Inhalt
Zeitgeist: Manfred
Pielmeier : Eskapaden der “Weltstadt mit Herz“ (S. 2-3);
Kurzprosa
von: Ralph Gotta: „Salamanca“, S. 4-7; Gunna Wendt: “Der Waldgeist”, S.
8-11; Siniša Dragin: „Der Frühling ist ein anderes Land“ (Romanauszug), S.
12-13; Titu Popescu:
„Ein Treffen in Venedig“, S. 13-15; Victor Loghin: „Die
Möwe“. S. 16; Ovidiu Dunăreanu:
“Geisterhafte Schatten in der Abenddämmerung“, S. 17-19; Radu Bărbulescu: „Als
die Kuh noch nicht heilig war“, S. 19- 21; Gheorghe Sassarmann: „Hattusás“, S. 22-23; Laura Rumich: „Ich bin
ein Roboter“, S. 24; Susanne de la Fuente: „Spätere Adoption
ausgeschlossen“, S. 25;
Lyrik
von: Carla Kraus (Wien), S. 26-27; Renate Schmadalla (Bad Münder), S. 28;
Gisela Kirbach (München), S. 29-30; Frederike Haberkamp (Bonn), S. 31;
Anja-Nadine Mayer (Röthenbach/Pegnitz),
S. 32-33; Britta ZEILER (Coimbra/Portugal), S. 34-35; Anat-Katharina Kalman
(Paris), S. 36-37; Iulia Pană
(Konstanza), S. 38-41; Amelia Stănescu
(Konstanza), S. 42-43; Cristiana Eso (Nancy), S. 44-45; Marijana Gaponenko
(Odessa), S. 46; Anita Rivin (Jerusalem), S. 47; Bianca Marcovici (Haifa), S.
48-49; Shaul Carmel (Herzlia), S. 50-51; Roberst Stauffer (München), S. 52-53;
Horst Samson (Neuberg), S. 54-57; Uwe Erwin Engelmann (Siegen), S. 58-59; Hans
Jürgen Heimrich (Dittelbrunn-Hambach), S. 60;
Karl Seemann (Bad Bentheim), S. 61; Günter Ullmann (Greiz), S. 62; Oliver
Friggieri (Malta), S. 62-65; Radu Bărbulescu
(München), S. 66; Rumänische Sonette aus zwei Jahrhunderten, ins
Deutsche übersetzt von Dieter Paul Fuhrmann: Sonette von: Vasile Voiculescu –
Mateiu I. Caragiale - Gh. Topârceanu
– Victor Eftimiu – Ion Pillat – Ion Barbu -
Lucian Blaga – Tudor Vianu – B. Fundoianu – Dan Botta – Petre Solomon –
Leonid Dimov – Tudor George - Radu Cârneci – Marin Sorescu und Constanta Buzea,
S. 67-74 ; Gedichte von Vasile Dan (Arad), S. 75-76; Francisc Vinganu
(Curtici), S. 77-78; Gheorghe Mocuta (Curtici), S. 79-80; Christian W. Schenk
(Kastellaun), S. 81; Traian Pop Traian (Lugwigsburg), S. 82; Dan Danila
(Leonberg), S. 83; Gustavo Zappa (Argentinien, Dt.-Übersetzung – Susanne de la
Fuente), S. 84; Vlad Neagoe (Bukarest), S. 85-86),
Roman:
Alexandru Ecovoiu (Bukarest), „Saludos“, 13. Folge, S. 87-96 ;
Stefan Wimmer (München),
Prosa : „Bekanntschaft mit der Música Bronca“, S. 97-98;
Meridian München: Benedikt Weyerer: „Der
Nationalsozialismus in München zwi-schen 1945 und 1975“, S. 99-105;
Manfred Pielmeier: „Adam
Berg und die Anfänge des Buchdrucks in München“, S. 106-107;
Bücher:
Waldemar Fromm: „Die Kultur der Kulturwissenschaften - Geoffrey Hartmans „Das
beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur”, S.
108-110; Georg Scherg: „Vom
Unerträgli-chen und seiner Zeit Über Traian Pop Traian und seine Art,
Gedichte zu schreiben“, S. 111-114;
Interview: Lorenz Knauer: „Ich würde gerne
noch einen Film in Rumänien drehen...“, S. 115-120;
a r c h e n o a h
ISSN 0946-0810
Zeitschrift
zur Förderung mul-tikultureller Beziehungen
Erscheint im Verlag
Radu Barbu-lescu, Görzerstr. 105 A, 81549 München. Inhaber, Verleger und
verantwortlicher Redakteur, Radu Barbulescu, Anschrift w. o. Für Anzeigen
verantwortlich: Radu Barbulescu, Anschrift w. o.
Autoren: Frederike
Haberkamp, Hans Jurgen Heimrich, Gisela Kirbach, Carla Kraus, Manfred
Pielmeier, Harald Siegmund, Gunna Wendt, Benedikt Weyerer u. a.
Erscheint ab 2001 2
x jährlich. Preis pro Exemplar, 24.—DM / 12.—Eur. Jahresabbonement 48.—DM /
24.— Eur.Bankverbindung: Radu Barbulescu, K-to Nr. 100-148683, Stadtsparkasse
München, BLZ 701^500 00.
Vervielfältigung:
Radu Barbulescu, Anschrift w. o.
Tel. 089 / 6 89 17 03
Fax 089 / 6 89 14 97
e-mail: archeobs @ radu-barbulescu. de
http//www.radu-barbulescu.de
Unser Titelbild: Constantin
Grigo-ruţă, Konstanza: „Tomi: Boote“, Aquarell, 210 x 297 mm.

DER SEGELTÖRN GEHT WEITER
Wir
wussten es schon bevor wir uns die Arbeit aufgebürdet ha-ben: es wird nicht
leicht sein, inmitten einer reichen Kulturland-schaft, wie es nun der deutsche
Kulturraum ist, eine Litera-tur/Kulturzeitschrift herauszugeben und sie zu
etablieren. Um so mehr würde unser Unternehmen schwierig sein, da es von
An-fang an einem ziemlich idealeistischen Zweck dienen sollte: der Schaffung
einer internationalen Autorengemeinde, die unbeach-tet ihrer Herkunft,
Religion, Geschlecht politischer Überzeugung usw. Freude daran hat, ihre Werke
in Deutschland und auf Deutsch veröffentlicht zu sehen. Weil wir der festen
Überzeugung sind, dass von allen Gebieten des menschlichen Tuns und Treibens,
das kulturelle Gebiet das geeignetste ist, um die ein-malige Chance als Mensch
in der Welt zu leben gebührend und auf höhere Weise zu nutzen und zu feiern.
Und wir betrachten die Tatsache, dass sich auf unseren Seiten Autoren von fast
allen Kontinenten (leider haben wir Australien noch nicht erreicht) und vielen
Ländern getroffen haben und weiter treffen können, als den besten Beweis dafür,
dass wir uns nicht geirrt haben, dass unser Versuch die Mühe wert war und immer
noch ist.
Es klingt
vielleicht komisch, angesichts der Tatsache, dass un-sere vierteljährliche
Zeitschrift zu einer semestriellen Zeitschrift wird, und in einer Welt in welcher Reichtum immer
öfter als ma-terieller Reichtum verstanden wird, wenn wir hier zugeben, dass
uns das Experiment archenoah reicher gemacht hat, aber es ist
wahr: wir sind dadurch viel reicher geworden! Wir haben unseren Autorenkreis
vergrößert, wir haben unsere Leserschaft vergrö-ßert (auch wenn die
Abonnentenzahl zu niedrig ist, um auch einen finanziellen Erfolg verbuchen zu
können), unser Wirkungs-kreis ist insgesamt gewachsen. Es gibt, zwischen
Autoren und Leser, die aus verschiedensten Ländern, Kultur- und
Religions-kreisen stammen, die verschiedenster Jahrgängen angehören, keine
Berührungsangst mehr. Es bleibt, selbstverständlich, die Konkurrenz zwischen
uns Autoren, aber es handelt sich um eine positive Konkurrenz, die uns allen
zugute kommt.
Ein
weiterer Grund zur Zufriedenheit ist es für uns, dass wir keine Abstriche im
Sinne des rein kommerziellen, heutigen (Krämer) Weltgeistes machen mussten. Wir
konnten unsere archenoah auch ohne Mogelpackung, ohne groß
angelegte Werbekam-pagnen und ohne kommerzielle Werbung, die zwei Drittel der
Zeitschrift ausmachen würde, weiter über den Wogen halten. Dafür muß ich mich
insbesondere bei allen unseren Autoren bedanken, die auf ihre – unserer Ansicht
nach – vollverdienten Honorare aus reiner Nachsicht verzichtet haben. Wir
tragen aber immer noch die Hoffnung, dass wir uns irgendwann dafür
revan-chieren werden.
Wir
hoffen, dass Ihnen allen, den Lesern und Autoren, die Lektü-re unseres neuen
Heftes Spaß machen wird.
Radu Bărbulescu
Manfred PIELMEIER:
Eskapaden
der „Weltstadt mit Herz“
Eigentlich wäre
die Bayernme-tropole besonders prädestiniert, die Fahne der Kultur überzeugend
zu hissen, wofür manches spricht. Schon Namen wie "Weltstadt mit
Herz", "Isarathen", die man ihr zugedacht hat, sollten
kulturelle Verpflichtung sein. Dann sind da die Künstler, deren Wiege in
Mün-chen stand oder die dort schöpfe-risch tätig waren und deren Kunst auf
verschiedene Weise die Stadt weltweit berühmt gemacht hat, und die für den Ruf
der Münchens als Kulturzentrum mitbestimmend wa-ren. Ihre Werke locken
Abertau-sende aus allen Ländern der Welt in die Landeshauptstadt. Ob es von
Bedeutung ist, daß auch der Sitz des bayerischen Kultusmi-nisteriums ins Herzen
der Stadt plaziert wurde, lasse ich dahin gestellt sein.
Was geschieht
aber heute auf dem Feld der Kultur? Sie gerät immer mehr unter den Rotstift der
städtischen Haushaltsexperten, de-ren Schlachtruf heißt: "Sparen, sparen
über alles!" Und da fiel ihr Blick auf den Bereich, der ihnen der am
wenigsten wichtige schien: die Kultur. Da wurde kräftig gestri-chen, es traf
die Theater, Konzerte, kulturelle Veranstaltungen ver-schiedenster Art, traf und
trifft auch die Künstler, die sich erst einen Namen schaffen müssen, für die
eigentlich die Stadt Mäzen sein müßte.
In die gleiche
Kerbe schlug auch das Kultusministerium, das ausge-bildete Lehrer auf der
Straße ließ, den diensttuenden immer mehr Arbeit aufbürdete, das die musi-schen
Fächer auf ein Minimum reduzierte und eine Schule orga-nisierte, die ganz im
Dienst der Wirtschaft steht. Die „wirtschaft-liche Schülermaschine“, das wird
schließlich das Ergebnis sein. Und der Mensch bleibt auf der Strecke. Im gesellschaftlichen
Verhalten spiegelt sich bereits der kulturelle Verfall wider. Wieso soll man
höflich zueinander sein? Wieso anderen helfen? Hauptsache, die eignen Gewinne
stimmen; sollen doch die anderen selbst sehen, wie sie zu Rande kommen.
Alles Folgen der
lediglich an wirt-schaftlichen Interessen orientier-ten Erziehung zum
"modernen Menschen", wenn das Wort Mensch überhaupt noch verwendet
werden darf. Man müßte für den Namen "Kultusministerium" einen der
Realität entsprechenden Aus-druck finden. Ich denke da bei-spielsweise an „Kulturvorspiegel-ungsanstalt.
Wer den Stellenwert der Kultur niedrig ansetzt, wer die Sensibilisierung des
Menschen für das leidvolle Schicksal anderer dem überläßt, dem Kultur egal ist,
wer die Entwicklung der Phantasie der Kinder dem rein wirtschaftlich
orientiertem Denken opfert, was durch die heutigen Lehrpläne ge-schieht, wer
den persönlichen Einsatz für die Umwelt, für Ge-rechtigkeit als Widerstand
gegen den Staat betrachtet, der ist Kul-turbanause im wahrsten Sinn des Wortes und
wer sich noch dazu bewußt so verhält, ist letztlich Feind eines demokratischen
Staates.
Schauen wir doch
einmal über den Gartenzaun der Weltstadt mit Herz hinaus, in das kommunale
Geschehen einer Kleinmetropole am Ammersee. Auch dort Strei-chungen. Natürlich im Bereich der Kultur. Ein Beispiel. Da
mußte sich vor kurzem der Gemeinderat mit Anträgen beschäftigen, die die
Einrichtung von Behindertenauf-zügen zu Inhalt hatten. Einer war für das
Rathaus gedacht, der an-dere für des Kurparkschlößchen, das Kulturzentrum und
Wahrzei-chen des Ortes. Für beide Vor-haben zeigten sich die Räte be-geistert.
Während nun die einen für die gleichzeitige Realisierung der vorliegenden Pläne
sich einsetz-ten, um so mehr als das Amt für Denkmalschutz, die von einem Architekten
des Ortes vorgelegten Pläne begrüßte, waren die anderen dafür, dem
Rathausaufzug den Vorzug zu geben. "Behinderte" hieß es müßten alle
behördlichen Stellen und den Sitzungssaal er-reichen können. Sie wollen
schließlich den Angestellten in die Augen schauen können", so die
Vorsitzende des Behindertenbei-rats. Natürlich, meinten die Vor-zugsanhänger,
werde auch eines Tages der andere Aufzug gebaut werden. Das wäre beispielsweise
eine dankenswerte Aufgabe für den kommenden Gemeinderat. "Außerdem",
so der Bürgermei-ster, "können die Behinderten an vielen kulturelle
Veranstaltungen, die für sie erreichbar sind, teilneh-men, z. B. an den
Aufführungen unseres hervorragenden Bauern-theaters“.
Den Ausschlag gab
seine Fest-stellung, die Gemeinde könne sich diesen Aufzug gegenwärtig nicht
leisten. Also gestrichen. Gestrichen die Möglichkeit, die Behinderten am
kulturellen gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Ein Zwischenfall, der
fast symptoma-tisch für die Haltung dieser Kom-mune angesehen werden kann, war
die Einweihung einer Behin-derten-Toilette für eine Gaststätte, die mit einem
Weißwurstessen ge-feiert werden sollte. Als ein Roll-stuhlfahrer aufgefordert
wurde, in die Toilette zu fahren, stellte sich heraus, daß der Eingang zu eng
war. Ausgesperrt also.
Was heute zählt
sind die Kosten. Darauf hat aber Kultur den gering-sten Anspruch, was viel
darüber aussagt, welche Bedeutung man ihr zumißt. Diesen Vorwurf muß sich auch
die Weltstadt München gefallen lassen. Sie bietet für den Beschuß eine volle
"Breitseite". Kann ein Literaturhaus, das einen stattlichen Preis
gekostet hat, als Kulturträger betrachtet werden, wenn es in die Fänge des
Bertels-mann-Verlags geraten ist, wenn das kulturelle Leben die dort
ver-kehrende Schicki-Micki-Gesell-schaft bestimmt, die in der Lage ist, die
maßlos überhöhten Preise zu bezahlen, während der Durch-schnittsschriftsteller
oder einer der es werden möchte, ausgesperrt ist, wie auch die
Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft, die ihr Domizil in der Monacensia hat, jener
städtischen Einrichtung, die in Wahrheit das ist, was man als Literaturhaus
be-zeichnen kann, wo Lesungen und Ausstellungen stattfinden, wo ernsthaft über
Kultur und Kunst diskutiert wird. Ein Glücksfall. Wo sind die Mäzene, wo bleibt
die Stadt als Mäzen für Künstler, die das kulturelle Leben der Stadt maßgeblich
mitbestimmen, auch wenn sie noch keine "großen Na-men" haben? Alles gekürzt oder gar gestrichen. Die
städtischen Zu-schüsse für die Theater, Konzerte, Museen, Veranstaltungen
kulturel-ler Art gekürzt.
Wo bleibt die
Gastlichkeit der Stadt? Haben Sie schon einmal München nach Mitternacht erlebt?
Was soll zum Beispiel ein Reisen-der tun, wohin gehen, wenn er nach Mitternacht
mit der Bahn in München eintrifft, dann früh mor-gens weiterreisen möchte, wenn
im Bahnhof gastronomische Totenstil-le herrscht, er, wenn er den Not-ausgang
des versperrten Bahn-hofs findet, sinnlos auf der Suche nach einem geöffneten
Lokal herumirrt. Also nichts anderes als zurück zum überfüllten Warteraum des
Bahnhofs, um vor sich hinzu-dämmern. Weltstadt mit Herz eine Parodie. Als
Fremder verlassen in einer toten Stadt..
Kann es sich eine
kulturbewus-ste Stadt leisten, daß Fußballfans besoffen im Stadtzentrum
randalie-ren, Fußgänger anpöbeln, in den S-Bahnen Fahrgäste drangsalie-ren,
Armaturbretter abreißen, Lie-der grölen, ihre Dreckschuhe auf die
gegenüberliegenden Sitze pla-zieren? Kann sich eine Stadt lei-sten, daß der Mob
das städtische Leben bestimmt?
Ist nicht der
vielumjubelte FC-Bayern, der Fußballverein der Lan-deshauptstadt, dem der
bayeri-sche Landesvater gelegentlich die Ehre seines Besuchs erweist, vor dem
Hintergrund, daß kaum ein Bayern mehr das Leder tritt, zur Farce geworden. Muß
es nicht nachdenklich stimmen, wenn die-ser Verein, der ein rein
wirtschaft-liches Unternehmen geworden ist, seinen „Kaiser“ ausschickt, um der
Stadt ein neues Stadium abzufor-dern, in dem die Akteure sich ihren Kaufpreis
erspielen können? Kann es sein, daß selbst die Räte der Stadt in den Sog des
Kaisers, dem Repräsentanten der Wadl-Kultur, geraten sind? Armes Bayern. Die-ne
Heimmannschaft tritt nicht nur das Leder, sie tritt auch die Kultur mit Füßen.
Was ist denn aus
dem weltbe-kannten Münchner Oktoberfest
geworden? Ist es nicht zu einer maßlosen Freß- und Sauforgie ent-artet, zu
einem Bierzelt-Brüllfest mit Enthemmungstendenzen, zu einem Tummelplatz der
interna-tionalen Ganoven-Elite?
Dringend zu empfehlen ist der Stadt, einen Kulturkrebs-Vorsorge-test anstellen zu lassen und wenn der positiv ausfällt, schleunigst auf eine Operation zu drängen, sonst könnte das der Tod der Kultur sein.
Der Autor ist
Mitglied des Herrschinger Gemeinderats und freier Mitarbeiter der Starnberger
Neuesten Nachrichten.
Ralph Gotta
Heusenstamm
Salamanca
Beim
Aufstehen wurde ihm klar, was für eine Schwachsinnsaktion er da im Begriff war
zu starten. Die Vernunft versuchte ihn ein letztes Mal nach Hause - oder zu Jil
- zu dirigieren. Doch wußte er, es führte kein Weg an Sala-manca vorbei. Also
machte er sich mit der unsicheren Sicherheit dessen, der alles und doch nichts
weiß, auf einen achthundert Kilo-meter langen Umweg, nur um zu sehen, inwieweit
er von der blonden Norwegerin ange-nommen werde.
Während er
so dahinfuhr, begann er die vage Hoffnung zu spüren, daß sich eines klaren
Tages der Dunst uneinser Verlorenheit, durch den er alles und alle und sich
selbst sah, auflösen werde, um dann eine Strecke, eine Linie vor sich zu sehen,
die gerader, unkompli-zierter verlief als seine bisherige. Trotz aller
bestehenden Navigationsschwierigkeiten, ob-wohl die Nadel seines inneren
Kompasses fast ständig gleichzeitig in alle möglichen und unmöglichen
Richtungen ausschlug, gab er nicht auf zu hoffen, sein Leben, ein
Geschenk-paket, das ihm aufgebürdet wurde, um es zu öffnen und zu sehen, was er
damit anfangen konnte und wollte, so lange mehr recht als schlecht zu
bewältigen, bis er sterben mußte - oder durfte. Und eben dazu mußte dieser
Um-weg sein, denn Umwege waren nun einmal zuweilen dazu da, den direkten
ausfindig zu machen. Es mußte sein, so unsinnig es ihm auch erschien, es war
doch nur logisch. Auch wenn er sich nicht nur einmal sagte, total verrückt zu
sein, daß das, was er hier im Schilde führe, nicht gut gehen könne, zumal er
vorigen Samstag seine etwaige Gelegenheit gehabt und vertan hatte, als er das
verlockende Angebot der blonden Norwegerin, mit ihr die Nacht zum Tage zu
machen, selbst auf wiederholte Nachfrage ablehnte - womöglich tatsächlich wegen
der damals existierenden Müdigkeit, vielleicht aber auch nur aus dummem Stolz
oder unglückseliger Zurück-haltung oder bloßer Angst vor dem eventuellen
Entblößen. Wer konnte das schon sagen, der sich bisweilen selbst nicht kannte?
Nun, da er
Madrid links liegenließ, merkte er, so zerfahren er auch war, so sehr er sich
einmal mehr verfahren mochte, wie sein Vertrauen in sich selbst und die Dinge
des Lebens wuchs, so wenig er sie auch verstand. Je näher er dem mittlerweile
im Dunkel liegenden, irrlichternden SA-LA-MAN-CA kam, desto wundervoller und
aufregender wurde der jeweilige Augenblick, der bei allen gedanklichen
Ablenkungen an Zu-kunft und Vergangenheit, die nie wirklich und doch immer
existierten, nicht aus dem Mittel-punkt seiner erregten Aufmerksamkeit wich.
Wie er nun dem Wiedersehen mit der Plaza Mayor sowie der blonden Norwegerin und
ihrer Freundin regelrecht entgegenfieberte, wie glücklich er jetzt war, von und
auf dieser verdrehten, sich ständig um ihn drehenden Welt zu sein.
Er tauchte
in die Stadt ein, fand zur Plaza Mayor, parkte seinen Wagen, nahm sich ein
Zimmer in einem Dreisterne-Hotel nahe des Platzes, aß beim spanischen Mexikaner
zu Abend, und wieder auf seinem Zimmer, erwog er ernsthaft, morgen jene
Sprachschule aufzu-suchen, an der unter anderen die blonde Nor-wegerin und ihre
Freundin Spanisch zu lernen versuchten, und dort nach Einzelunterricht zu
fragen (auf keinen Fall in einer Gruppe, er wollte allein sein, war sich selbst
völlig genug).
Als er
irgendwann morgens mit leichtem Kopf-druck und sich unausgeschlafen fühlend
auf-wachte, merkte er, daß das Sprach-Programm, das er sich für seinen zweiten
Aufenthalt in Salamanca vorgenommen hatte, unrealistisch war, daß ihn einzig
und allein die mehr als vage Aussicht auf ein Abenteuer mit der blonden
Nor-wegerin hierher zurückgetrieben hatte, und nun, da er diese Erkenntnis
gewonnen hatte, begann er sogleich die Wollust zu verlieren und zu überlegen,
ob er nicht umgehend wegfahren solle. Doch weil ihm das zu schwer fiel,
genauer: weil er sich von dieser Selbsttäu-schung nicht zu trennen vermochte,
behielt er sich mit den Worten hier: ,,Selbst die größte Enttäuschung vermag
nicht enttäuschender zu sein als das alles enttäuschende Nichts.“
Dieser
Satz half ihm schließlich, seine ihn ein-grenzenden Ängste in Grenzen zu
halten. Und nun hatte er genügend Zeit, alle Dinge, die erledigt werden mußten,
in aller Unruhe zu erledigen. Er ging zur Plaza Mayor, wo er Post-karten kaufte
und schrieb. Unter anderen teilte er seinem Freund Paul mit, wie zehrend das
un-entschiedene Duell zwischen dem Realist und dem Illusionist in ihm bisweilen
sei.
Als
nächstes rief er bei den Norwegerinnen an, und als die von ihm anvisierte ihren
Namen sag-te, meldete er sich mit dem seinen und bat sie sogleich, jetzt ganz
ruhig zu bleiben, denn er sei wieder in Salamanca. Die fadenscheinige
Be-gründung für seine Rückkehr, er wolle vor sei-ner Heimfahrt hier noch
unbedingt ein paar Fotos mit seiner Kamera schießen, die er beim ersten Mal
vergessen habe mitzunehmen, löste am
anderen Ende der Leitung ein ungläubig klingendes ,,Aha“ aus. Als er die blonde
Norwe-gerin dann schließlich fragte, ob sie und ihre Freundin für heute abend
denn schon was vor-hätten, antwortete sie, nach einer kleinen Pause des
Zögerns, sie gingen eventuell ins Kino, wenn er wolle, könne er ja mitkommen,
was er nicht ausschlug. Zum Abschluß ihres Telefonats fragte sie ihn nach
seiner Hotelrufnummer und versprach, ihn abends zurückzurufen, so gegen acht.
Wieder
beim spanischen Mexikaner nahm er seine Abendmahlzeit ein, und lediglich das
trostlose Country-Gesäusel, das sich augen-scheinlich nicht gerade als Kundenfang
erwies, vermochte die seinem Selbst vorgespielte Melo-die der frohen Erwartung
zu beeinträchtigen.
Nach dem
Essen sowie dem Erwerb eines Stadtführers und zweier Filme begab er sich auf
sein Zimmer, wo er die Langeweile mit Dösen, Sinnieren und dem Legen von
Tarot-Karten zu verkürzen suchte. Auch prägte er sich einige Englischsätze ein,
wie zum Beispiel: „You have a nice bosom and bottom“.
Doch sah
es ganz danach aus, als sollten die sich soeben zu eigen gemachten
Fremd-sprachenkenntnisse nicht zur Anwendung kom-men. ,,Sieben vorbei, acht
vorbei, neun vorbei, verdammt“, vermochte er schließlich wenig er-bauliche
Tatsachen seinem papierenen Be-gleiter nicht länger vorzuenthalten, der
teilweise so etwas wie ein Hausaufgabenheft war, in das er Merksätze eintrug,
die ihm später, bei der etwaigen Auflösung seiner ihm jetzt noch rätsel-haften
Vergangenheit, eventuell behilflich sein würden, wodurch er womöglich gewisse
Übun-gen in seinem künftigen Leben besser ver-stehen und meistern würde als zur
Zeit. Im Moment jedoch saß die sich ganz allmählich in seine Seele geschlichene
Ernüchterung tief, und nun überdachte er noch einmal seine Worte von heute
morgen. ,,Selbst die größte Enttäu-schung vermag nicht enttäuschender zu sein
als das alles enttäuschende Nichts“. Und dazu fiel ihm nun noch ein: ,,Es ist
nicht einfach mit der Liebe und den Gefühlen: Wer sich darauf einläßt, darf und
muß mit allem rechnen, und wer nicht, braucht keine Angst vor der Enttäu-schung
zu haben und nichts zu erwarten.“
Jener
Aphorismus mochte mehr oder weniger stimmen, doch vermochte er ihm keinen Trost
zu gewähren. Nun fragte er sich, warum er nicht wie ursprünglich geplant mit
Paul nach Deutsch-land zurückgekehrt sei, welche innere Über-macht ihn in den
Sumpf gezogen habe, in dem er nun einmal mehr bis zur Seele steckte. Danach
übte er sich wie so oft in Eintracht mit seiner Zwietracht, und was ihn nicht
an den Wellen des Schmerzes zerbrechen ließ, war das Buch, seine
Lebensversicherung auf Zeit, an die er sich bei allem Respekt klammerte wie ein
seines nahezu gesamten hölzernen Unter-baus beraubter, stromaufwärts und
-abwärts irrender Floßfahrer an einen Baumstamm auf hoher, horizontloser See.
Kaum hatte
er jene Zeilen zu Papier gebracht, klingelte ihn, zwanzig vor elf, das Telefon
aus der unterdrückten Depression. Es war die blon-de Norwegerin. Nachdem sie
sich entschuldigt hatte, ließ sie ihn wissen, sie und ihre Freundin seien sehr
müde, wahrscheinlich gingen sie nicht mehr aus, und wenn doch, dann nur noch in
ein Café um die Ecke ihrer Wohnung, dessen Name sie ihm auf Anfrage nannte.
Er suchte
das Café nicht mehr auf. Für heute abend wollte er es bei der unverhofften
Freude bewenden lassen, zurück in einem Rennen zu sein, aus dem er schon
ausgeschieden zu sein glaubte, wenngleich er nun keine Wetten mehr auf seine
Siegchancen annahm.
Er ging
zum Tabakgeschäft auf der Plaza Mayor, wo er vier Briefmarken holte, die er auf
die gestrigen Postkarten klebte, die er dann zusammen mit bestimmten
Erinnerungen in einen Briefkasten bei der Post fallen ließ. Von dort lief er
wieder zurück zur Telefonzentrale auf die Plaza Mayor, von wo aus er die blonde
Nor-wegerin anrief. Es war bereits nach zwei, sie aber noch zu schläfrig, um
sich auf ein Ge-spräch mit ihm einzulassen; er solle bitte später noch einmal
anrufen, sagte sie und legte auf, woraufhin sich ihm der Verdacht aufdrängte,
sie sei entgegen ihrer ursprünglichen Absicht über Nacht ausgeblieben. Er mühte
sich nach Gei-steskräften, sein auseinanderbrechendes Selbst zusammenzuhalten,
bediente sich seiner Ka-mera und wählte unter anderem die Catedral Vieja und
die Catedral Nueva sowie die Front-seiten von Universitäten und Häuserreihen
zum Motiv, trank in der berechtigten Hoffnung, da-durch den Aufruhr in seinem
Magen niederzu-halten, nach getaner Arbeit auf der Plaza Mayor zwei Tassen
Kamillentee. Dabei liefen ihm schließlich die Norwegerinnen über den Weg, was
so ein großer Zufall nicht war, war dieser imposante und magnetische Ort doch
der Treff-punkt einer ganzen Stadt.
Warum er
wieder hier sei, befragte ihn die Freundin der blonden Norwegerin. ,,Ich bin
nur den Tarot-Karten gefolgt“, gab er zur Antwort und fügte lächelnd hinzu:
,,Vielleicht hab ich einen Knall, aber manchmal muß man halt ein bißchen
spleenig sein, sonst wird`s ja lang-weilig.“
Die
Norwegerinnen reagierten mit verwundert-geziertem Lächeln, dann teilten sie ihm
mit, sie gingen am Abend mit ein paar Freunden essen, wenn er Lust habe, könne
er gerne mitkommen. Selbstverständlich hatte er Lust.
Wie
abgesprochen, rief er sie um acht an, und sie verabredeten sich für halb zehn
unter der Rathausuhr auf der Plaza Mayor.
In der
verbleibenden Zeit verinnerlichte er sich den Text der Gebrauchsanweisung zur
Verwen-dung eines Präservativs, das er sich nun in der Schublade des
Nachttisches griffbereit zurecht-legte, und während er dies tat, erschien ihm
die Vorstellung von einem aufwühlenden Ge-schlechtsakt mit der blonden
Norwegerin völlig absurd. Nichtsdestotrotz ging er rechtzeitig zur Plaza Mayor,
denn er wollte ihr ja schließlich unbedingt einen verpassen und sie deshalb auf
keinen Fall verpassen.
Bis zehn
vor zehn mußte er zitternd vor Kälte und Angst vor dem alles enttäuschenden
Nichts auf ihr Erscheinen warten. Die blonde Norwe-gerin entschuldigte sich für
ihr Zuspätkommen, sie habe verschlafen, woraufhin er unwillkürlich bei sich
dachte: ,,Mann, was für eine Schlaf-haube von Frau.“ Dann stellte sie ihm erst
Paula vor, eine im Verhältnis zu ihrer Größe etwas zu sehr in die Breite
geratene Peruanerin, die an-stelle ihrer norwegischen Freundin mitgekom-men
war, und schließlich Charlie und Winnie aus New York.
Die
Mädchen aßen Fisch (ab wann war ein Mädchen eigentlich eine Frau?), er tat es
ihnen gleich, die Amerikaner bearbeiteten von Spani-ern englisch gebratene
Steaks. Ja, er verstand sich auf Anhieb gut mit Charlie und Winnie, der sich
seinem Geschmack nach allerdings zu gut mit der blonden Norwegerin verstand.
In der
zweiten Disco, hier gab es Discos wie Sand am Meer, kamen sich die blonde
Norwe-gerin und Winnie der Winner zusehends näher, was ihm, dem Loser,
zusehends mißfiel. Wäh-rend sich sein verfehltes, da nicht auf ihn fliegendes
Zielobjekt Winnie an den Hals warf, versuchte er sich mit einer goldgelben
Mexika-nerin namens Corona zu trösten, von der er sich schließlich ordentlich
abfüllen ließ. Mit ihr in der linken Hand und an der Bar auf schwankenden
Beinen stehend, hielt er auf einem Stück Papier fest: ,,Mein Buch ist nun kein
Grund mehr, am Leben zu bleiben. Der einzige Grund, am Leben zu bleiben, ist
der, am Leben zu bleiben.“
Als die
plötzlich vor ihm stehende blonde Nor-wegerin wissen wollte, was er da
aufschreibe, sagte er nur mit einem Minimum an Beherr-schung seines leicht
unbeherrschten Selbst: ,,Das geht dich nichts an.“
Sie zogen
von Tanztempel zu Tanztempel und die blonde Norwegerin und Winnie einander
zu-nehmend an, während er sich immer weiter in den Schmollwinkel zurückzog und
nicht länger zynisch-gute Miene zum bösen Spiel zu ma-chen vermochte. Die Leute
hatten sichtlich Angst vor ihm, so freundlich sah er sie an. Alle diese
Kleingeister und Kretins gingen ihm mächtig auf die Nerven, doch brachte es er,
der dumme Geistmann, nicht fertig, sich aus der Umklammerung der
offensichtlichen Mißach-tung seiner Begehrlichkeiten zu befreien, und je länger
er blieb, desto mehr grenzte er sich ein im Ghetto augenscheinlichen
Ausgegrenzt-seins. Und das schlimmste dabei war: er durfte sich nicht einmal
bemitleiden, denn hätte er es mit Jil gewagt, würde er nun vermutlich nicht
dort gestanden haben, wo er gerade stand.
Um fünf
gelang es ihm schließlich, sich aus der Demütigung loszuwinden, aber nur, weil
sein Körper nicht mehr konnte. ,,Ich gehe“, sagte er zu der blonden Norwegerin.
,,Warum?“ ,,Es reicht, ich habe die Schnauze voll.“ ,,Warum?“ ,,Es war ein
Fehler von mir, zurückzukommen, ich bin ein Idiot, viel zu naiv.“ ,,Warum?“
ver-suchte die blonde Norwegerin die Musik zu übertönen. ,,Ich bin wegen dir
wiedergekommen und nun dämlich eifersüchtig“, schrie er zurück. Alles weitere
behielt der Lärm für sich.
Als er im
Begriff war zu gehen, kam Winnie auf ihn zu und klopfte ihm kumpelhaft auf die
Schul-ter, und ehe Winnie ein zweites Mal dazu kam, war er draußen, wo ihm die
Wut sämtlichen Atem zu rauben schien. Verdammt, er hatte seine Chance vorigen
Samstag gehabt, aber er war nun einmal nicht so cool wie diese Winnies, für die
es offensichtlich nichts Einfacheres gab, als sich ungezwungen mit einem
Mädchen zu amüsieren. Nein, er wollte nicht behaupten, er sei etwas Besseres
als diese Winnies, die er zuweilen gern gewesen wäre. Sondern damit lediglich
sagen, er war anders als sie. Herrgott noch mal, warum nur tappte er von einer
Gefühlsfalle in die nächste, warum nur ging er immer gleich so sehr in die
Tiefe, warum ver-mochte er die Herzensdinge nicht wenigstens ein klein wenig
lockerer anzugehen? Und was war seit dem äußerlichen Scheiden von Jil, als er
ein letztes Mal in ihre traurig-schönen Augen sah, nur alles geschehen? Nichts
lief glatt, alles ging schief, und immer wieder schwappte der Bodensee in seine
Seele, und immer wieder mußte er zusehen, nicht im Treibsand der Reue zu
versinken.
Das
sonntägliche dissonante Glockenspiel der Kathedralen unterbrach seinen Schlaf,
in den er nicht mehr zurückzugleiten vermochte. Wohl hauptsächlich wegen des
Verschleißes unge-zählter Coronas tat ihm der Kopf weh, aber war dieser
immerhin noch so klar, ihm zu sagen, er müsse morgen die Rückreise antreten,
und während er mit einem heißen Bad und einer Kopfschmerztablette die
Enttäuschung der äußerlich vergangenen Nacht aus seinem Kör-per zu verscheuchen
suchte, teilte ihm seine Seele mit, sein ungeschriebenes Buch liege zu sehr auf
ihr, als daß er es noch länger vor sich herschieben könne.
Erschöpft
von dem Bad und seinen Gedanken, überwand er sich zu einem Mittagessen beim
spanischen Italiener, wo er seinen Magen mit irgend einer Pasta-Pampe zu füllen
versuchte, und wieder auf seinem Zimmer, spürte er das Verlangen, die blonde
Norwegerin zu streicheln und zu küssen. Nach dem Abendessen, erneut beim
spanischen Italiener, rief er sie noch einmal an, doch hatten sie sich nicht
mehr viel zu sagen, tauschten nur noch ihre Adressen aus in dem auf Erfahrung
beruhenden Ver-dacht, sie würden den Wert einer Makulatur niemals übersteigen.
Schließlich
telefonierte er noch mit Jil. Er sagte ihr, er müsse morgen mit seiner
nomadenhaften Seele nach Hause fahren, er spüre, er dürfe nicht länger die
äußere Welt bereisen, sondern müsse jetzt erst einmal in seine eigene
verreisen. Denn er merke, teilte er ihr weiter mit, wie sehr er sich
entfremdet, von sich selbst entfernt habe, und während er das sagte, ging ihm
auf, daß das bei ihren beiden letzten ge-genseitigen Besuchen nicht viel anders
gewe-sen war, daß es ihm überhaupt selten möglich war, dort zu sein, wo er
gerade war, daß er meistens irgendwo anders war, zwischen hier und da, aber
kaum richtig hier und kaum richtig da, zwischen weit oben und weit unten, aber
nie in der Nähe der Mitte, und nun fragte er sich, ob das jemals anders werden
würde, in Beziehung zu sich selbst und einer Frau.
Steckbrief:
Ralph GOTTA, geboren am
5.10.1962 in Frankfurt/Main, Studium der Politischen Wissenschaften in
Frankfurt, freie Mitarbeit und Volontariat bei der „Offenbach Post“. Schreibt
Prosa (auch Ro-mane) und Gedichte. Veröffentlichungen in verschiedene
Litera-turzeitschriften.
Gunna WENDT
München
DER WALDGEIST
Sie hatte
den Waldgeist zufällig kennengelernt. Es war an einem Herbsttag gewesen, an dem
sie es in ihrer Wohnung nicht mehr ausgehalten hatte. Der große Zeitungsstapel,
der in der Kü-che zeischen Einbauschrank und Fenster wie ein Möbelstück seinen
Platz behauptete, war umgekippt, als sie aus dem oberen Drittel einen Artikel
über den französischen Strukturalismus heraussuchen wollte. Sie war
unvorsichtig ge-wesen, hatte die Zeitungen nicht stufenweise abgetragen, sondern
versucht, mit einer Hand zu stützen und mit der anderen zu blättern. Da
passierte es, der Papierberg kam ins Rutschen und bedeckte schließlich die
Hälfte der Küche. Gleichzeitig klingelte es an der Haustür. Sie betätigte den
Drücker, öffnete die Wohnungstür, ging zurück zur Zeitungshügellandschaft und
vergaß den Besucher, bis er ihr vorsichtig auf die Schulter tippte. Ein
Abonnentenwerber für Zeitschriften. Genug! Zuviel! Sie warf ihn hin-aus. Er
wies auf seine Not hin. Sie blieb hart, benannte ihre. Er verwünschte sie,
schrie ihr aus dem Treppenhaus Flüche entgegen, einen unschönen Verlauf der
nächsten Zeit, insbeson-dere der Weihnachtsfeiertage betreffend, die sie
schlagfertig erwiderte. „Ach, fallen Sie doch am besten gleich die Treppe
runter!“
Der Hausbesitzer,
der unglücklicherweise im selben Haus wohnte, kam, angelockt durch das
Geschrei, die Treppe heraufgedonnert, forderte lautstark Ruhe und war bestrebt
herauszube-kommen, was denn geschehen sei. Sie forderte ihn auf, einzutreten,
er zierte sich, verlor sofort an Lautstärke, trat schließlich ein, als sie ihm
sagte, sie hasse Treppenhausgespräche. Na-türlich fiel ihm sofort der die Küche
überfluten-de, umgekippte Zeitungsstapel ins Auge. Er ver-gaß darüber den
fluchenden Besucher, der ihm im Treppenhaus begegnet war und kam sofort zu der
Sache, die ihn wahrscheinlich noch stär-ker beunruhigte. „Meine Liebe, es muß
etwas geschehen. Sie können hier nicht unbegrenzt Papier stapeln. Da stürzt uns
irgendwann die Decke ein. Da fallen uns irgendwann die Bücher auf den Kopf.
Da...“ Sie wollte sofort antworten, aber sein letzter Satz machte sie
nachdenklich und ließ sie überlegen, welche Ängste sich hin-ter dem Bild der
Bücher, die einem auf dem Kopf fallen können, verbargen. Das Wissen, von dem
man erschlagen wird. Aber welchs Wissen? Sie war von ihren
Entschlüsselungs-versuche so fasziniert, dass sie den weiteren Ausführungen des
Hauswirts nicht mehr folgte. Er gehörte zu den Leuten, die entweder über-haupt
nicht oder pausenlos redeten. Weil er heute so schnell nicht mehr aufören zu
wollen schien, ließ sie ihn in ihrer Wohnung stehen, packte ihren Mantel und
lief aus dem Haus. Links die Straße hinunter, links um die Ecke, wieder links,
und sie war im Wald.
Sie hatte
den Wald erst wahrgenommen, nach-dem sie wohl schon länger als ein Jahr in
dieser Wohnung lebte. Seiner Ausdehnung nach hätte er niemals die Bezeichnung
„Wald“ verdient. Das Gelände, das er bedeckte, war fast quadra-tisch, und sie
schätzte die Ausmaße auf einhun-dertfünfzig mal einhundertfünfzig Meter. Aber
die Bäume standen so dicht und dunkel neben-einander, dass der Name „Wald“
stimmte. Am heißen Sommertagen verspürte sie beim Betre-ten des Waldes die
angenehme, zum tiefen Ein-atmen zwingende Kühle, die sie eigentlich nur aus
riesigen Wäldern kannte. Der kleine Wald vermochte die Frische auch mitten in
der Stadt zu spenden. Eigenartigerweise war er trotzdem menschenleer.
Sie lief
eine Viertelstunde ziellos in ihm herum, mehr oder weniger im Kreis, genoß das
Ra-scheln des Herbstlaubs, aß ein paar Buch-eckern und setzte sich au eine der
drei Bänke. Es war die einzige, von der aus man, durch die Baumstämme hindurch,
aus dem Wald hinaus-sehen konnte. Erst heute fiel ihr auf, was zu se-hen war:
das Haus, in dem sie wohnte. Als sie so bucheckernknabbernd dasaß, hörte sie
eine Stimme: „Soll ich es eintürzen lassen?“ Sie sah neben sich der Waldgeist,
der zu ihrem Haus blickte. Sie antwortete nicht, sah ihn nur misstrauisch an.
Er war klein, von menschlicher Gestalt, erdfarben, und sein Hinterkopf und Rücken
waren von Haaransatz an über und über mit Igelstacheln bedeckt. „Ich kann
nämlich zaubern.“ Sie tippte sich mitleidig an den Kopf: „Zaubern. Als wenn man
dazu zaubern können muß! Ich kann es auch einstürzen lassen, hätte es beinahe
getan, wenn ich nicht neulich schon einen Teil meiner Zeitungssammlung zur
Abho-lung vor die Tür gestellt hätte. Aber kannst du mir sagen, was ich davon
gehabt hätte? Keine Wohnung mehr. Und um keine Wohnung zu ha-ben, braucht man
weiß Gott nicht zaubern zu können.“ Der Waldgeist legte den Kopf auf seine
linke Schulter, musterte sie eine Weile kritisch und meinte, sie müsse die
Dinge nicht so genau nehmen. Er sei jedenfalls froh, dass er zaubern könne und
lasse sich diese Freude durch sie nicht verderben. Daraufhin drehte er sich
nach links, schwang die Beine auf die Bank, wandte ihr den Rücken zu und
stellte seine Stacheln auf. Sie fand sein Verhalten für einen Waldgeist, der
immerhin den Besitz der Fähigkeit, zaubern zu können, vorgab, mehr als
lächerlich, beschloß jedoch, ihn ein bisschen zu testen: „Zaubere mir doch eine
neue Wohnung, wenn du kannst.“ Der Waldgeist schnellte her-um, ließ die
Stacheln fallen, blickte sie kopf-schüttelnd an, sprang von de Bank und
ver-schwand ogne Gruß, nur die Worte vor sich hin rufend: „Nix kapiert, nix
kapiert!“
Als sie
einige Tage später wieder den Wald betrat, saß der Waldgeits auf ihrere Bank.
„Ich warte schon seit ein paar Tagen auf dich!“ wa-ren seine Begrüßungsworte.
Obwohl sie ihn ig-norierte, fuhr er fort: „Ich hab’s mir überlegt, schon gut,
ich zaubere dir eine schöne Altbau-wohnung. Ich habe schon alle notwendigen
Vor-arbeiten dazu getroffen.“ „Eine Altbauwohnung“, stönte sie entsetzt, „etwas
Besseres konnte dir wohl nicht einfallen. Ich mag Altbauwohnun-gen, in denen
vielleicht auch noch Geister von früheren Hausbwohnern herumschwirren,
über-haupt nicht. Wenn ich morgens das Knarren von Parkett höre, ist der Tag
für mich gelaufen!“ „Woher soll ich das wissen?“ verteidigte sich der Waldgeist
heftig. Un dann erzählte er ihr, dass er erst kurze Zeit in diesem kleinen Wald
in der Stadt wohne, früher weit draußen in einem riesi-gen gelebt habe, wo er
noch mit den beiden Gaben ausgestattet gewesen sei: dem Zaubern und dem
Hellsehen. Er hatte in die Stadt ziehen wollen, weil ihm das Waldleben auf dem
Lande zu eintönig gewesen war. Das Waldleben in der Stadt erschien ihm anfangs
abenteuerlich. Er verbrachte Tage und Nächte damit, zwischen zwei Buchen
kauernd auf die direkt angrenzen-de Straße zuschauen und die Menschen beim
Stadtleben, so nannte er es, zu beobachten. Viele Autos fuhren Tag und Nacht
vorbei. Die kannte er schon von seinem früheren Wohnort her, allerdings nicht
so sehr als konstante Be-lästigung, sondern in Schüben auftretend, mei-stens am
Wochenende. Sie gefielen ihm nicht. Was neu für ihn war und ihm gefiel, war die
Straßenbahn, ihr Klingeln vor allem. Kurz und gut, die Tage in der neuen
Umgebung waren nur so dahingeflogen, und er mochte wohl schon einen Monat in
der Wald in der Stadt verbracht haben, als er feststellte, dass er nicht mehr
hellsehen konnte. Er hatte morgens wie-der neugierig zwischen den Bäumen heraus
auf die Straße gespäht, sich sogar etwas weiter vorgewagt, weil er die Reklame
auf der Stra-ßenbahn näher betrachten wollte. Er hatte nebenbei registriert,
dass sich ihm ein Mann mit Aktenkoffer näherte, hatte ihm sogar freundlich
zugelächelt und plötzlich einen harten Stoß mit dem Koffer erhalten, der ihn
rücklings auf den Waldboden stürzen ließ. Warum hatte der Mann das getan? Das
war seine erste Frage gewe-sen, auf die gleich die zweite folgte: Wieso hatte
er, der Waldgeist, diese Absicht des Mannes nicht erkannt? Schließlich konnte
er hellsehen! Es rätselte hin und her, konstruierte theoreti-sche Modelle, das
Hellsehen im Landwald im Unterschied zum Hellsehen im Stadtwald betref-fend,
ohne sich Klarheit verschaffen zu können. Klar war nur das eine: er konnte
nicht mehr hell-sehen! Zuerst probierte er es immer wieder, dann gab er es auf.
