu. „Das ist schön, dass wir uns vor meine Ab-reise noch einmal sehen“, empfing sie der Waldgeist. „Abreise? Wo willst du denn hin?“ fragte sie erstaunt. „Zurück in der Landwald“, er-widerte der Waldgeist entschlossen. „Das ist meine einzige Chance. Hier kann ich nicht blei-ben. Ich passe nicht hierher. Ich hätte es früher wissen müssen, damals schon, als ich merkte, dass ich nicht mehr hellsehen konnte. Mit der Zauberkraft ist derselbe passiert. Du weißt doch, wie schwer ich mich in letzter Zeit mit dem Zaubern der Träume tat, bis es dann gar nicht mehr klappte.“ Sie unterbrach ihn mit be-schwichtigenden Worten, aber er fuhr fort. „Das Gute ist, dass ich jetzt dahintergekommen bin, warum ich meine Kräfte verliere. Weil ich näm-lich so viel gegen meinen Willen tue. Erinnerst du dich, ich war von Anfang an ggegen die Ent-schuldigungsträume, habe mich aber überreden lassen. Aus Freundschaft zu dir. Um dir einen Gefallen zu tun. Das war nicht gut. Nicht gut für mich, jedenfalls.“ „Ja, aber wenn du das er-kannst hast, dann ändere es doch. Deshalb musst du doch nicht von hier wegziehen“, schlug sie vor. Sie verspürte plötzlich eine so große Angst, ihn zu verlieren, dass sie den ei-gentlichen Grund ihres Besuchs darüber völlig vergaß. „Das habe ich mir auch überlegt“, nickte er und schüttelte gleich darauf wieder den Kopf, dass die Stacheln schepperten. Er hatte sie halb aufgerichtet. „Aber hier schaffe ich es nicht. Auch nicht mit deiner Hilfe. Hier ist alles fremd und neu – immer noch. Hier erkenne ich zu spät, wer es gut mit mir meint und wer nicht. Und was noch schlimmer ist: hier erkenne ich zu spät, was ich will und was nicht. Ich kann nicht mehr hellsehen, ich kann nicht mehr zau-bern, wer weiß, vielleicht werde ich morgen schon nicht mehr laufen könen. Das Risiko ist mir zu groß.“

Er verabschiedete sich von ihr und ging, nicht ohne ihr seinen zukünftigen Aufenthaltsort mit-geteilt zu haben. Sie blieb noch eine Weile allein im Wald auf ihrer Bank sitzen, bevor sie sich langsam auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Spätenstens im Frühjahr würde sie ihn an einem Wochenende besuchen.   

    

 

 Im Verlag Radu Barbulescu erschienen:

 

Eugen D. Popin, September auf der Ponte Rialto, Gedichte, ISBN 3930672-63-4, 48 S., DM 11.75 / € 6.--;

 

Adnan Al Dhahir,  Poems  – Gedichte -              -, drei-sprachig, a. d. Arabischen v. Dr. Ali Mahan / a. d. Engli-schen v. Gisela Kirbach, ISBN 3-930672-65-0, 96 S., DM 20.00 / € 10.25;

 

Manfred Pielmeier, HaselmühL u. andere Ju-genderinnerungen, Prosa, ISBN 3-930672-67-7, 80 S., DM 16.60 / € 8.50;

 

Radu Barbulescu, Mapuakhikotl – neue skurrile Geschichten aus München, Bayern und sonst wo, ISBN 3-930672-70-7, 84 S., DM 16.60 / € 8.50;

 

Giulio Bailetti, Un soldato da solo / Ein Soldat, alleine / Un soldat singur, Gedichte, dreisprachig, a. d. Italieni-schen v. R.-F. Barth / a. d. Rumänischen v. Radu Barbu-lescu, ISBN 3-930672-71-5, 80 S., DM 16.60 / € 8.50;

 


Siniša DRAGIN:

     Jugoslawien

 

„Der Frühling ist ein anderes Land“

 

Romanauszug

 

Wenn ich nicht schlafen kann, bleibe ich nur so im Bett liegen und denke nach. Ich denke über alles nach, aber am meisten denke ich über mich nach. Jetzt habe ich den Eindruck, dass mir vor dem Krieg nicht einmal bewusst war, dass ich, ich bin. Als ob ich jemand anderes gewesen wäre oder so als ob jemand anderes ich gewesen ist. Aber, sei unter uns gesagt, ich verspürte auch keinen Drang nach tiefen Gedan-ken. Alles verlief normal: die Arbeit, das Haus, das Feld bestellen; falls der Krieg nicht ausge-brochen wäre, hätte ich längst geheiratet, seit fünf Jahre sogar, vielleicht hätte ich jetzt auch einen Buben gehabt... Vielleicht wäre es besser gewesen, falls ich vor dem Wegziehen gehei-ratet hätte, aber wer konnte damals ahnen, dass alles so kommen würde? Auf der anderen Seite, alles hätte in Eile geschehen müssen und das mag ich wiederum nicht. Man wartet ein ganzes Leben lang und dann, hopp hopp, heiratet man in zwei Tagen. Das geht doch nicht. Was tut die Savka jetzt? Auch sie glaubt vielleicht, dass ich gestorben sei. Vielleicht rauft sie sich die Haare bei meinem Grabmal. Damals, als wir uns zuletzt umarmt haben, vor dem Bus der uns Freiwillige direkt in der Krieg fuhr, hat sie mir ins Ohr geflüstert: „Du sollst wissen, ich respektiere dich!“

Ich habe viel über ihre Worte nachgedacht. Nicht dass ich meine, es wäre nicht schön, von jemandem respektiert zu werden, aber es wäre mir viel wärmer ums Herz wärmer falls sie Hh

 

Herz geworden, falls sie mir etwas Liebevolles gesagt hätte, wie zum Beispiel: „Ich liebe dich und ich werde dir bis zu deiner Rückkehr treu bleiben“. Jetzt denke ich anders: wenn man in den Krieg zieht, gibt es die Wahrscheinlichkeit, dass man von dort gar nicht mehr zurückkehrt. Mir ist das nicht durch den Kopf gegangen, aber Savka hatte vielleicht daran gedacht. Der Krieg ist nicht das gleiche wie eine Militärübung. Obwohl einige auch davon nicht mehr zurückkommen. Mein Nach-bar von Gegenüber, Steva, wurde bei einer solchen Übung von einem Panzer überfahren. Er hatte sich in einem Busch versteckt, um ungesehen seine Bedürfnisse zu entledigen. Danach hat der Panzerfahrer erklärt, dass ihm Steva ein Ulmenast, der auf einem alten Baum-stumpf gewachsen war, zu sein schien. Sie haben ihn gleich zum Augenarzt geschickt. Alles war in Ordnung, und die Kommission hat das Urteil ausgesprochen: der Unteroffizier Steva Trivas – ein Meister der Tarnung – hatte Pech gehabt! Nach dem Unfall hat der Reservemajor – der in seinem zivilen Leben ein Metzger war – darüber sinniert: „Schaut mal, was der Mensch ist: ein Handvoll Scheiße, mit ein wenig Fleisch vermischt. Man könnte vor Ekel sterben!“

   Ich konnte bis heute nicht herausfinden, an was Savka damals gedacht hat, als sie mir sagte, dass sie mich respektiere. Eine Variante wäre, dass sie an meinen Entschluß gedacht hat, mich freiwillig zu melden, aber Savka schien nicht die Person zu sein, die so etwas schätzte. Die Wahrheit ist, NIEMAND schätzte so etwas. Im Gegenteil: „Du Blödmann, du Saublöder, du Idiot, du blauäugiger Naivling... diese Schweine nutzen dich aus, du Ochse. Wach auf, sieh’ der Realität in die Augen“. Meine Mutter sagte mir damals: „Was willst du, Junge, was für ein armseligen Jugoslawien willst du verteidigen? Bleib zuhause, auf deinem Platz, dort wird gestorben mein Sohn, ich will nicht dass sie dich mir in einem Metallsarg zurückschicken“.

Ich erinnere mich wie erleichtert ich mich fühlte als ich den sich nähernden Bus sah, der die Freiwilligen aus unserem Landkreis abholen sollte: er war nicht leer. Falls ich so ein Blödian bin, wie andere sagen, dann schau mal, ich bin zumindest nicht der einzige. Es gibt in unserem Jugoslawien auch andere Männer wie ich. Als wir aus Novi Sad auf der Autobahn Richtung Belgrad wegfuhren, habe ich meine künftigen Waffenkameraden gezählt: achtundvierzig. Man trank Palinka ind sang „Genosse Tito, wir schwören Dir“. Ich konnte kaum meine Ge-mütstränen zurückhalten. In meinem Kopf vermischte sich alles: der Krieg, in welchen wir zogen, die rote Pionierkrawatte, die ich, ich weiß nicht warum, mitgenommen hatte, die Pa-linka, die Baracken in welchen wir im patrioti-schen Arbeitslager schliefen, Savka – die ich nicht versucht hatte, mir zu nehmen, die Tränen der Mutter an der Bushaltestelle, das Feld, das umgepflugt sein sollte.

Mich hat das Lachen überrascht, von wel-chem nach dem Liedsingen, alle geschüttelt wurden: der Bus wurde geschüttelt, sogar der Fahrer – ich sah sein Gesicht im Rückspiegel – lachte sich krumm. Ich habe mich von dem Sitz erhoben: „Was ist so komisch?“, brach ich her-aus, beinahe bereit, mich mit allen achtundvier-zig künftigen Waffenkameraden zu schlagen. Ein neuer Lachanfall. Der Offizier, der uns führte, drehte sich um: „Setz dich, du Blöd-mann!“ Ich habe mich hingesetzt aber ich fühlte wie mich etwas aufs Herz drückte. Ich habe je-manden erkannt: Rale der Hässliche, den Kopf glattrasiert, mit einer Narbe am Ohr, so, als ob jemand versucht hätte, ihn entzwei zu schnei-den. Was will er auch hier, dieser Bauerntölpel? Er hat meinen Blick bemerkt. „Grüß’ di’, Nach-bar! Bist heit’ ziemlich aufgekrazt“. Ein anderer ist eingesprungen: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Er wird sich auch entspannen, und wie, wenn wir ankommen werden“. Rale zwin-kerte ihm zu. „Mir würde auch so eine Art Ent-spannung gerade recht kommen, wenn möglich, mit einem Mädchen“. Im Bus schallte wieder Gelächter auf. „Mit einer Kroatin oder mit einer Muslimin?“ „Mir gleich. Nur große Titten soll sie haben“.       

 

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Aus dem Serbo-Kroatischen von Ruxandra Lambru und Georgina Ecovoiu  Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu.

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Brueckelogo

Redaktion Nekati Mert, Am Lorenzberg 9, 66121 Saarbrücken. Tel. 0681 / 81 72 32 * Fax 81 72 29

www.bruecke-saarbruecken.de


Titu POPESCU

       Dachau

 

EIN TREFFEN IN VENEDIG

 

Von den Touristen überschwemmt, schwankte Venedig auf den Wellen der Lagune wie ein riesiges Traumschiff, dass mit der Leine, die den Namen Ponte della Liberta trägt, am Kai festgehalten wurde. Wir waren so früh in der Piazza San Marco angekommen, wie es uns das Auffinden eines Parkplatzes in der Piazalle Roma und die geruhsame Zick-zack Fahrt des Vaporettos zwischen den Gondeln auf den Canal Grande erlaubt hatte. Unsere vermeintliche Eile, so wie man es in Venedig nennen konnte, sollte uns nicht vor den Riesenwellen der Besucher retten, die fatal für die müde Ehrwürdigkeit der Lagunenstadt ist, sondern meinem Begleiter und Freund Vasile, dem Maler, die Möglichkeit einer Stunde von matinalem künstlerischem Studium zu verschaffen. Um den Lichteffekt festzuhalten, der von den sich zwischen den architektonischen Unregelmäßigkeiten des berühmten venetianischen Vierecks durchzwängenden Sonnenstrahlen erzeugt wurde, hatte er seine Staffelei auf jener Seite des San-Marco-Platzes, die dem Kanal gegenüber steht, aufgestellt. Weil ich ihm nicht über die ganze Dauer seines schöpferischen Experimentes, das den ganzen Tag lang dauern sollte, Gesellschaft leisten konnte, bin ich alleine losgegangen um jenes Labyrinth aus Gassen, Kanälen, Brücken und kleinen Plätze zu erkunden, das die zentrale Zone zwischen dem San Marco Platz, der Ponte Rialto und der breiten Umarmung des Canal Grande darstellt.

Als ich am Nachmittag zurückkam, sah sich Vasile sein Bild und den Platz nachdenklich an. Er schien  an einer Inspirationspanne zu leiden, die mehr nach Unschlüssigkeit als nach Besorgnis aussah. Ich kannte das stumme Nachdenken, das ihn am Ende einer Arbeit ergriff, also fing ich

 gar nicht erst an, ihm mit meinen touristischen Impressionen zu stören und widmete mich selber dem Studium des Bildes das in ihm jene unschlüssige Meditation verursachte. Das Bild beinhaltete ein sensationelles, geheimnisvolles Venedig, in einer analytischen Komposition in welcher das ewige Alter der Stadt und die Schwere der Gemütslagen die von ihr ausgehen ihren Ausdruck hatten. Die Atmosphäre des Bildes war ein merkwürdiger Übergang von einer diffusen, morgendlichen Umnebelung zu einem brutalen, schrägen Schnitt des Lichtes durch den von den Mauern geworfenen Schatten, von der glänzenden Widerspiegelung der Pflasters zu einem obskuren Blau, das von dem Meer auf die Kuppeln der San-Marco-Kirche reflektiert wurde. Die atemberaubende Animation des Ortes war bis auf einige dünne Silhouetten reduziert, die die Monumentalität des Blickes über die Umgebung nicht störten; nur im Zentrum des Platzes, dort wo sich normalerweise die Gruppen der begeisterten Besucher  konzentrierten konnte man einige Gesichter ausmachen. Das architektonische Ensemble des Platzes war gleichzeitig betrachtet, in einer Überlagerung des unteren Registers, das von dem schrägen morgendlichen Licht stufenweise aufgedeckt wurde und des oberen Teils, der aus obsessiven, irgendwie konzentrischen Verlängerungen der maurischen Dantellerien des Dogen Palastes, der Türmchen und Kuppeln der San-Marco-Kirche und der zwei langen gezackten Höhen, die vom Uhrenturm stammen, bestand. Umso strenger und klar sah man sie auf dem Platz, umso unschärfer und verschwommener war die Silhouette des Campanille dargestellt. Das Bild von Vasile war eher eine Meditation über Venedig, eine Frage über den Sinn der Malerei und eine sarkastische Bemerkung über das Schicksal des Menschen.

Als ich mich vorbereitete, ihm das „Venedig“-Sonett von Eminescu als Antwort zu rezitieren, trennte sich von der bunten und anonymen Menge der Besucher die vorbeigingen oder auch hin und wieder stehen blieben um sich das Bild anzuschauen ein Mann, der sich Vasile näherte und ihn, als ob er ihm eine wohlbekannte Tatsache mitteilen würde, fragte:

„Sind Sie Rumäne?“

Für einen Augenblick nahm der nachdenkliche Blick von Vasile den Ausdruck einer rührenden Unbehol-fenheit an. „Ja, aber woher...“

Der Unbekannte unterbrach ihn, wobei er ziemlich selbstsicher schien: „Ich weiß, was ich sage. Ich kenne mich aus. Ich bin ein Dichter, ich meine, ich schreibe Gedichte. Ich bin der Vorsitzende des literarischen Kreises „Panait Istrati“, aus Braila. Ich habe ziemlich viel veröffentlicht, nicht nur Dichtung. Aber in meiner Seele bin ich ein Maler, ich fühle es, nur die Hand hilft mir nicht dabei. Falls...“

Überrascht, wie ich, ließ ihn Vasile nicht weiterreden:

„Ja, aber woher wussten Sie, dass ich Rumäne bin?“

„Aufgrund des Bildes“, antwortete sogleich unser Landsmann.

Bis aufs äußerste gereizt, drehte sich Vasile  mir zu, die Unmöglichkeit zu verstehen stand ihm ins Ge-sicht geschrieben. Er flehte mich mit den Augen, tief verunsichert, an, etwas zu tun. Was konnte ich aber tun, als die von ihm gestellte Frage zu widerholen? Als er sah, dass er uns zur genüge hatte schmoren lassen, sprach der Dichter aus Braila  sich aus:

„Ich bin vor zwei Jahren ausgewandert; gerade heute, den 9. August sind es zwei Jahre. Manche Dinge hab’ ich vergessen, andere haben sich mir tiefer in die Seele geprägt. Schauen Sie sich diesen Campanille an“, sprach er - diesmal uns beide - an: „An was denken Sie, wenn Sie ihn sehen?“

Wir haben zu dritt das Bild betrachtet: wir beide, als ob wir vom Lehrer mit einer unangekündigten Prü-fung konfrontiert würden, er selber sieges-bewusst: „Mit der Brancusis-Säule! Sie haben ihn mit der Seele gemalt, und dann haben Sie Sehnsucht be-kommen. Ich bitte Sie mir zu glauben, so ist es gewesen!“

Die Vermutung des Dichters fing an, mich nach-denklich zu stimmen. Indem ich nochmals das Bild ansah, fing ich an zu glauben, dass er entweder Recht hatte, oder zumindest haben konnte. Die konfuse, zwielichtige Art in welcher der Campanile dargestellt war, konnte zu einer solchen Annahme führen. Das Schatten- und Lichternetz welches auf den Platz fiel und dann von den gegenüber liegenden Bauten, mit der Spiegelung des Campanile auf den glänzenden Platten vor der Kirche verflocht, das längere Alter des Bildsubiektes und die aus der überlagerten Komposition resultierenden Unterschiede kleideten den Turmbau in eine Überschneidung von Winkeln und dunklen Oberflächen, manche von ihnen nur angedeutet, die auf seiner glatten Oberfläche eine aufwärts strebende Kette von übereinander gelegten Rhomben bildeten. Alles war aber nur diffus zu erkennen, als ob es vom Inneren des Campanile kommen würde, wie ein verstecktes, eher erahntes Strukturelement. Man konnte es also auch in diesem Sinne interpretieren. Es könnte doch das unhörbare Echo eines inneren Raunens oder das unbeabsichtigte Muster eines unbewussten Rufes sein. Oder war es nur ein zufäliges Spiel der Oberflächen? Was man aber mit Sicherheit sehen konnte, war die Unbeholfenheit des Malers darauf zu antworten. Er selber schien eher auf eine Erklärung meinerseits zu warten.

Während dieser Zeit, als wir nach jener Realität suchten, die uns zu der Offensichtlichkeit einer Absicht führen konnte, schaute uns unser Landsmann mit der Zufriedenheit des Siegers an. Als er der Meinung war, dass wir genügend eigene Einsichten hatten, um ihm Recht zu geben und dass das Geschprächsthema abgeschlossen werden konnte, verspürte er den Wunsch, uns den Grund seiner Anwesenheit auf dem venetianischen Platz zu erklären.

„Eigentlich bin ich Matrose von Beruf “, fing er an uns ins Vertrauen zu nehmen, während wir immer noch  in Gedanken versunken waren. „Da aber alle wussten, dass ich Gedichte schreibe, war ich auf dem Kulturschiff, welches die Bibliotheken zwischen Sulina und Turnu Severin belieferte, angestellt. Ich werde niemals mehr so viel Zeit zum Lesen wie damals haben. Dann aber wurden Personalein-sparungen vorgenommen und das Kulturschiff wurde abgeschafft... Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“, fragte er mich, nachdem er merkte, dass Vasile Nichtraucher war.

Interessiert an der Geschichte seines Lebens habe ich ihm gerne eine gegeben. Er wartete nicht dass wir ihn einluden, fortzufahren.

„Dann wurde ich auf einem Handelsschiff angestellt, das die Donau befuhr. Es war eine schöne Arbeit, aber ich konnte den Druck und die ständige Über-wachung am Bord nicht mehr aushalten. Nicht nur die Profis haben sich an der Überwachung beteiligt, sondern auch die anderen, aus Dummheit. Dann habe ich mich entschlossen, in den Westen zu flie-hen. Bei einer Rückkehr nach Braila habe ich dort meinen Cousin Hristache getroffen, der als Matrose auf einem Handelsschiff, das im Mittelmeer verkehr-te, arbeitete. Ich habe ihm meinen Entschluß anver-traut und er hat mir gleich zugestimmt und gesagt, er wolle zusammen mit mir Vaterlandflucht begehen. Unser Ziel hieß Amerika. Dann haben wir uns verab-schiedet. Ich bin die Donau hinauf, er durch den Bosphorus, nach Marseille gefahren. Wir haben da-mals beschloßen, dass jeder das Seinige tun sollte und wir uns nach zwei Jahren, das wäre heute, am  9. August, hier in Venedig treffen würden, um nach Amerika zu fahren. Ich habe etwas Geld zur Seite gelegt“.

Also, gerade heute, dem 9. August, sollte unser Dichter seinen Cousin Hristache treffen, so wie sie es vor zwei Jahren in Braila beschlossen hatten! Wir waren von seinem abenteuerlichen Bericht derma-ßen fasziniert, dass wir die Geschichte mit dem Bild fast vergessen hatten.

 

„Ich suche seit heute Morgen nach ihm, aber es ist nicht verwunderlich, dass ich ihn in diesem Gewimmel nicht finden kann“, setzte er selbstsicher fort, indem er die Touristenwogen auf dem San-Marco Platz im Auge behielt. Aufeinmal hörten wir ihn dann aber plötzlich rufen:

„Schau, das ist unser Ristica!“, dann um sich zu entschuldigen: „Wissen Sie, so nannten wir ihn zuhause, Ristica...“

Wir schauten in die Richtung seines ausgestreckten Armes und blieben erneut unschlüssig. Der Dichter zeigte mit dem Finger in die Mitte des Bildes.

„Der in der Mitte, blond und mit einer Glatze, dass die Sonne drauf wie in einem Spiegel strahlt. Das ist Ristica! Sie haben ihn gesehen“, sagte er erfreut dem Maler.

Vasile suchte eine Erklärung, um sich zu entschul-digen: „Wissen Sie, ich habe nicht einen bestimmten Menschen gemalt. Ich habe eher über die Menschen hinweggesehen...“

„Das gibt es doch nicht“ antwortete selbstsicher und fröhlich unser Matrose. „Das ist Ristica, ich kenne ihn doch! Ich laufe hin, ihn zu treffen!“ – er nahm unsere Hände und schüttelte sie herzlich, glücklich seinen Cousin aus Braila wiedergefunden zu haben.

Er tat einige Schritte in die Richtung der Platzmitte, dann hielt er abrupt an, als ob ihm etwas eingefallen wäre. Er ging zu Vasile und fragte ihn, mit einer offensichtlichen Absicht:

„Wollen Sie mir ihre Adresse geben?“

Gleichzeitig erstaunt, amüsiert und neugierig zog der Maler eine Visitenkarte aus seiner Hemdbrusttasche  und gab sie ihn, mit einem freundlichen Lächeln.

„Ich möchte Ihnen eine Postkarte mit der Frei-heitsstatue schicken. Sie sollen sie ganz oben auf die Brancusis-Säule malen!“ sagte der Matrose noch, dann verlor er sich endgültig in der Menge.

 

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Aus  dem Band „Povestiri din Italia“, Verlag Radu Bărbulescu, München 1990. Dt.-Übersetzuing von Radu Bărbulescu


 Victor LOGHIN

      Konstanza

 

Die Möwe

 

Yôjin Ki*

 

„Die Anwesenheit der Möwen störte mich: ich habe sie mit Steine vertrieben. Und ich habe verstanden, dass ihre unnatürlich spitzen Schreie genau dass waren, was mir fehlte, dass nur das Schrecklichste mich beruhigen konnte und dass ich, nur um es zu treffen, schon vor dem Sonnenaufgang aufgestanden war.“

Emil Cioran

 

Er hatte sich schwer an sie gewöhnt. Ihr raues Geschrei, manchmal dem einer hysterischen Frau allzu ähnlich, hatte ihm viele Nächte verdorben, insbesondere deshalb, dass sich irgendwo auf dem Dach des gegenüber liegen-den Hauses ein Nest befand. Er war von dem krassen Unterschied zwischen den Eltern und Küken, die letzteren ungelenk in ihren Bewe-gungen, unansehnlich in ihrem schmutzigbraun-en Federkleid, scheinbar zu einer anderen Spezies gehörend, unangenehm beeindruckt.

Danach, mit der Zeit, hatte er sich damit abgefunden und er fing an, ihnen Futter auf das Geländer des Balkons zu stellen, aus dem egoistischen Wunsch heraus, sie aus der Nähe betrachten zu können. Majestätisch in ihren glänzenden grau-weißen Federn, die im krassen Kontrast zu den ockerfarbenen Augen und Krallen standen, sie beäugten ihn misstrauisch mit jenen gläsernen Augen, auf jede seiner Bewegungen achtend, ohne aber zu zögern das hingestellte Futter schnell zu verschlingen. Es gab ihnen eine Mischung von Schönheit und Vulgarität die ihn faszinierte und ließ ihn den Seemannsgarn vergessen, der über das Aus-picken der Augen von noch lebendigen Schiffs-brüchigen erzählte. Er lebte allein und er vertrieb einen großen Teil seiner Freizeit damit, sie auf seinem eigenen Balkon oder sonst wo zu beobachten, wie sie durch den Müll stöberten, sich von den Wellen schaukeln ließen, oder in den Böen der stürmischen Winde Slalom segelten.

Alles ging so bis an einen Tag.

An jenem Nachmittag, allen anderen gleich, ging er auf den Balkon um sich etwas zu holen. Eine Riesenmöwe, die größte, die er bis damals gesehen hatte, hüpfte auf den selben Platz, als ob sie ihn anlocken wollte. Er näherte sich auf Zehenspitzen und sprang ihr in den Rücken. Sie hob plötzlich ab und tauchte in die Tiefe des achtstöckigen Hauses. Er fühlte sein Magen in die Kehle steigen und krallte seine Finger in den Federn des Vogels fest.

Sie stiegen in die Höhe und flogen über Wohnviertel und Gärten, sie überflogen die Müllkippe der Stadt, wo sie von den Abertau-senden spitzen Schreie der Artgenossen begrüßt wurden. Dann kehrten sie im Richtung Stadt zurück. Er hatte noch Angst aber es fing auch an, ihm zu gefallen. Er schaute nach unten ohne aber aus jener Höhe viel zu erkennen. Bis dahin war er wie alle anderen über den Straßen des Städtchens gekrochen, selten und unnötig nach oben schauend, nach Jemanden, an den sie nicht glaubten, ihre Hilferufe richtend.

Jetzt war es anders. Er sah die Welt mit ande-ren Augen.

Sie flogen über den Hauptboulevard, hin und zurück, in breiten, welligen Kreise. Die Luft pfiff angenehm um die Ohren. Es war nicht kalt. Es war sogar gut.

Auf dem Gehsteig auf einer Seite des Boule-vards lief eine Kolonne von Engeln und vie-lleicht auch Heilige. Ihr ständiges Hin- und Her-laufen wirkte insbesondere wegen der weißen, zu weißen Spuren, die sie hinter sich ließen, ermüdend. Auf dem gegenseitigen Trottoir, tummelten sich ohne einen erkennbaren Zweck, mehrere Gruppen von hierarchisch unterstellten, schwarzlackierten Teufel. Dazwischen, in einem chaotischen, brown’schen Durcheinander be-wegten sich Menschen, die aus jener Höhe lang-weilig gleich aussahen. Sie kamen und gingen ziellos, von Nirgendwo nach Egalwo, sie prall-ten aneinander und wurden aufs geradewohl zurückgeworfen. Von Zeit zu Zeit, berührte einer von ihnen, der nicht aufgepasst hatte, die Bordsteinkante und wurde auf den Gehsteig ge-sogen, wo er plötzlich in den weißen oder schwarzen Wellen verschwand. Für einen Au-genblick ging ihm durch den Kopf, dass auch er öfters auf dem Boulevard gelaufen war, aber dass er ihn nicht so gesehen hatte.

Er zuckte mit den Schultern: jetzt, von hier aus, scherte es ihn wenig was unten geschah.

Wann und wie er nach hause gekommen ist, hat keine Bedeutung.

Sicher ist aber, dass er seit jenem Tag, ohne es ihm richtig bewusst wurde, den Boulevard mied.

 

Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu


Ovidiu DUNăREANU

             Konstanza

 

 

Geisterhafte Schatten in der Abenddämmerung

 

Die Lästermäuler wussten zu berichten, dass nur die leidenschaftliche Liebe für dasselbe Prachtmädchen in den Herzen von Gogu Stan-ciu und Costica Bubamustata den bitteren Sa-men des Zwistes eingepflanzt hätte. Es war eine trübe, vor den Augen der Leute argwöhn-isch geschützte Feindseligkeit, wie jene die sich in der Jugend aus irgendwelchen Nichtigkeit zwischen Freunden entfachen kann, um dann ungesehen lebenslang in der Tiefe zu glühen. Trotz aller Vorsicht ihrerseits, wusste das ganze Dorf darüber bescheid, obwohl keiner sagen konnte zu welchem genauen Zeitpunkt das alles angefangen hatte. Auch wenn der eine oder der anderen ihnen gesagt hätten, dass Feindschaft zu nichts gutes führe und dass es für beide besser sei, ein für alle Mal Schluß damit zu machen, haben sie den Rat von niemandem angenommen und führten ihren Kampf noch unerbittlicher fort, so wie es ihnen durch den Kopf gegangen ist.

Stanciu hatte eine Kinderschar, die meisten Buben; wenn sie, weizenblond, halb nackt und mit einem Stück Maisbrot unter dem Arm  auf die Gasse zum spielen hinausquollen, füllte die Sippe der Platz vor dem Steinbrunnen auf.   Seine Frau, Svetanca, konnte man nicht als Schönheit bezeichnen aber Gott hatte ihr einen großen, gönnerhaften Leib geschenkt. Kaum hatte sie, in einem Jahr, ein Küken in die Welt gesetzt, fing sie unverzüglich an, ein anderen zu brüten. Seit zwölf Jahre, seit dem sie verhei-ratet worden sind, ist sie von einer Mutterschaft zu anderen gegangen. Schlank und großge-wachsen, mit grünem und schlauen Blick, klug und ehrlich, schritt Gogu seines Weges schnell und auf den Zehenspitzen ohne dass es ihn scherte, an wem er vorüber ging.

Bubamustata hatte auch eine Frau und zwei Kinder. Er war noch größer und hübscher, ge-nauso jung, heiß und eitel, mit pechschwarzen, sündigen und misstrauischen Augen. Das Muttermal oberhalb der Lippe, von welchem er seinen Spitznamen hatte,  zog die Mädchen und die leichtsinnigen Frauen an, so dass sie ihm bis zum Halsbrechen nachliefen.

Serina, der Zankapfel, wohnte wie eine Ein-siedlerin in einem isolierten Haus am Rande des Dorfes. Der von den strengen Stämmen einiger alten Nussbäume bewachte Hof, stürzte, zusammen mit dem gelben, steilen Lehmufer, an dem das Hochwasser nagte, nach und nach, Stück für Stück in die Donau. Hinter dem Hof, in Richtung von Valea Calda erstreckte sich eine wilde Ecke mit blauen Reben gepflanzt. Dort in jenem verwilderten Hof und Weinberg sahen sie sie alle von früh bis in die Abenddämmerung wie sie alleine, mit einem gebundenen, roten Kopftuch, fast wie ein Mann werkelte.

Gegen Abend, nachdem die Leute sich er-schöpft zu ihren Schlafstätten begeben hatten und die menschenleere Umgebung des Dorfes erstarrte, stieg sie nackt die Lehmstufen hinter dem Garten herab  und badete in der Donau.

Unter dem schwachen Mondlicht hieß sie den Fluß in der Intimität seiner Wellen willkommen. Seine Umarmung umwickelte sie wie Samt, ein wohliges Gefühl von Kühle und Gefallen durch-drang ihre Seele und ihren Leib und verjagte die in ihr versteckte Hitze und die Müdigkeit indem es die Ströme einer in ihrer Unschuld unbe-grenzten Glückseligkeit frei ließ.

Die Fischer aus Turtucaia, aus den Sippen von Cantaragiu und Caldare, die sich mit ihren Net-ze verspätet hatten, von der Fiebrigkeit einer unbestimmten Erwartung besessen, hielten ihre leichten Booten in der Weite des Flusses ste-hen, indem sie gegen den Strom ruderten und beäugten sie wie verhext an. Sie waren nicht die einzigen, die ihr nachspähten. In den Gra-ben der Ziegelei, in der zerbrochenen Holzmu-schel der Fähre, die in Pipas Furth schiffsbru-chig geworden war oder hinter den schilfbe-deckten Dächern der Eiskeller saßen auch an-dere, Junggesellen oder gestandene, verheira-tete Männer versteckt, die von Serina verzau-bert worden waren. Wenn ihre Zungen locker wurden, erzählten alle, dass als die Wellen über ihre Schultern stiegen und ihre Zehenspitzen den Sand nicht mehr berührten, das Mädchen untertauchte mit den Augen von einem selt-samen Leuchten erfrischt.

Das Schwirren der Drosselschwärme, ein lila Pulver, über den Inseln und den Wäldern, das Schlürfen der Gewässer in den Kratern der Wasserstrudel oder sein Plätschern über das Geröll, das sekundenschnelle Springen der jun-gen Welse an der Oberfläche, so als ob man zwei Steine einander schlagen würde, der Rum-mel und die Schreie der Kormorane an der Mündung des künstliches Fischfangdeiches von Sfarsituri verschwanden ihr plötzlich aus dem Gehör. Es schien, als ob die weiche Stille eines bauschigen Baumwollfeldes ihre Ohren ver-deckte und sie langsam in die Tiefe schob. Von einem Drang belebt, den sie nicht verstehen konnte, glitt Serina mit der Leichtigkeit und der Geschmeidigkeit eines Fisches unter den Netzen und den Boote der Turtucaia-Leute durch und verschwand in Richtung der, den Fischer bekannten, Verstecke am Ende der Pacuiul-Mic-Insel.

Und auch gegen Abend haben einige Wald-arbeiter, die auf dem Talchia-Arm entlang eines schmalen Strandes ruderten, zufällig ein unna-türliches, von einer beunruhigenden Schönheit geprägtes Wesen getroffen: ein Engel, der aus dem Himmel auf den Sandkern der Gewässer gestürzt war. In seinen glatten Haare blitzten Regenbögen und sein Blick, die Haut der Arme und des Körpers und die Schuppen seines un-heimlichen, Meerjungfrauschwanzes warfen bläuliche, märchenhaften Lichtlanzen. Ein frem-der Dunst lag über dem Fluß und verstellte mit seinem Zittern den Blick. Am Bug des Bootes zusammengepfercht, in Schweiß gebadet, ohne einen Laut von sich zu geben, saßen die Männer mit offenen Mündern. Sie hatten nie-mals zuvor so etwas gesehen und vielleicht würde es ihnen auch von da an niemals wieder außer vielleicht im Traum vergönnt, so ein Wun-der wieder zu sehen.

Als sie sie so nah sah, gab der überraschte Geist einen spitzen Laut von sich und ver-schwand, indem er nur einige Schwanzbewe-gungen machte, ins Wasser.

Zurück im Dorf erzählten die Augenzeugen, dass das Aussehen der Meerjungfrau, die sie getroffen hatten, ein Spiegelbild Serinas, des einsamen Mädchens mit rotem Kopftuch vom Rande der Ortschaft, gewesen sei...

Die Liebe, die Costica Bubamustata und Gogu Stanciu für Serina fühlten war wie ein Feuer: eine unausgesprochene, quälende Liebe, die sich mit der Zeit als unheilbar erwies. Genauso wie die Feindschaft zwischen ihnen als ohne Heil zu sein schien.

Die zwei zeigten niemals den Leute offen, wie stark sie sich gegenseitig verachteten.  Sie stritten nicht und sie griffen sich nicht an, auch dann nicht wenn sie sich alleine in den Mooren oder auf dem Feld trafen oder als sie in die Kneipe Nicu Caraculeas Rücken an Rücken auf ihren Stühlen saßen und auch dann nicht, als sie sich von Angesicht zu Angesicht trafen, als sie die, von den Hunden und Hühnern in den Zaun, die ihre Höfe trennte, gemachten Löcher stopften. Sie taten so, als ob sie sich nicht kennen würden und das war’ s.

Einige Male im Jahr, als es zu Abend däm-merte, angespornt von den Gift, der ihnen in den Augen und in den Venen koch, liefen sie stumm, als ob sie sich darüber verständigt hätten, auf den Hügel oberhalb des Dorfes, auf die Wiesen. Dort ließen sie ihre Hengste, die bis dahin ruhig miteinander gegrast hatten, frei und verschwanden dann so wie sie gekommen wa-ren, jeder seines Weges.

Von den Seilen und Ketten befreit, ineinander verkeilt, fingen die Füchse und Schwarzen an, sich mit einer unvorstellbaren Wut und Grau-samkeit zu bekämpfen. Es waren prächtige, feurige, gewaltige Hengste, dem Wesen ihrer unbeugsamen, freien und leidenschaftlichen Herren ähnlich.

Sie stießen in den Mond mit den Vorderhufen, sie schlugen und sie bissen sich gegenseitig in den Nacken. Aus ihnen sprühte Feuer. Die wirbelnden Mähnen schnitten wie Sicheln in den Himmel.

Einige Augenblicke später stürzte die Horde im Tal hinunter und beherrschte wie eine gewalti-ge, plötzliche Überschwemmung die Gassen des aufgeschreckten Dorfes. Die Zäune krach-ten gewaltig. Unter dem Stahl der Hufe tobte die Erde wie der Donner. „Läuft weg! Die Hengste kommen!“ Raucherscheinungen, die die Däm-merung wie Pfeile durchbohrten. Die Luft zitterte vor Wiehern und Geschrei. Die langen Krallen der Panik bohrten sich in die Brüste. Menschen und Tiere niemand blieb noch in der Gasse stehen, Jung und Alt, alles verschwand, atem-los, in den Höfen...

    Der Wirbelwind der Pferde verebbte. Die leer-gefegten Gassen sahen wie nach einem Krieg aus. Lange Zeit danach trauten sich Mensch und Vieh nicht, nach draußen zu wagen.

Man wusste nicht und es interessierte auch nie-manden, wessen Hengste gesiegt hatten. Er-schöpft, voll Blut und Schaum, beendeten die Rösser vor den eigenen Hofpforten, den Kampf. Costica Babamustata und Gogu Stanciu gin-gen gleich hinaus, riefen sie den Namen nach und führten sie, indem sie ihnen liebevoll und zufrieden mit der Hand auf den Rücken klatsch-ten, in dem Innenhof. Dann banden sie sie an ihren Zügeln in die Stallungen, säuberten sie und sorgten um ihre Wunden, fütterten und tränkten sie königlich.

Um die Höfen der beiden Rivalen herum, in der feuchten, klaren Herbstnacht atmete das Dorf erleichtert auf. Es wusste, dass der nächste Kampf erst spät nach dem Winter, im kommen-den Frühjahr, stattfinden sollte.

Um dieselbe Stunde stieß sich eine schlanke Gestalt, die ein Funke reinsten, aus den Ster-nen entsprungenen Lichts zu sein schien, vom unteren Rand des von Nussbäumen beschatte-ten Ufers ab und tauchte in dem ununterbro-chenen, tintenfarbenen Fluß unter...    

      

       

Aus dem Rumänischen: Radu Bărbulescu


Radu BĂRBULESCU

 

Als die Kuh noch nicht heilig war

 

Ich und mein Geschäftspartner Rabindrasutra Dschimbim hatten einen schweren Arbeitstag hinter uns. Wir mußten uns etwas besonderes für unser virtuelles Restaurant ein­fallen lassen. Eine ganze amerikanische Regierungs­dele­ga­tion, die mit unserer europäischen Regierung über das schwierige Thema des bilateralen Kosmetikhandels ver­handeln mußte, war uner-wartet zu uns gebeamt worden. Stellen Sie sich vor: in ganz Brüssel hatten die von Oben keine Kneipe gefunden, die sich mit den historischen ameri­kanischen Essgewohnheiten auskannte! Das ist stark! Und daß sie gerade uns, in München aufgestöbert haben, lag vermutlich daran, daß es in dem großen europäischen Ultrarechner einen Infofehler gab: Nämlich, daß München immer noch als Standort einer ganzen amerikanischen Division galt! Ein Jahrhundert später spuckte dieses riesengroße Mistgerät eine Sache aus, die schon dem Mittelalter an-gehörte! Ich meine nicht, daß menschliche Gehirne viel besser seien. Ende des vorigen Jahrhunderts glaubten noch einige Amis (wie sie damals genannt wurden), daß in Deutsch-land immer noch die Nazis an der Macht wären! Und sowas stimmte natürlich nicht. Ich weiß es selber aber nur so genau, weil ich, im  Ge-gensatz  zu  vielen  anderen  Zeitgenossen,  das  Risiko auf mich genommen habe, mir mit vierzehn Jahre noch das bionische Geschichts-implantat verpassen zu lassen. Deshalb sehe ich in die Augen der Frauen nicht gerade anziehend aus: Die drei Beulen (früher hätte man sie Hörner genannt) auf meinem Kopf  - eine für Allge­mein­­wis­sen, die zweite für die Gedanken­polizei, die dritte eben voller Ge-schichte und Geschichten, erzeugen selbst­verständlich Unbehagen in einer Welt, in welcher Otto-Normalverbraucher sich mit zwei Beulen (Hörnern) be­gnügt. Aber Nazis in Mün-chen, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts?!!! Neee, ausgeschlossen, weit verfehlt, mei­ne Damen und Herren! Mein Geschichtsim­plantat be­in­haltet kein Bit darüber!

Sei es wie es sei, aber daß wir zwei arme Würstchen plötzlich mit achthundert Bestellun-gen eines altameri­kanischen Menüs konfron-tiert wurden, war kein Kin­derspiel! All das von höchster Stelle, von Brüssel aus, angeordnet! Da konnte man, Abscheu, Grusel oder nicht, das Geschäft nicht platzen lassen.

Wir saßen also nach getaner Arbeit, Rabin-drasutra Dschim­­bim und ich, ganz entspannt vor den Konsolen unseres kleinen aber feinen Restaurants, und genossen das friedliche Bild, das sich durch das Schaufenster vor unseren müden Augen abspielte. Wir hatten unsere Konsolen in einem uralten Lokal, dessen Fen-ster sich zu dem noch  urälteren  Englischen Garten hin öffneten. Die Sonne  stand über den Kronen der alten Bäume, zwei ganz kleine, weiße Wölkchen schwammen am blauen Himmel. Ich erinnerte mich an zwei Zeilen unseres Ur­lieds: „Und erhalte unsern Himmel / In den Farben Weiß und Blau...“

 

„Dschimbim, kannst Du dir so was Barbari-sches vor­stellen?“

„Was soll ich mir vorstellen, Sahib?“

Dschimbim pflegte mich mit „Sahib“ anzu-sprechen, um unsere Freundschaftsbeziehung zu unterstreichen. Er war mindestens genauso bajuwarisch wie ich, nach vier Ge­nerationen Dschimbims, die hier wohnten. Und der glor­reiche Kapitalismus hat schon seit langem alle Unter­schiede zwischen Reich und Arm, Inländer und Aus­länder, Hochgestellten und Untertanen abgeschafft: wir sind allesamt, in nur Hundert Jahren, zum genauso trans­parenten, virtuellen Wesen geworden!

„Na, hör mal, warum glaubst Du, daß ich Dir die Vorbe­reitung des Eißes, der Pommes und Salate überlassen habe?“

„Wegen der Hamburger, Sahib?“

„Genau, alter Kumpel!“

„Sie meinen, daß es mir, als Nachfahre jener Inder, die mit der Grünen Karte nach Bayern gekommen sind, etwas ausmachen würde, acht hundert Hamburger zuzu­be­reiten? Daß es mich, wegen meines alten Glaubens, ekeln könnte?“

Dschimbim sprach mich mit „Sie“ an, aus genau den­selben Gründen, aus denen er den Freundschafts­ausdruck „Sahib“ zu benutzen pflegte.

„Jawohl, Dschimbim! Ich habe mir Deinen Ekel vorge­stellt, und wollte es Dir ersparen. Ich selbst, nach nur fünf Generationen Rechtgläu-biger war erschüttert. Die Farbe jenes roten, zähen Fleisches, mit feine Nervensträngen, die ich durch die virtuelle Hackmaschine drehen mußte! Der Schrecken, der ich dabei empfand! Wie könnte ich Dir so etwas zumuten?!!“

„Ich verstehe, Sahib. Die Neukonvertierten sind meistens die eifrigsten Gläubigen.“

„Meinst Du, Dschimbim?“

„Jawohl, Sahib, ich verstehe es. Soll ich Dir er-zählen, wie es dazu kam?“

„Wieso, Dschimbim, Du hast doch kein Ge-schichtsim­plantat!“

„Ich nicht aber mein Vater hatte eins. Und er hat es mir erzählt.“

„Erzähle, Dschimbim...“

 

Die Sonne war halb versteckt von den Baum-kronen und färbte die Unterseite jener zwei Wölkchen, die immer noch in derselben Posi-tion am Himmel hingen, rosa.

 „Weißt du Sahib, vor langer, langer Zeit in Indien, meiner Urheimat, waren die Kühe gar nicht heilig...“

„Dschimbim, ich bitte Dich!“

„Warte, Sahib, bis ich mit der Geschichte zu Ende bin!“

„Dann los, mein Freund!“

„Die Kühe, wie gesagt, wurden gar nicht als heilig be­trachtet. Man hielt sie in Stallungen, melkte sie, machte Butter, Joghurt und Käse aus ihrer Milch, und aus ihrem Fleisch machte man - stell dir das vor, Sahib! – Schmor­braten, Fleischplanzerl...“

„Dschimbim, hör auf!“

„Gleich, Sahib, ich will deinen Glauben nicht auf die Probe stellen! Das macht die Gedan-kenpolizei sowieso...“

„Dschi...!“

„Wie gesagt, machte man Fleischpflanzerl, Suppen, Ta­fel­spitz und Pemmikan...“

„Falsch: Pemmikan machten die Indianer, die aus Ameri­ka, nicht die Inder!“

„Ach, Sahib, du und dein Geschichtsimplantat! OK, dann machten die Inder kein Pemmikan daraus. Aber, wie gesagt, betrachteten die Inder wie auch alle anderen Völ­ker der Welt, die Kühe als ganz normale Haustiere! Man züchtete sie, man mästerte sie, man benutzte alles, was einem die Kühe geben konnten...

Dann kam der Untergang: eine Seuche brach aus, die die Inder, die  früher  auf  ihren  Tafel-spitz  wie  alle  anderen Völker der Welt be-standen hatten, reihenweise dahinraffte. Ganze  Landstriche wurden entvölkert, man wußte nicht mehr was los war, die Hakims waren ratlos, die Radschas und die Gurus auch. Die Not war immens und niemand wußte Bescheid. Wie man so schön sagt: «Nichts gwisses woaß man net!» Irgendwann dämmerte es aber den alten Indern auf, daß die Seuche irgendwas mit dem Rind­fleisch­verzehr zu tun haben konnte. Die Rad­schas, stets um das Wohl des Volkes besorgt, verhängten ein absolutes Rinderfleisch Verkaufsverbot und ordneten das die Seuchen-träger vernichtet werden sollten. Da aber die alten Inder, die ein friedliches und tierliebendes Volk waren, sich mit dem Gedanken nicht an-freuden konnten, daß man unnütz Tiere schlachten darf, wurde aus dem Verkaufsverbot auch ein Schlachtverbot. Die indischen Bauern konnten sich aber nicht erlauben, die Tiere, die in ihren Stallungen weilten, umsonst zu füttern. Sie ließen sie deshalb frei, um im Dschungel zu grasen, in der Hoff­nung, die Tiger werden sie von den Qualen eines unnütz­en Lebens be-freien. Die Tiger aber, und die Schakale, konnten das Problem nicht lösen. Die Rinder konnten sich auch in der unfreudlichen Um-gebung behaupten...

Jahrhunderte später hatte man die Gründe, die zur Existenz grosser Kuhherden auf indischem Boden geführt hatten, längst vergessen. Die Philosophen, die Gurus haben angefangen, dar-über nachzugrübeln. Sie sahen, daß die Kühe sich trotz aller Wiedrigkeiten, vermehrten, sie sahen in der Gelassenheit, mit welcher sie die Gefahren und Entbehrungen auf sich nahmen, eine göttliche Ei­genschaft. Das Resultat ihrer Nachgrübelei gaben sie dem Volk weiter. So wurden die aus ihre Stallungen vertrie­benen Kühe, zu Ebenbilder einer Gottheit.“

Dschimbim schwieg.

 „Und weiter, Dschimbim?“

„Weiter? Es gibts nichts weiteres zu erzählen, Sahib, über die Zeit, als die Rinder noch nicht heilig waren.“

Dschimbim schwieg erneut. Ich schwieg auch, in meinem innersten Glauben erschüttert. Sollten die Kühe doch nicht heilig sein? Unmöglich! Sie sind es doch!

Ich sah durch das Schaufenster heraus, in die Richtung des alten Monopteros. Auf den Wie-sen lagen sie zu tau­senden, die Göttlichen, zufrieden im Abendrot: schwar­ze, weiße, ge-streifte Rinder... Ich dachte gleich­zeitig an die hunderttausenden friedlichen, freilaufenden Bul-len und Kühe, die auf den Wiesen, in den Wäldern und auf den Straßen unserer geliebten Heimat grasten, spazierten oder lagen... Und mein Geschichtsimplantat sagte mir gleich auch das Datum, an welchem sie endlich, nach Jahr-tausenden der Verfolgung, Einsperrung, Schlachtung und anschliessendem Verzehr, endlich auch hier heilig gesprochen worden waren...

 

„Sahib, paß auf! Wir haben eine neue Be-stellung! Wir sollen ein Abendmenü für zwei-hundert Touristen aus Tahiti auf die traditionelle alte Weise vorbereiten! Weißt du was sie unter «langem Schwein» meinen?“...

 

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Aus: „Mapuakhikotl – Neue skurrile Geschichten aus München, Bayern und sonst wo“, Verlag Radu Bărbulescu, München 2001.

 

 

  Schreiben Sie?

Schreiben Sie uns!

                   Ihre archenoah

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Gheorghe SASSARMANN

                    München

 

HATTUSÁS

 

Delaporte näherte sich schweigend dem Lager der Archäologen. Er hatte die Mauern dreimal umrundet, ohne ein einziges Tor zu entdecken. Von massiven Türmen bewacht, durch ein un-begreifliches Wunder auf den Gipfel eines ab-schüssigen Hügels gestellt, blieb die Festung im eingentlichsten Sinn des Wortes unbezwingbar. Die beinahe dreißig Meter hohen Mauern, die aus riesigen Andesitblöcken bestanden, kon-nten nicht erklettert werden. Sogar der Anstieg bis zu ihrem Fuß wäre für jeden, der über keine alpinistische Ausbildung verfügte, unmöglich gewesen. Delaporte warf das zusammengerollte Seil auf die andere Schulter. Die Stahlringe klirr-ten fröhlich aneinander. Er betrachte seine ge-schwollenen Hände; an der rechten Hand schmerzten zwei Finger heftig. Ein paar Schritte hinter ihm kamen Arik, Akurgal  und Bozkurt, die ihn auf der Unternehmung begleitet hatten. Die Wissenschaftler hatten sich erwartungsvoll vor dem Zelt von Texier jr. versammelt. Delaporte sah sie von fern, machte ihnen aber kein  Zeichen.

„Es ist klar“, sagte Rosenkranz, der wie meist Kaugummi kaute.

„Natürlich“ stimmten Kann und Balkan gleich-zeitig zu. Ceram vermied, sich vor Eintreffen des kleinen Trupps zu äußern. Im übrigen konn-te man den ermüdeten Gesichtern der Amateur-bergsteiger deutlich ansehen, daß alle Hoffnun-gen vergeblich gewesen waren. Neugierig ver-sammelten sie sich um die Ankömmlinge.

„Texier hat eine Stadt ohne Tore entdeckt und uns hierher gebracht, damit wir ihre Silhouette bewundern“, scherzte Delaporte ohne die ge-ringste Begeisterung.

„Kurz“, bestätigte Bozkurt, „wir haben nichts erreicht.“

„Überhaupt nichts?“

„Nichts“, antwortete Arik verbittert.

Sie schwiegen. Texier fühlte sich verpflichtet, eine Erklärung abzugeben.

„Ich kann nichts dafür, daß sie keine Tore hat. Ihr müßt zugeben, daß dieses Detail meine Entdeckung noch sensationeller macht. Daß man aus heiterem Himmel über eine drei Jahr-tausende alte Stadt stolpert, die bis heute vollkommen erhalten ist!“

„Sehr schön, aber was tun wir?“ Es folgte eine lange Debatte. Forrer schlug vor, einen Tunnel in den felsigen Hügel zu graben, der in der Mitte der Stadt münden sollte. Laroche widersprach ihm scharf und behauptete, daß es viel wirt-schaftlicher wäre, einen Teil der Mauer in die Luft zu sprengen. Messerschmidt schlug einen Bombenangriff aus der Luft vor und empfahl den Einsatz von Hubschraubern. Moortgat wi-dersetzte sich energisch:

„Damit bin ich auf keinen Fall einverstanden! Wir haben die einmalige Chance, die Stadt zu entdecken, die über dreitausend Jahre lang je-der Zerstörung widerstanden hat, und ausge-rechnet wir Archäologen sollen sie zerstören?! Können wir denn nur zwischen Ruinen leben?“

Delaporte hielt es für an der Zeit einzugreifen: „Wir können Schwierigkeiten mit den Einwoh-nern bekommen. Moortgat hat  recht.“ „Welche Einwohner?“ fuhr Hogarth auf. .„Die Stadt ist bewohnt“, erklärte ihm Bozkurt.

„Als wir den Hügel erkletterten, hörten wir sie sprechen“, fügte Akurgal hinzu. „Sie haben laute, durchdringende Stimmen.“

„Und das sagt ihr erst jetzt!“ schimpfte Hrozny, der sich seit einigen Wochen bemühte, die Sprache der Erbauer der Festung abzuleiten, indem er von der Konstruktion der Mauern ausging. „Was haben sie gesagt?“

„Wir haben nur zwei Worte behalten, die stets wiederkehrten: „múrsilis‘ und ‚hántilis‘.“

Hrozny erstarrte.

 „Genauso habe ich es mir vorgestellt“, stotterte er. „Gehen wir, wir können ihnen vielleicht eine Botschaft übermitteln.“

Die Archäologen setzten sich in Richtung auf den Hügel in Bewegung. Texier ging mit für sein Alter überraschender Schnelligkeit an der Spitze. Porada und Koschaker folgten in einigen Schritten Abstand. Dann kam das Gros der Expedition und am Schluß, erschöpft, die eben erst Zurückgekehrten. Alle redeten gleichzeitig, von plötzlicher, verdächtiger Begeisterung er-faßt. „Es bleibt noch die Variante mit dem trojanischen Pferd“, erklärte Rosenkranz.

„Eine Botschaft“, kreischte Hrozny erregt, der es trotz des eiligen Aufbruchs geschafft hatte, einen Grammophontrichter mitzunehmen.

„Múrsilis“, wiederholte Delaporte ununter-brochen.

„Ruhe!“ befahl Texier, als sie den Fuß des Hügels erreicht hatten. Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, legte Hrozny den  Grammophon-trichter an den Mund und schrie aus Leibes-kräften: „Sullát sullatár, sullamí sallatiwár!“

Sofort antwortete von jenseits der Mauer ein Chor von Stimmen: „Labárna hastáya, tabárna asharpáia!“

„Was, zum Teufel, ist das?“ ärgerte sich Ceram. Texier bedeutete ihm zu schweigen. Hrozny zuckte verwirrt die Achseln, um zu zeigen, daß er kein Wort verstanden hatte.

„Mitánni! mitánni!“ rief er beinahe verzweifelt in den Trichter, mit einem letzten, vergeblichen Versuch, eine gemeinsame Sprache zu  finden. Die anderen antworteten nicht. Die aschgrauen Mauern der Festung verliehen den Minuten vollkommener Stille einen kriegerischen An-strich. Dann erschienen auf den beiden Seiten des Hügels unerwartet die hethitischen Krieger in schnellen, von kleinen Pferden gezogenen Kampfwagen; sie trugen gespannte Bögen und Bronzebeile. Die großen, hölzernen Räder dröhnten betäubend und übertönten das Klappern der Hufe und die wilden Schreie der langhaarigen Kämpfer. Die Wissenschaftler waren in einen tödlichen Hinterhalt geraten. Jeder  Widerstand war zwecklos. Unvermittelt hielten die Wagen an.

„Hattilí supiluliúma“, sagte ein Krieger an der rechten Flanke im Ton  eines Unterhändlers.

„Antworten Sie nicht“, rief Moortgat Hrozny zu, „damit wir sie nicht provozieren.“

„Assúwa samúha tawanánna“, ließ der Krieger nicht locker.

„Karkemísch gasgás dattássa“, unterstützte ihn jemand von der  linken Flanke.

Aus der Festung kam der unsichtbare Chor: „Ziúla, zálpa huwarúwas!“

Die Krieger wurden hitziger: „Hattuschíl gurgúm kumúhu, telipínu putuhépa!“ „Hánis kánes pihassássis, hátti hálys muwatális!“ „Arnu-wándas kizzuwátna, pentipsáni purushánda, pámba pála  tapassánda!“

Als erster brach Hrozny zusammen, dessen Herz dieser lexikalischer Lawine nicht gewach-sen war. Die Hethiter schossen die Pfeile ab; die Beile wurden schwungvoll geschleudert. Einige Wissenschaftler brachen tödlich getrof-fen zusammen. Der Anführer der Krieger hob die Hand. Die Feindseligkeiten hörten auf.

„Vous avez voulu voir Hattusás“, sagte der Anführer in schönstem Schulfranzösisch, „hé bien, vous allez être exaucés!“ Einige Kämpfer stiegen aus den Wagen und fesselten die wenigen Überlebenden, die vor Entsetzen ver-stummt waren. Die Leichname wurden in die Kampfwagen geworfen. Der schwer verletzte Delaporte brüllte entsetzlich und wurde mit einer Lanze durchbohrt. Im gleichen Augenblick öffnete sich knarrend ein Tor zwischen den Fel-sen. Einige Minuten später waren die Hethiter mit Pferden, Wagen und Gefangenen in der dunklen Öffnung eines Tunnels verschwunden, das Tor fiel zu und wurde wieder zum undurch-dringlichen Fels. Kurz darauf waren alle Spuren des Zwischenfalls wie weggewischt. Und dann brachen die Mauern der Festung geräuschlos zusammen, wie in einem Traum. Seither hat niemand mehr die ehrenwerten Wissen-schaftler, die Mitglieder der archäologischen Expedition Texier jr. gesehen. Nur das verlasse-ne Lager, ein stummer Zeuge, erinnerte die Welt eine Zeitlang an ihr tragisches Schicksal. Dann verwandelten es der Wind, der Regen und die Neugierde der Einheimischen Zelt um Zelt in vielfarbigen Staub.

 

 

Aus dem Rumänischen übersetzt von Hilde Linnert. Erschienen in Science Fiction Story Reader 19, Wilhelm Heyne Verlag, München 1983

 


Laura RUMICH

           Köln

 

Ich bin ein Roboter

 

Ich bin ein Roboter, ein R85i.

Ich blute nicht. Ich weine nicht. Ich fühle nicht. Weiß nicht einmal, was es heißt zu bluten, zu weinen, zu fühlen.

Ich bin programmiert darauf die Menschen zu verarzten, ihnen die Wunden zu verbinden, ihnen Morphium zu spritzen, die Toten in die Massengräber zu karren.

Sie schreien, Schreie, die wohl tief aus dem Herzen kommen, die tiefer als die Unend-lichkeit sein müsse, doch ich arbeite weiter, stumm.

All das Blut auf den Pritschen der Ver-blutenden, sie haben keine Tränen mehr. Sind genauso tränenlos wie ich. In ihrem schon vom Tode trüben Blick sehe ich dieses nicht erloschene Verlangen nach Leben, welches ich nie verstand, nie hatte und nie haben werde. Ich verspüre kein Verlangen danach sie zu trösten, sie ruhig dem Tod zu übergeben, denn ich bin nicht programmiert auf fühlen. Nur monoton ohne Grund Leben „retten“, zumindest retten, was noch zu retten ist. Sie sterben mir dahin. Und ich habe kein Programm, um ihnen wenigstens eine Träne, eine Miene des Trostes oder des Mitleidens zu schenken.

Ich bin grau, unansehnlich, habe keine wirk-lichen Züge, keinen Knopf zum Lächeln. Laufe durch die Reihen der Angeschossenen, der Sterbenden, der Verblutenden, sehe sie und erfasse sie, identifiziere sie als Menschen, kranke Menschen, sterbende, angeschossene, verblutende Menschen, mit Hilfe meines Chips. Nähme man mir jenen heraus, so würde ich sie nicht erkennen, nicht einordnen, nicht beachten. Und sie müssten alle sterben.

Wie man mich doch manipulieren kann.

Der Mann in der Ecke, dem ich eben Mor-phium spritzte, ist ruhig, sein Blut ist geronnen. Die Kugel saß zu tief, riß ihm langsam sein Herz entzwei. Ich konnte nicht mehr helfen, konnte ihm nur seine Schmerzen nehmen, sie lindern, eine stille Weile. Und doch ist er tot, da liegt er mit einem in zwei gerissenen Herzen, welches vielleicht schon vor langer Zeit aufgehört hat zu schlagen.

Eine Träne rinnt aus meinem Glasauge, mein blechernes Gesicht hinab.

Ich WEINE. Ich fange mit meinen schrecklich kalten Metallfingern diese Träne auf. Da liegt sie nun in meiner Hand, warm glitzernd. Lebe ich?

 

 

Was ihr über mich wissen solltet:

 

Ich wurde am 24. Februar 1986 in Köln geboren. Meine Kindergarten- und Grundschulzeit verbrachte ich in Köln Lindenthal. Seit 1996 besuche ich nun das Elisabeth-von-Thüringen Gymnasium in Köln, zur Zeit die 9. Klasse.

Mein dreiwöchiges Betriebspraktikum habe ich in der Lokalredaktion des Kölner Express absolviert.

Meine Lieblingsfächer sind Deutsch, Geschichte, Politik und Kunst.

Seit Januar 1999 nehme ich an einem semiprofessionellen Schauspielkurs der Theaterakademie Köln teil.

In den Sommerferien 2000 habe ich einen Pantomimenkurs an der Scuola Teatro Dimitri in der Schweiz gemacht.

Meine Hobbys sind lesen, schreiben (Prosatexte und Kurzge-schichten), Musik hören, träumen, nachdenken, Freunde/innen treffen, telefonieren, lachen, Rad fahren und Bauchtanz.

Meine Lieblingsbücher sind ‘Aimée und Jaguar’ von Erica Fischer, ‘Der Gott der kleinen Dinge‘ von Arundhati Roy und ‘Komm, schwarze Nacht‘ von Marian Veevers.

Mein liebstes Theaterstück ist bisher ‘Der Urfaust‘ von Goethe.

 

Zu meinen Zukunftsplänen gehört nach dem Abitur das Studium der Germanistik und Philosophie. Unabhängig davon möchte ich weiterhin die Theaterakademie besuchen.

 

Ich schreibe immer dann, wenn ich es muss, dabei ist es mir völlig egal, wo ich bin, wie spät es ist oder wie ich mich fühle. 

Bisher sind einige meiner Texte in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen.

 

Laura Rumich

© Laura Rumich (13.9.2000)

 


Susanne de la Fuente

             Schweinfurt

 

Spätere Adoption ausgeschlossen

- Brief an ein verlorenes Geschwisterkind -

 

Liebes Du,

 

Du wärst mein Geschwisterkind gewesen, doch ich weiß nicht, wie Du heißt, weiß nicht, wie Du aussiehst, weiß nicht, wie alt Du bist. Keine Ahnung, wo Du lebst, wie Du lebst, was aus Dir geworden ist. Vielleicht bist Du auch zwei. Alles, was ich weiß, ist, daß Du denk­bar warst, doch zugleich völlig unmöglich. Ich war damals ein pu­bertierender Teenager - mit einer genauso pubertierenden Schwe­ster. Meine Mutter fand ihre zwei erwachsen werden wollenden Töchter nur noch schrecklich. Ich glaube, sie hat uns richtiggehend gehaßt. Doch das wußte natürlich niemand, denn wir waren der In­begriff einer glücklichen Familie, einer gelungenen heilen Welt. Nach außen hin wenigstens. Meine Mutter spürte zu dieser Zeit wohl deutlich, daß sie nicht mehr so richtig in ihrer einzigen Rolle - der des Mutterseins - aufgehen konnte. Da alles so heil war, das neue Haus fertiggebaut, das schicke Auto vor der Tür, der fleißige Vater in eine höhere Gehaltsstufe aufgestiegen, wollte sie noch ein­mal etwas Kleines zum Hätscheln. Wollte Dich als Spielzeug gegen ihre Langeweile. Meine Mutter, die ständig unsichere, ständig überforderte, hilflos schreiende Frau, die sich selbst nicht leiden konnte und mit dem Leben nicht zurechtkam, malte es sich so schön aus, sich die Liebe, die sie nicht finden konnte, von Dir, dem kleinen, auf sie angewiesenen Menschenkind zu holen. Sie schien völlig ver­gessen zu haben, daß auch Du - zwangsläufig - größer und selb­ständiger werden würdest. Du warst zunächst das kleine Mischlingskind aus dem Dorf, mit dem für sie unaussprechlichen italienischen Namen, dessen Klang ich über alles liebte. Man suchte Pflege-Eltern für Dich, weil Du unterernährt und winzig warst. Dein Lächeln war hinreißend, Du warst ein wunderbares Mädchen. Meine Mutter spielte mit Dir, wann immer sie Dir auf der Straße be­gegnete. Stillte ihr Verlangen nach Zärtlichkeit an Deinem kleinen Körper. Als man ihr auf ihren Antrag auf ein Pflegekind das Angebot machte, Dich anzunehmen, stand ihr das Entsetzen ins Gesicht ge­schrieben. Das kleine, niedliche Mädchen, das Du bis zu diesem Zeitpunkt warst, verwandelte sich augenblicklich in ein krankes, problembeladenes kleines Monster, das zudem diese schändliche Hautfarbe und die krausen Haare hatte. Du wurdest abgelehnt und in ein unbekanntes Nirgendwo verschickt. Mit der Begründung, Du würdest zuviel Arbeit machen und früher oder später das heile Fa­milienleben zerstören. Wenig später kamst Du in Gestalt von zwei kleinen Brüdern zurück, die von ihren leiblichen Eltern nicht mehr versorgt werden konnten. Du warst in Deiner zweifachen Ausfüh­rung einfach nur liebenswert, doch meine Mutter wollte sich nur die eine Hälfte von Dir aussuchen und die andere ins Unbekannte fortschicken. Zwei kleine Kinder waren zuviel für ihre Nerven. Zum Glück ließ man nicht zu, daß sie Deine Zweisamkeit zerstörte - warst Du doch in Deiner doppelten Ausführung Dein einziger Be­zugspunkt, Deine Geborgenheit und Dein Halt. Du kamst noch in vielerlei Gestalt an unsere Schwelle. Doch bei näherem Hinsehen entpupptest Du Dich jedes Mal als das kleine Monster, das gekom­men war, um unsere Familie zu zerstören. In jeder Deiner Gestalten wurdest Du von meiner Mutter abgelehnt. Du konntest ihrer Ideal­vorstellung von einem Kindchen nicht entsprechen, denn Du bist als Mensch gekommen und nicht als gottgleiches Wesen, das ohne Ma­kel in die Welt gekommen war. Sei froh, mein kleines Du, daß Du immer wieder weggeschickt wurdest. Denn irgendwann merkte ich, daß meine Mutter kein Kind, sondern ein Spielzeug wollte. Du hät­test ohnehin nur solange bleiben können, bis sie Deiner genauso überdrüssig gewesen wäre wie ihrer eigenen Töchter. Eine spätere Adoption hatte sie von vorneherein ausgeschlossen, denn das wäre zu teuer gewesen. Ein Kind ernähren ohne Unterstützung vom Ju­gendamt - von dieser Sorte hatte sie schon zwei mißratene Gören. Sie wollte Dich zurückgeben können, wann immer Du unbequem zu werden drohtest. Wollte ihr lästig gewordenes Spielzeug beseitigen können. Selbst wenn es mich auch heute noch manchmal traurig macht, daß Du nicht zu uns kommen durftest, so bin ich doch dank­bar, daß Du für mich verloren warst, bevor es Dich gab. Meine Mutter hätte Dich nie als Menschen geliebt. Und ich hätte Dich nicht vor ihr beschützen können. Wer immer Du sein magst, kleines, großes Du, freue Dich darüber, daß Du Deine Freiheit und Deine Würde als Mensch bewahrt hast.

 

                              In Liebe

 

               Deine große Schwester, die ich nie war


Carla KRAUS

         Wien

 

Die Angst

 

Mein Freud hat immer Angst:

Angst vor einer neuen Anstellung,

vor anderen neuen Situationen und Menschen.

Lieber Jim,

ich möchte Dir Deine Angst nehmen,

sie unter den Arm klemmen wie einen alten Hanswurst,

sie umarmen und überreden

vielleicht ist sie in Wirklichkeit eine

charmante Freundin für Dich,

auf die ich dann eifersüchtig werde

ich möchte Dir die Sorgen von den Augen ablesen

und werfe mich für Dich in’s Getümmel des Alltags

auch ich fürchte mich

auch ich habe Alpträume

doch werde ich zur Löwenmutter,

wenn es um Dich und Deine Kümmernisse geht

blas’ sie weg, die Angst,

wie graue Samen von Löwenzahn

ich küss’ sie Dir von der Stirne

bis Du tapfer wirst,

mein goßer Held.

 

 

Dank für Deine Freundschaft

 

Für Stephen

 

Ich muß Dir danken,

denn Deine Freundschaft durch so lange Zeit war ein wahrer Schatz

so gut ist es, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und kämpft

und es hilft ein guter Freund

sieben Jahre unserer Freundschaft und wir stritten nie –

vielleicht mit einer einzigen Ausnahme

und da war ICH schuld!

Du bekamst immer eine tiefe Stimme,

wenn etwas Dich ärgerte,

aber ich konnte Dich trösten!

Manche Leute können nicht mit Dir auskommen,

aber ich höre Dir und Deinen Problemen zu

und bringe Dich wieder auf die Erde zurück

ich muß schon etwas Beruhigendes an mich haben,

denn – ich glaube – Du liebst mich nicht

wie zwischen Frau und Mann,

sondern ich bin eine alte Freundin,

die schon durch viel Feuer und Eis mit Dir gegangen ist

ich kenne Menschen, die in Geld schwimmen,

und dennoch unzufrieden sind,

sie suchen Liebe und Freundschaft,

sind aber zu egoistisch dazu

wir beide sind gerade nicht überhäuft mit irdischen Gütern,

aber wir besitzen Reichtümer an Zuneigung

Lieber Stephen,

tausend Mal danke für Deine unbeirrbare Freundschaft!

 

 

Wenn das nicht Liebe ist...

 

Wenn das nicht Liebe ist,

wie ähnlich ist es ihr

und ich glaube, es ist die große Liwebe,

nur gefiltert durch Einander-Gewöhntsein,

wenn ich meinem Freund Stephen schreibe,

erwähne ich nicht das Vertrauen, das ich in ihn habe

ich verschweige meine Gefühle

und kann auch nicht darüber philosophieren

das hat er auch bemerkt

und in einem Gedicht niedergeschrieben

er versichert mir seine Liebe,

wenn wir miteinander telephonieren

so weit sind wir auseinander,

aber wir beide bleiben treu

wir gingen schon durch manches Feuer

wir sind einander ähnlich und ergänzen unsere Charaktere

er hat kein Geld,

und trotzdem schenkt er mir Gedichte oder Kleinigkeiten

ich bin auch arm

und spare mir die letzten für ihn vom Mund ab

die Umgebung akzeptiert uns als Paar

niemand rät von der Verbindung ab

und untergräbt unsere Zuneigung.

Wenn das nicht Liebe ist...

 

Mein sanftmütiger Freund

 

Ich schenkte ihm einen kleinen Azaleenstock,

der eine Woche später voll erblüht war

mein Freund hatte sich so gefreut,

dass er darüber ein Gedicht geschrieben hatte

S. ist kein Kraftlackel wie die meisten Männer,

er liebt Blumen und hat „grüne Finger“

er ist zartfühlend und rücksichtsvoll

Was haben nicht andere Männer vor ihm mit mir versucht?

Einer nannte mich nicht bei meinem wirklichen Vornamen,

sondern rief mich „Mitzi“,

was einer Herabsetzung gleichkam,

denn so heißen nur die Zimmermädchen und Diener in den britischen Komödien

ein anderer setzte mich mit dem Rücken zum geschmückten Weihnachtsbaum

und durchkreuzte so meine Pläne zu einer Feier

er machte sich auch vor seinen Freunden über mich lustig

der nächste erwartete, sofort mit Essen bedient zu werden

und sagte zu mir: „Dalli, dalli, wo ist die Suppe?“

Da ist mir ein sensibler Azaleenfreund lieber

Lieber S.,

Du bist zwar eine Zirkusnummer,

aber ich schätze Deine Gegenwart und Hilfe

vielleicht blüht der Azaleenstock wieder und wieder.

 

 

Sehnsucht in Puchberg

 

Für Stephen

 

Jetzt bin ich in einem urlaubsparadies

Vor meinem Fenster erstrecken sich grüne Wiesen und der verschneite Berg

Katze Muschi lässt sich streicheln

Und ich esse Schnitzel und nachher Marzipan

Doch alles genügt mir nicht; Du fehlst mir

Auf meinen Ausflügen traue ich mich nicht weit gehen,

so gerne hörte ich Dein Schnarchen in der Nacht

und dann würdest Du mir beim Geschirrwaschen helfen

doch Du bist weit weg

Du beneidest mich um meine Ferien,

denn Du kennst die Gegend und liebst sie auch

ich kann Dir nur hilfslose Ansichtskarten schreiben

und hoffen, dass Du einmal kommen wirst,

wahrscheinlich zu spät

Liebster, ich vermisse Dich und Deine brummige Stimme

Weiße Tauben fliegen vorbei,

so gerne gäbe ich ihnen eine Botschaft für Dich mit

Laß’ uns hoffen auf ein nächste Mal!

 

 

Die Wartezeit

 

Es regnet Kirschblüten

Das Kind in meinem Bauch spricht zu mir

Doch bald ist Altweibersommer

Und die Ahornblätter sind rot und gelb

Torkeln der Erde zu

Ich bin nur halb gesund

Und kann kein Kind bekommen

Von Dir, Liebster

Kommst Du bald

Oder lässt Du mich in dieser Kälte allein?

Ich warte schon so lange,

eine wahre Ewigkeit

wer weiß, wie Du Dich verändert hast

und ob es nur Floskeln sind,

die Du für mich übrighast

ich betrüge Dich nicht

und setze über alle Hindernisse hinweg

ich sitze vor dem Haus

bei jedem Wetter

und warte auf Dich.

 


Renate SHMADALLA

          Bad Münder

 

*

 

Hast Deine Spuren hinterlassen

auf meinem Weg –

tiefe Eindrücke,

die Dich verraten

als den Täter,

der ihn begangen hat,

den Einbruch

in mein Leben...

 

 

*

 

Ich, Wildkatze

 

umschleiche Dich in weitem Bogen

auf Samtpfoten,

streiche dann vorsichtig um Deine Beine,

 

nehme Witterung auf,

habe sensible Antennen –

Freund oder Feind?

Ich spüre, Du bist mein Freund,

denn Du liebst Katzen....

    Du wirst mich nie

    völlig zähmen können,

    doch ich will Deine Freundin sein,

    Deine wilde, zärtliche Katzenfreundin.

 

 

*

 

Du hast gesagt:

Nimm meine Träume

    in Deine beiden Hände –

bewahre sie gut,

sie sind zerbrechlich...

    Und ich nahm

    deinen Traum

    und meinen Traum

    und es war

    UNSER Traum...


*

 

Wie ein Flügelschlag

der Zeit –

wie ein Augenblick

der Ewigkeit

Dein Lächeln

wahrgenommen

in Sekunden –

und doch

z e i t l o s...

 

 

*

 

Im Stau der Gefühle

steckengeblieben –

    keine Aussicht

    auf Weiterfahrt

    vorerst –

stop and go

stop and go…

    Aber

w i l l ich weiterfahren..?

 

 

Wagnis Zukunft

 

Ich wagte es

Dich zu lieben

in der Vergangenheit –

ich wage es

Dich zu lieben – jetzt –

und in der Zukunft

trotz aller Widerstände –

und so lange wir beide

zuhause sind

in der blühenden Wildnis

unserer Gedanken – und –

in der Wirklichkeit...

 

 


Gisela M. KIRBACH

            München

 

Salz und Staub auf meinem Leib

 

Für Adnan I. und seinen Bruder Adel zum Gedächtnis

 

Fällt die Trauer über mich her,

deckt mich ein schweres schwarzes Tuch.

Mit Tränen verschleierte Augen

sehe ich das Gesicht meiner Mutter,

meines Vaters, meiner Geschwister

in der Ferne,

sehe in den wachsamen Augen der Großmutter

verborgene Liebe und Wärme.

 

Lasse das Wort „Heimat“

auf meiner Zunge zergehen,

wie köstliche Süßigkeit.

Pistazien, Mandeln,

Honig, Harz und Tahin.

Rieche meine Gewürze.

Rieche den Duft wilder Rosen,

des Jasmin, der Mimosen, flüchtig,

so eilen die scheuen Frauen dahin.

 

Fühle das Salz und den Staub

des Sandes rauh auf meinem Leib

und meiner Seele darin,

die unter dem schweren, schwarzen

Tuch verborgen bleibt,

solange ich fern meiner Heimat bin.

Eines Tages oder eines Nachts

werde ich heimkehren,

werde mein Leben erfüllen

werde mich dann in ein leichtes

und weißes Tuch hüllen.

 

 

Klarheit

 

Mit meinem klaren, spröden Kristall

suche ich, behutsam spaltend,

in die Schale Deiner Verschlossenheit zu gelangen.

Bin ich zu zaghaft, löse ich Bruchstücke nur

und Dein Inneres bleibt,

wie in einem Panzer gefangen und

verborgen, wie der Keim im Korn mir;

doch bin ich zu heftig, berühre ich Wunden,

bereite Verletzung und Schmerz Dir.

Dann bist Du nur noch Abwehr und Schweigen

und es zerschellt der Kristall,

doch die Sonne mag sich in meinen Splittern brechen

und tausendfach Wärme und Licht überall und

die Schale kann bersten und

Du wirst nicht mehr Leiden.

 

 

Nebelsee

 

Vorbei schlingernd,

am Ufer des Nebelsees

funken flackernde Lichter

den Morgen herbei.

 

Schwebende Baumkronen,

schwarz-grau getupft

in den See, erwarten

erste zaghafte Weckrufe.

 

Feuchte Schleier wallen,

verleiten hastende Irrlichter

die ihren Saum abtasten,

zu kühnen Manövern.

 

Ahnungslos saugen Wesen

den Zauber in ihre Träume

die im Osten verblassen

und dann in die Tiefe sinken.

 

 

Wolkenschau

 

Halb in der Dämmerung schon,

gefangen vom Schauspiel

unter dem ewigen Blau,

seh’ ich die Wolken jagen.

türmend, verschmelzend geschichtet,

von Winden getrieben

leuchtend in erdigen Farben.

 

Wo kommt ihr her?

Aus Südwesten, würdet ihr sagen.

aus feinen Nebeln kondensiert

unten am Meer, konzentriert

über den Bergen schwebend

bald feine Tröpfchen,

Kristalle webend.

 

Euch mit den schönen Namen

Stratus, Nimbus und Kumulus

durchleuchtet die Sonne

mit letzten Strahlen goldgelb

ocker und dunkelrot

durchzogen von lehmigen Grau,

bis ihr,

wie nach einem Fest

den Gast, bewegt und beschenkt

in das Dunkel entlässt.

 

 

Sprache

 

Meine Sprache hatte sich von mir abgespalten,

der Keil der Floskeln, Normen, Formen

wurde schmerzhaft zwischen uns getrieben.

Ich hab es zugelassen,

bis...

jetzt bin ich meine Sprache, die

klar und ehrlich aus mir heraus will,

ohne Schönfärberei und toxisch frei.

Weiß wie die Unschuld des Kindes,

grau wie die Melancholie,

schwarz wie die Trauer und doch,

wenn das tiefe Gefühl sprechen will,

geschmückt mit den Farben des Regenbogens,

voll Pathos und leuchtend und bunt, denn

jetzt bin ICH meine Sprache.

 

 

In der Nacht

 

Gedanken, verborgen

Tauchen herauf

Aus den Tiefen, bei Nacht.

Umkreisen mit Luna

Die Erde, die Sonne

Du wollen Licht und Klarheit

Und strahlen in dunkle Räume

Auf der Suche nach Echo.

 

Heftig pocht das Blut

In den Adern.

Fließt in heimlichen Bahnen,

wie die Gedanken,

verändert sich ständig,

durch das was ihm zukommt,

schwer oder leicht,

heil oder krank.

 

Fühlt auch der Körper noch,

Gedanken, befreit

Sind längst auf der Reise.

Der Geist entlädt sich

In wirre und kühne Träume,

angstvoll dem Sog

dfer Bedrohung entweichend,

aus dunklen moosigen Wassern.

Ungewiß in die Tiefe stürzend

Doch dann, noch betäubt und

Benommen, aufgefangen

Vom lichten Morgen.

 

 

Wettkampf Religion

 

Global.

Animistisch, polytheistisch,

anthropo-morphistisch,

monotheistisch,

Buddhistisch, christlich, islamisch,

jüdisch, hinduistisch.

 

Realität oder Fiktion?

Mystik, Askese, Martyrium.

Bekenntnis, Geständnis,

Inquisition,

Zweifel, Aufgabe, Resignation.

 

Verbot, Kriege,

Zerstörung und Tod.

Un- oder gläubig?

Wer hat die Erkenntnis

Der uns vereinigt,

läutert und reinigt?

 

Wer auf den Plätzen

Weiß man es schon

Am Ziel des Wettkampfes

Religion?

Vielleicht die Ersten doch

Die Letzten?


Frederike Haberkamp

                 Bonn

 

 

eclipse teil 1

 

auf einer großen

dunklen bühne des

lebens auf der keiner

kein einziges dunkles

wort zu mir sprach

hatte ich den, meinen

text vergessen –

auf den brettern, über

der bühne schwebte es

wie atem –

ein film

ein vogelnest durch

die winterzweige

betrachtet

eine begegnung

dann das unsichtbare

glühen und die machanik

der johannisbeeren

glühwürmchen

glühwein

und das schwebende

spielende, schließlich

flimmernde licht über den

aufgezogenen jalousien

der zeit, die lichtschablone

über dem tanzenden licht

der tanz durch die häkelvor

hänge betrachtet in stäbchen

schob sich über die auf

brechende holzmaserung

ganz kurz sah ich davor

das richtige marmormuster

die aufgeschriebenen notizen

die testamente

die wenigen briefe

die abrechnung des jahrhunderts.

 

*

 

träume in der

schneeglöckchen

gläsernem spiel

in der traummaschienerie

in der bunten

lampininzeile

eines kaltgeistes.

 

*

 

langsamer,

den kristallatem der

nacht wenige tage

zuvor unzerstört

das rote frost siegel

ein zeichen am rand

ein zurückgespulter

anfang

schneeflocken die in

ein altes in ein neues

vogelnest fallen

ein co-indigoingo im

i-ging

frankly be careful in

omas aufzügen.

 

*

 

so verdorrt in andorra

die fette distel

der schatten des lor

beerblattes auf casablanca

der wuchs da –

die genaue eukalyptus

temperatur unter den

schwarzen tränen der

nacht.

 

*

 

in einem schwarzen spiegel

sitzt sie

in einer alten marmor

geäderten werkstatt

zweifach ist der

schwarze spiegel um ihr

handgelenk gewunden es sind

ein großer und ein kleiner

spiegel

wie ein offenen striegel

wie einen schwarzen spiegel

lielt ich den spiegel in

meiner linken hand darin

sie sich sah und niewieder

sieht. unaufhörlich zischt

dort das glas noch ein paar

bilderlein.


Anja-Nadine Mayer

     Röthenbach/Pegnitz

 

Keilschrift

 

Frühlingshonig fließt durch frostkristall

in wurzeln wachsen erste sterne

winterwipfel zelten lichtoasen

 

wo ich die keilschrift

Deiner sohlen las.

 

 

Leinengiebel

 

Aus brückenpfeilern wachsen leinengiebel

im flutschatten an docks vorbei

kräne heben rostverzierte leichen

im schleusenstau der frachtschiffschrei

 

wo elbenten möwensegeln weichen

wo hafenkot in kielkanäle klatscht

da tragen backsteinbäume keine ziegel

und westwindspiel das fahle laub vernascht.

 

 

Nordseeherzen

 

Leinensegel

möwenkutter

nordwindfutter

krabbenfang

 

salzgeschmack

wattenweisen

muschelriesen

nordseeherzen

 

friesentee

deichgedränge

mühlenklänge

leuchtturmringe

 

in dünenburgen

Dich zu lieben

sterne sieben

wolken schieben

nordseeherzen


Regenschatten

 

In Regenschatten

summen dürre bäume

wortlos starr

und ohne melodie

 

in wurzelspitzen

stocken zukunftsträume

knospen bahren

wiegengrün

 

an pfützenstränden

bleichen farbenschäume

sporen saugen

nebeltran

 

in regenschatten

summen dürre bäume

bei tropfendurst

vor glas und stahl

 

 

Zwei Sterne

 

Zwei sterne am himmel

in tiefschwarzer nacht

zwei augen am himmel

mitternachtswacht

 

sie rasten sie hasten

auf zeitloser bahn

will einer verweilen

der andere treibt an

 

will einer verblassen

der andere verglühen

der andere erlischt

 

auch wenn sie sich fassen

sie greifen nur licht

so folgt einer dem andern

sie führen sich nicht


Donnerfrüchte

 

Wenn blitzableger weiß aus himmeln sprießen

blütenstaub in zartem nass vergießen

dunkle wolken donnerfrüchte tragen

 

wenn bäume sich in blitze ducken

in wipfel feuerzungen ziucken

nach grünem leben stürmisch jagen

 

blitze können leidenschaftlich küssen

legen jäh des himmels seele offen

lassen stets auf regenbögen hoffen

die stamm und blatt erlösen müssen

 

 

Flugübung der Nacht

 

Schwungvoll schwingen morgentöne

wasserperlend dämmerpracht

wolkensoli

opustropfen

flugübung der nacht

 

azurtau fließt als gletscherbach

im blütenaufgang durch den takt

federchöre

stimmensalti

flugübung der nacht

 

hungrig gieren blattpigmente

nach sonnenbrot am horizont

sterntenöre

laubgeflüster

flugübung der nacht

 

 

Drähte

 

Mit drähten

wurde viel geschunden

 

mit drähten

alle welt verbunden

 

in drähte

stachel eingebracht


durch drähte

zünder scharf gemacht

 

drähte ersetzen

hanf und seil

 

drähte verdrängten

schwert und beil

 

drähte verenden

in eigenen schlingen

 

drahtlos jetzt drähte

ihr chaos besingen

 

 

Straßensoldaten

 

Wie soldaten elegant

stehen sie mit stolzen köpfen

wer beim gehen sie begrüßt

wie mit warmem blick beschenkt

sieht ihr lächeln unter schöpfen

 

im winde wehen die gewänder

an straßenecken häuserzeilen

ungeschützt in grünem samt

wo sie auf moderfeuchtem boden

tag und nacht stets stramm verweilen

 

wo hunde ihr revier markieren

erzittern sie im dreck der straßen

wo bienen sich hingebungsvoll

an ihrem süßen duft erleben

versteckenspiel mit  pudernasen

 

nachts wenn sie im stehen schlafen

gestützt in grün auf schild und speer

schleicht im dunklen hausgewand

ein mädchen sich an sie heran

und köpft geschickt das ganze heer

 

entdeckt ein blick just tags darauf

die gaube über ziegeldächern

verbleichen hinter trüben scheiben

diee nachts gefallenen soldaten

-         beigesetzt in joghurtbechern


Britta ZEILER

Coimbra/Portugal

 

Aufbruch

 

Eines Tages

fährt man los und

über eine Grenze und

hält

in einem anderen Land und

fährt weiter und

rastet

in einem anderen Land und

fährt wieder und

über mehr Grenzen

in immer fernere Länder

bis

man

in der Fremde

bleibt.

 

Aber

so einfach

ist das nicht,

denn

man führt

die wahre Grenze

mit sich.

 

 

Heimat

 

Schnell

schleicht sich

ein Gefühl

der Zugehörigkeit ein:

Entdeckern gleich

setzen wir Fuß

auf unbekanntes Land,

nennen es unser –

wenngleich nur für Stunden,

Tage vergehen

in wachsender Vertrautheit,

bis wir weiterziehen,

wehmutig,

das Beheimatete zurückzulassen

nach kurzem Gruß.

 

Gespannt

auf Neues

tragen wir die Erinnerung

in uns, verleben

im Traum Augenblicke

des Vergangenen;

werden rastlos:

noch einmal

weiter

fort!

 

 

Zart besaitet

 

Wisse:

weithin

leuchten sie

in frischem Gelb,

durchfluten

das Land.

Belasse

die duftenden Strahlen,

in ihrem Circen;

leicht

verdirbt

ihr samtener Reiz

durch deine Hand –

denn allzu lose

sitzen

die Blüten der Mimose.

 

 

Tocha

 

Fern funkelnd

ziehen Wellen

aus schillernden Schuppen

näher.

Einer

folgt immer

dem Glitzern:

verfällt,

zu spät gewahr der Gewalt,

dem schäumenden Tosen und

zieht hinaus

in trügerische Arme;

mit Grausen grüßt er

von fern

das Strahlen des Trandes,

der milde lächelt.

Fern spiegeln

seine Augen

das goldene Funkeln.

 

Woge um Woge

kündet

des Meeres

Rauschen

einen Freund;

saugt

gierig

seine Spuren ein,

um ihn

auf ewig

zu binden.

 

 

Fischer

 

Nachts

unter vielen

mit Ködern und Netzen

zieht er aus,

genügsam,

für eine Handvoll

kleiner Fische;

 

stets im Traum,

einzufahren

ins Licht

mit dem Fang, der

unvergessen macht.

 

Die meisten freilich

- selbstgefällig im Einfachen –

begnügen sich

mit leichter Beute

morgens

heimzuschwappen

auf leise Wogen,

die sie

an den Strand entlassen,

wo ihre Spur versandet:

in einem Meer

zermalmter Muscheln.

 

 

Cabo de Trafalgar

 

Vom Wind

gekräuselt

säuseln

die Wellen

vom großen Nelson,

der einst,

unterlegen an Schiffen,

die spanisch-französischen schlug,

Einhalt gebietend

dem kleinen Napoleon.

 

Im Triumph

aber starb

er, wohl heldenhaft,

sank mit

den feindlichen Planken

ins schwarze Nichts zu zerschellen

an den Felsen

unter Wasser.

 

Erloschen auch

der steinerne Leuchtturm,

Grabmal,

halb zerfallen schon,

milde Gabe für

den Sieg,

der unbedankt blieb.

 

 

Marruecos

 

Ganz nah schien

das Land in der Ferne,

marin-blau;

fasziniert

ruderte er hinaus,

dem Fremden entgegen,

doch kam kaum

näher,

vielmehr schwand

der Umriß in Dunst

und zog Schleier vor

seine orientalischen Augen.

Im Blick zurück

war alles eins:

Himmel und Meer, Horizont.

ziellos treibend, ausgesetzt,

ins Blau weithin,

schloß er die Augen,

träumte vom hässlichen Schrei

der Möwen, der weckte,

und

lachte.

 

 

 

 

Steckbrief

 

BRITTA ZEILER: Geboren am 14. 12. 1971 in Salzburg. Studium der Germanistik und Anglistik/Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz und der Rijksuniversität in Groningen, NL, danach Absol-vierung des Universitätslehrgangs Deutsch als Fremdsprache. Unterrichtet an der Universität von Coimbra. Schreibt Lyrik u. a. über ihre Erfahrungen „in der Fremde“.

 

 


Anat-Katharina KALMAN

                 Paris

 

Schmerz

 

Durch den kalten Strahl der Laterne

am vereisten Fenster

Schattentänze der Zweige

in stummen Gebaerden

Gedanken weben

 

Im Raume quillt Schweigen

wie in Wunden das Blut

Abends färbt das Nichts sich schwarz

da dort, wo Stille sich erbricht

 Gefühle erglasen  

 

 

Löwenzahnkind

 

Im Trotzdem geboren

musstest Du selbst

den Zauberwagen Deines Lebens ziehen

Unerwünscht, geschlagen

warst Du im Weinen allein

Böse Worte scharf wie Messer

zerschnitten  Dir

dein Seelenkleid

Und was sie in Dir nicht töten konnten

haben sie Dir gestohlen

Mächtig und starr standen sie vor Dir

gleich Winterbäume, schwarz und karg

in der kalten Nacht

 

Doch Du hast den Blick gen' Himmel gewandt

und dem ewigen Morgen Dir abgetrotzt

einen Kuss

Der bleiernen Traurigkeit

Deine Lebenslinien entgegengehalten

Vom Schmutz befreit die Spuren Deines Weges

„Wild geboren bin ich !"

Hast Du ihnen entgegengeschleudert

und daraus einen neuen Anfang gemacht

 

Löwenzahnkind ! Sieh!

Nun blinkt er Dir zu

Dein Stern

Dort!    

gleich neben der Mitternachtssonne

 

 


Stille

 

Stille

endgültigen Hierseins,

aus den Dingen entwachsen

im geduldigen Horchen

aufwärtsgleitend,

blicke ich Dir lange ins Gesicht

 

Im Triebwerk

zeitraffender Geschäftigkeit

und im buntgrellen Aufflackern

hastiger Metropolenlichter,

schenkst Du mir

Deinen Vorrat an Schweigen

 

Du bist der Tempel,

der den Steinherzen

im internetsprühenden Getöse

der Globalisierung,

eine Luke öffnet - hin

zur horizontlosen Unendlichkeit

 

 

Im Park

 

Die Zeit ein Glockenschlag,

umspielt von Zwitschern und Zirpen.

Ein Harmonietropfen

begleitet vom Rythmus der Schritte,

die die Wasserspiele

der Springbrunnen umschreiten.

Hier spielen der Blumen Düfte,

die im Windhauch hängen,

der Freude

kristallklare Melodie

 

Die Zeit ein Lichtzauber,

eingewoben in der Wolken Zug

Ein Blütensonnenspiel

flackernd im Blicke jener Augen,

die  selbst noch tief im Schatten

den Schein erkennen.

Hier zeichnen die bunten Farben,

die im Windhauch leuchten,

der Ruhe

vielfältiges Wirken.

 

Die Zeit ein Atemzug

spürbar endlos und morgenfrei

Ein Verweilen

eingebettet in die Wunschlosigkeit,

die der Zufriedenheit den Spiegel

des Seins entgegenhält.

Hier entschlüsseln die Gedanken,

die durch den Windhauch streifen

des Lebens

unglaubliche Legende

 

 

Ideologie

 

Brechendes

gebrochenes

Wort

Du stehst getrennt

von der Welt

mitten in ihr

und entfachst

glasklare

Trugsplitter,

spitz

von

unversöhnlicher

Schärfe,

bricht sich

in ihnen

nur der brennende Strahl,

der jene blendet,

die

im grellen Winkel

des Zerbrochenen

das Blau des Himmels

suchen.

 

 

Der Friede

 

Dunkler Duft der Erde

durch das kühle Rauschen

Deiner Baumkronen

erblickte das Kind

den wandernd stillen Zug

weisser Wolken

dahingleitend

in der blauen Ferne

 

Kastanienrot im Herbstlaubfall

aus verregnet tänzelnden

Blättern

flocht es

zwischen Girlanden und Moos

Wunschkronen

umwoben vom Feenreich

grosser Hoffnungen

 

Und als der Strahlenschweif

der  Nachmittagssonne

regenbogenbunt

den Wald  durchdrang,


 

setzte sich der Totenvogel

auf den Zweig

laut zwitschernd

das Ende kündigend

das jeder Friede in sich trägt

 

 

Heimkehr

 

Heute kehre ich zurück

Azem !

In das kleine Dorf

am Berghang meiner Kindheit

zu den Wurzeln

der Olivenbäume meiner Mutter

zu den Zypressen

die blühend

dem blauen Atlas entgegenschweigen

zu den Wolken

die die Spitzen

der hoch gelegenen Felder umziehen

und zu den Steinbrunnen

die das Wasser des Himmels

zum Wellenspiegel  des Lebens machen

 

Heute kehre ich zurück

Azem !

Aus der grossen, lärmenden Stadt

den Glaspalästen schillernder Wunschblasen

die mich

mit ihrem Kämpfen und Ringen

erfolgversprechend

in die Ferne lockten

 

Heute kehre ich zurück,

denn still

will ich mich

in meiner Erde wiegen.

 

Die Naht der Welt
ist ein Kreuzstich
aus geronnenem Blut.


Iulia PANă

    Konstanza

 

ich habe die liebe in gedichte bemessen

(am măsurat dragostea în poeme)

 

küsse – küsse als maßeinheit

des lebens – der zeit – des weinens

jener die ohne betäubung operiert wurden – jener die,

wie du herausgeschnitten – zwischen gummiwänden festgehalten

herren über frauenreste, liebhaber des

stillen händeklatschens während des orgasmus

küsse – maßeinheitsküsse

man kannn sie in dem blöden spiel das von jenen

erfunden wurde, die es liebe nannten

grausam benutzt man die reime wenn es einen

liebhaber der falschheit gibt

der ein big problem mit der aussprache

der wörter hat, die im gedicht folgen

küsse – küsse als maßeinheiten

für die wünsche die an dir zehren

die dich dazu bringen die fleischhülle

deinen schild – die knochen- und knorpelschup-pen aufzugeben

dass du nur in einem Häutchen bekleidet, nackt in dem vergesslichen wasser des lebens bleibst

du bist noch nicht hast dich noch nicht herausgezogen

küsse – küsse als maßeinheiten

für dich für deine zwischen den

rissen der erinnerung gepresste zeit

ich weiß was ich will – ich will dich gebären.

 

 

erinnerungen aus dem rathauskeller

(amintiri din pivniţele primăriei)

 

es war als ob im rathauskeller

zwergbäume wachsen würden – heilkräuter

pfeifentabak und lampengläser

dort waren die erinnerungen der

wichtigsten stadtpersönlichkeiten aufbewahrt

personen mit schweren behinderungen

leute die sechs finger und sechs zehen hatten

gelatinwesen-wasserköpfe

buckelige und andere

die kette des inzestes in der verlorenen zeit

der stadt 

dort unter in einem kreidebunker vertrieben die

mit präsident und ausweisen versehenen aufständischen

jede vierte jahr die bürgermeister

immer öfter drangen drausen skandalöse geräusche

jauchzen und stöhnen als ob in den kellern

gestorben würde

man sagte dass, eine stotternde bebrillte reporterin

ihre jungfräulichkeit an jenem orte

verloren hätte

vielleicht sorgte ein mister poltergeist dafür, dass ihr bild oft auf den

gesuchen des bürgermeisters erschien

es war als ob im rathauskeller

die tiere von Kafka aufbewahrt würden

insekten und haarige tiere

die metamorphosen der alten verschwundenen

fonktionäre und die plakate die die ankunft der

amerikaner verkündeten

und irgendwo in einer ecke – die ratten.

 

 

*

 

ich will total leben

wie ein unendliches gitarrensolo… gary moor soll mir

spielen du sollst mich küssen...

komm und mach mich... in deinen rhythmus sprudeln

mach mich singen so wie ich es nicht wissen werde

 

heb mich in deinen armen bis in den himmel

dass ich auf deinem gitarrengriff gleite

jede zuckung soll auf den dünnen saiten ein akkord werden

dass wir beide in die von goldenen tränen

beschlagene zeit

mit leidenschaft oder sanft weinen

durch das innere soll es singen soll es weinen

die liebe und die musik teilen das leben in lebensportionen

leidenschaft, sänfte und angst

die angst dass ich in einem leeren zimmer

aufwachen könnte... ein bett und eine gitarre...

müssen wir tatsächlich jeden zentimeter an freude

mit den zu langen weg zu jemendem - zu etwas - zu dir bezahlen

indem wir kilometer von ungeduldiger sehnsucht laufen

und ich zahle wieder um dich zu finden – das spiel geht weiter

du deckst dein gesicht mit meiner seele – deine hände weinen

mit mir zusammen und mit ihr die du

unentwegt mit anderen frauen teilst...

es war vor lange zeit... aber ich glaube immer noch an

das blutige bild des bettes mit den rosen mit

einem unendlichen gitarrensolo... deine hand streckte sich mir und meinem herz entgegen mitterwegs

betete ich dass du nicht aufhörst

dann wusste ich dass ich in einem zimmer war

das mit mir-in-mir pulsierte

ich habe eine grenze mit den fingerspitzen getroffen...

ich klang in einer himmlischen harmonie

das zimmer hob von der erde ab und ich flog...

mit der angst dass ich jemals

aus einer solchen lüge aufwachen könnte

ich will total leben

ich will total das liebeslied erleben.