Vorher hatte er sich aller-dings vergewissert, dass er seine zweite Fähig-keit,
nämlich die des Zauberns, nicht eingebüßt hatte. Also gut, er würde allein mit
der Zauberei zurecht kommen müssen.
Sie hatte
ihm interessiert zugehört und begann dann ihrerseits zu erzählen, dass sie
manchmal hellsehen könne und bereit sei, es mit ihm zusammen zu üben, damit er
vielleicht allmäh-lich auf ihre Stand käme, aber er lehnte ab. Manchmal
hellsehen zu könen, das genüge ihm nicht. Entweder immer oder nie! Er brauche
jetzt Fähigkeiten, auf die er sich verlassen könne, gerade weil er noch fremd in
der Stadt sei. Da sie nicht wusste, wie sie ihm helfen konnte, ging sie nach
Haus.
Am
nächsten Tag lief sie schon morgens in den Wald. Der Waldgeist nahm ein
Sonnenbad im Laub. Die intensive und nicht selbstverständli-che Herbstsonne
schickte Bündel von Strahlen durch die dichten Baumkronen, und genau da, wo die
das herabgefallene Laub berührten, hat-te es sich der Waldgeist bequem gemacht.
„Du kannst mir vielleicht helfen“, bestürmte sie ihn atemlos, „mir ist etwas
eingefallen.“ Der Wald-geist schien von
der Störung seines herbstli-chen Sonnenbades nicht gerade begeistert zu sein.
Da aber an seine Hilfsbereitschaft appel-liert wurde, nahm er sich zusammen und
fragte, um was es denn ginge. Sie erzählte ihm, dass sie gestern streit mit
ihrer besten Freundin ge-habt habe. Diese sei überraschend zu Besuch gekommen,
im Verlauf eines zunächst harm-losen Gesprächs plötzlich sehr starrsinnig und
beleidigend gewesen und schließlich mit den Worten davongelaufen: „Mich
brauchst du gar nicht mehr anzurufen.“ Sie habe sich ins Bett gelegt und zuerst
gar nicht schlafen können vor lauter Traurigkeit, aber dann sei sie doch
einge-schlummert und noch dazu mit einem wunder-schönen Traum beschenkt worden.
In diesem Traum kam die Freundin langsam auf sie zu. Lächelte, sprach kein
Wort, vollführte mit der linken Hand eine elegante, schwungvolle
Ab-wärtsbewegung, die so etwas wie „es macht doch nichts, alles ist vergeben
und vergessen“ bedeutete, nahm sie in den Arm, küsste sie auf den Wangen und
zum Schluß kurz und sanft mitten auf den Mund. Dann sei sie aufgewacht in
entspanntester, glücklichster Stimmung, ob-wohl sie natürlich wusste, dass
alles nur ein Traum gewesen war. Für sie
sei damit alles wieder in Ordnung. Sie wolle die Freundin nicht anrufen
oder mit ihr sprechen. Sie habe jetzt einfach so ein gutes Gefühl, und das sei
ihr ge-nug. Der Waldgeist war nachdenklich gewor-den. Er hatte während der
Schilderung überlegt, was er mit dieser Geschichte zu tun haben und wobei er
helfen könnte. Er fragte gleich danach. „Ist doch klar“, erwiderte sie sofort,
„Du musst mir in Zukunft die Träume zaubern!“
Der kleine
Waldgeist schüttelte so energisch den Kopf, dass die halbaufgerichteten
Stacheln schepperten. „Nein, laß mich damit in Ruhe. Eine Wohnung, ja, die
hätte ich dir gezaubert, das wäre eine Aufgabe für mich gewesen, aber du
wolltest es nicht. Irgendwelche Träume zu zaubern, darin sehe ich keinen Sinn.“
„Aber ich“, drängte sie ihn, „eine Wohnung kann ich mir selbst besorgen. Das
wird anstrengend, mühsam, aber ich werde es schaffen. Dafür brauchst du deine
kostbare Zauberkraft nicht zu vergeuden. Wer weiß, wie lange du sie über-haupt
noch haben wirst, denk mal ans Hell-sehen!“ Zu spät merkte sie, dass sie ihn
damit zutiefst beleidigt hatte. Aber wieso war er auch so eigensinnig und
lehnte alles, was sie vor-schlug, von vornerein ab? Sie musste eine Tak-tik
anwenden. Aber welche, Schmeicheln oder Herausfordern? Sie entschied sich für
eine Mischung aus beiden, und es gelang ihr, ihn zu überreden. Er war eben
gutmütig und hilfs-bereit.
Sie
vereinbarten, dass sie im Bedarfsfall zu der Bank im Wald kommen sollte, bei
der sie sich kennengelernt hatten, um ihm die Erlebnisse zu schildern, die ihr
Kummer bereiteten, und dass er ihr daraufhin in der folgenden Nacht einen
Entschuldigungstraum, so nannte er es, zau-bern werde. Sie praktizierten es auf
diese Wei-se eine ganze Weile. Der Waldgeist musste durchschnittlich einmal pro
Woche auf seine Zauberkraft zurückgreifen. Sie besuchte ihn allerdings
häufiger, um einfach so mit ihm zu-sammenzusein, und beide waren mit der
Situa-tion zufrieden, wenn auch der Waldgeist ab und zu zweifelte, ob es denn
wirklich sinnvoll sei, seine Zauberkraft für diese Entschuldigungs-träume zu
benutzen. Wenn er sie vorsichtig da-rauf ansprach, reagierte sie sofort gereizt.
Ein-mal machte er ihr den Vorschlag, doch lieber ihr eigenes Verhalten
bezüglich einer Situation zu verändern, und da wurde sie sehr böse. „Ich weiß
selbst, was ich zu tun habe. Ich brauche keine Verhaltensvorschläge. Du bist
nicht mein Psychiater. Du bist mein Zauberer. Entweder du zauberst oder du
lässt es sein! Ratschläge kann ich von dir nicht gebrauchen.“ Sie fühlte sich
ihm ein paar Tagen überlegen, denn sie hatte sich gerade eine neue Wohnung
besorgt, ganz allein, ohne fremde Hilfe und Zauberkraft. Sogar ihre
Zeitungssammlung hatte darin Platz. In zwei Wochen schon würde sie umziehen.
Der Waldgeist sprach ihr seine Anerkennung aus.
Nach dem
Umzug lockerte sich die Beziehung der Beiden. Ein Grund dafür war die Lage der
neuen Wohnung. Sie war mindestens sechs Kilometer vom Wald entfernt. Der
Waldgeist be-fürchtete von Anfang an, dass er nun nicht mehr so häufig besucht
werden würde, was seine Freundin zuerst abstritt. Aber er behielt Recht, sie
kam bald nur noch in den Wald, als sie einen Entschuldigungstraum benötigte.
Die klei-nen Treffen ohne Grund fielen weg. Manchmal beklagte sie sich sogar
über den weiten Weg mit der U-Bahn und dem Bus, den sie zurück-legen musste, um
den Wald zu erreichen. Den kleinen empfindsamen Waldgeist traf das tief. Er
fühlte sich sofort schuldbewusst. Wenn er doch bloß noch hellsehen könnte, dann
könnte er ihr so manchen Weg ersparen.
Ein
weiterer Grund für ihre seltener werdenden Besuche war ihre wachsende
Unzufriedenheit mit den Träumen, die er ihr zauberte. Sie wi-chen immer weniger
von der Situation ab, die sie ihm schilderte. Jedesmal, wenn sie ihn da-rauf
hinwies, zeigte er sich ratlos und nieder-gedrückt. Ohnehin war ihr
aufgefallen, dass er sich verändert hatte. Äußerlich erkannte man es daran,
dass er seine Stacheln überhaupt nicht mehr aufrichtete. Sie hingen kraftlos
und schlapp an ihm herunter. Und dann schien der Waldgeist seinen
Widerspruchsgeist verloren zu haben. Nie verteidigte er sich. Auf jeden
Vor-wurf, ob berechtigt oder nicht, reagierte er mit schuldbewußtsein. Sie fand
keine Erklärung für diese Veränderungen, so sehr sie auch über-legte.
Schließlich meinte sie, er verträge viel-leicht den Winter nicht, es sei ihm zu
kalt und trostlos im kleinen Wald in der Stadt. Als sie ihn darauf ansprach, beteuerte
er, das Gegenteil sei der Fall. Der Winter sei seine Lieblingsjah-reszeit und
hier besonders mild und abwechs-lungsreich. Irgendwann gab sie es auf und
stell-te ihre Besuche bei ihm vorerst ein.
Nach vier
Wochen brauchte sie unbedingt wie-der ein Traum. Es ging ihr so schlecht, dass
ihr kein Weg zu weit gewesen wäre, um zu dem zaubernden Waldgeist zu gelangen.
U-Bahn, Bus, ein paar Schritte zu Fuß, und sie stand vor dem Wald, lief sofort
hinein und auf die Bank zu. „Das ist schön, dass wir uns vor meine Ab-reise
noch einmal sehen“, empfing sie der Waldgeist. „Abreise? Wo willst du denn
hin?“ fragte sie erstaunt. „Zurück in der Landwald“, er-widerte der Waldgeist
entschlossen. „Das ist meine einzige Chance. Hier kann ich nicht blei-ben. Ich
passe nicht hierher. Ich hätte es früher wissen müssen, damals schon, als ich
merkte, dass ich nicht mehr hellsehen konnte. Mit der Zauberkraft ist derselbe
passiert. Du weißt doch, wie schwer ich mich in letzter Zeit mit dem Zaubern
der Träume tat, bis es dann gar nicht mehr klappte.“ Sie unterbrach ihn mit
be-schwichtigenden Worten, aber er fuhr fort. „Das Gute ist, dass ich jetzt
dahintergekommen bin, warum ich meine Kräfte verliere. Weil ich näm-lich so
viel gegen meinen Willen tue. Erinnerst du dich, ich war von Anfang an ggegen
die Ent-schuldigungsträume, habe mich aber überreden lassen. Aus Freundschaft
zu dir. Um dir einen Gefallen zu tun. Das war nicht gut. Nicht gut für mich,
jedenfalls.“ „Ja, aber wenn du das er-kannst hast, dann ändere es doch. Deshalb
musst du doch nicht von hier wegziehen“, schlug sie vor. Sie verspürte
plötzlich eine so große Angst, ihn zu verlieren, dass sie den ei-gentlichen
Grund ihres Besuchs darüber völlig vergaß. „Das habe ich mir auch überlegt“,
nickte er und schüttelte gleich darauf wieder den Kopf, dass die Stacheln
schepperten. Er hatte sie halb aufgerichtet. „Aber hier schaffe ich es nicht.
Auch nicht mit deiner Hilfe. Hier ist alles fremd und neu – immer noch. Hier
erkenne ich zu spät, wer es gut mit mir meint und wer nicht. Und was noch
schlimmer ist: hier erkenne ich zu spät, was ich will und was nicht. Ich kann
nicht mehr hellsehen, ich kann nicht mehr zau-bern, wer weiß, vielleicht werde
ich morgen schon nicht mehr laufen könen. Das Risiko ist mir zu groß.“
Er
verabschiedete sich von ihr und ging, nicht ohne ihr seinen zukünftigen
Aufenthaltsort mit-geteilt zu haben. Sie blieb noch eine Weile allein im Wald
auf ihrer Bank sitzen, bevor sie sich langsam auf den Weg zur Bushaltestelle
machte. Spätenstens im Frühjahr würde sie ihn an einem Wochenende besuchen.
Im Verlag Radu Barbulescu erschienen:
Eugen D. Popin, September
auf der Ponte Rialto, Gedichte, ISBN 3930672-63-4, 48 S., DM 11.75 / €
6.--;
Adnan Al Dhahir, Poems – Gedichte - -, drei-sprachig,
a. d. Arabischen v. Dr. Ali Mahan / a. d. Engli-schen v. Gisela Kirbach, ISBN
3-930672-65-0, 96 S., DM 20.00 / € 10.25;
Manfred Pielmeier, HaselmühL u. andere Ju-genderinnerungen,
Prosa, ISBN 3-930672-67-7, 80 S., DM 16.60 / € 8.50;
Radu Barbulescu, Mapuakhikotl – neue skurrile
Geschichten aus München, Bayern und sonst wo, ISBN 3-930672-70-7, 84
S., DM 16.60 / € 8.50;
Giulio Bailetti, Un soldato
da solo / Ein Soldat, alleine / Un soldat singur, Gedichte,
dreisprachig, a. d. Italieni-schen v. R.-F. Barth / a. d. Rumänischen v. Radu
Barbu-lescu, ISBN 3-930672-71-5, 80 S., DM 16.60 / € 8.50;
Siniša DRAGIN:
Jugoslawien
„Der Frühling
ist ein anderes Land“
Romanauszug
Wenn ich nicht schlafen kann, bleibe ich nur so im Bett liegen und denke nach. Ich denke über alles nach, aber am meisten denke ich über mich nach. Jetzt habe ich den Eindruck, dass mir vor dem Krieg nicht einmal bewusst war, dass ich, ich bin. Als ob ich jemand anderes gewesen wäre oder so als ob jemand anderes ich gewesen ist. Aber, sei unter uns gesagt, ich verspürte auch keinen Drang nach tiefen Gedan-ken. Alles verlief normal: die Arbeit, das Haus, das Feld bestellen; falls der Krieg nicht ausge-brochen wäre, hätte ich längst geheiratet, seit fünf Jahre sogar, vielleicht hätte ich jetzt auch einen Buben gehabt... Vielleicht wäre es besser gewesen, falls ich vor dem Wegziehen gehei-ratet hätte, aber wer konnte damals ahnen, dass alles so kommen würde? Auf der anderen Seite, alles hätte in Eile geschehen müssen und das mag ich wiederum nicht. Man wartet ein ganzes Leben lang und dann, hopp hopp, heiratet man in zwei Tagen. Das geht doch nicht. Was tut die Savka jetzt? Auch sie glaubt vielleicht, dass ich gestorben sei. Vielleicht rauft sie sich die Haare bei meinem Grabmal. Damals, als wir uns zuletzt umarmt haben, vor dem Bus der uns Freiwillige direkt in der Krieg fuhr, hat sie mir ins Ohr geflüstert: „Du sollst wissen, ich respektiere dich!“
Ich habe viel über ihre Worte nachgedacht. Nicht dass ich meine, es wäre nicht schön, von jemandem respektiert zu werden, aber es wäre mir viel wärmer ums
Herz geworden, falls sie mir etwas Liebevolles gesagt hätte, wie zum Beispiel: „Ich liebe dich und ich werde dir bis zu deiner Rückkehr treu bleiben“. Jetzt denke ich anders: wenn man in den Krieg zieht, gibt es die Wahrscheinlichkeit, dass man von dort gar nicht mehr zurückkehrt. Mir ist das nicht durch den Kopf gegangen, aber Savka hatte vielleicht daran gedacht. Der Krieg ist nicht das gleiche wie eine Militärübung. Obwohl einige auch davon nicht mehr zurückkommen. Mein Nach-bar von Gegenüber, Steva, wurde bei einer solchen Übung von einem Panzer überfahren. Er hatte sich in einem Busch versteckt, um ungesehen seine Bedürfnisse zu entledigen. Danach hat der Panzerfahrer erklärt, dass ihm Steva ein Ulmenast, der auf einem alten Baum-stumpf gewachsen war, zu sein schien. Sie haben ihn gleich zum Augenarzt geschickt. Alles war in Ordnung, und die Kommission hat das Urteil ausgesprochen: der Unteroffizier Steva Trivas – ein Meister der Tarnung – hatte Pech gehabt! Nach dem Unfall hat der Reservemajor – der in seinem zivilen Leben ein Metzger war – darüber sinniert: „Schaut mal, was der Mensch ist: ein Handvoll Scheiße, mit ein wenig Fleisch vermischt. Man könnte vor Ekel sterben!“
Ich konnte bis heute nicht herausfinden, an was Savka damals gedacht hat, als sie mir sagte, dass sie mich respektiere. Eine Variante wäre, dass sie an meinen Entschluß gedacht hat, mich freiwillig zu melden, aber Savka schien nicht die Person zu sein, die so etwas schätzte. Die Wahrheit ist, NIEMAND schätzte so etwas. Im Gegenteil: „Du Blödmann, du Saublöder, du Idiot, du blauäugiger Naivling... diese Schweine nutzen dich aus, du Ochse. Wach auf, sieh’ der Realität in die Augen“. Meine Mutter sagte mir damals: „Was willst du, Junge, was für ein armseligen Jugoslawien willst du verteidigen? Bleib zuhause, auf deinem Platz, dort wird gestorben mein Sohn, ich will nicht dass sie dich mir in einem Metallsarg zurückschicken“.
Ich erinnere mich wie erleichtert ich mich fühlte als ich den sich nähernden Bus sah, der die Freiwilligen aus unserem Landkreis abholen sollte: er war nicht leer. Falls ich so ein Blödian bin, wie andere sagen, dann schau mal, ich bin zumindest nicht der einzige. Es gibt in unserem Jugoslawien auch andere Männer wie ich. Als wir aus Novi Sad auf der Autobahn Richtung Belgrad wegfuhren, habe ich meine künftigen Waffenkameraden gezählt: achtundvierzig. Man trank Palinka ind sang „Genosse Tito, wir schwören Dir“. Ich konnte kaum meine Ge-mütstränen zurückhalten. In meinem Kopf vermischte sich alles: der Krieg, in welchen wir zogen, die rote Pionierkrawatte, die ich, ich weiß nicht warum, mitgenommen hatte, die Pa-linka, die Baracken in welchen wir im patrioti-schen Arbeitslager schliefen, Savka – die ich nicht versucht hatte, mir zu nehmen, die Tränen der Mutter an der Bushaltestelle, das Feld, das umgepflugt sein sollte.
Mich hat das Lachen überrascht, von wel-chem nach dem
Liedsingen, alle geschüttelt wurden: der Bus wurde geschüttelt, sogar der
Fahrer – ich sah sein Gesicht im Rückspiegel – lachte sich krumm. Ich habe mich
von dem Sitz erhoben: „Was ist so komisch?“, brach ich her-aus, beinahe bereit,
mich mit allen achtundvier-zig künftigen Waffenkameraden zu schlagen. Ein neuer
Lachanfall. Der Offizier, der uns führte, drehte sich um: „Setz dich, du
Blöd-mann!“ Ich habe mich hingesetzt aber ich fühlte wie mich etwas aufs Herz
drückte. Ich habe je-manden erkannt: Rale der Hässliche, den Kopf glattrasiert,
mit einer Narbe am Ohr, so, als ob jemand versucht hätte, ihn entzwei zu
schnei-den. Was will er auch hier, dieser Bauerntölpel? Er hat meinen Blick
bemerkt. „Grüß’ di’, Nach-bar! Bist heit’ ziemlich aufgekrazt“. Ein anderer ist
eingesprungen: „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Er wird sich auch
entspannen, und wie, wenn wir ankommen werden“. Rale zwin-kerte ihm zu. „Mir
würde auch so eine Art Ent-spannung gerade recht kommen, wenn möglich, mit
einem Mädchen“. Im Bus schallte wieder Gelächter auf. „Mit einer Kroatin oder
mit einer Muslimin?“ „Mir gleich. Nur große Titten soll sie haben“.
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Aus dem Serbo-Kroatischen von Ruxandra Lambru und
Georgina Ecovoiu Aus dem Rumänischen
von Radu Bărbulescu.
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Redaktion Nekati
Mert, Am Lorenzberg 9, 66121 Saarbrücken. Tel. 0681 / 81 72 32 * Fax 81 72 29
www.bruecke-saarbruecken.de
Titu
POPESCU
Dachau
EIN
TREFFEN IN VENEDIG
Von den Touristen überschwemmt, schwankte
Venedig auf den Wellen der Lagune wie ein riesiges Traumschiff, dass mit der
Leine, die den Namen Ponte della Liberta trägt, am Kai festgehalten wurde. Wir
waren so früh in der Piazza San Marco angekommen, wie es uns das Auffinden
eines Parkplatzes in der Piazalle Roma und die geruhsame Zick-zack Fahrt des
Vaporettos zwischen den Gondeln auf den Canal Grande erlaubt hatte. Unsere
vermeintliche Eile, so wie man es in Venedig nennen konnte, sollte uns nicht
vor den Riesenwellen der Besucher retten, die fatal für die müde Ehrwürdigkeit
der Lagunenstadt ist, sondern meinem Begleiter und Freund Vasile, dem Maler,
die Möglichkeit einer Stunde von matinalem künstlerischem Studium zu
verschaffen. Um den Lichteffekt festzuhalten, der von den sich zwischen den
architektonischen Unregelmäßigkeiten des berühmten venetianischen Vierecks
durchzwängenden Sonnenstrahlen erzeugt wurde, hatte er seine Staffelei auf
jener Seite des San-Marco-Platzes, die dem Kanal gegenüber steht, aufgestellt.
Weil ich ihm nicht über die ganze Dauer seines schöpferischen Experimentes, das
den ganzen Tag lang dauern sollte, Gesellschaft leisten konnte, bin ich alleine
losgegangen um jenes Labyrinth aus Gassen, Kanälen, Brücken und kleinen Plätze
zu erkunden, das die zentrale Zone zwischen dem San Marco Platz, der Ponte
Rialto und der breiten Umarmung des Canal Grande darstellt.
Als ich am Nachmittag zurückkam, sah sich
Vasile sein Bild und den Platz nachdenklich an. Er schien an einer Inspirationspanne zu leiden, die
mehr nach Unschlüssigkeit als nach Besorgnis aussah. Ich kannte das stumme
Nachdenken, das ihn am Ende einer Arbeit ergriff, also fing ich
gar
nicht erst an, ihm mit meinen touristischen Impressionen zu stören und widmete
mich selber dem Studium des Bildes das in ihm jene unschlüssige Meditation
verursachte. Das Bild beinhaltete ein sensationelles, geheimnisvolles Venedig,
in einer analytischen Komposition in welcher das ewige Alter der Stadt und die
Schwere der Gemütslagen die von ihr ausgehen ihren Ausdruck hatten. Die
Atmosphäre des Bildes war ein merkwürdiger Übergang von einer diffusen,
morgendlichen Umnebelung zu einem brutalen, schrägen Schnitt des Lichtes durch den
von den Mauern geworfenen Schatten, von der glänzenden Widerspiegelung der
Pflasters zu einem obskuren Blau, das von dem Meer auf die Kuppeln der
San-Marco-Kirche reflektiert wurde. Die atemberaubende Animation des Ortes war
bis auf einige dünne Silhouetten reduziert, die die Monumentalität des Blickes
über die Umgebung nicht störten; nur im Zentrum des Platzes, dort wo sich
normalerweise die Gruppen der begeisterten Besucher konzentrierten konnte man einige Gesichter ausmachen. Das
architektonische Ensemble des Platzes war gleichzeitig betrachtet, in einer
Überlagerung des unteren Registers, das von dem schrägen morgendlichen Licht
stufenweise aufgedeckt wurde und des oberen Teils, der aus obsessiven,
irgendwie konzentrischen Verlängerungen der maurischen Dantellerien des Dogen
Palastes, der Türmchen und Kuppeln der San-Marco-Kirche und der zwei langen
gezackten Höhen, die vom Uhrenturm stammen, bestand. Umso strenger und klar sah
man sie auf dem Platz, umso unschärfer und verschwommener war die Silhouette
des Campanille dargestellt. Das Bild von Vasile war eher eine Meditation über
Venedig, eine Frage über den Sinn der Malerei und eine sarkastische Bemerkung
über das Schicksal des Menschen.
Als ich mich vorbereitete, ihm das
„Venedig“-Sonett von Eminescu als Antwort zu rezitieren, trennte sich von der
bunten und anonymen Menge der Besucher die vorbeigingen oder auch hin und
wieder stehen blieben um sich das Bild anzuschauen ein Mann, der sich Vasile
näherte und ihn, als ob er ihm eine wohlbekannte Tatsache mitteilen würde,
fragte:
„Sind Sie Rumäne?“
Für
einen Augenblick nahm der nachdenkliche Blick von Vasile den Ausdruck einer
rührenden Unbehol-fenheit an. „Ja, aber woher...“
Der
Unbekannte unterbrach ihn, wobei er ziemlich selbstsicher schien: „Ich weiß, was
ich sage. Ich kenne mich aus. Ich bin ein Dichter, ich meine, ich schreibe
Gedichte. Ich bin der Vorsitzende des literarischen Kreises „Panait Istrati“,
aus Braila. Ich habe ziemlich viel veröffentlicht, nicht nur Dichtung. Aber in
meiner Seele bin ich ein Maler, ich fühle es, nur die Hand hilft mir nicht
dabei. Falls...“
Überrascht,
wie ich, ließ ihn Vasile nicht weiterreden:
„Ja,
aber woher wussten Sie, dass ich Rumäne bin?“
„Aufgrund
des Bildes“, antwortete sogleich unser Landsmann.
Bis aufs äußerste gereizt, drehte sich
Vasile mir zu, die Unmöglichkeit zu
verstehen stand ihm ins Ge-sicht geschrieben. Er flehte mich mit den Augen,
tief verunsichert, an, etwas zu tun. Was konnte ich aber tun, als die von ihm
gestellte Frage zu widerholen? Als er sah, dass er uns zur genüge hatte
schmoren lassen, sprach der Dichter aus Braila
sich aus:
„Ich bin vor zwei Jahren ausgewandert;
gerade heute, den 9. August sind es zwei Jahre. Manche Dinge hab’ ich
vergessen, andere haben sich mir tiefer in die Seele geprägt. Schauen Sie sich
diesen Campanille an“, sprach er - diesmal uns beide - an: „An was denken Sie,
wenn Sie ihn sehen?“
Wir haben zu dritt das Bild betrachtet:
wir beide, als ob wir vom Lehrer mit einer unangekündigten Prü-fung
konfrontiert würden, er selber sieges-bewusst: „Mit der Brancusis-Säule! Sie
haben ihn mit der Seele gemalt, und dann haben Sie Sehnsucht be-kommen. Ich
bitte Sie mir zu glauben, so ist es gewesen!“
Die Vermutung des Dichters fing an, mich
nach-denklich zu stimmen. Indem ich nochmals das Bild ansah, fing ich an zu
glauben, dass er entweder Recht hatte, oder zumindest haben konnte. Die
konfuse, zwielichtige Art in welcher der Campanile dargestellt war, konnte zu
einer solchen Annahme führen. Das Schatten- und Lichternetz welches auf den
Platz fiel und dann von den gegenüber liegenden Bauten, mit der Spiegelung des
Campanile auf den glänzenden Platten vor der Kirche verflocht, das längere
Alter des Bildsubiektes und die aus der überlagerten Komposition resultierenden
Unterschiede kleideten den Turmbau in eine Überschneidung von Winkeln und
dunklen Oberflächen, manche von ihnen nur angedeutet, die auf seiner glatten
Oberfläche eine aufwärts strebende Kette von übereinander gelegten Rhomben
bildeten. Alles war aber nur diffus zu erkennen, als ob es vom Inneren des
Campanile kommen würde, wie ein verstecktes, eher erahntes Strukturelement. Man
konnte es also auch in diesem Sinne interpretieren. Es könnte doch das
unhörbare Echo eines inneren Raunens oder das unbeabsichtigte Muster eines unbewussten
Rufes sein. Oder war es nur ein zufäliges Spiel der Oberflächen? Was man aber
mit Sicherheit sehen konnte, war die Unbeholfenheit des Malers darauf zu
antworten. Er selber schien eher auf eine Erklärung meinerseits zu warten.
Während dieser Zeit, als wir nach jener
Realität suchten, die uns zu der Offensichtlichkeit einer Absicht führen
konnte, schaute uns unser Landsmann mit der Zufriedenheit des Siegers an. Als
er der Meinung war, dass wir genügend eigene Einsichten hatten, um ihm Recht zu
geben und dass das Geschprächsthema abgeschlossen werden konnte, verspürte er
den Wunsch, uns den Grund seiner Anwesenheit auf dem venetianischen Platz zu
erklären.
„Eigentlich bin ich Matrose von Beruf “,
fing er an uns ins Vertrauen zu nehmen, während wir immer noch in Gedanken versunken waren. „Da aber alle
wussten, dass ich Gedichte schreibe, war ich auf dem Kulturschiff, welches die
Bibliotheken zwischen Sulina und Turnu Severin belieferte, angestellt. Ich
werde niemals mehr so viel Zeit zum Lesen wie damals haben. Dann aber wurden
Personalein-sparungen vorgenommen und das Kulturschiff wurde abgeschafft...
Haben Sie vielleicht eine Zigarette für mich?“, fragte er mich, nachdem er
merkte, dass Vasile Nichtraucher war.
Interessiert an der Geschichte seines
Lebens habe ich ihm gerne eine gegeben. Er wartete nicht dass wir ihn einluden,
fortzufahren.
„Dann wurde ich auf einem Handelsschiff
angestellt, das die Donau befuhr. Es war eine schöne Arbeit, aber ich konnte
den Druck und die ständige Über-wachung am Bord nicht mehr aushalten. Nicht nur
die Profis haben sich an der Überwachung beteiligt, sondern auch die anderen,
aus Dummheit. Dann habe ich mich entschlossen, in den Westen zu flie-hen. Bei
einer Rückkehr nach Braila habe ich dort meinen Cousin Hristache getroffen, der
als Matrose auf einem Handelsschiff, das im Mittelmeer verkehr-te, arbeitete.
Ich habe ihm meinen Entschluß anver-traut und er hat mir gleich zugestimmt und
gesagt, er wolle zusammen mit mir Vaterlandflucht begehen. Unser Ziel hieß
Amerika. Dann haben wir uns verab-schiedet. Ich bin die Donau hinauf, er durch
den Bosphorus, nach Marseille gefahren. Wir haben da-mals beschloßen, dass
jeder das Seinige tun sollte und wir uns nach zwei Jahren, das wäre heute,
am 9. August, hier in Venedig treffen
würden, um nach Amerika zu fahren. Ich habe etwas Geld zur Seite gelegt“.
Also, gerade heute, dem 9. August, sollte
unser Dichter seinen Cousin Hristache treffen, so wie sie es vor zwei Jahren in
Braila beschlossen hatten! Wir waren von seinem abenteuerlichen Bericht
derma-ßen fasziniert, dass wir die Geschichte mit dem Bild fast vergessen
hatten.

„Ich suche seit heute Morgen nach ihm,
aber es ist nicht verwunderlich, dass ich ihn in diesem Gewimmel nicht finden
kann“, setzte er selbstsicher fort, indem er die Touristenwogen auf dem
San-Marco Platz im Auge behielt. Aufeinmal hörten wir ihn dann aber plötzlich
rufen:
„Schau, das ist unser Ristica!“, dann um
sich zu entschuldigen: „Wissen Sie, so nannten wir ihn zuhause, Ristica...“
Wir schauten in die Richtung seines
ausgestreckten Armes und blieben erneut unschlüssig. Der Dichter zeigte mit dem
Finger in die Mitte des Bildes.
„Der in der Mitte, blond und mit einer
Glatze, dass die Sonne drauf wie in einem Spiegel strahlt. Das ist Ristica! Sie
haben ihn gesehen“, sagte er erfreut dem Maler.
Vasile suchte eine Erklärung, um sich zu
entschul-digen: „Wissen Sie, ich habe nicht einen bestimmten Menschen gemalt.
Ich habe eher über die Menschen hinweggesehen...“
„Das gibt es doch nicht“ antwortete
selbstsicher und fröhlich unser Matrose. „Das ist Ristica, ich kenne ihn doch!
Ich laufe hin, ihn zu treffen!“ – er nahm unsere Hände und schüttelte sie
herzlich, glücklich seinen Cousin aus Braila wiedergefunden zu haben.
Er tat einige Schritte in die Richtung der
Platzmitte, dann hielt er abrupt an, als ob ihm etwas eingefallen wäre. Er ging
zu Vasile und fragte ihn, mit einer offensichtlichen Absicht:
„Wollen Sie mir ihre Adresse geben?“
Gleichzeitig erstaunt, amüsiert und
neugierig zog der Maler eine Visitenkarte aus seiner Hemdbrusttasche und gab sie ihn, mit einem freundlichen
Lächeln.
„Ich möchte Ihnen eine Postkarte mit der
Frei-heitsstatue schicken. Sie sollen sie ganz oben auf die Brancusis-Säule
malen!“ sagte der Matrose noch, dann verlor er sich endgültig in der Menge.
________________________________
Aus dem Band „Povestiri din Italia“, Verlag Radu
Bărbulescu, München 1990. Dt.-Übersetzuing von Radu Bărbulescu
Victor
LOGHIN
Konstanza
Die Möwe
Yôjin Ki*
„Die Anwesenheit der Möwen störte mich: ich habe sie mit Steine vertrieben. Und ich habe verstanden, dass ihre unnatürlich spitzen Schreie genau dass waren, was mir fehlte, dass nur das Schrecklichste mich beruhigen konnte und dass ich, nur um es zu treffen, schon vor dem Sonnenaufgang aufgestanden war.“
Emil Cioran
Er hatte sich schwer an sie
gewöhnt. Ihr raues Geschrei, manchmal dem einer hysterischen Frau allzu
ähnlich, hatte ihm viele Nächte verdorben, insbesondere deshalb, dass sich
irgendwo auf dem Dach des gegenüber liegen-den Hauses ein Nest befand. Er war
von dem krassen Unterschied zwischen den Eltern und Küken, die letzteren
ungelenk in ihren Bewe-gungen, unansehnlich in ihrem schmutzigbraun-en
Federkleid, scheinbar zu einer anderen Spezies gehörend, unangenehm
beeindruckt.
Danach, mit der Zeit, hatte
er sich damit abgefunden und er fing an, ihnen Futter auf das Geländer des
Balkons zu stellen, aus dem egoistischen Wunsch heraus, sie aus der Nähe
betrachten zu können. Majestätisch in ihren glänzenden grau-weißen Federn, die
im krassen Kontrast zu den ockerfarbenen Augen und Krallen standen, sie
beäugten ihn misstrauisch mit jenen gläsernen Augen, auf jede seiner Bewegungen
achtend, ohne aber zu zögern das hingestellte Futter schnell zu verschlingen.
Es gab ihnen eine Mischung von Schönheit und Vulgarität die ihn faszinierte und
ließ ihn den Seemannsgarn vergessen, der über das Aus-picken der Augen von noch
lebendigen Schiffs-brüchigen erzählte. Er lebte allein und er vertrieb einen
großen Teil seiner Freizeit damit, sie auf seinem eigenen Balkon oder sonst wo
zu beobachten, wie sie durch den Müll stöberten, sich von den Wellen schaukeln
ließen, oder in den Böen der stürmischen Winde Slalom segelten.
Alles ging so bis an einen
Tag.
An jenem Nachmittag, allen
anderen gleich, ging er auf den Balkon um sich etwas zu holen. Eine Riesenmöwe,
die größte, die er bis damals gesehen hatte, hüpfte auf den selben Platz, als
ob sie ihn anlocken wollte. Er näherte sich auf Zehenspitzen und sprang ihr in
den Rücken. Sie hob plötzlich ab und tauchte in die Tiefe des achtstöckigen
Hauses. Er fühlte sein Magen in die Kehle steigen und krallte seine Finger in
den Federn des Vogels fest.
Sie stiegen in die Höhe und
flogen über Wohnviertel und Gärten, sie überflogen die Müllkippe der Stadt, wo
sie von den Abertau-senden spitzen Schreie der Artgenossen begrüßt wurden. Dann
kehrten sie im Richtung Stadt zurück. Er hatte noch Angst aber es fing auch an,
ihm zu gefallen. Er schaute nach unten ohne aber aus jener Höhe viel zu
erkennen. Bis dahin war er wie alle anderen über den Straßen des Städtchens
gekrochen, selten und unnötig nach oben schauend, nach Jemanden, an den sie
nicht glaubten, ihre Hilferufe richtend.
Jetzt war es anders. Er sah
die Welt mit ande-ren Augen.
Sie flogen über den
Hauptboulevard, hin und zurück, in breiten, welligen Kreise. Die Luft pfiff
angenehm um die Ohren. Es war nicht kalt. Es war sogar gut.
Auf dem Gehsteig auf einer Seite des Boule-vards lief eine Kolonne von Engeln und vie-lleicht auch Heilige. Ihr ständiges Hin- und Her-laufen wirkte insbesondere wegen der weißen, zu weißen Spuren, die sie hinter sich ließen, ermüdend. Auf dem gegenseitigen Trottoir, tummelten sich ohne einen erkennbaren Zweck, mehrere Gruppen von hierarchisch unterstellten, schwarzlackierten Teufel. Dazwischen, in einem chaotischen, brown’schen Durcheinander be-wegten sich Menschen, die aus jener Höhe lang-weilig gleich aussahen. Sie kamen und gingen ziellos, von Nirgendwo nach Egalwo, sie prall-ten aneinander und wurden aufs geradewohl zurückgeworfen. Von Zeit zu Zeit, berührte einer von ihnen, der nicht aufgepasst hatte, die Bordsteinkante und wurde auf den Gehsteig ge-sogen, wo er plötzlich in den weißen oder schwarzen Wellen verschwand. Für einen Au-genblick ging ihm durch den Kopf, dass auch er öfters auf dem Boulevard gelaufen war, aber dass er ihn nicht so gesehen hatte.
Er zuckte mit den Schultern:
jetzt, von hier aus, scherte es ihn wenig was unten geschah.
Wann und wie er nach hause gekommen ist, hat keine Bedeutung.
Sicher ist aber, dass er
seit jenem Tag, ohne es ihm richtig bewusst wurde, den Boulevard mied.
Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu
Ovidiu DUNăREANU
Konstanza
Geisterhafte
Schatten in der Abenddämmerung
Die
Lästermäuler wussten zu berichten, dass nur die leidenschaftliche Liebe für
dasselbe Prachtmädchen in den Herzen von Gogu Stan-ciu und Costica Bubamustata
den bitteren Sa-men des Zwistes eingepflanzt hätte. Es war eine trübe, vor den
Augen der Leute argwöhn-isch geschützte Feindseligkeit, wie jene die sich in
der Jugend aus irgendwelchen Nichtigkeit zwischen Freunden entfachen kann, um
dann ungesehen lebenslang in der Tiefe zu glühen. Trotz aller Vorsicht
ihrerseits, wusste das ganze Dorf darüber bescheid, obwohl keiner sagen konnte
zu welchem genauen Zeitpunkt das alles angefangen hatte. Auch wenn der eine
oder der anderen ihnen gesagt hätten, dass Feindschaft zu nichts gutes führe
und dass es für beide besser sei, ein für alle Mal Schluß damit zu machen,
haben sie den Rat von niemandem angenommen und führten ihren Kampf noch
unerbittlicher fort, so wie es ihnen durch den Kopf gegangen ist.
Stanciu
hatte eine Kinderschar, die meisten Buben; wenn sie, weizenblond, halb nackt
und mit einem Stück Maisbrot unter dem Arm
auf die Gasse zum spielen hinausquollen, füllte die Sippe der Platz vor
dem Steinbrunnen auf. Seine Frau,
Svetanca, konnte man nicht als Schönheit bezeichnen aber Gott hatte ihr einen
großen, gönnerhaften Leib geschenkt. Kaum hatte sie, in einem Jahr, ein Küken
in die Welt gesetzt, fing sie unverzüglich an, ein anderen zu brüten. Seit
zwölf Jahre, seit dem sie verhei-ratet worden sind, ist sie von einer
Mutterschaft zu anderen gegangen. Schlank und großge-wachsen, mit grünem und
schlauen Blick, klug und ehrlich, schritt Gogu seines Weges schnell und auf den
Zehenspitzen ohne dass es ihn scherte, an wem er vorüber ging.
Bubamustata
hatte auch eine Frau und zwei Kinder. Er war noch größer und hübscher, ge-nauso
jung, heiß und eitel, mit pechschwarzen, sündigen und misstrauischen Augen. Das
Muttermal oberhalb der Lippe, von welchem er seinen Spitznamen hatte, zog die Mädchen und die leichtsinnigen
Frauen an, so dass sie ihm bis zum Halsbrechen nachliefen.
Serina,
der Zankapfel, wohnte wie eine Ein-siedlerin in einem isolierten Haus am Rande
des Dorfes. Der von den strengen Stämmen einiger alten Nussbäume bewachte Hof,
stürzte, zusammen mit dem gelben, steilen Lehmufer, an dem das Hochwasser
nagte, nach und nach, Stück für Stück in die Donau. Hinter dem Hof, in Richtung
von Valea Calda erstreckte sich eine wilde Ecke mit blauen Reben gepflanzt.
Dort in jenem verwilderten Hof und Weinberg sahen sie sie alle von früh bis in
die Abenddämmerung wie sie alleine, mit einem gebundenen, roten Kopftuch, fast
wie ein Mann werkelte.
Gegen
Abend, nachdem die Leute sich er-schöpft zu ihren Schlafstätten begeben hatten
und die menschenleere Umgebung des Dorfes erstarrte, stieg sie nackt die
Lehmstufen hinter dem Garten herab und
badete in der Donau.
Unter dem
schwachen Mondlicht hieß sie den Fluß in der Intimität seiner Wellen
willkommen. Seine Umarmung umwickelte sie wie Samt, ein wohliges Gefühl von
Kühle und Gefallen durch-drang ihre Seele und ihren Leib und verjagte die in
ihr versteckte Hitze und die Müdigkeit indem es die Ströme einer in ihrer
Unschuld unbe-grenzten Glückseligkeit frei ließ.
Die
Fischer aus Turtucaia, aus den Sippen von Cantaragiu und Caldare, die sich mit
ihren Net-ze verspätet hatten, von der Fiebrigkeit einer unbestimmten Erwartung
besessen, hielten ihre leichten Booten in der Weite des Flusses ste-hen, indem
sie gegen den Strom ruderten und beäugten sie wie verhext an. Sie waren nicht
die einzigen, die ihr nachspähten. In den Gra-ben der Ziegelei, in der
zerbrochenen Holzmu-schel der Fähre, die in Pipas Furth schiffsbru-chig
geworden war oder hinter den schilfbe-deckten Dächern der Eiskeller saßen auch
an-dere, Junggesellen oder gestandene, verheira-tete Männer versteckt, die von
Serina verzau-bert worden waren. Wenn ihre Zungen locker wurden, erzählten
alle, dass als die Wellen über ihre Schultern stiegen und ihre Zehenspitzen den
Sand nicht mehr berührten, das Mädchen untertauchte mit den Augen von einem
selt-samen Leuchten erfrischt.
Das Schwirren der Drosselschwärme,
ein lila Pulver, über den Inseln und den Wäldern, das Schlürfen der Gewässer in
den Kratern der Wasserstrudel oder sein Plätschern über das Geröll, das
sekundenschnelle Springen der jun-gen Welse an der Oberfläche, so als ob man
zwei Steine einander schlagen würde, der Rum-mel und die Schreie der Kormorane
an der Mündung des künstliches Fischfangdeiches von Sfarsituri verschwanden ihr
plötzlich aus dem Gehör. Es schien, als ob die weiche Stille eines bauschigen
Baumwollfeldes ihre Ohren ver-deckte und sie langsam in die Tiefe schob. Von
einem Drang belebt, den sie nicht verstehen konnte, glitt Serina mit der
Leichtigkeit und der Geschmeidigkeit eines Fisches unter den Netzen und den
Boote der Turtucaia-Leute durch und verschwand in Richtung der, den Fischer
bekannten, Verstecke am Ende der Pacuiul-Mic-Insel.
Und auch gegen Abend haben einige
Wald-arbeiter, die auf dem Talchia-Arm entlang eines schmalen Strandes
ruderten, zufällig ein unna-türliches, von einer beunruhigenden Schönheit
geprägtes Wesen getroffen: ein Engel, der aus dem Himmel auf den Sandkern der
Gewässer gestürzt war. In seinen glatten Haare blitzten Regenbögen und sein
Blick, die Haut der Arme und des Körpers und die Schuppen seines un-heimlichen,
Meerjungfrauschwanzes warfen bläuliche, märchenhaften Lichtlanzen. Ein frem-der
Dunst lag über dem Fluß und verstellte mit seinem Zittern den Blick. Am Bug des
Bootes zusammengepfercht, in Schweiß gebadet, ohne einen Laut von sich zu
geben, saßen die Männer mit offenen Mündern. Sie hatten nie-mals zuvor so etwas
gesehen und vielleicht würde es ihnen auch von da an niemals wieder außer
vielleicht im Traum vergönnt, so ein Wun-der wieder zu sehen.
Als sie sie so nah sah, gab der
überraschte Geist einen spitzen Laut von sich und ver-schwand, indem er nur
einige Schwanzbewe-gungen machte, ins Wasser.
Zurück im Dorf erzählten die
Augenzeugen, dass das Aussehen der Meerjungfrau, die sie getroffen hatten, ein
Spiegelbild Serinas, des einsamen Mädchens mit rotem Kopftuch vom Rande der
Ortschaft, gewesen sei...
Die Liebe, die Costica Bubamustata
und Gogu Stanciu für Serina fühlten war wie ein Feuer: eine unausgesprochene,
quälende Liebe, die sich mit der Zeit als unheilbar erwies. Genauso wie die
Feindschaft zwischen ihnen als ohne Heil zu sein schien.
Die zwei zeigten niemals den Leute
offen, wie stark sie sich gegenseitig verachteten. Sie stritten nicht und sie griffen sich nicht an, auch dann nicht
wenn sie sich alleine in den Mooren oder auf dem Feld trafen oder als sie in
die Kneipe Nicu Caraculeas Rücken an Rücken auf ihren Stühlen saßen und auch
dann nicht, als sie sich von Angesicht zu Angesicht trafen, als sie die, von
den Hunden und Hühnern in den Zaun, die ihre Höfe trennte, gemachten Löcher
stopften. Sie taten so, als ob sie sich nicht kennen würden und das war’ s.
Einige Male im Jahr, als es zu
Abend däm-merte, angespornt von den Gift, der ihnen in den Augen und in den
Venen koch, liefen sie stumm, als ob sie sich darüber verständigt hätten, auf
den Hügel oberhalb des Dorfes, auf die Wiesen. Dort ließen sie ihre Hengste,
die bis dahin ruhig miteinander gegrast hatten, frei und verschwanden dann so
wie sie gekommen wa-ren, jeder seines Weges.
Von den Seilen und Ketten befreit,
ineinander verkeilt, fingen die Füchse und Schwarzen an, sich mit einer
unvorstellbaren Wut und Grau-samkeit zu bekämpfen. Es waren prächtige, feurige,
gewaltige Hengste, dem Wesen ihrer unbeugsamen, freien und leidenschaftlichen
Herren ähnlich.
Sie stießen in den Mond mit den
Vorderhufen, sie schlugen und sie bissen sich gegenseitig in den Nacken. Aus
ihnen sprühte Feuer. Die wirbelnden Mähnen schnitten wie Sicheln in den Himmel.
Einige Augenblicke später stürzte
die Horde im Tal hinunter und beherrschte wie eine gewalti-ge, plötzliche
Überschwemmung die Gassen des aufgeschreckten Dorfes. Die Zäune krach-ten
gewaltig. Unter dem Stahl der Hufe tobte die Erde wie der Donner. „Läuft weg!
Die Hengste kommen!“ Raucherscheinungen, die die Däm-merung wie Pfeile
durchbohrten. Die Luft zitterte vor Wiehern und Geschrei. Die langen Krallen
der Panik bohrten sich in die Brüste. Menschen und Tiere niemand blieb noch in
der Gasse stehen, Jung und Alt, alles verschwand, atem-los, in den Höfen...
Der
Wirbelwind der Pferde verebbte. Die leer-gefegten Gassen sahen wie nach einem
Krieg aus. Lange Zeit danach trauten sich Mensch und Vieh nicht, nach draußen
zu wagen.
Man wusste nicht und es
interessierte auch nie-manden, wessen Hengste gesiegt hatten. Er-schöpft, voll
Blut und Schaum, beendeten die Rösser vor den eigenen Hofpforten, den Kampf.
Costica Babamustata und Gogu Stanciu gin-gen gleich hinaus, riefen sie den
Namen nach und führten sie, indem sie ihnen liebevoll und zufrieden mit der Hand
auf den Rücken klatsch-ten, in dem Innenhof. Dann banden sie sie an ihren
Zügeln in die Stallungen, säuberten sie und sorgten um ihre Wunden, fütterten
und tränkten sie königlich.
Um die Höfen der beiden Rivalen
herum, in der feuchten, klaren Herbstnacht atmete das Dorf erleichtert auf. Es
wusste, dass der nächste Kampf erst spät nach dem Winter, im kommen-den
Frühjahr, stattfinden sollte.