 

 

*

 

zwischen unseren orten zwischen unseren straßen passieren manchmal die schatten mit leichtigkeit die mauer der zeit

kindisch finden wir wieder

die stücke der erde und die ozeane der sehnsucht

die unendlichkeit der götter.

bleib engel dort oben! Unterstütze mit

deinen flügel den bau meiner welten...

meine suche wird sich

wie ein von dem ritual des weinens

unterbrochener kreis schließen...

auf den spuren werden andere spuren

die der geheimen ort unseres treffens

mit blut bespritzen werden

sich niederlassen...

und so als ob du niemals weggegangen seiest

würdest du meine hand

sanft drücken wie immer bei den geräusch

meines atems...

ich würde nochmals anhalten

um das riesige herz am himmel wie es in

deinen offenen handfläche

in meinen handfläche

mit der langsamkeit eines kusses

gleitet - zu sehen.

 

    

wie schön ist ein mensch wenn er durch die türe hereinkommt

(ce minunat este un om când intră pe uşă)

 

es öffnet sich leicht... er schreitet auf die brücke aus knochen und glas

mit mädchenzöpfen nach unten gebunden... balken junge männer

wassergardinen stehen halboffen an den seiten

die berge aus der wolken gesprudelten lava bedrängen

ihren gang sie sind viele und stark und tretten mit riesigen

fussohlen auf fliesen aus elfenbein und gold

er war ganz aus gold und elfenbein

dazu gemacht um meine geheimtüre aufzumachen

ich werde auf das alles ein schmerzpulver draufschütteln

meine haare blau färben... damit sie in der luft flattern und ich ihn erkenne

um die unterschiede zwischen uns

zu löschen meinen leib in glänzende kleider zu

stecken damit sie

begeistert die welt bereisen

aber er brav reinkomet

vorsichtig kommen blaue hunde

die türe in einen neuen licht zu verschmelzen...

der schritt... die welt... er ist der mensch... es ist er

und das lied kommt in allen genüssen...

mit der hand aufs herz mit offenen augen

mit der türe die mein alter nicht erschreckt

mit der luft... dem herz... mit dir

berühre ich die liebe.

 

 

*

 

würmer aus regen auf dem fenster – verschwitzte spuren

eine reise in trance durch das zu große bayern

trompeten – jagdhörner – arkaden – gotische luft setzt sich in einfache kleidung

WO gibt es eben den korridor?

der platz ist voll – hexen klettern auf pferdewägen

in einer anderen versammlung

die allemania versammelt sich im süden ein anderes reich

die flossen auf dem rhein liebkosen die flöte und eine gitarre

ein neues blatt aus einem buch voll leute ist abgerissen

wörter sprecherinnen – märchen sprecherinnen –  freie schmetterlinge auf einer von konsonanten umzäunten farm –

wo ist der mensch? Wo ist er

alles wurde jetzt erreicht die kühle

der kathedralen aus stein riesig auf dem mond reflektiert

mit karossen mit goldenen pferden, flügellos, mit motoren ohne hörner und hufen

der kopf ist voll liebe und begeisterung – von seiner verrückten welt –

mit tiefen gräbern in der sonne, mit tiefen kanälen auf dem

mond – nur ich gratis reisender in den quadraten –

im schatten der herzen.       

 

 

märchen

(poveste)

 

aus einem märchen habe ich mich erinnert dass die zeit

5 finger hat mit welche sie unser leben auseinadernimmt

komm mal inspiration damit ich dir die wahrheit ins gesicht schreie

sie erzählen immer noch von morden und schrecklichen dingen

schlepper die auf den flüssen herrenlos rasen – schlimme worte

und kollidieren an eisenpontons

schlagbäume in dem virtuellen bild

sie erzählen und so wird eine welt nur für dich

in welcher du mit den farbigen worten kämpfst

in rhythmen vibrieren von wem erfunden..?

meine damen und herren – das märchen wird

in auszügen fortgesetzt – die ostern vom schlaf

der pilot-auszug mit erfolg und vorstellung in welcher die

5 finger der zeit gefangen werden

die reise in den menschlichen raum

wir werden oder wir wurden geboren?

wir sterben oder sind wir schon gestorben?

aus märchen ernähren wir uns aus märchen überleben wir

was aber geschieht wenn der erzähler stirbt?

 

 

ich habe mir niemals die unsterblichkeit gewünscht

(nu mi-am dorit niciodată nemurirea)

 

ich habe mir niemals die unsterblichkeit gewünscht

aber ich kann auch den tod der kommt nicht lieben

täglich sag’ ich euch dass eine ganze mannschaft daran arbeitet

um die tägliche illusion zu schaffen

ich gebe dir eine watsche und du wirst zu einem weiteren gleichgültigen

wenn wir uns unsere bewegungen die richtung und die wegpfeile auf die knochen

aufdrucken könnten uns alle

in einem buch zu falten dessen rollen

uns perfekt ausdrücken würden...

ich habe mir niemals die unsterblichkeit gewünscht

aber das buch erscheint und dann fliegt

zu den berühmtesten negativ-positiven helden...

eine mannschaft welcher sich der tod

ängstlich nähert

und die schreit und kämpft und er flieht davon

und wir lassen uns fröhlich von kleinen freuden

betatschen –

punkt. schwarz – die distribution missglückt... das spektakel tot

nur die hände – die schultern -  nur das herz hält.

die puppe lacht... die illusion ist an ihren platz. 

 

 

die skorpion-nacht

(noaptea scorpion)

 

auf ihrem rücken liefen andere generationen

als ob sie tausende von durchsichtigen

füssen hätten – leuchtende flüssige konduktoren

ließen nägel und spuren in den kleinen kissen meines gehirns.

überwältigt vo so viel licht und unruhe floß das blut

ohne straßenkreuzungen im kreis so dass meine augen die passierzeichen gaben:

rot rot-rot mit unterbrechungen!

auf meinem rücken liefen schweißbäche –

der alptraum der poren

 sie – die skorpion-nacht übernachtete in jedem nerv

die panik lag mit dem kopf auf meinen brust

diese horrorgeschichte leise geflüstert von der

geräuschmannschaft der imagination reihte sich

an der startlinie des todes auf

die nacht sprach im schlaf und ich konnte sie niemandem zeigen

auf ihre arme – ich ging in einem einfachen bild schlafen

ich kam schwer mit mir zurecht

sie – die skorpion-nacht kam aus der dunkelheit

der tod schlief niemals ein.

 

 

hinter den erreignissen

(dincolo de întâmplări)

 

dir wurde die macht gegeben dir wurde sie gerschenkt

gewürztöpfe wurden um dich zersprungen

arme haben dich umarmt unbekannte leiber

sind im erwartung versteinert

dir wurde das wesen gelobt dir wurde es bestimmt

wunderbare leben sind in deine luft eingegangen

stimmen haben dich in den liedern gestützt

kinderarmeen wurden im traum aufgelöst – kerzen die erde hat dir wurzeln verliehen - riesige seile um dich an sie zu binden

dir wurde das leben gewogen damit du weißt, was du von denen die das licht wollen werden

verlangen sollts

unfruchtbare frauen haben dein antlitz angerufen und dich innbrünstig geliebt die toten

haben es dir mit dem schweigen gedankt

und haben sich gefragt wer du bist

mit was ernährst du die hyänen des geistes

mit welchem blut lockst du den hass?

wie du das leben durch den tod durchgehen lässt

ich habe dich nur einmal gespürt – dann

hinter den erreignissen in der luft

die dich einatmete. 

 

 

*

 

immer träumt die liebe mit goldenen augen

mit versteckten friedensgedanken

und indem sie in der klassischen stellung bleibt

sucht sie das gleichgewicht das die tore einer zugbrücke schließt

auf welcher du nur einen einzigen spaziergang

machen darfst

sie vergoldet deine tage und überrascht dein schweigen als es – in heißen augenblicke des schlafes - wache hält

und das lächeln gleitet auf dein gesicht,

auf dein leben gleitet

die teure dünne schicht der liebe.

 

 

frau dichter

(femeia-poet)

 

frau dichter weint immer...

sie schrebt ein gedicht nach dem anderen

ihre verse sind direkt auf den leib oder auf die

inneren organe

geschnitzt

sie schreibt ihre gedichte auf die kinder bevor sie sie gebiert

auf den mann bevor sie sich ihn auswählt

auf die bäume... auf die straße und auf ihr haus

sie näht die dichtung auf die kleider... sie streut sie auf den essen

und wenn sie alleine ist geht sie mit ihr schlafen

frau dichter atmet worte ein und weint

mit buchstabentränen

sie lässt sich von einem gedicht schwängern...

frau dichter

heißt Die Poesie

 

 

 

 

Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu

 


Amelia STăNESCU

           Konstanza

 

***

 

Den Tod zu spüren wie er,

durch deine Innereien fließt

dich in einer gähnenden Schlucht der

unbarmherzigsten Gleichgültigkeit –

Ballast für die Festtage

Maske der Zeit Asche

des Verses, ich bezogene Bewegung -

zu begraben

nur Du, der das Playback der Illusion

und dem Nebel der ersten Liebesnacht verstehst

Taufe der Unschlüssigkeit

Fluch der Leere

 

 

***

 

Die sicherste Ruhe ist die,

die von uns erfunden wurde, künstlich, genügsam

Sadisten des Wortes und Papierdiebe,

die verspäteten Romantiker die auf dieselbe

späte Stunde der Inspiration warten –

der Kalender der Debütanten im Tode

es gibt noch Prämien, Vereinigungen und Ausschüsse

vereinsamte Seufzer

die Wache der Zeit liegt in uns:

wir sind die Wache

über das Leben, unseren Herren, wir sind

der Herr!

 

 

***

 

Uns bleibt nichts zu tun übrig

tieferforen suchen wir die Hände, die

zwischen den Worten vergessen wurden

blaue Kreise Mannsbilder die die Liebe

ausstrahlen. Nur Du sagtest mir nicht ich liebe Dich so wie ich

es wollte wie ich es hörte

Junge meiner Chimären-Träume

was sollen wir jetzt am Meeresufer

Indem wir auf das Sonnenaufgang-Autodafè warten

das zwischen den Muscheln neben der Disco Enigma verlassen wurde

ad-hoc habe ich Dich mir die ganze Küste vorgestellt als der

Unbekannten Soldat, der zwischen den Gräbern irrt, ich habe versucht Dich auf dem Platz Tomis Drei aufzuhalten,

an den Tramhaltestellen oder

an engen Ecken zu spät

vergeht die Zeit.

 

 

***

 

Er wartet auf mich.

Ich tue nichts um der Verzweiflung zu entkommen, die mich auffrißt.

Ich beobachte genau die Minuten des Fallens.

Ich verlange nicht nach Hilfe. Ich weiß auch nicht, was ich brauche.

In der Stille, ungesehen

Ich schreibe. Ich laufe vor mir weg.

Ich fange an, eine

andere Person zu kennen,

die meinen Namen trägt.

So viele Dinge warten auf mich Manche brauchen mich

Ich brauche die Luft die ich bedächtig einatme,

mit der Sparsamkeit des Süchtigen der sich den letzten Tropfen

Elixier für den Morgen aufbewahrt.

Morgen? Das ist wie die Traurigkeit,

das Glück von uns erfunden – Worte die dafür gedacht sind

um ein Versteck zu schaffen, in welchem man sich versteckt um sich als Schatz zu entdecken,

eine Mitgiftkiste

für dich selber.

 

 

***

 

Die Literatur ist eine Option

ein Rennen in den oder aus den Tod

ein Wieder-Schreiben des Todes

ein Zeuge des  metaweltlichen Erlebens

durch das Weltliche

durch den Matsch, durch den irdenen Schlamm

durch alles was dir missfällt, dich ekelt,

dich abstößt

ein (aktives)

Intermezzo

 

 


 

***

 

Wir kauen an der Dichtung

manchmal schlucken wir sie herunter

ganz, ohne Maß

verschlucken wir uns, wir husten

um Literatur zu schaffen braucht man nur

das zu verdauen, was man gegessen hat

dann reden

reden

die roten Worte, das Blut

das ist der Roman

das ist das Leben –

ein Rezept.

 

 

***

 

Nach jeder Lektüre spürt man eine

phantastische Kraft

man ist der Alleswisser

der Größten

der Außerwählte

eine Minute

bis man aus der Qual der Glückseligkeit

aufwacht und

ein neues Buch aufmacht

braucht man

ein neues Leben.

 

 

***

 

Ich bin so alleine, daß

ich meinen Atem höre, wie er die Verse spricht,

die vor langen Zeit geschrieben wurden

der zerstörte Umriß dann

alle Dinge wie sie ihre Identität

verlieren.

 

Merkwürdig der Geist des zerstreuten Macadam

die Beine gleiten stumm

in die Leere, in den Stiefeln der Erde

wie aus einer alten, zum Zenith gedrehten alten Glocke röchelt das farblose Blut des Vulkans

in uns.

 

 

***

 

ich trete aus Neugier in den

Hungerstreik

ich habe keinen Grund dazu

ich kenne mich als friedfertig

ich gebe mich der Verführung

der Schauspielerin in mir preis,

die in Liebes- oder

Science fiction Filmen  spielt

mein Freund ist verzweifelt

das Alphabet auswendig gelernt

der Nullpunkt ist überflüssig geworden

die Empfehlung meines Herzens

eine Aschenwolke,

ein „was soll’s“

ich habe die Freiheit in (inneren)

Reimen zu sprechen

man sitzt und sieht wie die Jahre vergehen

wie die Gedanken an einem vorbeiziehen

wie die Bilder die man aus dem Zug sieht...

 

 

***

 

               “Wenn alles Licht ist erloschen

               Und ich sehe nur meine Gedanken“

Giuseppe Ungaretti

 

ich warte zusammen mit meinem Geliebten

wir zählen die Glücksaugenblicke die

von dem ewigen Fließen noch ungeschlagen

geblieben sind

zwischen uns erhebt sich eine unbezwingbare Mauer

auf einer Seite die Hoffnung,

auf der anderen Seite Du

ach, schwaches Hauchen

die Worte die Du niemals ausgesprochen hast

wie süß wären sie jetzt,

süßer denn je.

 

 

 

 

Dt.-Übersetzung: Radu Bărbulescu

 


Cristiana ESO

        Nancy

 

die arche noah

(arca lui noe)

 

sicher: eins heißt weniger

als zwei

 

zwei weiße tage aus dem kalender

blenden mehr als ein einziger

 

zwei hochgewachsene vögel die

jeder auf seiner zunge

jeder an seinem eigenen himmel fliegt

sind mutiger als ein einziger

 

zwei liebende, die jeder

in den armen des anderen verloren sind

sind mit sicherheit einsamer als ein einziger

 

zwei engel die sich eine einzige bibel teilen

sind bestimmt

weiser als ein einziger.

  

 

liebe für die steine

(dragostea pentru pietre)

 

mein schmerzlichster schmerz ist

derjenige der nicht in mir wohnt

 

ein licht zerdrückt meine retina

und lacht:

verbrenne mich mit dem blick, verbrenne mich

wenn du kannst

 

ein fisch küsst das meer in welchem ich schwimme:

stehle den salz meiner tränen, wenn du kannst

kannst du weinen?

ich kann.

 

kommt ein stein

er fällt tragisch

hinterlässt die spuren

die nur er lesen kann

und sagt:

ich bin die geschichte und ich trage dich

ich habe mitleid, ich habe furchtbar viel

mitleid mit dir


die bedrängnis zur träne

(imboldul către lacrimă)

 

er hat mich mit seinen hungrigen augen geblendet, geht, indem er mit der retina bohrt, durch die rinde

meines baumes

schreib über das licht, über dich, sagte er mir mit

sanfter und väterlicher autorität

 

dann legte er meine hand zwischen zwei

eiserne worte

und zerdrückte sie mit größem mitleid

drückte mich in die arme

schreib über die geschichte der steine

sprich über den tod deines gestrigen tages

 

inderm er sich so tief bückte, das sein rücken bis

über das jungfräulichkeitsgefühl der sauberen blätter floß,

bis er auf dem weiß meines erschöpften leibes lag

sagte er mir: träne, schreib über dich,

schreib!

 

 

weiße papierblätter

(foi albe)

 

ich setze meinen stein

auf seinen stein

um eine burg zu bauen

uns im winter

wenn es kalt wird

damit zuzudecken

 

weiße himmel, weiße himmel

ihr seid immer sauber

 

es musste nicht geben, was es war

es muß nicht geben, was es wird

 

auch wir haben eine ausgeliehene welt der dinge

bevor es uns gab

könnte ich du sein

könntest du ein anderer sein


deine geschmolzenen geburt ist nicht

in dem tag, der mir vorgeschrieben wurde geflossen

und ich war ich

und du warst du

 

beide in der selben zeit und heruntergerollt

flogen wir zueinander

die mähnen nach unten

mit unseren weichen schritten an den schweren himmel

gebunden

 

 

zwiegespräch

(dialog)

 

-          verlangt nicht von mir

dass ich komme und euch zuhöre und beistehe

um eure worte auf den lippen mit der sorge

um den verlust des morgigen tages zu halten

ich kenne euch nicht

ich berühre euch nicht

wie sagt man berührung?

-          schmerz.

-          wie sagt man feuer?

-          feuer.

-          wie heiße ich, meine stiefbrüder?

-         vergangenheit.

 

 

der wurf des adlers auf dem himmel

(aruncarea pe cer a vulturului)

 

-          so sei es, sagt ihm der adler

indem er seine augen rauskratzte

ich werde dir das fliegen lernen

stell deine hand auf meinen flügel

und schau dich um –

was siehst du?

-          ich sehe mich vor meiner geburt

um die orte wo ich meine mutter treffen konnte

kreisend, was für eine schöne frau!

nicht jung, sondern schön wie eine frische frucht.

 

-          was siehst du noch?

-          ich sehe dich, adler

bevor du ein adler wurdest

du warst derselbe, aber du warst kein adler


-          wie siehst du mich?

 

-          So, ohne augen

wie du versuchtest

den himmel unter den flügeln die du nicht hattest zu verschlingen

so ohne augen wie du dein wesen zu dem platz wo du warst warfst

 

-          adler, ich bin ein adler

-         mensch, ich bin ein mensch

 

 

der dritte madrigal

(al treilea madrigal)

 

ich habe keinen schatten

ich habe felsen die um den ring meines körpers gravitieren

 

ich habe keine spuren

sondern nur den hauch meiner flüge

über den gesichtern der ausruhenden worte

 

ich habe keinen körper

ich habe ein altes bild

das von einem italiener im exil gemalt wurde

 

und ich habe keine angst mehr

vor dem warten und vor den sonnenaufgängen

ich wache über den schlaf des paradieses

weil sie auf der aura über dem kopf

eingeschlafen ist

 

 

 

 

Aus dem Band: „Carte pentru Oma El“, Ed. Ex Ponto, Konstanza 2001. Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu

 

 

 

Steckbrief:

 

Cristiana Eso wurde 1976 in Konstanza/Rumänien geboren. Ihr Vater stammt aus Nigeria, die Mutter ist Rumänin. Mit 15 Jah-ren wanderte sie mit den Eltern nach Frankreich aus, wo sie dem Gymnasium abschloß und dann mit dem Universitätsstudium (Medizin) anfing. Zur Zeit ist sie Studentin am Musikkonserva-torium und an der Sprach- und Theologiefakultät in Nancy.   

 


Marjana GAPONENKO

             Odessa

 

 

***

 

Ich hatte einen Traum.
Ich bin tot und ich tanze.
Das ganze haus ist überfüllt mit engeln. bis an den rand.
Ein engel färbt den mund
mit seinem großen traurigen flügel.
Ein engel probiert meine kleider an.
Ich bin tot und tanze und das ganze haus
ist überfüllt mit engeln die seufzen und pressen pupurne küsse an die
empörten spiegel.
die alte kuckuckuhr an der wand räusperte sich schon dreimal ins hölzerne
fäustchen.
aber ich tanze
ich tanze weiter

 

 

traum

 

Ich bin ein  Stern- ich sage es und verberge das Gesicht in den Linnen. Das
Zimmer ist hell und leer. Nur die Sterne raunen einander verrückte
pulsierende Worte zu. Ich gehe zur Tür . Die Sterne folgen mir in dürstenden
Scharen .
Draußen verkaufen Blumen sich selbst .Das dünne «wähle mich,mein König!»-
tönt mir noch lange im Ohr. Durch die Alleen eilen Liebende, umschlungen,
zitternd nicht vor Kälte, sondern von Lust.

 

Ich schließe die Tür. Das ganze Zimmer singt im Schlaf. Die Sterne,

verkleidet als geblendete Tauben, stürzen zu ihrer Herrin und lassen sich
streicheln im Liebestaumel. Ich streichle sie, bis sie verschwinden.


Ich schlafe und über mich neigst du dich mit unser künftigen Kind!
Eure Gesichter sind bleich, aber ihr lächelt. Ihr brecht das Brot der
Zärtlichkeit über mir.

 

 

Roel

 

Süsse sonnige fladen sind wir, geliebter. wir sind schwellende trauben in den
gärten der zeit. die zeit isst uns und ich liebe dich mehr und mehr.
heute morgen erwachte ich und du lagst wie immer bei mir. ich löste das haar
,legte den kopf auf dein herz, lauschte: du warst die stadt mit getrampel
von kristallenen hufen und irgendwo im strassengewirr drehte sich ein feuriges
kastanienblatt...
in solchen momenten möchte ich dich zerreißen, den tod überlisten. oder
stundenlang reden von den frechen spatzen in unserem zimmer, von meinem kleid
das immer noch nach jugend riecht, von meiner großen angst und von deiner
großen männlichkeit. und danach möchte ich meinen mund an deinem kühlen mund
kühlen und süß weinen. leise ganz leise.....

 

 

***

 

wie weinerliche geigen ziehen wir durch die felder.im himmel tönt gottes
antlitz -
eine kristallene glocke.
in die ferne siehst du ohne zu blinzeln. in die jahre hinein? was denkst du?
dass der wind unsere gesichter mit derselben leidenschaft und
gleichgültigkeit leckt wie die gesichter derjenigen die einst in die ferne
sahen? der wind leckte sie weg und der regen wischte ihre gedanken weg und
der schnee verwehte was man zu sagen nicht geschafft hat. aber wir sind
noch. und ich höre wie mein herz in mir zu dir betet,geliebter:
geheiligt werde dein name,dein wille....

o, gottes antlitz tönt zornig und bricht in hundert splitter.

 

 

Steckbrief

 

Marjana Gaponenko, geboren September 1981 im Suden der Ukraine/Odessa am Schwarzen Meer. Derzeit Studentin der Germanistik. Veroffentlichungen in diversen Zeitschriften und Anthologien.


Anita RIVIN

    Jerusalem

 

Er:

 

À PROPÒS LIEBE

 

Du schlummerst mein Mädchen

à propòs Liebe

und die Welt steht habacht

vor dir

die Sonne steht in ihrem Lauf

und der Wind hält den Atem an

du runzelst die Stirn

und der Mond am Himmel

vergisst was er dort verloren hat

die Bienen vergessen

am Honig zu nippen

und irren sich in der Blume...

 

Und wenn du tanzt

à propòs Liebe

vergessen die Sterne

warum sie funkeln

über endlose Gletscher

so hoch am blau –

 

Und wenn du lächelst

à propòs Liebe

das Kind in der Wiege

vergisst das weinen

und der Alte dort drüben

das sterben...

 

 

Sie:

 

AM SONNTAG ALLEINE...

 

Ich wollt’ ich wär’ deine kleinste Zahl

ganz nah bei den andern vier

dann täte ich gar nicht verloren gehen

und niemals am Sonntag alleine...

 

Ich wollt’ ich wär’ dein linkes Ohr

dann tät’ ich dich

immer begleiten

deine insgeheimen

Gedanken erraten

das wäre schön...

 

Ich wollt’ ich wär’

dein besseres ich

dein Mut

deine Angst

deine Träume

an allem beteiligt

was dich betrifft

und niemals

                   am Sonntag

                                      alleine...

 

 

ER:

 

SOLO

 

Seit du gedroht hast

Mich zu verlassen

Muß ich aufhörn’

Mit den Liebesgedichten

Und vernünftig sein

Wie die anderen Leute

Um dich herum

Ja, kühl muß ich sein

Genau wie die anderen

Anstatt ein Dichter

Mit brennendem Blick

Doch verrat mir nur eins

Meine spröde Geliebte

Wie bringt man das fertig

In deinem Bann...

Seit du gedroht hast

Mich zu verlassen

Schreib ich keine einzige Zeile

Nur deinen Namen

Wieder und wieder

Karina

Was tust du mir an...

 

So laß mich wenigstens Abschied nehmen

Mit diesem kleinen Gedicht

Zögernd an deiner Schwelle

Rasten an deinem Herzen

                                  Ein Dichter sein

                                             Zum letzten Mal


Bianca MARCOVICI

               Haifa

 

*

 

hier kündigt die ruhe

die nächste explosion an

und die gasmaskenübungen am Purim

werden den

neugeborenen

nicht empfohlen!

aber, um wieder über die Poesie

zu reden...

sie ist wie ein gelber stern -

sie provoziert überall allergie...

ich trage sie aber

wie einen schild.

 

 

*

 

ein gedicht, dass nicht heute stirbt

wenn uns etwas zurückbleibt:

ein erkennungszeichen

ein seit generationen erhaltener brauch,

ein Kochrezept auf einem papierschnitzel

das lebensgefühl oder nein,

die vergessenen fotos.

 

etwas bleibt zurück:

die musik der jungen seele,

die unlesbar gekritzelten seiten,

die faule stimme der erinnerungen

ungeschnittene zeitschriftseiten!

 

etwas bleibt zurück: bücher die

über die sieben meere getragen wurden,

in einer den enkeln unbekannten sprache geschrieben,

einige alben voll mit gedichtsausschnitten, preisen und träumen,

zusammengefaltete, zurückgeschikten dinge –

merkwürdige, in einem panzerchrank verschlossene nostalgien

und das nach genauen, vom wind diktierten mustern,

gesparte haushaltsgeld,

die frage über das altern immer noch nicht geklärt

im neuen jahrtausend der

unnötigen gespräche –

 

es bleibt dir nur übrig

in einer kette deine (un)geschriebenen

erinnerungen zu nähen ,

ohne gefühle wurde die schwierigkeit

der nichtanpassung

zum rettungsring.

 

 

*

 

ich würde das, was

in der leere des zimmers zerstört wurde

wiedergutmachen

von meinem eigenen schatten beeinflusst,

ihn zu umarmen versuchend,

er ist immer derselbe.

ich habe fast keine zeit

mich zu entdecken

die unzufriedenheit hält

den schatten fest, unbeweglich.

manchmal habe ich die moglichkeiten

des matamorphosierten käfers

von Franz Kafka.

 

 

*

 

ich stolpere und falle

der boden ist glatt und beziffert

du lachst gedämpft

hinter meinem rücken

immer wieder passiert mir es

dass ich falle

wenn alles glatt ist.

 

 

*

 

die abende einer träumerischen Frau

die ihre schlussfolgerungen und fiebrigen

stimmungen nicht unter der

bedrohung des verlorenen augenblickes

in die praxis umsetzt:

ich werde mich in kein muster zwingen lassen

ich werde immer über

den spiegel der wahrheit

schreiben.


Merkwürdig

die macht des wortes

rebelliert in mir,

so dass ich

in einem monolog

auf einer einzige saite – der saite sol -

tadellos werde.

voll frische

die von Paganini umgesetzte

stimme des menschen,

nur ein capriccio,

solo,

in dem vollen saal des

auditoriums –

eine perfekte audition –

nicht einmal die wimpern bewegen sich –

 

ich würde keinem meinem platz

überlassen,

mich tröstet die liebe

der engel des nachts.

 

 

*

 

regentropfen

tränenbäche

die macht deiner worte

bei der erste silbe

spüre ich schon

deine herzschläge

dein unwohlsein

du musst mich nicht begrüßen!

 

 

eine geschichte aus dem vorigen jahrtausend

 

du kannst schon angeben,

dass du jahrtausende überdauert hast!

deine illusionen

von angeberischen emporkömmlingen -

geschützt von dem mantel ihres

verständnismangels –

zerstört...

 

das gedicht wird sich selber schreiben

in einem fächertagebuch

mit lippenstit und fond de teint

mit speiseöl und gemüse

das ist das konzentrat, das ich in der hand

wie eine beruhigungstablette halte.

 

ich werde mit der isolation bezahlen

ich bereite mich ernsthaft –

wie beim golfkrieg – vor,

der luftdichte raum ist genauso virtuell

wie es in meinem herz ist. 

 

 

*

 

ich habe mein make-up weggewischt,

alle teppiche aus dem weißen haus

abgestaubt,

alle spuren auf dem

unglatten mosaik

entfernt

und ich bin mit mir

an einem junitag geblieben

um die uhr und den kalender

wie nach einen virtuellen unfall

zu stellen

 

 

*

 

er hat das ehebett für die

klimaanlage verlassen

hat mich überrascht, dass er mich

nicht küssen konnte als ich

es von ihm verlangte

hat er mich mit fremden augen

angeschaut

 

 

*

 

du weißt genau, woher das licht kommt,

du weißt, dass er mir völlig reicht

dein leuchtende blick -

flügel und traum von den sternen

aus dem mit explosionen umrandeten abgrund,

das hologramm der seele -

geschenkt zu bekommen.

 

 

 

Dt.-Übersetzungen: Radu Bărbulescu.


Shaul CARMEL

     Herzlia/Israel

 

Der Affe in dem Garten mit Engeln

 

Ich springe von Baum zu Baum,

der Garten ist kein Wald,

es sind wenige Äste und trocken

und ich falle immer herunter

und ich hebe mich hoch um hinaufzuklettern.

 

Der armselige Himmel zwischen den Bäumen

schaut zu und schweigt

weil

die Engel, die von ihm herabgestiegen,

sind viele,

fett vor Faulheit

aber schwach in ihrem Tun.

Und sie schert es wenig

dass Gott sich

sich vor Scham

in dem alten Gorilla,

in mir,

versteckt!

 

Seinen hässlichen Gesandten,

Sein schöner Affe!

 

 

Die Räuber

 

Diese Diebe haben Gott beraubt

Er war überall, er war für jedermann da.

Ein Riesengott! Und sie haben ihn...

versteckt?

Man sucht Ihn und findet Ihn nicht mehr.

Naiv begeht man den Himmel.

Man durchsucht alle Ecken. Die Ecken Seines Hauses, die Ecken deines Hauses.

Nichts!

Gott gibt es nirgendwo!

 

Morgen werden sie Ihn, verkleidet, zur Versteigerung bringen,

so wie sie, in Schwarz gekleidet,

und sie werden Ihn kaufen,

die Hoffnungslosen,

die Kranken, die Hungrigen,

die Lebensdurstigen, die die nach besseren Zeiten hungern,

die Mütter der gefangenen Soldaten,

die Eltern der Grabsteine,

ohne zu wissen, dass die Räuber auch Ihn, Gott,

vor der Markteröffnung beraubt haben.

Sie haben Ihm dem Glauben an Sich selbst

und dem Glauben an seine Diener,

die Menschen, beraubt.

 

Diese Räuber haben Gott beraubt!


Die Macht des Lehms

 

Seit siebenhundert Jahren

betet Gott

in der uralten Synagoge

von Prag.

Seit siebenhundert Jahren

versucht Er, indem Er betet,

denjenigen zu schaffen,

der den Heeren der Hölle

den Stirn bieten kann.

 

Einmal,

ein einziges Mal

als Er die Gestalt

des Rabbiners Löw,

Jehuda Ben Bezalei Löw, angenommen hat

und aus der Heiligen Stätte

ans Ufer der Vltawa gegangen ist,

schrieb Gott mit zitternder Hand

auf die Stirn der Erde

die von Ihm

bis zu Ihn erhoben wurde

Seinen eigenen Namen: SHADAI.

Somit beseelt,

brach der Lehm der Rache die Ketten

um das Böse um ihm herum

zu bestrafen.

 

Einmal, ein einziges Mal

löschte Gott unter menschlichem Antlitz

das heilige Zeichen

und seitdem

liegt der Lehm, der zu Macht wurde,

im Speicher

der Prager Synagoge

zerbrochen.

 

Wenn man sich der Erde,

die ein Wesen gewesen ist

nähert,

hört man sie, wie sie flüstert:

Wach auf, Jehuda Löw!

Wach auf!

 

 

Die Engelheere

 

Meine geliebten Verrückten!

Irrende Schatten die ihr aus den Verstecken der Geschichte gekommen seid

um die Zukunft zu bevölkern,

um mit strahlendem Namen

auf den Armen

in den Augen des Hasses

unter der Sonne die euch

niemals erwärmt hat,

solange ihr gelebt habt

in aller Ewigkeit

hier zu bleiben.


Meine lieben Verrückten

die euch als Kinder der Erde

gebt

von der Sehnsucht nach einem Grab

den ihr niemals,

nirgendwo gehabt habt.

Wascht eure Gesichter

mit Seife,

mit der Seife die ihr gewesen seid

und kleidet euch mit den Kleidern,

aus den Magazinen der Welt,

die euch ausgezogen wurden,

weil Gott seine Heere ruft,

die Engelnheere.

 

 

Ich allein, ich allein, ich allein

 

Wer ist der Alte der verloren

durch Tel Aviv läuft?

Jener Alte, der verrückt zu sein scheint,

der in den Talit gewickelt,

von der Ecke der King-George-Straße und

dem Dizengoff-Zentrum

in die Richtung Petah-Tikwa

und zurück auf den Ibn-Gvirol

unter dem Treppen des Rathauses

hindurch läuft?

 

Sagen Sie mir nicht, dass er Gott ist,

der, der die Bände der Filakterie

auf der verschwizten Stirn zurechtzieht

und unentwegt klagt:

„Sie haben meinen Minian getötet!“

„Sie haben meinen Minian getötet!“

„Wie soll ich den kaddisch aufsagen

wie soll ich Mir Lob singen

ich allein, ich allein, ich allein?“

 

 

Demnächst

 

Demnächst werden wir uns selbst erschießen,

einer den anderen, wir haben es vor kurzem

   getan.

Die Feinde werden ihren Daseinszweck

nicht mehr finden,

es hat keinen Zweck Steine auf die Toten zu

  werfen.

 

Demnächst werden wir uns selbst erschießen,

die wenigen am Leben verbliebenen

werden hausfremde Wege einschlagen,

die Waffen werden uns genommen, um unsere

   Herren nicht töten zu können,

und wir werden uns wieder das Verlorene

    wünschen.

 

Demnächst werden wir uns selbst erschießen.


Die Fragen

 

Vater, es vermehren sich die Fragen

so wie die Jahre seitdem du,

mit alle Antworten, weggegangen bist.

Und die Fragen kommen, sie kommen.

 

Ich möchte sie vergessen, Vater,

aber sie sammeln sich und drücken

und setzen sich langsam ins Blut

und streuen Schnee in meine Haare.

Es sind meine Mühlensteine

und die Sichel die sich wetzt.

 

Es vermehren sich die Fragen, Vater,

und es gibt keine Antwort in der Nähe.

 

 

Ich komme zurück

 

Ohne Zweifel, ich komme zurück!

Ich komme schon zurück!

Man verlässt nicht eine solche Welt

nach einem einzigen Besuch.

 

Gewachsen und geschult unter „anderen“

Bin ich niemals zum General geworden.

ich habe keine von den meinen und von den ihrigen getötet,

ich hatte auch keinen Hunger nach dem Geld der Mächtigen als ich Gedichte schrieb,

ich wurde kein geliebter und geehrter Dieb

oder armseliger Zerbrecher von Kleinigkeiten

obwohl ich ihnen ähnlich sehe.

Ich sehnte mich nicht Premier-Minister zu werden, ich habe nicht gelogen

und wurde nicht belogen

von denen, die geschaffen wurden

um immer zu loben

und immer in die Hände zu klatschen.

Ich habe nicht verraten, ich habe

keinen Glauben

verkauft,

ich habe mich bemüht, sie zu verteidigen

als ich sie für Lorbeeren tauschen konnte.

 

Ohne Zweifel, ich komme zurück!

Ich komme schon zurück!

Man verlässt nicht eine solche Welt

nach einem einzigen Besuch.

 

 

 

 

Aus dem Band „Hotul de frumos“ (Der Schönheiten Dieb), Ed. Cartea Româneasca, Bukarest  2001. Dt.-Übersetzungen: Radu Bărbulescu.

 

 


Robert STAUFFER

         München

 

***

 

Nach jeder Sprosse langst du
schwankender zurück -
in jedem Sattel spürst du
dass du keine Flügel hast.


***

 

Zwischen Rundlauf und Stafette,
himmelwärts oder querfeldein
mündet der Endspurt beim Beginn.




BÄDER IV; TÜRKISCHES


Sitzt neben mir Sokoli Mustafa
mit wasserdichtem Chronometer,
bernsteinberingter Hand,
fächelt lauwarm die andere
und weist auf die Wellen
von Schwefel und Radium hin:
fehlt Ihnen ein Pass für die Welt?
Zum Trost hiet eine Anthologie.
Im Feuchten geblättert,
im Nassen gelesen,
trockengerieben
die Haut,
bis eine Filzlaus sich festbeisst
auf Pagina 96, einem Sándor Weöres-Gedicht.


(Sokoli Mustafa: türkischer Pascha in Budapest, 1566/70
Sándor Weöres, ungarischer Dichter, 1913 - 1989)





BÄDER III


Sie kommen von anderen Quellen und Brunnen,
vom Froschteich ins Stadtbad hinein.
Im Zwölfmännerschnabelpissoir
- Harzgeruch und alter Teer
wird weich bei Werbungstanz und Zigeunermusik
(aus dem Transistorradio fürs "neue schöne Leben") -
vergrössern sie sich stundenlang,
ragen auf bis Priapus' Grösse,
da hat keine Frau mitzutun,
das machen die Schnäbler allein.

Hirschzähne im Rinnstein,
zu Hause das Geweih:
der Zwölfender.
Jäger aus Polen,
Schwärme aus der Schweiz,
der fette Bayer,
Wiener, verfressen,
Frauen mit entzündeter Rose.

Ich sitze im Bad,
auf dem Wassergrund
ein Blatt des Guinkgo biloba.




BÄDER II


Der alte Leib im Theaterparterre,
begrenzt, kein Auslauf im Wasser;
oben die helle und dunkle Dachluft,
mystische Rose im Tropfstein,
Geysir im Bleirohr, Ruhe, gedämpft.
Der alte Leib und die verwässerte Zeitung,
Seifendiebstahl unter der Brause;
"meine nackte Freundin", sagt die Matrone,
"du trägst ja kein Schürzchen um deine Brust."
"Schau durch den Spalt ins Sonnenbad,
da siehst du feilgebotene mebra virilia."
"Wasch dich und lasse die Buben,
auf Terrakotta sitzen sie wohler,
engobiert kitzelt die Bank zu wenig,
die membra, das unnütze Ding."
Erhebt sich der alte Leib vom Sperrsitz
und watschelt durchs warme Bassin.
Ins Leintuch verschlungen, schon auf der Gasse,
gewöhliche Marguerite im Strassendreck.


BÄDER I


Bis zum Schlüsselbein bedeckt
von heissgelaufenem Wasser,
angelehnt an eine Marmorbank,
kommt zurück von der Quelle,
türkisch verhangene Kuppel,
die wohlige Wärme der Lust,
umfasst die geschwellte Wölbung,
streift über Brustkreuz und Nacken,
verflüchtigt trockene Ahnung,
sachlich rein und unangreifbar
weitentfernter Berührungen,
den zarten Anhauch der Haut.



BÄDER V, DAMPFBAD


Hocken Männer auf Stellagen
im milchigen Nebel aus Dampf
und sitzen gespreizt, zum Zugriff bereit:
jeder ein barberinischer Faun.
Etwa die Uhr noch, ein Amulett,
der engsitzende Ehering blinkt auf.
Haut weich, behaart,
Gelenke und Muskeln,
Waden und Schlüsselbein,
Schenkel überflossen vom Schweiss.

Langen sich Männer auf Stellagen
entlang der Elle übers Schulterblatt an,
berühren den Rücken, die Hüfte, den Bauch.
Mit fiebrigen Augen, brennender Gier
starren sie auf das begehrte Geschmeide,
das wachsende Goldhorn der Lust.

Streicheln sich Männer auf Stellagen
zärtlich über Schläfen und Brustkreuz
und umfangen die Kugeln mit zügigem Druck.
Da ist der geöffnete Mund,
marmorglatt und doch röter als sonst:
jeder ein barbarinischer Faun.
Finger knorplig, verkrampft,
Schambart und Kopfhaar,
Sehnen und Knochen aus Stein,
ein abgeschlagenes Glied.


 

Foto: Ursula Haas

 

ORIENTEXPRESS


Stechmücken böser Erinnerung
kriechen über mein Bett,
schlaufen unter das Kissen,
nisten sich sommerlich ein.
Abgewehrter Schwärme Stiche
zähle ich morgens auf dem Teppich;
wenn in der Nacht sie wiederkommen
- verspäteter Sippenbesuch -,
bleibt ihr blöder Stachel blind.

Aber der Mitreisende im Schweizerwaggon,
chemisch behandelt und bestens gepflegt,
längere Zeit an einer Kordel gehangen,
im Westbahnhof sogar spazierengegangen,
hat sich nach der Grenze verdächtig geregt
und sich sechzigmal an mir festgebissen.

Tedeum der simplen Landplage
in armen Pfarrhausbetten,
Tedeum den Vorortbussen
mit Nachtfaltern und Fliegen,
Tedeum den grasgrünen Mücken,
Ohrenschlaufern und Läusen,
Hunde-, Katzen- und Menschenflöhen,
Tedeum jedem Ungeziefer,
aber Requiem in alle Verdammnis
der frechen Wanze vom Orientexpress
Paris - Budapest - Bukarest.

 



 


Horst SAMSON

          Neuberg

 

PÜNKTLICHER LEBENSLAUF

 

              meinem Vater gewidmet

 

Nachts setzt sich Nachbar Hans
Den Stahlhelm auf,
Steckt sich ein Gebetbuch
In die Brusttasche
Und fährt mit seiner schwarzen NSU
Durch ein Minenfeld bei Narwa
In Richtung Leningrad

Morgens um fünf
Ist er wieder da.

 

 

FARBE BEKENNEN

 

Im Namen des Apfels spreche ich

Uns schuldig. Wir schätzen ihn gering.
Er aber führte uns aus dem Garten

Der ewig gleichgestellten Uhren,
Würde Schiller sagen. Wir wissen nicht wie

Uns geschah, nur verführbar
Sind wir immer. Aber nichts haben wir

Begriffen. Und alles nahm seinen Gang.

 

 

RUMANIA BY NIGHT

 

        für Ludwig Fels und Guntram Vesper

 

Unaufhaltbar
Wuchst in den Wörtern
Der Tumor. Am Zwetschgenschnaps
Hielten wir uns
Fest: Fremd
Sein in der eigenen
Haut! Angst vor
Und das vergriffene
Land - Mord

In zahlreichen
Auflagen! Menschen
Verschwinden wie
Der Duft
Von billigstem

Eau de Cologne.

 

 

LIEB VATERLAND. Notiz

 

I.


Lieb Vaterland, du magst mich nicht,
Lieb Vaterland, ich mage dich,
Lieb Vaterland, mein Vaterlala, Materlala,
Stiefvatermaterchen, warum maget ihr mich
Nicht, und nicht mein Lala, Landvater Herr und
Landmater Frau, meine Sprachigkeit zu tief
Und hart? Es lallt durch Dünn und Dickicht, Herr
Landvaterlandsgeneral im Nichts, von dort sie kommen
Heut im Koffer mit dem Weg in der Tasche und fremd,
Und viele darunter längst vergessene treue deutsche
Stiefelsöhne zu dir.

 

II.


Lieb Vaterlandser, blondwütig du, lieb Massengräber
Hinter Draht und Zäunen, saure Stillheit, menschentot,
Heilunruh auch in allen Knochen, und Wanken nicht
Im tauben Unkopf klingt sie nach, kurzschlüssig
Lieb, und viel zu lange, lange:
Trieb Vaterland, Dieb Materland und tatatatata
In der Nacht, lieb Stahlhelmfritz im Erikaka 
Auf Kreta und auf der Heid.

III.


Lieb Vaterland, geteiligtes, geeiligtes, geeinigtes,
Hieb Vaterlandschaftsmalerei. Ei, ei, die Lust, was
Kostet sie, des mundzerrissenen Propheten, der gar
Nichts stillt im eigenen Wort, nichts
Vorausschweigt und auf nichts ein Vaterlala
Sich machen kann, einen Vers nicht, keinen
Rhein. Lieb du, oh Engelsgesicht bleich auf dem Berg,
Mein V-Land, ja, davongerollt, als Felsen
Mir. Ich bin dein Volk, Dein Schuhabtreter, Liebestöter
Bis zum Knie. Du magst mich, du - ich weiß es -
Magst mich nicht, du magst mich
Raus. Ich aber mage dich, oh Vaterlunte, Vaterunser
Land. Wie du mir schwer im Magen liegst auf meiner Lieb,
Magst ruhig sein, jetzt und ich ja auch,
Ich habe keines, habe keinen Grund, zu sein,
Lieb Vater lande, ich, ach so, nur Bodensee
Unterm Hühneraug, das umsieht sich nach dir. 
 

UND WENN DU WILLST, VERGISS *

 

Das Tonband verkauft,
Die Götter sind verschenkt
Und in den Träumen bleibt das Land
Ein tiefes Loch.

Vielleicht hätt man uns
Besser aufgehängt,
Aber es gibt uns noch.
Laß meinen Mund auf

Deinem Munde sein,
Uns umeinander ranken wie
Immergrüne Pflanzen.

Ich hör dein Herz bis in die Wurzeln
Schrein, ich halt dich fest
Im Arm, wir tanzen.

 

 

* Zitat aus dem Gedicht ,,Sterbelied" von Christina Rossetti (1830 - 1894)

 

 

AND THE DEAD TREE GIVES NO SHELTER *

 

Die Einkaufszentren verlassen und geschlossen
Die Körper. Die Kinos
 

Leer und der Himmel
Verstummt. Alles scheint tot, die Seefahrer

Und die Teezeit. Wir waren

Vor uns da, wir
Haben lange gesucht und wenig
Gefunden. Du siehst
Den Wind im Zeugenstand.Und was

Ist mit mir? Ich, der ich saß zu Theben

Unterm Tor*,
Ich, der ich wandelte
Im Totenreiche, ich bin wie du
Allein und weiß, es

Gibt dafür in dieser lila Stunde* kein anderes

Wort. Da regt sich draußen
Leicht ein Blatt, im Hirn

Die Liebe ist
Das letzte Wunder.

 

 

* T.S.Eliot - The Waste Land

 

 

SCHWEDENECK*

 

Saukalter wind zerbrach
Bäume. Kein Stern


Portrait Horst Samson

 

Leuchtete, alle sicherungen
Waren durchgebrannt.

Gott fluchte über dem Meer und schrie
Nach einem Elektriker,

Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir

Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen



* Zum ”Gedicht der Woche” gekürt - siehe ”Oldenburgische Volkszeitung”, Ausgabe vom Freitag, 16. 02. 1996.

 

 

DAS WORT AM ENDE DES JAHRHUNDERTS

 

Wir sind frei, zu jagen oder
Gejagt zu werden. Jemand ergreift
Das Wort. Immer gibt es jemanden, der

Das Wort ergreift,
Am Anfang des Jahrhunderts oder
Am Ende des Jahrhunderts oder irgendwann

Dazwischen. Jemand muß es tun,
Also ergreife ich jetzt,
Mitten im Wort,

Das Wort. Das ist ein Wort,
Sage ich, und ein Wort reicht
Dazu nicht aus.

Hier ergreift einer das Wort,
Der wirklich was zu sagen hat:
Hier, sagt er,

Ergriff einer das Wort,
Der in Wirklichkeit nichts
Zu sagen hat!

 

 

ZUSAMMENFALTEN DER ZIMMERWÄNDE

 

                                für Elvis und Edda

 

Robinson Crusoe raus oder Schuhe
Rein? Wir packen

Den Koffer und
Die Reisetasche. Was nehmen

Wir nicht mit, was lassen
Wir da?


GROSSES POEM VON DEN ZUNGEN DER ZUKÜNFTE

 

zukunft, die: 1. organ zum schmecken, sprechen:
     eine belegte, pelzige, entzündete
     zukunft; vor durst klebt mir die
     zukunft am gaumen; die zukunft an
     den gaumen legen, drücken, pressen;

jemandem frech die zukunft herausstrecken; zeig
     mal die, deine zukunft, ob sie belegt ist;

die zukunft ist ein von schleimhaut überzogener
     muskelreicher wulst, sie ist wesentlich an der
     bildung der sprache beteiligt (zukunftslaute);

die zukunft gehört zu den verdauungsorganen; der
     hund läßt die zukunft aus dem maul
     hängen; ich habe mir mit der heißen
     suppe die zukunft verbrannt; er hat
     eine feine zukunft (ist ein feinschmecker);

die zukunft ist geschwollen (siehe DEINE GESUNDHEIT);
     die zukunft ist scharlachrot;

er sprang in das wasserbecken und ging unter: die
     zukunft blockierte seine luftröhre,
     d. h. er erstickte buchstäblich an
     seiner zukunft;

der kamillen und salbeitee, mit dem die zukunft
     gereinigt werden sollte, zeigte nicht
     die geringste wirkung;

der pfeffer brennt auf der zukunft; ich habe mir
     aus versehen, vor wut auf die zukunft
     gebissen; das fleisch ist so
     zart, daß es auf der zukunft zergeht;

er fuhr sich (dativ) mit der zukunft über die lippen;
     der kutscher schnalzte mit der
     zukunft, um die pferde anzutreiben;
     er stößt mit der/seiner zukunft an,
     d.h. er lispelt;

bildlich: eine spitze, scharfe, freche, lose, boshafte,
     spöttische, giftige, böse, glatte,
     falsche zukunft haben (zu spitzen, scharfen,
     frechen usw. äußerungen neigen);

eine schwere zukunft haben; seine zukunft hüten, im
     zaum halten; sich bei einem wort die
     zukunft abbrechen (ein schwieriges wort
     fast nicht aussprechen können);

die angst band, lähmte ihm die zukunft (er konnte
     vor angst nicht sprechen), der wein
     löste ihm die zukunft (brachte ihn zum
     reden);

ich beiße mir eher die zukunft ab, als daß ich etwas
     verrate (ich verrate auf keinen fall etwas);

ich biß mir auf die zukunft (ich unterdrückte im
     letzten moment eine äußerung); er ließ
     das wort auf der zukunft zergehen
     (empfand den klang des wortes nach, 
     während er es aussprach);

das wort brannte mir die ganze zeit auf der zukunft
     (ich wollte es die ganze zeit schon sagen);
     er trägt das, sein herz auf der
     zukunft (spricht alle gefühle  allzu
     offenherzig aus);

die reden mit gespaltener zukunft (die lügen); diese,
     unsere zukunft lügt nicht, meine herren
     (oder);

umgangssprachlich: der ist doch besoffen, der kriegt
     doch seine zukunft nicht mehr rum;

übertragen: alle länder deutscher zukunft; über alles
     und mit tausend zukünften predigen (nachdrücklich
     darauf hinweisen);

2. a) gericht aus rinder, kalbszukunft:
wir aßen heute zukunft;

    b) seezukunft: es gab geräucherte
zukunft;

3. tonbildendes metallplättchen; rohrblatt:
die zukunft am harmonium, in flöten usw.;

4. schuhlasche: die zukunft hat sich verschoben;

5. zeiger an der balkenwaage; sie blickte
beim wiegen auf die zukunft;
      das zukünftlein an der waage sein
      böse zukünfte behaupten, daß
      dieses gerücht wahr sei:

der zukunftskrebs beginnt mit einem kleinen
geschwürchen auf der zukunft, das sich
allmählich immer mehr vergrößert;

zukünfteln: die zukunft rasch hin und her, nach
vorn und wieder nach hinten bewegen;
die schlangen zukünfteln;

bildlich: das feuer zukünftelt; die flammen
zukünftelten bereits aus dem letzten
stockwerk des kopfes.

 

(1981 - aus dem Band ”Reibfläche”, 1982)

 

 


Horst Samson:

 

geboren am 04.06.1954, im Weiler Salcâmi / Rumänien (während der Deportation der Eltern - sie stammen aus dem Banater Dorf Albrechtsflor (Kleintermin); Beruf:  Lehrer, Diplom-Journalist.

Gedichtbände: ,,Der blaue Wasserjunge” - Facla Verlag, Temeswar, 1978; ,,Tiefflug” - Dacia Verlag, Klausenburg, 1981; ,,Reibfläche” - Kriterion Verlag, Bukarest  1982; ,,Lebraum” - Dacia Verlag, Klausenburg, 1985; ,,Wer springt schon aus der Schiene” - Nosmas Verlag, Privatdruck 1991; ,,Was noch blieb von Edom” - Nosmas Verlag, signierte und nummerierte Auflage, 300     Ex., 1995 (vergriffen).

Mitherausgeber: Salman Rushdie: “Die Satanischen Verse”, Artikel 19 Verlag; “Pflastersteine.  Literarisches Jahrbuch”, Te-meswar / Rumänien.

Veröffentlichungen in Anthologien: (eine Auswahl): ,,Jahrbuch der Lyrik 3”, 1981, Claasen Verlag, Düsseldorf; ,,Der Herbst stöbert in den Blättern”, 1984, Verlag Volk und Welt Berlin, Anm: Titel stammt aus einem meiner Gedichte;,,Luchterhand  Jahrbuch  der Lyrik”, 1987, Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied; ,,Was sind das für Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre”, 1988, Carl Hanser Verlag, München, Hgb: Hans Bender; ,,Literarischer März. Lyrik unserer Zeit”, 1989, Paul List Verlag, München; ,,Pied Poets” (Lyrikanthologie in englischer Sprache ), 1990, Forest Books, London & Boston; ,,Blau: Kaleidoskop einer Farbe”, Heidelberger Kunstverein / Wunderhorn Verlag, 1990, Hrgb. Andreas Bee und Christmut Präger (Textbuch zu dem im Wunderhorn Verlag Heidelberg erschienenen Katalog der Ausstellung ,,Blau: Farbe der Ferne”, 2. März - 13. Mai 1990, im Heidelberger Kunstmuseum); ,,Das Land am Nebentisch”, 1993, Reclam Verlag, Leipzig, Hgb. Ernst Wiechner; ,,Worte, die ein Leben begleiten. Drei Zeilen trage ich mit mir”, 1995, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau; ,,Eintragung ins Grundbuch”, Hgb. Wulf Kirsten, 1996, Hain Verlag, Rudolstadt & Jena; ,,Schweigen. Eine literarische Anthologie”, 1996, Apsel & Brandes, Frankfurt am Main; ,,Orte, Ansichten. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart”, 1997, Landpresse, Weilerswist; ,,Das verlorene Alphabet. Deutschsprachige Lyrik der neunziger Jahre”, Hrg. Michael Braun und Hans Thill, Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 1998. In Zeitschriften (Auswahl): u.a. ,,Akzente”, ,,Litfass”, ,,Die Horen”, ,,Flugasche”, ,,Literaturbote”, ,,Neue Literatur”, ,,Nachtcafé”, ,,KulTour”,  ,,Eiswasser”, ,,Das Plateau”.  Gedichte auf der Langspielplatte ,,Junge deutsche Dichter aus dem Banat”, Electrecord, Bukarest.

Übersetzt wurden Gedichte des Autors ins Englische, Französische, Russische, Rumänische, Serbokroatische, Ungari-sche und Polnische. Literaturpreise: (eine Auswahl): Lyrikpreis des Rumänischen Schriftstellerverbandes 1981; “Adam-Müller-Guttenbrunn”-Literaturpreis 1982; Stipendiat des Deutschen Lite-raturfonds Darmstadt 1988/89; Nordhessischer Lyrikpreis 1992 der Europa-Akademie Eschwege, der Stadt Eschwege und des Werra-Meißner-Kreises; Förderpreis des Lyrikpreises Meran 1998.

Übersetzungen (aus dem Rumänischen): Theodor Vasilache: “Gegenschauspiel / Spectacol impotriva” (Gedichte/Poeme), zweisprachige Ausgabe, Kriterion Verlag Bukarest 1996; sowie einzelne Gedichte rumänischer Lyriker in diversen Publikationen, u.a. in der “Neuen Banater Zeitung” (Temeswar), “Neue Literatur” (Bukarest), “Literatur-Trafo” (Saarbrücken), “Literatur um 11” (Marburg), “Drehpunkt” (Basel, Schweiz); “Gefährliche Serpen-tinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart” (Hrg. Dieter Schlesak), Galrev Verlag Berlin, 1998; etc.

Samson war (Vorstands)Mitglied und von 1981Sekretär des Adam Müller-Guttenbrunn- Literaturkreises Temeswar bis zu dessen  einstimmiger (Protest)Auflösung im Jahre 1984 durch den damaligen Vorstand (Franz Liebhard alias Robert Reiter - Ehrenvorsitzender, Horst Samson - Sekretär, William Totok - Kassierer, Mitglieder: Johann Lippet und Eduard Schneider. Anm.: Der damalige Vorsitzende des AMG-Literaturkreises, Nikolaus Berwanger, war von einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland nicht zurückgekehrt).

 

KRITIKER-STIMMEN zu Horst Samsons Gedichten:

 

,,Unablässig entstehen Parabeln und Metaphern, Bilder und Gleichnisse einer gefährdeten Existenz. Auch seine spezifischen Tonlagen - vom Paradoxen bis zum Absurden, vom Ironischen bis zum Sarkastischen - lassen sich als individuelle Antworten auf bestehende Verhältnisse dechiffrieren, ein Autor, der sich über sein Dasein skrupulös Rechen- schaft gibt. Mehr läßt sich von Literatur nicht verlangen.” (Frankfurter Allgemeine Zeitung);

 

,,Zwei der Teilnehmer (Anm.: am Meraner Lyrikwettbewerb 1998) bildeten eine rühmliche Ausnahme: Walle Sayer ... und der Rumäniendeutsche Horst Samson, der in einer gelungenen Adaption von Brechts ,Erinnerung an die Marie A.´ Liebe als Enklave und Widerstand gegen die politische Gewalt transparent machte. Auch handwerklich wussten Samsons Gedichte zu gefallen: Aussagestark, engagiert und klar, erlangten sie durch die Verwendung von Enjambe- ments zugleich eine schwebende Vieldeutigkeit. Der ,hohe, ernste Ton’, den Beatrice von Matt an den Gedichten des 1987 aus dem Banat Emigrierten rühmte...” (Neue Zürcher Zeitung).

 

,,Schöne, strenge, subjektive Gedichte" (Frankfurter Rundschau).

 

Samsons Gedichte ,,verschlüsseln in epigrammatisch knappen, surrealen Bildern die schicksalhaften Verhäng nisse des Emigranten” (Linzer Kulturblätter).

 

,,Beklemmende Verse... als der Friedhofsstille hinter der Sprache paradox abgetrotzte Revolte” (Basler Zeitung).

 

,,Dunkle Texte. Große Dichte.” (Rheinpfalz Zeitung).

 

,, ,Mein Leben ist eine Verkettung von Verlusten´; ,Eine Flucht beginnt irgendwann, hört aber nie auf´ und ,Sprache ist meine Heimat geworden!´, sind Aussagen von Horst Sam- son... Allein schon in diesen knappen Sätzen spiegelt sich das Schicksal einer ganzen Schriftstellergeneration, die vor allem im letzten Jahr-zehnt der kommunistischen Diktatur in besonderer Weise von den politischen Zuständen in Rumänien betroffen war.” (Banater Post).

 

,,Samsons Lyrik besticht durch ihre Hermetik und eine Tiefe der Aussage, wie man sie hierzulande von Lyrik im allgemeinen nicht kennt.” (Hanauer Anzeiger).

 

,,Seine Gedichte strahlen die Kälte aus, die langsam das Land durchkroch, die Minder- heiten und regimekritische Stimmen einfror oder zur Emigration zwang." (Saarbrücker Zeitung).

 

,,Erbarmungslos entblättert Samson die Zeit wie eine Zwiebel und faßt den Kern in nackte Worte." (Frankfurter Neue Presse).

 

,,Samson arbeitet mit der Sprache, spielt mit den Worten, schmeckt sie ab und setzt sie um, ohne sich in beliebige Spielereien zu verlieren. Es geht ihm um die Wahrhaftigkeit des Wortes." (Wetterauer Zeitung).

 

,,Sehr ausdrucksstark." (Wetzlarer Neue Zeitung).


Uwe Erwin ENGELMANN

                Siegen

 

am bahnhof von bukarest

 

am bahnhof  von bukarest

liegen noch ein paar

erinnerungen von mir

 

am bahnhof von bukarest

spielen heut kinder

mit meinen erinnerungen

 

vergessen zerlumpt krank

von ihren eltern verstoßen

von den behörden im stich gelassen

fristen sie

streunenden hunde gleich

ihre kleinen leben

 

es schmerzt

ohnmächtig zusehen zu müssen

wie sie in verrosteten schließfächern

mit traurigen augen

ihre hoffnungslose zukunft erschnüffeln

und mit meinen erinnerungen

langsam schwinden

 

heute

an einem strahlenden tag in april

am bahnhof von bukarest

 

 

dorfleben in südosteuropa (vormals)

 

wir hatten

zigeuner im dorf

keine sinti

keine roma

zigeuner

 

wir hatten

keine vorurteile im dorf

nicht gegen zigeuner

nicht gegen die anderen

 

wir hatten

probleme im dorf

nicht wegen der anderen

nicht wegen den zigeuner

ganz einfach alltägliche probleme

 

wir waren

eine einheit

das dorf

 

deutsche zigeuner rumänen ungarn

juden serben türken kroaten

 

wir waren

in unserem dorf schon damals

EUROPA

 

 

In memoriam Paul Celan

 

Für Alfred Kittner

 

Das trübe Wasser der Seine

fließt dem Meer zu

 

Menschen starren

über Brücken gebeugt in die Fluten

 

Das trübe Wasser der Seine

fließt dem Meer zu es starrt zu den Menschen am Brückengeländer

    ATEMWENDE

und fließt weiter

 

Von oben

blickt ein Mensch in die Seine

er starrt schon lang hinab

VON SCHWELLE ZU SCHWELLE

ging er dann tiefer

und suchte

DAS AUGE DER ZEIT

in der Seine

 

ob er es fand

    ATEMWENDE

doch sagt’ er’s uns nicht mehr

 

Das Wasser der Seine

fließt dem Meer zu

 

Dort an der Seine stand auch Paul...

neben und mit ihm und in ihm

Sulamith... Margarethe...

    ATEMWENDE

 

Am Ufer suchen NIEMANDSROSEN

in der FADENSONNE

nach einem winzigen ATEMKRISTALL

 

Sie suchen und suchen und suchen

Paul...

ein hoffnungsloser unglücklicher Fall


Am Ufer Paul...

suchen NIEMANDSROSEN

dein ATEMKRISTALL

 

Das trübe Wasser der Seine

fließt immer noch dem Meer zu

in ihm eine NIEMANDSROSE

und ein ATEMKRISTALL

 

    ATEMWENDE

 

und...

 

 

BUKOWINA

 

Welt der Mythen

am Ende der Welt

 

Eldorado längst vergessener Schmerzen

 

Fluchtpunkt ins Jenseits

 

Sprache gewordene Wirklichkeit

im Gedicht

 

 

LAGEBERICHT

 

Halb Tag ist’s

die Uhren geh’n langsam

 

Trübsal und Frust

machen sich breit

 

Vorsichtig setzt du

einen Fuß vor den andern

 

Du hattest doch gestern noch

alles bestens im Griff

 

Und heute schwimmen

dir sprachlos die Fälle davon

 

Die Hoffnung im Knopfloch

und die Schlüsselblumen im Fenster

halten auch nicht mehr das

was sie früher versprachen

 

Halb Tag ist’s

und die Wege nicht kürzer

 

 

REQUIEM

 

Eigentlich sollte man ein Requiem spielen,

nein, nicht für Tote,

sondern für die Lebenden,

nicht für die, die seelisch nicht mehr leben,

weil sie das,

nach dem sie strebten, nicht gefunden haben,

weil sie nicht einmal versuchen

zu kämpfen,

obzwar sie noch Energie genug dafür haben.

 

Eigentlich sollte man ein Requiem spielen,

für die,

die noch den Mut zum Kämpfen haben,

die ihr Leben dafür geben,

damit sich ein Traum erfüllt,

der eigentlich gar nicht zu erfüllen ist;

die im letzten Funken Hoffnunh

noch ein Feuer seh’n,

die vielleicht einmal vergessen sind,

ins Infinite zurückgekeht,

die sind ein Requiem wert.

 

 

SISYPHUS

 

Ich gehe

 

Räume Steine

aus meinem Weg

und lege sie hinter mich

 

Auf dem Rückweg

finde ich diese Steine

wieder vor mir

 

Dann räume ich wieder

Steine aus meinem Weg

und überlege

 

Warum liegen mir diese Steine

immer in Weg

und gehe weiter

 

 

 

 

Aus dem Band „und was ich dir noch sagen wollte“, dipa-Verlag, Frankfurt/Main 1993.

 

 

Steckbrief

 

Uwe Erwin ENGELMANN wurde 1951 in Neusiedel / Rumä-nien geboren. Studium der Germanistik und Anglistik in Bukarest. Wegen der Zensur stellte er 1974 die Veröffentlichung der Ge-dichten in deutschsprachigen Zeitungen in Rumänien ein. Lebt seit 1976 in der Bundesrepublik Deutschland. Nach der Über-siedlung publizierte er in ver-schiedenen Zeitschriften und Antho-logien ein. Ist Mitglied der FDA.


Hans Jürgen HEIMRICH

      Dittelbrunn-Hambach

 

Zeitlose Schönheit

 

Wetterzernagt

die alte Pforte

wurmig

morsch

und rauh

das Holz

 

im Sandstein

porig

rissig

verblasste Wappen

Rosetten

Blätter

 

zeitlose Schönheit

im Zerfall

 

 

Vertraute Wege

 

Gedanken

auf Gestrigem beharrend

erwarten die Nacht

streifen ab

die Last der Jahre

schweben dunstig

über dem See

sich zu ertränken

für ein Morgen

noch ehe

der neue Tag beginnt

 

 

Erinnerung

 

Vergangenheit klopft an

Einlaß verlangend

in gegenwärtiges

später Jahre

 

bohrt

drängt

aller Gegenwehr

zum Trotz


Gewesenes meldet sich

zu Wort

verlangt

gehört zu werden

 

 

Zerbrechlichkeit

 

Pottasche, Soda

quarziger Sand

träge Schmelze

kristallen erstarrt

lichtgebrochenes Farbenspiel

zäher Tropfen

rotglühend

formbar

an Pfeifen gedreht

geschwenkt

gezogen

hohlgeblasen

dünnwändige Zerbrechlichkeit

am fauchenden Brenner

erhällt Gestalt

durch Künstlerhand

 

 

Ein weiter Weg

 

großziehen

erziehen

verziehen

hinziehen

herziehen

niederziehen

herausziehen

wegziehen

umziehen

überziehen

hinabziehen

emporziehen

umherziehen

heimziehen

zurückziehen

 

und doch nicht

angekommen

 

 

Aus dem Band: „Heimkehr in die Erinnerung“, Wiesenburg Verlag, Schweinfurth 1997


Karl SEEMANN

    Bad Bentheim

 

MEMORIAL

 

Das winterliche Land.

Sie gingen schemenhaft

den Hügelkette zu.

 

In ihrem Mund

Geschmack der Schlehenfrucht,

des östlich langen Jahrs.

 

Den Toten ist das Licht

zuviel, es schwärzte schon

am Morgen sich der Tag.

 

 

LANDSCHAFT

 

Mit dem Wort

und mit dem Traum allein,

dem nächsten Schlag der Uhr:

eine Landschaft, sparsam, karg,

am Morgen und am Abend.

 

Am Horizont die Wälder.

Davor Koppelzäune, Wiesen,

einzelne Eichen, auffliegende

Krähenschwärme im Schweigelend

am Morgen und am Abend.

 

 

DANACH

 

Danach aber

stimmt

kein Bild

mehr.

 

Nach all

den Jahren

selbst

die Veränderung

des Steins.

 

 

Erde

 

Über der Erde

Der Himmel, die Gegenwart.

 

Unter der Erde

Die Erinnerung,

das lange, uralte Gedächtnis.


FLUCHT

 

Erdrückender Schrei:

hinabtaumelnd

in die Höhlung

aus Atemlosigkeit.

 

Die Bilder wechseln

schnell, sie bleiben:

Ein Dorf, eine Kindheit

leuchten nach

zwischen Minuten.

 

Wohin morgen

der Schritt, unsicher, zögernd,

entlang fremden Feldern?

 

 

Der Heimatlose

 

Hinter seiner Stirne

wartet die Nacht.

 

Aber die Gedanken

bluten noch

ein Quell

der Erinnerung.

 

Worte? Verstummen? –

Die Amseln

singen anders

unterm Abendwind.

 

 

FRIEDEN

 

Frieden,

lichtdurchlässig der Morgen,

verborgene Stimme zwischen

Verzweiflung und Hoffen.

 

Frieden,

verschüttet vom Schmerz

der Jahre; die Ohnmacht

täglich aufs neue.

 

Frieden,

Sinngebung wider längst

begrabener Hoffnung, fordernd

Geduld

über Asche.

 


Günter ULLMANN

             Greiz

 

HINTERHOF

 

der winter bleibt

klein

 

die sonne hat

vier ecken

 

 

GREIZER TUNNELBAU

 

Für Reiner Kunze

 

den tag

durch den felsen

schlagen

 

die steine

das schwimmen

lehren

 

den tunnel

verschließen mit

licht

 

 

BLEIBEN

 

luft holen am

stein

 

 

 

AUF DEM HAINBERG

 

die vergilbten blätterzeugen noch

vom vergangenen jahr

 

der verwundete baum

beginnt als erster

zu blühn

 

 

HERBSTSPAZIERGANG

 

ich träume von einer anderen

welt

 

ob sich die blätter der bäume schon

färben

 


Oliver Friggieri

              Malta

 

Dt.-Übersetzungen: Carla KRAUS

 

Während einer Windstille

 

Während einer Windstille in einer ganz gewöhnlichen Nacht

Sind unsere Gesprächspartner die Vorboten des Todes,

ertränkt in der Tiefe

wir ersticken durch Schatten,

die um und schwirren

verstört wie betäubte Schlangen

Möwen steigen über unseren Köpfen auf und trauern

über unsere Tränen,

ohne den Grund dazu zu wissen

die seltsamen und so geliebten Gesichter erscheinen

mit dem starren Blick,

der alles ergründen will;

und Du und ich, ein Vogelpaar, wir werden  sterben

wir hauchen unser Leben aus

unter dem Baum, der unsere Heimat war

beim Tagesanbruch nach einer verregneten Nacht.

 

 

Ein Selbstmord

 

Blumenblätter sind auf den Tisch gefallen

Und Zigarettenasche verbrennt meine Finger

Und du kommst noch immer nicht...

Ich habe mich schön gemacht und mit deinen Lieblingsdüften parfümiert,

ich habe alle Lampen im Zimmer angezündet

und Du kommst noch immer nicht...

 

Ich werde mich einsperren

Und alles wieder an seinen Platz bringen

Wenn Du dann doch kommst,

nimm’ diesen Brief und trage Trauer,

sag’ ihnen: tot durch Versehen, so wie er auch versehentlich geboren wurde

wenn Du dann doch kommst...

 

 

Deine feurigen Blicke beim Licht der Laterne

 

Im Laternenschein ist Dein feuriger Blick

Verflocht mit Deinem hundertblättrigen Herzen,

erklimme jetzt heimlich die Straßenecke,

verscheuche den Vogel vom Fenstersims

und schneide vom Blumentopf die neue Träne ab, die ich Dir widme, kritzle auf Deine Stirn

das Wort,

das ich für Dich aus dem tiefsinnigen, ehrwürdigen

Wörterbuch meiner Seele herausfischte, sei vorsichtig

mit seinen herausgerissenen Seiten und stecke das Blütenblatt

auf jenen Platz, wo es mein Wort nennt, nimm´ es. Komm´ ,

gehe den Weg mit mir, barfuß und einsam;

diese dunkle Stunde, die Schläfrigkeit hat

einen dämmrigfarbenen Traum für Dich aufgehoben,

die scheue Sonne steigt am Himmel,

die alarmierten Möwen werden singen, bald werden die Sterne

scheinen, dann wird schließlich die Melodie

entstehen und das Lied, das ich noch nie schrieb, wird von meinen Lippen fließen, die stille Taube wird

über dem Kirchturm auffliegen, die Tochter dunkler Nächte.

Sing´ für mich, o Einsamkeit aus diesem Stadtviertel,

umarme mich, o donnernde Seele in den Schluchten,

lies´ aus meiner Hand, o Zigeunerin von den Straßenkreuzungen,

denn Deine Blicke im Laternenschein sind so feurig.

 

 

Alte Heimat

 

Ganz tief in mir drinnen gibt es ein altes Heimatland,

irgendwo außerhalb der Reichweite plumper Finger,

außerhalb von Schnüffeleien Neugieriger.

Es gibt ein altes Heimatland

Und du wirst es dort suchen, wo es nicht ist

Und den Geräuschen aus seinen Katakomben und Gräbern lauschen.

Denn dieses alte Heimatland ist jetzt tot

wie ein Friedhof in einer verlassenen Stadt

oder ein Feld, das mit der Lava des Vesuvs schwarz wurde.

 

Ja, Du hast die Heimat in mir drinnen getötet,

indem du mir diesen verfälschten Wein in die Kehle schüttetest,

als Du mich diese abergläubischen Lieder lehrtest.

Du hast meine Heimat getötet und nun sterbe ich mit ihr,

aber eines Tages werde ich Dich erwischen

und mache mir eine Perlenkette aus deinem Gebein,

aus Deiner Stimme mache ich ein Instrument,

um einige dieser abergläubischen Lieder zu spielen

und aus meiner Erinnerung werde ich ein Märchen erfinden

wie jenes von den alten Göttern und Riesen.

 

 

Ballade ohne Titel

 

Gib’ mir die Worte Deiner Augen,

die Nacht schreibt eine purpurne Ballade deines lieben Gesichts,

Tau glänzt, Deine Wangen sind ein weißes Weltall,

niemand kann barfuss gehen, ohne sich zu verletzen,

berühre diese Hände und fühle dieses aufgespießte Herz,

sieh’: das Blut ist heiß und das Weinen ernst,

o Taube, flieg’ nicht weit weg, Du hast aus meiner Hand gegessen,

das ist Weizen, der nicht vergiftet wurde und reines Wasser.

Wie dumpf klingt die Glocke, die die Stunde anzeigt,

zu der Du von diesem Fenster wegfliegst,

das ich halboffen für Dich bereithalte; wie dumpf ist der Seufzer,

der wie eine Fata Morgana kommt und geht.

Fliege nicht weit weg und sage mir das folgende Gebet:

„Das Licht von der Laterne, das auf mich fällt,

ein bescheidener Stern, der nur für mich leuchtet,

eine wilde Blume, die in meiner Brust aufsprang,

das Flackern einer Kerze um meiner selbst willen.“

 

 

In den Meeren deiner Augen

 

In den Meeren deiner Augen sinkt das Schiff

Meines Gestern, hier, in meinen Augen verwelken

Die Blütenblätter jener Blume , die ich für morgen einpflanzte.

Ich werde Dich mitnehmen, Herrin der Seen,

und Dein schwarzer Fuß wird auf ein weiches, herausgerissenes Herz treten,

das bis zum Ende für Dich schlägt.

Deine Augen blicken den Weg voraus,

und ich werde ihn im Wald deiner Haare verlieren

und deine Hände werden mir alles beibringen, Wort für Wort,

so dass ich verstehen werde, denn bis jetzt habe ich nichts gewusst.

Komme heraus für mich, o Sonne, die in jenem seltsamen Himmel

versteckt ist, der sich über mich schließt.

Wo, wo ist der Schlüssel, um Dich

von den schwarzen Wolken zurückzubringen,

die sich droben versammeln?

Das ist eine ganz besondere zeit, die Kerze tropft,

und das schwere Uhrpendel wird bald überflüssig und stehen bleiben,

die Feder wird bald leblos auf das Blatt fallen

und ich weiß, weiß nicht, ich möchte, möchte nicht, o Gott,

gib´ mir das Gedicht ein, das ich schreiben muss.

In den Meeren Deiner Augen ist Wahnsinn,

die nacht verhüllt alles im Abgrund meiner Seele,

am toten Horizont wurde ein Traum geboren,

die schmerzhafte Geburt der Herrin der Seen.

 

 

Jetzt bist Du die neue Zeit

 

Jetzt bist Du die neue Zeit, o Taube,

die gestern aus meiner hand aß, einsam,

wie Sonnenlicht, das von mir abgleitet und auf Dich überrollt,

sprich, sprich zu mir, sanft, im Schweigen

eines erschöpften Gemüts, offen, wie eine Katakombe,

für Deine nackten Füße, um darauf zu gehen – komm´ herein.

Jetzt bist Du ein verstummtes Klavier, in Dir

Ist die purpurne Melodie, die ich niederschreiben werde –

Mit den Noten, die Du mein großes Gedicht, eine Wortkomposition,

mit Worten, die nicht im Nachschlagewerk stehen,

die Thytmen jammervoll vorbringend und die Silben stammelnd,

denn Du bist sprachlos, neue Einsamkeit,

eine sanfte Schwalbe, die aus den Seen nippt

die die Ringe im Wasser zählt, die ich liebe

mit einem Steinwurf zu ziehen, am Abend,

Tochter verstummter Seelen, beim Umblättern

und Lesen der traurigen Bücher des Dichters.

 

 

Schreite

 

Vielleicht bin ich der Teppich, über den Du schreitest,

wann immer Du barfuss gehst, tritt jetzt

auf meine sanfte Struktur, oh Dame von den Seen,

ich kenne Deine feuchten Füße sehr gut, ich werde

in mir den starken Abdruck jeder Zehe behalten.

Vielleicht bin ich ein neuer Kalender, das Jahr

mit Stunden und Monaten und Jahreszeiten, unverändert

farbloser Regenbogen, in Deinen Armen – offen

für eine Welt, die sich das letzte Mal verdunkelte,

niemals, niemals wird diese Welt aufwachen,

um eine Sonne zu sehen, die unberechenbarer Weise aufging –

über einer schlafenden Menge, tritt´ barfuß auf mich

und bald wird Dein Fuß  meine Weiche spüren,

alle meine Nächte sind Dein, die flackernde Kerze

am Fenstersims, auf einer Straßenecke

ist die gestrige Laterne noch erleuchtet,

wird dort auf Dich warten, Deine Fußspuren werden

auf die weiche Asche meines Herzens fallen, die leere Nische

sehnt sich noch immer nach einer Heiligenstatue, die nie kommt,

sie möchte noch immer einen Blumenstrauß davor.

Und vielleicht, wenn ich wie eine vertrocknete Weintraube

Vom Stock abfalle, wirst Du um mich weinen

Und zu spät die dunkle Elegie schreiben,

mit Versmaß und Rhythmus, wie ich es nicht wollte.

Das ist keine neue Einsamkeit, tritt´ auf

die tote Stadt, wo das Saatgut verdarb und

die Lava die letzte Pflanze überdeckte,

dieser Vulkan schläft, er wird einmal

unerwartet aufwachen, vielleicht wird dann

der Eindruck deines nackten Fußes auf mir weiterleben,

Selbstmord ist nur für Erwachsene, mir

genügt ein stiller Tod, feierlich, um Mitternacht,

denn Deine Tritte sind feierlich

und folglich sterben die Jungen, so ist ihr Verhalten,

ein Unglück – so wie es kam, ging es,

vielleicht bin ich ein Teppich, über den Du schreitest.

 

 

Beichte

 

Ich bin ein Pilger, der tag und nacht

den von seinem Herzen vorgeschriebenen Weg nachgeht.

Mein Herz in der Hand kommentiert und leitet

die Reise, bis das Ziel erreicht ist.

Von meiner Hoffnung  angetrieben.

Ein Nomade auf dem Weg, in Sandalen ohne Flügeln,

der Sonnenstrahlen in halboffenen Fenstern sucht

sowie das erste Willkommen bei einer nur angelehnten Tür.

Ein Vogel, der nicht zwitschern kann,

auf der Suche nach feuchter Erde,

irgendwo – weit weg von seinem früheren Nest.

Im Winter bitte ich um Quartier für die Nacht; dann gehe ich,

im Sommer warte ich auf die Wiederkehr des Regens.

Ein Fremdling, der sein Schicksal mit sich trägt,

mit nut einer Stunde vor ihm

mit nicht weniger als einem Jahrhundert hinter sich.

O, gehe nicht aus, Du Lampe meiner Sorgen,

ich halte meine gekrümmten hände über Dich, wenn der Sturm bläst,

ich entzünde Dich mit dem Öl, das aus meinem Herzen mühsam ausgepresst worden war,

ich schüttete die Wünsche des verborgenen Tages in Dich hinein,

ich blies Dich mit dem Atem meines nun verstummten Mundes an.

 

 

Dieses Programm

 

An diesem Tag suchen wir die Lichter am Horizont,

eines nach dem anderen geht langsam aus, mit uns,

die noc immer umsonst um uns zu spähen...

An diesem Tag hören wir den letzten Lufthauch,

der nutzlos unserem Mund entströmt

und unsere Stimme ist gestört,

stammelt nur und kann nicht sprechen...

An diesem Tag verschwinden vertraute Töne in der Entfernung

und wir steigen auf unseren Zehen in die Wüste,

wo sich die Menschen in der Taubstummensprache unterhalten...

An diesem Tag brauchen wir die warme Schönheit einer Frau,

um in uns ein kurzes Feuer anzuzünden

und wir bleiben eiskalt und ungerührt wie ein marmorner Grabstein...

an diesem Tag versagen wir vor unserem stummen Spiegel,

wir verlieren die Liebe  - mit unserem Gesicht voll hundert Falten...

 

zuletzt wird dieses Programm vollendet

und dann wird es für uns leicht sein,

mit gesenktem Kopf des Theater zu verlassen.

 

 

Aus dem maltesischen ins Englische v. Peter Serracino Inglott Aus dem Englischen ins Deutsche von Carla Kraus.


Radu BĂRBULESCU

 

 

***

 

O, Herr, wie nah fühl’ ich Dich meiner!

Hast mir, um mich Deiner Sorge zu erinnern,

Deinen kleinsten Engel nahe gestellt,

den schlanken, goldäugigen Engel:

er duftet, o Herr,

nach grünem Himmel, nach Seetang und Granatapfel,

zart knospen seine Flügel über den Schulterblättern

und ein kleiner, dünner Finger will

meine Sehnsucht nach dem Paradies

strafen!

 

Warum hast, o Herr,

den Engel mir nahe gestellt,

und zwischen uns soviel Materie,

dieser Computer

und die kurze Zeit?

 

 

Elegie (1)

 

Es regnet

hinter diesen

Augenlidern

hinter dieser Retina, hinter diesem

(erschreckend) wachen Be-

wußstsein über

die virtuellste Welt,

die unter den Alpen den Macin-Bergen,

den Klippen,

dem Meer

und die sich

- zu Recht - totlachenden Möwen

wiederherstellt...

 

 

Elegie (2)

 

Von oben herab siehst du mich an -

du hohe Klippen,

ich, ein unter Wellen tauchender Strand,

Kalk- und Muschelscherben,

nur ich, der der abgeht

nur du abfahrend, um anzukommen

nur ich bleibe doch

Muschel, Saurier, Kalkstein,

lachhaftes Museumsstück –

eine Elegie.

 

 

Elegie (3)

 

Frag mich nicht, wo

alle Worte geboren werden,

es ist - eigentlich - umsonst an ihren Türen

über den Sinn des Schmerzes

und der Freude

zu suchen und fragen,

auf Ewig  zu pilgern.

Die haben mir mit den

eigenen Märchen auf die Fingern

geklopft,

immer noch allein bin ich auf dem Weg

zwischen Paradies und die Hölle -

vor deren - gemeinsame - Tor

stehen geblieben...

 

 

Elegie (5)

 

Du, der unterwegs bist:

Der Weg zum Hades

Ist immer der gleiche;

Der kürzeste führt jedoch

In die unmittelbare Nähe des

Paradieses...

 

 

Elegie (7)

 

Es gibt nichts lachhafteres

als die Verbohrtheit des alternden Dichters

durch seine Verse verankert zu bleiben!

Arthritischer Clown in seinem schrillen Anzug

vor den versperrten Toren des Zirkus.

Unfruchtbares Spiel zum Einschlafen der Kinder

die seit langem in sich selbst schlafen...

 



Rumänische Sonette aus zwei Jahrhunderten (2)

 

Ins Deutsche übersetzt von Dieter Paul Fuhrmann

 

Vasile Voiculescu (1884-1963)

 

ARIADNE

(Ariadna)

 

O Ariadne, du mein verweintes Wunder – wecken

Will ich dein Fleisch, dem Schatz gleich in Märchen eingerollt;

Laß deine weiße Blöße denn göttlich sich erstrecken

Nach den gepriesenen Hüften, gereift in reinem Gold.

 

Mach Flaum dein Lager weicher als alle wollenen Decken,

So weißt du deinen Herrn zu umfangen drauf so hold;

Den Algenfäden seh’ ich in deiner Hand noch stecken,

Seitdem im Schlaf die Liebe uns überkommen wollt’.

 

Wie schonungslos du opferst des Leibes reiche Gaben,

Um deiner Brüste Kelche tief in den Ton zu graben –

Mach süßem Seim begierig, vertiefst du deinen Schoß.

 

Der Sand entsaugt den Kuß deinen Lippen, die halb offen,

Doch modelst du den Staub in der Schönheit zartem Hoffen,

Und seine Pracht entfaltet er glänzend nun und groß.

 

 

MATEIU I. CARAGIALE (1885-1936)

 

CLIO

(Clio)

 

Mir raunte zu die Herrin: “Nicht auf vergilbten Blättern

Ist deiner Ahnen Größe in Balsamduft gebannt –

Im Dornbusch glüht sie purpurn, dort, in den Dämmers Brand,

Wo glänzende Geschichte erstehen in den wettern.

 

Denn ferne, wo die Wolken am Horizonte klettern

Und Schwänen gleich sich reihen, groß an des Himmels Rand,

Beschatten Wappenadler, von Drachen rings umspannt,

Die Städte, deren Türme in Feuerbrunst zerschmettern.

 

Doch wenn die Glut des Tages im Nebel dann versinkt,

So setze hin dich, wo dir der alte Eichbaum winkt,

 

Damit der müden Seele, vom Zauberhauch erweckt,

Wenn du, von Nacht verschleiert, die Erde siehst vergehen,

Die Ahnen stumm entsteigen, aus ihrer Ruh geschreckt.“

 


GEORGE TOPÂRCEANU (1886-1937)

 

SAMSON UND DALILA

(Samson şi Dalila)

 

Mit tiefer Stimme sagte Samson: „Ich weiß, das eben

In diesem falschen küsse, der schmeichelt meinem Wahne,

Du sinnst, mich preiszugeben dem mörderischen Plane;

Zu Fall, zum Tode droht mich zu bringen dein Bestreben.

 

Ich will dich nicht verstoßen. Der Leidenschaft Arkane

Obwohl fatal, sind teurer sogar als mir das Leben.“

Dann schlief er ein und zog sie an sich, der er vergeben,

Sie aber fing im Netz ihn, die schnöde Courtisane!

 

Sie bracht’ ihn sanft zu Ruhe, bis er fest eingeschlafen –

O zukünftige Zeiten, seht ihre Waage schwanken! –

Nur für ein Weilchen hatte sie Mitleid mit dem Braven,

 

Dann beugte sie voll Anmut den Leib, den gerstenschlanken,

Ein Härchen riß sie lächelnd ihm aus, um ihm zu strafen,

Und seufzte: „O, die Männer!“..., verloren in Gedanken.

 

 

VICTOR EFTIMIU (1889-1972)

 

DEIN HANDSCHUH AUF DEM ALTEN SCHREIN

(Mănuşa ta, pe scrinul vechi uitată...)

 

Auch jetzt noch liegt er dort, auf dem alten Schrein, vergessen...

Ich hab’ ihn seither nicht mehr berührt. Den Duft, dir eigen,

Fühl ich als Rauch von einstmals verwirrend ihm entsteigen,

Um mir, benommen vom zarten Rausch, die Brust zu pressen.

 

Von unsrer Flamme blieb nur die Asche und das Schweigen.

Warum? Wohin bist du mir verschwunden unterdessen,

Auf deiner langen, schuldvollen Irrfahrt, so vermessen,

Daß nur noch fremde Hände fortan den Weg dir zeigen?

 

In mir ist nun erloschen der letzten Fackel Glimmen,

Und da der Abend will in Melancholie verschwimmen,

Wird tiefer nur mein Schmerz, als vermöcht’ ich’ s nicht zu fassen.

 

Ich kann es nicht vergessen. Verkrampft um seine Beute

Wie eine Kralle, starr, hält dein Handschuh fest noch heute

Mein Herz – er presst es immer und kann von ihm nicht lassen.

 


ION PILLAT (1891-1945)

 

DIE MUSCHEL

(Scoica)

 

Aus einem Fabellande, wo im Polypenhain

Juwelengleiche Blumen  den Fels umblühn, den braunen,

Sah ich als Kind, getrieben vom Spiel der Meereslaunen,

Am Ufer eine Muschel im Sande, ganz allein.

 

O, könnt’ ich doch erwecken den Schauer vor dem sein,

Der damals mich ergriffen, und jenes tiefe Staunen,

Als in der stummen Muschel ich hört’ ein leises Raunen

Von unsichtbaren Fluten, von langen Wellenreihn!

 

Nachts legt’ ich dann die Muschel ans Ohr und hörte ferne,

Am Traumgestade, wachsend und schwellend, ruhelos,

Das Brausen und das Murmeln in des Ozeanes Schoß.

 

O, welches Kind wird einst wohl im Sternenschein, bereit,

Den Vers in seine Seele zu schließen, ach so gerne

Der Muschel gleichen, die mir verhieß Unsterblichkeit?

 

 

ION BARBU (1895-1961)

 

PYTHAGORAS

(Pytagora)

 

In vieler Tage Stille, auf langen Meeresfahrten,

Versenkt’ ich meinen Blick in der feuchten Tiefe Grund;

Noch starrt mein inneres Auge gebannt nach jenem Schlund,

Wo Schatten sich und Farben zu üppigem Gleißen paarten.

 

Dort reih’ n sich schnell, erst glitzernd, dann glasig, die aparten

Reflexe in des endlosen Meeres klarem Rund,

Unzählig ihre Folge, unsäglich auch der Fund,

Den mir i stetem Wandel die Dinge offenbarten.

 

Dann trennt’ ich mich in Krotona ein dorisches Gemäuer

Für immer von der Flut meiner blauen Abenteuer –

O Ion! Enger ist Spartas Geist als diese Sicht!

 

Doch droben zeigte mir in der Nacht sich, herber, strenger,

Die Stadt in einer Leere von sideralem Licht,

Entfleischt zur Zahl, zum Wirbel von Eisen, um so länger.

 


LUCIAN BLAGA (1895-1961)

 

DIE MEMNOSSÄULE

(Columna lui Memnon)

 

Der Säule, die verletzt ward von eines Königs Schwerte,

Verlieh dies eine Gabe, die sonst dem Stein nicht eigen:

Getroffen von den Strahlen, die früh der Sonn’ entsteigen,

Tönt’ sie in einer Weise, die das Gesetz verwehrte.

 

Und jene hehre Saite klang in der Zeiten Reigen,

Indem ihr Ton, getragen, zu Himmel wiederkehrte;

Den Bruch, der insgeheim einst ihr Inneres versehrte,

Mußt’ immer sie verkünden, mußt’ ihre Wunde zeigen.

 

Doch damit stets erklinge nach dem Gebot der Stunde

Die Weise, so verfügte, dass man den Schaden richte,

Ein andrer großer König – das Wunder ward zunichte.

 

Da selbst der starre Stein ist beseelt in seinem Grunde

Und durch die Risse Klage erhebt, die in ihm klaffen,

Ist ohne Wunde tonlos, erstorben, was erschaffen.

 

 

TUDOR VIANU (1897-1964)

 

DIE WOLKEN

(Norii)

 

Als Streifen dunklen Flores in weitem Luftbereich

Durchzieht ihr unaufhörlich der klaren Sicht Gefilde,

In eurer wandelbaren Erscheinung, hehr und milde,

Bleibt auf den Wanderzügen ihr euch doch immer gleich.

 

Stets finde ich euch wieder, ihr flüchtigen Gebilde:

Hoch thront ihr uns zu Häupten, erlaucht, an Siegen reich,

Der Streiter Seelen seid ihr, die fuhrten manchen Streich,

Das ewige Sehen zeigt ihr in seinem Ebenbilde.

 

... Und ob ihr nun als Regen euch senkt mit reicher Frucht,

Ob eurer Dunst als Fülle von weißem Schnee zerstiebe,

Seid ihr belebt vom Drange, der seine Formen sucht.

 

Zu euch erhebt in Andacht sich unsere ganze Liebe,

Da wir uns wiederfinden in jenem starken Triebe,

O Wolken, wie in eurer Erneuerung und Flucht.

 


B. FUNDOIANU (1898-1944)

 

DEM IDEAL ENTGEGEN

(Spre ideal)

 

Die Brassen auf! Schon ist in den Lüften, langgezogen,

Ein unverkennbar klares Alarmsignal erklungen,

Die Fackeln angezündet an Bord, und schont die Lungen,

Damit der Lärm verstumme, bis der Tumult verflogen.

 

Pilot, wohlan! Durchdringen die Sicht im Gang der Wogen,

Mit wachem Blick – wer will es? Wie scharfen Stahles Zungen

Seh’ Parmaveilchen blinken ich in den Niederungen,

Sobald im Frühlicht aufklart der weite Meeresbogen.

 

Wir werden dann die wandernde Öde ohne Zagen

In tiefer Nacht befahren wie an besonnten Tagen,

Bei vorherrschender Stimmung von Bitterkeit und Schweigen.

 

Auch werden wir die Weisheit der Welt zumal vergessen,

Dafür jedoch sehr stark sein und selbst den Weg uns zeigen,

Wie sehr uns auch die Stürme bedrängen unterdessen.

 

 

DAN BOTTA (1907-1958)

 

DER KRANZ DER ARIADNE, XXVII

(Cununa Ariadnei, XXVII)

 

Durchmessend Himmelshöhen mit dir im Überschwang,

Da du mich in ekstatischem Fluge hingerissen,

Brach in des Lenzes Torheit ich, ohne es zu wissen,

Ein Reis ab der Unsterblichkeit, die mich dicht umschlang.

 

Zephyre trugen, o Pegasea, uns entlang

All jene.öden Räume, indessen ich beflissen,

Gemessen, hieratisch, um keinen Ton zu missen,

Emporhob zu den Göttern der Doina süßen Klang.

 

Mich nährend von der weißen Ambrosia, erglühte

Die Poesie, umwehend der Wellentiefen Blüte

Und selbst Uranias weltferne Seele rührend sacht.

 

Die du mich trugst pathetisch durch Stürme und durch Zeiten,

Hast in mir Harmonien unzählig schon entfacht,

Daß meine Finger bluten, kaum rührend an die Saiten.

 


PETRE SOLOMON (1923-1991)

 

DER WEICHSELBAUM

(Vişinul)

 

Misshandelt von den Nachbarn, den jungen und den alten,

Zuweilen auch vom Wüten des Sturms zur Winterszeit,

Erblüht mein Weichselbaum alle Jahre und gedeiht,

Wenn brausend ihn bedrängen die lenzlichen Gewalten.

 

Dann ist mit weißen Blüten mein Fenster ganz verschneit,

Durch die sich schleicht mein Kater, geschmeidig und asphalten;

Behutsam pflegt am Sims er ein wenig anzuhalten –

Die Muskeln stählern straffend, ist er zum Sprung bereit.

 

Und Bienen, Spatzen, Tauben, auch Katzen nahen schon,

Sie summen, flattern, jagen in den umblühten Zweigen,

Vereinend ihre kleinen Geräusche, kakophon.

 

Die als Epithalame alsbald zum Himmel steigen.

Geduldig hört der Weichselbaum ihnen zu und lange,

Beschäftigt unaufhörlich mit seinem tiefen Drange.

 

 

LEONID DIMOV (1927-1987)

 

AM UFER DES STYX, XXXIV

(Pe malul Styxului, XXXIV)

 

Lauf an die Straßenecke, tritt in den Krämerladen

Und gib dort nur die Auskunft, du seist gesandt von mir,

Kauf einen Rückenstärkung, Papier und Bindefaden

Nebst eine Flasche Anis, mit Siegel und Petschier.

 

Wir bau’ n dann einen Drachen und lassen ohne Schaden

Ihn hoch ins Nachtblau steigen über der Mordsstadt hier;

Erklirren die Signale in kosmischen Kaskaden

So winkt uns bald ein Päckchen mit Schlafeselixier.

 

Nicht wirst du’ s je erfahren, noch wirst du es verstehen,

Wenn, anderen Gesetze zufolge, aus den Höhen

Ein rotwangiger Apfel zur Erde niederfällt.

 

Ich aber, viele Meilen ins All hinaus gespiegelt,

Werd’ weiter Wache halten, von Anisduft beflügelt,

Um Antwort zu erstatten im Dunkel dieser Welt.

 


TUDOR GEORGE (1926-1992)

 

DIE SCHÖPFUNG

(Geneza)

 

Für Michelangelo / lui Michelangelo

 

Obwohl ein Sklave seiner „unwürdigen“ Malerei

Durch seines Papstes Willen, erträgt er die Torturen

Der Weltschöpfung zuliebe, die seine Pinselspuren

Erwecken in der Tünche – das Bibelwort wird frei!

 

Zyklopengleich durchstoßen des harten Lichts Kontouren

Die Engel seiner Sintflut in höchster Raserei –

Der Farbenflut hält kaum sein Gerüst stand, bis vorbei,

Getrieben ist die Arche voll zitternder Lemuren.

 

Auf die „lombardischen Katzen“ gehockt, blickt er gebannt

Ringsum, wo ächzt und lodert des Himmelbaumes Brand.

 

Betrachtet die Sixtina: in Adams Finger fließt

Substanz aus Gottes Finger – wozu die leeren Possen –

 

Genau wie Buonarroti, er selbst, entstanden ist

Als Zweig des selben Stammes, dem selben Stoff entsprossen!

 

 

RADU CÂRNECI (*1926)

 

ES BREITET SICH DER BODEN...

(Vaste câmpii)

 

Es breitet sich der Boden für alle in der Runde,

Des Euphrats Fluten rauschen noch in den alten reichen,

Doch nimmer, sich verschwendend, will dort das Schweigen weichen,

Auch blüht die Mandragora nimmer zu dieser Stunde.

 

Verschollen ist des biblischen Paradieses Kunde,

Zu den Erzengeln fleh ich, entsetzt von solchen Streichen,

Ich schrecke jene auf, die durch Traumgefilde schleichen,

Und sammle an den Ufern sie mit beredtem Munde.

 

Zu einem edlen Leben mahnend in meinen Reden,

Gedenkend der Geschlechter, die blinder Haß geschlagen,

Der machtbetörten Herrscher, der bitteren Adelsfehden.

 

Seh ich, wie bald versanken in Blut die alten Sagen,

Bis sanft der Tod mir deutet das Schicksal der Aeden –

Und nur der Euphrat noch lässt vernehmen seine Klagen.

 


MARIN SORESCU (1936-1996)

 

WIRD UMGEWANDT DIE ERDE...

(Pământul dat la-ntors...)

 

Der ewigen Ruhe zwacken wir einen Vorschuß ab,

Indem wir alle Nächte schon jetzt vom Schlafe naschen;

Auh darf ein leises Raunen mitnichten überraschen,

Wird doch ein Pfad gehauen zum Waldesgrund hinab.

 

Des Geistes Früchte hängen dort unreif, faul und schlapp,

Denn  nach dem Und lässt kaum sich ein Folglich noch erhaschen;

Vergebens tränken Straßen voll Milch uns wie aus Flaschen,

Damit das Naß nicht über die kalten Lippen schwapp’.

 

Wird Hanf in vollen Strähnen zu Traumgeflecht versponnen,

So ist die Commedia, die Dante einst ersonnen,

Ein vielfaches Inferno, in dem der Dichter fehlt.