Um dieselbe Stunde stieß sich eine schlanke Gestalt, die ein Funke reinsten, aus den Ster-nen entsprungenen Lichts zu sein schien, vom unteren Rand des von Nussbäumen beschatte-ten Ufers ab und tauchte in dem ununterbro-chenen, tintenfarbenen Fluß unter...
Aus dem Rumänischen: Radu Bărbulescu
Radu BĂRBULESCU
Als die
Kuh noch nicht heilig war
Ich und
mein Geschäftspartner Rabindrasutra Dschimbim hatten einen schweren Arbeitstag
hinter uns. Wir mußten uns etwas besonderes für unser virtuelles Restaurant einfallen
lassen. Eine ganze amerikanische Regierungsdelegation, die mit unserer
europäischen Regierung über das schwierige Thema des bilateralen
Kosmetikhandels verhandeln mußte, war uner-wartet zu uns gebeamt worden.
Stellen Sie sich vor: in ganz Brüssel hatten die von Oben keine Kneipe
gefunden, die sich mit den historischen amerikanischen Essgewohnheiten
auskannte! Das ist stark! Und daß sie gerade uns, in München aufgestöbert
haben, lag vermutlich daran, daß es in dem großen europäischen Ultrarechner
einen Infofehler gab: Nämlich, daß München immer noch als Standort einer ganzen
amerikanischen Division galt! Ein Jahrhundert später spuckte dieses riesengroße
Mistgerät eine Sache aus, die schon dem Mittelalter an-gehörte! Ich meine
nicht, daß menschliche Gehirne viel besser seien. Ende des vorigen Jahrhunderts
glaubten noch einige Amis (wie sie damals genannt wurden), daß in Deutsch-land
immer noch die Nazis an der Macht wären! Und sowas stimmte natürlich nicht. Ich
weiß es selber aber nur so genau, weil ich, im
Ge-gensatz zu vielen
anderen Zeitgenossen, das
Risiko auf mich genommen habe, mir mit vierzehn Jahre noch das bionische
Geschichts-implantat verpassen zu lassen. Deshalb sehe ich in die Augen der
Frauen nicht gerade anziehend aus: Die drei Beulen (früher hätte man sie Hörner
genannt) auf meinem Kopf - eine für
Allgemeinwissen, die zweite für die Gedankenpolizei, die dritte eben
voller Ge-schichte und Geschichten, erzeugen selbstverständlich Unbehagen in
einer Welt, in welcher Otto-Normalverbraucher sich mit zwei Beulen (Hörnern) begnügt.
Aber Nazis in Mün-chen, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts?!!! Neee,
ausgeschlossen, weit verfehlt, meine Damen und Herren! Mein Geschichtsimplantat
beinhaltet kein Bit darüber!
Sei es wie
es sei, aber daß wir zwei arme Würstchen plötzlich mit achthundert
Bestellun-gen eines altamerikanischen Menüs konfron-tiert wurden, war kein Kinderspiel!
All das von höchster Stelle, von Brüssel aus, angeordnet! Da konnte man,
Abscheu, Grusel oder nicht, das Geschäft nicht platzen lassen.
Wir saßen
also nach getaner Arbeit, Rabin-drasutra Dschimbim und ich, ganz entspannt
vor den Konsolen unseres kleinen aber feinen Restaurants, und genossen das
friedliche Bild, das sich durch das Schaufenster vor unseren müden Augen
abspielte. Wir hatten unsere Konsolen in einem uralten Lokal, dessen Fen-ster
sich zu dem noch urälteren Englischen Garten hin öffneten. Die
Sonne stand über den Kronen der alten
Bäume, zwei ganz kleine, weiße Wölkchen schwammen am blauen Himmel. Ich
erinnerte mich an zwei Zeilen unseres Urlieds: „Und erhalte unsern Himmel / In
den Farben Weiß und Blau...“
„Dschimbim,
kannst Du dir so was Barbari-sches vorstellen?“
„Was soll
ich mir vorstellen, Sahib?“
Dschimbim
pflegte mich mit „Sahib“ anzu-sprechen, um unsere Freundschaftsbeziehung zu
unterstreichen. Er war mindestens genauso bajuwarisch wie ich, nach vier Generationen
Dschimbims, die hier wohnten. Und der glorreiche Kapitalismus hat schon seit
langem alle Unterschiede zwischen Reich und Arm, Inländer und Ausländer,
Hochgestellten und Untertanen abgeschafft: wir sind allesamt, in nur Hundert
Jahren, zum genauso transparenten, virtuellen Wesen geworden!
„Na, hör
mal, warum glaubst Du, daß ich Dir die Vorbereitung des Eißes, der Pommes und
Salate überlassen habe?“
„Wegen der
Hamburger, Sahib?“
„Genau,
alter Kumpel!“
„Sie
meinen, daß es mir, als Nachfahre jener Inder, die mit der Grünen Karte nach
Bayern gekommen sind, etwas ausmachen würde, acht hundert Hamburger zuzubereiten?
Daß es mich, wegen meines alten Glaubens, ekeln könnte?“
Dschimbim
sprach mich mit „Sie“ an, aus genau denselben Gründen, aus denen er den
Freundschaftsausdruck „Sahib“ zu benutzen pflegte.
„Jawohl,
Dschimbim! Ich habe mir Deinen Ekel vorgestellt, und wollte es Dir ersparen.
Ich selbst, nach nur fünf Generationen Rechtgläu-biger war erschüttert. Die
Farbe jenes roten, zähen Fleisches, mit feine Nervensträngen, die ich durch die
virtuelle Hackmaschine drehen mußte! Der Schrecken, der ich dabei empfand! Wie
könnte ich Dir so etwas zumuten?!!“
„Ich
verstehe, Sahib. Die Neukonvertierten sind meistens die eifrigsten Gläubigen.“
„Meinst
Du, Dschimbim?“
„Jawohl,
Sahib, ich verstehe es. Soll ich Dir er-zählen, wie es dazu kam?“
„Wieso,
Dschimbim, Du hast doch kein Ge-schichtsimplantat!“
„Ich nicht
aber mein Vater hatte eins. Und er hat es mir erzählt.“
„Erzähle, Dschimbim...“
Die Sonne
war halb versteckt von den Baum-kronen und färbte die Unterseite jener zwei
Wölkchen, die immer noch in derselben Posi-tion am Himmel hingen, rosa.
„Weißt du Sahib, vor langer, langer Zeit in
Indien, meiner Urheimat, waren die Kühe gar nicht heilig...“
„Dschimbim,
ich bitte Dich!“
„Warte,
Sahib, bis ich mit der Geschichte zu Ende bin!“
„Dann los,
mein Freund!“
„Die Kühe,
wie gesagt, wurden gar nicht als heilig betrachtet. Man hielt sie in
Stallungen, melkte sie, machte Butter, Joghurt und Käse aus ihrer Milch, und
aus ihrem Fleisch machte man - stell dir das vor, Sahib! – Schmorbraten,
Fleischplanzerl...“
„Dschimbim,
hör auf!“
„Gleich,
Sahib, ich will deinen Glauben nicht auf die Probe stellen! Das macht die
Gedan-kenpolizei sowieso...“
„Dschi...!“
„Wie
gesagt, machte man Fleischpflanzerl, Suppen, Tafelspitz und Pemmikan...“
„Falsch:
Pemmikan machten die Indianer, die aus Amerika, nicht die Inder!“
„Ach,
Sahib, du und dein Geschichtsimplantat! OK, dann machten die Inder kein Pemmikan
daraus. Aber, wie gesagt, betrachteten die Inder wie auch alle anderen Völker
der Welt, die Kühe als ganz normale Haustiere! Man züchtete sie, man mästerte
sie, man benutzte alles, was einem die Kühe geben konnten...
Dann kam
der Untergang: eine Seuche brach aus, die die Inder, die früher
auf ihren Tafel-spitz
wie alle anderen Völker der Welt be-standen hatten,
reihenweise dahinraffte. Ganze
Landstriche wurden entvölkert, man wußte nicht mehr was los war, die
Hakims waren ratlos, die Radschas und die Gurus auch. Die Not war immens und
niemand wußte Bescheid. Wie man so schön sagt: «Nichts gwisses woaß man net!»
Irgendwann dämmerte es aber den alten Indern auf, daß die Seuche irgendwas mit
dem Rindfleischverzehr zu tun haben konnte. Die Radschas, stets um das Wohl
des Volkes besorgt, verhängten ein absolutes Rinderfleisch Verkaufsverbot und
ordneten das die Seuchen-träger vernichtet werden sollten. Da aber die alten
Inder, die ein friedliches und tierliebendes Volk waren, sich mit dem Gedanken
nicht an-freuden konnten, daß man unnütz Tiere schlachten darf, wurde aus dem
Verkaufsverbot auch ein Schlachtverbot. Die indischen Bauern konnten sich aber
nicht erlauben, die Tiere, die in ihren Stallungen weilten, umsonst zu füttern.
Sie ließen sie deshalb frei, um im Dschungel zu grasen, in der Hoffnung, die
Tiger werden sie von den Qualen eines unnützen Lebens be-freien. Die Tiger
aber, und die Schakale, konnten das Problem nicht lösen. Die Rinder konnten
sich auch in der unfreudlichen Um-gebung behaupten...
Jahrhunderte
später hatte man die Gründe, die zur Existenz grosser Kuhherden auf indischem
Boden geführt hatten, längst vergessen. Die Philosophen, die Gurus haben
angefangen, dar-über nachzugrübeln. Sie sahen, daß die Kühe sich trotz aller
Wiedrigkeiten, vermehrten, sie sahen in der Gelassenheit, mit welcher sie die
Gefahren und Entbehrungen auf sich nahmen, eine göttliche Eigenschaft. Das
Resultat ihrer Nachgrübelei gaben sie dem Volk weiter. So wurden die aus ihre
Stallungen vertriebenen Kühe, zu Ebenbilder einer Gottheit.“
Dschimbim
schwieg.
„Und weiter, Dschimbim?“
„Weiter?
Es gibts nichts weiteres zu erzählen, Sahib, über die Zeit, als die Rinder noch
nicht heilig waren.“
Dschimbim
schwieg erneut. Ich schwieg auch, in meinem innersten Glauben erschüttert.
Sollten die Kühe doch nicht heilig sein? Unmöglich! Sie sind es doch!
Ich sah
durch das Schaufenster heraus, in die Richtung des alten Monopteros. Auf den
Wie-sen lagen sie zu tausenden, die Göttlichen, zufrieden im Abendrot: schwarze,
weiße, ge-streifte Rinder... Ich dachte gleichzeitig an die hunderttausenden
friedlichen, freilaufenden Bul-len und Kühe, die auf den Wiesen, in den Wäldern
und auf den Straßen unserer geliebten Heimat grasten, spazierten oder lagen...
Und mein Geschichtsimplantat sagte mir gleich auch das Datum, an welchem sie
endlich, nach Jahr-tausenden der Verfolgung, Einsperrung, Schlachtung und
anschliessendem Verzehr, endlich auch hier heilig gesprochen worden waren...
„Sahib,
paß auf! Wir haben eine neue Be-stellung! Wir sollen ein Abendmenü für
zwei-hundert Touristen aus Tahiti auf die traditionelle alte Weise vorbereiten!
Weißt du was sie unter «langem Schwein» meinen?“...
________________________________________
Aus: „Mapuakhikotl – Neue skurrile Geschichten aus
München, Bayern und sonst wo“, Verlag Radu Bărbulescu, München 2001.
Schreiben Sie?
Schreiben
Sie uns!
Ihre archenoah
___________________________________
Gheorghe SASSARMANN
München
HATTUSÁS
Delaporte näherte sich schweigend dem Lager der Archäologen. Er
hatte die Mauern dreimal umrundet, ohne ein einziges Tor zu entdecken. Von
massiven Türmen bewacht, durch ein un-begreifliches Wunder auf den Gipfel eines
ab-schüssigen Hügels gestellt, blieb die Festung im eingentlichsten Sinn des Wortes
unbezwingbar. Die beinahe dreißig Meter hohen Mauern, die aus riesigen
Andesitblöcken bestanden, kon-nten nicht erklettert werden. Sogar der Anstieg
bis zu ihrem Fuß wäre für jeden, der über keine alpinistische Ausbildung
verfügte, unmöglich gewesen. Delaporte warf das zusammengerollte Seil auf die
andere Schulter. Die Stahlringe klirr-ten fröhlich aneinander. Er betrachte
seine ge-schwollenen Hände; an der rechten Hand schmerzten zwei Finger heftig.
Ein paar Schritte hinter ihm kamen Arik, Akurgal und Bozkurt, die ihn auf der Unternehmung begleitet hatten. Die
Wissenschaftler hatten sich erwartungsvoll vor dem Zelt von Texier jr.
versammelt. Delaporte sah sie von fern, machte ihnen aber kein Zeichen.
„Es ist klar“, sagte Rosenkranz, der wie meist Kaugummi kaute.
„Natürlich“ stimmten Kann und Balkan gleich-zeitig zu. Ceram
vermied, sich vor Eintreffen des kleinen Trupps zu äußern. Im übrigen konn-te
man den ermüdeten Gesichtern der Amateur-bergsteiger deutlich ansehen, daß alle
Hoffnun-gen vergeblich gewesen waren. Neugierig ver-sammelten sie sich um die
Ankömmlinge.
„Texier hat eine Stadt ohne Tore entdeckt und uns hierher
gebracht, damit wir ihre Silhouette bewundern“, scherzte Delaporte ohne die
ge-ringste Begeisterung.
„Kurz“, bestätigte Bozkurt, „wir haben nichts erreicht.“
„Überhaupt nichts?“
„Nichts“, antwortete Arik verbittert.
Sie schwiegen. Texier fühlte sich verpflichtet, eine Erklärung
abzugeben.
„Ich kann nichts dafür, daß sie keine Tore hat. Ihr müßt zugeben,
daß dieses Detail meine Entdeckung noch sensationeller macht. Daß man aus
heiterem Himmel über eine drei Jahr-tausende alte Stadt stolpert, die bis heute
vollkommen erhalten ist!“
„Sehr schön, aber was tun wir?“ Es folgte eine lange Debatte.
Forrer schlug vor, einen Tunnel in den felsigen Hügel zu graben, der in der
Mitte der Stadt münden sollte. Laroche widersprach ihm scharf und behauptete,
daß es viel wirt-schaftlicher wäre, einen Teil der Mauer in die Luft zu
sprengen. Messerschmidt schlug einen Bombenangriff aus der Luft vor und empfahl
den Einsatz von Hubschraubern. Moortgat wi-dersetzte sich energisch:
„Damit bin ich auf keinen Fall einverstanden! Wir haben die
einmalige Chance, die Stadt zu entdecken, die über dreitausend Jahre lang
je-der Zerstörung widerstanden hat, und ausge-rechnet wir Archäologen sollen
sie zerstören?! Können wir denn nur zwischen Ruinen leben?“
Delaporte hielt es für an der Zeit einzugreifen: „Wir können
Schwierigkeiten mit den Einwoh-nern bekommen. Moortgat hat recht.“ „Welche Einwohner?“ fuhr Hogarth
auf. .„Die Stadt ist bewohnt“, erklärte ihm Bozkurt.
„Als wir den Hügel erkletterten, hörten wir sie sprechen“, fügte
Akurgal hinzu. „Sie haben laute, durchdringende Stimmen.“
„Und das sagt ihr erst jetzt!“ schimpfte Hrozny, der sich seit
einigen Wochen bemühte, die Sprache der Erbauer der Festung abzuleiten, indem
er von der Konstruktion der Mauern ausging. „Was haben sie gesagt?“
„Wir haben nur zwei Worte behalten, die stets wiederkehrten:
„múrsilis‘ und ‚hántilis‘.“
Hrozny erstarrte.
„Genauso habe ich es mir
vorgestellt“, stotterte er. „Gehen wir, wir können ihnen vielleicht eine
Botschaft übermitteln.“
Die Archäologen setzten sich in Richtung auf den Hügel in
Bewegung. Texier ging mit für sein Alter überraschender Schnelligkeit an der
Spitze. Porada und Koschaker folgten in einigen Schritten Abstand. Dann kam das
Gros der Expedition und am Schluß, erschöpft, die eben erst Zurückgekehrten.
Alle redeten gleichzeitig, von plötzlicher, verdächtiger Begeisterung er-faßt.
„Es bleibt noch die Variante mit dem trojanischen Pferd“, erklärte Rosenkranz.
„Eine Botschaft“, kreischte Hrozny erregt, der es trotz des
eiligen Aufbruchs geschafft hatte, einen Grammophontrichter mitzunehmen.
„Múrsilis“, wiederholte Delaporte ununter-brochen.
„Ruhe!“ befahl Texier, als sie den Fuß des Hügels erreicht hatten.
Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, legte Hrozny den Grammophon-trichter an den Mund und schrie aus Leibes-kräften:
„Sullát sullatár, sullamí sallatiwár!“
Sofort antwortete von jenseits der Mauer ein Chor von Stimmen:
„Labárna hastáya, tabárna asharpáia!“
„Was, zum Teufel, ist das?“ ärgerte sich Ceram. Texier bedeutete
ihm zu schweigen. Hrozny zuckte verwirrt die Achseln, um zu zeigen, daß er kein
Wort verstanden hatte.
„Mitánni! mitánni!“ rief er beinahe verzweifelt in den Trichter,
mit einem letzten, vergeblichen Versuch, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die anderen antworteten nicht. Die
aschgrauen Mauern der Festung verliehen den Minuten vollkommener Stille einen
kriegerischen An-strich. Dann erschienen auf den beiden Seiten des Hügels
unerwartet die hethitischen Krieger in schnellen, von kleinen Pferden gezogenen
Kampfwagen; sie trugen gespannte Bögen und Bronzebeile. Die großen, hölzernen
Räder dröhnten betäubend und übertönten das Klappern der Hufe und die wilden
Schreie der langhaarigen Kämpfer. Die Wissenschaftler waren in einen tödlichen
Hinterhalt geraten. Jeder Widerstand
war zwecklos. Unvermittelt hielten die Wagen an.
„Hattilí supiluliúma“, sagte ein Krieger an der rechten Flanke im
Ton eines Unterhändlers.
„Antworten Sie nicht“, rief Moortgat Hrozny zu, „damit wir sie
nicht provozieren.“
„Assúwa samúha tawanánna“, ließ der Krieger nicht locker.
„Karkemísch gasgás dattássa“, unterstützte ihn jemand von der linken Flanke.
Aus der Festung kam der unsichtbare Chor: „Ziúla, zálpa
huwarúwas!“
Die Krieger wurden hitziger: „Hattuschíl gurgúm kumúhu, telipínu
putuhépa!“ „Hánis kánes pihassássis, hátti hálys muwatális!“ „Arnu-wándas
kizzuwátna, pentipsáni purushánda, pámba pála
tapassánda!“
Als erster brach Hrozny zusammen, dessen Herz dieser lexikalischer
Lawine nicht gewach-sen war. Die Hethiter schossen die Pfeile ab; die Beile
wurden schwungvoll geschleudert. Einige Wissenschaftler brachen tödlich
getrof-fen zusammen. Der Anführer der Krieger hob die Hand. Die
Feindseligkeiten hörten auf.
„Vous avez voulu voir Hattusás“, sagte der Anführer in schönstem
Schulfranzösisch, „hé bien, vous allez être exaucés!“ Einige Kämpfer stiegen
aus den Wagen und fesselten die wenigen Überlebenden, die vor Entsetzen
ver-stummt waren. Die Leichname wurden in die Kampfwagen geworfen. Der schwer
verletzte Delaporte brüllte entsetzlich und wurde mit einer Lanze durchbohrt.
Im gleichen Augenblick öffnete sich knarrend ein Tor zwischen den Fel-sen.
Einige Minuten später waren die Hethiter mit Pferden, Wagen und Gefangenen in
der dunklen Öffnung eines Tunnels verschwunden, das Tor fiel zu und wurde
wieder zum undurch-dringlichen Fels. Kurz darauf waren alle Spuren des
Zwischenfalls wie weggewischt. Und dann brachen die Mauern der Festung
geräuschlos zusammen, wie in einem Traum. Seither hat niemand mehr die
ehrenwerten Wissen-schaftler, die Mitglieder der archäologischen Expedition
Texier jr. gesehen. Nur das verlasse-ne Lager, ein stummer Zeuge, erinnerte die
Welt eine Zeitlang an ihr tragisches Schicksal. Dann verwandelten es der Wind,
der Regen und die Neugierde der Einheimischen Zelt um Zelt in vielfarbigen
Staub.

Laura
RUMICH
Köln
Ich bin ein Roboter, ein
R85i.
Ich blute nicht. Ich weine
nicht. Ich fühle nicht. Weiß nicht einmal, was es heißt zu bluten, zu weinen,
zu fühlen.
Ich bin programmiert darauf
die Menschen zu verarzten, ihnen die Wunden zu verbinden, ihnen Morphium zu
spritzen, die Toten in die Massengräber zu karren.
Sie schreien, Schreie, die
wohl tief aus dem Herzen kommen, die tiefer als die Unend-lichkeit sein müsse,
doch ich arbeite weiter, stumm.
All das Blut auf den
Pritschen der Ver-blutenden, sie haben keine Tränen mehr. Sind genauso
tränenlos wie ich. In ihrem schon vom Tode trüben Blick sehe ich dieses nicht
erloschene Verlangen nach Leben, welches ich nie verstand, nie hatte und nie
haben werde. Ich verspüre kein Verlangen danach sie zu trösten, sie ruhig dem
Tod zu übergeben, denn ich bin nicht programmiert auf fühlen. Nur monoton ohne
Grund Leben „retten“, zumindest retten, was noch zu retten ist. Sie sterben mir
dahin. Und ich habe kein Programm, um ihnen wenigstens eine Träne, eine Miene
des Trostes oder des Mitleidens zu schenken.
Ich bin grau, unansehnlich,
habe keine wirk-lichen Züge, keinen Knopf zum Lächeln. Laufe durch die Reihen
der Angeschossenen, der Sterbenden, der Verblutenden, sehe sie und erfasse sie,
identifiziere sie als Menschen, kranke Menschen, sterbende, angeschossene,
verblutende Menschen, mit Hilfe meines Chips. Nähme man mir jenen heraus, so
würde ich sie nicht erkennen, nicht einordnen, nicht beachten. Und sie müssten
alle sterben.
Wie man mich doch
manipulieren kann.
Der Mann in der Ecke, dem ich eben Mor-phium spritzte, ist ruhig, sein Blut ist geronnen. Die Kugel saß zu tief, riß ihm langsam sein Herz entzwei. Ich konnte nicht mehr helfen, konnte ihm nur seine Schmerzen nehmen, sie lindern, eine stille Weile. Und doch ist er tot, da liegt er mit einem in zwei gerissenen Herzen, welches vielleicht schon vor langer Zeit aufgehört hat zu schlagen.
Eine Träne rinnt aus meinem
Glasauge, mein blechernes Gesicht hinab.
Ich WEINE. Ich fange mit
meinen schrecklich kalten Metallfingern diese Träne auf. Da liegt sie nun in
meiner Hand, warm glitzernd. Lebe ich?

Was ihr über
mich wissen solltet:
Mein dreiwöchiges
Betriebspraktikum habe ich in der Lokalredaktion des Kölner Express absolviert.
Meine Lieblingsfächer
sind Deutsch, Geschichte, Politik und Kunst.
Seit Januar 1999 nehme
ich an einem semiprofessionellen Schauspielkurs der Theaterakademie Köln teil.
In den Sommerferien 2000
habe ich einen Pantomimenkurs an der Scuola Teatro Dimitri in der Schweiz
gemacht.
Meine Hobbys sind lesen,
schreiben (Prosatexte und Kurzge-schichten), Musik hören, träumen, nachdenken,
Freunde/innen treffen, telefonieren, lachen, Rad fahren und Bauchtanz.
Meine Lieblingsbücher
sind ‘Aimée und Jaguar’ von Erica Fischer, ‘Der Gott der kleinen Dinge‘ von
Arundhati Roy und ‘Komm, schwarze Nacht‘ von Marian Veevers.
Mein liebstes
Theaterstück ist bisher ‘Der Urfaust‘ von Goethe.
Zu meinen Zukunftsplänen
gehört nach dem Abitur das Studium der Germanistik und Philosophie. Unabhängig
davon möchte ich weiterhin die Theaterakademie besuchen.
Ich schreibe immer dann,
wenn ich es muss, dabei ist es mir
völlig egal, wo ich bin, wie spät es ist oder wie ich mich fühle.
Bisher sind einige meiner
Texte in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen.
© Laura Rumich (13.9.2000)
Susanne de la Fuente
Schweinfurt
Spätere Adoption ausgeschlossen
- Brief an ein verlorenes Geschwisterkind -
Liebes Du,
Du wärst mein
Geschwisterkind gewesen, doch ich weiß nicht, wie Du heißt, weiß nicht, wie Du
aussiehst, weiß nicht, wie alt Du bist. Keine Ahnung, wo Du lebst, wie Du
lebst, was aus Dir geworden ist. Vielleicht bist Du auch zwei. Alles, was ich
weiß, ist, daß Du denkbar warst, doch zugleich völlig unmöglich. Ich war
damals ein pubertierender Teenager - mit einer genauso pubertierenden Schwester.
Meine Mutter fand ihre zwei erwachsen werden wollenden Töchter nur noch
schrecklich. Ich glaube, sie hat uns richtiggehend gehaßt. Doch das wußte
natürlich niemand, denn wir waren der Inbegriff einer glücklichen Familie,
einer gelungenen heilen Welt. Nach außen hin wenigstens. Meine Mutter spürte zu
dieser Zeit wohl deutlich, daß sie nicht mehr so richtig in ihrer einzigen
Rolle - der des Mutterseins - aufgehen konnte. Da alles so heil war, das neue
Haus fertiggebaut, das schicke Auto vor der Tür, der fleißige Vater in eine
höhere Gehaltsstufe aufgestiegen, wollte sie noch einmal etwas Kleines zum
Hätscheln. Wollte Dich als Spielzeug gegen ihre Langeweile. Meine Mutter, die
ständig unsichere, ständig überforderte, hilflos schreiende Frau, die sich
selbst nicht leiden konnte und mit dem Leben nicht zurechtkam, malte es sich so
schön aus, sich die Liebe, die sie nicht finden konnte, von Dir, dem kleinen, auf
sie angewiesenen Menschenkind zu holen. Sie schien völlig vergessen zu haben,
daß auch Du - zwangsläufig - größer und selbständiger werden würdest. Du warst
zunächst das kleine Mischlingskind aus dem Dorf, mit dem für sie
unaussprechlichen italienischen Namen, dessen Klang ich über alles liebte. Man
suchte Pflege-Eltern für Dich, weil Du unterernährt und winzig warst. Dein
Lächeln war hinreißend, Du warst ein wunderbares Mädchen. Meine Mutter spielte
mit Dir, wann immer sie Dir auf der Straße begegnete. Stillte ihr Verlangen
nach Zärtlichkeit an Deinem kleinen Körper. Als man ihr auf ihren Antrag auf
ein Pflegekind das Angebot machte, Dich anzunehmen, stand ihr das Entsetzen ins
Gesicht geschrieben. Das kleine, niedliche Mädchen, das Du bis zu diesem Zeitpunkt
warst, verwandelte sich augenblicklich in ein krankes, problembeladenes kleines
Monster, das zudem diese schändliche Hautfarbe und die krausen Haare hatte. Du
wurdest abgelehnt und in ein unbekanntes Nirgendwo verschickt. Mit der
Begründung, Du würdest zuviel Arbeit machen und früher oder später das heile Familienleben
zerstören. Wenig später kamst Du in Gestalt von zwei kleinen Brüdern zurück,
die von ihren leiblichen Eltern nicht mehr versorgt werden konnten. Du warst in
Deiner zweifachen Ausführung einfach nur liebenswert, doch meine Mutter wollte
sich nur die eine Hälfte von Dir aussuchen und die andere ins Unbekannte
fortschicken. Zwei kleine Kinder waren zuviel für ihre Nerven. Zum Glück ließ
man nicht zu, daß sie Deine Zweisamkeit zerstörte - warst Du doch in Deiner
doppelten Ausführung Dein einziger Bezugspunkt, Deine Geborgenheit und Dein
Halt. Du kamst noch in vielerlei Gestalt an unsere Schwelle. Doch bei näherem
Hinsehen entpupptest Du Dich jedes Mal als das kleine Monster, das gekommen
war, um unsere Familie zu zerstören. In jeder Deiner Gestalten wurdest Du von
meiner Mutter abgelehnt. Du konntest ihrer Idealvorstellung von einem Kindchen
nicht entsprechen, denn Du bist als Mensch gekommen und nicht als gottgleiches
Wesen, das ohne Makel in die Welt gekommen war. Sei froh, mein kleines Du, daß
Du immer wieder weggeschickt wurdest. Denn irgendwann merkte ich, daß meine
Mutter kein Kind, sondern ein Spielzeug wollte. Du hättest ohnehin nur solange
bleiben können, bis sie Deiner genauso überdrüssig gewesen wäre wie ihrer
eigenen Töchter. Eine spätere Adoption hatte sie von vorneherein
ausgeschlossen, denn das wäre zu teuer gewesen. Ein Kind ernähren ohne
Unterstützung vom Jugendamt - von dieser Sorte hatte sie schon zwei mißratene
Gören. Sie wollte Dich zurückgeben können, wann immer Du unbequem zu werden
drohtest. Wollte ihr lästig gewordenes Spielzeug beseitigen können. Selbst wenn
es mich auch heute noch manchmal traurig macht, daß Du nicht zu uns kommen
durftest, so bin ich doch dankbar, daß Du für mich verloren warst, bevor es
Dich gab. Meine Mutter hätte Dich nie als Menschen geliebt. Und ich hätte Dich
nicht vor ihr beschützen können. Wer immer Du sein magst, kleines, großes Du,
freue Dich darüber, daß Du Deine Freiheit und Deine Würde als Mensch bewahrt
hast.
In Liebe
Deine
große Schwester, die ich nie war
Carla KRAUS
Wien
Mein Freud hat immer Angst:
Angst vor einer neuen Anstellung,
vor anderen neuen Situationen und Menschen.
Lieber Jim,
ich möchte Dir Deine Angst nehmen,
sie unter den Arm klemmen wie einen alten Hanswurst,
sie umarmen und überreden
vielleicht ist sie in Wirklichkeit eine
charmante Freundin für Dich,
auf die ich dann eifersüchtig werde
ich möchte Dir die Sorgen von den Augen ablesen
und werfe mich für Dich in’s Getümmel des Alltags
auch ich fürchte mich
auch ich habe Alpträume
doch werde ich zur Löwenmutter,
wenn es um Dich und Deine Kümmernisse geht
blas’ sie weg, die Angst,
wie graue Samen von Löwenzahn
ich küss’ sie Dir von der Stirne
bis Du tapfer wirst,
mein goßer Held.
Für Stephen
Ich muß Dir danken,
denn Deine Freundschaft durch so lange Zeit war ein
wahrer Schatz
so gut ist es, wenn man mit dem Rücken zur Wand
steht und kämpft
und es hilft ein guter Freund
sieben Jahre unserer Freundschaft und wir stritten
nie –
vielleicht mit einer einzigen Ausnahme
und da war ICH schuld!
Du bekamst immer eine tiefe Stimme,
wenn etwas Dich ärgerte,
aber ich konnte Dich trösten!
Manche Leute können nicht mit Dir auskommen,
aber ich höre Dir und Deinen Problemen zu
und bringe Dich wieder auf die Erde zurück
ich muß schon etwas Beruhigendes an mich haben,
denn – ich glaube – Du liebst mich nicht
wie zwischen Frau und Mann,
sondern ich bin eine alte Freundin,
die schon durch viel Feuer und Eis mit Dir gegangen
ist
ich kenne Menschen, die in Geld schwimmen,
und dennoch unzufrieden sind,
sie suchen Liebe und Freundschaft,
sind aber zu egoistisch dazu
wir beide sind gerade nicht überhäuft mit irdischen
Gütern,
aber wir besitzen Reichtümer an Zuneigung
Lieber Stephen,
tausend Mal danke für Deine unbeirrbare Freundschaft!
Wenn das nicht Liebe ist...
Wenn das nicht Liebe ist,
wie ähnlich ist es ihr
und ich glaube, es ist die große Liwebe,
nur gefiltert durch Einander-Gewöhntsein,
wenn ich meinem Freund Stephen schreibe,
erwähne ich nicht das Vertrauen, das ich in ihn habe
ich verschweige meine Gefühle
und kann auch nicht darüber philosophieren
das hat er auch bemerkt
und in einem Gedicht niedergeschrieben
er versichert mir seine Liebe,
wenn wir miteinander telephonieren
so weit sind wir auseinander,
aber wir beide bleiben treu
wir gingen schon durch manches Feuer
wir sind einander ähnlich und ergänzen unsere
Charaktere
er hat kein Geld,
und trotzdem schenkt er mir Gedichte oder
Kleinigkeiten
ich bin auch arm
und spare mir die letzten für ihn vom Mund ab
die Umgebung akzeptiert uns als Paar
niemand rät von der Verbindung ab
und untergräbt unsere Zuneigung.
Wenn das nicht Liebe ist...
Ich schenkte ihm einen kleinen Azaleenstock,
der eine Woche später voll erblüht war
mein Freund hatte sich so gefreut,
dass er darüber ein Gedicht geschrieben hatte
S. ist kein Kraftlackel wie die meisten Männer,
er liebt Blumen und hat „grüne Finger“
er ist zartfühlend und rücksichtsvoll
Was haben nicht andere Männer vor ihm mit mir
versucht?
Einer nannte mich nicht bei meinem wirklichen
Vornamen,
sondern rief mich „Mitzi“,
was einer Herabsetzung gleichkam,
denn so heißen nur die Zimmermädchen und Diener in
den britischen Komödien
ein anderer setzte mich mit dem Rücken zum
geschmückten Weihnachtsbaum
und durchkreuzte so meine Pläne zu einer Feier
er machte sich auch vor seinen Freunden über mich
lustig
der nächste erwartete, sofort mit Essen bedient zu
werden
und sagte zu mir: „Dalli, dalli, wo ist die Suppe?“
Da ist mir ein sensibler Azaleenfreund lieber
Lieber S.,
Du bist zwar eine Zirkusnummer,
aber ich schätze Deine Gegenwart und Hilfe
vielleicht blüht der Azaleenstock wieder und wieder.
Für Stephen
Jetzt bin ich in einem urlaubsparadies
Vor meinem Fenster erstrecken sich grüne Wiesen und
der verschneite Berg
Katze Muschi lässt sich streicheln
Und ich esse Schnitzel und nachher Marzipan
Doch alles genügt mir nicht; Du fehlst mir
Auf meinen Ausflügen traue ich mich nicht weit
gehen,
so gerne hörte ich Dein Schnarchen in der Nacht
und dann würdest Du mir beim Geschirrwaschen helfen
doch Du bist weit weg
Du beneidest mich um meine Ferien,
denn Du kennst die Gegend und liebst sie auch
ich kann Dir nur hilfslose Ansichtskarten schreiben
und hoffen, dass Du einmal kommen wirst,
wahrscheinlich zu spät
Liebster, ich vermisse Dich und Deine brummige
Stimme
Weiße Tauben fliegen vorbei,
so gerne gäbe ich ihnen eine Botschaft für Dich mit
Laß’ uns hoffen auf ein nächste Mal!
Es regnet Kirschblüten
Das Kind in meinem Bauch spricht zu mir
Doch bald ist Altweibersommer
Und die Ahornblätter sind rot und gelb
Torkeln der Erde zu
Ich bin nur halb gesund
Und kann kein Kind bekommen
Von Dir, Liebster
Kommst Du bald
Oder lässt Du mich in dieser Kälte allein?
Ich warte schon so lange,
eine wahre Ewigkeit
wer weiß, wie Du Dich verändert hast
und ob es nur Floskeln sind,
die Du für mich übrighast
ich betrüge Dich nicht
und setze über alle Hindernisse hinweg
ich sitze vor dem Haus
bei jedem Wetter
und warte auf Dich.
Bad Münder
*
Hast Deine Spuren hinterlassen
auf meinem Weg –
tiefe Eindrücke,
die Dich verraten
als den Täter,
der ihn begangen hat,
den Einbruch
in mein Leben...
*
Ich, Wildkatze
umschleiche Dich in weitem Bogen
auf Samtpfoten,
streiche dann vorsichtig um Deine Beine,
nehme Witterung auf,
habe sensible Antennen –
Freund oder Feind?
Ich spüre, Du bist mein Freund,
denn Du liebst Katzen....
Du wirst mich
nie
völlig
zähmen können,
doch ich
will Deine Freundin sein,
Deine wilde, zärtliche Katzenfreundin.
*
Du hast gesagt:
Nimm meine Träume
in Deine
beiden Hände –
bewahre sie gut,
sie sind zerbrechlich...
Und ich
nahm
deinen
Traum
und meinen
Traum
und es war
UNSER Traum...
*
Wie ein Flügelschlag
der Zeit –
wie ein Augenblick
der Ewigkeit
Dein Lächeln
wahrgenommen
in Sekunden –
und doch
z e i t l o s...
*
Im Stau der Gefühle
steckengeblieben –
keine
Aussicht
auf
Weiterfahrt
vorerst –
stop
and go
stop
and go…
Aber
w i l l ich weiterfahren..?
Ich wagte es
Dich zu lieben
in der Vergangenheit –
ich wage es
Dich zu lieben – jetzt –
und in der Zukunft
trotz aller Widerstände –
und so lange wir beide
zuhause sind
in der blühenden Wildnis
unserer Gedanken – und –
in der Wirklichkeit...
Gisela M. KIRBACH
München
Für Adnan
I. und seinen Bruder Adel zum Gedächtnis
Fällt die Trauer über mich her,
deckt mich ein schweres schwarzes Tuch.
Mit Tränen verschleierte Augen
sehe ich das Gesicht meiner Mutter,
meines Vaters, meiner Geschwister
in der Ferne,
sehe in den wachsamen Augen der Großmutter
verborgene Liebe und Wärme.
Lasse das Wort „Heimat“
auf meiner Zunge zergehen,
wie köstliche Süßigkeit.
Pistazien, Mandeln,
Honig, Harz und Tahin.
Rieche meine Gewürze.
Rieche den Duft wilder Rosen,
des Jasmin, der Mimosen, flüchtig,
so eilen die scheuen Frauen dahin.
Fühle das Salz und den Staub
des Sandes rauh auf meinem Leib
und meiner Seele darin,
die unter dem schweren, schwarzen
Tuch verborgen bleibt,
solange ich fern meiner Heimat bin.
Eines Tages oder eines Nachts
werde ich heimkehren,
werde mein Leben erfüllen
werde mich dann in ein leichtes
und weißes Tuch hüllen.
Mit meinem klaren, spröden Kristall
suche ich, behutsam spaltend,
in die Schale Deiner Verschlossenheit zu gelangen.
Bin ich zu zaghaft, löse ich Bruchstücke nur
und Dein Inneres bleibt,
wie in einem Panzer gefangen und
verborgen, wie der Keim im Korn mir;
doch bin ich zu heftig, berühre ich Wunden,
bereite Verletzung und Schmerz Dir.
Dann bist Du nur noch Abwehr und Schweigen
und es zerschellt der Kristall,
doch die Sonne mag sich in meinen Splittern brechen
und tausendfach Wärme und Licht überall und
die Schale kann bersten und
Du wirst nicht mehr Leiden.
Vorbei schlingernd,
am Ufer des Nebelsees
funken flackernde Lichter
den Morgen herbei.
Schwebende Baumkronen,
schwarz-grau getupft
in den See, erwarten
erste zaghafte Weckrufe.
Feuchte Schleier wallen,
verleiten hastende Irrlichter
die ihren Saum abtasten,
zu kühnen Manövern.
Ahnungslos saugen Wesen
den Zauber in ihre Träume
die im Osten verblassen
und dann in die Tiefe sinken.
Halb in der Dämmerung schon,
gefangen vom Schauspiel
unter dem ewigen Blau,
seh’ ich die Wolken jagen.
türmend, verschmelzend geschichtet,
von Winden getrieben
leuchtend in erdigen Farben.
Wo kommt ihr her?
Aus Südwesten, würdet ihr sagen.
aus feinen Nebeln kondensiert
unten am Meer, konzentriert
über den Bergen schwebend
bald feine Tröpfchen,
Kristalle webend.
Euch mit den schönen Namen
Stratus, Nimbus und Kumulus
durchleuchtet die Sonne
mit letzten Strahlen goldgelb
ocker und dunkelrot
durchzogen von lehmigen Grau,
bis ihr,
wie nach einem Fest
den Gast, bewegt und beschenkt
in das Dunkel entlässt.
Meine Sprache hatte sich von mir abgespalten,
der Keil der Floskeln, Normen, Formen
wurde schmerzhaft zwischen uns getrieben.
Ich hab es zugelassen,
bis...
jetzt bin ich meine Sprache, die
klar und ehrlich aus mir heraus will,
ohne Schönfärberei und toxisch frei.
Weiß wie die Unschuld des Kindes,
grau wie die Melancholie,
schwarz wie die Trauer und doch,
wenn das tiefe Gefühl sprechen will,
geschmückt mit den Farben des Regenbogens,
voll Pathos und leuchtend und bunt, denn
jetzt bin ICH meine Sprache.
Gedanken, verborgen
Tauchen herauf
Aus den Tiefen, bei Nacht.
Umkreisen mit Luna
Die Erde, die Sonne
Du wollen Licht und Klarheit
Und strahlen in dunkle Räume
Auf der Suche nach Echo.
Heftig pocht das Blut
In den Adern.
Fließt in heimlichen Bahnen,
wie die Gedanken,
verändert sich ständig,
durch das was ihm zukommt,
schwer oder leicht,
heil oder krank.
Fühlt auch der Körper noch,
Gedanken, befreit
Sind längst auf der Reise.
Der Geist entlädt sich
In wirre und kühne Träume,
angstvoll dem Sog
dfer Bedrohung entweichend,
aus dunklen moosigen Wassern.
Ungewiß in die Tiefe stürzend
Doch dann, noch betäubt und
Benommen, aufgefangen
Vom lichten Morgen.
Global.
Animistisch, polytheistisch,
anthropo-morphistisch,
monotheistisch,
Buddhistisch, christlich, islamisch,
jüdisch, hinduistisch.
Realität oder Fiktion?
Mystik, Askese, Martyrium.
Bekenntnis, Geständnis,
Inquisition,
Zweifel, Aufgabe, Resignation.
Verbot, Kriege,
Zerstörung und Tod.
Un- oder gläubig?
Wer hat die Erkenntnis
Der uns vereinigt,
läutert und reinigt?
Wer auf den Plätzen
Weiß man es schon
Am Ziel des Wettkampfes
Religion?
Vielleicht die Ersten doch
Die Letzten?
Frederike Haberkamp
Bonn

eclipse teil 1
auf einer großen
dunklen bühne des
lebens auf der keiner
kein einziges dunkles
wort zu mir sprach
hatte ich den, meinen
text vergessen –
auf den brettern, über
der bühne schwebte es
wie atem –
ein film
ein vogelnest durch
die winterzweige
betrachtet
eine begegnung
dann das unsichtbare
glühen und die machanik
der johannisbeeren
glühwürmchen
glühwein
und das schwebende
spielende, schließlich
flimmernde licht über den
aufgezogenen jalousien
der zeit, die lichtschablone
über dem tanzenden licht
der tanz durch die häkelvor
hänge betrachtet in stäbchen
schob sich über die auf
brechende holzmaserung
ganz kurz sah ich davor
das richtige marmormuster
die aufgeschriebenen notizen
die testamente
die wenigen briefe
die abrechnung des jahrhunderts.
*
träume in der
schneeglöckchen
gläsernem spiel
in der traummaschienerie
in der bunten
lampininzeile
eines kaltgeistes.
*
langsamer,
den kristallatem der
nacht wenige tage
zuvor unzerstört
das rote frost siegel
ein zeichen am rand
ein zurückgespulter
anfang
schneeflocken die in
ein altes in ein neues
vogelnest fallen
ein co-indigoingo im
i-ging
frankly be careful in
omas aufzügen.
*
so verdorrt in andorra
die fette distel
der schatten des lor
beerblattes auf casablanca
der wuchs da –
die genaue eukalyptus
temperatur unter den
schwarzen tränen der
nacht.
*
in einem schwarzen spiegel
sitzt sie
in einer alten marmor
geäderten werkstatt
zweifach ist der
schwarze spiegel um ihr
handgelenk gewunden es sind
ein großer und ein kleiner
spiegel
wie ein offenen striegel
wie einen schwarzen spiegel
lielt ich den spiegel in
meiner linken hand darin
sie sich sah und niewieder
sieht. unaufhörlich zischt
dort das glas noch ein paar
bilderlein.
Anja-Nadine Mayer
Röthenbach/Pegnitz
Frühlingshonig fließt durch
frostkristall
in wurzeln wachsen erste sterne
winterwipfel zelten lichtoasen
wo ich die keilschrift
Deiner sohlen las.
Aus brückenpfeilern wachsen
leinengiebel
im flutschatten an docks vorbei
kräne heben rostverzierte leichen
im schleusenstau der
frachtschiffschrei
wo elbenten möwensegeln weichen
wo hafenkot in kielkanäle klatscht
da tragen backsteinbäume keine ziegel
und westwindspiel das fahle laub vernascht.
Nordseeherzen
Leinensegel
möwenkutter
nordwindfutter
krabbenfang
salzgeschmack
wattenweisen
muschelriesen
nordseeherzen
friesentee
deichgedränge
mühlenklänge
leuchtturmringe
in
dünenburgen
Dich zu
lieben
sterne
sieben
wolken
schieben
nordseeherzen
Regenschatten
In
Regenschatten
summen
dürre bäume
wortlos
starr
und ohne
melodie
in
wurzelspitzen
stocken
zukunftsträume
knospen
bahren
wiegengrün
an
pfützenstränden
bleichen
farbenschäume
sporen
saugen
nebeltran
in
regenschatten
summen
dürre bäume
bei
tropfendurst
vor glas und stahl
Zwei Sterne
Zwei
sterne am himmel
in
tiefschwarzer nacht
zwei augen
am himmel
mitternachtswacht
sie rasten
sie hasten
auf
zeitloser bahn
will einer
verweilen
der andere
treibt an
will einer
verblassen
der andere
verglühen
der andere
erlischt
auch wenn
sie sich fassen
sie greifen
nur licht
so folgt
einer dem andern
sie führen
sich nicht
Donnerfrüchte
Wenn blitzableger weiß aus himmeln
sprießen
blütenstaub in zartem nass vergießen
dunkle wolken donnerfrüchte tragen
wenn bäume sich in blitze ducken
in wipfel feuerzungen ziucken
nach grünem leben stürmisch jagen
blitze können leidenschaftlich
küssen
legen jäh des himmels seele offen
lassen stets auf regenbögen hoffen
die stamm und blatt erlösen müssen
Flugübung
der Nacht
Schwungvoll schwingen morgentöne
wasserperlend dämmerpracht
wolkensoli
opustropfen
flugübung der nacht
azurtau fließt als gletscherbach
im blütenaufgang durch den takt
federchöre
stimmensalti
flugübung der nacht
hungrig gieren blattpigmente
nach sonnenbrot am horizont
sterntenöre
laubgeflüster
flugübung der nacht
Mit
drähten
wurde viel
geschunden
mit
drähten
alle welt
verbunden
in drähte
stachel
eingebracht
durch
drähte
zünder
scharf gemacht
drähte
ersetzen
hanf und
seil
drähte
verdrängten
schwert
und beil
drähte
verenden
in eigenen
schlingen
drahtlos
jetzt drähte
ihr chaos besingen
Wie soldaten elegant
stehen sie mit stolzen köpfen
wer beim gehen sie begrüßt
wie mit warmem blick beschenkt
sieht ihr lächeln unter schöpfen
im winde wehen die gewänder
an straßenecken häuserzeilen
ungeschützt in grünem samt
wo sie auf moderfeuchtem boden
tag und nacht stets stramm
verweilen
wo hunde ihr revier markieren
erzittern sie im dreck der straßen
wo bienen sich hingebungsvoll
an ihrem süßen duft erleben
versteckenspiel mit pudernasen
nachts wenn sie im stehen schlafen
gestützt in grün auf schild und
speer
schleicht im dunklen hausgewand
ein mädchen sich an sie heran
und köpft geschickt das ganze heer
entdeckt ein blick just tags
darauf
die gaube über ziegeldächern
verbleichen hinter trüben scheiben
diee nachts gefallenen soldaten
- beigesetzt in joghurtbechern
Coimbra/Portugal
Eines Tages
fährt man los und
über eine Grenze und
hält
in einem anderen Land und
fährt weiter und
rastet
in einem anderen Land und
fährt wieder und
über mehr Grenzen
in immer fernere Länder
bis
man
in der Fremde
bleibt.
Aber
so einfach
ist das nicht,
denn
man führt
die wahre Grenze
mit sich.
Schnell
schleicht sich
ein Gefühl
der Zugehörigkeit ein:
Entdeckern gleich
setzen wir Fuß
auf unbekanntes Land,
nennen es unser –
wenngleich nur für Stunden,
Tage vergehen
in wachsender Vertrautheit,
bis wir weiterziehen,
wehmutig,
das Beheimatete zurückzulassen
nach kurzem Gruß.
Gespannt
auf Neues
tragen wir die Erinnerung
in uns, verleben
im Traum Augenblicke
des Vergangenen;
werden rastlos:
noch einmal
weiter
fort!
Wisse:
weithin
leuchten sie
in frischem Gelb,
durchfluten
das Land.
Belasse
die duftenden Strahlen,
in ihrem Circen;
leicht
verdirbt
ihr samtener Reiz
durch deine Hand –
denn allzu lose
sitzen
die Blüten der Mimose.
Fern funkelnd
ziehen Wellen
aus schillernden Schuppen
näher.
Einer
folgt immer
dem Glitzern:
verfällt,
zu spät gewahr der Gewalt,
dem schäumenden Tosen und
zieht hinaus
in trügerische Arme;
mit Grausen grüßt er
von fern
das Strahlen des Trandes,
der milde lächelt.
Fern spiegeln
seine Augen
das goldene Funkeln.
Woge um Woge
kündet
des Meeres
Rauschen
einen Freund;
saugt
gierig
seine Spuren ein,
um ihn
auf ewig
zu binden.
Nachts
unter vielen
mit Ködern und Netzen
zieht er aus,
genügsam,
für eine Handvoll
kleiner Fische;
stets im Traum,
einzufahren
ins Licht
mit dem Fang, der
unvergessen macht.
Die meisten freilich
- selbstgefällig im Einfachen –
begnügen sich
mit leichter Beute
morgens
heimzuschwappen
auf leise Wogen,
die sie
an den Strand entlassen,
wo ihre Spur versandet:
in einem Meer
zermalmter Muscheln.
Vom Wind
gekräuselt
säuseln
die Wellen
vom großen Nelson,
der einst,
unterlegen an Schiffen,
die spanisch-französischen schlug,
Einhalt gebietend
dem kleinen Napoleon.
Im Triumph
aber starb
er, wohl heldenhaft,
sank mit
den feindlichen Planken
ins schwarze Nichts zu zerschellen
an den Felsen
unter Wasser.
Erloschen auch
der steinerne Leuchtturm,
Grabmal,
halb zerfallen schon,
milde Gabe für
den Sieg,
der unbedankt blieb.
Ganz nah schien
das Land in der Ferne,
marin-blau;
fasziniert
ruderte er hinaus,
dem Fremden entgegen,
doch kam kaum
näher,
vielmehr schwand
der Umriß in Dunst
und zog Schleier vor
seine orientalischen Augen.
Im Blick zurück
war alles eins:
Himmel und Meer, Horizont.
ziellos treibend, ausgesetzt,
ins Blau weithin,
schloß er die Augen,
träumte vom hässlichen Schrei
der Möwen, der weckte,
und
lachte.
BRITTA ZEILER:
Geboren am 14. 12. 1971 in Salzburg. Studium der Germanistik und
Anglistik/Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität in Graz und der
Rijksuniversität in Groningen, NL, danach Absol-vierung des
Universitätslehrgangs Deutsch als Fremdsprache. Unterrichtet an der Universität
von Coimbra. Schreibt Lyrik u. a. über ihre Erfahrungen „in der Fremde“.
Paris
Durch
den kalten Strahl der Laterne
am
vereisten Fenster
Schattentänze
der Zweige
in
stummen Gebaerden
Gedanken
weben
Im
Raume quillt Schweigen
wie
in Wunden das Blut
Abends
färbt das Nichts sich schwarz
da
dort, wo Stille sich erbricht
Gefühle erglasen
Im
Trotzdem geboren
musstest
Du selbst
den
Zauberwagen Deines Lebens ziehen
Unerwünscht,
geschlagen
warst
Du im Weinen allein
Böse
Worte scharf wie Messer
zerschnitten Dir
dein
Seelenkleid
Und
was sie in Dir nicht töten konnten
haben
sie Dir gestohlen
Mächtig
und starr standen sie vor Dir
gleich
Winterbäume, schwarz und karg
in
der kalten Nacht
Doch
Du hast den Blick gen' Himmel gewandt
und
dem ewigen Morgen Dir abgetrotzt
einen
Kuss
Der
bleiernen Traurigkeit
Deine
Lebenslinien entgegengehalten
Vom
Schmutz befreit die Spuren Deines Weges
„Wild
geboren bin ich !"
Hast
Du ihnen entgegengeschleudert
und
daraus einen neuen Anfang gemacht
Löwenzahnkind
! Sieh!
Nun
blinkt er Dir zu
Dein
Stern
Dort!
gleich
neben der Mitternachtssonne
Stille
endgültigen
Hierseins,
aus
den Dingen entwachsen
im
geduldigen Horchen
aufwärtsgleitend,
blicke
ich Dir lange ins Gesicht
Im
Triebwerk
zeitraffender
Geschäftigkeit
und
im buntgrellen Aufflackern
hastiger
Metropolenlichter,
schenkst
Du mir
Deinen
Vorrat an Schweigen
Du
bist der Tempel,
der
den Steinherzen
im
internetsprühenden Getöse
der
Globalisierung,
eine
Luke öffnet - hin
zur horizontlosen Unendlichkeit
Die
Zeit ein Glockenschlag,
umspielt
von Zwitschern und Zirpen.
Ein
Harmonietropfen
begleitet
vom Rythmus der Schritte,
die
die Wasserspiele
der
Springbrunnen umschreiten.
Hier
spielen der Blumen Düfte,
die
im Windhauch hängen,
der
Freude
kristallklare
Melodie
Die
Zeit ein Lichtzauber,
eingewoben
in der Wolken Zug
Ein
Blütensonnenspiel
flackernd
im Blicke jener Augen,
die selbst noch tief im Schatten
den
Schein erkennen.
Hier
zeichnen die bunten Farben,
die
im Windhauch leuchten,
der
Ruhe
vielfältiges
Wirken.
Die
Zeit ein Atemzug
spürbar
endlos und morgenfrei
Ein
Verweilen
eingebettet
in die Wunschlosigkeit,
die
der Zufriedenheit den Spiegel
des
Seins entgegenhält.
Hier
entschlüsseln die Gedanken,
die
durch den Windhauch streifen
des
Lebens
unglaubliche
Legende
Brechendes
gebrochenes
Wort
Du
stehst getrennt
von
der Welt
mitten
in ihr
und
entfachst
glasklare
Trugsplitter,
spitz
von
unversöhnlicher
Schärfe,
bricht
sich
in
ihnen
nur
der brennende Strahl,
der
jene blendet,
die
im
grellen Winkel
des
Zerbrochenen
das
Blau des Himmels
suchen.
Dunkler
Duft der Erde
durch
das kühle Rauschen
Deiner
Baumkronen
erblickte
das Kind
den
wandernd stillen Zug
weisser
Wolken
dahingleitend
in
der blauen Ferne
Kastanienrot
im Herbstlaubfall
aus
verregnet tänzelnden
Blättern
flocht
es
zwischen
Girlanden und Moos
Wunschkronen
umwoben
vom Feenreich
grosser
Hoffnungen
Und
als der Strahlenschweif
der Nachmittagssonne
regenbogenbunt
den
Wald durchdrang,

setzte
sich der Totenvogel
auf
den Zweig
laut
zwitschernd
das
Ende kündigend
das
jeder Friede in sich trägt
Heute
kehre ich zurück
Azem
!
In
das kleine Dorf
am
Berghang meiner Kindheit
zu
den Wurzeln
der
Olivenbäume meiner Mutter
zu
den Zypressen
die
blühend
dem
blauen Atlas entgegenschweigen
zu
den Wolken
die
die Spitzen
der
hoch gelegenen Felder umziehen
und
zu den Steinbrunnen
die
das Wasser des Himmels
zum
Wellenspiegel des Lebens machen
Heute
kehre ich zurück
Azem
!
Aus
der grossen, lärmenden Stadt
den
Glaspalästen schillernder Wunschblasen
die
mich
mit
ihrem Kämpfen und Ringen
erfolgversprechend
in
die Ferne lockten
Heute
kehre ich zurück,
denn
still
will
ich mich
in meiner Erde wiegen.
Die Naht der Welt
ist ein Kreuzstich
aus geronnenem Blut.
Iulia PANă
Konstanza
ich habe die liebe
in gedichte bemessen
(am măsurat dragostea în poeme)
küsse – küsse als maßeinheit
des lebens – der zeit – des
weinens
jener die ohne betäubung operiert
wurden – jener die,
wie du herausgeschnitten –
zwischen gummiwänden festgehalten
herren über frauenreste, liebhaber
des
stillen händeklatschens während
des orgasmus
küsse – maßeinheitsküsse
man kannn sie in dem blöden spiel
das von jenen
erfunden wurde, die es liebe
nannten
grausam benutzt man die reime wenn
es einen
liebhaber der falschheit gibt
der ein big problem mit der
aussprache
der wörter hat, die im gedicht
folgen
küsse – küsse als maßeinheiten
für die wünsche die an dir zehren
die dich dazu bringen die
fleischhülle
deinen
schild – die knochen- und knorpelschup-pen aufzugeben
dass du nur in einem Häutchen
bekleidet, nackt in dem vergesslichen wasser des lebens bleibst
du bist noch nicht hast dich noch
nicht herausgezogen
küsse – küsse als maßeinheiten
für dich für deine zwischen den
rissen der erinnerung gepresste
zeit
ich weiß was ich will – ich will dich gebären.
erinnerungen aus
dem rathauskeller
(amintiri
din pivniţele primăriei)
es war als ob im rathauskeller
zwergbäume wachsen würden –
heilkräuter
pfeifentabak und lampengläser
dort waren die erinnerungen der
wichtigsten stadtpersönlichkeiten
aufbewahrt
personen mit schweren
behinderungen
leute die sechs finger und sechs
zehen hatten
gelatinwesen-wasserköpfe
buckelige und andere
die kette des inzestes in der
verlorenen zeit
der stadt
dort unter in einem kreidebunker
vertrieben die
mit präsident und ausweisen
versehenen aufständischen
jede vierte jahr die bürgermeister
immer öfter drangen drausen
skandalöse geräusche
jauchzen und stöhnen als ob in den
kellern
gestorben würde
man sagte dass, eine stotternde
bebrillte reporterin
ihre jungfräulichkeit an jenem
orte
verloren hätte
vielleicht sorgte ein mister
poltergeist dafür, dass ihr bild oft auf den
gesuchen des bürgermeisters
erschien
es war als ob im rathauskeller
die tiere von Kafka aufbewahrt
würden
insekten und haarige tiere
die metamorphosen der alten
verschwundenen
fonktionäre und die plakate die
die ankunft der
amerikaner verkündeten
und irgendwo in einer ecke – die ratten.
*
ich will total leben
wie ein unendliches gitarrensolo…
gary moor soll mir
spielen du sollst mich küssen...
komm und mach mich... in deinen
rhythmus sprudeln
mach mich singen so wie ich es
nicht wissen werde
heb mich in deinen armen bis in
den himmel
dass ich auf deinem gitarrengriff
gleite
jede zuckung soll auf den dünnen
saiten ein akkord werden
dass wir beide in die von goldenen
tränen
beschlagene zeit
mit leidenschaft oder sanft weinen
durch das innere soll es singen
soll es weinen
die liebe und die musik teilen das
leben in lebensportionen
leidenschaft, sänfte und angst
die angst dass ich in einem leeren
zimmer
aufwachen könnte... ein bett und
eine gitarre...
müssen wir tatsächlich jeden
zentimeter an freude
mit den zu langen weg zu jemendem
- zu etwas - zu dir bezahlen
indem wir kilometer von
ungeduldiger sehnsucht laufen
und ich zahle wieder um dich zu
finden – das spiel geht weiter
du deckst dein gesicht mit meiner
seele – deine hände weinen
mit mir zusammen und mit ihr die
du
unentwegt mit anderen frauen
teilst...
es war vor lange zeit... aber ich
glaube immer noch an
das blutige bild des bettes mit
den rosen mit
einem unendlichen gitarrensolo...
deine hand streckte sich mir und meinem herz entgegen mitterwegs
betete ich dass du nicht aufhörst
dann wusste ich dass ich in einem
zimmer war
das mit mir-in-mir pulsierte
ich habe eine grenze mit den
fingerspitzen getroffen...
ich klang in einer himmlischen
harmonie
das zimmer hob von der erde ab und
ich flog...
mit der angst dass ich jemals
aus einer solchen lüge aufwachen
könnte
ich will total leben
ich will total das liebeslied
erleben.
*
zwischen unseren orten zwischen
unseren straßen passieren manchmal die schatten mit leichtigkeit die mauer der
zeit
kindisch finden wir wieder
die stücke der erde und die ozeane
der sehnsucht
die unendlichkeit der götter.
bleib engel dort oben! Unterstütze
mit
deinen flügel den bau meiner
welten...
meine suche wird sich
wie ein von dem ritual des weinens
unterbrochener kreis schließen...
auf den spuren werden andere
spuren
die der geheimen ort unseres
treffens
mit blut bespritzen werden
sich niederlassen...
und so als ob du niemals
weggegangen seiest
würdest du meine hand
sanft drücken wie immer bei den
geräusch
meines atems...
ich würde nochmals anhalten
um das riesige herz am himmel wie
es in
deinen offenen handfläche
in meinen handfläche
mit der langsamkeit eines kusses
gleitet - zu sehen.
wie schön ist ein
mensch wenn er durch die türe hereinkommt
(ce
minunat este un om când intră pe uşă)
es öffnet sich leicht... er
schreitet auf die brücke aus knochen und glas
mit mädchenzöpfen nach unten
gebunden... balken junge männer
wassergardinen stehen halboffen an
den seiten
die berge aus der wolken
gesprudelten lava bedrängen
ihren gang sie sind viele und
stark und tretten mit riesigen
fussohlen auf fliesen aus
elfenbein und gold
er war ganz aus gold und elfenbein
dazu gemacht um meine geheimtüre
aufzumachen
ich werde auf das alles ein
schmerzpulver draufschütteln
meine haare blau färben... damit
sie in der luft flattern und ich ihn erkenne
um die unterschiede zwischen uns
zu löschen meinen leib in
glänzende kleider zu
stecken damit sie
begeistert die welt bereisen
aber er brav reinkomet
vorsichtig kommen blaue hunde
die türe in einen neuen licht zu
verschmelzen...
der schritt... die welt... er ist
der mensch... es ist er
und das lied kommt in allen
genüssen...
mit der hand aufs herz mit offenen
augen
mit der türe die mein alter nicht
erschreckt
mit der luft... dem herz... mit
dir
berühre ich die liebe.
*
würmer aus regen auf dem fenster –
verschwitzte spuren
eine reise in trance durch das zu
große bayern
trompeten – jagdhörner – arkaden –
gotische luft setzt sich in einfache kleidung
WO gibt es eben den korridor?
der platz ist voll – hexen
klettern auf pferdewägen
in einer anderen versammlung
die allemania versammelt sich im
süden ein anderes reich
die flossen auf dem rhein
liebkosen die flöte und eine gitarre
ein neues blatt aus einem buch
voll leute ist abgerissen
wörter sprecherinnen – märchen
sprecherinnen – freie schmetterlinge
auf einer von konsonanten umzäunten farm –
wo ist der mensch? Wo ist er
alles wurde jetzt erreicht die
kühle
der kathedralen aus stein riesig
auf dem mond reflektiert
mit karossen mit goldenen pferden,
flügellos, mit motoren ohne hörner und hufen
der kopf ist voll liebe und
begeisterung – von seiner verrückten welt –
mit tiefen gräbern in der sonne,
mit tiefen kanälen auf dem
mond – nur ich gratis reisender in
den quadraten –
im schatten der herzen.
märchen
(poveste)
aus einem märchen habe ich mich
erinnert dass die zeit
5 finger hat mit welche sie unser
leben auseinadernimmt
komm mal inspiration damit ich dir
die wahrheit ins gesicht schreie
sie erzählen immer noch von morden
und schrecklichen dingen
schlepper die auf den flüssen
herrenlos rasen – schlimme worte
und kollidieren an eisenpontons
schlagbäume in dem virtuellen bild
sie erzählen und so wird eine welt
nur für dich
in welcher du mit den farbigen
worten kämpfst
in rhythmen vibrieren von wem
erfunden..?
meine damen und herren – das
märchen wird
in auszügen fortgesetzt – die
ostern vom schlaf
der pilot-auszug mit erfolg und
vorstellung in welcher die
5 finger der zeit gefangen werden
die reise in den menschlichen raum
wir werden oder wir wurden
geboren?
wir sterben oder sind wir schon
gestorben?
aus märchen ernähren wir uns aus
märchen überleben wir
was aber geschieht wenn der erzähler stirbt?
ich habe mir
niemals die unsterblichkeit gewünscht
(nu mi-am dorit niciodată
nemurirea)
ich habe mir niemals die
unsterblichkeit gewünscht
aber ich kann auch den tod der
kommt nicht lieben
täglich sag’ ich euch dass eine
ganze mannschaft daran arbeitet
um die tägliche illusion zu
schaffen
ich gebe dir eine watsche und du
wirst zu einem weiteren gleichgültigen
wenn wir uns unsere bewegungen die
richtung und die wegpfeile auf die knochen
aufdrucken könnten uns alle
in einem buch zu falten dessen
rollen
uns perfekt ausdrücken würden...
ich habe mir niemals die
unsterblichkeit gewünscht
aber das buch erscheint und dann fliegt
zu den berühmtesten
negativ-positiven helden...
eine mannschaft welcher sich der
tod
ängstlich nähert
und die schreit und kämpft und er
flieht davon
und wir lassen uns fröhlich von
kleinen freuden
betatschen –
punkt. schwarz – die distribution
missglückt... das spektakel tot
nur die hände – die schultern
- nur das herz hält.
die puppe lacht... die illusion ist an ihren platz.
die
skorpion-nacht
(noaptea scorpion)
auf ihrem rücken liefen andere generationen
als ob sie tausende von
durchsichtigen
füssen hätten – leuchtende
flüssige konduktoren
ließen nägel und spuren in den
kleinen kissen meines gehirns.
überwältigt vo so viel licht und
unruhe floß das blut
ohne straßenkreuzungen im kreis so
dass meine augen die passierzeichen gaben:
rot rot-rot mit unterbrechungen!
auf meinem rücken liefen
schweißbäche –
der alptraum der poren
sie – die skorpion-nacht übernachtete in jedem nerv
die panik lag mit dem kopf auf
meinen brust
diese horrorgeschichte leise
geflüstert von der
geräuschmannschaft der imagination
reihte sich
an der startlinie des todes auf
die nacht sprach im schlaf und ich
konnte sie niemandem zeigen
auf ihre arme – ich ging in einem
einfachen bild schlafen
ich kam schwer mit mir zurecht
sie – die skorpion-nacht kam aus
der dunkelheit
der tod schlief niemals ein.
hinter den
erreignissen
(dincolo
de întâmplări)
dir wurde die macht gegeben dir
wurde sie gerschenkt
gewürztöpfe wurden um dich
zersprungen
arme haben dich umarmt unbekannte
leiber
sind im erwartung versteinert
dir wurde das wesen gelobt dir
wurde es bestimmt
wunderbare leben sind in deine
luft eingegangen
stimmen haben dich in den liedern gestützt
kinderarmeen wurden im traum
aufgelöst – kerzen die erde hat dir wurzeln verliehen - riesige seile um dich
an sie zu binden
dir wurde das leben gewogen damit
du weißt, was du von denen die das licht wollen werden
verlangen sollts
unfruchtbare frauen haben dein
antlitz angerufen und dich innbrünstig geliebt die toten
haben es dir mit dem schweigen
gedankt
und haben sich gefragt wer du bist
mit was ernährst du die hyänen des
geistes
mit welchem blut lockst du den
hass?
wie du das leben durch den tod
durchgehen lässt
ich habe dich nur einmal gespürt –
dann
hinter den erreignissen in der
luft
die dich einatmete.
*
immer träumt die liebe mit
goldenen augen
mit versteckten friedensgedanken
und indem sie in der klassischen
stellung bleibt
sucht sie das gleichgewicht das
die tore einer zugbrücke schließt
auf welcher du nur einen einzigen
spaziergang
machen darfst
sie vergoldet deine tage und
überrascht dein schweigen als es – in heißen augenblicke des schlafes - wache
hält
und das lächeln gleitet auf dein
gesicht,
auf dein leben gleitet
die teure dünne schicht der liebe.
frau dichter
(femeia-poet)
frau dichter weint immer...
sie schrebt ein gedicht nach dem
anderen
ihre verse sind direkt auf den
leib oder auf die
inneren organe
geschnitzt
sie schreibt ihre gedichte auf die
kinder bevor sie sie gebiert
auf den mann bevor sie sich ihn
auswählt
auf die bäume... auf die straße
und auf ihr haus
sie näht die dichtung auf die
kleider... sie streut sie auf den essen
und wenn sie alleine ist geht sie
mit ihr schlafen
frau dichter atmet worte ein und
weint
mit buchstabentränen
sie lässt sich von einem gedicht
schwängern...
frau dichter
heißt Die Poesie
Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu
Amelia STăNESCU
Konstanza
***
Den Tod zu spüren wie er,
durch deine Innereien fließt
dich in einer gähnenden Schlucht
der
unbarmherzigsten Gleichgültigkeit
–
Ballast für die Festtage
Maske der Zeit Asche
des Verses, ich bezogene Bewegung
-
zu begraben
nur Du, der das Playback der
Illusion
und dem Nebel der ersten
Liebesnacht verstehst
Taufe der Unschlüssigkeit
Fluch der Leere
***
Die sicherste Ruhe ist die,
die von uns erfunden wurde,
künstlich, genügsam
Sadisten des Wortes und
Papierdiebe,
die verspäteten Romantiker die auf
dieselbe
späte Stunde der Inspiration
warten –
der Kalender der Debütanten im
Tode
es gibt noch Prämien,
Vereinigungen und Ausschüsse
vereinsamte Seufzer
die Wache der Zeit liegt in uns:
wir sind die Wache
über das Leben, unseren Herren,
wir sind
der Herr!
***
Uns bleibt nichts zu tun übrig
tieferforen suchen wir die Hände,
die
zwischen den Worten vergessen
wurden
blaue Kreise Mannsbilder die die
Liebe
ausstrahlen. Nur Du sagtest mir
nicht ich liebe Dich so wie ich
es wollte wie ich es hörte
Junge meiner Chimären-Träume
was sollen wir jetzt am Meeresufer
Indem wir auf das
Sonnenaufgang-Autodafè warten
das zwischen den Muscheln neben
der Disco Enigma verlassen wurde
ad-hoc habe ich Dich mir die ganze
Küste vorgestellt als der
Unbekannten Soldat, der zwischen
den Gräbern irrt, ich habe versucht Dich auf dem Platz Tomis Drei aufzuhalten,
an den Tramhaltestellen oder
an engen Ecken zu spät
vergeht die Zeit.
***
Er wartet auf mich.
Ich tue nichts um der Verzweiflung
zu entkommen, die mich auffrißt.
Ich beobachte genau die Minuten
des Fallens.
Ich verlange nicht nach Hilfe. Ich
weiß auch nicht, was ich brauche.
In der Stille, ungesehen
Ich schreibe. Ich laufe vor mir
weg.
Ich fange an, eine
andere Person zu kennen,
die meinen Namen trägt.
So viele Dinge warten auf mich
Manche brauchen mich
Ich brauche die Luft die ich
bedächtig einatme,
mit der Sparsamkeit des
Süchtigen der sich den letzten Tropfen
Elixier für den Morgen aufbewahrt.
Morgen? Das ist wie die
Traurigkeit,
das Glück von uns erfunden – Worte
die dafür gedacht sind
um ein Versteck zu schaffen, in
welchem man sich versteckt um sich als Schatz zu entdecken,
eine Mitgiftkiste
für dich selber.
***
Die Literatur ist eine Option
ein Rennen in den oder aus den Tod
ein Wieder-Schreiben des Todes
ein Zeuge des metaweltlichen Erlebens
durch das Weltliche
durch den Matsch, durch den
irdenen Schlamm
durch alles was dir missfällt,
dich ekelt,
dich abstößt
ein (aktives)
Intermezzo

***
Wir kauen
an der Dichtung
manchmal
schlucken wir sie herunter
ganz, ohne
Maß
verschlucken
wir uns, wir husten
um
Literatur zu schaffen braucht man nur
das zu
verdauen, was man gegessen hat
dann reden
reden
die roten
Worte, das Blut
das ist
der Roman
das ist
das Leben –
ein Rezept.
***
Nach jeder
Lektüre spürt man eine
phantastische
Kraft
man ist
der Alleswisser
der
Größten
der
Außerwählte
eine
Minute
bis man
aus der Qual der Glückseligkeit
aufwacht
und
ein neues
Buch aufmacht
braucht
man
ein neues Leben.
***
Ich bin so alleine, daß
ich meinen Atem höre, wie er die
Verse spricht,
die vor langen Zeit geschrieben
wurden
der zerstörte Umriß dann
alle Dinge wie sie ihre Identität
verlieren.
Merkwürdig der Geist des
zerstreuten Macadam
die Beine gleiten stumm
in die Leere, in den Stiefeln der
Erde
wie aus einer alten, zum Zenith
gedrehten alten Glocke röchelt das farblose Blut des Vulkans
in uns.
***
ich trete
aus Neugier in den
Hungerstreik
ich habe
keinen Grund dazu
ich kenne
mich als friedfertig
ich gebe
mich der Verführung
der Schauspielerin
in mir preis,
die in
Liebes- oder
Science
fiction Filmen spielt
mein
Freund ist verzweifelt
das
Alphabet auswendig gelernt
der
Nullpunkt ist überflüssig geworden
die
Empfehlung meines Herzens
eine
Aschenwolke,
ein „was
soll’s“
ich habe
die Freiheit in (inneren)
Reimen zu
sprechen
man sitzt
und sieht wie die Jahre vergehen
wie die
Gedanken an einem vorbeiziehen
wie die Bilder die man aus dem Zug
sieht...
***
“Wenn
alles Licht ist erloschen
Und
ich sehe nur meine Gedanken“
Giuseppe
Ungaretti
ich warte zusammen mit meinem
Geliebten
wir zählen die Glücksaugenblicke
die
von dem ewigen Fließen noch
ungeschlagen
geblieben sind
zwischen uns erhebt sich eine
unbezwingbare Mauer
auf einer Seite die Hoffnung,
auf der anderen Seite Du
ach, schwaches Hauchen
die Worte die Du niemals
ausgesprochen hast
wie süß wären sie jetzt,
süßer denn je.
Dt.-Übersetzung: Radu Bărbulescu
Cristiana ESO
Nancy
die
arche noah
(arca
lui noe)
sicher: eins heißt weniger
als zwei
zwei weiße tage aus dem kalender
blenden mehr als ein einziger
zwei hochgewachsene vögel die
jeder auf seiner zunge
jeder an seinem eigenen himmel
fliegt
sind mutiger als ein einziger
zwei liebende, die jeder
in den armen des anderen verloren
sind
sind mit sicherheit einsamer als
ein einziger
zwei engel die sich eine einzige
bibel teilen
sind bestimmt
weiser als ein einziger.
liebe für die steine
(dragostea
pentru pietre)
mein schmerzlichster schmerz ist
derjenige der nicht in mir wohnt
ein licht zerdrückt meine retina
und lacht:
verbrenne mich mit dem blick,
verbrenne mich
wenn du kannst
ein fisch küsst das meer in
welchem ich schwimme:
stehle den salz meiner tränen, wenn du kannst
kannst du weinen?
ich kann.
kommt ein stein
er fällt tragisch
hinterlässt die spuren
die nur er lesen kann
und sagt:
ich bin die geschichte und ich
trage dich
ich habe mitleid, ich habe
furchtbar viel
mitleid mit dir
die bedrängnis zur träne
(imboldul
către lacrimă)
er hat mich mit seinen hungrigen
augen geblendet, geht, indem er mit der retina bohrt, durch die rinde
meines baumes
schreib über das licht, über dich,
sagte er mir mit
sanfter und väterlicher autorität
dann legte er meine hand zwischen
zwei
eiserne worte
und zerdrückte sie mit größem
mitleid
drückte mich in die arme
schreib über die geschichte der
steine
sprich über den tod deines
gestrigen tages
inderm er sich so tief bückte, das
sein rücken bis
über das jungfräulichkeitsgefühl
der sauberen blätter floß,
bis er auf dem weiß meines
erschöpften leibes lag
sagte er mir: träne, schreib über
dich,
schreib!
weiße papierblätter
(foi albe)
ich setze meinen stein
auf seinen stein
um eine burg zu bauen
uns im winter
wenn es kalt wird
damit zuzudecken
weiße himmel, weiße himmel
ihr seid immer sauber
es musste nicht geben, was es war
es muß nicht geben, was es wird
auch wir haben eine ausgeliehene
welt der dinge
bevor es uns gab
könnte ich du sein
könntest du ein anderer sein
deine geschmolzenen geburt ist
nicht
in dem tag, der mir vorgeschrieben
wurde geflossen
und ich war ich
und du warst du
beide in der selben zeit und
heruntergerollt
flogen wir zueinander
die mähnen nach unten
mit unseren weichen schritten an
den schweren himmel
gebunden
zwiegespräch
(dialog)
-
verlangt nicht von mir
dass ich
komme und euch zuhöre und beistehe
um eure
worte auf den lippen mit der sorge
um den
verlust des morgigen tages zu halten
ich kenne
euch nicht
ich
berühre euch nicht
wie sagt
man berührung?
-
schmerz.
-
wie sagt man feuer?
-
feuer.
-
wie heiße ich, meine stiefbrüder?
- vergangenheit.
der wurf des adlers auf dem
himmel
(aruncarea
pe cer a vulturului)
-
so sei es, sagt ihm der adler
indem er
seine augen rauskratzte
ich werde
dir das fliegen lernen
stell
deine hand auf meinen flügel
und schau
dich um –
was siehst
du?
-
ich sehe mich vor meiner geburt
um die orte wo ich meine mutter
treffen konnte
kreisend, was für eine schöne
frau!
nicht jung, sondern schön wie eine
frische frucht.
-
was siehst du noch?
-
ich sehe dich, adler
bevor du
ein adler wurdest
du warst
derselbe, aber du warst kein adler
-
wie siehst du mich?
-
So, ohne augen
wie du
versuchtest
den himmel
unter den flügeln die du nicht hattest zu verschlingen
so ohne
augen wie du dein wesen zu dem platz wo du warst warfst
-
adler, ich bin ein adler
- mensch, ich bin ein mensch
der dritte madrigal
(al treilea madrigal)
ich habe keinen schatten
ich habe felsen die um den ring
meines körpers gravitieren
ich habe keine spuren
sondern nur den hauch meiner flüge
über den gesichtern der
ausruhenden worte
ich habe keinen körper
ich habe ein altes bild
das von einem italiener im exil
gemalt wurde
und ich habe keine angst mehr
vor dem warten und vor den
sonnenaufgängen
ich wache über den schlaf des
paradieses
weil sie auf der aura über dem
kopf
eingeschlafen ist
Aus dem Band: „Carte
pentru Oma El“, Ed. Ex Ponto, Konstanza
2001. Aus dem Rumänischen von Radu Bărbulescu
Steckbrief:
Cristiana
Eso wurde 1976 in Konstanza/Rumänien geboren. Ihr Vater stammt aus
Nigeria, die Mutter ist Rumänin. Mit 15 Jah-ren wanderte sie mit den Eltern
nach Frankreich aus, wo sie dem Gymnasium abschloß und dann mit dem
Universitätsstudium (Medizin) anfing. Zur Zeit ist sie Studentin am
Musikkonserva-torium und an der Sprach- und Theologiefakultät in Nancy.
Marjana GAPONENKO
Odessa
***
Ich hatte einen Traum.
Ich bin tot und ich tanze.
Das ganze haus ist überfüllt mit engeln. bis an den rand.
Ein engel färbt den mund
mit seinem großen traurigen flügel.
Ein engel probiert meine kleider an.
Ich bin tot und tanze und das ganze haus
ist überfüllt mit engeln die seufzen und pressen pupurne küsse an die
empörten spiegel.
die alte kuckuckuhr an der wand räusperte sich schon dreimal ins hölzerne
fäustchen.
aber ich tanze
ich tanze weiter
traum
Ich bin ein Stern- ich sage
es und verberge das Gesicht in den Linnen. Das
Zimmer ist hell und leer. Nur die Sterne raunen einander verrückte
pulsierende Worte zu. Ich gehe zur Tür . Die Sterne folgen mir in dürstenden
Scharen .
Draußen verkaufen Blumen sich selbst .Das dünne «wähle mich,mein König!»-
tönt mir noch lange im Ohr. Durch die Alleen eilen Liebende, umschlungen,
zitternd nicht vor Kälte, sondern von Lust.
Ich schließe die Tür. Das ganze
Zimmer singt im Schlaf. Die Sterne,
verkleidet als geblendete Tauben,
stürzen zu ihrer Herrin und lassen sich
streicheln im Liebestaumel. Ich streichle sie, bis sie verschwinden.
Ich
schlafe und über mich neigst du dich mit unser künftigen Kind!
Eure Gesichter sind bleich, aber ihr lächelt. Ihr brecht das Brot der
Zärtlichkeit über mir.
Roel
Süsse sonnige fladen sind wir,
geliebter. wir sind schwellende trauben in den
gärten der zeit. die zeit isst uns und ich liebe dich mehr und mehr.
heute morgen erwachte ich und du lagst wie immer bei mir. ich löste das haar
,legte den kopf auf dein herz, lauschte: du warst die stadt mit getrampel
von kristallenen hufen und irgendwo im strassengewirr drehte sich ein feuriges
kastanienblatt...
in solchen momenten möchte ich dich zerreißen, den tod überlisten. oder
stundenlang reden von den frechen spatzen in unserem zimmer, von meinem
kleid
das immer noch nach jugend riecht, von meiner großen angst und von deiner
großen männlichkeit. und danach möchte ich meinen mund an deinem kühlen mund
kühlen und süß weinen. leise ganz leise.....
***
wie weinerliche geigen ziehen wir durch die felder.im himmel
tönt gottes
antlitz -
eine kristallene glocke.
in die ferne siehst du ohne zu blinzeln. in die jahre hinein? was denkst du?
dass der wind unsere gesichter mit derselben leidenschaft und
gleichgültigkeit leckt wie die gesichter derjenigen die einst in die ferne
sahen? der wind leckte sie weg und der regen wischte ihre gedanken weg und
der schnee verwehte was man zu sagen nicht geschafft hat. aber wir sind
noch. und ich höre wie mein herz in mir zu dir betet,geliebter:
geheiligt werde dein name,dein wille....
o, gottes antlitz tönt zornig und bricht in hundert splitter.
Marjana
Gaponenko, geboren September 1981 im Suden der
Ukraine/Odessa am Schwarzen Meer. Derzeit Studentin der Germanistik.
Veroffentlichungen in diversen Zeitschriften und Anthologien.
Anita RIVIN
Jerusalem
Er:
Du
schlummerst mein Mädchen
à propòs Liebe
und die
Welt steht habacht
vor dir
die Sonne
steht in ihrem Lauf
und der
Wind hält den Atem an
du
runzelst die Stirn
und der
Mond am Himmel
vergisst
was er dort verloren hat
die Bienen
vergessen
am Honig
zu nippen
und irren
sich in der Blume...
Und wenn
du tanzt
à propòs Liebe
vergessen
die Sterne
warum sie
funkeln
über
endlose Gletscher
so hoch am
blau –
Und wenn
du lächelst
à propòs Liebe
das Kind
in der Wiege
vergisst
das weinen
und der
Alte dort drüben
das sterben...
AM SONNTAG ALLEINE...
Ich wollt’
ich wär’ deine kleinste Zahl
ganz nah
bei den andern vier
dann täte
ich gar nicht verloren gehen
und
niemals am Sonntag alleine...
Ich wollt’
ich wär’ dein linkes Ohr
dann tät’
ich dich
immer
begleiten
deine
insgeheimen
Gedanken
erraten
das wäre
schön...
Ich wollt’
ich wär’
dein
besseres ich
dein Mut
deine
Angst
deine
Träume
an allem
beteiligt
was dich
betrifft
und
niemals
am Sonntag
alleine...
ER:
Seit du
gedroht hast
Mich zu
verlassen
Muß ich
aufhörn’
Mit den
Liebesgedichten
Und
vernünftig sein
Wie die
anderen Leute
Um dich herum
Ja, kühl
muß ich sein
Genau wie
die anderen
Anstatt
ein Dichter
Mit
brennendem Blick
Doch
verrat mir nur eins
Meine
spröde Geliebte
Wie bringt
man das fertig
In deinem
Bann...
Seit du
gedroht hast
Mich zu
verlassen
Schreib
ich keine einzige Zeile
Nur deinen
Namen
Wieder und
wieder
Karina
Was tust
du mir an...
So laß
mich wenigstens Abschied nehmen
Mit diesem
kleinen Gedicht
Zögernd an
deiner Schwelle
Rasten an
deinem Herzen
Ein Dichter
sein
Zum letzten Mal
Bianca MARCOVICI
Haifa
*
hier kündigt die ruhe
die nächste explosion an
und die gasmaskenübungen am Purim
werden den
neugeborenen
nicht empfohlen!
aber, um wieder über die Poesie
zu reden...
sie ist wie ein gelber stern -
sie provoziert überall allergie...
ich trage sie aber
wie einen
schild.
*
ein gedicht, dass nicht heute
stirbt
wenn uns etwas zurückbleibt:
ein erkennungszeichen
ein seit generationen erhaltener
brauch,
ein Kochrezept auf einem
papierschnitzel
das lebensgefühl oder nein,
die vergessenen fotos.
etwas bleibt zurück:
die musik der jungen seele,
die unlesbar gekritzelten seiten,
die faule stimme der erinnerungen
ungeschnittene zeitschriftseiten!
etwas bleibt zurück: bücher die
über die sieben meere getragen
wurden,
in einer den enkeln unbekannten
sprache geschrieben,
einige alben voll mit
gedichtsausschnitten, preisen und träumen,
zusammengefaltete,
zurückgeschikten dinge –
merkwürdige, in einem panzerchrank
verschlossene nostalgien
und das nach genauen, vom wind
diktierten mustern,
gesparte haushaltsgeld,
die frage über das altern immer
noch nicht geklärt
im neuen jahrtausend der
unnötigen gespräche –
es bleibt dir nur übrig
in einer kette deine
(un)geschriebenen
erinnerungen zu nähen ,
ohne gefühle wurde die
schwierigkeit
der nichtanpassung
zum rettungsring.
*
ich würde das, was
in der leere des zimmers zerstört
wurde
wiedergutmachen
von meinem eigenen schatten
beeinflusst,
ihn zu umarmen versuchend,
er ist immer derselbe.
ich habe fast keine zeit
mich zu entdecken
die unzufriedenheit hält
den schatten fest,
unbeweglich.
manchmal habe ich die
moglichkeiten
des matamorphosierten käfers
von Franz Kafka.
*
ich stolpere und falle
der boden ist glatt und beziffert
du lachst gedämpft
hinter meinem rücken
immer wieder passiert mir es
dass ich falle
wenn alles glatt ist.
*
die abende einer träumerischen
Frau
die ihre schlussfolgerungen und
fiebrigen
stimmungen nicht unter der
bedrohung des verlorenen
augenblickes
in die praxis umsetzt:
ich werde mich in kein muster
zwingen lassen
ich werde immer über
den spiegel der wahrheit
schreiben.
Merkwürdig
die macht des wortes
rebelliert in mir,
so dass ich
in einem monolog
auf einer einzige saite – der
saite sol -
tadellos werde.
voll frische
die von Paganini umgesetzte
stimme des menschen,
nur ein capriccio,
solo,
in dem vollen saal des
auditoriums –
eine perfekte audition –
nicht einmal die wimpern bewegen
sich –
ich würde keinem meinem platz
überlassen,
mich tröstet die liebe
der engel des nachts.
*
regentropfen
tränenbäche
die macht deiner worte
bei der erste silbe
spüre ich schon
deine herzschläge
dein unwohlsein
du musst mich nicht begrüßen!
eine geschichte aus dem
vorigen jahrtausend
du kannst schon angeben,
dass du jahrtausende überdauert
hast!
deine illusionen
von angeberischen emporkömmlingen -
geschützt von dem mantel ihres
verständnismangels –
zerstört...
das gedicht wird sich selber
schreiben
in einem fächertagebuch
mit lippenstit und fond de teint
mit speiseöl und gemüse
das ist das konzentrat, das ich in
der hand
wie eine beruhigungstablette
halte.
ich werde mit der isolation
bezahlen
ich bereite mich ernsthaft –
wie beim golfkrieg – vor,
der luftdichte raum ist genauso
virtuell
wie es in meinem herz ist.
*
ich habe mein make-up weggewischt,
alle teppiche aus dem weißen haus
abgestaubt,
alle spuren auf dem
unglatten mosaik
entfernt
und ich bin mit mir
an einem junitag geblieben
um die uhr und den kalender
wie nach einen virtuellen unfall
zu stellen
*
er hat das ehebett für die
klimaanlage verlassen
hat mich überrascht, dass er mich
nicht küssen konnte als ich
es von ihm verlangte
hat er mich mit fremden augen
angeschaut
*
du weißt
genau, woher das licht kommt,
du weißt,
dass er mir völlig reicht
dein
leuchtende blick -
flügel und
traum von den sternen
aus dem
mit explosionen umrandeten abgrund,
das
hologramm der seele -
geschenkt
zu bekommen.
Dt.-Übersetzungen:
Radu Bărbulescu.
Shaul CARMEL
Herzlia/Israel
Ich springe von Baum zu Baum,
der Garten ist kein Wald,
es sind wenige Äste und trocken
und ich falle immer herunter
und ich hebe mich hoch um
hinaufzuklettern.
Der armselige Himmel zwischen den
Bäumen
schaut zu und schweigt
weil
die Engel, die von ihm
herabgestiegen,
sind viele,
fett vor Faulheit
aber schwach in ihrem Tun.
Und sie schert es wenig
dass Gott sich
sich vor Scham
in dem alten Gorilla,
in mir,
versteckt!
Seinen hässlichen Gesandten,
Sein schöner Affe!
Diese Diebe haben Gott beraubt
Er war überall, er war für jedermann da.
Ein Riesengott! Und sie haben ihn...
versteckt?
Man sucht Ihn und findet Ihn nicht mehr.
Naiv begeht man den Himmel.
Man durchsucht alle Ecken. Die Ecken Seines Hauses, die
Ecken deines Hauses.
Nichts!
Gott gibt es nirgendwo!
Morgen werden sie Ihn, verkleidet, zur Versteigerung
bringen,
so wie sie, in Schwarz gekleidet,
und sie werden Ihn kaufen,
die Hoffnungslosen,
die Kranken, die Hungrigen,
die Lebensdurstigen, die die nach besseren Zeiten hungern,
die Mütter der gefangenen Soldaten,
die Eltern der Grabsteine,
ohne zu wissen, dass die Räuber auch Ihn, Gott,
vor der Markteröffnung beraubt haben.
Sie haben Ihm dem Glauben an Sich selbst
und dem Glauben an seine Diener,
die Menschen, beraubt.
Diese Räuber haben Gott beraubt!
Die Macht des Lehms
Seit siebenhundert Jahren
betet Gott
in der uralten Synagoge
von Prag.
Seit siebenhundert Jahren
versucht Er, indem Er betet,
denjenigen zu schaffen,
der den Heeren der Hölle
den Stirn bieten kann.
Einmal,
ein einziges Mal
als Er die Gestalt
des Rabbiners Löw,
Jehuda Ben Bezalei Löw, angenommen
hat
und aus der Heiligen Stätte
ans Ufer der Vltawa gegangen ist,
schrieb Gott mit zitternder Hand
auf die Stirn der Erde
die von Ihm
bis zu Ihn erhoben wurde
Seinen eigenen Namen: SHADAI.
Somit beseelt,
brach der Lehm der Rache die Ketten
um das Böse um ihm herum
zu bestrafen.
Einmal, ein einziges Mal
löschte Gott unter menschlichem
Antlitz
das heilige Zeichen
und seitdem
liegt der Lehm, der zu Macht
wurde,
im Speicher
der Prager Synagoge
zerbrochen.
Wenn man sich der Erde,
die ein Wesen gewesen ist
nähert,
hört man sie, wie sie flüstert:
Wach auf, Jehuda Löw!
Wach auf!
Meine geliebten Verrückten!
Irrende Schatten die ihr aus den
Verstecken der Geschichte gekommen seid
um die Zukunft zu bevölkern,
um mit strahlendem Namen
auf den Armen
in den Augen des Hasses
unter der Sonne die euch
niemals erwärmt hat,
solange ihr gelebt habt
in aller Ewigkeit
hier zu bleiben.
Meine lieben Verrückten
die euch als Kinder der Erde
gebt
von der Sehnsucht nach einem Grab
den ihr niemals,
nirgendwo gehabt habt.
Wascht eure Gesichter
mit Seife,
mit der Seife die ihr gewesen seid
und kleidet euch mit den Kleidern,
aus den Magazinen der Welt,
die euch ausgezogen wurden,
weil Gott seine Heere ruft,
die Engelnheere.
Wer ist der Alte der verloren
durch Tel Aviv läuft?
Jener Alte, der verrückt zu sein
scheint,
der in den Talit gewickelt,
von der Ecke der
King-George-Straße und
dem Dizengoff-Zentrum
in die Richtung Petah-Tikwa
und zurück auf den Ibn-Gvirol
unter dem Treppen des Rathauses
hindurch läuft?
Sagen Sie mir nicht, dass er Gott
ist,
der, der die Bände der Filakterie
auf der verschwizten Stirn
zurechtzieht
und unentwegt klagt:
„Sie haben meinen Minian getötet!“
„Sie haben meinen Minian getötet!“
„Wie soll ich den kaddisch
aufsagen
wie soll ich Mir Lob singen
ich allein, ich allein, ich
allein?“
Demnächst werden wir uns selbst erschießen,
einer den anderen, wir haben es vor kurzem
getan.
Die Feinde werden ihren Daseinszweck
nicht mehr finden,
es hat keinen Zweck Steine auf die Toten zu
werfen.
Demnächst werden wir uns selbst erschießen,
die wenigen am Leben verbliebenen
werden hausfremde Wege einschlagen,
die Waffen werden uns genommen, um unsere
Herren nicht töten zu können,
und wir werden uns wieder das Verlorene
wünschen.
Demnächst werden wir uns selbst erschießen.
Die Fragen
Vater, es vermehren sich die Fragen
so wie die Jahre seitdem du,
mit alle Antworten, weggegangen bist.
Und die Fragen kommen, sie kommen.
Ich möchte sie vergessen, Vater,
aber sie sammeln sich und drücken
und setzen sich langsam ins Blut
und streuen Schnee in meine Haare.
Es sind meine Mühlensteine
und die Sichel die sich wetzt.
Es vermehren sich die Fragen, Vater,
und es gibt keine Antwort in der Nähe.
Ohne Zweifel, ich komme zurück!
Ich komme schon zurück!
Man verlässt nicht eine solche Welt
nach einem einzigen Besuch.
Gewachsen und geschult unter „anderen“
Bin ich niemals zum General geworden.
ich habe keine von den meinen und von den ihrigen getötet,
ich hatte auch keinen Hunger nach dem Geld der Mächtigen als
ich Gedichte schrieb,
ich wurde kein geliebter und geehrter Dieb
oder armseliger Zerbrecher von Kleinigkeiten
obwohl ich ihnen ähnlich sehe.
Ich sehnte mich nicht Premier-Minister zu werden, ich habe
nicht gelogen
und wurde nicht belogen
von denen, die geschaffen wurden
um immer zu loben
und immer in die Hände zu klatschen.
Ich habe nicht verraten, ich habe
keinen
Glauben
verkauft,
ich habe mich bemüht, sie zu verteidigen
als ich sie für Lorbeeren tauschen konnte.
Ohne Zweifel, ich komme zurück!
Ich komme schon zurück!
Man verlässt nicht eine solche Welt
nach einem einzigen Besuch.