 

Und in den Purgatorien, befanden von den Wonnen

Des Wahns, der sich noch immer im Teufelskreise quält,

Wird umgewandt die Erde, aus dem wir uns geschält.

 

 

 

CONSTANTA BUZEA (*1941)

 

SCHATTEN

(Umbră)

 

Aufs Dach und in die Bäume, in den gestutzen Hecken,

Ins Dillkraut, das gefiedert der Scholle ist entstiegen,

Seh Spatzen, Tauben, Spechte in bunter Schar ich fliegen...

Woher sie alle kommen? Wo spielten sie Verstecken?

 

Ein luftiger Schattenreigen beginnt sich anzuschmiegen

Dem weißen Stamm der Pappel, wo wehend Blätter necken

Wie Segel hoher Schiffe, die ihre Masten recken,

Vertauschend Näh und Ferne, wenn sie im Wind sich wiegen.

 

So ist der Lenz erfüllt von geheimnisvollen Dingen,

An deren Sinn wir rätseln, vergeblich, immer wieder...

Wie manches,das uns wohltut, mag einst uns Schmerzen bringen?

 

Die Luft ist warm. Die Augen bedecken sanft die Lider,

Aus deren Honig, lockend zu Träumen, Dufte dringen,

Als hallten ihre Rufe in unserem Innern wider.

 

 



Vasile DAN

      Arad

 

 

Die Haut des Dichters

 

Die Haut des Dichters weh’ ihr

der Haut des   Dichters.

Schau’ seine erste, linke Hand

mit welcher er hastig die Groschen zusammenrafft,

aus welcher er die Groschen im Kanal

vor dem Rathaus verliert.

 

Schau’ seinen, wie eine in rote Tinte getunckten Silberfeder, abgebrochenen Fingernagel.

 

Schau’ seine über der Schreibmaschine gebrochene  Schulter.

 

Schau’ der erste Buchstabe, den er schreibt:

Ein klares, durchsichtiges Knöcherchen

eines nicht geborenen Leibes.  

 

 

Blaue Blume

 

Auch du hast mir eine Liebe geschenkt.

Was ich sagen will ist,

dass ich die Hand wie

in einen anderen Stoff strecke,

 

so wie es die Nacht wäre.

 

Fünf feuchte,

kleine Finger

die rot tropfen.

 

 

Gekreuzte Wege

 

Unerwartet kommst du an den bekannten Platz.

Wirst erleuchtet.

Von deinem Kopf fließt in Strömen

ein feiner, kalter und dichter Regen herunter.

Du magst ihn. Er kühlt dich ab. Er säubert dich.

 

Jemand ruft hinter dir her

obwohl du ihn vor dir siehst.


Einmal

 

Einmal hat er sogar gelacht.

Einmal hat er geweint. Ungesehen.

Der Himmel hat sich von Osten nach Westen verdunkelt.

Am Mittag.

 

Das Licht war ein Grab und die Dunkelheit

verdeckte es nicht.

 

 

Stunde

 

Nach einer Weile kehrst du zurück

und findest alles verändert.

Manches ist wie der Myrthenzweig

aus dem Tonkännchen auf dem Tisch ausgetrocknet.

Anderes ist gekeimt.

Noch unbestimmte Spezies.

 

Nur das Gedicht von damals

blieb unberührt.

 

Der Platz eines erloschenen Feuers

ist kälter als alles was man mit etwas

bekanntem

vergleichen könnte.

 

 

Das Herz klingt irgendwo da oben

 

Du bist angekommen, obwohl du noch nicht weggefahren bist.

Du bist herabgestiegen, obwohl der Boden über dir war.

Du hast geschrien, obwohl deine Zunge vor Angst

gelähmt war.

 

Deine Hand hast du ausgestreckt, fast wie festgenagelt.

Dein Blut schlug nicht mehr im Sand des

Leibes.

 

Schau,

ich seh’ dich vor mir

weil du mir folgst.


Das Autorengesetz

 

Herrn Petre Tutea

 

„Wird Gott euch nicht strafen?“

 

Während er sprach zeigte er

Sein, wie bei einen Säugling,

nacktes Zahnfleisch.

 

Die eingefallenen Wangen.

 

Die glatten,

von feinen Tropfen übersäte Stirn.

 

„Wird Gott euch nicht strafen?“

 

wiederholte er mit der Bibel in der Hand,

die er Allen wie ein

Autorengesetz

vorzeigte.

 

 

Die Idee

 

Es war eine gerade,

unendlich gerade und leere Straße.

Es war Morgen,

es war Nachmittag

es fiel die Dämmerung.

Oberhalb der Straße,

über der Straße,

in der Straßenmitte,

der Straße entlang,

sie völlig beherrschend,

ein schwarzer Vogel

der sich näherte.

 

Und dort unten,

ein dünner Gesang,

in der

Kanalisation.

 

 

Die freie Sprache

 

Nach einer längeren Weile

hob ich mich langsam auf eine Seite

dann, zitternd, auf meine eigenen Beine.

 


Der Wind blies aus dem Norden und

kühlte mich ab.

 

Eine gesund knisternde Flamme

in meinem freien Mund.

 

Holzscheite. Kleine Wahrheiten.

 

 

In Luft gekleidet

 

In Luft gekleidet

so wie ein anderer in Haut

hebe ich mich langsam,

auf allen vieren,

auf den Knien,

auf den Beinen,

wackelig,

schrittweise,

gekleidet nur in Luft

wie in einer Engelhaut

ein kaltes Hemd

von der Kälte gewoben

auch durch die Luft

tropft schwer wie eine Säure

der Sonnenaufgang.

 

 

Nacht

 

Schläft die Materie.

Auf meiner Brust eine grüne Flamme.

 

Ein Zweizeiler der zu dieser späten Stunde

Gut genug ist

Mir zwiespältig zu trotzen.

 

 

 

 

Aus dem Band „Pielea poetului“, Ed. Mirador, Arad 2000. Dt.-Übersetzung von Radu Bărbulescu.

 


Francisc VINGANU

            Curtici

 

Die Rückkehr des Dichters

 

Morgendämmerung.

Hahnengeschreie

fallen wie Spielwürfeln

auf die Stille.

Der Dichter kehrt

geschwollen

wie ein Jungfraubusen

aus dem Manuskript

zurück.

Er tritt ins Licht

und legt sich

auf eine Uhr hin,

die wie

der Mond des Großvaters

quietscht.

 

 

Mit verebundenen Münder

 

Wir waren alle Dichter der Welt

mit verbundenen Münder

mit Titeln

und ohne die Porträts

unserer Geliebten.

Es wurde uns aufgetragen

eine von Dornengebüsch

geplagte Einsamkeit

zu bestellen,

aus denen wir uns Kränze

flochten

unter denen unsere Stirne

schwitzten.

Am Abend

versammelten wir uns

um ein altes

Glühwürmchen

und hörten seinem Licht zu.

 

 

Nur die Einsamkeit

 

Mir ist nur

die Uhr

an der Wand der Dichtung

geblieben,

sogar der Herbst

gehört den Bäumen.

Die Sonne

ist dieselbe,

die Diagnose

ist dieselbe,

nur die Einsamkeit

ist eine andere.

 

 

Der Stimmen-Vogel

 

Im Sibirien der Dichtung,

durch den Schneesturm der Liebe,

vor dem Kreuz

fließen Schatten

aus meinen Augen.

Spuren –

um das Kreuz.

Im Sibirien der Dichtung wird

die Morgendämmerung

von Stachelmännern umkreist,

von welchen der Stimmen-Vogel

ins Wort zu migrieren

versucht.

 

 

Der Vogel Van Gogh

 

Der Vogel

Van Gogh

hat statt Federn

gelbe Blätter

macht sein Nest

aus Oliven-Versen

aus Trauerweiden,

aus Eichen-Versen.

Der Vogel Van Gogh

brütet

eine Zukunft,

eine Hoffnung,

füttert die Küken

mit Rosenkranzkernen.

Der Gesang des Vogels Van Gogh

ist die Sonnenblume.


Rezept für den kranken Dichter

 

Man nehme

anderthalb Vogel-

Schwarm,

man setze ihn in eine saubere

Sonne,

die man am linken Henkel hält

und zerstosse es

zu Pulver

dann trinke man es

mit mehrere Schalen Wein.

 

 

Die Ideen in der Dichtung

 

Die Ideen

rennen

auf der Autobahn

der Schreibmaschine.

Die Hauptperson

ist die Einsamkeit

mit allen ihren Sachen.

Der Dichter ist

eine andere Einsamkeit,

die in einer

prämierten Uhr,

die als genaue Zeit

die Ideen hat,

wohnt.

 

 

Der Vogel in Trauer

 

Während des Fluges

hat der Jäger

das Ei

in dem Vogel erschossen.

Er hat ihm den Flug gelassen –

die Flügel,

seinen Himmelabschnit

aber was soll’ s:

das Nest ist leer

der Vogel in Trauer.

 

 


Aspekt

 

Der Himmel ist naß vor Sternen.

Die Häuserwände

sind mit Hundebellen

verschmutzt.

In der Nacht

haben die Geräusche

eine Lokomotivform.

Ich trete ins Haus:

-          Geliebte, lass’ Deine Brüste

leuchten,

damit ich

die Gefühle

schneller finde.

 

 

Ich schlage mich und klinge

 

Der Mond

schneidet Fragen aus

deshalb schlage ich mich in der Dunkelheit

und klinge

wie einer, der vom Seil gezogen wird,

aber ihr glaubt,

dass ich erneut Auferstehen tue.

 

 

Der Dichter

 

An einem Platz-

Ecke,

mit hochgezonenem Kragen,

auf einen alten

und traurigen Plakat

verkauft

Der Dichter

seine Schlaflosigkeiten:

Für Brot,

Salz

und Wein.

 

 

 

 

 

Aus dem Band „Pasarea Van Gogh“ , Ed. Mirador, Arad 2000. Dt.-Übersetzung von Radu Bărbulescu.


Gheorghe MOCUţA

               Curtici

 

ÜBERGANGSGEDICHT

 

wie sie wiehern, die Zuchtstuten

auf den Parzellen der Eigentümern

indem sie sich in den aus der Zeit der LPG-Gründung (als die Apparatschniks mit

Sauerkrautsaft in den Tüten herumliefen

und heutzutage sie sind Geschäftsleute, haben Boutiqen, GmbHs gegründet)

alten, entliehenen Zügeln anstrengen

 

wie die Leute, wie Fliegen in die Gärten herausgehen,

und fröhlich ihre kleinen, vegetalen Gottheiten umschwirren,

die in der schwarze Erde stecken

 

es vergeht auch dieser Frühling wie ein Nervenzusammenbruch

wie ein kalter Wind an den dämpfenden Glashäusern

mit Paradeiser- und Krautsetzlingen

 

und ich gleite wie ein Ertrunkener in dieses

tiefe Wasser

ich tauche im Morast dieser Übergangsjahreszeit unten

 

 

Schwindelgefühl

 

Nichts

du sagst nichts und die Leere stürzt über dir

du stürzst in die Leere die dich absorbiert

du, der Buchstabenmensch und dein papierenes Leben

ihr stützt euch gegenseitig

wie die Wolke und der Dampf

sonst würde das Gedicht nichts weiter als eine Erfindung eines auf diesem Bergpfad verirrten Hirns.

Der Berg zu welchem du willst

kreist immer um die Wüste in dir

Er beschnüffelt sie hündisch wie ein Artgenosse

nur so klärt sich sein Sinn

nur auf diese Weise betrübt er dich.  


Groschenhefte & DicHtung

 

von den Witzen der Freunde über die Literatur verfolgt,

werde ich Tag für Tag unter der Last der gegenwärtigen Geschichte immer buckeliger.

mir scheint es, dass die Adoleszenten von heute

keine Groschenromane & Dichtung im Geheimen mehr lesen

sie sind verrückt nach Videoclips und

amerikanischen Stars

und ihre Träume werden in der

Dunkelheit der Diskotheken zerdrückt

während der Philosoph in den Mülleimer der Emporkömmlingen die Gesetze der

neuen Demokratie sucht

und das Gespenst des wilden Kapitalismus

in die städtischen Sauhorde geraten ist. 

 

 

DAS Antlitz der Ebene

 

der Weg zwischen Feldern

von Mohn und Unkraut umsäumt

während das Holpern der Pferdewagen

Vaters Worte, die schmerzlich bis aufs Blut in das Gedächtnis geprägt sind,

so wie das brennende Eisen auf dem Rücken des Viehs:

„das hier war unser Land“

 

das Traben in der Mittagshitze

mit vom Licht geblendeten Lerchen die aus den Höhen fielen

mit Erdstaub zwischen den Zähnen

und dem Geruch von verschwitzten Pferde

 

ich bin elf Jahre alt (das Alter meines Sohnes)

und Vater  murmelt mir etwas ins Ohr

vielleicht der Anfang eines Psalmes

oder ein Rat den ich auch jetzt

mit dreiundvierzig Jahren immer noch nicht verstehe

obwohl es mir im Blut schmerzlich geblieben ist.

 

 

UNDERGROUND

 

die wurzeln meines wesens

sind zusammen mit


den gebeinen der mocuţa-familie

tief in den lehm der ebene eingedrungen

genauso wie – unbemerkt –

die vergängliche blume des traumes

ihr opium in mein blut

geschüttet hat.

 

das gift steigt in mein gehirn,

dort wo eine

ältere wunde sich geöffnet hat,

ein schlitz durch welchen ich

den stern des feldes

beobachten kann.

 

 

DIE WEHKLAGE DES ÜBRIGGEBLIEBENEN DICHTERS

 

dies ist nicht das bildnis der ruhe

sag’ ich mir

als ich das gesicht des aufbewahrten dichters betrachte

ach, dies ist nicht das antlitz des schlafes.

 

die wachhunde der nacht

bellen immer noch seiner schlaflosigkeit nach

seine gequälte seele

läuft zwischen dem zeigefinger platos

und dem zeigefinger aristoteles.

 

(glücklich ist der weg

auf welchem die aus der polis

verjagte seele läuft)

 

 

DER SOHN DES REGENS

 

Die menschen haben ihm den spitznamen ulisses gegeben

weil er seinen esel so nannte

das einzige wesen mit welchem er noch gespräche führte

und dem er, wie ein schlauer, dickbäuchiger sokrates reden über die tugend der armut hielt

er, der sohn von alexa popovici

der wohlhabendste bauer im dorf

(er schickte sonntags die dienerschaft und das vieh zum schlafen, damit er in ruhe seine buchhaltung erledigen konnte)

aber nachdem er in die lpg eintreten musste wurde er zum

sohn des regens

und jetzt mit dem wiederaufbau den besitzrecht

aber keine landwirtschaftsgeräte mehr hat,

um das land zu bestellen

das er nicht einmal am galgen verkaufen würde.

von früh bis spät abends

läuft und philosophiert er neben seinem esel

hält monologe über den wein und die eitelkeit

die ihm irre und witwer werden ließen

sie haben sein haus zur veräußerung gebracht und haben ihm nichts mehr als

einen sohn in der gataia-irrenanstalt gelassen

und die immense familiengrabstätte auf dem friedhof, wo er sich proviant für das leben

im jenseits

hortet.

 

 

DER SCHLAF DER NATION

 

wir sind rumänen magyaren rrroma

wir verkaufen unser land nicht, wir haben eine verfassung,

die schwaben und die sachsen können ruhig auf den mioritischen ebenen zurückkehren,

unsere berge beinhalten gold,

aber das vaterland ist immer in gefahr,

wir haben unsere nostalgien

eine mutige feine intellektuelle jugend

aber wir haben auch bergarbeiter die die

revolutionären errungenschaften

verteidigen, falls wir wollen

wir können das haus der republik

und den boulevard des sozialismus / mit menschlichem antlitz bauen,

wir brauchen keine monarchie und großgrundbesitzer und exilanten, sie haben keine sojawurst gegessen,

und auch keine echten revolutionäre,

zur zeit ceauşescus wurde riesig gebaut aber monströs der donau-schwarzmeerkanal,

man sieht ihn aus dem all ziemlich gut,

es gab keine arbeitslosen und fremde währung,

heute haben wir stupid people und viel

viel trauer.

   

Aus dem Band „omul de litere / viaţa de hârtie“, Ed. Mirador, Arad, 1998. Dt.-Übersetzung: Radu Bărbulescu


Christian W. SCHENK

              Kastellaun

 

BLINDER SPIEGEL

 

Schreie nicht!

Der stumme Blinde

hat seinen Hund

auf dich gerichtet.

 

Du sollst nicht fragen

wer der Stumme ist

oder der Blinde

denn dann

werden

die Schreie

dich zerstückeln.

 

Du sollst nicht schreien

denn du hast gerichtet!

 

 

DIE NIEDERLAGE DES BAKIS

 

Die stumme Einsamkeit

schreit

ihre Blindheit aus:

 

"-Du sollst die Saiten

deiner  Augen

tasten!"

 

Der Mund der Einsamkeit

verdirbt

das Kollektiv.

 

Lernen zu denken

ohne Gedankenlehre

ist ein Ertrinken

in der Wüste

bevor

der Regen kommt.

 

 

SO ÄHNLICH DREHT DAS KARUSSELL

 

Und wieder ist's so weit:

Die Glocken läuten,

Abschiedsgeschenke

werden verteilt,

Särge verkauft.

 

Und wieder einmal

werden alte Windeln

im Frühjahrsputz gewaschen.

 

Und wieder ist es Tag

und wieder Nacht

und wieder zucken Finger

am Abzug,

und wieder regnet es

aus Strohhalmwolken

schwer

und wieder ist's so weit:

Die Glocken läuten

Abschiedsgeschenke

werden wieder

wieder...

 

 

ZUM HERRSCHER GEBOREN

 

Türme baumeln

glockenlaut

 

mann sagte

läutet

mann sagte

unterwerft

mann sagte

lauter

 

mann sagte

weibersünde

mann sagte

mariahimmelfahrt

 

mann sagte alles

und

man schwieg

 

 

GEDANKENSPIEL

 

Zusammengefaltete

Augen

tagerfüllt

zur Nacht hin

gedrosselt.

 

Der Abend

bricht an

 

- Traumblindheit -

 

Der Tag

bricht an

zusammengefaltet

nachterfüllt.


Traian Pop TRAIAN

          Ludwigsburg

 

Ins Deutsche übersetzt von Horst FASSEL

 

          PROTESTNOTE

er verliest die Protestnote
weiß nicht warum aber man läßt es zu

sie liest die Protestnote (die gleiche?)
weiß nicht wie aber man läßt es zu

er will sie unterzeichnen
weiß nicht warum aber man verbietet es ihm

sie will ebenfalls
zu spät sagt man ihr
sie gehört
bloß zu den
Lebenden

 

 

ALLES OK

alles OK hieß es als er ihn unversehrt und unbehelligt sah
er hätte ihn umarmen mögen
allein es gab ein weiteres Problem
die ausgeliehene Fahrradkette mit der das Treppenhaus
        abgeriegelt werden sollte war dazu nicht imstande
ebenso scheiterten alle Versuche den toten Nachbarn daran zu hindern
in die Stadt zu gehen und Brot
Kerzen und Streichhölzer
zu suchen


       WIR SIND FREI

das geschah am Tag nachdem Ion Monoran die Wodkaflasche von
Nichita Stanescu nahm um sie Bacovia auf dem Bellu-Friedhof zu


bringen


Rolf Bossert ließ sich gerade am Blitzableiter des Schriftstellerhauses herab Virgil Mazilescu biß ein Stückchen


Gedicht vom Tragebeutel


mit Gemüse ab  Matei Visniec verteilte Märchen mit Blinden Florin
Iaru erlernte ein Lied zum Überqueren der Straße
Was würden wir rumänischsprachige Schriftsteller ohne die
deutschsprachigen anfangen
                        fragte sich Mariana
Marin
Eugen Jebeleanu traf eben mit
seinen beiden altbekannten Zicken ein und jeder wußte daß es
                                an der Zeit war
Eugen Suciu einen Besuch abzustatten
es regnete bitterlich und
wir zwei Narren streckten uns unter dem Tropfenfall auf dem
Siegesboulevard aus
wir sind frei
        wir sind frei
                wir sind frei tönten wir - jaja
        ihr seid schon frei, schien jetzt
das blinzelnde Auge der Ampel zu sagen
die in die Reserve
zurückgezogen wurde
aber ein beneidenswertes Gedächtnis
besaß

 

   KOMM TRAM

die gelbe Tram ein Dotter hält
in der Haltestelle wo du gestern
den Tag um die Ohren schlugst
still öffnen sich die Türen du wirst
festgehalten von den Blicken der Schaffnerin und wirst
von einem Wal verschluckt

der Schrecken
aus Dunkelheit den sie
mit ihren Karieszähnen kaut
wird dich von nun an
niemals
verlassen


Dan DANILA

     Leonberg

 

Dt. Übersetzungen: Georg SCHERG

 

 

Western Light

 

Der Stacheldraht ist auch ein Gedicht,

von jeder Seite anders zu lesen.

Ja, die Wolke ist frei, sie kann aber nicht

Umblättern und staunenden Augen genesen,

 

keiner drum glaubt, der in fremden Zungen

Linke nennt, was mir als Rechte bewusst,

drum presst, der einen Standort errungen,

den geheimen Kompaß fest an die Brust,

 

wird scheunentorgroßer Reklame trauen

wenn schön geschrieben, darfs Lüge sein,

die Hand vorm Mund wird er staunen und scheuen,

zu Boden und scheu blickt der Ostländer drein;

 

damit ihn soviel chromweißes Licht

und west-gerechte Spiegel nicht blenden.

Der Vorhang ist offen – die Hand vorm Gesicht

Wird der eilig und weise von hinnen sich wenden.

 

 

Zwei Schattengestalten

 

Märchen hatten damals wirkliches Leben

in Wäldern, zwischen Kornböden und Steinen, gewärtig,

mit einem Zauberwort geweckt zu werden

und selbst sich zu erzählen, indes der Sommer

sich ohne Ende hinzuspinnen schien,

ein Hauch gemächlich um den Feldweg strich

und warmer Staub noch an den Fersen klebte

des blonden Kindes, das es nicht mehr gibt

 

die Stadt versteckt im winzigen Turm,

der durch Splitter strahlt von buntem Glas

zwischen den beiden Hügeln, kaum erinnert,

die neuen Bücher rochen noch nach Tinte,

Lackschuhe, seltener ein Motorrattern,

oder der Ölgeruch von einer Lampe,

wenn Blitze in Holzmasten schlugen,

worauf das Dorf in Finsternis versank

 


im Wirbel welken Laubs und schwarzer Fäden

bei Hagelwetter und Gewittersturm

murmelte ihr Gebet die Alte, am Fenster

dem tiefen Brunnen gegenüber irgend-

wo in den Bergen aber flüsterte

Großvater unverständliche gütige Worte,

wenn aus dem nahgelegenen Eichwald sich

Wildschweine dann an Abend hören ließen

 

dort hatte er seinen Streifen mit dem Mais,

Heuwiesen längs der Schienen in der Flußau

Mit ihrem Schilfdickicht und Kolbenrohr,

aus dem die Lerchen schwirrten dann und wann,

doch die Straße oben auf dem Berg

ein Weizenfeld mit blutig-buntem Saum

von bittrem Mohn, Wegwarte, Hirtentäschel,

Komrade, gierigem Wiesenknoterich

 

manchmal fuhr ich mit ihnen auf das Feld,

die Zügel in der Hand, obgleich die Stute

den Weg auch mit geschlossenen Augen kannte,

ich hatte meinem Platz im Wagenschatten,

Brotsack und Wasserkrug zum Griff bereit,

auf glühenden Boden hingeschmolzen, sah

ich hinterm Hügelrücken sie entschwinden –

zwei Hüte, gelbblau, immer Seit an Seite

 

danach das Abendrot zu dritt, vor Napf und

Ikonen, auf dem kühlen Strohsack rückte

Ich ein, das morgens angefangene Buch in Händen,

den Webstuhl hörte ich, den Pfiff des Weberschiffchens,

den Schlag des Kamms und Nüsserollen auf dem Dachboden

(das Ähren Gold sind, Bücher alles wissen,

noch glaubte ich, dass Sterne funken, Grillen sprechen

und dass die Kinder aus dem Nabel kommen)

 

voll Farbenstrahlen eine Welt, und Tränen,

die durch die Finger rollen, jeder Sommer,

der der Geburt und viele die noch folgten,

und jeder Abschied – Schmerz, die Großeltern aber

erwarten mich zu je zwei Jahreszeiten,

ich seh sie gleichsam durch den Schneesturm waten,

von ferne schon mir zum Willkommen winken,

zwei winzige Schattengestalten vor dem Tor.


Gustavo ZAPPA*

       Argentinien

 

  - 1 -

 

Die Vorhänge verbergen

die Pforte zum Innenhof

sie bewegen sich, auch wenn sie geschlossen ist,

als gäbe es einen Windhauch - unaufhörlich -

oder einen Körper

(Atmen von Vorhängen

schwer von nicht erwünschten Worten)

 

Die Nacht öffnet die Pforte des Innenhofs

 

 

  - 4 -

 

Der Umhang des Mondes schläft im Innenhof

 

In der Ferne geht ein Fest zu Ende

 

Nahe ringt eine junge Frau mit dem Tod

in einem gelben Raum mit Fenstern gen Osten

 

 

  - 11 -

 

Am Horizont

eine Feuersbrunst ohne Ende

In der Dunkelheit, die allen gehört,

drängeln die Toten sich

wie Flammen

 

 

  - 13 -

 

Die Frau betrat mein Zimmer und weckte mich

"Im Hafen liegen Schiffe, die weinen, die ganze

Zeit -sagte sie-

Schiffe, die vor Anker liegen seit vielen Jahren."

 

Dann hielt sie mir die Ohren zu mit ihren

    Händen

und ich hörte das Weinen der Schiffe

 

 

Tanz in der Kiste

 

Er war ein Mann von fünfzig Jahren. Er trug einen kleinen Sarg ohne Deckel, worin der einbalsamierte Körper seiner Großmutter lag. Die Tote hatte die Augen offen, sie war eine kleine alte Indiofrau, die alle Welt zum Weinen brachte. Später erfuhr ich, daß der Enkelsohn die anderen Enkelkinder der Großmutter suchte. Jahrelang schon zog er von hier nach da, von Dorf zu Dorf, die kleine Kiste mit sich herumtragend, damit auch nicht einer zurückbliebe, der nicht davon Kenntnis genommen hätte.

 

 

Exil

 

    Es sind drei junge Frauen, die da mit ihren Tanten an der Küste sich aufhalten. Heute um drei Uhr nachmittags werden sie sich vom Land trennen mit einem Stück Erde, das ihren Seelen und den Jahren des Wartens entspricht. Aber die Tanten vertrauen nicht auf die Vorhersage und bewahren das Buch, das die Geschichte ihrer Flucht erzählt, in der Hoffnung, eine Fahrkarte für das nächste Schiff zu erwerben. Trotzdem ist es schon drei Uhr nachmittags und ein tiefer Riß tut sich auf in der Erde. Bald schon entfernt sich die Insel mit den Frauen, während drei andere an der Küste sich umarmen, voller Rührung.

 

 

 

 

Aus dem argentinischen Spanisch von Susanne de la Fuente


Vlad NEAGOE

       Bukarest

 

Aus dem Rumänischen von

Dieter Paul FUHRMANN

 

STÜTZPUNKTE FÜR DIE SEELE*

 

1.

 

Den purpurnen Schatten erschleichend –

Lust und Schrecken – und die Haspel der Stille

Plötzlich macht es dir Freude

Das Kosen des Flüsterns in der Ahnung,

Du erträgst es und gehst durch die weiße Nacht

Wie auf einer abgestandenen, ausgeruhten Welle.

Doch es ist nur das Licht,

Das uns sein Gesicht zukehrt.

 

 

2.

 

Es brennt das wache Dunkel

Über den kupfernen Wäldern

Die sichtlosen Wasser dringen

Krachend in die Einsamkeiten.

Der Schlaf aus der Unnatur erhellt

Das dünne Lächeln –

Im Himmel ist Mittag geworden.

 

 

3.

 

Die Finsternis kann die fliegenden Vögel täuschen,

Sie kann das Herz des singenden Menschen beirren

Doch nicht erschüttern kann sie die Wurzeln,

Die tastend ins Leben treten mit Schneckenhörnern.

 

 

4.

 

Zuletzt nimmt der Stern seine Stelle ein

In der Tiefe des günstigen Sternbilds.

Die Dammnagen sind nicht mehr nütze.

Für dich ist das Schicksal eines Gefühls

Nur ein sühnendes Herz des Wortes

In einer alten Flucht nach den feurigen Dingen.

Das Wort -  ein im Boden verstecktes Insekt –

Belauert den Himmel: Vergessen mit schlummernden Augen.

 

 

5.

 

Die Flammen des Tages lecken an deinem Leib,

Neugeboren auf dem zerstäubten Schnee.

Die Sohlen der Zeit hängen im Himmel des jüngsten Tags.

Im Chore der Engel, gebrochen wie ein Strahl

In der Musik der schweren Räderwerke, zerfallend.

 

 

6.

 

Mit den Vögeln fliegt auch die Luft, auch das Leben

Wie in einer Sphäre die Zahlen vermehrend.

Streifen von Schicksal und Tod

Zerreissen wie breite Ströme die Horizonte.

Eigentlich steigen wir ab, in den gekrümmten Raum

Eines zerrissenen Planeten.

 

 

7.

 

Morgens saugt dich die Stille ein,

Saugt dich gierig ein in die kleinen Dinge

Zwischen den Flügel der Biene auf der Blume,

zwischen den Beinchen der Ameise

Auf dem Kelch der untergehenden Blume, da wir immer klagen,

Schreit sie: „Rührt mich nicht an!“

 

 

8.

 

Die schmerzliche Kluft und das Feuer,

Das älter ist als die Zeit, erscheinen

Blendend über dem Sumpf meines Geistes.

Unermesslich ist die Qual, und vergebens versteift sich

Der Wind, die erste Wahrheit.

Frei ist das Wesen vor Anbruch des Tages.


9.

 

Und Brot ist mir das erleuchtete Wort,

Und voll Gesang ist mein Leib,

Das glühende Rascheln des Feuers.

Durch die Wasser blickt der Mond mich jetzt an,

Ein tiefes Atemholen, wie ein Wort

Sich verdünnend, mundlos.

 

 

10.

 

Aus diesem alterslosen Abend,

Der die Fallen ersetzt hat am Horizont,

Rinnt Sand, diamanten sich schlängelnd wie Honig

Aus den unsterblichen Alveolen, um uns

Wie irgend ein Wild verenden zu lassen im Nebel,

Einsamer im unaufhörlichen Fallen vertilgt

Von den Düften des Schweigens und des erlösten Nichts.

 

 

11.

 

Fahl schimmert neben deinen Fingern der Marmor

Dar Karyatide, die dir zulächelt, blinzelnd,

Die Schultern, die Rippen, die Brüste sprengen die Nische,

Sie hängt sich an dich mit den Fingern

Und mit den Zehen und zieht

Weiter, die Brust durchstreifend.

Sie erwartet dich auf der gepflegten Terrasse

Unter der Laube mit wildem Wein.

Betäubt wirft sie sich in deine Arme.

Sie umfassen ist es, als hättest du keine Knochen mehr.

Spricht sie flüsternd zu dir, so wirst du

Zu einem Hauch aus Traumesfernen.

 

 

12.

 

Zweimal noch wirst du geboren, um woher ins Leben zu treten,

Zwischen den Welten, und auf einem Stühle sitzend

Wirst du schreien, als wärst du nicht vorhanden:

Es überleben zu wenige Worte!

Auf dem Himmel sind Streifen von Schatten geworfen,

Unter ihrer geläuterten Schicht, regellos,

Verschwinden die Menschen, verbittert, ermüdet,
Nur die Bäume ersteigen unbekümmert die Stufen.

 

Wenn es hoch hergeht auf der Kirmes, suchst du zitternd

Nach Zeugnissen deines prekären Daseins.

Die Sängerin, die deine Gebeine gezählt hat,

Läuft umher, entziffert mit ihren Augen

Die Zeichen an den Wänden, die Wolken, die dich

Bei den Händen gefasst haben und dich lustig

Über die Korridore des Himmels schleifen.

 

 

15.

 

Auf mancherlei Wänden scheint die Sonne anders,

Und die sich drängenden Schatten, die der Leere um dich

Einen Halt zu geben suchen, erwarten die Nacht,

Um dir zu sagen, ob das Leben erträglich ist

„Ihr wisst nicht zu verlieren“ schreibt die sonne

In unsichtbaren Kreisen auf den Wänden,

es erscheint

Ein Engel, auf einem Schmetterling reitend, der auf einer Blume

Kaum sein Gewicht hält. Die große Stille

Flüstert dir zu:

„Komm zu dir“. 



Alexandru ECOVOIU

                                                           Bukarest

 

 

SALUDOS

Roman – 13. Folge

 

 

    Es ist vielleicht nicht schwer zu weinen, oder einen anderen zu töten, wenn man den Tod eines Menschen schon auf dem Gewissen hat. Ich verspürte ein wenig Mitleid. Und Angst. Ich konnte einfach aufstehen und weggehen. Ich habe mich sogar einige Male auf dem Stuhl hin und her bewegt, um zu gehen, aber das Teufelchen in mir – andere beherbergen einen Engel – zog mich zurück: „Bleib!“. Der Engel hätte mich vor einer Schwierigkeit geschützt, die mir den Aufenthalt in Paris um zwei Tage verkürzt hat. Ich konnte nicht ahnen, wie die Dinge sich entwickeln würden, der Wein war – warum soll ich es nicht zugeben – gut, und Sey erzählte mir unglaublichen Sachen. Ich war fast nicht mehr interessiert, wer sich unter dem Tardif-Globetrotter Logo versteckte und ob es ihn überhaupt gab. Mich interessierte nicht mehr der Hintergrund jenes absurden Wettbe-werbs oder der möglichen okkulten oder schlechten Rolle, die von Sey gespielt wurde. Auf einmal fühlte ich mich ausgesprochen wohl: ich war meine detektivistische Besessenheit losgeworden, ich war der ideale Zuhörer. Schweigsam, geduldig, die ganze Zeit in die Augen des Erzählers schauend. Auch wenn Sey meistens den Eingang im Auge hatte. Oder er schaute noch weiter in die Ferne: eine Richtung bedeutet eine Unendlichkeit von Orten.

    „Schwester Marcella... Alles vergeht... Ich gleite in mich selbst hinein, Tag für Tag. Ich fühle fast physisch die Zeit, wie sie sich nach Innen bewegt, in mich hinein, und mich hinter sich herzieht, mich entleerend. In diesem gan-zen  kosmischen  hin  und  her  behalte ich eine ewige und genaue Rolle – es muß so sein!: nur dass  ich  nicht mehr als einen bestimmten Au-genblick,  das heißt  einige  Jahrzehnte,  wahr-

 


 

Alles fing mit einer seltenen Ausgabe der  Essays von Montaigne an, einem zerfetzten Exemplar, das ich in einem Antiquariat an der Seine gekauft hatte. Ich blätterte es in einem kleinen Bistro in der Rue de la Huchette durch. Einer vom benachbarten Tisch fragte mich, in welchem Jahr das Buch gedruckt worden sei. Der Mann war Sey Mondy. Der Wanderer. Der große Wanderer. Der LETZTE WAHRE WANDERER. [...] Ich lud ihn ein, an meinen Tisch zu kommen, wo ich ihn  noch einige Nächte lang  traf, und er mir erstaunliche Sachen  erzählte.  [...] 

 

 

 

nehmen kann.  Und in dieser Zeit muß alles im Terror leben: „Aufstehen, ein neuer Tag be-ginnt!  Pünktlichkeit!  Rigorosität!  Arbeit!  Start! Das Rennen beginnt! Die Gewinner be-kommen... etwas!“

Was würden sie bekommen? Die tatsächli-chen Gewinner bekommen nichts! Sie neh-men es sich! Ich will glauben, dass ich ein  Gewinner bin. Ich hielt manchmal das ganze Universum in der Hand... Ich träumte manch-mal (so wie es scheint, führe ich ein nächtli-ches paralleles Leben), dass ich dien Möglich-keit, einen Mittel besaß, die Materie endgültig zu zerstören. Das heißt, die Welt, das Univer-sum! Nichts nimmt eine andere Form mehr an: ALLES, wie gesagt, wurde zerstört. Lavoisier: ein „Witzbold! Es war etwas sehr Kompli-zierteres. Als ich aufwachte, hatte ich alles vergessen. JEMAND hatte dafür gesorgt.

Aber es ist möglich, dass ich mich unter Hyp-nose erinnern könnte. Ich muß aufpassen. Ein-mal, als ich in der Kneipe in Paramaribo besof-fen war, habe ich darüber geplappert. Magirus, der sicherlich in der Nähe lauerte, weiß es. Warum hätte er mir sonst eine Nachricht, die erste in den vierzig Jahren seitdem wir um die Welt reisen, am ersten Kontrollpunkt hinterlas-sen: „Es gibt nur einen Gott!“? Er weiß es, und das ist nicht gut. Er könnte es auch irgendwo ausplaudern und dann wäre ich die Zielscheibe neugieriger Weltinteressen. Es könnten mich die Russen, die Amerikaner oder die Chinesen entführen... Aber sie würden es umsonst tun, weil ich inzwischen geträumt habe, wie die Welt ge-schaffen wurde! Davon weiß bis jetzt keiner, nur Sie. Und das ist wiederum nicht gut...“

Bestimmt war nicht gut, weil mich die Angst erneut gepackt hatte. Sey zeigte sich immer misstrauischer. Ich lüftete seine Geheimnisse, bei einem Glas Wein, geduldig. Er dachte, viel-leicht seit er gestrigen Nacht, vielleicht vom er-ten Augenblick an, ich sei ein Kundschafter. Ich suchte – dachte er – einen Vorwand, um ins Gespräch zu kommen. Und nicht nur das. Folglich konnte ich mich auf alles gefasst machen. Die Geschichte mit dem Homunkulus war eine Kleinigkeit geworden, und der Wett-bewerb ein Märchen, das mich gar nicht mehr interessierte. Ich musste meine Haut retten!

Ich übertrieb vielleicht, weil Sey selbst die Sachen einigermaßen zurecht bog:

„Ich träume nur Blödsinn: es sind nur schiefe Reaktionen meines Traums von der Unendlich-keit. Wie soll man die Welt neu erschaffen?“

Er zog sich zurück. Ich wurde ruhiger, aber passte auf alles auf: Wort, Geste, Blick. Ich konnte kaum erwarten, dass es endlich hell wurde!

 

„...Falls ich Madeleine geheiratete hätte! Die Madeleine, weil ich nur in jener Zeit in der Lage gefühlt habe, mir eine solche Verantwortung aufzubürden. Ich habe ihr niemals etwas ver-sprochen. Aber ich hatte schon vor, es zu tun. Ich war außerordentlich selbstsicher. Ich verließ mich darauf. Eine Ehe ist, zuallererst, ein seeli-scher Zustand. Ich habe jene Jugendlichen in der Metro gesehen und ich habe aufgegeben. Sie versuchte, lachend, seine Faust zu öffnen. Sie haben einige Haltestellen lang gekämpft. Sie haben sich gekratzt, gebissen. Das Mäd-chen war müde, hatte Boden verloren. Sie hat aufgegeben. Eigentlich waren beide müde. Als der Junge seine Hand geöffnet hat, war nichts drinnen... Sie hatte erwartet, dass dort etwas sei... etwas unbekanntes, geheimnisvolles. Wenn nicht etwas wichtiges, dann doch wenig-stens etwas interessantes. Ihre Beziehung hat-te das Wichtigste verloren: die Illusion. Auch meine Faust war leer, es hatte keinen Zweck, Madeleine oder mich selbst zu täuschen. Das Spiel der beiden hat über Madeleine ent-schieden.

Kleinigkeiten haben manchmal unvorstellbare Konsequenzen. Als ich jenen Kampfhahn retten wollte, habe ich nicht ahnen können, was ich für eine Reihe von Taten auslösen würde: es war wie eine Bö und alles wandte sich, scheinbar, ausschließlich gegen mich – es war irre! In keiner anderen Ereigniskette konnte ich aber jenen Inkaschatz entdecken, den größten von allen!... Ich nenne den Ort nicht, ich versuche auch ihn zu vergessen...“

Sey zündete sich eine Zigarette an und hüllte sich, hüllte mich in Rauch:

„Es war am Ende des Kampfes, der Augen-blick in welchen der Gewinner seinen Rivalen tötet. De hässliche Hahn hatte verloren. Er wäre auch unbarmherzig gewesen, falls er ein schwächeres Gegenüber gehabt hätte, jetzt musste er aber sterben. Die Zuschauer waren auf dem Höhepunkt, seit langem hatten sie keinen solchen Kampf gesehen! Mit einem Satz war ich Mitten in der Arena, ich habe eine Handvoll Peseten in den Sand geworfen und fing den Verlierer.  Es war, als ob ich das Theater angezündet hätte. Ich bekam es von allen Seiten, wie ein Boxsack! Ich hab auch zurückgeschlagen, aber nur mit einer Hand, in der anderen hielt ich den Hahn. Jemand hat geschrien und sie ließen von mir ab. Das Blut quoll mir über die Augen, und mir fehlten zwei Zähne. Ich konnte sie alle erwürgen; wenig-stens einige von ihnen...“

Er war dazu in der Lage!  Ich konnte es mir gut vorstellen, nach der Art, wie er seine Hand durch die Luft bewegte und sie unter meiner Nase ballte...

„Drei Jahre lang blieb ich ohne Zähne! Und ein Hüne nahm mich in Empfang. „Hast wohl Mitleid mit dem Vogel gehabt, was? Du willst ihn retten? Das heißt, du hast nicht einmal das Gehirn von einem Spatz! Über das Leben eines Kampfhahnes wird in der Arena entschieden. Du bist ein Depp!“ Ich befand mich damals auf der zweiten Weltreise und ich spielte manchmal immer noch den blöden Don Quixote! „Was wirst du jetzt mit dem Vogel tun? Wie man sieht, bist du auf der Reise. Wirst du ihn freilassen? Wo? In diesem Land und in den benachbarten Ländern wird ihn jemand, wenn er wieder gesund werden sollte und er ihn findet, wieder in die Arena schicken. In der Pampa oder im Urwald werden ihn die Tiere fressen. Versuche niemals, den Gang der Dinge nach deinem Willen zu beeinflussen. Wie groß du dich auch glaubst! Weil die Menschen so etwas nicht mögen. Sie wissen selbst, was zu tun ist. Warum gehst du nicht in die benachbarte Stadt? Morgen wird es dort einen Stierkampf geben. Du wirst die Gelegenheit haben, einen Ochsen zu retten!“ Die Zuschauer lachten sich krumm und ich stand, wie ein Idiot, mit dem Vogel im Arm. Ich nahm den Hahn mit. Sie haben mir wie auf dem Fußballfeld nach-gepfiffen. Der Hahn starb an dem Abend. Ich habe ihn in einen Müllverbrennungsofen ge-worfen. Ein Greis, der ihn sah, sagte mir, dass er ein Batangos gewesen sei, eine philippi-nische Rasse, die beste auf der ganzen Welt. „Wie konnte, Senor, einen Batangos verlie-ren?“, wunderte er sich immer wieder, indem er vielleicht glaubte, dass ich selber jenen Kämpfer schlecht trainiert hatte...

 

Dort ist mir vieles schiefgegangen. Gegen A-bend haben mich unter dem Verdacht der Landstreicherei, zwei Schnurrbärtige von der Stadtwache festgenommen. Alle Männer in jener Stadt trugen Schnurrbärte, ich glaube, sie waren dazu verpflichtet. In der Nacht hat mich die Polizei übernommen: sie hatten in meinem Sack meinen Paß gefunden. Der Teufel wusste, wer ich war, es könnte einen Skandal geben. Es sind viele Typen dort einmarschiert, aber nicht für mich, wie ich später eingesehen habe, sondern für Don Almagro, der väterlicherseits von einem berühmten Konquistador, einem Kameraden Pizarros, und mütterlicherseits von einem Inkakönig abstammte. Wir saßen beide in derselben Zelle. Er war das tausendste Mal bei der Polizei, weil er unerlaubt die Medizin praktizierte. „Ich bin kein Arzt, es ist wahr. Aber ich bin auch kein Quacksalber. Ich heile.“ Er kannte alle möglichen Heilmittel. Indem ich seinen Rat befolgt habe, bin ich später einen rebellischen Schnupfen losgeworden. Er hatte alles von seinem blinden Ururgroßvater erfah-ren, der einhundertsiebzehn Jahre alt wurde und die Kenntnisse von einem anderen Ahnen und so weiter bis zu jenem Inkakönig, der angeblich sein Vorfahre war, kannte. Don Almagro hielt sich gut bei Kräften, er hatte ungefähr mein jetziges Alter. Er war Lehrer, war gut gekleidet, sang Opernarien und schimpfte auf die Regierung. Ein starker Typ war er! Nach einer Nacht, ließen sie ihn aus dem Gefängnis, weil die ganze Stadt ihn brauchte. In der letzte Zeit aber blieb er tagelang im Bau. Weil Don Al-magro angefangen hatte, linken und rechten zu drohen, dass er das Geheimnis eines Getränks kenne, das jedem, der es getrunken hätte, dazu bewegte, nur die Wahrheit zu sagen: stunden-lang! „So erfuhren die Inkakönige die Geheim-nisse der Gefangenen und der unsicheren Untertanen!“, sagte Don Almagro. „Und so wer-den sie auch erfahren, was in dieser Stadt passiert!“, goß er, als ob es nötig wäre, Benzin ins Feuer. Es bahnte sich eine Katastrophe an! Was wäre, wenn der Ungläubige so etwas tatsächlich tun könnte? – fragten sich viele. Und selbstverständlich auch der Polizeichef. Man fühlte es von weitem, dieser war eine Bestie. Er versuchte Don Almagro zu überreden, sein Re-zept preiszugeben. „Die Obrigkeit“, sagte der Oberst, „müsste es wissen. Sie MUSS ES WISSEN!“ Damit würde sie die Kriminalität, den Diebstahl, die Unterschlagung bekämpfen kön-nen! Der Justiz würden Falschaussagen erspart bleiben. Die Kinder würden abends eine Tasse verzauberten Tee bekommen und sie würden die am Tag begangenen Sünden zugeben. Die Frauen würden das Fremdgehen der Männer nicht mehr fürchten müssen, und umgekehrt! Don Almagro würde somit zum Retter der Stadt und der Welt.

Aber der Ketzer dachte nicht daran, aus seinem Geburtsort ein Paradies zu machen, und der Rest der Menschheit interessierte ihn genauso wenig.  Deshalb freute sich Don Al-magro, von jenem Abend an, kein Verständnis mehr. Es wäre vielleicht nicht so weit gekom-men, aber Mittags hatte ein gestandener Bür-ger jener Stadt eine öffentliche Erklärung über die Art, in welcher die Kommunalwahlen ge-fälscht worden waren, abgegeben. Zwei Stun-den zuvor war der Schwätzer zusammen mit dem Lehrer in einer Bierstube gesehen wor-den. Und noch mehr: am Abend fing im Kino ein Polizist zu schreien an, dass er korrupter als der Bürgermeister sei und dass er sich auf-hängen werde, weil er die Schande nicht mehr ertragen konnte. Er hatte einen von Don Alma-gro vorbereiteten Pflanzentee getrunken, der gegen Verdauungsstörungen wirken sollte, bei-den haben es zugegeben!

Die Sachlage war sonnenklar: der Verrückte hatte angefangen, seine Drohungen in den Tat umzusetzen! „Ich werde zehn Fässer davon aufkochen lassen“, grollte Don Almagro, „und ich werde sie in die städtische Wasserleitung gießen! Nur um die Bewohner dieses Sodom zu bestrafen. Ich tue ihnen nur Gutes, ich heile alle ihre Krankheiten, und sie wollen mich der Hexerei angeklagt sehen! Nichts da! Sie wer-den alles auffressen müssen! Ich werde hier ir-gendwann rauskommen!“

Nur, dass er gar nicht rausgekommen ist. Er gab dort seinen Löffel ab, als er noch seine Suppe auslöffelte. Es war vermutlich Zyankali. Es kam ungewöhnlich schnell ein Arzt und stellte fest, dass Don Almagro an einem Herz-infarkt gestorben sei.

Am Abend wurde ich zum Kommandanten geführt. Es waren dort noch weitere vier Typen anwesend. Nachdem sich alle von dem plötzli-chen Tod Don Almagros betroffen gezeigt hat-ten, fingen sie an, in dem Versuch, von mir zu erfahren, was wir in der Nacht besprochen ha-ben, um den Brei herum zu reden. Ich habe ihnen gesagt, dass Don Almagro verrückt ge-wesen sei. Das alles, was er sagte, eine Ver-rücktheit sei: nämlich, dass er ein Gebräu ko-chen könne, das jeden, der daraus trinken wür-de, mit sich selbst sprechen und die Wahrheit sagen bringen ließe. Er sagte auch – fuhr ich fort – dass er einige Dutzend Leute in dieses Geheimnis eingeweiht hätte und falls ihm etwas geschehen sollte, wurden sie es allen, die damit zu tun gehabt hatten, heimzahlen. Sie werden das Gebräu ins Wasser, in dem Wein, in die Medikamente, in den Teig, aus welchem das Brot gebacken wird, sogar in die Milch für die Kinder mischen, so dass keiner entrinnen könne!

Ich musste denen etwas vormachen! Ich sprudelte nur Blödsinn heraus aber es war ein Mord geschehen und jemand musste dafür büßen! Und schließlich musste ich auch meine eigene Haut retten. Aus den Blicken der Anwe-senden dämmerte mir, dass ich mich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hatte. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich sagte ihnen, dass je-mand vom Französischen Konsulat kommen würde, um sich über mich zu erkundigen. Der Oberst war verdutzt.

„Wissen die denn, dass du hier, in diesem Ort bist?“

„Aber selbstverständlich!“, log ich, den Münchhausen überbietend. „Sie wollen Gründ-stücke kaufen. Für vier Fa...“

 „Fabriken!“, ergänzten sie mich einstimmig. In dem Augenblick dachten sie nur, wie sie sich am besten die Einöde im Süden der Ortschaft sichern konnten. Nur dort konnte man etwas bauen. Der Rest waren nur Urwald, Sümpfe und Kaffeeplantagen. Somit war jene Halb-wüste Gold wert!