Aus
dem Band „Hotul de frumos“ (Der Schönheiten Dieb), Ed. Cartea Româneasca, Bukarest 2001. Dt.-Übersetzungen:
Radu Bărbulescu.
Robert STAUFFER
München
***
Nach jeder Sprosse langst du
schwankender zurück -
in jedem Sattel spürst du
dass du keine Flügel hast.
***
Zwischen Rundlauf und Stafette,
himmelwärts oder querfeldein
mündet der Endspurt beim Beginn.
BÄDER IV; TÜRKISCHES
Sitzt neben mir Sokoli
Mustafa
mit wasserdichtem Chronometer,
bernsteinberingter Hand,
fächelt lauwarm die andere
und weist auf die Wellen
von Schwefel und Radium hin:
fehlt Ihnen ein Pass für die Welt?
Zum Trost hiet eine Anthologie.
Im Feuchten geblättert,
im Nassen gelesen,
trockengerieben
die Haut,
bis eine Filzlaus sich festbeisst
auf Pagina 96, einem Sándor Weöres-Gedicht.
(Sokoli Mustafa:
türkischer Pascha in Budapest, 1566/70
Sándor Weöres, ungarischer Dichter, 1913 - 1989)
BÄDER III
Sie kommen von anderen
Quellen und Brunnen,
vom Froschteich ins Stadtbad hinein.
Im Zwölfmännerschnabelpissoir
- Harzgeruch und alter Teer
wird weich bei Werbungstanz und Zigeunermusik
(aus dem Transistorradio fürs "neue schöne Leben") -
vergrössern sie sich stundenlang,
ragen auf bis Priapus' Grösse,
da hat keine Frau mitzutun,
das machen die Schnäbler allein.
Hirschzähne im Rinnstein,
zu Hause das Geweih:
der Zwölfender.
Jäger aus Polen,
Schwärme aus der Schweiz,
der fette Bayer,
Wiener, verfressen,
Frauen mit entzündeter Rose.
Ich sitze im Bad,
auf dem Wassergrund
ein Blatt des Guinkgo biloba.
BÄDER II
Der alte Leib im
Theaterparterre,
begrenzt, kein Auslauf im Wasser;
oben die helle und dunkle Dachluft,
mystische Rose im Tropfstein,
Geysir im Bleirohr, Ruhe, gedämpft.
Der alte Leib und die verwässerte Zeitung,
Seifendiebstahl unter der Brause;
"meine nackte Freundin", sagt die Matrone,
"du trägst ja kein Schürzchen um deine Brust."
"Schau durch den Spalt ins Sonnenbad,
da siehst du feilgebotene mebra virilia."
"Wasch dich und lasse die Buben,
auf Terrakotta sitzen sie wohler,
engobiert kitzelt die Bank zu wenig,
die membra, das unnütze Ding."
Erhebt sich der alte Leib vom Sperrsitz
und watschelt durchs warme Bassin.
Ins Leintuch verschlungen, schon auf der Gasse,
gewöhliche Marguerite im Strassendreck.
BÄDER I
Bis zum Schlüsselbein
bedeckt
von heissgelaufenem Wasser,
angelehnt an eine Marmorbank,
kommt zurück von der Quelle,
türkisch verhangene Kuppel,
die wohlige Wärme der Lust,
umfasst die geschwellte Wölbung,
streift über Brustkreuz und Nacken,
verflüchtigt trockene Ahnung,
sachlich rein und unangreifbar
weitentfernter Berührungen,
den zarten Anhauch der Haut.
BÄDER V, DAMPFBAD
Hocken Männer auf
Stellagen
im milchigen Nebel aus Dampf
und sitzen gespreizt, zum Zugriff bereit:
jeder ein barberinischer Faun.
Etwa die Uhr noch, ein Amulett,
der engsitzende Ehering blinkt auf.
Haut weich, behaart,
Gelenke und Muskeln,
Waden und Schlüsselbein,
Schenkel überflossen vom Schweiss.
Langen sich Männer auf Stellagen
entlang der Elle übers Schulterblatt an,
berühren den Rücken, die Hüfte, den Bauch.
Mit fiebrigen Augen, brennender Gier
starren sie auf das begehrte Geschmeide,
das wachsende Goldhorn der Lust.
Streicheln sich Männer auf Stellagen
zärtlich über Schläfen und Brustkreuz
und umfangen die Kugeln mit zügigem Druck.
Da ist der geöffnete Mund,
marmorglatt und doch röter als sonst:
jeder ein barbarinischer Faun.
Finger knorplig, verkrampft,
Schambart und Kopfhaar,
Sehnen und Knochen aus Stein,
ein abgeschlagenes Glied.


Foto: Ursula Haas
ORIENTEXPRESS
Stechmücken böser
Erinnerung
kriechen über mein Bett,
schlaufen unter das Kissen,
nisten sich sommerlich ein.
Abgewehrter Schwärme Stiche
zähle ich morgens auf dem Teppich;
wenn in der Nacht sie wiederkommen
- verspäteter Sippenbesuch -,
bleibt ihr blöder Stachel blind.
Aber der Mitreisende im Schweizerwaggon,
chemisch behandelt und bestens gepflegt,
längere Zeit an einer Kordel gehangen,
im Westbahnhof sogar spazierengegangen,
hat sich nach der Grenze verdächtig geregt
und sich sechzigmal an mir festgebissen.
Tedeum der simplen Landplage
in armen Pfarrhausbetten,
Tedeum den Vorortbussen
mit Nachtfaltern und Fliegen,
Tedeum den grasgrünen Mücken,
Ohrenschlaufern und Läusen,
Hunde-, Katzen- und Menschenflöhen,
Tedeum jedem Ungeziefer,
aber Requiem in alle Verdammnis
der frechen Wanze vom Orientexpress
Paris - Budapest - Bukarest.
Horst SAMSON
Neuberg
PÜNKTLICHER LEBENSLAUF
meinem
Vater gewidmet
Nachts setzt sich Nachbar Hans
Den Stahlhelm auf,
Steckt sich ein Gebetbuch
In die Brusttasche
Und fährt mit seiner schwarzen NSU
Durch ein Minenfeld bei Narwa
In Richtung Leningrad
Morgens um fünf
Ist er wieder da.
Im Namen des Apfels spreche ich
Uns schuldig. Wir schätzen ihn
gering.
Er aber führte uns aus dem Garten
Der ewig gleichgestellten Uhren,
Würde Schiller sagen. Wir wissen nicht wie
Uns geschah, nur verführbar
Sind wir immer. Aber nichts haben wir
Begriffen. Und alles nahm seinen
Gang.
für Ludwig Fels und Guntram Vesper
Unaufhaltbar
Wuchst in den Wörtern
Der Tumor. Am Zwetschgenschnaps
Hielten wir uns
Fest: Fremd
Sein in der eigenen
Haut! Angst vor
Und das vergriffene
Land - Mord
In zahlreichen
Auflagen! Menschen
Verschwinden wie
Der Duft
Von billigstem
Eau de
Cologne.
I.
Lieb Vaterland, du magst mich nicht,
Lieb Vaterland, ich mage dich,
Lieb Vaterland, mein Vaterlala, Materlala,
Stiefvatermaterchen, warum maget ihr mich
Nicht, und nicht mein Lala, Landvater Herr und
Landmater Frau, meine Sprachigkeit zu tief
Und hart? Es lallt durch Dünn und Dickicht, Herr
Landvaterlandsgeneral im Nichts, von dort sie kommen
Heut im Koffer mit dem Weg in der Tasche und fremd,
Und viele darunter längst vergessene treue deutsche
Stiefelsöhne zu dir.
II.
Lieb Vaterlandser, blondwütig du, lieb Massengräber
Hinter Draht und Zäunen, saure Stillheit, menschentot,
Heilunruh auch in allen Knochen, und Wanken nicht
Im tauben Unkopf klingt sie nach, kurzschlüssig
Lieb, und viel zu lange, lange:
Trieb Vaterland, Dieb Materland und tatatatata
In der Nacht, lieb Stahlhelmfritz im Erikaka
Auf Kreta und auf der Heid.
III.
Lieb Vaterland, geteiligtes, geeiligtes, geeinigtes,
Hieb Vaterlandschaftsmalerei. Ei, ei, die Lust, was
Kostet sie, des mundzerrissenen Propheten, der gar
Nichts stillt im eigenen Wort, nichts
Vorausschweigt und auf nichts ein Vaterlala
Sich machen kann, einen Vers nicht, keinen
Rhein. Lieb du, oh Engelsgesicht bleich auf dem Berg,
Mein V-Land, ja, davongerollt, als Felsen
Mir. Ich bin dein Volk, Dein Schuhabtreter, Liebestöter
Bis zum Knie. Du magst mich, du - ich weiß es -
Magst mich nicht, du magst mich
Raus. Ich aber mage dich, oh Vaterlunte, Vaterunser
Land. Wie du mir schwer im Magen liegst auf meiner Lieb,
Magst ruhig sein, jetzt und ich ja auch,
Ich habe keines, habe keinen Grund, zu sein,
Lieb Vater lande, ich, ach so, nur Bodensee
Unterm Hühneraug, das umsieht sich nach dir.
UND WENN DU WILLST, VERGISS *
Das Tonband verkauft,
Die Götter sind verschenkt
Und in den Träumen bleibt das Land
Ein tiefes Loch.
Vielleicht hätt man uns
Besser aufgehängt,
Aber es gibt uns noch.
Laß meinen Mund auf
Deinem Munde sein,
Uns umeinander ranken wie
Immergrüne Pflanzen.
Ich hör dein Herz bis in die
Wurzeln
Schrein, ich halt dich fest
Im Arm, wir tanzen.
* Zitat aus dem Gedicht
,,Sterbelied" von Christina Rossetti (1830 - 1894)
AND
THE DEAD TREE GIVES NO SHELTER *
Die Einkaufszentren verlassen
und geschlossen
Die Körper. Die Kinos
Leer und der Himmel
Verstummt. Alles scheint tot, die Seefahrer
Und die Teezeit. Wir waren
Vor uns da, wir
Haben lange gesucht und wenig
Gefunden. Du siehst
Den Wind im Zeugenstand.Und was
Ist mit mir? Ich, der ich saß
zu Theben
Unterm Tor*,
Ich, der ich wandelte
Im Totenreiche, ich bin wie du
Allein und weiß, es
Gibt dafür in dieser lila
Stunde* kein anderes
Wort. Da regt sich draußen
Leicht ein Blatt, im Hirn
Die Liebe ist
Das letzte Wunder.
* T.S.Eliot - The Waste Land
SCHWEDENECK*
Saukalter wind zerbrach
Bäume. Kein Stern

Leuchtete, alle sicherungen
Waren durchgebrannt.
Gott fluchte über dem Meer und
schrie
Nach einem Elektriker,
Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir
Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen
* Zum ”Gedicht der Woche” gekürt - siehe
”Oldenburgische Volkszeitung”, Ausgabe vom Freitag, 16. 02. 1996.
DAS WORT AM ENDE DES
JAHRHUNDERTS
Wir sind frei, zu jagen oder
Gejagt zu werden. Jemand ergreift
Das Wort. Immer gibt es jemanden, der
Das Wort ergreift,
Am Anfang des Jahrhunderts oder
Am Ende des Jahrhunderts oder irgendwann
Dazwischen. Jemand muß es tun,
Also ergreife ich jetzt,
Mitten im Wort,
Das Wort. Das ist ein Wort,
Sage ich, und ein Wort reicht
Dazu nicht aus.
Hier ergreift einer das Wort,
Der wirklich was zu sagen hat:
Hier, sagt er,
Ergriff einer das Wort,
Der in Wirklichkeit nichts
Zu sagen hat!
ZUSAMMENFALTEN DER
ZIMMERWÄNDE
für Elvis und Edda
Robinson Crusoe raus oder Schuhe
Rein? Wir packen
Den Koffer und
Die Reisetasche. Was nehmen
Wir nicht mit, was lassen
Wir da?
GROSSES POEM VON DEN ZUNGEN
DER ZUKÜNFTE
zukunft, die: 1. organ zum
schmecken, sprechen:
eine belegte, pelzige, entzündete
zukunft; vor durst klebt mir die
zukunft am gaumen; die zukunft an
den gaumen legen, drücken, pressen;
jemandem frech die zukunft
herausstrecken; zeig
mal die, deine zukunft, ob sie belegt ist;
die zukunft ist ein von
schleimhaut überzogener
muskelreicher wulst, sie ist wesentlich an der
bildung der sprache beteiligt (zukunftslaute);
die zukunft gehört zu den
verdauungsorganen; der
hund läßt die zukunft aus dem maul
hängen; ich habe mir mit der heißen
suppe die zukunft verbrannt; er hat
eine feine zukunft (ist ein feinschmecker);
die zukunft ist geschwollen (siehe
DEINE GESUNDHEIT);
die zukunft ist scharlachrot;
er sprang in das wasserbecken und
ging unter: die
zukunft blockierte seine luftröhre,
d. h. er erstickte buchstäblich an
seiner zukunft;
der kamillen und salbeitee, mit
dem die zukunft
gereinigt werden sollte, zeigte nicht
die geringste wirkung;
der pfeffer brennt auf der
zukunft; ich habe mir
aus versehen, vor wut auf die zukunft
gebissen; das fleisch ist so
zart, daß es auf der zukunft zergeht;
er fuhr sich (dativ) mit der
zukunft über die lippen;
der kutscher schnalzte mit der
zukunft, um die pferde anzutreiben;
er stößt mit der/seiner zukunft an,
d.h. er lispelt;
bildlich: eine spitze, scharfe,
freche, lose, boshafte,
spöttische, giftige, böse, glatte,
falsche zukunft haben (zu spitzen, scharfen,
frechen usw. äußerungen neigen);
eine schwere zukunft haben; seine
zukunft hüten, im
zaum halten; sich bei einem wort die
zukunft abbrechen (ein schwieriges wort
fast nicht aussprechen können);
die angst band, lähmte ihm die
zukunft (er konnte
vor angst nicht sprechen), der wein
löste ihm die zukunft (brachte ihn zum
reden);
ich beiße mir eher die zukunft ab,
als daß ich etwas
verrate (ich verrate auf keinen fall etwas);
ich biß mir auf die zukunft (ich
unterdrückte im
letzten moment eine äußerung); er ließ
das wort auf der zukunft zergehen
(empfand den klang des wortes nach,
während er es aussprach);
das wort brannte mir die ganze
zeit auf der zukunft
(ich wollte es die ganze zeit schon sagen);
er trägt das, sein herz auf der
zukunft (spricht alle gefühle allzu
offenherzig aus);
die reden mit gespaltener zukunft
(die lügen); diese,
unsere zukunft lügt nicht, meine herren
(oder);
umgangssprachlich: der ist doch
besoffen, der kriegt
doch seine zukunft nicht mehr rum;
übertragen: alle länder deutscher
zukunft; über alles
und mit tausend zukünften predigen (nachdrücklich
darauf hinweisen);
2. a) gericht aus rinder,
kalbszukunft:
wir aßen heute zukunft;
b) seezukunft:
es gab geräucherte
zukunft;
3. tonbildendes metallplättchen;
rohrblatt:
die zukunft am harmonium, in flöten usw.;
4. schuhlasche: die zukunft hat
sich verschoben;
5. zeiger an der balkenwaage; sie
blickte
beim wiegen auf die zukunft;
das zukünftlein an der waage sein
böse zukünfte behaupten, daß
dieses gerücht wahr sei:
der zukunftskrebs beginnt mit
einem kleinen
geschwürchen auf der zukunft, das sich
allmählich immer mehr vergrößert;
zukünfteln: die zukunft rasch hin
und her, nach
vorn und wieder nach hinten bewegen;
die schlangen zukünfteln;
bildlich: das feuer zukünftelt;
die flammen
zukünftelten bereits aus dem letzten
stockwerk des kopfes.
(1981
- aus dem Band ”Reibfläche”, 1982)
Horst Samson:
geboren am 04.06.1954, im Weiler
Salcâmi / Rumänien (während der Deportation der Eltern - sie stammen aus dem
Banater Dorf Albrechtsflor (Kleintermin); Beruf: Lehrer,
Diplom-Journalist.
Gedichtbände: ,,Der blaue
Wasserjunge” - Facla Verlag, Temeswar, 1978; ,,Tiefflug” - Dacia Verlag,
Klausenburg, 1981; ,,Reibfläche” - Kriterion Verlag, Bukarest 1982;
,,Lebraum” - Dacia Verlag, Klausenburg, 1985; ,,Wer springt schon aus der
Schiene” - Nosmas Verlag, Privatdruck 1991; ,,Was noch blieb von Edom” - Nosmas
Verlag, signierte und nummerierte Auflage, 300 Ex.,
1995 (vergriffen).
Mitherausgeber: Salman Rushdie: “Die
Satanischen Verse”, Artikel 19 Verlag; “Pflastersteine. Literarisches
Jahrbuch”, Te-meswar / Rumänien.
Veröffentlichungen in Anthologien:
(eine Auswahl): ,,Jahrbuch der Lyrik 3”, 1981, Claasen Verlag, Düsseldorf;
,,Der Herbst stöbert in den Blättern”, 1984, Verlag Volk und Welt Berlin, Anm:
Titel stammt aus einem meiner Gedichte;,,Luchterhand Jahrbuch der
Lyrik”, 1987, Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied; ,,Was sind das für
Zeiten. Deutschsprachige Gedichte der achtziger Jahre”, 1988, Carl Hanser
Verlag, München, Hgb: Hans Bender; ,,Literarischer März. Lyrik unserer Zeit”,
1989, Paul List Verlag, München; ,,Pied Poets” (Lyrikanthologie in englischer
Sprache ), 1990, Forest Books, London & Boston; ,,Blau: Kaleidoskop einer
Farbe”, Heidelberger Kunstverein / Wunderhorn Verlag, 1990, Hrgb. Andreas Bee
und Christmut Präger (Textbuch zu dem im Wunderhorn Verlag Heidelberg
erschienenen Katalog der Ausstellung ,,Blau: Farbe der Ferne”, 2. März - 13.
Mai 1990, im Heidelberger Kunstmuseum); ,,Das Land am Nebentisch”, 1993, Reclam
Verlag, Leipzig, Hgb. Ernst Wiechner; ,,Worte, die ein Leben begleiten. Drei
Zeilen trage ich mit mir”, 1995, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau;
,,Eintragung ins Grundbuch”, Hgb. Wulf Kirsten, 1996, Hain Verlag, Rudolstadt
& Jena; ,,Schweigen. Eine literarische Anthologie”, 1996, Apsel &
Brandes, Frankfurt am Main; ,,Orte, Ansichten. Deutschsprachige Lyrik der
Gegenwart”, 1997, Landpresse, Weilerswist; ,,Das verlorene Alphabet. Deutschsprachige
Lyrik der neunziger Jahre”, Hrg. Michael Braun und Hans Thill, Wunderhorn
Verlag, Heidelberg, 1998. In Zeitschriften (Auswahl): u.a. ,,Akzente”,
,,Litfass”, ,,Die Horen”, ,,Flugasche”, ,,Literaturbote”, ,,Neue Literatur”,
,,Nachtcafé”, ,,KulTour”, ,,Eiswasser”, ,,Das Plateau”. Gedichte
auf der Langspielplatte ,,Junge deutsche Dichter aus dem Banat”, Electrecord,
Bukarest.
Übersetzt wurden Gedichte des Autors
ins Englische, Französische, Russische, Rumänische, Serbokroatische,
Ungari-sche und Polnische. Literaturpreise: (eine Auswahl): Lyrikpreis des Rumänischen
Schriftstellerverbandes 1981; “Adam-Müller-Guttenbrunn”-Literaturpreis
1982; Stipendiat des Deutschen Lite-raturfonds Darmstadt 1988/89;
Nordhessischer Lyrikpreis 1992 der Europa-Akademie Eschwege, der Stadt Eschwege
und des Werra-Meißner-Kreises; Förderpreis des Lyrikpreises Meran 1998.
Übersetzungen (aus dem Rumänischen):
Theodor Vasilache: “Gegenschauspiel / Spectacol impotriva” (Gedichte/Poeme),
zweisprachige Ausgabe, Kriterion Verlag Bukarest 1996; sowie einzelne Gedichte
rumänischer Lyriker in diversen Publikationen, u.a. in der “Neuen Banater
Zeitung” (Temeswar), “Neue Literatur” (Bukarest), “Literatur-Trafo” (Saarbrücken),
“Literatur um 11” (Marburg), “Drehpunkt” (Basel, Schweiz); “Gefährliche
Serpen-tinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart” (Hrg. Dieter Schlesak), Galrev
Verlag Berlin, 1998; etc.
Samson war (Vorstands)Mitglied und
von 1981Sekretär des Adam Müller-Guttenbrunn- Literaturkreises Temeswar bis zu
dessen einstimmiger (Protest)Auflösung im Jahre 1984 durch den damaligen
Vorstand (Franz Liebhard alias Robert Reiter - Ehrenvorsitzender, Horst Samson
- Sekretär, William Totok - Kassierer, Mitglieder: Johann Lippet und Eduard
Schneider. Anm.: Der damalige Vorsitzende des AMG-Literaturkreises, Nikolaus
Berwanger, war von einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland nicht zurückgekehrt).
KRITIKER-STIMMEN zu Horst Samsons Gedichten:
,,Unablässig
entstehen Parabeln und Metaphern, Bilder und Gleichnisse einer gefährdeten
Existenz. Auch seine spezifischen Tonlagen - vom Paradoxen bis zum Absurden,
vom Ironischen bis zum Sarkastischen - lassen sich als individuelle Antworten
auf bestehende Verhältnisse dechiffrieren, ein Autor, der sich über sein Dasein
skrupulös Rechen- schaft gibt. Mehr läßt sich von Literatur nicht verlangen.”
(Frankfurter Allgemeine Zeitung);
,,Zwei
der Teilnehmer (Anm.: am Meraner Lyrikwettbewerb 1998) bildeten eine rühmliche
Ausnahme: Walle Sayer ... und der Rumäniendeutsche Horst Samson, der in einer
gelungenen Adaption von Brechts ,Erinnerung an die Marie A.´ Liebe als Enklave
und Widerstand gegen die politische Gewalt transparent machte. Auch
handwerklich wussten Samsons Gedichte zu gefallen: Aussagestark, engagiert und
klar, erlangten sie durch die Verwendung von Enjambe- ments zugleich eine
schwebende Vieldeutigkeit. Der ,hohe, ernste Ton’, den Beatrice von Matt an den
Gedichten des 1987 aus dem Banat Emigrierten rühmte...” (Neue Zürcher Zeitung).
,,Schöne,
strenge, subjektive Gedichte" (Frankfurter Rundschau).
Samsons
Gedichte ,,verschlüsseln in epigrammatisch knappen, surrealen Bildern die
schicksalhaften Verhäng nisse des Emigranten” (Linzer Kulturblätter).
,,Beklemmende
Verse... als der Friedhofsstille hinter der Sprache paradox abgetrotzte
Revolte” (Basler Zeitung).
,,Dunkle
Texte. Große Dichte.” (Rheinpfalz Zeitung).
,,
,Mein Leben ist eine Verkettung von Verlusten´; ,Eine Flucht beginnt
irgendwann, hört aber nie auf´ und ,Sprache ist meine Heimat geworden!´, sind
Aussagen von Horst Sam- son... Allein schon in diesen knappen Sätzen spiegelt
sich das Schicksal einer ganzen Schriftstellergeneration, die vor allem im
letzten Jahr-zehnt der kommunistischen Diktatur in besonderer Weise von den politischen
Zuständen in Rumänien betroffen war.” (Banater Post).
,,Samsons
Lyrik besticht durch ihre Hermetik und eine Tiefe der Aussage, wie man sie
hierzulande von Lyrik im allgemeinen nicht kennt.” (Hanauer Anzeiger).
,,Seine
Gedichte strahlen die Kälte aus, die langsam das Land durchkroch, die Minder-
heiten und regimekritische Stimmen einfror oder zur Emigration zwang."
(Saarbrücker Zeitung).
,,Erbarmungslos
entblättert Samson die Zeit wie eine Zwiebel und faßt den Kern in nackte
Worte." (Frankfurter Neue Presse).
,,Samson
arbeitet mit der Sprache, spielt mit den Worten, schmeckt sie ab und setzt sie
um, ohne sich in beliebige Spielereien zu verlieren. Es geht ihm um die
Wahrhaftigkeit des Wortes." (Wetterauer Zeitung).
,,Sehr
ausdrucksstark." (Wetzlarer Neue Zeitung).
Siegen
am bahnhof von bukarest
am bahnhof von bukarest
liegen noch ein paar
erinnerungen von mir
am bahnhof von bukarest
spielen heut kinder
mit meinen erinnerungen
vergessen zerlumpt krank
von ihren eltern verstoßen
von den behörden im stich gelassen
fristen sie
streunenden hunde gleich
ihre kleinen leben
es schmerzt
ohnmächtig zusehen zu müssen
wie sie in verrosteten
schließfächern
mit traurigen augen
ihre hoffnungslose zukunft
erschnüffeln
und mit meinen erinnerungen
langsam schwinden
heute
an einem strahlenden tag in april
am bahnhof von bukarest
dorfleben in südosteuropa
(vormals)
wir hatten
zigeuner im dorf
keine sinti
keine roma
zigeuner
wir hatten
keine vorurteile im dorf
nicht gegen zigeuner
nicht gegen die anderen
wir hatten
probleme im dorf
nicht wegen der anderen
nicht wegen den zigeuner
ganz einfach alltägliche probleme
wir waren
eine einheit
das dorf
deutsche zigeuner rumänen ungarn
juden serben türken kroaten
wir waren
in unserem dorf schon damals
EUROPA
Für Alfred Kittner
Das trübe Wasser der Seine
fließt dem Meer zu
Menschen starren
über Brücken gebeugt in die Fluten
Das trübe Wasser der Seine
fließt dem Meer zu es starrt zu
den Menschen am Brückengeländer
ATEMWENDE
und fließt weiter
Von oben
blickt ein Mensch in die Seine
er starrt schon lang hinab
VON SCHWELLE ZU SCHWELLE
ging er dann tiefer
und suchte
DAS AUGE DER ZEIT
in der Seine
ob er es fand
ATEMWENDE
doch sagt’ er’s uns nicht mehr
Das Wasser der Seine
fließt dem Meer zu
Dort an der Seine stand auch
Paul...
neben und mit ihm und in ihm
Sulamith... Margarethe...
ATEMWENDE
Am Ufer suchen NIEMANDSROSEN
in der FADENSONNE
nach einem winzigen ATEMKRISTALL
Sie suchen und suchen und suchen
Paul...
ein hoffnungsloser unglücklicher
Fall
Am Ufer Paul...
suchen NIEMANDSROSEN
dein ATEMKRISTALL
Das trübe Wasser der Seine
fließt immer noch dem Meer zu
in ihm eine NIEMANDSROSE
und ein ATEMKRISTALL
ATEMWENDE
und...
Welt der Mythen
am Ende der Welt
Eldorado längst vergessener
Schmerzen
Fluchtpunkt ins Jenseits
Sprache gewordene Wirklichkeit
im Gedicht
Trübsal und Frust
machen sich breit
Vorsichtig setzt du
einen Fuß vor den andern
Du hattest doch gestern noch
alles bestens im Griff
Und heute schwimmen
dir sprachlos die Fälle davon
Die Hoffnung im Knopfloch
und die Schlüsselblumen im Fenster
halten auch nicht mehr das
was sie früher versprachen
Halb Tag ist’s
und die Wege nicht kürzer
Eigentlich sollte man ein Requiem
spielen,
nein, nicht für Tote,
sondern für die Lebenden,
nicht für die, die seelisch nicht
mehr leben,
weil sie das,
nach dem sie strebten, nicht
gefunden haben,
weil sie nicht einmal versuchen
zu kämpfen,
obzwar sie noch Energie genug
dafür haben.
Eigentlich sollte man ein Requiem spielen,
für die,
die noch den Mut zum Kämpfen
haben,
die ihr Leben dafür geben,
damit sich ein Traum erfüllt,
der eigentlich gar nicht zu
erfüllen ist;
die im letzten Funken Hoffnunh
noch ein Feuer seh’n,
die vielleicht einmal vergessen
sind,
ins Infinite zurückgekeht,
die sind ein Requiem wert.
Ich gehe
Räume Steine
aus meinem Weg
und lege sie hinter mich
Auf dem Rückweg
finde ich diese Steine
wieder vor mir
Dann räume ich wieder
Steine aus meinem Weg
und überlege
Warum liegen mir diese Steine
immer in Weg
und gehe weiter
Aus dem Band „und was ich
dir noch sagen wollte“, dipa-Verlag, Frankfurt/Main 1993.
Uwe
Erwin ENGELMANN wurde 1951 in Neusiedel / Rumä-nien geboren. Studium
der Germanistik und Anglistik in Bukarest. Wegen der Zensur stellte er 1974 die
Veröffentlichung der Ge-dichten in deutschsprachigen Zeitungen in Rumänien ein.
Lebt seit 1976 in der Bundesrepublik Deutschland. Nach der Über-siedlung
publizierte er in ver-schiedenen Zeitschriften und Antho-logien ein. Ist
Mitglied der FDA.
Hans Jürgen HEIMRICH
Dittelbrunn-Hambach
Wetterzernagt
die alte Pforte
wurmig
morsch
und rauh
das Holz
im Sandstein
porig
rissig
verblasste Wappen
Rosetten
Blätter
zeitlose Schönheit
im Zerfall
Gedanken
auf Gestrigem beharrend
erwarten die Nacht
streifen ab
die Last der Jahre
schweben dunstig
über dem See
sich zu ertränken
für ein Morgen
noch ehe
der neue Tag beginnt
Vergangenheit klopft an
Einlaß verlangend
in gegenwärtiges
später Jahre
bohrt
drängt
aller Gegenwehr
zum Trotz
Gewesenes meldet sich
zu Wort
verlangt
gehört zu werden
Pottasche,
Soda
quarziger Sand
träge Schmelze
kristallen erstarrt
lichtgebrochenes Farbenspiel
zäher Tropfen
rotglühend
formbar
an Pfeifen gedreht
geschwenkt
gezogen
hohlgeblasen
dünnwändige Zerbrechlichkeit
am fauchenden Brenner
erhällt Gestalt
durch Künstlerhand
großziehen
erziehen
verziehen
hinziehen
herziehen
niederziehen
herausziehen
wegziehen
umziehen
überziehen
hinabziehen
emporziehen
umherziehen
heimziehen
zurückziehen
und doch nicht
angekommen
Aus dem Band: „Heimkehr
in die Erinnerung“, Wiesenburg Verlag, Schweinfurth 1997
Karl SEEMANN
Bad Bentheim
Das winterliche Land.
Sie gingen schemenhaft
den Hügelkette zu.
In ihrem Mund
Geschmack der Schlehenfrucht,
des östlich langen Jahrs.
Den Toten ist das Licht
zuviel, es schwärzte schon
am Morgen sich der Tag.
Mit dem Wort
und mit dem Traum allein,
dem nächsten Schlag der Uhr:
eine Landschaft, sparsam, karg,
am Morgen und am Abend.
Am Horizont die Wälder.
Davor Koppelzäune, Wiesen,
einzelne Eichen, auffliegende
Krähenschwärme im Schweigelend
am Morgen und am Abend.
Danach aber
stimmt
kein Bild
mehr.
Nach all
den Jahren
selbst
die Veränderung
des Steins.
Über der Erde
Der Himmel, die Gegenwart.
Unter der Erde
Die Erinnerung,
das lange, uralte Gedächtnis.
Erdrückender Schrei:
hinabtaumelnd
in die Höhlung
aus Atemlosigkeit.
Die Bilder wechseln
schnell, sie bleiben:
Ein Dorf, eine Kindheit
leuchten nach
zwischen Minuten.
Wohin morgen
der Schritt, unsicher, zögernd,
entlang fremden Feldern?
Hinter seiner Stirne
wartet die Nacht.
Aber die Gedanken
bluten noch
ein Quell
der Erinnerung.
Worte? Verstummen? –
Die Amseln
singen anders
unterm Abendwind.
Frieden,
lichtdurchlässig der Morgen,
verborgene Stimme zwischen
Verzweiflung und Hoffen.
Frieden,
verschüttet vom Schmerz
der Jahre; die Ohnmacht
täglich aufs neue.
Frieden,
Sinngebung wider längst
begrabener Hoffnung, fordernd
Geduld
über Asche.
Günter ULLMANN
Greiz
der winter bleibt
klein
die sonne hat
vier ecken
GREIZER TUNNELBAU
Für Reiner Kunze
den tag
durch den felsen
schlagen
die steine
das schwimmen
lehren
den tunnel
verschließen mit
licht
luft holen am
stein
die vergilbten blätterzeugen noch
vom vergangenen jahr
der verwundete baum
beginnt als erster
zu blühn
ich träume von einer anderen
welt
ob sich die blätter der bäume
schon
färben
Oliver Friggieri
Malta
Dt.-Übersetzungen:
Carla KRAUS
Während einer Windstille in einer
ganz gewöhnlichen Nacht
Sind unsere Gesprächspartner die
Vorboten des Todes,
ertränkt in der Tiefe
wir ersticken durch Schatten,
die um und schwirren
verstört wie betäubte Schlangen
Möwen steigen über unseren Köpfen
auf und trauern
über unsere Tränen,
ohne den Grund dazu zu wissen
die seltsamen und so geliebten
Gesichter erscheinen
mit dem starren Blick,
der alles ergründen will;
und Du und ich, ein Vogelpaar, wir
werden sterben
wir hauchen unser Leben aus
unter dem Baum, der unsere Heimat
war
beim Tagesanbruch nach einer verregneten Nacht.
Blumenblätter sind auf den Tisch
gefallen
Und Zigarettenasche verbrennt
meine Finger
Und du kommst noch immer nicht...
Ich habe mich schön gemacht und
mit deinen Lieblingsdüften parfümiert,
ich habe alle Lampen im Zimmer
angezündet
und Du kommst noch immer nicht...
Ich werde mich einsperren
Und alles wieder an seinen Platz
bringen
Wenn Du dann doch kommst,
nimm’ diesen Brief und trage
Trauer,
sag’ ihnen: tot durch Versehen, so
wie er auch versehentlich geboren wurde
wenn Du dann doch kommst...
Im Laternenschein ist Dein
feuriger Blick
Verflocht mit Deinem
hundertblättrigen Herzen,
erklimme jetzt heimlich die
Straßenecke,
verscheuche den Vogel vom
Fenstersims
und schneide vom Blumentopf die
neue Träne ab, die ich Dir widme, kritzle auf Deine Stirn
das Wort,
das ich für Dich aus dem
tiefsinnigen, ehrwürdigen
Wörterbuch meiner Seele
herausfischte, sei vorsichtig
mit seinen herausgerissenen Seiten
und stecke das Blütenblatt
auf jenen Platz, wo es mein Wort
nennt, nimm´ es. Komm´ ,
gehe den Weg mit mir, barfuß und
einsam;
diese dunkle Stunde, die
Schläfrigkeit hat
einen dämmrigfarbenen Traum für
Dich aufgehoben,
die scheue Sonne steigt am Himmel,
die alarmierten Möwen werden
singen, bald werden die Sterne
scheinen, dann wird schließlich
die Melodie
entstehen und das Lied, das
ich noch nie schrieb, wird von meinen
Lippen fließen, die stille Taube wird
über dem Kirchturm auffliegen, die
Tochter dunkler Nächte.
Sing´ für mich, o Einsamkeit aus
diesem Stadtviertel,
umarme mich, o donnernde Seele in
den Schluchten,
lies´ aus meiner Hand, o
Zigeunerin von den Straßenkreuzungen,
denn Deine Blicke im
Laternenschein sind so feurig.
Alte Heimat
Ganz tief in mir drinnen gibt es
ein altes Heimatland,
irgendwo außerhalb der Reichweite
plumper Finger,
außerhalb von Schnüffeleien
Neugieriger.
Es gibt ein altes Heimatland
Und du wirst es dort suchen, wo es
nicht ist
Und den Geräuschen aus seinen Katakomben
und Gräbern lauschen.
Denn dieses alte Heimatland ist
jetzt tot
wie ein Friedhof in einer
verlassenen Stadt
oder ein Feld, das mit der
Lava des Vesuvs schwarz wurde.
Ja, Du hast die Heimat in mir
drinnen getötet,
indem du mir diesen verfälschten
Wein in die Kehle schüttetest,
als Du mich diese abergläubischen
Lieder lehrtest.
Du hast meine Heimat getötet und
nun sterbe ich mit ihr,
aber eines Tages werde ich Dich
erwischen
und mache mir eine Perlenkette aus
deinem Gebein,
aus Deiner Stimme mache ich ein
Instrument,
um einige dieser abergläubischen
Lieder zu spielen
und aus meiner Erinnerung werde
ich ein Märchen erfinden
wie jenes von den alten Göttern und Riesen.
Gib’ mir die Worte Deiner Augen,
die Nacht schreibt eine purpurne
Ballade deines lieben Gesichts,
Tau glänzt, Deine Wangen sind ein
weißes Weltall,
niemand kann barfuss gehen, ohne
sich zu verletzen,
berühre diese Hände und fühle
dieses aufgespießte Herz,
sieh’: das Blut ist heiß und das
Weinen ernst,
o Taube, flieg’ nicht weit weg, Du
hast aus meiner Hand gegessen,
das ist Weizen, der nicht
vergiftet wurde und reines Wasser.
Wie dumpf klingt die Glocke, die
die Stunde anzeigt,
zu der Du von diesem Fenster
wegfliegst,
das ich halboffen für Dich
bereithalte; wie dumpf ist der Seufzer,
der wie eine Fata Morgana kommt
und geht.
Fliege nicht weit weg und sage mir
das folgende Gebet:
„Das Licht von der Laterne, das
auf mich fällt,
ein bescheidener Stern, der nur
für mich leuchtet,
eine wilde Blume, die in meiner
Brust aufsprang,
das Flackern einer Kerze um meiner selbst willen.“
In den Meeren deiner Augen sinkt
das Schiff
Meines Gestern, hier, in meinen
Augen verwelken
Die Blütenblätter jener Blume ,
die ich für morgen einpflanzte.
Ich werde Dich mitnehmen, Herrin
der Seen,
und Dein schwarzer Fuß wird auf
ein weiches, herausgerissenes Herz treten,
das bis zum Ende für Dich schlägt.
Deine Augen blicken den Weg
voraus,
und ich werde ihn im Wald deiner
Haare verlieren
und deine Hände werden mir alles
beibringen, Wort für Wort,
so dass ich verstehen werde, denn
bis jetzt habe ich nichts gewusst.
Komme heraus für mich, o Sonne,
die in jenem seltsamen Himmel
versteckt ist, der sich über mich
schließt.
Wo, wo ist der Schlüssel, um Dich
von den schwarzen Wolken
zurückzubringen,
die sich droben versammeln?
Das ist eine ganz besondere zeit,
die Kerze tropft,
und das schwere Uhrpendel wird
bald überflüssig und stehen bleiben,
die Feder wird bald leblos auf das
Blatt fallen
und ich weiß, weiß nicht, ich möchte,
möchte nicht, o Gott,
gib´ mir das Gedicht ein, das ich
schreiben muss.
In den Meeren Deiner Augen ist
Wahnsinn,
die nacht verhüllt alles im
Abgrund meiner Seele,
am toten Horizont wurde ein Traum
geboren,
die schmerzhafte Geburt der Herrin der Seen.
Jetzt bist Du die neue Zeit, o
Taube,
die gestern aus meiner hand aß,
einsam,
wie Sonnenlicht, das von mir
abgleitet und auf Dich überrollt,
sprich, sprich zu mir, sanft, im
Schweigen
eines erschöpften Gemüts, offen,
wie eine Katakombe,
für Deine nackten Füße, um darauf
zu gehen – komm´ herein.
Jetzt bist Du ein verstummtes
Klavier, in Dir
Ist die purpurne Melodie, die
ich niederschreiben werde –
Mit den Noten, die Du mein großes
Gedicht, eine Wortkomposition,
mit Worten, die nicht im
Nachschlagewerk stehen,
die Thytmen jammervoll vorbringend
und die Silben stammelnd,
denn Du bist sprachlos, neue
Einsamkeit,
eine sanfte Schwalbe, die aus den
Seen nippt
die die Ringe im Wasser zählt, die
ich liebe
mit einem Steinwurf zu ziehen, am
Abend,
Tochter verstummter Seelen, beim
Umblättern
und Lesen der traurigen Bücher des
Dichters.
Vielleicht bin ich der Teppich,
über den Du schreitest,
wann immer Du barfuss gehst, tritt
jetzt
auf meine sanfte Struktur, oh
Dame von den Seen,
ich kenne Deine feuchten Füße sehr
gut, ich werde
in mir den starken Abdruck
jeder Zehe behalten.
Vielleicht bin ich ein neuer
Kalender, das Jahr
mit Stunden und Monaten und
Jahreszeiten, unverändert
farbloser Regenbogen, in Deinen
Armen – offen
für eine Welt, die sich das letzte
Mal verdunkelte,
niemals, niemals wird diese Welt
aufwachen,
um eine Sonne zu sehen, die
unberechenbarer Weise aufging –
über einer schlafenden Menge,
tritt´ barfuß auf mich
und bald wird Dein Fuß meine Weiche spüren,
alle meine Nächte sind Dein, die
flackernde Kerze
am Fenstersims, auf einer
Straßenecke
ist die gestrige Laterne noch
erleuchtet,
wird dort auf Dich warten, Deine
Fußspuren werden
auf die weiche Asche meines
Herzens fallen, die leere Nische
sehnt sich noch immer nach einer
Heiligenstatue, die nie kommt,
sie möchte noch immer einen
Blumenstrauß davor.
Und vielleicht, wenn ich wie eine
vertrocknete Weintraube
Vom Stock abfalle, wirst Du um mich weinen
Und zu spät die dunkle Elegie
schreiben,
mit Versmaß und Rhythmus, wie ich
es nicht wollte.
Das ist keine neue Einsamkeit,
tritt´ auf
die tote Stadt, wo das Saatgut
verdarb und
die Lava die letzte Pflanze
überdeckte,
dieser Vulkan schläft, er wird
einmal
unerwartet aufwachen, vielleicht
wird dann
der Eindruck deines nackten Fußes
auf mir weiterleben,
Selbstmord ist nur für Erwachsene,
mir
genügt ein stiller Tod, feierlich,
um Mitternacht,
denn Deine Tritte sind feierlich
und folglich sterben die Jungen,
so ist ihr Verhalten,
ein Unglück – so wie es kam, ging
es,
vielleicht bin ich ein Teppich,
über den Du schreitest.
Ich bin ein Pilger, der tag und
nacht
den von seinem Herzen
vorgeschriebenen Weg nachgeht.
Mein Herz in der Hand kommentiert
und leitet
die Reise, bis das Ziel erreicht
ist.
Von meiner Hoffnung angetrieben.
Ein Nomade auf dem Weg, in
Sandalen ohne Flügeln,
der Sonnenstrahlen in halboffenen
Fenstern sucht
sowie das erste Willkommen bei
einer nur angelehnten Tür.
Ein Vogel, der nicht zwitschern
kann,
auf der Suche nach feuchter Erde,
irgendwo – weit weg von
seinem früheren Nest.
Im Winter bitte ich um Quartier
für die Nacht; dann gehe ich,
im Sommer warte ich auf die
Wiederkehr des Regens.
Ein Fremdling, der sein Schicksal
mit sich trägt,
mit nut einer Stunde vor ihm
mit nicht weniger als einem
Jahrhundert hinter sich.
O, gehe nicht aus, Du Lampe meiner
Sorgen,
ich halte meine gekrümmten hände
über Dich, wenn der Sturm bläst,
ich entzünde Dich mit dem Öl, das
aus meinem Herzen mühsam ausgepresst worden war,
ich schüttete die Wünsche des
verborgenen Tages in Dich hinein,
ich blies Dich mit dem Atem meines
nun verstummten Mundes an.
An diesem Tag suchen wir die
Lichter am Horizont,
eines nach dem anderen geht
langsam aus, mit uns,
die noc immer umsonst um uns zu
spähen...
An diesem Tag hören wir den
letzten Lufthauch,
der nutzlos unserem Mund entströmt
und unsere Stimme ist gestört,
stammelt nur und kann nicht
sprechen...
An diesem Tag verschwinden
vertraute Töne in der Entfernung
und wir steigen auf unseren Zehen
in die Wüste,
wo sich die Menschen in der
Taubstummensprache unterhalten...
An diesem Tag brauchen wir die
warme Schönheit einer Frau,
um in uns ein kurzes Feuer
anzuzünden
und wir bleiben eiskalt und
ungerührt wie ein marmorner Grabstein...
an diesem Tag versagen wir vor
unserem stummen Spiegel,
wir verlieren die Liebe - mit unserem Gesicht voll hundert Falten...
zuletzt wird dieses Programm
vollendet
und dann wird es für uns leicht
sein,
mit gesenktem Kopf des Theater zu
verlassen.
Aus dem maltesischen ins
Englische v. Peter Serracino Inglott Aus dem Englischen ins Deutsche von Carla
Kraus.
Radu BĂRBULESCU
***
O, Herr, wie nah fühl’ ich Dich meiner!
Hast mir, um mich Deiner Sorge zu
erinnern,
Deinen kleinsten Engel nahe gestellt,
den schlanken, goldäugigen Engel:
er duftet, o Herr,
nach grünem Himmel, nach Seetang
und Granatapfel,
zart knospen seine Flügel über den
Schulterblättern
und ein kleiner, dünner Finger
will
meine Sehnsucht nach dem Paradies
strafen!
Warum hast, o Herr,
den Engel mir nahe gestellt,
und zwischen uns soviel Materie,
dieser Computer
und die kurze Zeit?
Elegie (1)
Es regnet
hinter diesen
Augenlidern
hinter dieser Retina, hinter
diesem
(erschreckend) wachen Be-
wußstsein über
die virtuellste Welt,
die unter den Alpen den
Macin-Bergen,
den Klippen,
dem Meer
und die sich
- zu Recht - totlachenden Möwen
wiederherstellt...
Elegie (2)
Von oben herab siehst du mich an -
du hohe Klippen,
ich, ein unter Wellen tauchender
Strand,
Kalk- und Muschelscherben,
nur ich, der der abgeht
nur du abfahrend, um anzukommen
nur ich bleibe doch
Muschel, Saurier, Kalkstein,
lachhaftes Museumsstück –
eine Elegie.
Elegie (3)
Frag mich nicht, wo
alle Worte geboren werden,
es ist - eigentlich - umsonst an
ihren Türen
über den Sinn des Schmerzes
und der Freude
zu suchen und fragen,
auf Ewig zu pilgern.
Die haben mir mit den
eigenen Märchen auf die Fingern
geklopft,
immer noch allein bin ich auf dem
Weg
zwischen Paradies und die Hölle -
vor deren - gemeinsame - Tor
stehen geblieben...
Elegie (5)
Du, der unterwegs bist:
Der Weg zum Hades
Ist immer der gleiche;
Der kürzeste führt jedoch
In die unmittelbare Nähe des
Paradieses...
Elegie (7)
Es gibt nichts lachhafteres
als die Verbohrtheit des alternden
Dichters
durch seine Verse verankert zu
bleiben!
Arthritischer Clown in seinem
schrillen Anzug
vor den versperrten Toren des
Zirkus.
Unfruchtbares Spiel zum
Einschlafen der Kinder
die seit langem in sich
selbst schlafen...

Rumänische Sonette aus zwei
Jahrhunderten (2)
Vasile Voiculescu (1884-1963)
ARIADNE
(Ariadna)
O Ariadne,
du mein verweintes Wunder – wecken
Will ich
dein Fleisch, dem Schatz gleich in Märchen eingerollt;
Laß deine
weiße Blöße denn göttlich sich erstrecken
Nach den
gepriesenen Hüften, gereift in reinem Gold.
Mach Flaum
dein Lager weicher als alle wollenen Decken,
So weißt
du deinen Herrn zu umfangen drauf so hold;
Den
Algenfäden seh’ ich in deiner Hand noch stecken,
Seitdem im
Schlaf die Liebe uns überkommen wollt’.
Wie
schonungslos du opferst des Leibes reiche Gaben,
Um deiner
Brüste Kelche tief in den Ton zu graben –
Mach süßem
Seim begierig, vertiefst du deinen Schoß.
Der Sand
entsaugt den Kuß deinen Lippen, die halb offen,
Doch
modelst du den Staub in der Schönheit zartem Hoffen,
Und seine
Pracht entfaltet er glänzend nun und groß.
MATEIU I. CARAGIALE (1885-1936)
CLIO
(Clio)
Mir raunte
zu die Herrin: “Nicht auf vergilbten Blättern
Ist deiner
Ahnen Größe in Balsamduft gebannt –
Im
Dornbusch glüht sie purpurn, dort, in den Dämmers Brand,
Wo
glänzende Geschichte erstehen in den wettern.
Denn
ferne, wo die Wolken am Horizonte klettern
Und
Schwänen gleich sich reihen, groß an des Himmels Rand,
Beschatten
Wappenadler, von Drachen rings umspannt,
Die
Städte, deren Türme in Feuerbrunst zerschmettern.
Doch wenn
die Glut des Tages im Nebel dann versinkt,
So setze hin
dich, wo dir der alte Eichbaum winkt,
Damit der
müden Seele, vom Zauberhauch erweckt,
Wenn du,
von Nacht verschleiert, die Erde siehst vergehen,
Die Ahnen
stumm entsteigen, aus ihrer Ruh geschreckt.“
GEORGE
TOPÂRCEANU (1886-1937)
SAMSON UND DALILA
(Samson
şi Dalila)
Mit tiefer
Stimme sagte Samson: „Ich weiß, das eben
In diesem
falschen küsse, der schmeichelt meinem Wahne,
Du sinnst,
mich preiszugeben dem mörderischen Plane;
Zu Fall,
zum Tode droht mich zu bringen dein Bestreben.
Ich will
dich nicht verstoßen. Der Leidenschaft Arkane
Obwohl
fatal, sind teurer sogar als mir das Leben.“
Dann
schlief er ein und zog sie an sich, der er vergeben,
Sie aber
fing im Netz ihn, die schnöde Courtisane!
Sie
bracht’ ihn sanft zu Ruhe, bis er fest eingeschlafen –
O
zukünftige Zeiten, seht ihre Waage schwanken! –
Nur für
ein Weilchen hatte sie Mitleid mit dem Braven,
Dann
beugte sie voll Anmut den Leib, den gerstenschlanken,
Ein
Härchen riß sie lächelnd ihm aus, um ihm zu strafen,
Und
seufzte: „O, die Männer!“..., verloren in Gedanken.
VICTOR
EFTIMIU (1889-1972)
DEIN HANDSCHUH AUF DEM ALTEN SCHREIN
(Mănuşa
ta, pe scrinul vechi uitată...)
Auch jetzt
noch liegt er dort, auf dem alten Schrein, vergessen...
Ich hab’
ihn seither nicht mehr berührt. Den Duft, dir eigen,
Fühl ich
als Rauch von einstmals verwirrend ihm entsteigen,
Um mir,
benommen vom zarten Rausch, die Brust zu pressen.
Von unsrer
Flamme blieb nur die Asche und das Schweigen.
Warum?
Wohin bist du mir verschwunden unterdessen,
Auf deiner
langen, schuldvollen Irrfahrt, so vermessen,
Daß nur
noch fremde Hände fortan den Weg dir zeigen?
In mir ist
nun erloschen der letzten Fackel Glimmen,
Und da der
Abend will in Melancholie verschwimmen,
Wird
tiefer nur mein Schmerz, als vermöcht’ ich’ s nicht zu fassen.
Ich kann
es nicht vergessen. Verkrampft um seine Beute
Wie eine
Kralle, starr, hält dein Handschuh fest noch heute
Mein Herz – er presst es immer und kann von ihm nicht lassen.
ION
PILLAT (1891-1945)
DIE MUSCHEL
(Scoica)
Aus einem
Fabellande, wo im Polypenhain
Juwelengleiche
Blumen den Fels umblühn, den braunen,
Sah ich
als Kind, getrieben vom Spiel der Meereslaunen,
Am Ufer
eine Muschel im Sande, ganz allein.
O, könnt’
ich doch erwecken den Schauer vor dem sein,
Der damals
mich ergriffen, und jenes tiefe Staunen,
Als in der
stummen Muschel ich hört’ ein leises Raunen
Von
unsichtbaren Fluten, von langen Wellenreihn!
Nachts
legt’ ich dann die Muschel ans Ohr und hörte ferne,
Am
Traumgestade, wachsend und schwellend, ruhelos,
Das
Brausen und das Murmeln in des Ozeanes Schoß.
O, welches
Kind wird einst wohl im Sternenschein, bereit,
Den Vers
in seine Seele zu schließen, ach so gerne
Der Muschel gleichen, die mir verhieß Unsterblichkeit?
ION BARBU (1895-1961)
PYTHAGORAS
(Pytagora)
In vieler
Tage Stille, auf langen Meeresfahrten,
Versenkt’
ich meinen Blick in der feuchten Tiefe Grund;
Noch
starrt mein inneres Auge gebannt nach jenem Schlund,
Wo
Schatten sich und Farben zu üppigem Gleißen paarten.
Dort reih’
n sich schnell, erst glitzernd, dann glasig, die aparten
Reflexe in
des endlosen Meeres klarem Rund,
Unzählig
ihre Folge, unsäglich auch der Fund,
Den mir i
stetem Wandel die Dinge offenbarten.
Dann
trennt’ ich mich in Krotona ein dorisches Gemäuer
Für immer
von der Flut meiner blauen Abenteuer –
O Ion!
Enger ist Spartas Geist als diese Sicht!
Doch
droben zeigte mir in der Nacht sich, herber, strenger,
Die Stadt
in einer Leere von sideralem Licht,
Entfleischt
zur Zahl, zum Wirbel von Eisen, um so länger.
LUCIAN BLAGA (1895-1961)
DIE MEMNOSSÄULE
(Columna
lui Memnon)
Der Säule,
die verletzt ward von eines Königs Schwerte,
Verlieh
dies eine Gabe, die sonst dem Stein nicht eigen:
Getroffen
von den Strahlen, die früh der Sonn’ entsteigen,
Tönt’ sie
in einer Weise, die das Gesetz verwehrte.
Und jene
hehre Saite klang in der Zeiten Reigen,
Indem ihr
Ton, getragen, zu Himmel wiederkehrte;
Den Bruch,
der insgeheim einst ihr Inneres versehrte,
Mußt’
immer sie verkünden, mußt’ ihre Wunde zeigen.
Doch damit
stets erklinge nach dem Gebot der Stunde
Die Weise,
so verfügte, dass man den Schaden richte,
Ein andrer
großer König – das Wunder ward zunichte.
Da selbst
der starre Stein ist beseelt in seinem Grunde
Und durch
die Risse Klage erhebt, die in ihm klaffen,
Ist ohne Wunde tonlos, erstorben, was erschaffen.
TUDOR
VIANU (1897-1964)
DIE WOLKEN
(Norii)
Als
Streifen dunklen Flores in weitem Luftbereich
Durchzieht
ihr unaufhörlich der klaren Sicht Gefilde,
In eurer
wandelbaren Erscheinung, hehr und milde,
Bleibt auf
den Wanderzügen ihr euch doch immer gleich.
Stets
finde ich euch wieder, ihr flüchtigen Gebilde:
Hoch
thront ihr uns zu Häupten, erlaucht, an Siegen reich,
Der
Streiter Seelen seid ihr, die fuhrten manchen Streich,
Das ewige
Sehen zeigt ihr in seinem Ebenbilde.
... Und ob
ihr nun als Regen euch senkt mit reicher Frucht,
Ob eurer
Dunst als Fülle von weißem Schnee zerstiebe,
Seid ihr
belebt vom Drange, der seine Formen sucht.
Zu euch
erhebt in Andacht sich unsere ganze Liebe,
Da wir uns
wiederfinden in jenem starken Triebe,
O Wolken,
wie in eurer Erneuerung und Flucht.
B.
FUNDOIANU (1898-1944)
DEM IDEAL ENTGEGEN
(Spre ideal)
Die
Brassen auf! Schon ist in den Lüften, langgezogen,
Ein
unverkennbar klares Alarmsignal erklungen,
Die
Fackeln angezündet an Bord, und schont die Lungen,
Damit der
Lärm verstumme, bis der Tumult verflogen.
Pilot,
wohlan! Durchdringen die Sicht im Gang der Wogen,
Mit wachem
Blick – wer will es? Wie scharfen Stahles Zungen
Seh’
Parmaveilchen blinken ich in den Niederungen,
Sobald im
Frühlicht aufklart der weite Meeresbogen.
Wir werden
dann die wandernde Öde ohne Zagen
In tiefer
Nacht befahren wie an besonnten Tagen,
Bei
vorherrschender Stimmung von Bitterkeit und Schweigen.
Auch
werden wir die Weisheit der Welt zumal vergessen,
Dafür
jedoch sehr stark sein und selbst den Weg uns zeigen,
Wie sehr
uns auch die Stürme bedrängen unterdessen.
DAN
BOTTA (1907-1958)
DER KRANZ DER ARIADNE, XXVII
(Cununa
Ariadnei, XXVII)
Durchmessend
Himmelshöhen mit dir im Überschwang,
Da du mich
in ekstatischem Fluge hingerissen,
Brach in
des Lenzes Torheit ich, ohne es zu wissen,
Ein Reis
ab der Unsterblichkeit, die mich dicht umschlang.
Zephyre
trugen, o Pegasea, uns entlang
All
jene.öden Räume, indessen ich beflissen,
Gemessen,
hieratisch, um keinen Ton zu missen,
Emporhob
zu den Göttern der Doina süßen Klang.
Mich
nährend von der weißen Ambrosia, erglühte
Die
Poesie, umwehend der Wellentiefen Blüte
Und selbst
Uranias weltferne Seele rührend sacht.
Die du
mich trugst pathetisch durch Stürme und durch Zeiten,
Hast in
mir Harmonien unzählig schon entfacht,
Daß meine Finger bluten, kaum rührend an die Saiten.
PETRE
SOLOMON (1923-1991)
DER WEICHSELBAUM
(Vişinul)
Misshandelt
von den Nachbarn, den jungen und den alten,
Zuweilen
auch vom Wüten des Sturms zur Winterszeit,
Erblüht
mein Weichselbaum alle Jahre und gedeiht,
Wenn
brausend ihn bedrängen die lenzlichen Gewalten.
Dann ist
mit weißen Blüten mein Fenster ganz verschneit,
Durch die
sich schleicht mein Kater, geschmeidig und asphalten;
Behutsam
pflegt am Sims er ein wenig anzuhalten –
Die
Muskeln stählern straffend, ist er zum Sprung bereit.
Und
Bienen, Spatzen, Tauben, auch Katzen nahen schon,
Sie summen,
flattern, jagen in den umblühten Zweigen,
Vereinend
ihre kleinen Geräusche, kakophon.
Die als
Epithalame alsbald zum Himmel steigen.
Geduldig
hört der Weichselbaum ihnen zu und lange,
Beschäftigt
unaufhörlich mit seinem tiefen Drange.
LEONID
DIMOV (1927-1987)
AM UFER DES STYX, XXXIV
(Pe malul Styxului, XXXIV)
Lauf an
die Straßenecke, tritt in den Krämerladen
Und gib
dort nur die Auskunft, du seist gesandt von mir,
Kauf einen
Rückenstärkung, Papier und Bindefaden
Nebst eine
Flasche Anis, mit Siegel und Petschier.
Wir bau’ n
dann einen Drachen und lassen ohne Schaden
Ihn hoch
ins Nachtblau steigen über der Mordsstadt hier;
Erklirren
die Signale in kosmischen Kaskaden
So winkt
uns bald ein Päckchen mit Schlafeselixier.
Nicht
wirst du’ s je erfahren, noch wirst du es verstehen,
Wenn,
anderen Gesetze zufolge, aus den Höhen
Ein
rotwangiger Apfel zur Erde niederfällt.
Ich aber,
viele Meilen ins All hinaus gespiegelt,
Werd’
weiter Wache halten, von Anisduft beflügelt,
Um Antwort
zu erstatten im Dunkel dieser Welt.
TUDOR
GEORGE (1926-1992)
DIE SCHÖPFUNG
(Geneza)
Für Michelangelo / lui
Michelangelo
Obwohl ein
Sklave seiner „unwürdigen“ Malerei
Durch
seines Papstes Willen, erträgt er die Torturen
Der
Weltschöpfung zuliebe, die seine Pinselspuren
Erwecken
in der Tünche – das Bibelwort wird frei!
Zyklopengleich
durchstoßen des harten Lichts Kontouren
Die Engel
seiner Sintflut in höchster Raserei –
Der
Farbenflut hält kaum sein Gerüst stand, bis vorbei,
Getrieben
ist die Arche voll zitternder Lemuren.
Auf die
„lombardischen Katzen“ gehockt, blickt er gebannt
Ringsum,
wo ächzt und lodert des Himmelbaumes Brand.
Betrachtet
die Sixtina: in Adams Finger fließt
Substanz
aus Gottes Finger – wozu die leeren Possen –
Genau wie
Buonarroti, er selbst, entstanden ist
Als Zweig
des selben Stammes, dem selben Stoff entsprossen!
RADU
CÂRNECI (*1926)
ES BREITET SICH DER BODEN...
(Vaste câmpii)
Es breitet
sich der Boden für alle in der Runde,
Des
Euphrats Fluten rauschen noch in den alten reichen,
Doch
nimmer, sich verschwendend, will dort das Schweigen weichen,
Auch blüht
die Mandragora nimmer zu dieser Stunde.
Verschollen
ist des biblischen Paradieses Kunde,
Zu den
Erzengeln fleh ich, entsetzt von solchen Streichen,
Ich
schrecke jene auf, die durch Traumgefilde schleichen,
Und sammle
an den Ufern sie mit beredtem Munde.
Zu einem
edlen Leben mahnend in meinen Reden,
Gedenkend
der Geschlechter, die blinder Haß geschlagen,
Der
machtbetörten Herrscher, der bitteren Adelsfehden.
Seh ich,
wie bald versanken in Blut die alten Sagen,
Bis sanft
der Tod mir deutet das Schicksal der Aeden –
Und nur
der Euphrat noch lässt vernehmen seine Klagen.
MARIN SORESCU
(1936-1996)
WIRD UMGEWANDT DIE ERDE...
(Pământul
dat la-ntors...)
Der ewigen
Ruhe zwacken wir einen Vorschuß ab,
Indem wir
alle Nächte schon jetzt vom Schlafe naschen;
Auh darf
ein leises Raunen mitnichten überraschen,
Wird doch
ein Pfad gehauen zum Waldesgrund hinab.
Des
Geistes Früchte hängen dort unreif, faul und schlapp,
Denn nach dem Und lässt kaum sich ein Folglich
noch erhaschen;
Vergebens
tränken Straßen voll Milch uns wie aus Flaschen,
Damit das
Naß nicht über die kalten Lippen schwapp’.
Wird Hanf
in vollen Strähnen zu Traumgeflecht versponnen,
So ist die
Commedia, die Dante einst ersonnen,
Ein
vielfaches Inferno, in dem der Dichter fehlt.
Und in den
Purgatorien, befanden von den Wonnen
Des Wahns,
der sich noch immer im Teufelskreise quält,
Wird
umgewandt die Erde, aus dem wir uns geschält.
CONSTANTA
BUZEA (*1941)
SCHATTEN
(Umbră)
Aufs Dach
und in die Bäume, in den gestutzen Hecken,
Ins
Dillkraut, das gefiedert der Scholle ist entstiegen,
Seh
Spatzen, Tauben, Spechte in bunter Schar ich fliegen...
Woher sie
alle kommen? Wo spielten sie Verstecken?
Ein
luftiger Schattenreigen beginnt sich anzuschmiegen
Dem weißen
Stamm der Pappel, wo wehend Blätter necken
Wie Segel
hoher Schiffe, die ihre Masten recken,
Vertauschend
Näh und Ferne, wenn sie im Wind sich wiegen.
So ist der
Lenz erfüllt von geheimnisvollen Dingen,
An deren
Sinn wir rätseln, vergeblich, immer wieder...
Wie
manches,das uns wohltut, mag einst uns Schmerzen bringen?
Die Luft
ist warm. Die Augen bedecken sanft die Lider,
Aus deren
Honig, lockend zu Träumen, Dufte dringen,
Als
hallten ihre Rufe in unserem Innern wider.
Vasile DAN
Arad
Die Haut des Dichters weh’ ihr
der Haut des Dichters.
Schau’ seine erste, linke Hand
mit welcher er hastig die Groschen
zusammenrafft,
aus welcher er die Groschen im
Kanal
vor dem Rathaus verliert.
Schau’ seinen, wie eine in rote
Tinte getunckten Silberfeder, abgebrochenen Fingernagel.
Schau’ seine über der
Schreibmaschine gebrochene Schulter.
Schau’ der erste Buchstabe, den er
schreibt:
Ein klares, durchsichtiges
Knöcherchen
eines nicht geborenen Leibes.
Auch du hast mir eine Liebe
geschenkt.
Was ich sagen will ist,
dass ich die Hand wie
in einen anderen Stoff strecke,
so wie es die Nacht wäre.
Fünf feuchte,
kleine Finger
die rot tropfen.
Unerwartet kommst du an den
bekannten Platz.
Wirst erleuchtet.
Von deinem Kopf fließt in Strömen
ein feiner, kalter und dichter
Regen herunter.
Du magst ihn. Er kühlt dich ab. Er
säubert dich.
Jemand ruft hinter dir her
obwohl du ihn vor dir siehst.
Einmal hat er sogar gelacht.
Einmal hat er geweint. Ungesehen.
Der Himmel hat sich von Osten nach
Westen verdunkelt.
Am Mittag.
Das Licht war ein Grab und die
Dunkelheit
verdeckte es nicht.
Nach einer Weile kehrst du zurück
und findest alles verändert.
Manches ist wie der Myrthenzweig
aus dem Tonkännchen auf dem Tisch
ausgetrocknet.
Anderes ist gekeimt.
Noch unbestimmte Spezies.
Nur das Gedicht von damals
blieb unberührt.
Der Platz eines erloschenen Feuers
ist kälter als alles was man mit
etwas
bekanntem
vergleichen könnte.
Du bist angekommen, obwohl du
noch nicht weggefahren bist.
Du bist herabgestiegen, obwohl der
Boden über dir war.
Du hast geschrien, obwohl deine
Zunge vor Angst
gelähmt war.
Deine Hand hast du ausgestreckt,
fast wie festgenagelt.
Dein Blut schlug nicht mehr im
Sand des
Leibes.
Schau,
ich seh’ dich vor mir
weil du mir folgst.
Herrn Petre Tutea
„Wird Gott euch nicht strafen?“
Während er sprach zeigte er
Sein, wie bei einen Säugling,
nacktes Zahnfleisch.
Die eingefallenen Wangen.
Die glatten,
von feinen Tropfen übersäte Stirn.
„Wird Gott euch nicht strafen?“
wiederholte er mit der Bibel in der Hand,
die er Allen wie ein
Autorengesetz
vorzeigte.
Es war eine gerade,
unendlich gerade und leere Straße.
Es war Morgen,
es war Nachmittag
es fiel die Dämmerung.
Oberhalb der Straße,
über der Straße,
in der Straßenmitte,
der Straße entlang,
sie völlig beherrschend,
ein schwarzer Vogel
der sich näherte.
Und dort unten,
ein dünner Gesang,
in der
Kanalisation.
Nach einer längeren Weile
hob ich mich langsam auf eine
Seite
dann, zitternd, auf meine eigenen
Beine.
Der Wind blies aus dem Norden und
kühlte mich ab.
Eine gesund knisternde Flamme
in meinem freien Mund.
Holzscheite. Kleine Wahrheiten.
In Luft gekleidet
so wie ein anderer in Haut
hebe ich mich langsam,
auf allen vieren,
auf den Knien,
auf den Beinen,
wackelig,
schrittweise,
gekleidet nur in Luft
wie in einer Engelhaut
ein kaltes Hemd
von der Kälte gewoben
auch durch die Luft
tropft schwer wie eine Säure
der Sonnenaufgang.
Schläft die Materie.
Auf meiner Brust eine grüne Flamme.
Ein Zweizeiler der zu dieser späten Stunde
Gut genug ist
Mir zwiespältig zu trotzen.
Aus dem Band „Pielea poetului“, Ed. Mirador, Arad
2000. Dt.-Übersetzung von Radu Bărbulescu.
Francisc
VINGANU
Curtici
Morgendämmerung.
Hahnengeschreie
fallen wie Spielwürfeln
auf die Stille.
Der Dichter kehrt
geschwollen
wie ein Jungfraubusen
aus dem Manuskript
zurück.
Er tritt ins Licht
und legt sich
auf eine Uhr hin,
die wie
der Mond des Großvaters
quietscht.
Wir waren alle Dichter der Welt
mit verbundenen Münder
mit Titeln
und ohne die Porträts
unserer Geliebten.
Es wurde uns aufgetragen
eine von Dornengebüsch
geplagte Einsamkeit
zu bestellen,
aus denen wir uns Kränze
flochten
unter denen unsere Stirne
schwitzten.
Am Abend
versammelten wir uns
um ein altes
Glühwürmchen
und hörten seinem Licht zu.
Mir ist nur
die Uhr
an der Wand der Dichtung
geblieben,
sogar der Herbst
gehört den Bäumen.
Die Sonne
ist dieselbe,
die Diagnose
ist dieselbe,
nur die Einsamkeit
ist eine andere.
Im Sibirien der Dichtung,
durch den Schneesturm der Liebe,
vor dem Kreuz
fließen Schatten
aus meinen Augen.
Spuren –
um das Kreuz.
Im Sibirien der Dichtung wird
die Morgendämmerung
von Stachelmännern umkreist,
von welchen der Stimmen-Vogel
ins Wort zu migrieren
versucht.
Der Vogel
Van Gogh
hat statt Federn
gelbe Blätter
macht sein Nest
aus Oliven-Versen
aus Trauerweiden,
aus Eichen-Versen.
Der Vogel Van Gogh
brütet
eine Zukunft,
eine Hoffnung,
füttert die Küken
mit Rosenkranzkernen.
Der Gesang des Vogels Van Gogh
ist die Sonnenblume.
Rezept für den kranken
Dichter
Man nehme
anderthalb Vogel-
Schwarm,
man setze ihn in eine saubere
Sonne,
die man am linken Henkel hält
und zerstosse es
zu Pulver
dann trinke man es
mit mehrere Schalen Wein.
Die Ideen
rennen
auf der Autobahn
der Schreibmaschine.
Die Hauptperson
ist die Einsamkeit
mit allen ihren Sachen.
Der Dichter ist
eine andere Einsamkeit,
die in einer
prämierten Uhr,
die als genaue Zeit
die Ideen hat,
wohnt.
Während des Fluges
hat der Jäger
das Ei
in dem Vogel erschossen.
Er hat ihm den Flug gelassen –
die Flügel,
seinen Himmelabschnit
aber was soll’ s:
das Nest ist leer
der Vogel in Trauer.
Der Himmel ist naß vor Sternen.
Die Häuserwände
sind mit Hundebellen
verschmutzt.
In der Nacht
haben die Geräusche
eine Lokomotivform.
Ich trete ins Haus:
-
Geliebte,
lass’ Deine Brüste
leuchten,
damit ich
die Gefühle
schneller finde.
Der Mond
schneidet Fragen aus
deshalb schlage ich mich in der Dunkelheit
und klinge
wie einer, der vom Seil gezogen wird,
aber ihr glaubt,
dass ich erneut Auferstehen tue.
An einem Platz-
Ecke,
mit hochgezonenem Kragen,
auf einen alten
und traurigen Plakat
verkauft
Der Dichter
seine Schlaflosigkeiten:
Für Brot,
Salz
und Wein.
Aus dem Band „Pasarea Van Gogh“ , Ed. Mirador, Arad
2000. Dt.-Übersetzung von Radu Bărbulescu.
Gheorghe MOCUţA
Curtici
wie sie wiehern, die Zuchtstuten
auf den Parzellen der Eigentümern
indem sie sich in den aus der Zeit
der LPG-Gründung (als die Apparatschniks mit
Sauerkrautsaft in den Tüten
herumliefen
und heutzutage sie sind
Geschäftsleute, haben Boutiqen, GmbHs gegründet)
alten, entliehenen Zügeln anstrengen
wie die Leute, wie Fliegen in
die Gärten herausgehen,
und fröhlich ihre kleinen, vegetalen
Gottheiten umschwirren,
die in der schwarze Erde stecken
es vergeht auch dieser Frühling
wie ein Nervenzusammenbruch
wie ein kalter Wind an den
dämpfenden Glashäusern
mit Paradeiser- und
Krautsetzlingen
und ich gleite wie ein Ertrunkener
in dieses
tiefe Wasser
ich tauche im Morast dieser Übergangsjahreszeit unten
Nichts
du sagst nichts und die Leere
stürzt über dir
du stürzst in die Leere die dich
absorbiert
du, der Buchstabenmensch und dein
papierenes Leben
ihr stützt euch gegenseitig
wie die Wolke und der Dampf
sonst würde das Gedicht nichts
weiter als eine Erfindung eines auf diesem Bergpfad verirrten Hirns.
Der Berg zu welchem du willst
kreist immer um die Wüste in dir
Er beschnüffelt sie hündisch wie
ein Artgenosse
nur so klärt sich sein Sinn
nur auf diese Weise betrübt er dich.
Groschenhefte
& DicHtung
von den Witzen der Freunde über
die Literatur verfolgt,
werde ich Tag für Tag unter der
Last der gegenwärtigen Geschichte immer buckeliger.
mir scheint es, dass die Adoleszenten
von heute
keine Groschenromane &
Dichtung im Geheimen mehr lesen
sie sind verrückt nach Videoclips
und
amerikanischen Stars
und ihre Träume werden in der
Dunkelheit der Diskotheken
zerdrückt
während der Philosoph in den
Mülleimer der Emporkömmlingen die Gesetze der
neuen Demokratie sucht
und das Gespenst des wilden
Kapitalismus
in die städtischen Sauhorde
geraten ist.
der Weg zwischen Feldern
von Mohn und Unkraut umsäumt
während das Holpern der
Pferdewagen
Vaters Worte, die schmerzlich bis
aufs Blut in das Gedächtnis geprägt sind,
so wie das brennende Eisen auf dem
Rücken des Viehs:
„das hier war unser Land“
das Traben in der Mittagshitze
mit vom Licht geblendeten Lerchen
die aus den Höhen fielen
mit Erdstaub zwischen den Zähnen
und dem Geruch von verschwitzten Pferde
ich bin elf Jahre alt (das Alter
meines Sohnes)
und Vater murmelt mir etwas ins Ohr
vielleicht der Anfang eines
Psalmes
oder ein Rat den ich auch jetzt
mit dreiundvierzig Jahren immer
noch nicht verstehe
obwohl es mir im Blut schmerzlich geblieben ist.
die wurzeln meines wesens
sind zusammen mit
den gebeinen der mocuţa-familie
tief in den lehm der ebene
eingedrungen
genauso wie – unbemerkt –
die vergängliche blume des traumes
ihr opium in mein blut
geschüttet hat.
das gift steigt in mein gehirn,
dort wo eine
ältere wunde sich geöffnet hat,
ein schlitz durch welchen ich
den stern des feldes
beobachten kann.
DIE WEHKLAGE DES
ÜBRIGGEBLIEBENEN DICHTERS
dies ist nicht das bildnis der ruhe
sag’ ich mir
als ich das gesicht des
aufbewahrten dichters betrachte
ach, dies ist nicht das antlitz
des schlafes.
die wachhunde der nacht
bellen immer noch seiner
schlaflosigkeit nach
seine gequälte seele
läuft zwischen dem zeigefinger
platos
und dem zeigefinger aristoteles.
(glücklich ist der weg
auf welchem die aus der polis
verjagte seele läuft)
DER SOHN DES REGENS
Die menschen haben ihm den
spitznamen ulisses gegeben
weil er seinen esel so nannte
das einzige wesen mit welchem er
noch gespräche führte
und dem er, wie ein schlauer,
dickbäuchiger sokrates reden über die tugend der armut hielt
er, der sohn von alexa popovici
der wohlhabendste bauer im dorf
(er schickte sonntags die
dienerschaft und das vieh zum schlafen, damit er in ruhe seine buchhaltung
erledigen konnte)
aber nachdem er in die lpg
eintreten musste wurde er zum
sohn des regens
und jetzt mit dem wiederaufbau den
besitzrecht
aber keine landwirtschaftsgeräte
mehr hat,
um das land zu bestellen
das er nicht einmal am galgen
verkaufen würde.
von früh bis spät abends
läuft und philosophiert er neben
seinem esel
hält monologe über den wein und
die eitelkeit
die ihm irre und witwer werden
ließen
sie haben sein haus zur
veräußerung gebracht und haben ihm nichts mehr als
einen sohn in der
gataia-irrenanstalt gelassen
und die immense familiengrabstätte
auf dem friedhof, wo er sich proviant für das leben
im jenseits
hortet.
wir sind rumänen magyaren rrroma
wir verkaufen unser land nicht,
wir haben eine verfassung,
die schwaben und die sachsen
können ruhig auf den mioritischen ebenen zurückkehren,
unsere berge beinhalten gold,
aber das vaterland ist immer in
gefahr,
wir haben unsere nostalgien
eine mutige feine intellektuelle
jugend
aber wir haben auch bergarbeiter
die die
revolutionären errungenschaften
verteidigen, falls wir wollen
wir können das haus der republik
und den boulevard des sozialismus
/ mit menschlichem antlitz bauen,
wir brauchen keine monarchie und
großgrundbesitzer und exilanten, sie haben keine sojawurst gegessen,
und auch keine echten
revolutionäre,
zur zeit ceauşescus
wurde riesig gebaut aber monströs der donau-schwarzmeerkanal,
man sieht ihn aus dem all ziemlich
gut,
es gab keine arbeitslosen und fremde währung,
heute
haben wir stupid people und viel
viel
trauer.
Aus dem Band „omul de
litere / viaţa de hârtie“, Ed. Mirador, Arad, 1998. Dt.-Übersetzung: Radu
Bărbulescu
Christian W. SCHENK
Kastellaun
BLINDER SPIEGEL
Schreie
nicht!
Der stumme
Blinde
hat seinen
Hund
auf dich
gerichtet.
Du sollst
nicht fragen
wer der
Stumme ist
oder der
Blinde
denn dann
werden
die
Schreie
dich
zerstückeln.
Du sollst
nicht schreien
denn du
hast gerichtet!
DIE NIEDERLAGE DES BAKIS
Die stumme
Einsamkeit
schreit
ihre
Blindheit aus:
"-Du
sollst die Saiten
deiner Augen
tasten!"
Der Mund
der Einsamkeit
verdirbt
das
Kollektiv.
Lernen zu
denken
ohne
Gedankenlehre
ist ein
Ertrinken
in der
Wüste
bevor
der Regen
kommt.
SO ÄHNLICH DREHT DAS KARUSSELL
Und wieder
ist's so weit:
Die
Glocken läuten,
Abschiedsgeschenke
werden
verteilt,
Särge
verkauft.
Und wieder
einmal
werden
alte Windeln
im
Frühjahrsputz gewaschen.
Und wieder
ist es Tag
und wieder
Nacht
und wieder
zucken Finger
am Abzug,
und wieder
regnet es
aus
Strohhalmwolken
schwer
und wieder
ist's so weit:
Die
Glocken läuten
Abschiedsgeschenke
werden
wieder
wieder...
ZUM HERRSCHER GEBOREN
Türme
baumeln
glockenlaut
mann sagte
läutet
mann sagte
unterwerft
mann sagte
lauter
mann sagte
weibersünde
mann sagte
mariahimmelfahrt
mann sagte
alles
und
man
schwieg
GEDANKENSPIEL
Zusammengefaltete
Augen
tagerfüllt
zur Nacht
hin
gedrosselt.
Der Abend
bricht an
-
Traumblindheit -
Der Tag
bricht an
zusammengefaltet
nachterfüllt.
Ludwigsburg
Ins Deutsche übersetzt von Horst FASSEL
PROTESTNOTE
er verliest die Protestnote
weiß nicht warum aber man läßt es zu
sie liest die Protestnote (die gleiche?)
weiß nicht wie aber man läßt es zu
er will sie unterzeichnen
weiß nicht warum aber man verbietet es ihm
sie will ebenfalls
zu spät sagt man ihr
sie gehört
bloß zu den
Lebenden
ALLES OK
alles OK hieß es als er ihn unversehrt und unbehelligt sah
er hätte ihn umarmen mögen
allein es gab ein weiteres Problem
die ausgeliehene Fahrradkette mit der das Treppenhaus
abgeriegelt werden sollte war
dazu nicht imstande
ebenso scheiterten alle Versuche den toten Nachbarn daran zu
hindern
in die Stadt zu gehen und Brot
Kerzen und Streichhölzer
zu suchen
WIR
SIND FREI
das geschah am Tag nachdem Ion Monoran die Wodkaflasche von
Nichita Stanescu nahm um sie Bacovia auf dem Bellu-Friedhof
zu
bringen
Rolf Bossert ließ sich gerade am Blitzableiter des
Schriftstellerhauses herab Virgil Mazilescu biß ein Stückchen
Gedicht vom Tragebeutel
mit Gemüse ab Matei Visniec verteilte Märchen mit
Blinden Florin
Iaru erlernte ein Lied zum Überqueren der Straße
Was würden wir rumänischsprachige Schriftsteller ohne die
deutschsprachigen anfangen
fragte sich Mariana
Marin
Eugen Jebeleanu traf eben mit
seinen beiden altbekannten Zicken ein und jeder wußte daß es
an der Zeit war
Eugen Suciu einen Besuch abzustatten
es regnete bitterlich und
wir zwei Narren streckten uns unter dem Tropfenfall auf dem
Siegesboulevard aus
wir sind frei
wir sind frei
wir
sind frei tönten wir - jaja
ihr seid schon frei, schien
jetzt
das blinzelnde Auge der Ampel zu sagen
die in die Reserve
zurückgezogen wurde
aber ein beneidenswertes Gedächtnis
besaß
KOMM
TRAM
die gelbe Tram ein Dotter hält
in der Haltestelle wo du gestern
den Tag um die Ohren schlugst
still öffnen sich die Türen du wirst
festgehalten von den Blicken der Schaffnerin und wirst
von einem Wal verschluckt
der Schrecken
aus Dunkelheit den sie
mit ihren Karieszähnen kaut
wird dich von nun an
niemals
verlassen
Dan DANILA
Leonberg
Dt. Übersetzungen: Georg SCHERG
Der Stacheldraht ist auch ein Gedicht,
von jeder Seite anders zu lesen.
Ja, die Wolke ist frei, sie kann aber nicht
Umblättern und staunenden Augen genesen,
keiner drum glaubt, der in fremden Zungen
Linke nennt, was mir als Rechte bewusst,
drum presst, der einen Standort errungen,
den geheimen Kompaß fest an die Brust,
wird scheunentorgroßer Reklame trauen
wenn schön geschrieben, darfs Lüge sein,
die Hand vorm Mund wird er staunen und scheuen,
zu Boden und scheu blickt der Ostländer drein;
damit ihn soviel chromweißes Licht
und west-gerechte Spiegel nicht blenden.
Der Vorhang ist offen – die Hand vorm Gesicht
Wird der eilig und weise von hinnen sich wenden.
Märchen hatten damals wirkliches Leben
in Wäldern, zwischen Kornböden und Steinen,
gewärtig,
mit einem Zauberwort geweckt zu werden
und selbst sich zu erzählen, indes der Sommer
sich ohne Ende hinzuspinnen schien,
ein Hauch gemächlich um den Feldweg strich
und warmer Staub noch an den Fersen klebte
des blonden Kindes, das es nicht mehr gibt
die Stadt versteckt im winzigen Turm,
der durch Splitter strahlt von buntem Glas
zwischen den beiden Hügeln, kaum erinnert,
die neuen Bücher rochen noch nach Tinte,
Lackschuhe, seltener ein Motorrattern,
oder der Ölgeruch von einer Lampe,
wenn Blitze in Holzmasten schlugen,
worauf das Dorf in Finsternis versank
im Wirbel welken Laubs und schwarzer Fäden
bei Hagelwetter und Gewittersturm
murmelte ihr Gebet die Alte, am Fenster
dem tiefen Brunnen gegenüber irgend-
wo in den Bergen aber flüsterte
Großvater unverständliche gütige Worte,
wenn aus dem nahgelegenen Eichwald sich
Wildschweine dann an Abend hören ließen
dort hatte er seinen Streifen mit dem Mais,
Heuwiesen längs der Schienen in der Flußau
Mit ihrem Schilfdickicht und Kolbenrohr,
aus dem die Lerchen schwirrten dann und wann,
doch die Straße oben auf dem Berg
ein Weizenfeld mit blutig-buntem Saum
von bittrem Mohn, Wegwarte, Hirtentäschel,
Komrade, gierigem Wiesenknoterich
manchmal fuhr ich mit ihnen auf das Feld,
die Zügel in der Hand, obgleich die Stute
den Weg auch mit geschlossenen Augen kannte,
ich hatte meinem Platz im Wagenschatten,
Brotsack und Wasserkrug zum Griff bereit,
auf glühenden Boden hingeschmolzen, sah
ich hinterm Hügelrücken sie entschwinden –
zwei Hüte, gelbblau, immer Seit an Seite
danach das Abendrot zu dritt, vor Napf und
Ikonen, auf dem kühlen Strohsack rückte
Ich ein, das morgens angefangene Buch in Händen,
den Webstuhl hörte ich, den Pfiff des Weberschiffchens,
den Schlag des Kamms und Nüsserollen auf dem
Dachboden
(das Ähren Gold sind, Bücher alles wissen,
noch glaubte ich, dass Sterne funken, Grillen
sprechen
und dass die Kinder aus dem Nabel kommen)
voll Farbenstrahlen eine Welt, und Tränen,
die durch die Finger rollen, jeder Sommer,
der der Geburt und viele die noch folgten,
und jeder Abschied – Schmerz, die Großeltern aber
erwarten mich zu je zwei Jahreszeiten,
ich seh sie gleichsam durch den Schneesturm waten,
von ferne schon mir zum Willkommen winken,
zwei winzige Schattengestalten vor dem Tor.
Gustavo ZAPPA*
Argentinien
- 1 -
Die Vorhänge verbergen
die Pforte zum Innenhof
sie bewegen sich, auch wenn sie geschlossen
ist,
als gäbe es einen Windhauch - unaufhörlich -
oder einen Körper
(Atmen von Vorhängen
schwer von
nicht erwünschten Worten)
Die Nacht öffnet die Pforte des Innenhofs
- 4 -
Der Umhang des Mondes schläft im Innenhof
In der Ferne geht ein Fest zu Ende
Nahe ringt eine junge Frau mit dem Tod
in einem gelben Raum mit Fenstern gen Osten
- 11
-
Am Horizont
eine Feuersbrunst ohne Ende
In der Dunkelheit, die allen gehört,
drängeln die Toten sich
wie Flammen
-
13 -
Die Frau betrat mein Zimmer und weckte mich
"Im Hafen
liegen Schiffe, die weinen, die ganze
Zeit -sagte sie-
Schiffe, die vor Anker liegen seit vielen
Jahren."
Dann hielt sie mir die Ohren zu mit ihren
Händen
und ich hörte das Weinen der Schiffe
Tanz in der Kiste
Er war ein Mann von fünfzig Jahren.
Er trug einen kleinen Sarg ohne Deckel, worin der einbalsamierte Körper seiner
Großmutter lag. Die Tote hatte die Augen offen, sie war eine kleine alte
Indiofrau, die alle Welt zum Weinen brachte. Später erfuhr ich, daß der
Enkelsohn die anderen Enkelkinder der Großmutter suchte. Jahrelang schon zog er
von hier nach da, von Dorf zu Dorf, die kleine Kiste mit sich herumtragend,
damit auch nicht einer zurückbliebe, der nicht davon Kenntnis genommen hätte.
Exil
Es sind drei
junge Frauen, die da mit ihren Tanten an der Küste sich aufhalten. Heute um
drei Uhr nachmittags werden sie sich vom Land trennen mit einem Stück Erde, das
ihren Seelen und den Jahren des Wartens entspricht. Aber die Tanten vertrauen
nicht auf die Vorhersage und bewahren das Buch, das die Geschichte ihrer Flucht
erzählt, in der Hoffnung, eine Fahrkarte für das nächste Schiff zu erwerben.
Trotzdem ist es schon drei Uhr nachmittags und ein tiefer Riß tut sich auf in
der Erde. Bald schon entfernt sich die Insel mit den Frauen, während drei
andere an der Küste sich umarmen, voller Rührung.
Aus dem
argentinischen Spanisch von Susanne
de la Fuente
Vlad NEAGOE
Bukarest
Aus dem Rumänischen von
Dieter Paul FUHRMANN
STÜTZPUNKTE FÜR DIE SEELE*
1.
Den purpurnen Schatten
erschleichend –
Lust und Schrecken – und die
Haspel der Stille
Plötzlich macht es dir Freude
Das Kosen des Flüsterns in der
Ahnung,
Du erträgst es und gehst durch die
weiße Nacht
Wie auf einer abgestandenen,
ausgeruhten Welle.
Doch es ist nur das Licht,
Das uns sein Gesicht zukehrt.
2.
Es brennt das wache Dunkel
Über den kupfernen Wäldern
Die sichtlosen Wasser dringen
Krachend in die Einsamkeiten.
Der Schlaf aus der Unnatur erhellt
Das dünne Lächeln –
Im Himmel ist Mittag geworden.
3.
Die Finsternis kann die fliegenden
Vögel täuschen,
Sie kann das Herz des singenden
Menschen beirren
Doch nicht erschüttern kann sie die Wurzeln,
Die tastend ins Leben treten mit Schneckenhörnern.
4.
Zuletzt nimmt der Stern seine
Stelle ein
In der Tiefe des günstigen
Sternbilds.
Die Dammnagen sind nicht mehr
nütze.
Für dich ist das Schicksal eines Gefühls
Nur ein sühnendes Herz des Wortes
In einer alten Flucht nach den
feurigen Dingen.
Das Wort - ein im Boden verstecktes Insekt –
Belauert den Himmel: Vergessen mit schlummernden Augen.
5.
Die Flammen des Tages lecken an
deinem Leib,
Neugeboren auf dem zerstäubten
Schnee.
Die Sohlen der Zeit hängen im
Himmel des jüngsten Tags.
Im Chore der Engel, gebrochen wie
ein Strahl
In der Musik der schweren
Räderwerke, zerfallend.
6.
Mit den Vögeln fliegt auch die
Luft, auch das Leben
Wie in einer Sphäre die Zahlen
vermehrend.
Streifen von Schicksal und Tod
Zerreissen wie breite Ströme die
Horizonte.
Eigentlich steigen wir ab, in den
gekrümmten Raum
Eines zerrissenen Planeten.
7.
Morgens saugt dich die Stille ein,
Saugt dich gierig ein in die
kleinen Dinge
Zwischen den Flügel der Biene auf
der Blume,
zwischen den Beinchen der Ameise
Auf dem Kelch der untergehenden
Blume, da wir immer klagen,
Schreit sie: „Rührt mich nicht an!“
8.
Die schmerzliche Kluft und das
Feuer,
Das älter ist als die Zeit,
erscheinen
Blendend über dem Sumpf meines
Geistes.
Unermesslich ist die Qual, und
vergebens versteift sich
Der Wind, die erste Wahrheit.
Frei ist das Wesen vor Anbruch des
Tages.
9.
Und Brot ist mir das erleuchtete
Wort,
Und voll Gesang ist mein Leib,
Das glühende Rascheln des Feuers.
Durch die Wasser blickt der Mond
mich jetzt an,
Ein tiefes Atemholen, wie ein Wort
Sich verdünnend, mundlos.
10.
Aus diesem alterslosen Abend,
Der die Fallen ersetzt hat am
Horizont,
Rinnt Sand, diamanten sich schlängelnd
wie Honig
Aus den unsterblichen Alveolen, um
uns
Wie irgend ein Wild verenden zu
lassen im Nebel,
Einsamer im unaufhörlichen Fallen
vertilgt
Von den Düften des Schweigens und des erlösten Nichts.
11.
Fahl schimmert neben deinen
Fingern der Marmor
Dar Karyatide, die dir zulächelt,
blinzelnd,
Die Schultern, die Rippen,
die Brüste sprengen die Nische,
Sie hängt sich an dich mit den
Fingern
Und mit den Zehen und zieht
Weiter, die Brust durchstreifend.
Sie erwartet dich auf der
gepflegten Terrasse
Unter der Laube mit wildem Wein.
Betäubt wirft sie sich in deine
Arme.
Sie umfassen ist es, als hättest
du keine Knochen mehr.
Spricht sie flüsternd zu dir, so
wirst du
Zu einem Hauch aus
Traumesfernen.
12.
Zweimal noch wirst du geboren, um
woher ins Leben zu treten,
Zwischen den Welten, und auf einem
Stühle sitzend
Wirst du schreien, als wärst
du nicht vorhanden:
Es überleben zu wenige Worte!
Auf dem Himmel sind Streifen von
Schatten geworfen,
Unter ihrer geläuterten Schicht,
regellos,
Verschwinden die Menschen,
verbittert, ermüdet,
Nur die Bäume ersteigen unbekümmert die Stufen.
Wenn es hoch hergeht auf der
Kirmes, suchst du zitternd
Nach Zeugnissen deines prekären
Daseins.
Die Sängerin, die deine Gebeine
gezählt hat,
Läuft umher, entziffert mit ihren
Augen
Die Zeichen an den Wänden, die
Wolken, die dich
Bei den Händen gefasst haben und
dich lustig
Über die Korridore des Himmels schleifen.
15.
Auf mancherlei Wänden scheint
die Sonne anders,
Und die sich drängenden Schatten,
die der Leere um dich
Einen Halt zu geben suchen,
erwarten die Nacht,
Um dir zu sagen, ob das Leben
erträglich ist
„Ihr wisst nicht zu verlieren“
schreibt die sonne
In unsichtbaren Kreisen auf den
Wänden,
es erscheint
Ein Engel, auf einem Schmetterling
reitend, der auf einer Blume
Kaum sein Gewicht hält. Die große
Stille
Flüstert dir zu:
„Komm zu dir“.
Alexandru ECOVOIU
Bukarest
SALUDOS
Roman – 13. Folge
Es ist vielleicht nicht
schwer zu weinen, oder einen anderen zu töten, wenn man den Tod eines Menschen
schon auf dem Gewissen hat. Ich verspürte ein wenig Mitleid. Und Angst. Ich
konnte einfach aufstehen und weggehen. Ich habe mich sogar einige Male auf dem
Stuhl hin und her bewegt, um zu gehen, aber das Teufelchen in mir – andere
beherbergen einen Engel – zog mich zurück: „Bleib!“. Der Engel hätte mich vor
einer Schwierigkeit geschützt, die mir den Aufenthalt in Paris um zwei Tage
verkürzt hat. Ich konnte nicht ahnen, wie die Dinge sich entwickeln würden, der
Wein war – warum soll ich es nicht zugeben – gut, und Sey erzählte mir
unglaublichen Sachen. Ich war fast nicht mehr interessiert, wer sich unter dem
Tardif-Globetrotter Logo versteckte und ob es ihn überhaupt gab. Mich
interessierte nicht mehr der Hintergrund jenes absurden Wettbe-werbs oder der
möglichen okkulten oder schlechten Rolle, die von Sey gespielt wurde. Auf
einmal fühlte ich mich ausgesprochen wohl: ich war meine detektivistische
Besessenheit losgeworden, ich war der ideale Zuhörer. Schweigsam, geduldig, die
ganze Zeit in die Augen des Erzählers schauend. Auch wenn Sey meistens den
Eingang im Auge hatte. Oder er schaute noch weiter in die Ferne: eine Richtung
bedeutet eine Unendlichkeit von Orten.
„Schwester Marcella... Alles vergeht... Ich
gleite in mich selbst hinein, Tag für Tag. Ich fühle fast physisch die Zeit,
wie sie sich nach Innen bewegt, in mich hinein, und mich hinter sich herzieht,
mich entleerend. In diesem gan-zen
kosmischen hin und
her behalte ich eine ewige und
genaue Rolle – es muß so sein!: nur dass
ich nicht mehr als einen
bestimmten Au-genblick, das heißt einige
Jahrzehnte, wahr-
Alles fing mit einer
seltenen Ausgabe der Essays von
Montaigne an, einem zerfetzten Exemplar, das ich in einem Antiquariat an der
Seine gekauft hatte. Ich blätterte es in einem kleinen Bistro in der Rue de la
Huchette durch. Einer vom benachbarten Tisch fragte mich, in welchem Jahr das
Buch gedruckt worden sei. Der Mann war Sey Mondy. Der Wanderer. Der große
Wanderer. Der LETZTE WAHRE WANDERER. [...] Ich lud ihn ein, an meinen Tisch zu
kommen, wo ich ihn noch einige Nächte
lang traf, und er mir erstaunliche
Sachen erzählte. [...]
nehmen
kann. Und in dieser Zeit muß alles im
Terror leben: „Aufstehen, ein neuer Tag be-ginnt! Pünktlichkeit!