„Ich bin derjenige, der die Baupläne fertig stellen muß“, teilte ich ihnen verschwörerisch mit. „Ich bin Architekt von Beruf. Ich bin herum-gegangen, um mir den Platz anzusehen., und ihr habt mich dabei gestört... Ich muß überaus wichtige Entscheidungen treffen. Falls wir uns einigen können – wir sind doch einsichtige Menschen, nicht? – werde ich euch gute Tipps geben. Aber dieser Empfang wird euch etwas kosten! Ihr sollt mich wenigstens in die Zelle begleiten, so dass ich mich ein wenig ausruhen kann. Ihr könnt mich wecken, wenn mein Man kommen wird.“

Sie haben mich Hals über Kopf in das einzige Hotel in der Stadt gebracht und mich im ober-sten Stock einquartiert.

„Weil“, wie sie sagten „hier, Senor Mondes, gibt es keine Mücken und keine Fliegen und sie werden wunderbar schlafen können. Bitte ent-schuldigen Sie, Senor Mondes! Wir werden Ihnen Bescheid geben, wenn die vom Konsulat Sie suchen. Buenas noches!“

Es war tatsächlich eine gute Nacht, weil ich, nach etwa einer Viertelstunde, undankbar wie ich bin, meinen Rucksack gepackt habe und über die Feuerleiter abgehauen bin. Ich landete etwa zehn Schritte von den Jeep entfernt, der mich dorthin gebracht hatte; ich saß im hohen Gras und traute mich nicht einmal laut zu atmen.

„Hast du den Franzosen einquartiert?“ „Ja, Boss, geradezu fürstlich! Nach einer Stunde, wenn er eingeschlafen sein wird, werde ich ein Frauenzimmer schicken, die ihm Gesellschaft leisten wird. Ich werde ihm die Lolita-Sieben-Teufel schicken. Morgen wird er sanft wie ein Lamm sein.“  „Ich weiß nicht warum, aber ich habe den Eindruck, der Typ versucht uns zu leimen. Das Licht brennt und im Zimmer sieht man keine Bewegung. Nicht einmal einen Schatten auf der Decke oder vor dem Fenster!“ „Er ist vielleicht ins Badezimmer gegangen!“ „Zum Teufel, es ist dunkel im Badezimmer! Der Dreckskerl hat uns betrogen!“ „Pedro, steig auf der Feuerleiter und schau mal dich um! Falls nötig, schieß! Alle anderen, ins oberste Stock-werk, marsch! Durchsucht jedes Stockwerk! Die Terrasse, die Keller! Ich warte auf euch in der Rezeption!“

Alle liefen kreuz und quer und ich lief zum Auto. Ich war mir sicher, dass die Schlüssel steckten: wer sollte schon das Auto der Polizei stehlen? Ich startete wie ein Verrückter. Ich hatte seit langem kein Auto mehr gefahren. Ich fuhr verkrampft, ich spürte, das meine Reflexe nicht mehr so waren wie früher, aber ich fuhr wie ein Wahnsinniger. Ich musste aus der Stadt bevor die Telefone der Kontrollposten Alarm geben konnten. Ich schaffte es nicht. Am Stadt-rand wurde ich von einem Kugelhagel begrüßt. Ich habe mich klein gemacht. Ich fuhr fast blind. Es folgten mir mindestens zwei Autos, sie schossen mit der MPs nach mir. Ich war den Profis nicht gewachsen. Vor dem Urwald sprang ich aus dem Jeep, der knallte in die Bäume und fing Feuer. Die Verfolgung dauerte eine Woche. Von irgendwoher – mir schien von überall – hörte ich Schreie und Schüsse. Ich glaube, sie hatten Lautsprecher. Über die Bäume flogen zig Hubschrauber! Flugzeugstaf-feln! Aus schierer Angst, ich hätte das Ge-heimnis Don Almagros erfahren, wollte mich die ganze Welt festnehmen! Ich hatte Fieber. In der Nacht suchte ich Vogelnester und drehte die Hälse der Küken um. Ich aß sie roh, ich verschluckte mich an ihrem Flaum. Ich kannte mich mit den Waldfrüchten nicht aus, viele davon waren giftig...

Am Ende hätte mich die Weltkoalition er-wischt, wäre ich eines Morgens nicht in ein etwa drei Meter tiefes Loch gefallen. Ich hatte es wegen des tiefen Grases übersehen. Nach einigen Schritten befand ich mich in einer Höhle. Ich knipste meine Laterne an. Neben einer Mauer knäuelten sich Hunderte von Schlangen. Es war die Zeit der Paarung, sie hatten keine Zeit für mich, falls ich sie nicht störte. Ich konnte dort eine Stunde, einen Tag bleiben, ich konnte dort sterben und keiner hätte mich gefunden. Ich habe den Strahl rund-um gleiten lassen, aber ich habe ihn gleich wie-der ausgemacht. Aus einer Ecke beobachtete mich jemand. Ich habe das Licht wieder ange-macht. Es waren mehrere, stille Menschen. Zweiunddreißig, die in einem Halbkreis stan-den. Einer aus Stein, einer aus Gold, einer aus Stein, einer aus Gold und so weiter. Ich zitterte. Gold! Ich beugte mich vor und biß in den Finger einr safrangelben Statue. Es war Gold, ich hatte mich nicht geirrt! Die Million war plötzlich nichts mehr wert. Ich hätte beinahe den Verstand ver-loren! Ich erinnerte mich an Monte Christo. Auch ich hatte jemanden, an dem ich mich rächen könnte: zuerst den Mörder von Don Almagro. Ich glaube, meine Augen strahlten stärker als die Laterne aber ich bin schnell zu mir gekommen. Die Statuen waren sicherlich vor den spanischen Invasion dort versteckt wor-den. Wie konnte ich mich jenes Schatzes be-mächtigen? Wem sollte ich ihn zurückgeben? Jenen, die hinter mir her waren, um mich kalt zu stellen? Als ich rauskam, war es schon dunkel. Das wollte ich auch: mich nicht mehr erinnern zu könen. Ich ging gesenktem Blickes. Auch Sankt Anton hätte es schwer gehabt. Ich lief so einige Kilometer, ich fürchtete die Versu-chung. Schau her, der Beweis!“

Er suchte in einer Tasche und zog daraus... einen Finger! Ein Zeigefinger aus Gold war es. Gelocht, mit einer Schnur verbunden...

„Ich habe auf einen Schatz verzichtet, der mir zugespielt wurde. Von Geburt an bin ich dorthin geführt worden, Schlag um Schlag, wie in einem Golfspiel: Unbekannte Mächte hatten mich genau zu jenem Loch geführt. Ich habe mir ein Trophäe genommen: meine Eitelkeit sollte irgendwie ernährt werden; weil ich nicht von Natur aus – sondern aus Stolz ehrlich bin! Und ich bin ehrlich auch aus Berechnung: ich bin zu dem Schluß gekommen, dass es viel vorteilhafter ist, ehrlich zu sein. Nicht immer: manchmal muß man auch ein bisschen Schurke sein. Es ist nicht so schwer, man wird immer eine Rechtfertigung dafür finden...“

„Aber Ihr Moralkodex?!!“, sagte ich.

„Ich bin vernünftig, aber kein Idiot! Ich habe mir vorgenommen, nichts Böses zu tun. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich von den an-deren erniedrigen, bestehlen oder angreifen lassen muß! Falls einer mir ins Gesicht schlägt, muß ich ihm auch mit dem Faust auf die Nase schlagen, nicht nur die andere Gesichtshälfte entgegenstrecken! Ich muß meine Pistole ziehen...“

Das hat mir nicht gefallen, und er spürte es.

„Es ist nur so eine Redewendung, ich könnte keinen Menschen erschießen.“

 

Ich war nicht mehr aufmerksam. Wer weiß, was ihm durch den Kopf ging? Jetzt kannte ich auch die Geschichte mit dem Gold. Er war überdreht, seine Augen glänzten. Er hatte nicht viel getrunken, aber nach einige Gläser wird je-der ein anderer. Ich selber war ein anderer: ich war bereit, falls es nötig wäre, den Tisch umzu-werfen und mit zwei Schritte durch die Türe zu gehen. Aber Sey hatte sich schon beruhigt, und die Ruhe ging auch auf mich über. Ich dachte, dass ich wahrscheinlich nur ein Medium war, der Vermittler durch welcher Sey in Verbindung zu seinen gespenstischen Personen kam. Die-se Sache gefiel mir auch nicht: ich spürte sogar einen Kältehauch, als ich darüber nachdachte. Ich glaubte nicht an okkulte Praktiken aber ich schloß nicht aus, dass so etwas möglich war. Sey war von U in viele solche Geheimnisse ein-geweiht worden. Ich konnte sagen, ich hätte Kopfschmerzen – es wäre keine allzu große Übertreibung gewesen – und weggehen, aber es war nicht ausgeschlossen, dass er mit mir zusammen gehen würde, was noch unange-nehmer sein würde. Ich musste also, ungezwungen aber trotzdem gegen meinen Willen, bleiben: ein kleines Paradoxon...

„Aber damals, als ich jene Liliputaner ver-teidigen musste, hätte ich es doch getan!“, überlegte sich Sey.

Das heißt, er hätte geschossen! Man kann vielleicht verstehen, wie mir zumute war. Ich befand mich in einem fremden Land um zwei Uhr Nachts in einer Kneipe mit einem Unbe-kannten, von welchem ich wusste, dass er einen Menschen getötet hat und mir besonnen sagte, er hätte auch zehn andere töten kön-nen, falls sie sich mit seinen Liliputaner ange-legt hätten. Sey navigierte mit Leichtigkeit, er hatte wieder den Spieß umgedreht und ging schnell von einem seelischen Zustand zum anderen. Es war ein Moment von psychischer Labilität, ich hatte auch andere registriert, aber mich nicht festlegen wollen: jeder kann manch-mal wirr reden. Inzwischen analysierte ich die Sachen anders. Das war auch kein Zeichen größerer psychischer Stabilität. Wir waren bei-de müde, wir hatten eine ganze Nacht verloren. Unsere Leben. Sey hatte sein Leben verspielt, auch wenn er mich von dem Gegenteil über-zeugen wollte. Ich habe auch meins verloren, wenn ich an die Perspektivlosigkeit dachte und an mein Alter – ich war über vierzig.

Wir beobachteten uns gegenseitig. Sey fürch-tete mich auch ein wenig. Ich war für ihn auch ein Unbekannter. Ich war jünger, sportlich, nur Augen und Ohren, und ich kam aus dem Osten... Bestimmt bin ich auch nicht zufällig an jenem Tisch gesessen. Es war eigentlich ein Bedienungstisch für Teller und Gläser, der nur wenn Sey nach vielen Jahren wiederkam, für ihn freigemacht wurde. Von dort aus konnte man das ganze Lokal beobachten. Ich habe mich dort hingesetzt, etwa fünf Minuten vor seiner Ankunft, weil es frei war. Er hatte mir von Anfang an misstraut, er hatte das Spiel nur für mich erfunden, weil er auch anderen Geschich-ten erzählt hatte. Es war eigentlich auch kein Spiel, sondern ein verzweigtes Märchen, das von selbst, Augenblick um Augenblick, Ge-schichte um Geschichte, wie ein Stück Hefeteig wuchs. Der eine redend, der anderen schwei-gend, wir waren beide, euphemistisch gesagt, in dem Teig gefangen, jeder von uns von der Verwegenheit des anderen überzeugt...

Ja, ich sollte ihm nur ruhig zuhören, dann ein Treffen für den nächsten Tag verabreden und ihn versetzen. Auf Nimmerwiedersehen! Ich hatte keine Angst mehr. Ich war von einer uner-hörten Selbstsicherheit gepackt, die von Sey zu mir herüberströmte. Er hatte sich bestimmt vor mir entschieden, beim nächsten Treffen nicht mehr zu kommen, und dass wir brav bis zum Morgen bleiben sollten! Wir kommunizierten, wir trafen uns wieder in unseren Ängsten. Salu-dos war ein Zaubertrick. Meine Alben waren ein anderer Zaubertrick. Wir waren nicht glücklich, die anderen Kunden waren es auch nicht, nicht einmal der Besitzer des Lokals... Die Miss Uni-versum, der Gewinner der Tour de France, der amerikanische Präsident..., von Adam her, war keiner glücklich! Ich war ein wenig besoffen, aber ich spürte, dass die Dinge so lagen, wäh-rend Sey immer noch laut die Liliputaner nach-dachte...

 

„Sie hatten einen riesigen Pferdewagen, obwohl ihnen auch eine Gig mit einem Pony gereicht hätte. Sie waren Zirkusleute. Sie ha-ben dort ihre Siebensachen, Lebensmittel und ein kleines Zelt. Ich war ihr Beschützer. Sie hatten mir ihr volles Vertrauen geschenkt, und ich bemühte mich aus allen Kräften, sie nicht zu enttäuschen. Sie mussten durch eine gefährli-che Gegend, in der letzten Zeit waren dort Raubüberfälle und Morde geschehen. Der Weg führte durch eine scheinbar unendliche Ebene, man konnte nie wissen, woher die Gefahr kom-men würde. Die kleinen Menschen verdienten gut und gaben wenig aus. Sie hatten Geld ge-spart und wollten ein Druckzelt kaufen, in wel-chen einige Dutzend oder hundert Zuschauer Platz hätten. Ich habe, einen Tag zuvor, meine Kartentricks auf einem Marktplatz zum besten gegeben. Ich habe die Liliputaner plattgemacht, nicht mit meiner Kunst, sondern dadurch, dass ich meinen Gewinn einem Bettler geschenkt hatte. Sie sahen mich zum erstenmal, aber sie haben entschieden, dass ich der Mann war, der sie durch die Pampas begleiten sollte: aus Geld machte ich mir nichts und ich hatte ein Gewehr! Ich bin so zum Leibwächter, Kutscher und Rat-geber geworden. Am Abend spielte ich Gitarre und wenn wir im Morast stecken blieben, war ich das dritte Pferd. Mit den Zügel in einer Hand und der Flinte in der anderen fuhr ich einen Zwergenwagen durch die Gegend. Keiner trau-te sich, sich uns in den Weg zu stellen!“

Ich stellte mir der Schrecken der Banditen vor, die zitternd zuschauten! Speziell als sie dachten, was ihnen geschehen könnte...

„Einen einzigen Schatten habe ich gesehen, der uns aus der Ferne beobachtete aber ich habe mir keine Sorgen gemacht, weil es nur Magirus sein konnte. Seitdem sind fünfzehn Jahren vergangen. Die Dinge haben sich stark verändert... Bis jetzt habe ich nicht darüber gesprochen.

Ich kann mich irren, aber ich glaube, Magirus will mich Böses. Er hat begriffen, dass er nicht gewinnen kann. Er wird immer müder, kränker. Die Polizei in Ankara hat ihm vor fünf Monaten ein Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr beschlag-nahmt. Die Zeitungen haben darüber berichtet, er trug es mit sich, in Einzelteile zerlegt. Letzte Woche hat der französische Zoll eine andere Waffe bei ihm gefunden. Jetzt hat er bestimmt eine neue, er ist verrückt geworden!“

 

Auch Sey könnte Magirus töten. Wer sollte, in Abgeschiedenheit, den Fall lösen? Magirus lebte mit der gleichen Angst. Ich beneidete sie nicht, sie waren alt, verbraucht, ohne jede Be-stimmung, kurz bevor man einen Mord begehen kann. Sie dachten schon an ihre Alibis. Der Wettbewerb hatte es zwar nicht zur Voraus-setzung, aber der Sieg setzte schon voraus, dass nur ein einziger überlebt. Ich dachte mir einige Drehbücher aus.

Sey hatte ungefähr die Hälfte der Teilnehmer getötet, Magirus die andere Hälfte. Jetzt wurde das Finale gespielt.

Sey hatte allein alle anderen Teilnehmern getötet, bis auf Magirus, der schattenhafter als ein Ninja war, liquidiert.

Magirus hatte alle erkledigt und wollte, indem er Sey erschoß, sein Werk vollenden.

„Er reist per Anhalter“, fuhr Sey fort. „Er folgt mich nicht mehr nach, er liegt schon vor mir. Er bereitet etwas vor...“

 

Meine Lage wurde immer schlimmer, ich saß, wie man sagt, im Kreuzfeuer. Ich habe mich beruhigt, indem ich mir sagte, dass Magirus an einem Ort, der ihm keinen Schutz gab, nichts unternehmen würde. Es war gut beleuchtet, es gab Polizeipatrouillen, gerade erst vor eine Stunde hatte ich vor dem Fenster einige reuf und runter laufen sehen. „Er ist verrückt gewor-den!“, die Worte Seys hallten noch in meinen Ohren nach. Es war eine Warnung, auf die ich mehr oder weniger hören sollte. Es waren sowieso die letzten Stunden, die wir zusammen verbringen würden. Letztendlich würden auch sie enden. Ich war irgendwie unsicher aber ich war nicht direkt bedroht, es war gut so. Seit je-her weiß ich, mich selbst zu ermutigen. Es ist nicht so schwer, nam muß sich nur sagen, dass alles verloren ist und jedes folgende Ereignis einem nur Positives bringen kann! Eine etwas verdrehte Logik, oder vielleicht auch nicht, wein niemand auf dieser Welt sagen kann, wo OBEN und wo UNTEN ist. Nicht nur Sey, sondern auch ich hatte meine Zaubertricks. Es war an-genehm dort in der Kneipe. Ich stieß Rauch-kreise aus und stapelte sie auf dem Finger. Es war keine höfliche Geste, aber ich musste mir zeigen, dass die Selbstimpfung gewirkt hatte.

„Könnte er in der Nähe sein?“, fragte ich Sey, nur so, um etwas zu sagen.

„Magirus? Selbstverständlich! Seit etwa fünf Jahren fühle ich ihn nur, ich sehe ihn mit dem Auge im Nacken. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt noch existiert, aber es ist nur ein Wunschdenken. Ich sehe ihn nicht, aber er ist nach. Ich lebe in einer unendlichen Wachsam-keit. Er ist schwer zu erkennen, er sieht immer wieder anders aus. Er möchte mich überra-schen. Ich könnte den Rhythmus beschleuni-gen. Diese Schildkrötengangart hat keinen Sinn mehr: alles wird jetzt unter uns beiden entschie-den. Wir können auch Flugzeuge, Schiffe oder Schnellzüge benutzen. Die betroffenen Firmen würden uns helfen, wir selbst sind die beste Werbung. Das werde ich auch tun. Kleine Änderungen der Reisegeschwindigkeit und der Ziele. Seitdem bei ihm die zwei Präzisions-gewehre gefunden wurden, kann ich keine Ruhe mehr finden... Es ist ekelhaft, sich immer als Zielscheibe zu fühlen...“

„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“

Ich wollte wissen, ob er den Alten mit dem Rucksack erwähnen wird, der am Abend zuvor auf dem Gang gelauert hat. Oder ob es nur ein Hirngespinst von mir war.

„Auf dieser Weltumrundung drei Mal, so sehr er sich bemühte, dies zu verhindern. Ich sah ihn nicht zu deutlich, es ist wahr, er war immer in großer Entfernung. Ich habe nicht versucht, mich ihm zu nähern, es war besser in ihm den Eindruck zu erwecken, ich hätte ihn nicht bemerkt. Das letzte Mal habe ich ihn in einem kolumbianischen Dorf gesehen, er ahmte einen Buckligen nach. Dann in Afrika, in Yaounde, ich erinnere mich sogar an den Straßennahmen: Maréchal Foch. Zuletzt in Australien, wo er in der Nähe der Ländereien von Regine lauerte, er wusste, dass ich dort halten würde, er war vor mir angekommen!... Er ist hier jetzt...“

„Warum versuchst du nicht, mit ihm offen zu reden?“, sagte ich. „Vielleicht hat er Angst, dass du ihn erledigen willst...“

Sey ließ sich von meiner Bemerkung nicht überraschen. Er hatte seit langem über den Tod von Magirus nachgedacht. Ich bohrte nicht weiter, sonst hätte er mir widersprochen, oder mich am Kragen gepackt. Ich hatte ihn einer vorsetzlichen Tötungsabsicht beschuldigt! Eine Tötung, die im Kupf hundert, tausendemale stattgefunden hatte. Bis sie die Perfektion er-reicht hatte. Wer nicht besseres zu tun gehabt hätte, hätte den ganzen Planeten auf der Suche nach der Leiche von Magirus auf den Kopf stellen müssen!

„Ich bin müde... Ich bin nicht mehr in dem Alter und habe nicht mehr den Mut von damals, als ich die Grotte des weißen Löwen betrat...“

Er hatte es irgendwie zugegeben.

„Gibt es weiße Löwen?“, fragte ich, in dem Versuch, das Gespräch in eine weniger bedroh-liche Richtung zu führen. Ich hatte Sehnsucht nach einer Schlagsahnetirtenschlacht, ich hatte seit drei Tagen nicht mehr gelacht, nach Chip & Dale oder Ahörnchen und Behörnchen wie sie die Deutschen nennen, jenen doofen Eichhörn-chen oder was sie sein sollten, oder nach einem Witz in Radio Eriwan.

„Weiße Löwen? Selbstverständlich gibt es sie, im Sudan! Die Stammangehörigen sagten, dass er weiß wie Milch sei und dass er aus der Grotte alle sieben Jahre, bei Vollmond, heraus-kommen würde... Er hatte sich erst vor zwei Jahren wieder gezeigt, ich konnte nicht weitere fünf auf ihn warten, so habe ich mich entschlos-sen, in die Höhle hineinzugehen. Die Einheimi-schen hatten panische Angst. Ich hatte auch Angst, aber nicht so sehr, da ich nicht glauben konnte, dass ein Löwe ohne zu essen und zu trinken sieben Jahre überleben kann.

Ich ging mit einer brennenden Fackel hinein und war jederzeit zum Schießen bereit. Es war eine große Höhle mit drei Gänge. Ich sah ihn im letzten Gang, er schlief! Ich hatte ein Repetier-gewehr, eine Mordswaffe, aber mir zitterten die Knie. Er war weiß, riesig, wie ein Rhinozeros!  Wie ein Stier! So schien es mir, bevor ich sah, dass er tot war. Die Höhlenluft, die konstante Temperatur und Luftfeutigkeit hatten ihn mumi-fiziert. Er war von einer Lanze durchbohrt: je-mand hatte ihn vor mir nur mit einer spitzen Holzstange getötet. Aber die anderen sollten es nicht wissen. Ich brauchte Autorität, ich war in die Grotte eines furchtbaren, lebendigen Tieres gegangen! Ich hatte den Mut dazu aufgebracht, auch wenn ich nur einen Kadaver gefunden hatte. Ich kannte die Einheimischen nicht so gut, ich wollte mich stark zeigen. Der Kadaver war leicht geworden, ich habe ihn auf die Schultern genommen und ging raus... Eine Viertelstunde lang hat keiner den Mut gehabt, näher zu kommen. Ich habe sie durch Zeichen beruhigt. Ich hatte ihnen ein Mythos genom-men, ich brachte ihnen einen neuen, meinen Mythos zurück!

Am Morgen des nächsten Tages haben sie mich adoptiert. Sie haben mich von der Zere-monie zu einer abgelegenen Hütte gebracht, wo ein blinder Greis wohnte. Er war der Weise des Stammes. Er hatte meine Muskeln geprüft: ein Sohn des Urwaldes muß stark sein. Der Weise hatte keine Zähne mehr, sein Zahn-fleisch zeigte sich glatt und schimmernd, er ähnelte einem Frosch. Ich wartete darauf, dass er zu quacken anfängt. Uns trennten ganze Epochen. Er sprach leise, unverständlich. Ich betrachtete aufmerksam seinen Mund, seine Lippen und versuchte seine Botschaft zu ver-stehen. Ich sah nur jenes Bild: aus einem feuchten, dunklen, hundert Jahre alten Loch schwemmten Signale zu mir hinüber, die von weißen Löwen und Antilopen, ebenholzschwar-zen Frauen und Männer mit angespannten Bögen, Kämpfe gegen die Engländer, an denen auch er teilgenommen hatte, erzählten...“

 

***

Am Tag zuvor war ich durch den Luxem-bourg-Garten spazieren gegangen. Ich hatte aus dem Schotter einer Allee drei Steinchen als Erinnerung mitgenommen. Sie hatten sich in meiner Tasche mit dem Kleingeld vermischt. Ich nahm sie heraus und legte sie auf den Tisch. Ich habe angefangen, sie spielend zu or-ganisieren. Zuletzt hatten sie ein Dreieck ge-bildet. Ich ließ sie atwa fünf Minuten so liegen. Sey schwieg und schaute gespannt zu, oder er dachte auch nur nach, ohne etwas zu sehen. Dann habe ich das Dreieck auch spielend, zer-stört, und habe sorgfältig (ich hatte ja Zeit) die Steinchen in eine Linie gesetzt. Sey beugte sich

über den Tisch, packte mich am Handgelenk und fragte leise:

„Sprichst du Mo?“

« !!? »

Er wiederholte es. Ich verstand gar nichts.

„Wer bist du eigentlich? Du spielst den Foto-grafen, aber wer bist du?“

Ich sah in seine Augen und schwieg. Das hat ihn angestachelt, weil er noch fester zudrückte:

„Weißt du etwas über den Kustoden? Über den Lapidarium? Über den Weltrat?“

Ich glaubte, er war verrückt geworden. Nicht ganz, weil als er sah, dass ich tatsächlich er-staunt bin, sein Griff schwächte. Ich habe es ausgenutzt und meine Hand langsam befreit.

„Mein Herr, ich fühle mich unsicher“, sagte ich, „ich möchte gehen. Allein.“

„Ich fühle mich auch bedroht... Es gibt Mäch-te, die weit über Magirus stehen... Ich habe ge-glaubt, du seiest von ihnen geschickt worden. Bleib noch, es ist nicht gut, jetzt wegzugehen. Du bist mit mir gesehen worden...“

Ich verkrampfte mich noch mehr. Sey – ich sah ihn aufmerksam an – schien es ehrlich zu meinen. Wir waren beiden im selben Boot: was man sucht, findet man auch. Es ist immer so.

„Aus welchem Grund verdächtigen Sie mich?“, fragte ich.

„Aus mehreren Gründen. Von Anfang an. Jetzt, wegen des Dreiecks... besonders wegen der drei in einer Linie gesetzten Steinchen..“

„Aber ich sehe keine Verbindung... Es ist ein Blödsinn...“

„Auf den esrten Blick schon, aber nict in dem Kontext. Sieben oder acht Monaten zuvor hätte ich nach einem solchen Spielchen mit Stein-chen beinahe mein Leben verloren. Ich habe Glück gehabt, aber ich bin nicht sicher, dass ich aus dem Schneider bin. Es kann auch nicht sein, die Wette ist zu groß!“

„Wie groß?“ Ich hatte ein Recht, es zu erfah-ren. 

Sey versuchte zu lächeln. Es wurde nicht da-raus, nur eine Grimasse.

„Wie groß? DIE GRÖSSTE! DIE HERR-SCHAFT ÜBER DIE ERDE!!!“

Ich war beruhigt. Wieder ein Hirngespinst! Es schien, als ob er meine Gedanken lesen konn-te.

Es ist leider keine Erfindung. Auch jetzt wir daran gearbeitet, die ganze Zeit. Die Zwei bis drei Weltmächte zählen nicht. Sie sind bei Kanonen und Bomben, bei unsichtbaren Flug-zeuge geblieben. Die Eroberer werden ganz andere sein!...“

„Wie? Wer sind sie?!!“

„Es ist mir keine Vergnügen, mich daran zu erinnern...“

Er sagte mir, dass er versuchen würde, seine Behauptung zu rechtfertigen, aber aus bestim-mten Gründen wird er einige Details ver-schweigen. Insbesondere jene Details, die zum Ort des Geschehens führen würden.

„Ich möchte noch einmal durch die Gegend streifen...“

Er zündete sich eine Zigarre an, er wollte zei-gen, dass er sich gut fühlte. Er bot auch mir ei-ne an, wir sahen wie zwei Großverdiener aus, auch wenn uns die Hosen ein wenig schlak-kerten.

 

-     wird fortgesetzt

 

 

Sind sie neugierig geworden? Wollen Sie es schneller wissen, wie es weiter um den Weltkomplott steht?

Sie können jederzeit den mit dem  Großen Prosapreis des rumänischen Schriftsteller Verbandes und dem „Observa-tor-München-Preis“ ausgezeichnete Roman, im Verlag Ra-du Bărbulescu erschienen, schriftlich, per fax oder e-mail bestellen: Alexandru Ecovoiu, „SALUDOS“, ISBN 3-930672-60-X, Verlag Radu Bărbulescu, 1. Aufl., München 2000, 162 S., Preis DM 20.-- / Eur. 10.25. Postanschrift: Verlag Radu Bărbulescu, Görzerstr. 105 A, D - 81549 München, Fax 004 / (0) 89 / 68 914 97, e-mail: arche-obs@radu-Bărbulescu.de.  

„SALUDOS“, von Alexandru Ecovoiu ist vor kurzem auch in der Französischen Sprache - Übersetzer: Michel Wattremez - erschienen und kann bei der Editura Fundatiei Culturale Române, Aleea Alexandru nr. 38, sect. 1, Bukarest, Ru-mänien, unter den ISBN-Nr. 973-577-284-1 bestellt werden.

 


Stefan WIMMER

        München

 

Bekanntschaft mit der Música Bronca

 

    In Mexiko gibt es einen Musikstil, der sich „Música Bronca“ nennt. Das Adjektiv „bron-co“ heißt soviel wie „rauh“, „ungehobelt“, „un-gezähmt“; die Frage „Hay bronca?“ bedeutet: „Gibt’s Ärger?“ Am einfachsten lässt sich der Begriff „Música Bronca“ im Deutschen mit „mexikanische Prol-Musik“ wiedergeben. Die Wiege der Bronca-Musik liegt im Staat Nuevo León, nahe der texanischen Grenze. Mit ihrem stumpfsinnigen Rhythmus, den debilen Texten und den abschreckenden Interpreten gibt die „Música Bronca“ ein rundum stimmiges Bild. Doch sie findet in ganz Lateinamerika reissen-den Absatz. Spezielle Programme im Fernsehen verbreiten die „Música Bronca“, so z. B. der „Grito norteno“, „Der Schrei aus dem Norden“. Das Fernsehstudio des „Nordschreis“ ist liebe-voll ausstaffiert mit Wagenrädern, Lassos und Breitsätteln. Ein junger, völlig korrupt aus-sehender Moderator in Schlangenlederstiefeln und mit Stetson-Hut stellt die neuen Bronca-Videos vor, deren Produktionsniveau etwas an Heim-Pornos erinnert. Ein typisches Bronca-Video spielt in ruraler  Umgebung und zeichnet sich durch eine, gelinde gesagt, etwas machistische Botschaft aus. Man sieht Männer, die mit ihren Kumpels Karten spielen, auf Sauf-tour gehen oder zusammen am Strand Ba-nanenboot fahren. Frauen schmachten derweil in der Küche vor Kochtöpfen ihren absen-ten Männern hinterher und brezeln sich zwischen Bohnenmus und Rindersteak für die Männer auf. Lippenstift auf dem Holzfällerhemd der heimkehrenden Mannes sorgt kurzfristig für Konfrontation, aber nachdem der Mann seine Frau am Herd zum Kuss gezwungen hat, wird sie wieder anschmiegsam. Ja, es ist eine archai-sche, robuste Welt, die sich mit Hilfe von Laienschauspielern in der Bronca-Videos präsentiert.

    Die wichtigste Band der Bronca-Musik ist derzeit die „Grupo Límite“, die „Grenz-Grup-pe“, geleitet von der blondgefärbten und auf Cowgirl getrimmte Alicia Villareal. Die „Gru-po Límite“ macht auch Werbung für Apasco-Zement, den Zement-Magnaten mit dem Dog-genlogo. Deshalb sieht man die Band überall in Mexiko auf ihren Zementbuchstaben sitzen oder oder in Cowboykluft Beton anrühren, während Alicia durch ihre Zahnspange „APASCO“ haucht. Eine gecshickte Wahl der PR-Abteilung, denn die Mitglieder der „Grupo Límite“ können tatsächlich glaubhaft vermit-teln, dass sie in irgendeinem öden Wüstekaff ihre Betonhäuschen unter der sengenden Sonne eigenhändig hochziehen.

    Ich persönlich habe die Bekanntschaft mit der „Música Bronca“ und speziell mit dem „Límite“-Flavour eher unwillentlich gemacht. Freunde haben mir ein Blind-Date vermittelt mit einem Mädchen namens Carmen, einer Schülerin, die in der Periferie von Mexiko City wohnte. Um aufzutrumpfen und ein wenig den dicken Max markieren zu können, hatte ich zu diesem Anlass einen Tisch in einer sehr an-gesagten Lounge-Bar bestellt. Die Ober hatten ihre Instruktionen, die Drinks waren kalt-gestellt. Ich sollte Carmen an einem dubiosen Busterminal abholen, an dem aber immer nur Ziegen, Warzenschweine und zentnerweise Mais ausgeladen wurden. Schließlich schreckte mich jäh das Hupen eines feuerroten Dodge Ram-Jeeps auf. Am Steuer saß ein robuster Mann um die vierzig, der mit seinem Schnauzer und seinem Holzfällerhemd direkt einem Bronca-Video entsprungen war. Carmen saß daneben und ruderte hinter der Wind-schutzscheibe wild mit den Armen herum. Der Mann am Steuer stellte sich mir als ihr Onkel vor, zufällig habe er heute abend Lust be-kommen, uns Gesellschaft zu leisten. Von Lounge Bars, Martinis und anderen Raffines-sen wollte der Mann jedoch partout nichts wissen, das kam ihm alles spanisch vor, und so wuchtete er die Gangschaltung, dick wie ein Stierpenis, herum, und bretterte mit 150 seine Lieblingsdisco. Als Vorgeschmack ließ er be-reits die neue „Límite“ ins Cassetendeck glei-ten, und zum Takt von „Sentimientos“ be-kamen Carmens Mandelaugen einen eigentüm-lichen Glanz. Ich hätte sofort ohne Scham schreien sollen: „ANHALTEN! Lasst mich BITTE raus!“

    Nach einer halben Stunde Fahrt – die Viertel waren mir schon seit langem völlig unbekannt – hielten wir in einer kraterartigen Landschaft. Bestrahlt von Halogen-Scheinwerfern, umstellt mit Pick-Ups und Jeeps, ragte in dieser Wüste ein wahrer Tempel der „Música Bronca“ in den Nachthimmel. Ich stieg zögernd aus. In dem rodeoähnlichen Gehege waren bereits die einge-fleischtesten Bronca-Fans versammelt, es war schon mächtig Rambazamba, allen stand die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Resolut bestellte der Onkel eine Flasche Bacardi. Noch während er sich an der Banderole zu schaffen machte und sich eingoss, wurde ich bereits von Carmen abgeführt wie von einem Polizisten, zur Tanzfläche hin. Auf der Bühne spielte eine Band in weissen Lederkostümen zum Tanz auf, „Grupo Límite“-Covers, laut wie Motörhead, hart an der Schmerzgrenze. Ich lächelte schwach. Mein verstörtes Lächeln interpretierte Carmen jedoch als Begeisterung. Sie jauchzte „Ay, que bonito! no?“ und drehte derwischhaft ihre Pirouetten um mich. Natürlich kannte sie jeden Song und jeden Text. Schließlich schwang ich halt auch das Tanzbein. Meine Blicke huschten dabei sehnsüchtig zu der Flasche auf des Onkels Tisch, über die er sich jetzt mit seinen Kumpanen hermachte. Zwei oder drei Mal habe ich versucht auszubrechen und an den Tisch zu gelangen, doch jedes Mal scheuchten sie mich wie ein Stier wieder zurück in die Arena. Kurz und gut: die Nacht wurde ein Bronca-Marathon, irgendwo zwischen „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ Und dem Tanzbären-Fernsehspot von Durazell. Nach und nach entfaltete sich ein Ambiente des Wahn-sinns rundum. Die Rhythmen wurden immer peitschender, Carmens Honigkuchengesicht immer entrückter, immer lauter jauchzte sie ihr „Ay, que bonito!“, die Lichtblitze von den Gürtelschnallen und Silberaufsätze der Holz-fällerhemden schossen durch den Saal, und aus tausend Münder schallte der Límite-Hit „Tú y tú y tú!“, und schemenhaft sah ich, wie die Kumpane des Onkels dem edlen Tropfen auf unserem Tisch den Garaus machten.

    Irgendwann war ich in einen Starrezustand verfallen. Die Ober mussten mir die Scheine aus den Taschen ziehen, weil es natürlich ich war, der den Budenzauber zu bezahlen hatte. Carmen, ihr Onkel und seine Kumpane ver-flüchtigten sich wie eine Hitzespiegelung. Da-nach erinnere ich mich an nichts mehr. Manch-mal denke ich, ich habe diese Welt der ge-sunden Muskelzwerge in Holzfällerhemden nur erträumt. Ich habe weder Carmen noch den Onkel jemals wiedergesehen. Jedenfalls hat es ziemlich gedauert, bis ich wieder in die nor-male Welt zurückfand, na ja, was heißt schon normale Welt, die normale Welt des Rock’ n’ Roll, wo verkommene, heruntergewirtschaftete Narbengesichter das Bild prägen, die irgend-wann an ihrem Erbrochenen ersticken oder sich aus Gram die Birne wegpusten.   

 

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Benedikt WEYERER

            München

 

Der Nationalsozialismus in Mün-chen zwischen 1945 und 1975

 

Der Nationalsozialismus bestand nach dem Krieg in vielen Köpfen und auch organisatorisch weiter, und zwar in einem umfangreicheren Ausmaß, als oftmals anzunehmen genehm war. So sah sich der Bayerische Landtag am 17. Januar 1950 veranlasst, über die Besorgnis erregenden neonazistische Um-triebe im öffentlichen Leben zu diskutieren. Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Hoegner eröffnete die Debatte mit den Worten: „Der Kampf gegen die junge Demokratie ist auf der ganzen Linie entbrannt.“ Zur selben Zeit bestätigte der US-Landeskommissar Clarence M. Bolds, dass ihm die Existenz gewaltbereiter, national-sozialistischer Untergrund-gruppen bekannt sei. Die Besatzungs-macht halte aber alle Mittel in der Hand, um der neuen deutschen Demokratie gegebenenfalls rasch und wirksam zu Hilfe zu eilen. Ein Überblick über die damals agierenden rechtsextremen Vereiniungen zeigt, dass sich ihre Strukturen und Ideologien über die Jahre erhalten haben.

 

I. Der „Deutsche Block“ und die  „Vaterländische Union“

 

Der „Deutsche Block“, eine militant antikom-munistische, in weltanschaulicher Beziehung völkisch-nationalsozialistisch orientierte Partei mit Sitz in der Haidhauser Holzhofstraße 6, konstituierte sich am 28. November 1947. Ihr Vorsitzender hieß Karl Meißner, der nach der Landtagswahl vom 1. Dezember 1946 zu-nächst für die dubiose „Wirtschaftliche Aufbau-vereinigung“ in das Parlament einzog. Bald trennte er sich von seiner Partei und ver-schaffte somit seinem „Deutschen Block“ ein Landtagsmandat, das er bis zur Wahl vom 26. November 1950 innehatte. In einer Rede in Memmingen erklärte der Landtagsabgeordnete Meißner am 8. Dezember 1949, das parlamen-tarische System müsse zertrümmert werden, die Demokratie habe keine Daseinsberechti-gung mehr. Die deutsche Jugend müsse wieder Zucht und Ordnung lernen; zu diesem Zweck müsse eine neue Wehrmacht aufgestellt wer-den. Die Wählerzahl des „Deutschen Blockes“ blieb verschwindend klein: Bei der Landtags-wahl 1950 erlangte man 0,4 Prozent der Stimmen. Nach Umbenennungen in „Reichs-verband“ (1952) sowie „Nationale Sammlung“ (1953) verschwand dieser Verein 1957 von der politischen Bühne. Seine Anhänger fanden bei Gerhard Frey eine neue politische Heimat. 

   In enger Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Block“ stand die „Vaterländische Union“ (VU) des Karl Feitenhansel. In einer von ihm organisierten Versammlung im Dezember 1949 in München kamen ehemalige Mitglieder der SS, der Gestapo und des Sicherheits-dienstes SD zusammen. Sie wollten das Dritte Reich mittels eines erneuten „Opferganges der Nation“, also eines Krieges, wieder aufrichten. Die deutsche Sozialdemo-kratie, als „rote Pest“ und „internationale Schlange“ beschimpft, sollte vernichtet werden. Die bayerische Regierung wurde als aus „Verbrechern, Schweinen und Schweinigeln“ bestehend eingeschätzt. Feiten-hansel kündigte an: „Alle nationalen Kräfte müssen gesammelt werden, und gemeinsam beginnt der Vormarsch des besseren Deutsch-land.“ 

   Um diese Ziele durchsetzen zu können, hielt man intensiven Kontakt zu Otto Ernst Remer und seinem Umfeld. Remer hatte als Komman-dant des Berliner Wachbataillons „Groß-deutschland“ eine Schlüsselrolle bei der Niederschlagung des Putsches vom 20. Juli 1944 gespielt. Im Jahr 1949 gründete er die na-tionalsozialistische „Sozialistische Reichspar-tei“, deren Verbot das Bundesverfassungsge-richt am 23. Oktober 1952 verfügte. Viele  ehe-maligen Mitglieder fanden sich später in der 1964 gegründeten „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) wieder.

   Karl Feitenhansel erhielt 1950 wegen neo-nazistischer Umtriebe ein zweijähriges Verbot politischer Betätigung, das später auf fünf Jahre verlängert wurde. Dennoch gründete er 1951 eine „Gesamtdeutsche Friedens- und Wieder-vereinigungsbewegung“ sowie eine „Nationale Deutsche Arbeiterpartei“, die aber völlig be-deutungslos blieben.

   Bereits Ende 1945 konnte eine Verschwö-rung ehemaliger SS-Offiziere zur Ermordung des Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (SPD) unschädlich gemacht werden.  Am 7. 12. 1951 nun  kündigte ein anonymer Anrufer dem nunmehrigen Innenminister Hoegner nochmals seine  Ermordung an. Außerdem würden dem-nächst mehrere Dienstgebäude der Landesre-gierung in die Luft gesprengt werden. Dies löste die größte Polizeiaktion nach dem Krieg aus: 70000 Menschen wurden überprüft, bis man schließlich Karl Feitenhansel als Anrufer iden-tifizierte. Er behauptete, Verschwörer hätten deutschlandweit eine Regierung der nationalen Rettung bilden wollen und er, Feitenhansel, hätte den Umsturz in Bayern leiten sollen. Am 6. 02. 1952 verurteilte man den gefährlichen Wichtigtuer zu drei Monaten Gefängnis. Um Feitenhansel wurde es still, bis er als Landtags-kandidat der NPD in Mittelfranken wieder auf-tauchte. Von 1966 bis 1970 vertrat er seine Partei als Abgeordneter im Maximi-lianeum.

  

II. Der „Gesamtdeutsche Block / Block der Heimatvertriebenen und Entrechte-ten“

 

Zur Landtagswahl vom 18. 12. 1950 gründete sich der Landesverband Bayern des „Gesamt-deutschen Blocks / Block der Heimatvertriebe-nen und Entrechteten“ (GB/BHE) mit seinem Büro in der Reichenbachstraße 19. der GB/BHE vertrat die Sonderinteressen der zahl-reichen Vertriebenen und Kriegsgeschädigten. Der Name der Partei deutete dabei an, dass man nicht alle Kriegsopfer zu vertreten gedach-te. Als „Vertriebene“ und „Entrechtete“ bejam-merte man nur sich selber, und das war ein Personenkreis, der bis 1945 oftmals selber aktiv oder passiv an der Vertreibung und Ent-rechtung anderer teilgenommen hatte. Der GB/BHE vertrat einen großen Teil der national-sozialistischen Ideologie, er war dezidiert pseu-do-antikommunistisch und antidemokratisch eingestellt. 

   Zum Führer der Partei auf Bundesebene und Landesebene in Bayern wurde Theodor Ober-länder. In einer Selbstbeschreibung berichtete er, er sei nach dem Abitur in die Landwirtschaft gegangen, habe dann längere Zeit im sowje-tische Kuban-Gebiet als Saatzüchter gear-beitet und später als Professor der Staats-wissenschaften an den Universitäten Königs-berg, Greifswald und ab 1940 als Ordinarius an der „deutschen Karlsuniversität“ in Prag gelehrt.

   Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjet-union im Juni 1941 kehrte Oberländer als Leut-nant in das Land seines landwirtschaftlichen Interesses zurück. Er führte ein „Hilfsbatallion Nachtigall“ aus ukrainischen Freiwilligen, das als Teil der Wehrmacht Mordaktionen gegen Juden, Kommunisten und Russen ausführte. Oberländer befahl dabei seinen Untergebenen nicht nur Verbrechen, sondern ging mit sozu-sagen schlechtem Beispiel voran und ermor-dete auch eigenhändig Gefangene. Zu seinem Glück konnte er sich 1945 von der US-Armee gefangen nehmen lassen und nach seiner baldigen Freilassung „politisch und ostwissen-schaftlich“ tätig werden. Bereits im Jahr 1953 stieg er zum Bundesvertriebenenminister auf.

   Der hohe Anteil von Vertriebenen an der bayerischen Bevölkerung brachte dem GB/BHE anfangs beachtliche Erfolge: 1950 konnte die Partei 12,3 Prozent der Stimmen erringen, 1954 10,2 Prozent und weiter abnehmend 1958 8,6 Prozent. Während dieser Zeit war sie auch im Kabinett vertreten. Die gelungene Integration der Flüchtlinge ließ dann jedoch den GB/BHE immer stärker in die Bedeutungslosigkeit absinken.

   Der Charakter des GB/BHE sei an einigen Aussagen vor der Landtagswahl vom 14. 12.  1954 dargestellt. In der Parteizeitung „Gesamt-deutscher Kurier“, der unter dem Motto „Das ganze Deutschland soll es sein!“ stand, stellte Theodor Oberländer am 27. 11. 1954 program-matisch fest: „Die aus ihrer Heimat Vertriebe-nen, vom Bombenkrieg um ihr Hab und Gut Gebrachten haben durch Arbeit, aber nicht durch Klassenkampf, durch Disziplin, aber nicht durch Arbeitsverweigerung gezeigt, welche seelische und moralische Kraft gerade in den deutschen Menschen wohnt, die vom Schicksal am härtesten getroffen wurden und den un-glückseligen Krieg am schwersten bezahlen mussten.“ Die Wählerschaft des GB/BHE sei „das soziale Gewissen in unserem Volk und die echten Vorkämpfer für ein geeintes Deutsch-land in einem freien Europa, das dem Abend-land erhalten bleibt.“

   Ein Vorfall im Landtag am 17. 12. 1959 spiegelt das Gedankengut des GB/BHE eben-falls wider. Der GB/BHE-Abgeordnete Wal-ter Becher – von 1966 bis 1980 dann für die CSU im Bundestag sitzend – bezeichnete die Ent-nazifizierung als eine der unglücklichsten  Maß-nahmen der Nachkriegszeit und bedauerte, dass beim Eintritt in den öffentlichen Dienst nur einseitig Beziehungen zum Nationalsozialis-mus verfolgt würden. Man dürfe nicht verges-sen, dass das Dritte Reich die Befreiung des deutschen Volkes vom Bolschewismus ge-bracht habe. 

   Im Juli 1963 empörte sich der in München ansässige GB/BHE-nahe „Vertriebenen-Anzei-ger“ darüber, dass kriegsverherrlichende Lite-ratur über angebliche Heldentaten der SS und Wehrmacht verboten würden, während „rein pornographische Werke wie zum Beispiel die ganz üblen Bücher ´Katz und Maus´ von Gün-ther Grass und ´Die Blechtrommel´ vom glei-chen Verfasser frisch und frei in jedem Buch-laden verkauft werden können.“ 

   Mit der Selbstauflösung des GB/BHE im Jahr 1965 wechselte ein großer Teil seiner An-hängerschaft zur eben gegründeten NPD.

  

III. Die „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“

 

Die 1950 gegründete nationalsozialistische „Deutsche Reichspartei“ (DRP) trat unter ihrem Anführer Adolf von Thadden die Nachfolge der NSDAP an. Weitgehend erfolglos und innerlich zerstritten, ging sie schließlich 1964 in der neu gegründeten „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) auf, deren Führung und Mitgliederstamm sie bildete.

   Die NPD wurde am 28. November 1964 von Adolf von Thadden gegründet. Sie entwickelte sich schnell zum bedeutendsten Sammel-becken rechtsradikaler, nationalsozialistischer und neofaschistischer Kräfte in der BRD. Die älteren Mitglieder blickten fast ausnahmslos auf eine aktive nationalsozialistische Vergangen-heit zurück, während gleichzeitig die starke An-ziehungskraft der NPD auf junge Leute auffiel. Zulauf erhielt die Partei auch von Protestwäh-lern, die sich von der ersten Wirtschaftskrise seit dem so genannten Wirt-schaftswunder der fünfziger Jahre bedroht fühlte.

   Der Landesverband Bayern – von 1968 bis 1999 in der Holzstraße 49 ansässig – konnte schon am 24. April 1965 seinen ersten Partei-tag in München abhalten. Er stand unter der Forderung „Europa den Europäern – Deutsch-land den Deutschen – Alles für unser geliebtes deutsches Vaterland!“

   In seiner Grundsatzrede ließ Thadden wis-sen, zwanzig Jahre nach Kriegsende sei es an der Zeit, ein neues Kapitel in der deutschen Geschichte aufzuschlagen. An die Stelle des Geistes der bedingungslosen Kapitulation solle der Geist des Freiheitswillens und der Selbst-achtung treten. Er behauptete: „Die Entwick-lung nach Kriegsende war kein Wirtschafts-wunder, sondern die wunderbare Demonstra-tion eines im Kern gut gebliebenen Volkes.“ Zur Außenpolitik der Bundesrepublik meinte Thad-den in diesem Zusammenhang: „Wer sich stets als alleinigen Sündenbock ausgibt, kann sich nicht wundern, wenn sich Erpresser und Bettler in Bonn die Klinke in die Hand drücken.“ Die NPD sähe sich als „mahnendes Gewissen der Nation“.