Rigorosität! Arbeit! Start! Das
Rennen beginnt! Die Gewinner be-kommen... etwas!“
Was würden sie bekommen? Die
tatsächli-chen Gewinner bekommen nichts!
Sie neh-men es sich! Ich will
glauben, dass ich ein Gewinner bin. Ich
hielt manchmal das ganze Universum in der Hand... Ich träumte manch-mal (so wie
es scheint, führe ich ein nächtli-ches paralleles Leben), dass ich dien
Möglich-keit, einen Mittel besaß, die Materie endgültig zu zerstören. Das
heißt, die Welt, das Univer-sum! Nichts nimmt eine andere Form mehr an: ALLES,
wie gesagt, wurde zerstört. Lavoisier: ein „Witzbold! Es war etwas sehr
Kompli-zierteres. Als ich aufwachte, hatte ich alles vergessen. JEMAND hatte
dafür gesorgt.
Aber es ist möglich, dass ich mich unter Hyp-nose erinnern könnte. Ich
muß aufpassen. Ein-mal, als ich in der Kneipe in Paramaribo besof-fen war, habe
ich darüber geplappert. Magirus, der sicherlich in der Nähe lauerte, weiß es.
Warum hätte er mir sonst eine Nachricht, die erste in den vierzig Jahren
seitdem wir um die Welt reisen, am ersten Kontrollpunkt hinterlas-sen: „Es gibt
nur einen Gott!“? Er weiß es, und das ist nicht gut. Er könnte es auch irgendwo
ausplaudern und dann wäre ich die Zielscheibe neugieriger Weltinteressen. Es
könnten mich die Russen, die Amerikaner oder die Chinesen entführen... Aber sie
würden es umsonst tun, weil ich inzwischen geträumt habe, wie die Welt
ge-schaffen wurde! Davon weiß bis jetzt keiner, nur Sie. Und das ist wiederum
nicht gut...“
Bestimmt war nicht gut, weil mich die Angst erneut gepackt hatte. Sey
zeigte sich immer misstrauischer. Ich lüftete seine Geheimnisse, bei einem Glas
Wein, geduldig. Er dachte, viel-leicht seit er gestrigen Nacht, vielleicht vom
er-ten Augenblick an, ich sei ein Kundschafter. Ich suchte – dachte er – einen
Vorwand, um ins Gespräch zu kommen. Und nicht nur das. Folglich konnte ich mich
auf alles gefasst machen. Die Geschichte mit dem Homunkulus war eine
Kleinigkeit geworden, und der Wett-bewerb ein Märchen, das mich gar nicht mehr
interessierte. Ich musste meine Haut retten!
Ich übertrieb vielleicht, weil Sey selbst die Sachen einigermaßen
zurecht bog:
„Ich träume nur Blödsinn: es sind nur schiefe Reaktionen meines Traums
von der Unendlich-keit. Wie soll man die Welt neu erschaffen?“
Er zog sich zurück. Ich wurde ruhiger, aber passte auf alles auf: Wort,
Geste, Blick. Ich konnte kaum erwarten, dass es endlich hell wurde!
„...Falls ich Madeleine geheiratete hätte! Die Madeleine, weil ich nur
in jener Zeit in der Lage gefühlt habe, mir eine solche Verantwortung
aufzubürden. Ich habe ihr niemals etwas ver-sprochen. Aber ich hatte schon vor,
es zu tun. Ich war außerordentlich selbstsicher. Ich verließ mich darauf. Eine
Ehe ist, zuallererst, ein seeli-scher Zustand. Ich habe jene Jugendlichen in
der Metro gesehen und ich habe aufgegeben. Sie versuchte, lachend, seine Faust
zu öffnen. Sie haben einige Haltestellen lang gekämpft. Sie haben sich
gekratzt, gebissen. Das Mäd-chen war müde, hatte Boden verloren. Sie hat
aufgegeben. Eigentlich waren beide müde. Als der Junge seine Hand geöffnet hat,
war nichts drinnen... Sie hatte erwartet, dass dort etwas sei... etwas
unbekanntes, geheimnisvolles. Wenn nicht etwas wichtiges, dann doch wenig-stens
etwas interessantes. Ihre Beziehung hat-te das Wichtigste verloren: die Illusion.
Auch meine Faust war leer, es hatte keinen Zweck, Madeleine oder mich selbst zu
täuschen. Das Spiel der beiden hat über Madeleine ent-schieden.
Kleinigkeiten haben manchmal unvorstellbare Konsequenzen. Als ich jenen
Kampfhahn retten wollte, habe ich nicht ahnen können, was ich für eine Reihe
von Taten auslösen würde: es war wie eine Bö und alles wandte sich, scheinbar,
ausschließlich gegen mich – es war irre! In keiner anderen Ereigniskette konnte
ich aber jenen Inkaschatz entdecken, den größten von allen!... Ich nenne den
Ort nicht, ich versuche auch ihn zu vergessen...“
Sey zündete sich eine Zigarette an und hüllte sich, hüllte mich in
Rauch:
„Es war am Ende des Kampfes, der Augen-blick in welchen der Gewinner
seinen Rivalen tötet. De hässliche Hahn hatte verloren. Er wäre auch
unbarmherzig gewesen, falls er ein schwächeres Gegenüber gehabt hätte, jetzt
musste er aber sterben. Die Zuschauer waren auf dem Höhepunkt, seit langem
hatten sie keinen solchen Kampf gesehen! Mit einem Satz war ich Mitten in der
Arena, ich habe eine Handvoll Peseten in den Sand geworfen und fing den
Verlierer. Es war, als ob ich das
Theater angezündet hätte. Ich bekam es von allen Seiten, wie ein Boxsack! Ich
hab auch zurückgeschlagen, aber nur mit einer Hand, in der anderen hielt ich
den Hahn. Jemand hat geschrien und sie ließen von mir ab. Das Blut quoll mir
über die Augen, und mir fehlten zwei Zähne. Ich konnte sie alle erwürgen;
wenig-stens einige von ihnen...“
Er war dazu in der Lage! Ich
konnte es mir gut vorstellen, nach der Art, wie er seine Hand durch die Luft
bewegte und sie unter meiner Nase ballte...
„Drei Jahre lang blieb ich ohne Zähne! Und ein Hüne nahm mich in
Empfang. „Hast wohl Mitleid mit dem Vogel gehabt, was? Du willst ihn retten?
Das heißt, du hast nicht einmal das Gehirn von einem Spatz! Über das Leben
eines Kampfhahnes wird in der Arena entschieden. Du bist ein Depp!“ Ich befand
mich damals auf der zweiten Weltreise und ich spielte manchmal immer noch den
blöden Don Quixote! „Was wirst du jetzt mit dem Vogel tun? Wie man sieht, bist
du auf der Reise. Wirst du ihn freilassen? Wo? In diesem Land und in den
benachbarten Ländern wird ihn jemand, wenn er wieder gesund werden sollte und
er ihn findet, wieder in die Arena schicken. In der Pampa oder im Urwald werden
ihn die Tiere fressen. Versuche niemals, den Gang der Dinge nach deinem Willen
zu beeinflussen. Wie groß du dich auch glaubst! Weil die Menschen so etwas
nicht mögen. Sie wissen selbst, was zu tun ist. Warum gehst du nicht in die
benachbarte Stadt? Morgen wird es dort einen Stierkampf geben. Du wirst die
Gelegenheit haben, einen Ochsen zu retten!“ Die Zuschauer lachten sich krumm
und ich stand, wie ein Idiot, mit dem Vogel im Arm. Ich nahm den Hahn mit. Sie
haben mir wie auf dem Fußballfeld nach-gepfiffen. Der Hahn starb an dem Abend.
Ich habe ihn in einen Müllverbrennungsofen ge-worfen. Ein Greis, der ihn sah,
sagte mir, dass er ein Batangos gewesen sei, eine philippi-nische Rasse, die
beste auf der ganzen Welt. „Wie konnte, Senor, einen Batangos verlie-ren?“,
wunderte er sich immer wieder, indem er vielleicht glaubte, dass ich selber
jenen Kämpfer schlecht trainiert hatte...
Dort ist mir vieles schiefgegangen. Gegen A-bend haben mich unter dem
Verdacht der Landstreicherei, zwei Schnurrbärtige von der Stadtwache
festgenommen. Alle Männer in jener Stadt trugen Schnurrbärte, ich glaube, sie
waren dazu verpflichtet. In der Nacht hat mich die Polizei übernommen: sie
hatten in meinem Sack meinen Paß gefunden. Der Teufel wusste, wer ich war, es
könnte einen Skandal geben. Es sind viele Typen dort einmarschiert, aber nicht
für mich, wie ich später eingesehen habe, sondern für Don Almagro, der
väterlicherseits von einem berühmten Konquistador, einem Kameraden Pizarros,
und mütterlicherseits von einem Inkakönig abstammte. Wir saßen beide in
derselben Zelle. Er war das tausendste Mal bei der Polizei, weil er unerlaubt
die Medizin praktizierte. „Ich bin kein Arzt, es ist wahr. Aber ich bin auch
kein Quacksalber. Ich heile.“ Er kannte alle möglichen Heilmittel. Indem ich
seinen Rat befolgt habe, bin ich später einen rebellischen Schnupfen
losgeworden. Er hatte alles von seinem blinden Ururgroßvater erfah-ren, der
einhundertsiebzehn Jahre alt wurde und die Kenntnisse von einem anderen Ahnen
und so weiter bis zu jenem Inkakönig, der angeblich sein Vorfahre war, kannte.
Don Almagro hielt sich gut bei Kräften, er hatte ungefähr mein jetziges Alter.
Er war Lehrer, war gut gekleidet, sang Opernarien und schimpfte auf die
Regierung. Ein starker Typ war er! Nach einer Nacht, ließen sie ihn aus dem
Gefängnis, weil die ganze Stadt ihn brauchte. In der letzte Zeit aber blieb er
tagelang im Bau. Weil Don Al-magro angefangen hatte, linken und rechten zu
drohen, dass er das Geheimnis eines Getränks kenne, das jedem, der es getrunken
hätte, dazu bewegte, nur die Wahrheit zu sagen: stunden-lang! „So erfuhren die
Inkakönige die Geheim-nisse der Gefangenen und der unsicheren Untertanen!“,
sagte Don Almagro. „Und so wer-den sie auch erfahren, was in dieser Stadt
passiert!“, goß er, als ob es nötig wäre, Benzin ins Feuer. Es bahnte sich eine
Katastrophe an! Was wäre, wenn der Ungläubige so etwas tatsächlich tun könnte?
– fragten sich viele. Und selbstverständlich auch der Polizeichef. Man fühlte
es von weitem, dieser war eine Bestie. Er versuchte Don Almagro zu überreden,
sein Re-zept preiszugeben. „Die Obrigkeit“, sagte der Oberst, „müsste es
wissen. Sie MUSS ES WISSEN!“ Damit würde sie die Kriminalität, den Diebstahl,
die Unterschlagung bekämpfen kön-nen! Der Justiz würden Falschaussagen erspart
bleiben. Die Kinder würden abends eine Tasse verzauberten Tee bekommen und sie
würden die am Tag begangenen Sünden zugeben. Die Frauen würden das Fremdgehen
der Männer nicht mehr fürchten müssen, und umgekehrt! Don Almagro würde somit
zum Retter der Stadt und der Welt.
Aber der Ketzer dachte nicht daran, aus seinem Geburtsort ein Paradies
zu machen, und der Rest der Menschheit interessierte ihn genauso wenig. Deshalb freute sich Don Al-magro, von jenem
Abend an, kein Verständnis mehr. Es wäre vielleicht nicht so weit gekom-men,
aber Mittags hatte ein gestandener Bür-ger jener Stadt eine öffentliche
Erklärung über die Art, in welcher die Kommunalwahlen ge-fälscht worden waren,
abgegeben. Zwei Stun-den zuvor war der Schwätzer zusammen mit dem Lehrer in
einer Bierstube gesehen wor-den. Und noch mehr: am Abend fing im Kino ein
Polizist zu schreien an, dass er korrupter als der Bürgermeister sei und dass
er sich auf-hängen werde, weil er die Schande nicht mehr ertragen konnte. Er
hatte einen von Don Alma-gro vorbereiteten Pflanzentee getrunken, der gegen
Verdauungsstörungen wirken sollte, bei-den haben es zugegeben!
Die Sachlage war sonnenklar: der Verrückte hatte angefangen, seine
Drohungen in den Tat umzusetzen! „Ich werde zehn Fässer davon aufkochen lassen“,
grollte Don Almagro, „und ich werde sie in die städtische Wasserleitung gießen!
Nur um die Bewohner dieses Sodom zu bestrafen. Ich tue ihnen nur Gutes, ich
heile alle ihre Krankheiten, und sie wollen mich der Hexerei angeklagt sehen!
Nichts da! Sie wer-den alles auffressen müssen! Ich werde hier ir-gendwann
rauskommen!“
Nur, dass er gar nicht rausgekommen ist. Er gab dort seinen Löffel ab,
als er noch seine Suppe auslöffelte. Es war vermutlich Zyankali. Es kam
ungewöhnlich schnell ein Arzt und stellte fest, dass Don Almagro an einem
Herz-infarkt gestorben sei.
Am Abend wurde ich zum Kommandanten geführt. Es waren dort noch weitere
vier Typen anwesend. Nachdem sich alle von dem plötzli-chen Tod Don Almagros
betroffen gezeigt hat-ten, fingen sie an, in dem Versuch, von mir zu erfahren,
was wir in der Nacht besprochen ha-ben, um den Brei herum zu reden. Ich habe
ihnen gesagt, dass Don Almagro verrückt ge-wesen sei. Das alles, was er sagte,
eine Ver-rücktheit sei: nämlich, dass er ein Gebräu ko-chen könne, das jeden,
der daraus trinken wür-de, mit sich selbst sprechen und die Wahrheit sagen
bringen ließe. Er sagte auch – fuhr ich fort – dass er einige Dutzend Leute in
dieses Geheimnis eingeweiht hätte und falls ihm etwas geschehen sollte, wurden
sie es allen, die damit zu tun gehabt hatten, heimzahlen. Sie werden das Gebräu
ins Wasser, in dem Wein, in die Medikamente, in den Teig, aus welchem das Brot
gebacken wird, sogar in die Milch für die Kinder mischen, so dass keiner
entrinnen könne!
Ich musste denen etwas vormachen! Ich sprudelte nur Blödsinn heraus aber
es war ein Mord geschehen und jemand musste dafür büßen! Und schließlich musste
ich auch meine eigene Haut retten. Aus den Blicken der Anwe-senden dämmerte
mir, dass ich mich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hatte. Ich konnte
nicht mehr zurück. Ich sagte ihnen, dass je-mand vom Französischen Konsulat
kommen würde, um sich über mich zu erkundigen. Der Oberst war verdutzt.
„Wissen die denn, dass du hier, in diesem Ort bist?“
„Aber selbstverständlich!“, log ich, den Münchhausen überbietend. „Sie
wollen Gründ-stücke kaufen. Für vier Fa...“
„Fabriken!“, ergänzten sie mich
einstimmig. In dem Augenblick dachten sie nur, wie sie sich am besten die
Einöde im Süden der Ortschaft sichern konnten. Nur dort konnte man etwas bauen.
Der Rest waren nur Urwald, Sümpfe und Kaffeeplantagen. Somit war jene
Halb-wüste Gold wert!
„Ich bin derjenige, der die Baupläne fertig stellen muß“, teilte ich
ihnen verschwörerisch mit. „Ich bin Architekt von Beruf. Ich bin herum-gegangen,
um mir den Platz anzusehen., und ihr habt mich dabei gestört... Ich muß überaus
wichtige Entscheidungen treffen. Falls wir uns einigen können – wir sind doch
einsichtige Menschen, nicht? – werde ich euch gute Tipps geben. Aber dieser
Empfang wird euch etwas kosten! Ihr sollt mich wenigstens in die Zelle
begleiten, so dass ich mich ein wenig ausruhen kann. Ihr könnt mich wecken,
wenn mein Man kommen wird.“
Sie haben mich Hals über Kopf in das einzige Hotel in der Stadt gebracht
und mich im ober-sten Stock einquartiert.
„Weil“, wie sie sagten „hier, Senor Mondes, gibt es keine Mücken und
keine Fliegen und sie werden wunderbar schlafen können. Bitte ent-schuldigen
Sie, Senor Mondes! Wir werden Ihnen Bescheid geben, wenn die vom Konsulat Sie
suchen. Buenas noches!“
Es war tatsächlich eine gute Nacht, weil ich, nach etwa einer
Viertelstunde, undankbar wie ich bin, meinen Rucksack gepackt habe und über die
Feuerleiter abgehauen bin. Ich landete etwa zehn Schritte von den Jeep
entfernt, der mich dorthin gebracht hatte; ich saß im hohen Gras und traute
mich nicht einmal laut zu atmen.
„Hast du den Franzosen einquartiert?“ „Ja, Boss, geradezu fürstlich!
Nach einer Stunde, wenn er eingeschlafen sein wird, werde ich ein Frauenzimmer
schicken, die ihm Gesellschaft leisten wird. Ich werde ihm die
Lolita-Sieben-Teufel schicken. Morgen wird er sanft wie ein Lamm sein.“ „Ich weiß nicht warum, aber ich habe den
Eindruck, der Typ versucht uns zu leimen. Das Licht brennt und im Zimmer sieht
man keine Bewegung. Nicht einmal einen Schatten auf der Decke oder vor dem
Fenster!“ „Er ist vielleicht ins Badezimmer gegangen!“ „Zum Teufel, es ist
dunkel im Badezimmer! Der Dreckskerl hat uns betrogen!“ „Pedro, steig auf der
Feuerleiter und schau mal dich um! Falls nötig, schieß! Alle anderen, ins
oberste Stock-werk, marsch! Durchsucht jedes Stockwerk! Die Terrasse, die
Keller! Ich warte auf euch in der Rezeption!“
Alle liefen kreuz und quer und ich lief zum Auto. Ich war mir sicher,
dass die Schlüssel steckten: wer sollte schon das Auto der Polizei stehlen? Ich
startete wie ein Verrückter. Ich hatte seit langem kein Auto mehr gefahren. Ich
fuhr verkrampft, ich spürte, das meine Reflexe nicht mehr so waren wie früher,
aber ich fuhr wie ein Wahnsinniger. Ich musste aus der Stadt bevor die Telefone
der Kontrollposten Alarm geben konnten. Ich schaffte es nicht. Am Stadt-rand
wurde ich von einem Kugelhagel begrüßt. Ich habe mich klein gemacht. Ich fuhr
fast blind. Es folgten mir mindestens zwei Autos, sie schossen mit der MPs nach
mir. Ich war den Profis nicht gewachsen. Vor dem Urwald sprang ich aus dem
Jeep, der knallte in die Bäume und fing Feuer. Die Verfolgung dauerte eine
Woche. Von irgendwoher – mir schien von überall – hörte ich Schreie und
Schüsse. Ich glaube, sie hatten Lautsprecher. Über die Bäume flogen zig
Hubschrauber! Flugzeugstaf-feln! Aus schierer Angst, ich hätte das Ge-heimnis
Don Almagros erfahren, wollte mich die ganze Welt festnehmen! Ich hatte Fieber.
In der Nacht suchte ich Vogelnester und drehte die Hälse der Küken um. Ich aß
sie roh, ich verschluckte mich an ihrem Flaum. Ich kannte mich mit den
Waldfrüchten nicht aus, viele davon waren giftig...
Am Ende hätte mich die Weltkoalition er-wischt, wäre ich eines Morgens
nicht in ein etwa drei Meter tiefes Loch gefallen. Ich hatte es wegen des
tiefen Grases übersehen. Nach einigen Schritten befand ich mich in einer Höhle.
Ich knipste meine Laterne an. Neben einer Mauer knäuelten sich Hunderte von
Schlangen. Es war die Zeit der Paarung, sie hatten keine Zeit für mich, falls
ich sie nicht störte. Ich konnte dort eine Stunde, einen Tag bleiben, ich
konnte dort sterben und keiner hätte mich gefunden. Ich habe den Strahl rund-um
gleiten lassen, aber ich habe ihn gleich wie-der ausgemacht. Aus einer Ecke
beobachtete mich jemand. Ich habe das Licht wieder ange-macht. Es waren
mehrere, stille Menschen. Zweiunddreißig, die in einem Halbkreis stan-den.
Einer aus Stein, einer aus Gold, einer aus Stein, einer aus Gold und so weiter.
Ich zitterte. Gold! Ich beugte mich vor und biß in den Finger einr safrangelben
Statue. Es war Gold, ich hatte mich nicht geirrt! Die Million war plötzlich
nichts mehr wert. Ich hätte beinahe den Verstand ver-loren! Ich erinnerte mich
an Monte Christo. Auch ich hatte jemanden, an dem ich mich rächen könnte:
zuerst den Mörder von Don Almagro. Ich glaube, meine Augen strahlten stärker
als die Laterne aber ich bin schnell zu mir gekommen. Die Statuen waren
sicherlich vor den spanischen Invasion dort versteckt wor-den. Wie konnte ich
mich jenes Schatzes be-mächtigen? Wem sollte ich ihn zurückgeben? Jenen, die
hinter mir her waren, um mich kalt zu stellen? Als ich rauskam, war es schon
dunkel. Das wollte ich auch: mich nicht mehr erinnern zu könen. Ich ging
gesenktem Blickes. Auch Sankt Anton hätte es schwer gehabt. Ich lief so einige
Kilometer, ich fürchtete die Versu-chung. Schau her, der Beweis!“
Er suchte in einer Tasche und zog daraus... einen Finger! Ein
Zeigefinger aus Gold war es. Gelocht, mit einer Schnur verbunden...
„Ich habe auf einen Schatz verzichtet, der mir zugespielt wurde. Von
Geburt an bin ich dorthin geführt worden, Schlag um Schlag, wie in einem
Golfspiel: Unbekannte Mächte hatten mich genau zu jenem Loch geführt. Ich habe
mir ein Trophäe genommen: meine Eitelkeit sollte irgendwie ernährt werden; weil
ich nicht von Natur aus – sondern aus Stolz ehrlich bin! Und ich bin ehrlich
auch aus Berechnung: ich bin zu dem Schluß gekommen, dass es viel vorteilhafter
ist, ehrlich zu sein. Nicht immer: manchmal muß man auch ein bisschen Schurke
sein. Es ist nicht so schwer, man wird immer eine Rechtfertigung dafür
finden...“
„Aber Ihr Moralkodex?!!“, sagte ich.
„Ich bin vernünftig, aber kein Idiot! Ich habe mir vorgenommen, nichts
Böses zu tun. Aber das bedeutet nicht, dass ich mich von den an-deren erniedrigen,
bestehlen oder angreifen lassen muß! Falls einer mir ins Gesicht schlägt, muß
ich ihm auch mit dem Faust auf die Nase schlagen, nicht nur die andere
Gesichtshälfte entgegenstrecken! Ich muß meine Pistole ziehen...“
Das hat mir nicht gefallen, und er spürte es.
„Es ist nur so eine Redewendung, ich könnte keinen Menschen erschießen.“
Ich war nicht mehr aufmerksam. Wer weiß, was ihm durch den Kopf ging?
Jetzt kannte ich auch die Geschichte mit dem Gold. Er war überdreht, seine
Augen glänzten. Er hatte nicht viel getrunken, aber nach einige Gläser wird
je-der ein anderer. Ich selber war ein anderer: ich war bereit, falls es nötig
wäre, den Tisch umzu-werfen und mit zwei Schritte durch die Türe zu gehen. Aber
Sey hatte sich schon beruhigt, und die Ruhe ging auch auf mich über. Ich
dachte, dass ich wahrscheinlich nur ein Medium war, der Vermittler durch
welcher Sey in Verbindung zu seinen gespenstischen Personen kam. Die-se Sache
gefiel mir auch nicht: ich spürte sogar einen Kältehauch, als ich darüber
nachdachte. Ich glaubte nicht an okkulte Praktiken aber ich schloß nicht aus,
dass so etwas möglich war. Sey war von U in viele solche Geheimnisse
ein-geweiht worden. Ich konnte sagen, ich hätte Kopfschmerzen – es wäre keine
allzu große Übertreibung gewesen – und weggehen, aber es war nicht
ausgeschlossen, dass er mit mir zusammen gehen würde, was noch unange-nehmer
sein würde. Ich musste also, ungezwungen aber trotzdem gegen meinen Willen,
bleiben: ein kleines Paradoxon...
„Aber damals, als ich jene Liliputaner ver-teidigen musste, hätte ich es
doch getan!“, überlegte sich Sey.
Das heißt, er hätte geschossen! Man kann vielleicht verstehen, wie mir
zumute war. Ich befand mich in einem fremden Land um zwei Uhr Nachts in einer
Kneipe mit einem Unbe-kannten, von welchem ich wusste, dass er einen Menschen
getötet hat und mir besonnen sagte, er hätte auch zehn andere töten kön-nen,
falls sie sich mit seinen Liliputaner ange-legt hätten. Sey navigierte mit
Leichtigkeit, er hatte wieder den Spieß umgedreht und ging schnell von einem
seelischen Zustand zum anderen. Es war ein Moment von psychischer Labilität,
ich hatte auch andere registriert, aber mich nicht festlegen wollen: jeder kann
manch-mal wirr reden. Inzwischen analysierte ich die Sachen anders. Das war auch
kein Zeichen größerer psychischer Stabilität. Wir waren bei-de müde, wir hatten
eine ganze Nacht verloren. Unsere Leben. Sey hatte sein Leben verspielt, auch
wenn er mich von dem Gegenteil über-zeugen wollte. Ich habe auch meins
verloren, wenn ich an die Perspektivlosigkeit dachte und an mein Alter – ich
war über vierzig.
Wir beobachteten uns gegenseitig. Sey fürch-tete mich auch ein wenig.
Ich war für ihn auch ein Unbekannter. Ich war jünger, sportlich, nur Augen und
Ohren, und ich kam aus dem Osten... Bestimmt bin ich auch nicht zufällig an
jenem Tisch gesessen. Es war eigentlich ein Bedienungstisch für Teller und
Gläser, der nur wenn Sey nach vielen Jahren wiederkam, für ihn freigemacht
wurde. Von dort aus konnte man das ganze Lokal beobachten. Ich habe mich dort
hingesetzt, etwa fünf Minuten vor seiner Ankunft, weil es frei war. Er hatte
mir von Anfang an misstraut, er hatte das Spiel nur für mich erfunden, weil er
auch anderen Geschich-ten erzählt hatte. Es war eigentlich auch kein Spiel,
sondern ein verzweigtes Märchen, das von selbst, Augenblick um Augenblick,
Ge-schichte um Geschichte, wie ein Stück Hefeteig wuchs. Der eine redend, der
anderen schwei-gend, wir waren beide, euphemistisch gesagt, in dem Teig
gefangen, jeder von uns von der Verwegenheit des anderen überzeugt...
Ja, ich sollte ihm nur ruhig zuhören, dann ein Treffen für den nächsten
Tag verabreden und ihn versetzen. Auf Nimmerwiedersehen! Ich hatte keine Angst
mehr. Ich war von einer uner-hörten Selbstsicherheit gepackt, die von Sey zu mir
herüberströmte. Er hatte sich bestimmt vor mir entschieden, beim nächsten
Treffen nicht mehr zu kommen, und dass wir brav bis zum Morgen bleiben sollten!
Wir kommunizierten, wir trafen uns wieder in unseren Ängsten. Salu-dos war ein
Zaubertrick. Meine Alben waren ein anderer Zaubertrick. Wir waren nicht
glücklich, die anderen Kunden waren es auch nicht, nicht einmal der Besitzer
des Lokals... Die Miss Uni-versum, der Gewinner der Tour de France, der
amerikanische Präsident..., von Adam her, war keiner glücklich! Ich war ein
wenig besoffen, aber ich spürte, dass die Dinge so lagen, wäh-rend Sey immer
noch laut die Liliputaner nach-dachte...
„Sie hatten einen riesigen Pferdewagen, obwohl ihnen auch eine Gig mit
einem Pony gereicht hätte. Sie waren Zirkusleute. Sie ha-ben dort ihre
Siebensachen, Lebensmittel und ein kleines Zelt. Ich war ihr Beschützer. Sie
hatten mir ihr volles Vertrauen geschenkt, und ich bemühte mich aus allen
Kräften, sie nicht zu enttäuschen. Sie mussten durch eine gefährli-che Gegend,
in der letzten Zeit waren dort Raubüberfälle und Morde geschehen. Der Weg
führte durch eine scheinbar unendliche Ebene, man konnte nie wissen, woher die
Gefahr kom-men würde. Die kleinen Menschen verdienten gut und gaben wenig aus.
Sie hatten Geld ge-spart und wollten ein Druckzelt kaufen, in wel-chen einige
Dutzend oder hundert Zuschauer Platz hätten. Ich habe, einen Tag zuvor, meine
Kartentricks auf einem Marktplatz zum besten gegeben. Ich habe die Liliputaner
plattgemacht, nicht mit meiner Kunst, sondern dadurch, dass ich meinen Gewinn
einem Bettler geschenkt hatte. Sie sahen mich zum erstenmal, aber sie haben
entschieden, dass ich der Mann war, der sie durch die Pampas begleiten sollte:
aus Geld machte ich mir nichts und ich hatte ein Gewehr! Ich bin so zum
Leibwächter, Kutscher und Rat-geber geworden. Am Abend spielte ich Gitarre und
wenn wir im Morast stecken blieben, war ich das dritte Pferd. Mit den Zügel in
einer Hand und der Flinte in der anderen fuhr ich einen Zwergenwagen durch die
Gegend. Keiner trau-te sich, sich uns in den Weg zu stellen!“
Ich stellte mir der Schrecken der Banditen vor, die zitternd zuschauten!
Speziell als sie dachten, was ihnen geschehen könnte...
„Einen einzigen Schatten habe ich gesehen, der uns aus der Ferne
beobachtete aber ich habe mir keine Sorgen gemacht, weil es nur Magirus sein
konnte. Seitdem sind fünfzehn Jahren vergangen. Die Dinge haben sich stark
verändert... Bis jetzt habe ich nicht darüber gesprochen.
Ich kann mich irren, aber ich glaube, Magirus will mich Böses. Er hat
begriffen, dass er nicht gewinnen kann. Er wird immer müder, kränker. Die
Polizei in Ankara hat ihm vor fünf Monaten ein Präzisionsgewehr mit
Zielfernrohr beschlag-nahmt. Die Zeitungen haben darüber berichtet, er trug es
mit sich, in Einzelteile zerlegt. Letzte Woche hat der französische Zoll eine
andere Waffe bei ihm gefunden. Jetzt hat er bestimmt eine neue, er ist verrückt
geworden!“
Auch Sey könnte Magirus töten. Wer sollte, in Abgeschiedenheit, den Fall
lösen? Magirus lebte mit der gleichen Angst. Ich beneidete sie nicht, sie waren
alt, verbraucht, ohne jede Be-stimmung, kurz bevor man einen Mord begehen kann.
Sie dachten schon an ihre Alibis. Der Wettbewerb hatte es zwar nicht zur
Voraus-setzung, aber der Sieg setzte schon voraus, dass nur ein einziger
überlebt. Ich dachte mir einige Drehbücher aus.
Sey hatte ungefähr die Hälfte der Teilnehmer getötet, Magirus die andere
Hälfte. Jetzt wurde das Finale gespielt.
Sey hatte allein alle anderen Teilnehmern getötet, bis auf Magirus, der
schattenhafter als ein Ninja war, liquidiert.
Magirus hatte alle erkledigt und wollte, indem er Sey erschoß, sein Werk
vollenden.
„Er reist per Anhalter“, fuhr Sey fort. „Er folgt mich nicht mehr nach,
er liegt schon vor mir. Er bereitet etwas vor...“
Meine Lage wurde immer schlimmer, ich saß, wie man sagt, im Kreuzfeuer.
Ich habe mich beruhigt, indem ich mir sagte, dass Magirus an einem Ort, der ihm
keinen Schutz gab, nichts unternehmen würde. Es war gut beleuchtet, es gab
Polizeipatrouillen, gerade erst vor eine Stunde hatte ich vor dem Fenster
einige reuf und runter laufen sehen. „Er ist verrückt gewor-den!“, die Worte
Seys hallten noch in meinen Ohren nach. Es war eine Warnung, auf die ich mehr
oder weniger hören sollte. Es waren sowieso die letzten Stunden, die wir
zusammen verbringen würden. Letztendlich würden auch sie enden. Ich war
irgendwie unsicher aber ich war nicht direkt bedroht, es war gut so. Seit
je-her weiß ich, mich selbst zu ermutigen. Es ist nicht so schwer, nam muß sich
nur sagen, dass alles verloren ist und jedes folgende Ereignis einem nur
Positives bringen kann! Eine etwas verdrehte Logik, oder vielleicht auch nicht,
wein niemand auf dieser Welt sagen kann, wo OBEN und wo UNTEN ist. Nicht nur
Sey, sondern auch ich hatte meine Zaubertricks. Es war an-genehm dort in der
Kneipe. Ich stieß Rauch-kreise aus und stapelte sie auf dem Finger. Es war
keine höfliche Geste, aber ich musste mir zeigen, dass die Selbstimpfung
gewirkt hatte.
„Könnte er in der Nähe sein?“, fragte ich Sey, nur so, um etwas zu
sagen.
„Magirus? Selbstverständlich! Seit etwa fünf Jahren fühle ich ihn nur,
ich sehe ihn mit dem Auge im Nacken. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt
noch existiert, aber es ist nur ein Wunschdenken. Ich sehe ihn nicht, aber er
ist nach. Ich lebe in einer unendlichen Wachsam-keit. Er ist schwer zu
erkennen, er sieht immer wieder anders aus. Er möchte mich überra-schen. Ich
könnte den Rhythmus beschleuni-gen. Diese Schildkrötengangart hat keinen Sinn
mehr: alles wird jetzt unter uns beiden entschie-den. Wir können auch
Flugzeuge, Schiffe oder Schnellzüge benutzen. Die betroffenen Firmen würden uns
helfen, wir selbst sind die beste Werbung. Das werde ich auch tun. Kleine
Änderungen der Reisegeschwindigkeit und der Ziele. Seitdem bei ihm die zwei
Präzisions-gewehre gefunden wurden, kann ich keine Ruhe mehr finden... Es ist
ekelhaft, sich immer als Zielscheibe zu fühlen...“
„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“
Ich wollte wissen, ob er den Alten mit dem Rucksack erwähnen wird, der
am Abend zuvor auf dem Gang gelauert hat. Oder ob es nur ein Hirngespinst von
mir war.
„Auf dieser Weltumrundung drei Mal, so sehr er sich bemühte, dies zu
verhindern. Ich sah ihn nicht zu deutlich, es ist wahr, er war immer in großer
Entfernung. Ich habe nicht versucht, mich ihm zu nähern, es war besser in ihm
den Eindruck zu erwecken, ich hätte ihn nicht bemerkt. Das letzte Mal habe ich
ihn in einem kolumbianischen Dorf gesehen, er ahmte einen Buckligen nach. Dann
in Afrika, in Yaounde, ich erinnere mich sogar an den Straßennahmen: Maréchal
Foch. Zuletzt in Australien, wo er in der Nähe der Ländereien von Regine
lauerte, er wusste, dass ich dort halten würde, er war vor mir angekommen!...
Er ist hier jetzt...“
„Warum versuchst du nicht, mit ihm offen zu reden?“, sagte ich. „Vielleicht
hat er Angst, dass du ihn erledigen willst...“
Sey ließ sich von meiner Bemerkung nicht überraschen. Er hatte seit
langem über den Tod von Magirus nachgedacht. Ich bohrte nicht weiter, sonst
hätte er mir widersprochen, oder mich am Kragen gepackt. Ich hatte ihn einer
vorsetzlichen Tötungsabsicht beschuldigt! Eine Tötung, die im Kupf hundert,
tausendemale stattgefunden hatte. Bis sie die Perfektion er-reicht hatte. Wer
nicht besseres zu tun gehabt hätte, hätte den ganzen Planeten auf der Suche nach
der Leiche von Magirus auf den Kopf stellen müssen!
„Ich bin müde... Ich bin nicht mehr in dem Alter und habe nicht mehr den
Mut von damals, als ich die Grotte des weißen Löwen betrat...“
Er hatte es irgendwie zugegeben.
„Gibt es weiße Löwen?“, fragte ich, in dem Versuch, das Gespräch in eine
weniger bedroh-liche Richtung zu führen. Ich hatte Sehnsucht nach einer
Schlagsahnetirtenschlacht, ich hatte seit drei Tagen nicht mehr gelacht, nach
Chip & Dale oder Ahörnchen und Behörnchen wie sie die Deutschen nennen,
jenen doofen Eichhörn-chen oder was sie sein sollten, oder nach einem Witz in
Radio Eriwan.
„Weiße Löwen? Selbstverständlich gibt es sie, im Sudan! Die
Stammangehörigen sagten, dass er weiß wie Milch sei und dass er aus der Grotte
alle sieben Jahre, bei Vollmond, heraus-kommen würde... Er hatte sich erst vor
zwei Jahren wieder gezeigt, ich konnte nicht weitere fünf auf ihn warten, so
habe ich mich entschlos-sen, in die Höhle hineinzugehen. Die Einheimi-schen
hatten panische Angst. Ich hatte auch Angst, aber nicht so sehr, da ich nicht
glauben konnte, dass ein Löwe ohne zu essen und zu trinken sieben Jahre
überleben kann.
Ich ging mit einer brennenden Fackel hinein und war jederzeit zum
Schießen bereit. Es war eine große Höhle mit drei Gänge. Ich sah ihn im letzten
Gang, er schlief! Ich hatte ein Repetier-gewehr, eine Mordswaffe, aber mir
zitterten die Knie. Er war weiß, riesig, wie ein Rhinozeros! Wie ein Stier! So schien es mir, bevor ich
sah, dass er tot war. Die Höhlenluft, die konstante Temperatur und
Luftfeutigkeit hatten ihn mumi-fiziert. Er war von einer Lanze durchbohrt:
je-mand hatte ihn vor mir nur mit einer spitzen Holzstange getötet. Aber die
anderen sollten es nicht wissen. Ich brauchte Autorität, ich war in die Grotte
eines furchtbaren, lebendigen Tieres gegangen! Ich hatte den Mut dazu
aufgebracht, auch wenn ich nur einen Kadaver gefunden hatte. Ich kannte die
Einheimischen nicht so gut, ich wollte mich stark zeigen. Der Kadaver war
leicht geworden, ich habe ihn auf die Schultern genommen und ging raus... Eine
Viertelstunde lang hat keiner den Mut gehabt, näher zu kommen. Ich habe sie
durch Zeichen beruhigt. Ich hatte ihnen ein Mythos genom-men, ich brachte ihnen
einen neuen, meinen Mythos zurück!
Am Morgen des nächsten Tages haben sie mich adoptiert. Sie haben mich
von der Zere-monie zu einer abgelegenen Hütte gebracht, wo ein blinder Greis
wohnte. Er war der Weise des Stammes. Er hatte meine Muskeln geprüft: ein Sohn
des Urwaldes muß stark sein. Der Weise hatte keine Zähne mehr, sein Zahn-fleisch
zeigte sich glatt und schimmernd, er ähnelte einem Frosch. Ich wartete darauf,
dass er zu quacken anfängt. Uns trennten ganze Epochen. Er sprach leise,
unverständlich. Ich betrachtete aufmerksam seinen Mund, seine Lippen und
versuchte seine Botschaft zu ver-stehen. Ich sah nur jenes Bild: aus einem
feuchten, dunklen, hundert Jahre alten Loch schwemmten Signale zu mir hinüber,
die von weißen Löwen und Antilopen, ebenholzschwar-zen Frauen und Männer mit
angespannten Bögen, Kämpfe gegen die Engländer, an denen auch er teilgenommen
hatte, erzählten...“
***
Am Tag zuvor war ich durch den Luxem-bourg-Garten spazieren gegangen.
Ich hatte aus dem Schotter einer Allee drei Steinchen als Erinnerung
mitgenommen. Sie hatten sich in meiner Tasche mit dem Kleingeld vermischt. Ich
nahm sie heraus und legte sie auf den Tisch. Ich habe angefangen, sie spielend
zu or-ganisieren. Zuletzt hatten sie ein Dreieck ge-bildet. Ich ließ sie atwa
fünf Minuten so liegen. Sey schwieg und schaute gespannt zu, oder er dachte auch
nur nach, ohne etwas zu sehen. Dann habe ich das Dreieck auch spielend,
zer-stört, und habe sorgfältig (ich hatte ja Zeit) die Steinchen in eine Linie
gesetzt. Sey beugte sich
über den
Tisch, packte mich am Handgelenk und fragte leise:
„Sprichst du Mo?“
« !!? »
Er wiederholte es. Ich verstand gar nichts.
„Wer bist du eigentlich? Du spielst den Foto-grafen, aber wer bist du?“
Ich sah in seine Augen und schwieg. Das hat ihn angestachelt, weil er
noch fester zudrückte:
„Weißt du etwas über den Kustoden? Über den Lapidarium? Über den
Weltrat?“
Ich glaubte, er war verrückt geworden. Nicht ganz, weil als er sah, dass
ich tatsächlich er-staunt bin, sein Griff schwächte. Ich habe es ausgenutzt und
meine Hand langsam befreit.
„Mein Herr, ich fühle mich unsicher“, sagte ich, „ich möchte gehen.
Allein.“
„Ich fühle mich auch bedroht... Es gibt Mäch-te, die weit über Magirus
stehen... Ich habe ge-glaubt, du seiest von ihnen geschickt worden. Bleib noch,
es ist nicht gut, jetzt wegzugehen. Du bist mit mir gesehen worden...“
Ich verkrampfte mich noch mehr. Sey – ich sah ihn aufmerksam an – schien
es ehrlich zu meinen. Wir waren beiden im selben Boot: was man sucht, findet
man auch. Es ist immer so.
„Aus welchem Grund verdächtigen Sie mich?“, fragte ich.
„Aus mehreren Gründen. Von Anfang an. Jetzt, wegen des Dreiecks...
besonders wegen der drei in einer Linie gesetzten Steinchen..“
„Aber ich sehe keine Verbindung... Es ist ein Blödsinn...“
„Auf den esrten Blick schon, aber nict in dem Kontext. Sieben oder acht
Monaten zuvor hätte ich nach einem solchen Spielchen mit Stein-chen beinahe
mein Leben verloren. Ich habe Glück gehabt, aber ich bin nicht sicher, dass ich
aus dem Schneider bin. Es kann auch nicht sein, die Wette ist zu groß!“
„Wie groß?“ Ich hatte ein Recht, es zu erfah-ren.
Sey versuchte zu lächeln. Es wurde nicht da-raus, nur eine Grimasse.
„Wie groß? DIE GRÖSSTE! DIE HERR-SCHAFT ÜBER DIE ERDE!!!“
Ich war beruhigt. Wieder ein Hirngespinst! Es schien, als ob er meine
Gedanken lesen konn-te.
Es ist leider keine Erfindung. Auch jetzt wir daran gearbeitet, die
ganze Zeit. Die Zwei bis drei Weltmächte zählen nicht. Sie sind bei Kanonen und
Bomben, bei unsichtbaren Flug-zeuge geblieben. Die Eroberer werden ganz andere
sein!...“
„Wie? Wer sind sie?!!“
„Es ist mir keine Vergnügen, mich daran zu erinnern...“
Er sagte mir, dass er versuchen würde, seine Behauptung zu
rechtfertigen, aber aus bestim-mten Gründen wird er einige Details
ver-schweigen. Insbesondere jene Details, die zum Ort des Geschehens führen
würden.
„Ich möchte noch einmal durch die Gegend streifen...“
Er zündete sich eine Zigarre an, er wollte zei-gen, dass er sich gut
fühlte. Er bot auch mir ei-ne an, wir sahen wie zwei Großverdiener aus, auch
wenn uns die Hosen ein wenig schlak-kerten.
-
wird fortgesetzt –
Sind sie
neugierig geworden? Wollen Sie es schneller wissen, wie es weiter um den Weltkomplott steht?
Sie können
jederzeit den mit dem Großen Prosapreis
des rumänischen Schriftsteller Verbandes und dem „Observa-tor-München-Preis“
ausgezeichnete Roman, im Verlag Ra-du Bărbulescu erschienen, schriftlich,
per fax oder e-mail bestellen: Alexandru Ecovoiu, „SALUDOS“, ISBN
3-930672-60-X, Verlag Radu Bărbulescu, 1. Aufl., München 2000, 162 S.,
Preis DM 20.-- / Eur. 10.25. Postanschrift: Verlag Radu Bărbulescu,
Görzerstr. 105 A, D - 81549 München, Fax 004 / (0) 89 / 68 914 97, e-mail: arche-obs@radu-Bărbulescu.de.
„SALUDOS“, von
Alexandru Ecovoiu ist vor kurzem auch in der Französischen Sprache -
Übersetzer: Michel Wattremez - erschienen und kann bei der Editura Fundatiei
Culturale Române, Aleea Alexandru nr. 38, sect. 1, Bukarest, Ru-mänien, unter
den ISBN-Nr. 973-577-284-1 bestellt werden.

Stefan WIMMER
München
Bekanntschaft mit der Música Bronca
In Mexiko gibt es einen Musikstil, der sich „Música Bronca“
nennt. Das Adjektiv „bron-co“ heißt soviel wie „rauh“, „ungehobelt“,
„un-gezähmt“; die Frage „Hay bronca?“ bedeutet: „Gibt’s Ärger?“ Am einfachsten
lässt sich der Begriff „Música Bronca“ im Deutschen mit „mexikanische
Prol-Musik“ wiedergeben. Die Wiege der Bronca-Musik liegt im Staat Nuevo León,
nahe der texanischen Grenze. Mit ihrem stumpfsinnigen Rhythmus, den debilen
Texten und den abschreckenden Interpreten gibt die „Música Bronca“ ein rundum
stimmiges Bild. Doch sie findet in ganz Lateinamerika reissen-den Absatz.
Spezielle Programme im Fernsehen verbreiten die „Música Bronca“, so z. B. der
„Grito norteno“, „Der Schrei aus dem Norden“. Das Fernsehstudio des
„Nordschreis“ ist liebe-voll ausstaffiert mit Wagenrädern, Lassos und
Breitsätteln. Ein junger, völlig korrupt aus-sehender Moderator in
Schlangenlederstiefeln und mit Stetson-Hut stellt die neuen Bronca-Videos vor,
deren Produktionsniveau etwas an Heim-Pornos erinnert. Ein typisches Bronca-Video
spielt in ruraler Umgebung und zeichnet
sich durch eine, gelinde gesagt, etwas machistische Botschaft aus. Man sieht
Männer, die mit ihren Kumpels Karten spielen, auf Sauf-tour gehen oder zusammen
am Strand Ba-nanenboot fahren. Frauen schmachten derweil in der Küche vor
Kochtöpfen ihren absen-ten Männern hinterher und brezeln sich zwischen
Bohnenmus und Rindersteak für die Männer auf. Lippenstift auf dem
Holzfällerhemd der heimkehrenden Mannes sorgt kurzfristig für Konfrontation,
aber nachdem der Mann seine Frau am Herd zum Kuss gezwungen hat, wird sie
wieder anschmiegsam. Ja, es ist eine archai-sche, robuste Welt, die sich mit
Hilfe von Laienschauspielern in der Bronca-Videos präsentiert.
Die wichtigste Band der Bronca-Musik ist derzeit die „Grupo
Límite“, die „Grenz-Grup-pe“, geleitet von der blondgefärbten und auf Cowgirl
getrimmte Alicia Villareal. Die „Gru-po Límite“ macht auch Werbung für
Apasco-Zement, den Zement-Magnaten mit dem Dog-genlogo. Deshalb sieht man die
Band überall in Mexiko auf ihren Zementbuchstaben sitzen oder oder in
Cowboykluft Beton anrühren, während Alicia durch ihre Zahnspange „APASCO“
haucht. Eine gecshickte Wahl der PR-Abteilung, denn die Mitglieder der „Grupo
Límite“ können tatsächlich glaubhaft vermit-teln, dass sie in irgendeinem öden
Wüstekaff ihre Betonhäuschen unter der sengenden Sonne eigenhändig hochziehen.