   Bei der Wahl zum Landesvorstand konnten sich nur Kandidaten durchsetzen, die nach-weislich als Soldaten bei der Wehrmacht ge-dient hatten. Auf der Versammlung lagen Bü-cher zum Verkauf mit Titeln wie „War Deutsch-land am Zweiten Weltkrieg alleine schuld?“ oder „Verrat an Deutschland“.  Zum Abschluss sangen die Delegierten das Deutschlandlied, beginnend mit der ersten Strophe: „Deutsch-land, Deutschland über alles, über alles in der Welt, wenn es stets zum Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“

   Bei der Landtagswahl am 20. November 1966 erlangte die NPD 7,4 Prozent der abgegebe-nen Stimmen und konnte fünfzehn Abgeord-nete in das Maximilianeum entsenden, unter ihnen Karl Feitenhansel, den Gründer der inzwi-schen verschwundenen „Vaterländischen U-nion“. Damit war die Partei nach Hessen im zweiten westdeutschen Länderparlament ver-treten, fünf weitere sollten noch folgen. Der Er-folg in Bayern sorgte bundesweit und interna-tional für Aufmerksamkeit. Dort zeigte man sich zwar besorgt über das Wiederaufflammen des deutschen Nationalismus, betrachtete die Ent-wicklung im Grunde aber eher als Produkt der politischen und wirtschaftlichen Krise der BRD. Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß trat mit der Analyse an die Öffentlichkeit: „...Antwort auf die Verhöhnung und Verspottung der Bun-desrepublik, als Antwort an alle, die versucht haben, Deutschland in den Dreck zu ziehen. Die Deutschen müssen wieder als normale Na-tion behandelt werden, damit nicht die nationa-len Stimmen dorthin wandern, wo man sie gar nicht haben will.“ Koalitionsgespräche zwischen CSU und NPD seien „derzeit“ nicht geplant.

      Die NPD hatte im Wahlkampf vorgegeben, für die Interessen der sozial Schwachen einzu-treten. Tatsächlich beschränkte sich ihr Stre-ben auf eine autoritäre Innenpolitik („Sicherheit durch Recht und Ordnung“), den Kampf gegen die Ostpolitik der damaligen Bundesregierung („Brandt an die Wand!“) sowie die Verherrli-chung des Dritten Reiches. Am 26. Februar 1970 etwa forderte im Landtag der NPD-Frak-tionsvorsitzende Siegfried Pöhlmann „eine Ge-neralamnestie für alle im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg stehenden Straftaten“, wie er die Massenmorde bezeichnete. Als Be-gründung gab er an, der Grundsatz der Rechts-gleichheit sei gestört, weil die Siegerstaaten ihre Kriegsverbrecher nicht verfolgten.

   In ihrer Zeitung „Deutsche Nachrichten“ be-hauptete die NPD, die Bundesregierung habe sich in einen Zustand der unbeschränkten Er-pressbarkeit gegenüber Moskau begeben, und der ehemalige Außenminister und damalige Bundeskanzler Willy Brandt präsentiere sich immer intensiver als Erfüllungsgehilfe der kom-unistischen Ostblockstaaten. Man rief zum allgemeinen Widerstand gegen diese ange-liche Verzichts- und Vaterlandsverratspolitik auf. So konnte es nicht weiter erstaunen, dass ein erst 22-jähriger NPD-Landtagskandidat des Jahres 1970 am 24. 09. 1971 in München auf Bundeskanzler Brandt stürzte und ihn mit dem Ruf „Das ist für die Politik im Osten!“ ohrfeigte.

   Die Landtagswahl von 1970 hatte jedoch gezeigt, dass sich die NPD wieder im Ab-ärtstrend befand: Sie sah sich nicht mehr im Landtag vertreten, ihre Mitgliederzahl in Bayern sank von rund 5000 im Jahr 1971 auf 3400 im folgenden Jahr. Wie bei radikalen Gruppen oft üblich, zerstritt und zersplitterte sich die NPD angesichts ihrer Misserfolge. Am 9. Januar 1972 trat Siegfried Pöhlmann aus der NPD aus und gründete in München die „Aktion Neue Rechte“ (ANR).

   Auf ihrer Gründungsveranstaltung verurteilte Pöhlmann vor 460 zumeist jugendlichen Natio-nalsozialisten die „weiche Welle“ der NPD-Führung und sah die ANR als nationalistisch-sozialistische Partei der Zukunft. Man müsse einen europäischen Nationalismus auf so-zialistischer Grundlage schaffen, um dem sowjetischen Imperialismus entgegenzutreten. Eine nationale Revolution der Jugend werde die alten Mächte in Europa hinwegfegen. Nationa-lismus sei nicht mehr allein Vaterlandsliebe, sondern die Solidarität in der Gemeinschaft der Schaffenden. Die bürgerliche Besitzgesellschaft habe abgewirtschaftet. Der 9. Januar 1972 sei das Fanal von München. Pöhlmann gab die Parole aus: „Nationalist sein heißt, die Fahne des Aufstandes nicht mehr aus der Hand zu geben.“ Die ANR verlief sich bald wieder im Sande, ihre Mitglieder suchten und fanden in ähnlich gesonnenen Gruppen Unterschlupf.

 

IV. Gerhard Frey und die „Deutsche Volksunion“

 

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der „Druckschriften- und Zeitungsverlag“ des Ger-hard Frey zu einem organisatorischen Zentrum des Rechtsextremismus. Seit 1951 in der Pasinger Spiegelstraße 6 und seit 1964 in der Paosostraße 2 ansässig, erschienen hier Druckwerke wie der „Deutsche Anzeiger“, „Der Sudetendeutsche“, „Deutscher Bauer“ und die „Schlesische Rundschau“.

   Seit Bestehen der Bundeswehr 1956 kam die „Deutsche Soldatenzeitung“ bei Frey heraus. Anfangs erhielt sie eine finanzielle Unter-stützung von monatlich 13000 DM durch das Bundespresseamt. Soldaten aller Dienstränge schrieben Beiträge in ihr, das Blatt selbst lag in den Kasernen zur allgemeinen Lektüre aus. Die „Soldatenzeitung“ hielt die Traditionen der Wehrmacht hoch und hoffte, die Bundeswehr in diesem Sinne beeinflussen zu können. Sie verfügte über Informationen aus der Armee-führung, die nicht für die Öffentlichkeit be-stimmt waren. Die Redaktion griff jede demo-kratische Entwicklung in der Bundeswehr scharf an und beantwortete jede Kritik an sich  mit rechtlichen Schritten. In den Kasernen hielten Vertreter des nationalsozialistischen Milieus Vorträge. 

   Im April 1959 kritisierte  Bundespräsident Theodor Heuss in Hamburg vor jungen Offi-zieren in milder Form die Traditionspflege der Bundeswehr. Dies verurteilte die „Soldaten-zeitung“ als Bruch mit der soldatischen Tra-dition in Deutschland. Den Angriff auf den höchsten Repräsentanten der BRD nahm Generalinspekteur Adolf Heusinger zum Anlass, am 8. September 1959 die Trennung der Bundeswehr von der „Soldatenzeitung“ anzukündigen. Diese wurde sodann in die seit 1951 bestehende „Deutsche Nationalzeitung“ aus demselben Hause integriert und konnte über diesen juristisch geschickten Kunstgriff wieder Eingang bei der Bundeswehr finden.

   Inhalt und Sprache der „Nationalzeitung“ an-lässlich eines „Großangriffs auf die KZ-Lüge“ sagten alles über die Natur des Blattes und seine Hintermänner aus: „Wir sind zum Angriff angetreten. Die Truppe ist zum Äußersten entschlossen. Es steht viel auf dem Spiel. Der dem Kompanieabschnitt gegenüber liegende Hügel ´Lüge´, der von starken feindlichen Truppen besetzt ist, droht bereits seit Monaten, den vom Regiment gehaltenen Frontabschnitt ´Wahrheit´ zu durchbrechen...“ In diesem Zusammenhang stand auch die Ausgabe vom 20. Juli 1967, deren erste Seite ein Bild von Adolf Hitler sowie Israels Verteidigungsminister Moshe Dayan zeigte. Israel wurde dabei be-zichtigt, nach Art von Auschwitz einen Massen-mord an den Arabern zu verüben. Diese Aus-gabe wurde verboten. Als Verlagsleiter fungier-te damals der CSU-Funktionär Emmerich Giehl. 

   Zur Steigerung seines Druckschriftenabsatz-es und seines politischen Einflusses gründete Frey Anfang 1971 die „Deutsche Volksunion“ (DVU), deren Vorsitzender er natürlich selber wurde. Neben den altbekannten nationalso-zialistischen Zielen hielt man die Ostpolitik und die Annäherung an die Staaten des Ostblocks durch die Regierung Brandt/ Scheel für einen Ausverkauf deutscher Interes-sen und für eine Kapitulation vor dem Kommu-nismus: „Landes-verrat“, „Volksverrat“, „Stalin-verträge“ und „den vielleicht größten Wählerbetrug des Parlamen-tarismus“ glaubte die „Nationalzeitung“ entdeckt zu haben.

   Hierin wusste man sich in Einigkeit mit Teilen der CSU, wie eine Veranstaltung der DVU am 3. April 1971 im Schwabinger Bräu zeigte. Vor dem Gebäude hatten sich Gegendemonstran-ten versammelt, die dem Rechtsradikalismus eine Absage erteilen wollten. Während einer der Redner, der ehemalige Ministerpräsident Wilhelm Hoegner von der SPD, die Abwe-senheit der CSU an seiner Seite bedauerte, saßen auf der DVU-Veranstaltung die CSU-Mitglieder Paul Esterer und Emmerich Giehl neben Gerhard Frey auf dem Podium, außer-dem noch Kurt Poschart und Franz-Josef Leistner von der Bayernpartei. Sie riefen ver-eint zum Widerstand gegen die Ostpolitik auf.

   Die Bayernpartei war teilweise finanziell von Frey abhängig. So ließ man sich Anfang 1971 vom Staats- und Verfassungsrechtler Theodor Maunz, Mitglied der CSU und Kultusminister der Jahre 1957 bis 1964, ein Gutachten in Sachen Parteienfinanzierung erstellen. Frey zahlte das Honorar des Maunz. Was damals nur wenige ahnten: Maunz war der National-sozialist geblieben, der er schon immer war.

   Aus den USA wurden große Mengen hierzu-lande verbotener NS-Schriften nach Deutsch-land geschmuggelt. Die „NSDAP-Auslands-organisation“ des Gerhard („Gerry“) Lauck ver-sorgte auf dem Postweg ihre hiesigen Volks-genossen mit Zeitschriften wie dem „NS-Kampfruf“, einschlägigen Flugblättern und anti-semitischen Pamphleten.

   In der Nacht zum 18. April 1975 etwa nahm die Polizei einen jungen amerikanischen und einen ebenso jungen deutschen Mann fest, die in München Hakenkreuzplakate klebten. Nach eigenem Bekunden der beiden stand die Aktion in Zusammenhang mit dem bevorstehenden Geburtstag ihres „Führers“ Adolf Hitler. Als einen der Programmpunkte ihrer NS-Organisa-tion nannten sie die „Rassentrennung und Aus-schaltung des jüdischen Einflusses“. Ein Ge-richt verurteilte die zwei Nationalsozialisten zu je neun Monaten Freiheitsentzug. Diese Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt, weil bei beiden eine geistige Unreife erkannt wurde. Außerdem gab das Gericht zu bedenken: „Die Angeklagten haben die furchtbaren Seiten des Hitler-Regimes nicht miterlebt. Sonst wären sie sicher zu einer anderen Anschauung belangt.“

So nahm es nicht wunder, dass es am 4. Dezember 1976 auf einer Veranstaltung der DVU im Bürgerbräukeller zu einer antisemiti-schen Ausschreitung kam. Die etwa 800 Teil-nehmer – unter ihnen auffallend viele Jugendli-che und sogar Kinder – begrüßten begeistert Hans-Ulrich Rudel. Dieser Held der Wehrmacht und Integrationsfigur der Nationalsozialisten der BRD wurde von Frey als „Nationalheld Nummer eins des deutschen Volkes“ sowie „unster-blicher Deutscher“ gefeiert. Plötzlich entdeckte man das jüdische Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld im Saal. Sie hatten sich diesen denkbar ungeeigneten Anlass ausgesucht, um auf die Leiden der Ju-den im Dritten Reich aufmerksam zu machen. Unter Schmähungen und Prügeln trieb die von Frey aufgepeitschte Menge die beiden aus dem Saal, wo sie blutüberströmt von der Polizei empfangen wurden. Die Beamten hatten den Auftrag, die genehmigte DVU-Versammlung vor Gegende-monstranten zu schützen. Außer drei Mitglie-dern des „Jüdischen Studentenbundes“ war aber niemand erschienen.

 

V. Hintermänner

 

Theodor Maunz (1901-1993) hatte als Professor der Rechtswissenschaften während des Dritten Reiches bemerkenswerte Thesen aufgestellt, etwa dass der Plan und der Wille des „Führers“ oberstes Rechtsgebot seien und dass der „Führer“ berufen sei, das Recht zu erkennen, kundzutun und auch noch zu vollstrecken. Zum braunen Polizeiterror meinte er, „das entschlossene Zugreifen nach situa-tionsgebundenen örtlichen Bedürfnissen ist wichtiger als das peinliche Klammern an sorg-sam ausgefeilte Rechtssätze.“ 

   Nach dem Krieg redete sich Maunz darauf hinaus, er habe den Unrechtsstaat nur be-schreiben wollen. Also konnte er inzwischen Mitglied der CSU -  im Jahr 1952 in München Professor für öffentliches Recht werden. Sein Hauptwerk „Deutsches Staatsrecht“ gilt als der Kommentar zur bundesdeutschen Verfassung schlechthin und brachte seinem Autor hohe Tantiemen. Im Jahr 1957 berief ihn Minister-präsident Hanns Seidel zum gut bezahlten Kultusminister. Theodor Maunz stellte den Prototypen des Opportunisten dar, der für sein finanzielles Wohlergehen jedem Herrn diente, wobei aber an seiner nationalsozialistischen Grundeinstellung nicht gezweifelt sein konnte.

   1964 wurden die Schriften des Maunz aus dem Dritten Reich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er trat am 15. Juli 1964 ohne Auf-hebens zurück. Ministerpräsident Alfons Gop-pel stellte bei dieser Gelegenheit fest: „In der breiten Öffentlichkeit scheint der Eindruck entstanden zu sein, bei uns werde immer noch entnazifiziert, und selbst rückhaltloser Einsatz für den demokratischen Rechtsstaat in den ver-gangenen neunzehn Jahren könne Irrtümer in der Vergangenheit nicht aufwiegen. Ich glaube, dass einmal ein Schlussstrich unter jene Zeit gezogen werden muss.“

   Nachdem Maunz gestorben war, feierte der Herausgeber der rechtsradikalen „Deutschen Nationalzeitung“, Gerhard Frey, einen persönli-chen Triumph: Er konnte am 24. September 1993 verkünden, er habe „einen wunderbaren Wegbegleiter“ verloren. Maunz habe „beinahe allwöchentlich durch seine hervorragenden poli-tischen Beiträge ohne Autorenangabe“ die „Nationalzeitung“ bereichert. Auch sei er den Nationalsozialisten der BRD – dies formulierte Frey natürlich anders – stets juristisch beratend zur Seite gestanden. 

   Der Münchner Rechtsanwalt Alfred Seidl (1911-1993) promivierte 1936 mit einer Doktor-arbeit über den „Beginn der Straftat“, wobei er die Machtübergabe an die Nationalsozialisten und die daraus entstandenen Konsequenzen und Veränderungen im Strafrecht und in der Rechtsprechung als positiv würdigte.

   Nach dem Krieg begannen 1945 die Kriegs-verbrecherprozesse in Nürnberg. Seidl trat hier als Verteidiger höchstrangiger Angeklagter auf, auf deren Seite er auch innerlich selbst  stand.

Karl Gebhardt etwa war General der SS, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und medizinischer Berater Heinrich Himmlers ge-wesen. Als solcher zeichnete er verantwortlich für zahllose Menschenversuche mit meist tödli-chem Ausgang. Seidl gab während des Pro-zesses zu bedenken, die polnischen Ver-suchspersonen, „die zu den Sulfonamidversu-chen herangezogen wurden, waren Mitglieder der Widerstandsbewegung. Sie haben gegen Gesetze verstoßen, die damals für sie ver-bindlich waren und die Besatzungsmacht be-rechtigten, mit entsprechenden Strafmaßnah-men gegen sie vorzugehen.“ Außerdem habe Gebhardt bei den Opfern die „Annahme der Einwilligung“ vorausgesetzt und die Versuche „im Interesse der Opfer“ selbst durchgeführt. Denn diese hätten sich freiwillig zur Verfügung gestellt, um so der sicheren Hinrichtung zu entgehen.

   Seidl trat auch als Verteidiger des Oswald Pohl auf. Dieser hatte die wirtschaftliche Aus-beutung im Rahmen der Judenvernichtung organisiert und geleitet. Die Schuld an den Zuständen in den Konzentrationslagern lag nach Seidls Auffassung nicht auf deutscher Seite, sondern war auf die alliierte Bombar-dierung Deutschlands zurückzuführen. Wegen der dadurch entstandenen Schäden sei man gezwungen gewesen, die Arbeitsleistung in den Lagern etwas zu erhöhen. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass die Gefangenen „für Un-terbringung, Bewachung, Verpflegung, Beklei-dung etc.“ nichts bezahlen mussten.

   Auch Hans Frank, Generalgouverneur von Polen und Verantwortlicher für das dortige deutsche Terrorregime, sowie der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, ließen sich von Alfred Seidl verteidigen. Dieser verdiente dabei nicht nur beträchtliche Honorare, sondern trat auch als vehementer Feind der Todesstrafe in Erscheinung.

   Die Kanzlei Alfred Seidls galt als erste Adresse für Menschen, die sich wegen na-tionalsozialistischer Verbrechen zu verantwor-ten hatten. Einige weitere seien genannt: Im Jahr 1950 der stellvertretende Reichs-pressechef Helmuth Sündermann, der dann 1952 am Starnberger See den rechtsradikalen Druffel-Verlag gründete, ebenfalls 1950 den bereits genannten Karl Feitenhansel, der von 1966 bis 1970 für die NPD im Landtag saß, 1951 die berüchtigte Ilse Koch, Kommandeuse des Konzentrationslager Buchenwald, wo sie sich aus Häftlingshaut Lampenschirme hatte  herstellen lassen. 

   Im November 1952 lief ein Prozess gegen die Mörder des im April 1945 hingerichteten Admirals Wilhelm Canaris. Seidl stand na-türlich auf Seiten der Mörder. Zu ihrer Ent-lastung gab er zu bedenken, die Widerstands-kämpfer vom Schlage eines Canaris seien möglicherweise ein Grund für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewesen. Ihre Hand-lungsweise hätte die ehemaligen Gegner Deutschlands vielleicht erst zum Krieg ermun-tert. Bei diesem Thema vertrat Seidl ganz allgemein die Meinung, die beiden Weltkriege seien Deutschland von Großbritannien aufge-zwungen worden, und dafür hätten Millionen deutsche Soldaten ihr Leben lassen müssen.

   Am 23. November 1958 zog Alfred Seidl für die CSU in den Landtag ein. 1970 wurde er stellvertretender Fraktionsvorsitzender, 1972 Fraktionsvorsitzender seiner Partei, 1974 Staatssekretär im Justizministerium und  von Mai 1977 bis November 1978 fungierte er als  Staatsminister des Inneren. Erst 1986 schied er aus dem Landtag aus. Der Innenminister ist  Dienstherr des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Laut einer Selbstauskunft dieser Behörde vom 10. November 1971 be-steht ihre Aufgabe im Sammeln und Auswerten von Tatsachen und Erkenntnissen. Die Ent-scheidung darüber, welche Schlussfolgerun-gen daraus gezogen werden, ist Sache der politischen Führung. 

   Als Innenminister trat Seidl nun für die Wiedereinführung der Todesstrafe ein. Es könnten Umstände und Entwicklungen ein-treten, in denen der Staat nur noch durch die Androhung dieses schärfsten Machtmittels in der Lage sei, die öffentliche Ordnung und die öffentliche Sicherheit aufrechtzuerhalten. Im März 1978 erklärte Seidl, man sei im Begriff, „den Feinden der Freiheit zuviel Freiheit zu lassen, ihnen die Möglichkeit zu geben, unter Missbrauch eben dieser Freiheit die staatliche Existenz und damit die Garantie für die Freiheit aller zu bekämpfen.“

   Unter „Feinden der Freiheit“ meinte der bayerische Innenminister nicht die Rechts-extremisten, sondern die damals aktiven Links-terroristen. Kurz nach seinem Tod nämlich erklärte Gerhard Frey, zwischen ihm und Seidl habe es „ein jahrzehntelanges harmonisches und vielfältiges Zusammenwirken“ gegeben. Seidl habe ihn juristisch und politisch beraten, auch in der Zeit, als jener für den Verfassungs-schutz zuständig war.

 

 

Neu im Verlag Radu Barbulescu:

 

Adnan Al Dhahir: Poems – Gedichte – Schaar: a. d. Arabischen v. Ali Mahan und a. d. Engli-schen v. Gisela Kirbach, 96 S., ISBN 3-930672-65-0, DM 20.-- / Eur 10.25;

 

Radu Barbulescu: Mapuakhikotl u. a. skurrile Geschichten aus Bayern, München und sonst-wo, 84 S., ISBN 3-930672-70-7, DM 16.60 / Eur 8.50.


Adam Berg und die Anfänge des Buchdrucks in München

 

Der erste bedeutende Münchner Buch-drucker, Hans Schobser, starb 1530. Nun schien es mit der Druckerei wieder abwärts zu gehen, denn sein Sohn Andreas brachte außer den üblichen Aufträgen für den Hof und eini-gen katholischen Verteidigungsschriften nur wenige Werke heraus. Da kam 1564 ein junger Drucker mit dem Gespür für wirtschaftlich Machbares, mit einem kleinen Kapital und dem Heiratsgut seiner Frau nach München: Adam Berg. Er erkannte, daß der Druck in München im argen lag und sich ihm dadurch eine Chan-ce bot. Deshalb kaufte er die heruntergekom-mene Schobsersche Druckerwerkstätte in der Lederergasse und erneuerte sie von Grund auf. Seine Fachkenntnisse hatte er wahrscheinlich bei Platin in Antwerpen erworben. Zustatten kam ihm dabei die „Verehrung" des Hofes und das Wohlwollen der Stadt, die ihm Steuerfreiheit einräumte.

Herzog Albrecht V. wußte um die Bedeutung einer leistungsfähigen Druckerei gerade in jener Zeit geistigen Ringens. Er schätzte die technischen und fachlichen Kenntnisse Bergs, seine Betriebsamkeit und Umsicht. Und Berg enttäuschte ihn nicht. Schon in den ersten Jahren seiner Tätigkeit in München legte er be-achtliche Drucke vor. Obwohl überzeugter Pro-testant, lieferte er auf Befehl des Herzogs einen Nachdruck des Bücherverbots des Konzils von Trient. Im Rückblick zeigte es sich, daß Berg einer der bedeutendsten Drucker seiner Zeit wurde; er war Hauptverleger der Ge-genreformation und ein vorzüglicher Noten-drucker. Er brachte neben den amtlichen Druckschriften 300 Drucke heraus, darunter solche berühmter Männer seiner Zeit wie zum Beispiel die von Jodocus Lorichius, Laurentius Surius Johann Nas, Orlando di Lasso. Dazu Meßbücher wie das für Freising (1579), seine tagebuchartigen Schreibkalender und seine Musikdrucke, darunter die Hauptwerke von Orlando di Lasso. Es war für Komponisten eine Ehre, wenn Berg den Druck ihrer Werke über-nahm.

 

 

Eine hervorragende Leistung Bergs war es, den bedeutendsten deutschschreibenden Au-tor Ägidius Albertinus zuerst veröffentlicht zu haben. Daß Berg aber auch ein Mensch voller Widersprüche war, geht aus den Studien von Pius Dirr, der ab 1919 Direktor des Bayeri-schen Staatsarchivs war, hervor, die er unter dem Titel „Buchwesen und Schrifttum im alten München" veröffentlichte. Dort heißt es zu Berg: „Ein Mensch mit seinem Widerspruch". Er begründete das damit, daß Bergs Auftreten in München widersprüchlich und ungereimt wirkte. Er kam als Protestant in die Stadt, schien sich aber den religiösen Umständen angepaßt zu haben. Die Inquisition von 1569 stöberte ihn aber auf, nachdem er fünf Jahre lang unangefochten geblieben war und lud ihn zum Tribunal vor. Im Verhör bekannte sich Berg dazu, das Abendmahl in der deutschen Messe bei den Lutherischen genommen zu haben. Daraufhin wurde er in den Falkenturm geworfen. Ihm drohte nun die Ausweisung aus dem Land. Deshalb unterwarf er sich den For-derungen der Inquisition und gab seinen reli-giösen Standpunkt preis. Es gelang ihm so, die Gunst Herzog Albrecht V. wieder zu gewinnen. Das ging sogar so weit, daß der Herzog und auch Wilhelm V. Taufpaten für seine Kinder machten und daß ihm, der viel reiste, diplomatische Kommissionen anvertraut wur-den. Welcher Art und wie geheim sie waren geht aus einer Bemerkung Bergs hervor, mit der er seine Verdienste Herzog Wilhelm V. gegenüber herausstellen wollte, als er befürch-ten mußte bei ihm in Ungnade zu fallen. „Er habe einmal", sagte er von sich, „ein gehaim ganz geverlich Befelch auf sich genommen, bei dem er, falls man ihn erwischt hätte, einen schmechlichen Luftpaum hätte besteigen müs-sen."

Berg war trotz seiner Unterwerfung kein will-fähriger Untertan, was eine Auseinandersetz-ung mit der Stadt in einer gewerbepolizeilichen Angelegenheit zeigte. Dabei ging es um eine Gesellen, für den nach Bergs Auffassung die Stadt nicht zuständig war, weil er eine „gefreite Werkstätte" führte, die nur der landes-herrlichen Gerichtsbarkeit unterstand. Weil er seinen Widerspruch in äußerst grober Form vorbrachte, sperrte  man ihn eine Woche lang in den Fischerturm.

Berg brachte viele Prachtwerke heraus, doch die hatten ihren Preis. Das führte zu Span-nungen mit der Hofkammer, weil die nur unzu-reichend honorierte. Ein Beispiel dafür war die reich illustrierte Beschreibung der Hochzeit Herzog Wilhelms mit Renate von Lothringen im Jahr 1568. Berg ließ eigens den Kupferstecher Nikolaus Solis nach München kommen. Der fertigte die Bilder an, setzte sie jedoch nicht wie vereinbart in Farbe, sondern verschwand zuvor, nachdem er für die gesamte Arbeit bereits ausbezahlt worden war. Da Berg sich wiegerte in die eigene Tasche zu greifen, mußte der Herzog sehr zum Ärger der Hofkammer einspringen.

Immer wieder mußte sich Berg um finanziellen Ausgleich an den Herzog wenden. Weil die Hofkasse allmählich leer wurde, versucht Berg andere Quellen zu erschließen. So plante er eine Papierfabrik in Fürstenfeld zu gründen. Die dafür erforderlichen 1000 Gulden lehnte der Herzog ab.  Ebenso erging es Berg mit seiner Absicht eine Salzgroßhandlung zu errichten, wofür er 500 Gulden als Startkapital benötigt hätte. Als er daraufhin darum bat, ihm wenigstens Kalbfelle aus der Hofschlächterei zur Pergamentherstellung zu überlassen, blitz-te er ebenfalls ab, weil diese von dem Hof-kammerschuhmacher benötigt wurden.

Doch sein Werk wurde schon zu seinen Leb-zeiten anerkannt, obwohl er im Jahr 1594 in sein großartiges Kupferstichwerk eigenhändig geschrieben hatte: „der fürstlichen Durchlaucht zur Schmach und Unehr, auch eine andern Religion und Sekten damit gedient." Der darob erzürnte Herzog wollte ihn des Landes verwei-sen. Doch der Widerspruch der eigenen Fa-milie des Herzogs wandte diesen Schicksals-schlag von Berg ab.  Das Vertrauen des Her-zogs hatte er nun für immer verspielt. Dieser ließ nun den Buchdruckergesellen Nikolaus Heinrich, den Mann von Bergs verwitweter Tochter, eine weitere Buchdruckerei gründen.

Im Schwiegersohn nun eine Konkurrenz zu haben, erbitterte den alten Berg. Mit Schikanen und Prozessen versuchte er ihn auszuschal-ten. Für die Schadenfreude der Zeitgenossen Bergs war das Wasser auf die Mühle. Doch das konnte Bergs Leistung nicht schmälern. 1925 schrieb Karl Schottenloher, ein bedeutender Kenner der Alt-Münchner Buchdrucke im Juli in den „Typographischen Jahrbüchern": „Hans Schöbser und Adam Berg, sie beide sind auf Jahrhunderte hinaus die zwei hervorragend-sten Meister des ältern Buchdrucks geblieben." Er sah als Hauptquelle ihres Erfolgs „tüchtiges Können und unermüdliches Schaffen" an.

 

Manfred PIELMEIER

 

 

Im Verlag Radu Barbulescu: Manfred Pielmeier: Haselmühl und andere Jugend-erinnerungen, Sammlung Zeitzeugen, 80 S., ISBN 3-930672-67-7, DM 16.60 / Eur 8.50. 


Waldemar FROMM

         München

 

Die Kultur der Kulturwissenschaften - Geoffrey Hartmans „Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur”

 

Geoffrey Hartman gehört neben Paul de Man und J. Hillis Miller zu den wichtigen Vertretern der Yale Critics, die in den Vereinigten Staaten maßgeblich zur Durchsetzung dekonstruktiver Textlektüren beigetragen haben. In der bundesrepublikanischen Literaturwissenschaft ist er vergleichsweise selten rezipiert worden. Eine leichte Verbesserung hat erst die 1996 erschienene Übersetzung eines Aus-schnittes aus Hartmans 1981 erschienenen Buch „Saving the text” in dem von Aleida Assmann herausgegebenen Sammelband „Textlektüren. Per-spektiven in der Literaturwissenschaft” gebracht. Die Übersetzung zeigt Hartman zwar programma-tisch korrekt aber – bedenkt man den Untertitel – nicht eben auf der Höhe der Zeit. Der Suhrkamp-Verlag hat die Lücke nun mit der Übersetzung einer jüngeren Publikationen zu schließen begonnen: „Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur” ist im Original 1997 unter dem Titel „The fateful questions of culture” erschienen. Der Verlag hat gut daran getan, den Titel zu ändern, nicht nur, weil damit die Kerngedanken Hartmans ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, um den herum er die Auseinandersetzung mit der Schicksalsfrage der Kultur führt, sondern auch, weil er sich mit dem Originaltitel innerhalb der amerikanischen Debatte um die cultural studies positioniert hat, einer Debatte, die nicht ohne weiteres auf die kulturwissenschaftlichen Fragestel-lungen hierzulande zu übertragen ist.

 

Die Gesamtanlage des Buches folgt aus einer von Hartmans Lektüreprämissen, den Textkommentar gleichrangig neben dem besprochenen Text zu stellen. Solche Kommentare sind nicht thetisch durchstrukturiert und gewinnen ihre Überzeu-gungskraft gelegentlich erst nach einer zweiten Lektüre. Hartman erleichtert dem Leser die Orientierung durch eine entschiedene Leserführung: das Buch wird einleitend ausführlich vorgestellt und abschließend zusammengefasst, die einzelnen Kapitel ein- und ausgeleitet. Im Zentrum stehen literarische Texte, die nach pointierten Analysen auf die Frage nach dem Begriff der Kultur ausgewertet werden. Es handelt sich dabei nicht vorrangig um eine Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen in den Kulturwissenschaften, sondern um eine Reaktion darauf mit literarischen Texten. Hartman möchte den Hintergrund der Zuwendung zu kulturwissenschaftlichen Analysen historisch und psychologisch plausibel machen, wobei ihm die Gefahren, die die Debatte um kulturwissenschaftli-che Fragestellungen mit sich bringen, wichtiger sind als die damit verbundenen Hoffnungen.

 

Im Zentrum der Kritik Hartmans an den Kultur-wissenschaften steht die Feststellung, dass Kunst und Kultur in einem konflikthaften Verhältnis zueinander stehen. Eine Reduktion ästhetischer Phänomene auf eine ideologische Basis, wie sie wiederholt in den cultural studies vorgetragen wird, will er nicht akzeptieren. Aus literaturwissenschaft-licher Sicht fragt er, ob kulturwissenschaftliche Analysen mit dem literarischen Überschuss an Imagination oder generell mit der imaginativen Vernunft der Literatur umgehen können. Diese Debatte ist in der bundesrepublikanischen Theo-rielandschaft von Karl Heinz Bohrer mit der Frage nach den Grenzen des Ästhetischen angestoßen worden. Wie Bohrer besteht Hartman auf der Eigenständigkeit des Ästhetischen. Zugrunde liegt bei Hartman die bereits in früheren Publikationen vorgetragene Ansicht von der ästhetischen Ver-wendungsweise von Wörtern. Hartman hat sich darin mit dem „Status von Worten innerhalb der Psyche oder der Kultur ihres Umfeldes” ausein-andergesetzt und in Anlehnung an Freuds Theorie der Abwehr, Lacans Subjekttheorie, Derridas Theo-rie der Gabe sowie Blooms Ansichten zur Fehl-lektüre den Ort des Kritikers wie auch des Autors aus zwei aufeinander verwiesenen Bewegungen zwischen Sprache und Innerlichkeit beschrieben, die er in der Metapher der „Wort-Wunde” zusam-menfasst. Sprache ist trügerisch, da sie als zei-chenhafte einerseits Intuition oder reine Innerlich-keit zerstört, es andererseits aber ermöglicht, „jene Innerlichkeit zu beschreiben, Worte als Worte zu schätzen, sie als in und von uns lebend zu er-fahren”. Diese Wortkonzeption führt zu einer positiv nicht abschließbaren Lektüre. Ihre kulturelle Relevanz liegt in den daraus erst entstehenden Möglichkeiten, jeweils neu zu lesen. Wo die Künste die vertrauten Diskurse verlassen, berufen sie sich auf ein „Schweigen”. Der Ursprung des „Schwei-gens” ist nicht theologisch gedacht, sondern psychoanalytisch: dem sprachlich verhafteten Wis-sen ist es als unbewusster Vorgang nicht unmit-telbar zugänglich und deshalb nur von der Rede aus gesehen ein „beredtes Schweigen”. Es ermöglicht innerhalb der Konzeption Hartmans die Erweite-rung, Ergänzung, Kritik oder Transformation der diskursiven Praktiken (oder auch die ihnen zugrunde liegenden Ideologien). Kunstwerke beruhen demnach auf einem Wechselverhältnis vom ”Schweigen” der Affekte im Text und literarischer (sprachlicher) Imagination (Gestaltgebung) dieses ”Schweigens”.

 

Hartman liegt nun viel daran, den Begriff „Kultur” so zu fassen, dass er den imaginativen Überschuss, den Literatur produziert, integrieren kann, und zugleich so angewandt wird, dass er demütigende, entwürdigende oder unmenschliche kulturelle Zustände nicht mit einschließen kann. Der Einwand ist plausibel, denn, wenn die Kulturwissenschaften beginnen, selbst das Disparate unter dem Ober-begriff Kultur zu integrieren, von wo aus soll dann noch das Potential zur Kritik in die Arbeiten einfließen, die erst aus dem imaginativen Über-schuss möglich wird. Hartman fragt danach, wie mit dem Teil umzugehen ist, der nicht ausdrücklich  Teil der Kultur wird. Man kann dies an einer Redewendung wie „Kultur der Gefühle” gut veranschaulichen. Natürlich trägt die Literatur zur Sensibilisierung im Umgang mit Kultur und Natur bei. Es ist durchaus möglich, kognitive Patterns oder diskursive Strategien im Umgang mit den Gefühlen festzustellen. Aber schließt man das individuelle, mitunter anarchische Moment nicht aus, wenn man sie auf Pattern oder Diskurse festlegt? Moderne Literatur ist gerade durch die Kraft der Assoziation geprägt, ihre Emotionalität folgt nicht den Regeln der Vernunft, sondern (im besten Fall) einer Poetik des Mitgefühls oder der Überantwortung an ein Außen. Die Literatur kann nach Hartman so erst ihre Wirkungsmöglichkeiten entfalten und einer neuen Welt zum Durchbruch verhelfen, wie er am Beispiel von Wordsworth zeigt. Das Verhältnis zwischen Kunst und Kultur ist verworrener und komplizierter, als dass man die Eigenständigkeit des Ästhetischen aufgeben könnte.

 

Hartman sieht eine Vielzahl von Gefahren, die aus einer nicht kritischen Abgrenzung von Kunst und Kultur folgen. Den Verlust des Inkommensurablen, das Freiräume erst ermöglicht, ein Begriffsbil-dungsverfahren, das soziale wie individuelle Diffe-renzen unter einen Oberbegriff subsumiert und damit entgegen der Zielsetzung  repressive Tenden-zen entwickelt. Einen entscheidenden Grund für die Gefahr einer „fatalen Militanz” meint Hartman in einem der Moderne zugrunde liegenden Gefühl verfehlter Präsenz zu erkennen. Man kann hier die psychologische und historische Transformation der Präsenz/Absenz-Konzeption bei Derrida im Hinter-grund durchaus mithören. Hartman schreibt in didaktischem Ton: „Die Rede ist von dem Gefühl, vom Leben ausgeschlossen zu sein. Nicht bloß vom gesellschaftlichen Leben [...], sondern von der (wohl stets mysthischen) Teilnahme am Leben selbst. Wir spüren, dass wir nicht an allem Teilhaben, das wir sehen. Dass wir vielleicht unsere Denkprozesse, kaum aber uns selbst begreifen. Dass wir die Empfindungen anderer auf mehr oder weniger abstrakte Weise nachfühlen, sie aber nicht in dem Sinne teilen, dass sie zu den unseren werden.” Man überliest diese Passage in ihrer Relevanz für die Gesamtanlage des Buches leicht, wenn man nicht bedenkt, dass in diesem psychologischen Konflikt die Wurzeln für die historische Entfaltung einer „Identitätssuche” angesetzt werden, die, sofern sie die Unabschließbarkeit der Suche nicht bedenkt, die Tendenz hat, ins Ideologische und Inhumane (das wäre bspw. die mit aller Gewalt und allen Ausschließungstendenzen herbeigeführte Identität) abzurutschen.

 

Eine wichtige, sich daran anschließende Frage be-rührt Hartman mit dem Thema, welche Sprache kulturwissenschaftlichen Analysen angemessen ist. Eine solche neue Sprache findet er bei Derrida als ein neuen Schreibens vor. Das Thema eines „neuen Schreibens” ist allerdings grundsätzlicher gefasst, denn selbst jene Ansätze, die dekonstruktive Lek-türe nicht eben schätzen, sind gehalten, danach zu fragen, welche Sprache der Rede über Kultur ange-messen ist. Schließlich geht es darum, den ima-ginative Überschuss der Literatur innerhalb der Rede darüber abzubilden. Einem vergleicharen Ansatz hat im deutschsprachigen Raum bereits Gerhard von Graevenitz vorgearbeitet, wenn er davon ausgeht, dass kulturwissenschaftliche Analysen auf den Ergebnissen der Dekonstruktion und deren Einsicht in die paradoxen Effekte von stringenten grands récits aufbauen sollten. Hartman plädiert für eine dem Diskurs angemessene Sprache mit „progressiven Begriffen”, die ihrer Herkunft aus dem “Schweigen” verbunden bleiben.

 

Innerhalb der Debatte um die kulturwissenschaftli-chen Erweiterungen der Literaturwissenschaft stört ihn insbesondere der Wegfall der Kategorie der Natur, und eine damit verbundene ökologische Perspektive der Ästhetik. Hinzutritt ein begriffli-ches Problem: Wenn alles Kultur ist oder potentiell sein kann, dann ist dieses Alles unter begrifflichen Aspekten betrachtet natürlich nichts, weil der Begriff über keine Definitionskraft mehr verfügt. Unter den Stichworten “Kultur” und “Kulturen” (gemeint sind die traditionelle Auffassung von Kultur und Multikulturalismus, die Übersetzung stiftet in diesem Fall mehr Verwirrung als Klarheit) skizziert er schließlich zwei Ansätze, denen er gerade aufgrund der Missachtung von Natur unterschiedliche paradoxe Effekte aufzeigt. Hart-man gibt das historische Profil seiner Kritik in der Gegenüberstellung zweier Ansätze: einer lokal verwurzelten Ansicht über Kultur (Georgik) und einer moderneren Variante, der “Kultur der Einbe-ziehung”. Die Tradition der Georgik baut auf der Idee der Versöhnung von Mensch und Natur auf. Ihr paradoxer Effekt ist es, zu einem ”aggressiven Separatismus und Imperialismus” zu führen, deren Auswirkungen in der Moderne beispielsweise die Form einer Nationalkultur angenommen haben, deren radikalste Ausprägung im Rassenwahn des III. Reiches zu finden ist. Andererseits stolpert auch eine ”Kultur der Einbeziehung” in repressive Muster hinein, da die gegenwärtig praktizierten Formen der Einbeziehung auf monetärem und technischem Druck beruhen.

 

Aufschlussreich für die kritische Haltung Hartmans gegenüber den cultural studies ist die starke Betonung politischer, sozialer und moralischer Aspekte, mit der er  auf die Diskussion der Ethik in den 90er Jahre zu reagieren scheint. An-knüpfungspunkte sind für ihn Levinás und die Frankfurter Schule Adornoscher Prägung (Habermas wird erwähnt, aber kaum detailliert einbezogen). Die Gefahren der ”Kultur” beschreibt Hartman mit Adorno, allerdings nicht ohne ihn wegen seines Hochkulturbegriffs zu kritisieren.

 

Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma paradoxaler Effekte skizziert Hartman im fünften Kapitel des Buches. Er knüpft an Schillers ästhetischen Erziehung an. Das Motiv des ”beschädigten Lebens” und der der ästhetischen Moderne unterstellte Wunsch nach ”Ganzheit” legt schon begrifflich nahe, auf Schillers ”ästhetische Erziehung” einzugehen, weil hier der Bruch zwischen naiver (ganzheitlicher) und sentimentali-scher Haltung (der Weberschen Entzauberung der Welt) aufscheint. “Ästhetische Erziehung” soll die Freiheit auch von der Kultur aufnehmen können und eine Einbeziehung des Differenten leisten: “Kunst [...] ist unverzichtbar für ein gewisses Maß an Freiheit von inneren und äußeren Zwängen. Das ästhetische Empfinden ist nicht nur Voraussetzung für diese Freiheit, sondern bringt uns auch in den Kontakt mit der physischen Welt, einer Welt also, die wir nicht gemacht haben, die verlockend sinnlich ist, zugleich aber auch wissenschaftlichen Analysen offensteht”. Die Zielrichtung dieser Argumentation liegt in einer Abrüstung von Identitätskonzepten hin zu einem kontemplativeren Leben, das das Denken des Dinge (genitivus subjectivus und objectivus) leisten soll. Hartman verarbeitet bei dieser Öffnung für die stumme Sprache der Natur u.a. Benjamin und Adornos Überlegungen zu Formen des Nichtidentischen.

 

Der Literatur kommen in diesem Zusammenhang zwei Aufgaben zu: einerseits kann sie Imagina-tionen von Ganzheit modulieren (immer voraus-gesetzt, sie sucht nicht nach letzten Antworten, sondern akzeptiert die Offenheit der Lage – Hartman verwendet einen stark eingeschränkten Literaturbegriff), andererseits kann sie durch den imaginativen Überschuss, den sie produziert, die Suche voranbringen. Insbesondere die englischen Autoren der Romantik dienen Hartman als Modelle für eine gelungene Reaktion auf den Mangel an Sein.

 

Hartman zieht in dem Buch einige der wichtigen Forschungsschwerpunkte seines Lebens zusammen. Literaturtheorie und literary criticism, den genius loci, Autoren der englischen Romantik (insbeson-dere Wordsworth). Allein schon aus diesem Grund und der vielen in der Besprechung unerwähnt gebliebenen Namen und Stichworte hätte das Buch ein Personen- und Sachverzeichnis verdient. Man hätte das Buch von hier aus leichter als Vermittlung einiger der wichtigen Themen und Thesen wieder-lesen können. Man kann es aber auch als eine Momentaufnahme begreifen: Es hält aus der Sicht der Literaturwissenschaft den Sprung der Geistes-wissenschaften zu den Kulturwissenschaften über dem Abgrund zunehmender Spezialisierung und den Unterschieden zwischen den Kulturen fest. Der Euphorie des Sprungs begegnet Hartman mit der Aufforderung in die historisch vorfindlichen Klüfte zu blicken. Dies geschieht nicht in destruktiver Absicht, sondern aus Prinzip: Er fordert dazu auf, die Offenheit der Diskussion und die Vielheit der Positionen zu bedenken. Seine erste Prämisse kann man Levinás‘ Ethik entnehmen, deren Ansatz sich laut Levinás in einem einzigen Höflichkeitssatz zusammenfassen lässt: ”Après vous.” Nach Ihnen.

 

 

Geoffrey Hartman:

Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000. 297 S., 48,- DM. ISBN 3-518-41145-4


Georg SCHERG:

 

VOM UNERTRÄGLICHEN UND SEINER ZEIT: Über Traian Pop Traian und seine Art, Gedichte zu schreiben


"Alles hat seine Zeit", sagt der Prediger Salomo. Wenn aber der Tag der Nacht gleich gesetzt ist, wie es die Klausenbürger Studenten der Nachkriegszeit aus dem Kreis um ihre Zeitschrift "Echinox" (= Äquinoktium) taten, herrscht bestenfalls Zwielicht. Ob nun, wenn schon beschworene Dämmerung herrscht, Abend oder Morgen erwartet wird, Eiszeit oder Tauwetter, ist dies aufs Ganze gesehen den zahlreichen Debüts dieser Nachkriegsjugend bis zum Ende des Saeculums oft nicht abzulesen. Auch wenn sie sich vermeintlich "progressistish" gilt. In Wirklichkeit ist sie ungebärdig. Traian Pop aus dem Kreis Temeschwar aber gibt ohne Vorbehalt als "Rebell" der achtziger Jahre, als Zorniger, wenn nicht als Rädelsführer unter den rumänischen Poeten im zunehmenden Wiederstand gegen die Diktatur.
Für den Landeskundigen ist es schon fast ein Gemeinplatz, dies noch zu erwähnen. Diesen Widerstand geleistet zu haben, gilt auch nicht als Verdienst. Äußerstenfalls legitimiert er den Autor als integren Charakter, welche Schwächen er sonst auch haben mag. Mit anderen Worten: Bei einer Prüfung seines bisherigen Werkes als Leistung geht es nicht so sehr um das Was wie um das (poethologische) Wie, um die Unverwechselbarkeit dieser Stimme. Denn wenn auch manche Wörter aus dem Sprachschatz auf Befehl von oben gestrichen waren, durfte nach demselben Befehl in den Jahren der Unterdrückung, der Gängelung oder wie man die Bevormundung heute auch nennen mag, alles gesagt werden: Gerade damit brüstete sich die Zensur (die es angeblich gar nicht geben sollte).
Aber es kam auf das Wie an. Darüber war man als schöpferischer Mensch verständigt, ohne davon sprechen zu müssen. Ein Augenzwinkern genügte, und nur Schwätzer verloren darüber noch Worte... wenn sie nicht gar Zuträger waren und den "Behörden" gegenüber den Mund aufrissen. Freilich nicht nur, um sich wichtig zu machen. Jeder Umgang mit Menschen besteht auf etwas wie einem Gesellschaftsvertrag. Und der wiederum auf einem ungeschriebenen beiderseitigen Einverständnis. Auch alle Kunst gründet sich auf etwas wie eine solche Übereinkunft. Wer als Schreibender zur Feder greift, geht seinen Lesern gegenüber stillschweigend davon aus und hofft auf das wechselseitige Einverständnis – auch seiner Rezen-senten. Selbst ein Verriß stützt sich darauf, wenn auch nur ex negativo. Denn von der – sagen wir: landläufigen, wenn nicht gar objektiven Erwartung dessen, was ein (Sprach-) Kunstwerk sein soll, kann die Vorstellung des einzelnen aus vielen Gründen abweichen. Solche Gründe liegen dann freilich meist im Bereich des Subjektiven – unerheblich, ob sie dann Vernunft, Geschmack, Unvertrautheit, mehr-weniger boshafte Mißgunst, ja vielleicht denunziatorische Rachsucht heißen und mit opportunisch-tendenziösen Unterstellungen arbeiten.Dieser Gefahr ist in einer Diktatur jeder ausgesetzt. Auch wenn er nur unter vier Augen und hinter vorgehaltener Hand einen Witz erzählt. Um wie viel mehr also ein geschriebenes Werk. Und wie nun schreiben davon, "wes das Herz voll ist": von jederlei Bedrängnis, angesichts von Argwohn und Gefährdung durch jedes Wort, wenn es mangels gutgesinnter Ufereinkunft so und so oder so verstanden werden kann... unterm Anschein von Loyalität gar verstanden werden soll!? Wie schreiben wenn einer Dichter ist und sich im Wort mitteilt, das mit Vernunft allein erschöpft und nicht irgendwelchen rationalen Zwecken dienstbar gemacht werden soll? Denn seit es Dichter gibt, sind sie sich im tiefsten doch darin einig: "Gesang vor Rede, / Dichtung vor Prosa, / Flöte vor Pfeife, / Leier vor Bogen" (William Golding). Mit dem Recht der Jugend, meinte man nicht nur zu wissen, nein, wusste sehr genau, was Dichtung, was insbesondere ein Gedicht ist. Mit demselben Recht hatte man auch alles Alte über Bord geworfen. Das heißt, alles, was einengte, war alt. Die Staatsgewalt vielleicht ausgenommen. Denn so genau unterschied man wiederum nicht zwischen Inhalt, Absicht und Form, wenn – ja, wenn! – man durfte. Und das hatte ja auch seine Folgen: Man spaltete sich selbst, in Vorbeter und Nachbeter. Oder, um es mit Goethe zu sagen: "Die Kunst gibt sich selber die Gesetze und gebietet der Zeit. Der Dilettantismus folgt der Neigung der Zeit." Mit heutigen Worten für die heutigen formuliert: " ...Das Wort ist Samen. Frücht. Und Blüte... Die Grenze der Beschreibung. Ich proklamiere. Das Reich der Metapher. Allein die Poesie ermöglicht noch Kommunikation... " (Carmen Francesca Banciu, "Ein Land voller Helden", 135). Pech hatte, wer auf Grund manipulierter Interpretation beim sauren Bier ertappt wurde. Wer jedoch ungeschoren blieb, übte nicht gleich den Aufstand, hielt sich bedeckt, sowohl gegen Schwächere als auch gegen ohnehin Verdächtige. Weil man sich selbst aber auch verdächtig war, überspielte man das mit mehr oder weniger Frechheit der Aussage in Form oder Formlosigkeit. Davon gabs ja von allen Seiten genug, genug auch davon zu sagen nach vorbehaltlosem Zuspruch von seinesgleichen, der schon als Solidarität selbst über die Stränge haut. Was Form, was (Vers-) Maß, was Zurückhaltung, ja Haltung! Solches Vielerlei allein war schon Fessel – und die sollte man sich selbst anlegen? Fessel schon vom Material tradierter Poetik her – aber noch vieles, vieles mehr, kurzum schlechthin alles. Weil man alles wusste, abgeguckt hatte und zu sagen verstand, so zwar, daß seinesgleichen es auch Anhieb erfaßte, auch wenn es noch so kryptisch war. Das verband, verbrüderte auf der Wellenlänge gleicher Emotion, mehr noch als allein durch die Ratio.
Aber wehe, wenn beide sich verbündeten oder anfeindeten. Und wenn es verbündete, war man allein schon damit im Recht. Altüberlieferte Form, auch wenn sie noch so bewährt war? Wenn das Herz voll war und zornig – weil es sich hatte spalten müssen? Oder umgekehrt: Wenn es sich spalten mußte, weil es voll Zorn war (und in Gefahr, sich zu verraten)? Aber wohlgemerkt: Revoluzzer waren sie nicht. Dazu gab es zu viele gebrannte Kinder – zu denen sie noch kaum gehörten. Sie waren bloß gewarnt. Kurz: Die Unerträglichkeit der Bevormundung ertragen zu müssen, der Verdächtigung, Verfolgung, Unterdrückung, Gefangenschaft, Kerker jeder Art, Hunger und Durst, Zwangsaufhalt, Berufsverbot – das waren Leiden einer Jugend, die sich unterwarf, ohne sich zu unterwerfen... – Verstehe das, wer kann.

Unter Anschein der Gefügigkeit fand sie zum Ausgleich in einer so langwierigen wie ambivalen-term Dämmerung, die, als Zustand nicht von ungefähr oft beim Namen genant, den Götzen den Untergang, dem ausharrenden Geist aber Befreiung bringen und zu seinem unverfälschten Ausdruck verhelfen sollte. Unter dem Gewicht des Über-drucks schmolzen freilich die festen Formen dahin. Dämmerung verwischt alle Maße und Grenzen. Schon um die Zeit des ersten Weltkrieges wußte einer aus der Generation der Expressionisten zu sagen: "... allem Elementarwesen liegt die sehn-süchtige Todesfurcht vor Maß und Ordnung zugrunde, wie sie auch der Wohllaut verkörpert" (Franz Werfel). Auch wenn man sich des Vorteils begibt, der im unbegrenzten Reichtum der Formen liegt: Man übersieht, daß eben die Form – wenn schon durchbrochen – so doch unendlich modellier-bar, variierbar (musikalisch gesprochen "figurier-bar") ist und unerschöpflich neue Ausdrucks-möglichkeiten bietet. Dadurch wächst die Gefahr, daß die Aussage oder Botschaft einer Eintönigkeit erliegt, die besonders bei längeren Expektorationen an Integrität, an Intensität, an Sprengkraft verliert.

Mag dann die Textualität dank (scheinbar) noch soviel Unordnung oder Gedankensprüngen – die nicht ganz leicht nachzuvollziehen sind-, dank (scheinbar) noch so willkürlich abgebrochener Zei-len (Versen?) und des stilistischen Enjambements (das aber nicht metrisch ist!) – mag diese Textualität also noch so vieldeutige, meist satirische Aussagen enthalten, auch wenn sie vielleicht dank graphischer Anordnung mehr auf optische als auf auditive Wirkung aus ist! Ob eine an sich schon provokatori-sche Absicht das in einem Sprachkunstwerk nötig hat, mag dahingestellt bleiben. Es ist ohnehin genug Bemerkenswertes da, ob aphoristisch, ob meta-phorisch, lyrisch oder meditativ. Vieles klingt rein diskursiv polemisch, und zwar so sehr, daß es wie Prosa wirkt. Aber auch wie Dichtung? Denn ein Vers ist aller Freiheit zum Trotz ein metrisches Gebilde. Was zwingt uns, Verse zu hören, während das Auge durch versähnliche Zeilenordnung ge-täuscht wird und die Substanz alles andere ist als das, was die Poetik "freie Rhythmen" nennt, weil das Maß immer noch durchschwimmern muß. Denn: Diese Generation meint, den poetischen Rhythmus entehren zu dürfen (zu können?), der ohnehin längst "ausgewandert" ist. Und zwar in ein Bereich, das ihn allein in Beschlag genommen und sozusagen verab-solutiert hat, auch auf Kosten wirklicher Musik: der Tyranney des Schlagzeugs, ihn also den ge-nießerischen Sinnen, statt dem schöpferischen Geist untertan macht. (Um nicht vom dionysischer und apollinischer Kunst zu sprechen.)

Ist aber musikalischer Rhythmus gleich dem poetischen? Dieser vielleicht auch "Wohlklang" = Euphonie zu nennende Rhythmus ergeht sich auf diesen Blättern auf der Ebene einer Imago, die ein Hörbild genannt werden dürfte. Es ist nicht zu leugnen, daß aufs Ganze gesehen in der ab und zu hymnisch anmutenden Diktion die Bitterkeit von Jeremia den ihren Ausdruck sucht, der nach biblisch-alttestamentarischer Gepflogenheit Vers genannt wird – obgleich in dieser Sprache von keinem Metrum die Rede sein kann, wohl aber von lyrischer Prosa. Freilich unterscheidet sie sich durch ein wesentliches Element etwa von den Sprüchen Salomonis u.a. Das ist die Ironie, die auch sich selbst und das eigene Ich nicht verschont.

Im allgemeinen gewinnen wir den Eindruck von rezitativischer Sprache: eines Parlando, das auch von weitem an kein Metrum gemahnt, ganz gleich welchen Inhalt sie mitteilt:


"...also beginne ich denn zugleich zu leugnen
und einzuräumen
was manche nicht gesagt
was manche nicht getan
die Regeln
die Abweichungen von der Regel
werden sich mir gefügig und verschwiegen erweisen
ich werde nur zu wählen haben... "

 (Liebesnacht)


    
Dies ist der Springende Punkt und hier wird er beim Namen gennant: "zugleich zu leugnen und einzuräumen", sich "gefügig und verschwiegen" zwische Regeln und Abweichungen ergehen – also zwischen Gebot und Verbot. Das heißt: Alles zu sagen auch das Unerträgliche, das von Machthabern Verbotene, es aber so zu sagen, daß es ist, als ob nichts ("Böses") und doch mehr, als was da geschrieben steht, gesagt wird – nämlich die verbotene Warheit. Soweit und soviel, vas die Botschaft betrifft. Freilich ist diese Botschaft durch die Form, in der sie übermittelt wird, vermfremdet. Man könnte sagen: Der Leser werde dank der Formalen Schlitzohrigkeit der Aussage hinters Licht geführt. Und doch ist gerade diese Form längst legitim und dem verständigen Kenner vertraut. Zweihundert Jahre nach Jean Paul – Friedrich Richter, dem deutschem Dichter zwischen Emp-findsamkeit und Romantik, fuhlen wir uns an den von ihm "Streckvers" = Polymeter erinnert: Sein "elastischer Poet" Walt, eine der Hauptgestalten des Romans "Flegeljahre" (1804) erfindet die und ge-fällt sich in dieser Form stark rhythmisierter Prosa, der aber ein eigentlicher Verscharakter, das gleich-bleibende Metrum fehlt. Unsere schnellebige Zeit bedient sich noch "expressiverer" stilistischer Mittel. Dazu gehören Aufzählungen im Telegrammstil, elliptische Sätze ohne Prädikat, drei- bis vierfach überdrehnte Zeilen (die der "Streckvers" auch schon vorwegnimmt), Interpunktionslosigkeit, Defini-tionen, Metaphern der Materialität statt Musikalität, Neologismen und anderes:



"...Bedeutungen haben längst keine Deckung

außer dem Wunsch vielleicht
dem widerspenstigen
sie aufzuzählen..."

"(... Koeffizienten von Solidarität
mit der Arbeit der Sternputzer – der Anblick

etwa einer Abenddämmerung -
das ist ein Schwert mit zwei Schneiden

die auf Drängen des einsamen Schwimmers

geschliffen wurden)
die Bestandsaufnahme
der Phrasen ist dieselbe nur
der zerbrochene Buchstabe blinkt
über der staunenden Regenbogenhaut des Wortes

(Sein oder Nichtsein auf dem Gipfel
dieser Vergeblichkeit vergleichbar dem Ozean

der erschauert wenn du beim Durchwühlen

seiner Eingeweide um Hilfe schreist

ob du auch weißt dass keiner dich hört)

 

                                            (Abgang von der Bühne)

 

Ähnlich die Conclusio oder das Fazit nach einer Folge von an sich unsentimentalen Betrachtungen über das eigene Verhalten unter bestimmten Um-ständen:


"... heißt dies
dass er eines richtigen Gefühls nicht fähig ist – gerade er
der noch hofft
in einen einzigen Vers seine ganze Liebe zu fassen"
                                                                      
(Wenn)


    
Da fällt das Stichwort "Gefühl" – und es scheint hier als positive Eigenschaft gewertet, auch wenn es dem Subjekt angeblich abgeht. Darüber hinaus gibt es also den Wunsch (die Absicht?), einen gültigen Vers fertigzubringen – das heißt, nach allen Regeln der Kunst. (Aber welche sind gemeint – wenn es nicht die Abweichung die Regel ist – siehe oben?) Und schon Rilke sagte vor mehr als zwei Men-schenaltern: " ...Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn mas sie früh schreibt... Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen..." (Malte).

Freilich, Erfahrungen hat diese Generation genug. Leider meist einseitige, das haben sie Zeitläufe mit sich gebracht, das Exil eingeschlossen und die Intoleranz hier wie dort: Denn es gab ja nicht nur das antifaschistische Exil, es gab auch den eisernen Vorhang und es gibt den Fanatismus jeglicher Fundamentalismen und Couleur. Obwohl nur wenige wissen oder wissen wollen, was hinter solchen Schranken vorging und vorgeht. Über solche Erfahrungen kann keiner mitreden, der sie nicht gemacht hat, aber meint, sie mißachten oder kleinreden zu dürfen. Denn solche Mißachtung ist selbst wieder Provokation und darf nicht Anlaß zu Ärgernis geben, wenn die poetische Reaktion ihrerseits brüskiert, weil der Sprecher verletzt ist.

So führt sich diese Dichtung in Gefahr, zur polemischen Oratotik zu verflachen oder auch zu "nostalgieren". Dagegen hilft dann das ironisch-jokose, ans Absurde grenzende Ingrediens wie, unter anderen, in der Satire "Ragout in der Steppe". Man möge dem Nachdichter hier die Absicht verzeihend zugutehalten, daß er diesen im Original zum Hexa-meter gravitierenden Versen mit dem Metrum ein Gran Ironie zugesetzt hat, um dem (landfremden) Leser durch den Gegensatz zwischen fester Form und Burleske in der Persiflage des gesetzlosen Geschehens die Absurdität auch der Lage zu suggerieren. Diese Lage zwang die Ent-rechteten in der Deportation zur Selbstbewährung, auch wenn einer sich gegebenenfalls mit dem Teufel verbrüdern mußte. Es ist bei genauem Hinsehen eine Parodie auf das biblische "Hier laßt uns Hütten baun" (Matthäus 14,4).

So ist etwa Europa – späterstens seit dem Kosowo-Krieg – um ein Rätsel reicher. Dies Rätsel lautet: Was geschieht auf dem Balkan? Oder genauer: Was ist der Balkan? Wer es nicht versteht, die Zeichnen zu deuten, wird dies Rätsel nie lösen. Das heißt, ein Landfremder darf nicht seine Maße anlegen. Das heißt: Schon in der Wirklichkeit sind die Zeichnen anders zu setzen als in der Vor-stellung. Um den Eindeutigkeit willen gebraucht die Schrift – wenn es darauf ankommt – Satzzeichen. Wenn abewr solche Satzzeichen fast durchwegs fehlen? Heißt das dann nicht, daß ein Text zwar so oder so, aber auch so und so gelesen werden kann (soll) – daß (weil) nichts nur das ist, wofür es sich gibt. Was etwa sind Schweine, die "der Zucht am Rande amtlicher Aufsicht enstammen"? Was sind Händler mit "mehr oder weniger ersichtlicher Herkunft"? Wo sind sie versammelt? Steht nicht auc ein Statist oder ein Requisit für etwas anderes? Kurz gesagt (und nicht nur im Bilde): Es war "wie im Krieg, es blühte ein echt paralleler Handel, versicherten glaubhaft die Alten. Wer hätt wiedersprochen?" Wer ist Käufer, wer Verkäufer, was echtes Geld? Wer läßt schlachten, wer ist Schlächter, wer die Staatsgewalt? Wer ist die Verschleppte, wer sind Treiber, wer Vertriebene, wenn alles austauschbar ist wie Täter und opfer und das Mißtrauen umgeht? (Ragout in der Steppe).

So widerspricht simple kausale Logik unter diesen Umständen der nackten Wirklihkeit und umgekehrt. Das die Kunst sich das zunutze macht, ist nicht nur ihr gutes Recht, selbst wenn es ihr nicht dann geht – um mit Paul Klee zu sprechen -, Sichtbares darzustellen, sondern unsichtbares sichtbar zu machen. Es ist vilmehr unumgänglich,, die "mutatio rerum" beim Wort zu nehmen, die Unordnung der Welt nach Gesetzen einer höheren Ordnung quasi dingfest zu machen und Ereignis werden zu lassen. Dahin geht die Bemühung von Traian Pop Traian und das ist seine erstaunliche dichterische leistung. Nur muß der Leser ihm die Bereitschaft entgegen-bringen und diesen Weg mit ihm zurücklegen. Er muß die gewohnten Vorstellungen, seine Erwartun-gen – sich selbst – ändern, einsehen, das die Welt sich bis zur Unkenntlichkeit geändert hat, die Welt – oder was? Daß seine vermeintlich unantastbaren Begriffe von regeln und Kunst falsch sind wie die von Wirklichkeit und Wahrheit. Denn, um mit Brecht zu reden: "die Verhältnisse, die sind nicht so". Und die Verhältnisse, in denen nichts mehr zu einander, weder zu sich selbst noch zum gegenteil stimmt, sind als A und O jeglicher Einsicht und wahrhaftigen Aussage: erst Recht, wenn sie poetisch ist und nicht ein X für ein U ausgibt. Da ist dann eine Katze etwa keine Katze, so wenig wie der Mond noch Mond, und es treten Beziehungen zwischen den Dingen auf, werden wirksam, und wir begreifen, daß die Welt auch von der uns abgewandeten Seite gesehen werden kann (muß) und dann erst rund ist, nach der grundeinfachen, mindestens zweihundert Jahre alten Feststellung von Matthias Claudius: "So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost belachen, / weil unsere Augen sie nicht sehen".

So ist es denn sehr die Frage, wie in einer absurden Welt, die als vermeintlich " beste aller möglichen Welten" schon von Voltaires "Candide" ad absurdum geführt wurde. Wenn es nach Ion Caraion schon unmöglich ist, die Gattung Gedicht erschöpfend zu definieren! In einem unverwechsel-baren Gebilde von besturzender Ironie suggeriert Traian Pop Traian die "Moglichkeit" des Gedichts und – über die bloße Möglichkeit als Gedicht hinaus – die Notwendigkeit seiner Vollendung in der Idee. Schon in den Gefängnissen und Zwangslagern des "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" ging das Wort eines Wörtes um, das die Häftlinge dann mit grausieger Ironie zur Ermunterung einander zureifen: "Las die Logik, Kumpel, die hat hier nichts zu suchen." Anderes gesagt – oder etwa im Bilde eines Schmierenkomödianten zur Frage erhoben: Wie und "auf welche Art [ist] ein Tablett richtig zu tragen"? Wird dem Regisseur der Versuch je gelingen, die Dinge ins rechte Lot zu bringen, ohne sie noch mehr zu verwieren? Wer ist überhaupt dieser "Regiseur"? Wenn selbst der Stückschreiber ("unaufmerksam, wie er ist") solche Kerle sich hat einschleichen lassen, ehe sie auch nur gelernt hätten, "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen", aber sonst jederlei Unfug stiften! – diese tregikomische Szene steht als Metapher für die Groteske des gelibten und "erfahrenen" teatrum mundi , mit Scherz, Satire, Ironie und tiefer Bedeutung. So sind diese "Texte" eigentlich gegen den Strich zu lesen. Ihre scheinbare Formlosigkeit suggeriert für den, der Augen hat, hinter die Dinge zu schauen, und Ohren, tiefer hineinzuhören, bei aller Ungebärdigkeit die Unverletzlichkeit der poetischen Idee (wenn man bereit ist, auch im platonischen Sinn). Wie alle Kunst unserer Zeit bedingt sie Einverständnis mit der (stillschweigenden) Übereinkunft, daß das Schöne, außer gut und wahr, auch das Versprechen von etwas Höherem sein muß. Dieses Höhere müssen wir beim Lesen in uns finden. Bereitschaft ist der Schlüssel, Umstände der Entstehung sind Akzi-dentien, Begegnung kann zu Erfüllung werden – wenns hochkommt zu Selbstfindung: Offenbarung eines Geheimnisses, hinter denn noch mehr Geheimnisse, auch hinter möglichen Fratzen, auf unsere Entdeckung warten. Als Bemühung eines schöpferischen Geistes gegen alle saekulare Zer-störung. Dieser Geist muß aufbegehren und sich aller (sprachlichen) Mittel bedienen, auch wenn sie in gewissem Sinn immer einem Konformismus des Nonkonformismus Ausdruck geben. Sprache an sich ist ein Konformismus, und doch wird ein unverdorbener Kopf sie in unverkennbarer eigener Weise mehr oder weniger konform gebrauchen. Aber wenn er ein Dichter ist und auch nur von altbekannten Dingen spricht, wird es sein, als ob sie noch nie gesagt worden wären, und wir lernen durch ihn sie neu sehen. Freilich – hat das auch seine Zeit.


September 2000

 

 

   Lesenswert:

 

Banciu, Carmen-Francesca: Ein Land voller Helden, Roman, Ullstein, ISBN 3-89834-003-1, Berlin 2000;

 

Heinze de Lorenzo, Ursula: Spanische Wand, Gedichte, Ostwind-Verlag, ISBN 3-928611-08-9, Gernsheim 2000;

 

Mehrtens, Berndt: Bis ins Unaussprächli-che, Gedichte und lyrische Experimente, ISBN 3-00-003924-4, Bremen 1999;

 

Wieninger, Manfred: Falsches Spiel mit Marek Miert, Roman, rororo, 22893-9, 2001;

 


Lorenz Knauer:

 

Ich würde gerne noch einen Film in Rumänien drehen

 

-         ein Gespräch mit Radu Barbulescu –

 

 

Radu Bărbulescu: Sehr geehrter Herr Knauer, wir möchten zuerst von Ihnen einige biographischen Daten erfahren.

 

Lorenz Knauer: Ich bin 1953 in München gebo-ren, auch wenn ich kein „waschechter“ Münchner bin – meine Mutter ist halb-Österreicherin und mein Vater ist Hamburger. Aufgewachsen bin ich in England, in den Vereinigten Staaten und in West-berlin, noch zu Zeiten der Mauer. 1973 habe ich mein Abitur gemacht, und bin von Berlin weg, weil ich raus wollte aus dieser eingeschlossenen Stadt, weil ich schon immer ein reiselustiger Mensch war und in Westberlin zu leben war einfach furchtbar, es bedeutete immer eingeschlossen zu sein. Wenn man nicht sehr viel Geld hatte kam man nicht raus, außer zwei-drei Mal im Jahr. 1973 sind meine Eltern nach Amerika ausgewandert, ganz ausgewandert und ich bin nach München gekommen, bin eigentlich immer wieder nach München als Ausgangspunkt zurück ge-kommen, aber dann zwischendurch jahrelang in Frankreich gewesen, in Italien gewesen, ich habe dort gearbeitet und studiert. Ab 1980 habe ich angefangen, Dokumentarfilme zu machen.

 

Radu Bărbulescu: Haben diese Kindheit und Jugend, die sich im verschiedenen Orten abgespielt hat, eine Bedeutung gehabt als Sie sich entschieden haben, Dokumentarfilme zu machen?

 

Lorenz Knauer: Indirekt würde ich sagen „Ja“. Bewusst nicht, eher unterbewusst, weil ich auf dreizehn Schulen gegangen bin, dreizehn unter-schiedlichen Schulen in dreizehn unterschiedlichen Schuljahren. Nicht weil ich so oft aus der Schule geflogen bin! - sondern weil wir tatsächlich immer wieder ausgezogen sind, wir sind oft nur ein Jahr hier, ein Jahr da, ein Jahr woanders gewesen. Und das war einerseits sehr schwer, weil es schwer war irgendwie Fuß zu fassen und ich immer wieder von vorne an-fangen musste, auf der anderen Seite hat das alles einen großen Vorteil gehabt, weil ich ge-zwungen war mich immer wieder neu auf die Men-schen einzustellen, auf die neue Stadt, auf die neue Umgebung, auf neue Sitten, auf neue Sprachen, und, ich muß ehrlich sagen, im Rückblick bin ich sogar sehr dankbar dafür, weil es mir eine Flexibilität aufgezwungen hat, die man im Dokumentarfilm, wenn man gut sein will, einfach braucht. Nicht nur im Dokumentarfilm, ich glaube, die braucht man im Leben, ganz generell... Unbewusst hat bestimmt einen Einfluß gehabt, weil ich immer an Menschen interessiert war. Obwohl ich auch eine starke handwerkliche Begabung habe! Nach dem Abitur wollte ich Schreiner werden, aber mein Vater, der Professor war, meinte dass ich wichtige Dinge in der Welt vollbringen musste, und hat mir verboten Schreiner zu werden  und mich gezwungen Jura zu studieren, was ich überhaupt nicht wollte. Dann habe ich erst vier Semester Jura studiert, bis ich gemerkt habe dass es für mich ungefähr so sinnvoll war wie Nuklearphysik. Weil ich keinerlei Bezug dazu hatte. Und danach habe ich aus reinem Spaß angefangen, Romanistik zu studieren. Es war gleichzeitig eine gewisse Herausforderung, weil ich gezwungen war, innerhalb kürzester Zeit Französisch und Italienisch auf Universitätsniveau zu lernen und ich hatte weder das eine, noch das Andere in der Schule gehabt. Ich musste innerhalb von zwölf Monaten beide Sprachen mehr oder weniger perfekt lernen und die Auf-nahmeprüfung für die Universität bestehen. Es war mehr eine Art von sportlicher Herausforderung, nicht weil ich Literatur studieren wollte, weil ich Lehrer oder – um Gottes Willen! – ein Universitätsmensch, was noch schlimmer wäre, werden wollte.

 

Radu Bărbulescu: Haben Sie etwas gegen Universitätsleute?!

 

Lorenz Knauer: Nein, ganz und gar nicht! Ich habe gar nichts gegen sie, nur dass ich, als Einzel-kind eines Universitätsprofessors, so überfüttert mit derer einseitiger Leistungsbegriff bin, Leistungsbild und Wertebegriff für das, was wertvoll im Leben ist oder nicht, der mich heute noch, muß ich ehrlich sagen, mit Abscheu erfüllt. Weil er eine Art Men-schenverachtung in sich birgt. Also, in dieser Welt in der ich aufgewachsen bin zählte nur der Intellekt, da zählte nur die Wissenschaft als Selbstzweck, da zählte nur der wissenschaftliche Elfenbeinturm. Menschliches, ja, Menschen, Herzlichkeit, einfache Menschen waren fast wie – ich scheue mich als Deutsche das Wort in Mund zu nehmen – fast wie Untermenschen, so wurden sie behandelt. Das war dieses großbürgerliche, elitäre Denken, das hat mich, auf Deutsch gesagt, angekotzt und kotzt mich heute noch an und deswegen reagiere ich etwas heftig. Ich habe gegen Universitätsintellektuelle über-haupt nichts, ich bin nur selbst keiner! Wissen Sie, für mich besteht die Welt nicht nur aus einer Schie-ne. Wen Sie den Münchner Hauptbahnhof von oben anschauen, sehen Sie, da ist nicht nur ein Gleis, sondern es gibt hunderte von Gleisen. Und so ist  die Welt für mich. Und das Gleis auf dem ich groß-geworden bin war eben, meiner Ansicht nach, ein totes Gleis.

 

Radu Bărbulescu: Dann sind Sie, nach dem Sie das Romanistikstudium beendet haben, auf den Dokumentarfilm gekommen?

 

Lorenz Knauer: Am Ende des Romanistikstudi-ums?! Zum Entsetzen meiner Familie – ich war sogar in der Hochbegabtenförderung der Studiumstiftung des Deutschen Volkes, ich war richtig gut, ich hatte alle Scheine gehabt, ich war eigentlich fertig, es fehlte nur noch das Diplom – habe ich kurz vor dem Diplom alles hingeworfen und habe nochmals von vorne angefangen, weil ich gewusst habe: Ich will Filme machen! Und ich will keinen Tag länger Zeit verlieren, dafür dass ich für meinen Professor irgendwelche obskure Gedichte aus der Bibliothek rausfische, damit er sie in einer Arbeit verwenden kann! Ich habe alles hingeschmissen und von vorne angefangen und ich habe das Filmemachen von der Pike auf gelernt. Das heißt, ich habe als Aufnahme-mann angefangen, und als Produktionsleiter gear-beitet und habe Ton und Regie- und Kamera-assistenz und schließlich Regie gelernt.

 

Radu Bărbulescu: Wo haben Sie das alles ge-lernt? In München?

 

Lorenz Knauer: Ja, in München. Ich habe da-mals hier studiert, ich war gerade in München und ich habe mich irgendwann beim Bayerischen Rundfunk für Volontariat beworben und obwohl ich keines der Kriterien erfüllte, die sie eigentlich wollten, haben sie mich mit ein paar anderen aus sechs-hundert Bewerbern ausgewählt und das war also mein Start beim Bayerischen Rundfunk. Dann habe ich die ersten sieben Jahre ausschließlich Kurzfilme gemacht. Ich wusste immer, von dem Tag an wo mir das große Licht aufgegangen ist, dass ich große Dokumentarfilme machen will, aber bis dahin war es ein weiter Weg. Und ich habe jahrelang für die Abendschau, für den Bayernreport, Zeitspiegel, Europa nebenan, gearbeitet, was ein sehr, sehr gutes Training war, weil Kurzfilme zu tun schwieriger ist als lange Filme zu drehen.

Was ich noch dazu sagen möchte ist, dass ich heute noch denke, und froh bin, dass ich Litera-turwissenschaft studiert habe. Das war ein ganz tolles Training für den Beruf des Dokumentarfilmers. Weil mich zum Beispiel der Strukturalismus in-teressiert hat, die Strukturalitätsanalyse, wo wir manchmal völlig abstrakte Texte bekamen und manchmal unter Zeitdruck analysieren mussten und versuchten dahinter zu kommen, was sich der Autor dabei gedacht hat. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht und es hilft mir heute noch. Wenn ich irgendein Thema kriege, ganz egal was -  ich mußte z. B. vor paar Jahren für den ZDF einem Film über katholische Pristerinnen in den USA drehen, wo ich eine so kritische Einstellung gegenüber der Katholi-sche Kirche habe! – hilft mir dieses Handwerkszeug unheimlich viel. In dem Sinne ist aufällig wie dieses Literaturstudium und die Auseinandersetzung mit der Literatur mir in meinem beruflichen Alltag als Filme-macher von Nutzen ist.

 

Radu Bărbulescu: Anfang des Jahres  wurde vom Bayerischen Rundfunk eine Dokumentarserie über die Donau ausgestrahlt. Sie haben zwei Fluß-abschnitte gefilmt: die Deutsche Donau bis Passau...

 

Lorenz Knauer: Die Bayerische Donau, von Donauried bis Passau...

 

Radu Bărbulescu: Und dann...

 

Lorenz Knauer: Vom Eisernen Tor, von Turnu Severin bis Galatz...

 

Radu Bărbulescu: Ich verstehe schon, warum Sie den Film über den bayerischen Teil der Donau gemacht haben, Sie haben doch die Vorkenntnisse, aber wie kamen Sie zu der Idee auch den Film über den Donauabschnitt von der Eisernen Tor bis Galatz zu drehen?

 

Lorenz Knauer: Das darf ich eigentlich gar nicht sagen. Aber ich erzähle es Ihnen und sie dürfen es ruhig verwerten, weil es eigentlich erschütternd ist. Ich wurde im September 1989 von dem für die Serie zuständigen Redakteur zu einem Gespräch einge-laden, wo er mir zwei Filme angeboten hat. Der erste war der bayerische Abschnitt, wo er sagte, er wollte mir ihn anbieten, weil er wusste, dass ich eine etwas andere Art von Dokumentarfilm mache, und dass ich vielleicht einem frischeren Blick darüber habe, weil über das Gebiet in den letzten 30 Jahren vom Ba-yerischen Fernsehen schon so oft Dokumentarfilme gemacht wurden, und dann sollte ich eigentlich den jugoslawischen Teil filmen. Dann kam der Krieg dazwischen und eine zeitlang sah es so aus als ob der Teil gar nicht mehr gefilmt wurde. Und jetzt kommt eigentlich das Absurde. Bei dieses Gespräch wurde gesagt: „Es wird eine sechsteilige Serie. Der fünfte Teil endet am Eisernen Tor, und der sechste Film wird über das Delta sein.“ Und da habe ich gesagt: „Ja, aber da fehlen uns 800 Kilometer! Es ist immerhin eine Serie über einen Fluß der fast deri-tausend Kilometer lang ist, da kann man nicht einfach ein Viertel weglassen!“ Und dann sagte der


Redakteur zu mir: „Ja, da wissen wir aber nichts darüber!“ Nach dem Motto: „Wen interessiert das schon!?“ Ich sagte dann: „Aber da machen wir uns lächerlich. Man kann nicht sechs Teile machen und fast ein Drittel einfach weglassen! Dafür recherchiert man doch, man fährt hin, man schaut sich alles an.“ Und ich habe gesagt: „Schau mal, ob wir mehr Geld bekommen können und wir machen auch den siebten Teil!“ Dann habe ich mich dafür eingesetzt, er ging zur Chef, das Geld war da und wir haben den siebten Teil, über Rumänien und Bulgarien gemacht. Darüber bin ich sehr froh, da der jugoslawischen Teil mich von Anfang an nicht so gereizt hat, weil ich zu dem serbo-kroatischen nicht so einen Zugang habe, und da ich Romanistik studiert habe hat mich Ru-mänien immer schon interessiert, und auch Bulga-rien hat mich irgendwie mehr gereizt. Es hat mich auch gereizt weil ich überhaupt nichts über die Länder wusste und weil ich, wie vorhin schon gesagt, als Kind des Kalten Krieges die Gelegenheit toll fand, endlich mal einen eigenen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen, der in meinem Kopf immer noch da war. Jetzt löst er sich allmählich auf, aber bis vor vier-fünf Jahren war er immer noch da.

 

Radu Bărbulescu: Sie haben einige Schwierig-keiten erwähnt, die bei der Entstehung dieser Doku-mentarserie aufgetreten sind: Welche sind eigentlich die Schwierigkeiten, die man in Deutschland heutzu-tage hat, wenn man einen größeres Dokumentarfilm machen will? Wie finanziert man so einen Film? Gibt es öffentliches Geld dafür?

 

Lorenz Knauer: Gibt es auch, bloß ist es so - ich sag’ nur ein Wort - fast wie eine Mafia. An die staatlichen Gelder also, die Filmförderung  für Doku-mentarfilme zu kommen ist extrem schwierig. Man muß die richtigen Leute kennen, man muß auf die richtigen Parties gehen, man muß die richtigen Beziehungen haben... Wissen Sie, ich bin nicht der Mensch der gerne in Kantinen rumsitzt, auf Parties, ich finde, dazu ist das Leben zu kurz. Dadurch ist meine Lauf-bahn bestimmt schwieriger gewesen: ich habe immer versucht, alles aufgrund der Qualität meiner Arbeit zu erreichen. Ich habe auch einen gewissen Stolz, muß ich sagen, dass ich in den zwanzig Jahren die ich jetzt Filme mache, noch nie einen Film abgeliefert habe wo ich das Gefühl gehabt habe, „da kann ich nicht hundert Prozent dahinter stehen“.

Also, um zu der Frage zurückzukommen, es ist sehr schwierig Dokumentarfilme zu machen, und zwar dann wenn man einen Qualitätsanspruch hat, der hoch ist. Und den habe ich. Es ist aus zwei Gründen sehr, sehr schwierig:

Erstens, ist durch die Einführung des Privat-fernsehens in Deutschland, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, auf Deutsch gesagt, weitgehend den Bach runtergegangen. Statt dass es sich auf seine Qualitäten konzentriert und be-sonnen hat, hat es versucht den schlechten  Privatsendern Konkurrenz

    

 

Fischerboote an der rumänischen Ostrov-Insel

 

unter der Gürtellinie zu machen, haben Millionen darin investiert, ist kläglich gescheitert und das Geld, das für den Dokumentarfilm da war, ist immer weniger geworden.

Zweitens, sind die Sendeplätze immer schlechter geworden da die verantwortlichen Programmmacher immer schlechter werden. Die setzen, wenn man früher einen 20.15 Uhr Sendeplatz für eine Doku-mentation hatte, diese auf 21.00 Uhr, dann auf 22.15 Uhr. Und wenn ein Film um 22.15 Uhr anfängt, dann haben Sie automatisch, wenn es unter der Woche ist, einen Publikumsschwund, weil die Leute früh auf-stehen müssen. Dann wird gesagt: „Ja, die Quoten sind so schlecht...“ und mit der Begründung wird der Sendeplatz noch später gelegt, dass heißt, dass eine hochwertige Dokumentation erst nach Mitternacht laufen wird! Und dann hat man eine Quote von nur 0,2 oder 0,3%! Es ist ein Teufelskreis, der eigentlich 1984 in Gang gesetzt worden ist. So erzeugt man die Argumente, die man hören will und hinterher ver-wendet. Und das ist ein Trauerspiel und es gibt leider in Deutschland nur noch sehr, sehr wenige Einzel-personen, Redakteure an verantwortlicher Stelle, wie Beispielsweise Volker Hartmann, vom Bayerischen Rundfunk, der verantwortlich für diese Donaureihe war, oder Karl Strobl, vom Bayerischen Rundfunk, verantwortlich für „Zwischen Spessart und Karwen-del“, die begriffen haben, dass Qualität Geld kostet, was aber vom Zuschauer honoriert wird.

 

Radu Bărbulescu: Wie hoch waren die Quoten bei der Donaureihe?

 

Lorenz Knauer: Die waren durchgehend phan-tastisch. Im Schnitt 5% über den normalen Quoten, die normalerweise um die 14-15% vom Marktanteil sind, also aus alle Sendungen, die gleichzeitig im deutschen Fernsehen laufen. Sie haben also alle Quoten von 18 bis 19,1 % erreicht, egal welche Folge, was davon zeugt, dass das Publikum ein ganz großes Interesse hat, dass die Leute so was sehen wollen.

Es gibt leider in Deutschland sehr wenige Plätze die auch finanziell so ausgestattet sind, dass man diese Qualität auch produzieren kann. Es wird einem Dokumentaristen sehr schwer gemacht, wenn man versucht, davon zu leben, eine Familie zu ernähren und Qualität zu produzieren. Die Honorare für Regi-seure z. B., liegen heute im Schnitt ungefähr dreißig bis teilweise fünfzig Prozent niedriger als vor fünf-zehn Jahren, und um die gleiche Qualität zu produ-zieren, um das gleiche zu verdienen, müsste man theoretisch 30% mehr arbeiten! Man kann es nicht, man kann nicht mehr als drei Filme im Jahr machen. Manche Kollegen machen fünf, sechs, sieben Filme, aber die sehen dementsprechend aus, oder es wird mit dem Preis der Selbstzerstörung gemacht...

Also, Dokumentarfilm in Deutschland zu machen bedeutet, dass man Liebe dazu haben muß, dass man sehr, sehr viel Geduld haben muß und man sehr hohe Ideale haben muß. Und es ist auch mach-bar, ich habe es geschafft, und ich bin stolz darauf, dass ich bei den Redaktionen für die ich seit Jahren arbeite, als Unbequemer gelte, weil ich immer forde-re, fordere, fordere, nicht mehr Geld für mich, weil ich es nicht kriegen würde, sondern Zeit, mehr Zeit um Filme zu machen, oder bestimmtes Gerät, dass man Dokumentarfilm mit Kinomitteln machen kann, das ist etwas was die Zuschauer in den Bann zieht, nicht nur langweilige Bilder über ein interessantes Thema, sondern dass man das mit Spielfilmmitteln umsetzt. Da habe ich in den letzten Jahren einige Erfolge gehabt: nicht umsonst haben meine Filme in den letzten sieben-acht Jahren auf internationale Festi-vals weltweit erste Preise gewonnen, weil sich Qualität einfach auszahlt.

 

Radu Bărbulescu: Sehr geehrter Herr Knauer, ich möchte Sie fragen, was Sie im negativen und positiven Sinn, auf Ihrer Arbeitsreise in Bulgarien und Rumänien am meisten beeindruckt hat?

 

Lorenz Knauer: Was mich am meisten beein-druckt hat? ... Meinen Sie auf menschlicher Ebene oder ...

 

Radu Bărbulescu: Natürlich auf menschlicher Ebene...

 

Lorenz Knauer: Also gut, spontan würde ich sagen: was mich am meisten beeindruckt hat, in beiden Länder, ohne Unterschied, war die unge-heuere Liebenswürdigkeit, Offenheit, geradezu Wär-me, Freundlichkeit, die Bereitschaft uns Auskunft zu geben über die eigenen Zustände, ohne Zynismus, ohne Bitterkeit, ohne Wut, ohne Haß... Menschen die, im Schnitt, was weiß ich, fünfzig Mark im Monat verdient haben...

 

Radu Bărbulescu:  Mich haben, in Ihren Film, die zwei ältere Bulgaren stark beeindruckt...

 

Lorenz Knauer: Meinen Sie das Ehepaar? Ja, ganz tolle Leute! Und das ist uns wieder und wieder und wieder passiert. Aber was mich grundsätzlich sehr, sehr tief beeindruckt hat, war diese Offenheit, Wärme,  Gastfreundschaft  und Freundlichkeit, die in Deutschland leider nicht sehr verbreitet sind. Wir haben immer wie-der im Team darüber gesprochen, wie beeindruckend das ist. Und dazu, die Beschei-denheit der Menschen: wenn man sieht wie in Deutsch-land über alles gejammert wird, daß es hier geradezu eine Kultur des Jammers gibt, und wenn man überlegt,  dass  die Leute dort unten uns Aus-kunft gegeben haben, wenn wir sie gefragt haben, aber sie haben nicht gejammert, sondern ganz klar, sachlich, geantwortet. Sie haben gesagt wie schlecht es geht, aber sie haben dabei ihre Würde behalten. Das hat mich sehr beeindruckt.

 

 

Als Gast in Bulgarien...

 

Was ich weiter sehr positiv fand, etwas was ich überhaupt nicht erwartet habe, war, dass die offiziel-len Stellen, wenn es um die Drehgenehmigungen ging, sehr offen waren. Der Film fängt auf einem Patrouillenboot der rumänischen Grenzpolizei an, welches auf  Schmugglerjagd war. Da habe ich gedacht: „Hier bekommen wir Riesenprobleme!“ Und es war sehr komisch, weil technisch gesehen, dieser


Film gar nicht hätte entstehen können! In Rumänien hatte man uns gesagt: „Sie dürfen aus gesetzlichen

Gründen das gegenüberliegende Ufer nicht filmen.“

In Bulgarien hat man uns dasselbe gesagt. Dann habe ich gefragt: „Wie kann man dann einen Film über die Donau machen? Soll ich die Kamera in die Luft halten?!!“ Dann haben sie geantwortet: „Wissen Sie, es ist ihr Problem wie Sie das machen, wir weisen Sie nur darauf hin.“ Aber, was mich tatsäch-lich umgeworfen hat, war die völlig unbürokratische, auf beiden Seiten, Hilfsbereitschaft der Ämter. Die haben alles Mögliche gemacht, was die Genehmi-gungen betrifft, das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich habe vorher gedacht, dass es gerade auf der verwaltungstechnischen Ebene noch die Betonköpfe aus der Stalin-, bzw. kommunistischen Zeit gibt - und das war überhaupt nicht den Fall! Es war wirklich erstaunlich und sehr, sehr positiv. 

Ich muß Ihnen sagen, wenn Sie mich nach negati-ven Erlebnissen fragen, klingt es vielleicht komisch, aber wir sind gewarnt worden: „Bulgarien?! Da wird gestohlen, Sie müssen ein Securitymann dabei ha-ben, Sie müssen jemanden der mit der Knarre dabei ist, haben!“ Nicht ein einziges Mal – und ich bin acht Wochen unterwegs gewesen – sind wir in die Nähe einer kritischen Situation gekommen! Nichts. Es war immer angenehm, entspannt, ich habe meinen Kolle-gen gesagt, dass es auf jedem italienischen Park-platz gefährlicher sein kann als an der Donau. Zugegebenermaßen, wir waren immer abseits von den großen Touristenortschaften, aber trotzdem war es durchwegs positiv. Wir haben auch daran ge-dacht, dass wir vielleicht Bestechungsgelder bezah-len müssen, aber wir mussten es kein einziges mal tun, weder in Rumänien noch in Bulgarien. Es war sehr, sehr angenehm. Und das war die allergrößte Überraschung. 

Die einzige Schwierigkeit, die mir jetzt einfällt, war beim rumänischen Fernsehen. Wir sind nämlich im Archiv gewesen, weil mich der Donau-Schwarzmeer-kanal interessiert hat und wollte wissen was es vom Material aus den 70er Jahren des Baus oder sogar aus den 40er-50er Jahren, aus dem ersten Ab-schnitt, gibt. Es war eine interessante Erfahrung, es hieß zuerst: „Nein, es gibt gar nichts!“ Und dann fan-den wir zufälliger Weise eine Cutterin, die damals in der Abteilung gearbeitet hat, die praktisch alle Filme über den Kanal geschnitten hatte, und sie hat ge-sagt, „Natürlich gibt es ein Extradossier! Es liegt in eine Sonderarchiv und dieses Dossier können wir bis Morgen besorgen.“ Es war ein handgeschriebenes Buch, gehörte nicht in das offizielle Archiv, und drin-nen waren alle Filme und nach einem Tag hatten wir die entscheidenden Filme mit Ceauşescu, es war alles da und wir wollten davon einen Ausschnitt ha-ben, eine Minute ungefähr. Aber sie wollten nämlich vier Tausend Dollar für die eine Minute haben! Dann habe ich gesagt, „Freunde, Sie haben eine etwas fremde Vorstellung von dem was auf dem Markt gezahlt wird!“ „Ja, aber das Material ist von histori-scher Bedeutung!“ Dann musste ich sagen: „Das kann sein, aber dann verzichten wir gerne...“ Und das war das einzige negative Erlebnis...

    

Radu Bărbulescu: Mich haben in Ihrem Film auch die zwei älteren Leute beeindruckt, die am Kanal als politischen Zwangsarbeitern gearbeitet haben. Wie fanden Sie eigentlich dieses Werk? Sieht es irgendwie nützlich oder eher nutzlos aus?  Wird es benutzt oder...

    

Lorenz Knauer: Also, ich habe den ganzen Kanal, auf und ab, auf beiden Seiten, mehrfach be-fahren, ich habe also viel Zeit dort verbracht. Ich habe auch mit Leute gesprochen, die da leben, die da arbeiten. Und man sagte mir, an Tagen wo wirk-lich viel los ist, kommen etwa 20 Schiffe durch, das heißt im Schnitt eins pro Stunde. Es sind vorwiegend Schiffe die von Konstanza Eisenerz nach Galatz bringen, ansonsten ist den Kanal völlig sinnlos. Mir kam es wirklich so vor - wenn man dort steht ist es noch viel eindrucksvoller als wenn man Bilder sieht  -, wenn man diesen Einschnitt durch die Dobrudscha sieht, das er völlig absurd sei, ein pharaonisches Werk! Es ist außerdem so schmal, dass zwei große Schiffe nicht einanander vorbei kommen! Das ganze ist grotesk! Und wenn man dann erfährt, dass über zehn Jahren nicht nur die finanziellen Ressourcen, sondern auch große Teile der rumänischen Wirt-schaft blockiert waren, weil sogar aus Siebenbürgen Lastwägen und Personal zum Kanal beordert wur-den, scheint alles noch absurder. Mir hat er stark an die Berliner Mauer erinnert, ich bin nun an der Berliner Mauer großgeworden, das war ein ähnlich absurdes Bauwerk...  Und wenn man dann mit Leu-ten spricht, die  dort die besten Jahre ihres Lebens gelassen haben, und noch froh sind, dass sie überlebt haben, dann macht das einen schon sehr, sehr nachdenklich... Auch da ist mir aufgefallen, bei beiden die ich gefragt habe, die Menschlichkeit, die Wärme, mit welcher sie gesprochen haben. Man könnte meinen, sie würden verbittert, wütend über die verlorenen Jahre sein, und beide haben mich tief beeindruckt, weil sie gesagt haben, sie seien letzt-endlich daran gewachsen. Sie haben es überlebt, sie sind dankbar, dass sie es überlebt haben, jeder auf seine Weise ist damit fertig worden. Aber man hatte nicht den Eindruck von Verbitterung, von Haß oder von Wut. Es war eigentlich Trauer darüber, und das empfand ich am Erschütterndsten, und auch am Negativsten, muß ich sagen, unterm Strich, bei mei-nem Eindruck über Rumänien, als der Ivan Sabin es in einem Satz gesagt hat, er hat das Gefühl, dass die ganzen Opfer die sie gebracht haben, umsonst waren, weil heute die nächste Generation von kom-munistischen Herrschern unter demokratischem An-strich wieder dran sind. Das war wirklich er-schütternd...

 

Radu Bărbulescu: Bestimmt... Aber, ich möchte Sie noch fragen: Würden Sie noch mal einen Doku-mentarfilm über Rumänien, über die Region drehen?

    

Lorenz Knauer: Mit großem Vergnügen. Also, mich hat diese Arbeitsreise auf verschiedenen Ebenen beeindruckt. Ich habe zu meinen Re-dakteuren gesagt: „Schaut mal, der bayerische Teil, den ich gemacht habe, es waren 400 Flußkilometer, 45 Minuten; der Rumänien-Bulgarien Teil, sind 800 Flußkilometer und dafür habe ich auch nur 45 Minuten! Das ist unfair, ich möchte noch einen Film drehen!“ Und ich bräuchte eigentlich mehr Platz. Ich hatte wunderbare Sachen, wie z. B. die Störfischer von Giurgeni, ich hatte einen wunderbarer Boots-bauer, der noch die alten Fischerboote baut, ich hatte, ach, viele Dingen, allein die ganze Geschichte der Balta, für die mir Ovidiu Dunăreanu auf wun-derbare Weise die Augen geöffnet hat, da würde ich sehr gern etwas darüber machen. Auch die Ge-schichte von dem Kanal, denke ich, ist eine Ge-schichte, die erzählt werden sollte bevor es zu spät ist, bevor die Menschen verschwinden.

Also, ja, ich würde gerne, sehr sehr gerne wieder hinfahren. Nur, es gibt das Problem, dass wenn ich in Deutschland zu einem Redakteur gehe und ihm sage „Ich möchte über Rumänien einen Film der-hen!“, da sagt er mir in der Regel „Ja, haben Sie etwas über die rumänischen Adoptivkinder? Oder über irgendwas das ans Herz geht, ja? Dann schon. Ansonsten... kein Interesse! Und an Bulgarien, noch weniger!“      

 

Radu Bărbulescu: Sehr geehrter Herr Knauer, ich danke Ihnen herzlich für dieses langen Ge-spräch und wünsche Ihnen, dass Sie alle Ihre schönen Projekte trotz aller Schwwierigkeiten, auch in die Tat umsetzen können.

    

    

Ein Gruß von Titu, rumänischer Schäfer am Donau-Dreiländereck zwischen Jugoslawien, Ungarn und Rumänien. Foto: Lorenz Knauer.

 


 

Literaturpreis des „Lege Artis“ e. V. 2002

 

AUSSCHREIBUNG

 

Wir, der „Lege Artis“ e. V. – Vererin zur Kunstförderung, initiiren einen Förderpreis, der alle zwei Jahre in einem anderen Land Ost-europas ausgeschrieben wird. Der Preis im Jahr 2002 soll an rumänischen Autorinnen und Autoren vergeben werden, die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Der Preis ist mit 1.000.—DM ausgeschrieben.

 

Im Zentrum der Ausschreibung für 2002 soll das Motto stehen.

 

 „DIE EINEN STEHEN IM LICHT – UND DIE ANDEREN?“

 

Wir wählten ganz bewusst dieses Motto, da wir der Meinung sind, dass diese Jahre, die im Zeichen der Jahrtausendwende mit ihren un-glaublichen Bewegungen stehen und ganze Völker erfasst haben, nicht nur nach politischer, sondern auch nach literarischer Gestaltung drängen.

Wir sind interessiert an dokumentarischen, poetischen und lyrischen Arbeiten. Wir wün-schen uns dramatische Texte und Manuskripte, die sich der Prosa annehmen, insbesondere der „short story“. Wir bitten aber darum, uns ur-schriftliche Texte zuzuschicken. Bei größerem Umfang der Manuskripte, die nicht mehr als 30 Seiten Umfang haben sollten, bitten wir ein Exposé beizulegen. Auch ein Manuskriptaus-schnitt kann viel besagen.

Eine Jury, der Leipziger Schriftsteller, Lyriker, Romanisten, Germanisten und Kunstkritiker an-gehören, wird die eingesandten Manuskripte prüfen und bewerten.

Zum Empfang des Preises wird der Preisträger unser Gast in Leipzig sein. Der Literaturpreis des „LEGE ARTIS“ e. V. wird im März 2002, an-lässlich der Leipziger Buchmesse in der Leipzi-ger Stadtbibliothek, verliehen.

 

Einsendeschluß ist der 01.09.2001-06-03

 

Adresse: „LEGE ARTIS“ e. V., VEREIN ZUR KUNSTFÖRDERUNG, Adolph-Menzel-Straße 36, 04157 Leipzig, Tel./Fax 0431/9121004 oder Tel. 0341 / 9022 114, eMail: Joern-F.Schinkel @ t-online. de

 

 



* Ansichten über... (Zen)

* Die Gedichte 1 bis13 wurden aus dem Band "Kreis-förmig schreitet die Nacht voran". Gedichte. Die Zitrone Verlag 1998, „Tanz in der Kiste“ und „Exil“  aus dem Band "Gegenwartszeit", Gedichte in Prosa, Die Zitrone Verlag 1998, entnommen.

* Aus dem Band „Puncte de sprijin pentru suflet“.