Ich persönlich habe die Bekanntschaft mit der „Música Bronca“ und
speziell mit dem „Límite“-Flavour eher unwillentlich gemacht. Freunde haben mir
ein Blind-Date vermittelt mit einem Mädchen namens Carmen, einer Schülerin, die
in der Periferie von Mexiko City wohnte. Um aufzutrumpfen und ein wenig den
dicken Max markieren zu können, hatte ich zu diesem Anlass einen Tisch in einer
sehr an-gesagten Lounge-Bar bestellt. Die Ober hatten ihre Instruktionen, die
Drinks waren kalt-gestellt. Ich sollte Carmen an einem dubiosen Busterminal
abholen, an dem aber immer nur Ziegen, Warzenschweine und zentnerweise Mais
ausgeladen wurden. Schließlich schreckte mich jäh das Hupen eines feuerroten
Dodge Ram-Jeeps auf. Am Steuer saß ein robuster Mann um die vierzig, der mit
seinem Schnauzer und seinem Holzfällerhemd direkt einem Bronca-Video
entsprungen war. Carmen saß daneben und ruderte hinter der Wind-schutzscheibe
wild mit den Armen herum. Der Mann am Steuer stellte sich mir als ihr Onkel
vor, zufällig habe er heute abend Lust be-kommen, uns Gesellschaft zu leisten.
Von Lounge Bars, Martinis und anderen Raffines-sen wollte der Mann jedoch
partout nichts wissen, das kam ihm alles spanisch vor, und so wuchtete er die
Gangschaltung, dick wie ein Stierpenis, herum, und bretterte mit 150 seine
Lieblingsdisco. Als Vorgeschmack ließ er be-reits die neue „Límite“ ins
Cassetendeck glei-ten, und zum Takt von „Sentimientos“ be-kamen Carmens
Mandelaugen einen eigentüm-lichen Glanz. Ich hätte sofort ohne Scham schreien
sollen: „ANHALTEN! Lasst mich BITTE raus!“
Nach einer halben Stunde Fahrt – die Viertel waren mir schon seit
langem völlig unbekannt – hielten wir in einer kraterartigen Landschaft.
Bestrahlt von Halogen-Scheinwerfern, umstellt mit Pick-Ups und Jeeps, ragte in
dieser Wüste ein wahrer Tempel der „Música Bronca“ in den Nachthimmel. Ich
stieg zögernd aus. In dem rodeoähnlichen Gehege waren bereits die
einge-fleischtesten Bronca-Fans versammelt, es war schon mächtig Rambazamba,
allen stand die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Resolut bestellte der Onkel
eine Flasche Bacardi. Noch während er sich an der Banderole zu schaffen machte
und sich eingoss, wurde ich bereits von Carmen abgeführt wie von einem
Polizisten, zur Tanzfläche hin. Auf der Bühne spielte eine Band in weissen
Lederkostümen zum Tanz auf, „Grupo Límite“-Covers, laut wie Motörhead, hart an
der Schmerzgrenze. Ich lächelte schwach. Mein verstörtes Lächeln interpretierte
Carmen jedoch als Begeisterung. Sie jauchzte „Ay, que bonito! no?“ und drehte
derwischhaft ihre Pirouetten um mich. Natürlich kannte sie jeden Song und jeden
Text. Schließlich schwang ich halt auch das Tanzbein. Meine Blicke huschten
dabei sehnsüchtig zu der Flasche auf des Onkels Tisch, über die er sich jetzt
mit seinen Kumpanen hermachte. Zwei oder drei Mal habe ich versucht
auszubrechen und an den Tisch zu gelangen, doch jedes Mal scheuchten sie mich
wie ein Stier wieder zurück in die Arena. Kurz und gut: die Nacht wurde ein
Bronca-Marathon, irgendwo zwischen „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ Und
dem Tanzbären-Fernsehspot von Durazell. Nach und nach entfaltete sich ein
Ambiente des Wahn-sinns rundum. Die Rhythmen wurden immer peitschender, Carmens
Honigkuchengesicht immer entrückter, immer lauter jauchzte sie ihr „Ay, que
bonito!“, die Lichtblitze von den Gürtelschnallen und Silberaufsätze der
Holz-fällerhemden schossen durch den Saal, und aus tausend Münder schallte der
Límite-Hit „Tú y tú y tú!“, und schemenhaft sah ich, wie die Kumpane des Onkels
dem edlen Tropfen auf unserem Tisch den Garaus machten.
Irgendwann war ich in einen Starrezustand verfallen. Die Ober
mussten mir die Scheine aus den Taschen ziehen, weil es natürlich ich war, der
den Budenzauber zu bezahlen hatte. Carmen, ihr Onkel und seine Kumpane
ver-flüchtigten sich wie eine Hitzespiegelung. Da-nach erinnere ich mich an
nichts mehr. Manch-mal denke ich, ich habe diese Welt der ge-sunden
Muskelzwerge in Holzfällerhemden nur erträumt. Ich habe weder Carmen noch den
Onkel jemals wiedergesehen. Jedenfalls hat es ziemlich gedauert, bis ich wieder
in die nor-male Welt zurückfand, na ja, was heißt schon normale Welt, die
normale Welt des Rock’ n’ Roll, wo verkommene, heruntergewirtschaftete Narbengesichter
das Bild prägen, die irgend-wann an ihrem Erbrochenen ersticken oder sich aus
Gram die Birne wegpusten.
___________________________________

Benedikt WEYERER
München
Der Nationalsozialismus in Mün-chen zwischen 1945
und 1975
Der
Nationalsozialismus bestand nach dem Krieg in vielen Köpfen und auch
organisatorisch weiter, und zwar in einem umfangreicheren Ausmaß, als oftmals
anzunehmen genehm war. So sah sich der Bayerische Landtag am 17. Januar 1950
veranlasst, über die Besorgnis erregenden neonazistische Um-triebe im
öffentlichen Leben zu diskutieren. Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Hoegner
eröffnete die Debatte mit den Worten: „Der Kampf gegen die junge Demokratie ist
auf der ganzen Linie entbrannt.“ Zur selben Zeit bestätigte der
US-Landeskommissar Clarence M. Bolds, dass ihm die Existenz gewaltbereiter,
national-sozialistischer Untergrund-gruppen bekannt sei. Die Besatzungs-macht
halte aber alle Mittel in der Hand, um der neuen deutschen Demokratie
gegebenenfalls rasch und wirksam zu Hilfe zu eilen. Ein Überblick über die
damals agierenden rechtsextremen Vereiniungen zeigt, dass sich ihre Strukturen
und Ideologien über die Jahre erhalten haben.
I. Der „Deutsche Block“ und die „Vaterländische Union“
Der „Deutsche Block“, eine
militant antikom-munistische, in weltanschaulicher Beziehung
völkisch-nationalsozialistisch orientierte Partei mit Sitz in der Haidhauser
Holzhofstraße 6, konstituierte sich am 28. November 1947. Ihr Vorsitzender hieß
Karl Meißner, der nach der Landtagswahl vom 1. Dezember 1946 zu-nächst für die
dubiose „Wirtschaftliche Aufbau-vereinigung“ in das Parlament einzog. Bald
trennte er sich von seiner Partei und ver-schaffte somit seinem „Deutschen
Block“ ein Landtagsmandat, das er bis zur Wahl vom 26. November 1950 innehatte.
In einer Rede in Memmingen erklärte der Landtagsabgeordnete Meißner am 8.
Dezember 1949, das parlamen-tarische System müsse zertrümmert werden, die
Demokratie habe keine Daseinsberechti-gung mehr. Die deutsche Jugend müsse
wieder Zucht und Ordnung lernen; zu diesem Zweck müsse eine neue Wehrmacht
aufgestellt wer-den. Die Wählerzahl des „Deutschen Blockes“ blieb verschwindend
klein: Bei der Landtags-wahl 1950 erlangte man 0,4 Prozent der Stimmen. Nach
Umbenennungen in „Reichs-verband“ (1952) sowie „Nationale Sammlung“ (1953)
verschwand dieser Verein 1957 von der politischen Bühne. Seine Anhänger fanden
bei Gerhard Frey eine neue politische Heimat.
In enger Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Block“ stand die
„Vaterländische Union“ (VU) des Karl Feitenhansel. In einer von ihm
organisierten Versammlung im Dezember 1949 in München kamen ehemalige
Mitglieder der SS, der Gestapo und des Sicherheits-dienstes SD zusammen. Sie
wollten das Dritte Reich mittels eines erneuten „Opferganges der Nation“, also
eines Krieges, wieder aufrichten. Die deutsche Sozialdemo-kratie, als „rote
Pest“ und „internationale Schlange“ beschimpft, sollte vernichtet werden. Die
bayerische Regierung wurde als aus „Verbrechern, Schweinen und Schweinigeln“
bestehend eingeschätzt. Feiten-hansel kündigte an: „Alle nationalen Kräfte
müssen gesammelt werden, und gemeinsam beginnt der Vormarsch des besseren
Deutsch-land.“
Um diese Ziele durchsetzen zu können, hielt man intensiven Kontakt zu
Otto Ernst Remer und seinem Umfeld. Remer hatte als Komman-dant des Berliner
Wachbataillons „Groß-deutschland“ eine Schlüsselrolle bei der Niederschlagung
des Putsches vom 20. Juli 1944 gespielt. Im Jahr 1949 gründete er die
na-tionalsozialistische „Sozialistische Reichspar-tei“, deren Verbot das
Bundesverfassungsge-richt am 23. Oktober 1952 verfügte. Viele ehe-maligen Mitglieder fanden sich später in
der 1964 gegründeten „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) wieder.
Karl Feitenhansel erhielt 1950 wegen neo-nazistischer Umtriebe ein
zweijähriges Verbot politischer Betätigung, das später auf fünf Jahre
verlängert wurde. Dennoch gründete er 1951 eine „Gesamtdeutsche Friedens- und
Wieder-vereinigungsbewegung“ sowie eine „Nationale Deutsche Arbeiterpartei“,
die aber völlig be-deutungslos blieben.
Bereits Ende 1945 konnte eine Verschwö-rung ehemaliger SS-Offiziere zur
Ermordung des Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (SPD) unschädlich gemacht
werden. Am 7. 12. 1951 nun kündigte ein anonymer Anrufer dem
nunmehrigen Innenminister Hoegner nochmals seine Ermordung an. Außerdem würden dem-nächst mehrere Dienstgebäude
der Landesre-gierung in die Luft gesprengt werden. Dies löste die größte
Polizeiaktion nach dem Krieg aus: 70000 Menschen wurden überprüft, bis man
schließlich Karl Feitenhansel als Anrufer iden-tifizierte. Er behauptete,
Verschwörer hätten deutschlandweit eine Regierung der nationalen Rettung bilden
wollen und er, Feitenhansel, hätte den Umsturz in Bayern leiten sollen. Am 6.
02. 1952 verurteilte man den gefährlichen Wichtigtuer zu drei Monaten
Gefängnis. Um Feitenhansel wurde es still, bis er als Landtags-kandidat der NPD
in Mittelfranken wieder auf-tauchte. Von 1966 bis 1970 vertrat er seine Partei
als Abgeordneter im Maximi-lianeum.
II.
Der „Gesamtdeutsche Block / Block der Heimatvertriebenen und Entrechte-ten“
Zur
Landtagswahl vom 18. 12. 1950 gründete sich der Landesverband Bayern des
„Gesamt-deutschen Blocks / Block der Heimatvertriebe-nen und Entrechteten“
(GB/BHE) mit seinem Büro in der Reichenbachstraße 19. der GB/BHE vertrat die
Sonderinteressen der zahl-reichen Vertriebenen und Kriegsgeschädigten. Der Name
der Partei deutete dabei an, dass man nicht alle Kriegsopfer zu vertreten
gedach-te. Als „Vertriebene“ und „Entrechtete“ bejam-merte man nur sich selber,
und das war ein Personenkreis, der bis 1945 oftmals selber aktiv oder passiv an
der Vertreibung und Ent-rechtung anderer teilgenommen hatte. Der GB/BHE vertrat
einen großen Teil der national-sozialistischen Ideologie, er war dezidiert
pseu-do-antikommunistisch und antidemokratisch eingestellt.
Zum Führer der Partei auf Bundesebene und
Landesebene in Bayern wurde Theodor Ober-länder. In einer Selbstbeschreibung
berichtete er, er sei nach dem Abitur in die Landwirtschaft gegangen, habe dann
längere Zeit im sowje-tische Kuban-Gebiet als Saatzüchter gear-beitet und
später als Professor der Staats-wissenschaften an den Universitäten
Königs-berg, Greifswald und ab 1940 als Ordinarius an der „deutschen
Karlsuniversität“ in Prag gelehrt.
Mit dem deutschen Angriff auf die
Sowjet-union im Juni 1941 kehrte Oberländer als Leut-nant in das Land seines
landwirtschaftlichen Interesses zurück. Er führte ein „Hilfsbatallion
Nachtigall“ aus ukrainischen Freiwilligen, das als Teil der Wehrmacht
Mordaktionen gegen Juden, Kommunisten und Russen ausführte. Oberländer befahl
dabei seinen Untergebenen nicht nur Verbrechen, sondern ging mit sozu-sagen
schlechtem Beispiel voran und ermor-dete auch eigenhändig Gefangene. Zu seinem
Glück konnte er sich 1945 von der US-Armee gefangen nehmen lassen und nach
seiner baldigen Freilassung „politisch und ostwissen-schaftlich“ tätig werden.
Bereits im Jahr 1953 stieg er zum Bundesvertriebenenminister auf.
Der hohe Anteil von Vertriebenen an der
bayerischen Bevölkerung brachte dem GB/BHE anfangs beachtliche Erfolge: 1950
konnte die Partei 12,3 Prozent der Stimmen erringen, 1954 10,2
Prozent und weiter abnehmend 1958 8,6 Prozent. Während dieser Zeit war sie auch
im Kabinett vertreten. Die gelungene Integration der Flüchtlinge ließ dann
jedoch den GB/BHE immer stärker in die Bedeutungslosigkeit absinken.
Der Charakter des GB/BHE sei an einigen
Aussagen vor der Landtagswahl vom 14. 12.
1954 dargestellt. In der Parteizeitung „Gesamt-deutscher Kurier“, der
unter dem Motto „Das ganze Deutschland soll es sein!“ stand, stellte Theodor
Oberländer am 27. 11. 1954 program-matisch fest: „Die aus ihrer Heimat
Vertriebe-nen, vom Bombenkrieg um ihr Hab und Gut Gebrachten haben durch
Arbeit, aber nicht durch Klassenkampf, durch Disziplin, aber nicht durch
Arbeitsverweigerung gezeigt, welche seelische und moralische Kraft gerade in
den deutschen Menschen wohnt, die vom Schicksal am härtesten getroffen wurden
und den un-glückseligen Krieg am schwersten bezahlen mussten.“ Die Wählerschaft
des GB/BHE sei „das soziale Gewissen in unserem Volk und die echten Vorkämpfer
für ein geeintes Deutsch-land in einem freien Europa, das dem Abend-land
erhalten bleibt.“
Ein Vorfall im Landtag am 17. 12. 1959
spiegelt das Gedankengut des GB/BHE eben-falls wider. Der GB/BHE-Abgeordnete
Wal-ter Becher – von 1966 bis 1980 dann für die CSU im Bundestag sitzend –
bezeichnete die Ent-nazifizierung als eine der unglücklichsten Maß-nahmen der Nachkriegszeit und bedauerte,
dass beim Eintritt in den öffentlichen Dienst nur einseitig Beziehungen zum
Nationalsozialis-mus verfolgt würden. Man dürfe nicht verges-sen, dass das
Dritte Reich die Befreiung des deutschen Volkes vom Bolschewismus ge-bracht
habe.
Im Juli 1963 empörte sich der in München
ansässige GB/BHE-nahe „Vertriebenen-Anzei-ger“ darüber, dass
kriegsverherrlichende Lite-ratur über angebliche Heldentaten der SS und
Wehrmacht verboten würden, während „rein pornographische Werke wie zum Beispiel
die ganz üblen Bücher ´Katz und Maus´ von Gün-ther Grass und ´Die Blechtrommel´
vom glei-chen Verfasser frisch und frei in jedem Buch-laden verkauft werden
können.“
Mit der Selbstauflösung des GB/BHE im Jahr
1965 wechselte ein großer Teil seiner An-hängerschaft zur eben gegründeten NPD.
Die 1950 gegründete
nationalsozialistische „Deutsche Reichspartei“ (DRP) trat unter ihrem Anführer
Adolf von Thadden die Nachfolge der NSDAP an. Weitgehend erfolglos und
innerlich zerstritten, ging sie schließlich 1964 in der neu gegründeten
„Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) auf, deren Führung und
Mitgliederstamm sie bildete.
Die NPD wurde am 28. November 1964 von
Adolf von Thadden gegründet. Sie entwickelte sich schnell zum bedeutendsten
Sammel-becken rechtsradikaler, nationalsozialistischer und neofaschistischer
Kräfte in der BRD. Die älteren Mitglieder blickten fast ausnahmslos auf eine
aktive nationalsozialistische Vergangen-heit zurück, während gleichzeitig die
starke An-ziehungskraft der NPD auf junge Leute auffiel. Zulauf erhielt die
Partei auch von Protestwäh-lern, die sich von der ersten Wirtschaftskrise seit
dem so genannten Wirt-schaftswunder der fünfziger Jahre bedroht fühlte.
Der Landesverband Bayern – von 1968 bis
1999 in der Holzstraße 49 ansässig – konnte schon am 24. April 1965 seinen
ersten Partei-tag in München abhalten. Er stand unter der Forderung „Europa den
Europäern – Deutsch-land den Deutschen – Alles für unser geliebtes deutsches
Vaterland!“
In seiner Grundsatzrede ließ Thadden wis-sen,
zwanzig Jahre nach Kriegsende sei es an der Zeit, ein neues Kapitel in der
deutschen Geschichte aufzuschlagen. An die Stelle des Geistes der
bedingungslosen Kapitulation solle der Geist des Freiheitswillens und der
Selbst-achtung treten. Er behauptete: „Die Entwick-lung nach Kriegsende war
kein Wirtschafts-wunder, sondern die wunderbare Demonstra-tion eines im Kern
gut gebliebenen Volkes.“ Zur Außenpolitik der Bundesrepublik meinte Thad-den in
diesem Zusammenhang: „Wer sich stets als alleinigen Sündenbock ausgibt, kann
sich nicht wundern, wenn sich Erpresser und Bettler in Bonn die Klinke in die
Hand drücken.“ Die NPD sähe sich als „mahnendes Gewissen der Nation“.
Bei der Wahl zum Landesvorstand konnten
sich nur Kandidaten durchsetzen, die nach-weislich als Soldaten bei der
Wehrmacht ge-dient hatten. Auf der Versammlung lagen Bü-cher zum Verkauf mit
Titeln wie „War Deutsch-land am Zweiten Weltkrieg alleine schuld?“ oder „Verrat
an Deutschland“. Zum Abschluss sangen
die Delegierten das Deutschlandlied, beginnend mit der ersten Strophe:
„Deutsch-land, Deutschland über alles, über alles in der Welt, wenn es stets
zum Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält. Von der Maas bis an die Memel,
von der Etsch bis an den Belt: Deutschland, Deutschland über alles, über alles
in der Welt!“
Bei der Landtagswahl am 20. November 1966
erlangte die NPD 7,4 Prozent der abgegebe-nen Stimmen und konnte fünfzehn
Abgeord-nete in das Maximilianeum entsenden, unter ihnen Karl Feitenhansel, den
Gründer der inzwi-schen verschwundenen „Vaterländischen U-nion“. Damit war die
Partei nach Hessen im zweiten westdeutschen Länderparlament ver-treten, fünf
weitere sollten noch folgen. Der Er-folg in Bayern sorgte bundesweit und
interna-tional für Aufmerksamkeit. Dort zeigte man sich zwar besorgt über das
Wiederaufflammen des deutschen Nationalismus, betrachtete die Ent-wicklung im
Grunde aber eher als Produkt der politischen und wirtschaftlichen Krise der
BRD. Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß trat mit der Analyse an die Öffentlichkeit:
„...Antwort auf die Verhöhnung und Verspottung der Bun-desrepublik, als Antwort
an alle, die versucht haben, Deutschland in den Dreck zu ziehen. Die Deutschen
müssen wieder als normale Na-tion behandelt werden, damit nicht die nationa-len
Stimmen dorthin wandern, wo man sie gar nicht haben will.“ Koalitionsgespräche
zwischen CSU und NPD seien „derzeit“ nicht geplant.
Die NPD hatte im Wahlkampf vorgegeben,
für die Interessen der sozial Schwachen einzu-treten. Tatsächlich beschränkte
sich ihr Stre-ben auf eine autoritäre Innenpolitik („Sicherheit durch Recht und
Ordnung“), den Kampf gegen die Ostpolitik der damaligen Bundesregierung
(„Brandt an die Wand!“) sowie die Verherrli-chung des Dritten Reiches. Am 26.
Februar 1970 etwa forderte im Landtag der NPD-Frak-tionsvorsitzende Siegfried
Pöhlmann „eine Ge-neralamnestie für alle im Zusammenhang mit dem Zweiten
Weltkrieg stehenden Straftaten“, wie er die Massenmorde bezeichnete. Als
Be-gründung gab er an, der Grundsatz der Rechts-gleichheit sei gestört, weil
die Siegerstaaten ihre Kriegsverbrecher nicht verfolgten.
In ihrer Zeitung „Deutsche Nachrichten“
be-hauptete die NPD, die Bundesregierung habe sich in einen Zustand der
unbeschränkten Er-pressbarkeit gegenüber Moskau begeben, und der ehemalige
Außenminister und damalige Bundeskanzler Willy Brandt präsentiere sich immer
intensiver als Erfüllungsgehilfe der kom-unistischen Ostblockstaaten. Man rief
zum allgemeinen Widerstand gegen diese ange-liche Verzichts- und
Vaterlandsverratspolitik auf. So konnte es nicht weiter erstaunen, dass ein
erst 22-jähriger NPD-Landtagskandidat des Jahres 1970 am 24. 09. 1971 in
München auf Bundeskanzler Brandt stürzte und ihn mit dem Ruf „Das ist für die
Politik im Osten!“ ohrfeigte.
Die Landtagswahl von 1970 hatte jedoch
gezeigt, dass sich die NPD wieder im Ab-ärtstrend befand: Sie sah sich nicht
mehr im Landtag vertreten, ihre Mitgliederzahl in Bayern sank von rund 5000 im
Jahr 1971 auf 3400 im folgenden Jahr. Wie bei radikalen Gruppen oft üblich,
zerstritt und zersplitterte sich die NPD angesichts ihrer Misserfolge. Am 9.
Januar 1972 trat Siegfried Pöhlmann aus der NPD aus und gründete in München die
„Aktion Neue Rechte“ (ANR).
Auf ihrer Gründungsveranstaltung verurteilte Pöhlmann vor 460 zumeist jugendlichen Natio-nalsozialisten die „weiche Welle“ der NPD-Führung und sah die ANR als nationalistisch-sozialistische Partei der Zukunft. Man müsse einen europäischen Nationalismus auf so-zialistischer Grundlage schaffen, um dem sowjetischen Imperialismus entgegenzutreten. Eine nationale Revolution der Jugend werde die alten Mächte in Europa hinwegfegen. Nationa-lismus sei nicht mehr allein Vaterlandsliebe, sondern die Solidarität in der Gemeinschaft der Schaffenden. Die bürgerliche Besitzgesellschaft habe abgewirtschaftet. Der 9. Januar 1972 sei das Fanal von München. Pöhlmann gab die Parole aus: „Nationalist sein heißt, die Fahne des Aufstandes nicht mehr aus der Hand zu geben.“ Die ANR verlief sich bald wieder im Sande, ihre Mitglieder suchten und fanden in ähnlich gesonnenen Gruppen Unterschlupf.
IV. Gerhard Frey und die „Deutsche Volksunion“
Im Laufe
der Zeit entwickelte sich der „Druckschriften- und Zeitungsverlag“ des Ger-hard
Frey zu einem organisatorischen Zentrum des Rechtsextremismus. Seit 1951 in der
Pasinger Spiegelstraße 6 und seit 1964 in der Paosostraße 2 ansässig,
erschienen hier Druckwerke wie der „Deutsche Anzeiger“, „Der Sudetendeutsche“,
„Deutscher Bauer“ und die „Schlesische Rundschau“.
Seit Bestehen der Bundeswehr 1956 kam die „Deutsche Soldatenzeitung“ bei
Frey heraus. Anfangs erhielt sie eine finanzielle Unter-stützung von monatlich
13000 DM durch das Bundespresseamt. Soldaten aller Dienstränge schrieben
Beiträge in ihr, das Blatt selbst lag in den Kasernen zur allgemeinen Lektüre
aus. Die „Soldatenzeitung“ hielt die Traditionen der Wehrmacht hoch und hoffte,
die Bundeswehr in diesem Sinne beeinflussen zu können. Sie verfügte über
Informationen aus der Armee-führung, die nicht für die Öffentlichkeit be-stimmt
waren. Die Redaktion griff jede demo-kratische Entwicklung in der Bundeswehr
scharf an und beantwortete jede Kritik an sich
mit rechtlichen Schritten. In den Kasernen hielten Vertreter des
nationalsozialistischen Milieus Vorträge.
Im April 1959 kritisierte
Bundespräsident Theodor Heuss in Hamburg vor jungen Offi-zieren in
milder Form die Traditionspflege der Bundeswehr. Dies verurteilte die
„Soldaten-zeitung“ als Bruch mit der soldatischen Tra-dition in Deutschland.
Den Angriff auf den höchsten Repräsentanten der BRD nahm Generalinspekteur
Adolf Heusinger zum Anlass, am 8. September 1959 die Trennung der Bundeswehr
von der „Soldatenzeitung“ anzukündigen. Diese wurde sodann in die seit 1951
bestehende „Deutsche Nationalzeitung“ aus demselben Hause integriert und konnte
über diesen juristisch geschickten Kunstgriff wieder Eingang bei der Bundeswehr
finden.
Inhalt und Sprache der „Nationalzeitung“ an-lässlich eines „Großangriffs
auf die KZ-Lüge“ sagten alles über die Natur des Blattes und seine Hintermänner
aus: „Wir sind zum Angriff angetreten. Die Truppe ist zum Äußersten
entschlossen. Es steht viel auf dem Spiel. Der dem Kompanieabschnitt gegenüber
liegende Hügel ´Lüge´, der von starken feindlichen Truppen besetzt ist, droht
bereits seit Monaten, den vom Regiment gehaltenen Frontabschnitt ´Wahrheit´ zu
durchbrechen...“ In diesem Zusammenhang stand auch die Ausgabe vom 20. Juli
1967, deren erste Seite ein Bild von Adolf Hitler sowie Israels
Verteidigungsminister Moshe Dayan zeigte. Israel wurde dabei be-zichtigt, nach
Art von Auschwitz einen Massen-mord an den Arabern zu verüben. Diese Aus-gabe
wurde verboten. Als Verlagsleiter fungier-te damals der CSU-Funktionär Emmerich
Giehl.
Zur Steigerung seines Druckschriftenabsatz-es und seines politischen
Einflusses gründete Frey Anfang 1971 die „Deutsche Volksunion“ (DVU), deren
Vorsitzender er natürlich selber wurde. Neben den altbekannten
nationalso-zialistischen Zielen hielt man die Ostpolitik und die Annäherung an
die Staaten des Ostblocks durch die Regierung Brandt/ Scheel für einen
Ausverkauf deutscher Interes-sen und für eine Kapitulation vor dem
Kommu-nismus: „Landes-verrat“, „Volksverrat“, „Stalin-verträge“ und „den
vielleicht größten Wählerbetrug des Parlamen-tarismus“ glaubte die
„Nationalzeitung“ entdeckt zu haben.
Hierin wusste man sich in Einigkeit mit Teilen der CSU, wie eine
Veranstaltung der DVU am 3. April 1971 im Schwabinger Bräu zeigte. Vor dem
Gebäude hatten sich Gegendemonstran-ten versammelt, die dem Rechtsradikalismus
eine Absage erteilen wollten. Während einer der Redner, der ehemalige
Ministerpräsident Wilhelm Hoegner von der SPD, die Abwe-senheit der CSU an
seiner Seite bedauerte, saßen auf der DVU-Veranstaltung die CSU-Mitglieder Paul
Esterer und Emmerich Giehl neben Gerhard Frey auf dem Podium, außer-dem noch
Kurt Poschart und Franz-Josef Leistner von der Bayernpartei. Sie riefen
ver-eint zum Widerstand gegen die Ostpolitik auf.
Die Bayernpartei war teilweise finanziell von Frey abhängig. So ließ man
sich Anfang 1971 vom Staats- und Verfassungsrechtler Theodor Maunz, Mitglied
der CSU und Kultusminister der Jahre 1957 bis 1964, ein Gutachten in Sachen
Parteienfinanzierung erstellen. Frey zahlte das Honorar des Maunz. Was damals
nur wenige ahnten: Maunz war der National-sozialist geblieben, der er schon immer
war.
Aus den USA wurden große Mengen hierzu-lande verbotener NS-Schriften
nach Deutsch-land geschmuggelt. Die „NSDAP-Auslands-organisation“ des Gerhard
(„Gerry“) Lauck ver-sorgte auf dem Postweg ihre hiesigen Volks-genossen mit
Zeitschriften wie dem „NS-Kampfruf“, einschlägigen Flugblättern und
anti-semitischen Pamphleten.
In der Nacht zum 18. April 1975 etwa nahm die Polizei einen jungen
amerikanischen und einen ebenso jungen deutschen Mann fest, die in München
Hakenkreuzplakate klebten. Nach eigenem Bekunden der beiden stand die Aktion in
Zusammenhang mit dem bevorstehenden Geburtstag ihres „Führers“ Adolf Hitler.
Als einen der Programmpunkte ihrer NS-Organisa-tion nannten sie die
„Rassentrennung und Aus-schaltung des jüdischen Einflusses“. Ein Ge-richt
verurteilte die zwei Nationalsozialisten zu je neun Monaten Freiheitsentzug.
Diese Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt, weil bei beiden eine geistige
Unreife erkannt wurde. Außerdem gab das Gericht zu bedenken: „Die Angeklagten
haben die furchtbaren Seiten des Hitler-Regimes nicht miterlebt. Sonst wären
sie sicher zu einer anderen Anschauung belangt.“
So nahm es nicht wunder, dass es am 4. Dezember 1976 auf einer Veranstaltung der DVU im Bürgerbräukeller zu einer antisemiti-schen Ausschreitung kam. Die etwa 800 Teil-nehmer – unter ihnen auffallend viele Jugendli-che und sogar Kinder – begrüßten begeistert Hans-Ulrich Rudel. Dieser Held der Wehrmacht und Integrationsfigur der Nationalsozialisten der BRD wurde von Frey als „Nationalheld Nummer eins des deutschen Volkes“ sowie „unster-blicher Deutscher“ gefeiert. Plötzlich entdeckte man das jüdische Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld im Saal. Sie hatten sich diesen denkbar ungeeigneten Anlass ausgesucht, um auf die Leiden der Ju-den im Dritten Reich aufmerksam zu machen. Unter Schmähungen und Prügeln trieb die von Frey aufgepeitschte Menge die beiden aus dem Saal, wo sie blutüberströmt von der Polizei empfangen wurden. Die Beamten hatten den Auftrag, die genehmigte DVU-Versammlung vor Gegende-monstranten zu schützen. Außer drei Mitglie-dern des „Jüdischen Studentenbundes“ war aber niemand erschienen.
V. Hintermänner
Theodor
Maunz (1901-1993) hatte als Professor der Rechtswissenschaften während des
Dritten Reiches bemerkenswerte Thesen aufgestellt, etwa dass der Plan und der
Wille des „Führers“ oberstes Rechtsgebot seien und dass der „Führer“ berufen
sei, das Recht zu erkennen, kundzutun und auch noch zu vollstrecken. Zum
braunen Polizeiterror meinte er, „das entschlossene Zugreifen nach situa-tionsgebundenen
örtlichen Bedürfnissen ist wichtiger als das peinliche Klammern an sorg-sam
ausgefeilte Rechtssätze.“
Nach dem Krieg redete sich Maunz darauf hinaus, er habe den
Unrechtsstaat nur be-schreiben wollen. Also konnte er inzwischen Mitglied der
CSU - im Jahr 1952 in München Professor
für öffentliches Recht werden. Sein Hauptwerk „Deutsches Staatsrecht“ gilt als
der Kommentar zur bundesdeutschen Verfassung schlechthin und brachte seinem
Autor hohe Tantiemen. Im Jahr 1957 berief ihn Minister-präsident Hanns Seidel
zum gut bezahlten Kultusminister. Theodor Maunz stellte den Prototypen des
Opportunisten dar, der für sein finanzielles Wohlergehen jedem Herrn diente,
wobei aber an seiner nationalsozialistischen Grundeinstellung nicht gezweifelt
sein konnte.
1964 wurden die Schriften des Maunz aus dem Dritten Reich der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Er trat am 15. Juli 1964 ohne Auf-hebens
zurück. Ministerpräsident Alfons Gop-pel stellte bei dieser Gelegenheit fest:
„In der breiten Öffentlichkeit scheint der Eindruck entstanden zu sein, bei uns
werde immer noch entnazifiziert, und selbst rückhaltloser Einsatz für den
demokratischen Rechtsstaat in den ver-gangenen neunzehn Jahren könne Irrtümer
in der Vergangenheit nicht aufwiegen. Ich glaube, dass einmal ein Schlussstrich
unter jene Zeit gezogen werden muss.“
Nachdem Maunz gestorben war, feierte der Herausgeber der rechtsradikalen
„Deutschen Nationalzeitung“, Gerhard Frey, einen persönli-chen Triumph: Er
konnte am 24. September 1993 verkünden, er habe „einen wunderbaren
Wegbegleiter“ verloren. Maunz habe „beinahe allwöchentlich durch seine
hervorragenden poli-tischen Beiträge ohne Autorenangabe“ die „Nationalzeitung“
bereichert. Auch sei er den Nationalsozialisten der BRD – dies formulierte Frey
natürlich anders – stets juristisch beratend zur Seite gestanden.
Der Münchner Rechtsanwalt Alfred Seidl (1911-1993) promivierte 1936 mit
einer Doktor-arbeit über den „Beginn der Straftat“, wobei er die Machtübergabe
an die Nationalsozialisten und die daraus entstandenen Konsequenzen und
Veränderungen im Strafrecht und in der Rechtsprechung als positiv würdigte.
Nach dem Krieg begannen 1945 die Kriegs-verbrecherprozesse in Nürnberg.
Seidl trat hier als Verteidiger höchstrangiger Angeklagter auf, auf deren Seite
er auch innerlich selbst stand.
Karl
Gebhardt etwa war General der SS, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes und
medizinischer Berater Heinrich Himmlers ge-wesen. Als solcher zeichnete er
verantwortlich für zahllose Menschenversuche mit meist tödli-chem Ausgang.
Seidl gab während des Pro-zesses zu bedenken, die polnischen Ver-suchspersonen,
„die zu den Sulfonamidversu-chen herangezogen wurden, waren Mitglieder der
Widerstandsbewegung. Sie haben gegen Gesetze verstoßen, die damals für sie
ver-bindlich waren und die Besatzungsmacht be-rechtigten, mit entsprechenden
Strafmaßnah-men gegen sie vorzugehen.“ Außerdem habe Gebhardt bei den Opfern
die „Annahme der Einwilligung“ vorausgesetzt und die Versuche „im Interesse der
Opfer“ selbst durchgeführt. Denn diese hätten sich freiwillig zur Verfügung
gestellt, um so der sicheren Hinrichtung zu entgehen.
Seidl trat auch als Verteidiger des Oswald
Pohl auf. Dieser hatte die wirtschaftliche Aus-beutung im Rahmen der
Judenvernichtung organisiert und geleitet. Die Schuld an den Zuständen in den
Konzentrationslagern lag nach Seidls Auffassung nicht auf deutscher Seite,
sondern war auf die alliierte Bombar-dierung Deutschlands zurückzuführen. Wegen
der dadurch entstandenen Schäden sei man gezwungen gewesen, die Arbeitsleistung
in den Lagern etwas zu erhöhen. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass die
Gefangenen „für Un-terbringung, Bewachung, Verpflegung, Beklei-dung etc.“
nichts bezahlen mussten.
Auch Hans Frank, Generalgouverneur von
Polen und Verantwortlicher für das dortige deutsche Terrorregime, sowie der
Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, ließen sich von Alfred Seidl verteidigen.
Dieser verdiente dabei nicht nur beträchtliche Honorare, sondern trat auch als
vehementer Feind der Todesstrafe in Erscheinung.
Die Kanzlei Alfred Seidls galt als erste
Adresse für Menschen, die sich wegen na-tionalsozialistischer Verbrechen zu
verantwor-ten hatten. Einige weitere seien genannt: Im Jahr 1950 der
stellvertretende Reichs-pressechef Helmuth Sündermann, der dann 1952 am
Starnberger See den rechtsradikalen Druffel-Verlag gründete, ebenfalls 1950 den
bereits genannten Karl Feitenhansel, der von 1966 bis 1970 für die NPD im
Landtag saß, 1951 die berüchtigte Ilse Koch, Kommandeuse des
Konzentrationslager Buchenwald, wo sie sich aus Häftlingshaut Lampenschirme
hatte herstellen lassen.
Im November 1952 lief ein Prozess gegen die
Mörder des im April 1945 hingerichteten Admirals Wilhelm Canaris. Seidl stand
na-türlich auf Seiten der Mörder. Zu ihrer Ent-lastung gab er zu bedenken, die
Widerstands-kämpfer vom Schlage eines Canaris seien möglicherweise ein Grund
für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewesen. Ihre Hand-lungsweise hätte
die ehemaligen Gegner Deutschlands vielleicht erst zum Krieg ermun-tert. Bei
diesem Thema vertrat Seidl ganz allgemein die Meinung, die beiden Weltkriege
seien Deutschland von Großbritannien aufge-zwungen worden, und dafür hätten
Millionen deutsche Soldaten ihr Leben lassen müssen.
Am 23. November 1958 zog Alfred Seidl für
die CSU in den Landtag ein. 1970 wurde er stellvertretender
Fraktionsvorsitzender, 1972 Fraktionsvorsitzender seiner Partei, 1974
Staatssekretär im Justizministerium und
von Mai 1977 bis November 1978 fungierte er als Staatsminister des Inneren. Erst 1986 schied
er aus dem Landtag aus. Der Innenminister ist
Dienstherr des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Laut einer
Selbstauskunft dieser Behörde vom 10. November 1971 be-steht ihre Aufgabe im
Sammeln und Auswerten von Tatsachen und Erkenntnissen. Die Ent-scheidung
darüber, welche Schlussfolgerun-gen daraus gezogen werden, ist Sache der
politischen Führung.
Als Innenminister trat Seidl nun für die
Wiedereinführung der Todesstrafe ein. Es könnten Umstände und Entwicklungen
ein-treten, in denen der Staat nur noch durch die Androhung dieses schärfsten
Machtmittels in der Lage sei, die öffentliche Ordnung und die öffentliche
Sicherheit aufrechtzuerhalten. Im März 1978 erklärte Seidl, man sei im Begriff,
„den Feinden der Freiheit zuviel Freiheit zu lassen, ihnen die Möglichkeit zu
geben, unter Missbrauch eben dieser Freiheit die staatliche Existenz und damit
die Garantie für die Freiheit aller zu bekämpfen.“
Unter „Feinden der Freiheit“ meinte der
bayerische Innenminister nicht die Rechts-extremisten, sondern die damals
aktiven Links-terroristen. Kurz nach seinem Tod nämlich erklärte Gerhard Frey,
zwischen ihm und Seidl habe es „ein jahrzehntelanges harmonisches und
vielfältiges Zusammenwirken“ gegeben. Seidl habe ihn juristisch und politisch
beraten, auch in der Zeit, als jener für den Verfassungs-schutz zuständig war.
Neu im Verlag Radu Barbulescu:
Adnan Al Dhahir: Poems –
Gedichte – Schaar: a. d. Arabischen v. Ali Mahan und a. d. Engli-schen v.
Gisela Kirbach, 96 S., ISBN 3-930672-65-0, DM 20.-- / Eur 10.25;
Radu Barbulescu: Mapuakhikotl
u. a. skurrile Geschichten aus Bayern, München und sonst-wo, 84 S., ISBN
3-930672-70-7, DM 16.60 / Eur 8.50.
Adam
Berg und die Anfänge des Buchdrucks in München
Der erste bedeutende Münchner
Buch-drucker, Hans Schobser, starb 1530. Nun schien es mit der Druckerei wieder
abwärts zu gehen, denn sein Sohn Andreas brachte außer den üblichen Aufträgen
für den Hof und eini-gen katholischen Verteidigungsschriften nur wenige Werke
heraus. Da kam 1564 ein junger Drucker mit dem Gespür für wirtschaftlich
Machbares, mit einem kleinen Kapital und dem Heiratsgut seiner Frau nach
München: Adam Berg. Er erkannte, daß der Druck in München im argen lag und sich
ihm dadurch eine Chan-ce bot. Deshalb kaufte er die heruntergekom-mene
Schobsersche Druckerwerkstätte in der Lederergasse und erneuerte sie von Grund
auf. Seine Fachkenntnisse hatte er wahrscheinlich bei Platin in Antwerpen
erworben. Zustatten kam ihm dabei die „Verehrung" des Hofes und das
Wohlwollen der Stadt, die ihm Steuerfreiheit einräumte.
Herzog Albrecht V. wußte um die Bedeutung einer leistungsfähigen
Druckerei gerade in jener Zeit geistigen Ringens. Er schätzte die technischen
und fachlichen Kenntnisse Bergs, seine Betriebsamkeit und Umsicht. Und Berg
enttäuschte ihn nicht. Schon in den ersten Jahren seiner Tätigkeit in München
legte er be-achtliche Drucke vor. Obwohl überzeugter Pro-testant, lieferte er
auf Befehl des Herzogs einen Nachdruck des Bücherverbots des Konzils von
Trient. Im Rückblick zeigte es sich, daß Berg einer der bedeutendsten Drucker
seiner Zeit wurde; er war Hauptverleger der Ge-genreformation und ein
vorzüglicher Noten-drucker. Er brachte neben den amtlichen Druckschriften 300
Drucke heraus, darunter solche berühmter Männer seiner Zeit wie zum Beispiel
die von Jodocus Lorichius, Laurentius Surius Johann Nas, Orlando di Lasso. Dazu
Meßbücher wie das für Freising (1579), seine tagebuchartigen Schreibkalender
und seine Musikdrucke, darunter die Hauptwerke von Orlando di Lasso. Es war für
Komponisten eine Ehre, wenn Berg den Druck ihrer Werke über-nahm.

Eine hervorragende Leistung Bergs war es, den bedeutendsten
deutschschreibenden Au-tor Ägidius Albertinus zuerst veröffentlicht zu haben.
Daß Berg aber auch ein Mensch voller Widersprüche war, geht aus den Studien von
Pius Dirr, der ab 1919 Direktor des Bayeri-schen Staatsarchivs war, hervor, die
er unter dem Titel „Buchwesen und Schrifttum im alten München"
veröffentlichte. Dort heißt es zu Berg: „Ein Mensch mit seinem
Widerspruch". Er begründete das damit, daß Bergs Auftreten in München
widersprüchlich und ungereimt wirkte. Er kam als Protestant in die Stadt,
schien sich aber den religiösen Umständen angepaßt zu haben. Die Inquisition
von 1569 stöberte ihn aber auf, nachdem er fünf Jahre lang unangefochten
geblieben war und lud ihn zum Tribunal vor. Im Verhör bekannte sich Berg dazu,
das Abendmahl in der deutschen Messe bei den Lutherischen genommen zu haben.
Daraufhin wurde er in den Falkenturm geworfen. Ihm drohte nun die Ausweisung
aus dem Land. Deshalb unterwarf er sich den For-derungen der Inquisition und
gab seinen reli-giösen Standpunkt preis. Es gelang ihm so, die Gunst Herzog
Albrecht V. wieder zu gewinnen. Das ging sogar so weit, daß der Herzog und auch
Wilhelm V. Taufpaten für seine Kinder machten und daß ihm, der viel reiste,
diplomatische Kommissionen anvertraut wur-den. Welcher Art und wie geheim sie
waren geht aus einer Bemerkung Bergs hervor, mit der er seine Verdienste Herzog
Wilhelm V. gegenüber herausstellen wollte, als er befürch-ten mußte bei ihm in
Ungnade zu fallen. „Er habe einmal", sagte er von sich, „ein gehaim ganz
geverlich Befelch auf sich genommen, bei dem er, falls man ihn erwischt hätte,
einen schmechlichen Luftpaum hätte besteigen müs-sen."
Berg war trotz seiner Unterwerfung kein will-fähriger Untertan, was eine
Auseinandersetz-ung mit der Stadt in einer gewerbepolizeilichen Angelegenheit
zeigte. Dabei ging es um eine Gesellen, für den nach Bergs Auffassung die Stadt
nicht zuständig war, weil er eine „gefreite Werkstätte" führte, die nur
der landes-herrlichen Gerichtsbarkeit unterstand. Weil er seinen Widerspruch in
äußerst grober Form vorbrachte, sperrte
man ihn eine Woche lang in den Fischerturm.
Berg brachte viele Prachtwerke heraus, doch die hatten ihren Preis. Das führte
zu Span-nungen mit der Hofkammer, weil die nur unzu-reichend honorierte. Ein
Beispiel dafür war die reich illustrierte Beschreibung der Hochzeit Herzog
Wilhelms mit Renate von Lothringen im Jahr 1568. Berg ließ eigens den
Kupferstecher Nikolaus Solis nach München kommen. Der fertigte die Bilder an,
setzte sie jedoch nicht wie vereinbart in Farbe, sondern verschwand zuvor,
nachdem er für die gesamte Arbeit bereits ausbezahlt worden war. Da Berg sich
wiegerte in die eigene Tasche zu greifen, mußte der Herzog sehr zum Ärger der
Hofkammer einspringen.
Immer wieder mußte sich Berg um finanziellen Ausgleich an den Herzog
wenden. Weil die Hofkasse allmählich leer wurde, versucht Berg andere Quellen
zu erschließen. So plante er eine Papierfabrik in Fürstenfeld zu gründen. Die
dafür erforderlichen 1000 Gulden lehnte der Herzog ab. Ebenso erging es Berg mit seiner Absicht
eine Salzgroßhandlung zu errichten, wofür er 500 Gulden als Startkapital
benötigt hätte. Als er daraufhin darum bat, ihm wenigstens Kalbfelle aus der
Hofschlächterei zur Pergamentherstellung zu überlassen, blitz-te er ebenfalls
ab, weil diese von dem Hof-kammerschuhmacher benötigt wurden.
Doch sein Werk wurde schon zu seinen Leb-zeiten anerkannt, obwohl er im
Jahr 1594 in sein großartiges Kupferstichwerk eigenhändig geschrieben hatte:
„der fürstlichen Durchlaucht zur Schmach und Unehr, auch eine andern Religion
und Sekten damit gedient." Der darob erzürnte Herzog wollte ihn des Landes
verwei-sen. Doch der Widerspruch der eigenen Fa-milie des Herzogs wandte diesen
Schicksals-schlag von Berg ab. Das
Vertrauen des Her-zogs hatte er nun für immer verspielt. Dieser ließ nun den
Buchdruckergesellen Nikolaus Heinrich, den Mann von Bergs verwitweter Tochter,
eine weitere Buchdruckerei gründen.
Im Schwiegersohn nun eine Konkurrenz zu haben, erbitterte den alten
Berg. Mit Schikanen und Prozessen versuchte er ihn auszuschal-ten. Für die
Schadenfreude der Zeitgenossen Bergs war das Wasser auf die Mühle. Doch das
konnte Bergs Leistung nicht schmälern. 1925 schrieb Karl Schottenloher, ein
bedeutender Kenner der Alt-Münchner Buchdrucke im Juli in den „Typographischen
Jahrbüchern": „Hans Schöbser und Adam Berg, sie beide sind auf
Jahrhunderte hinaus die zwei hervorragend-sten Meister des ältern Buchdrucks
geblieben." Er sah als Hauptquelle ihres Erfolgs „tüchtiges Können und
unermüdliches Schaffen" an.
Manfred PIELMEIER
Im Verlag
Radu Barbulescu: Manfred Pielmeier: Haselmühl und andere Jugend-erinnerungen,
Sammlung Zeitzeugen, 80 S., ISBN 3-930672-67-7, DM 16.60 / Eur 8.50.
Waldemar FROMM
München
Die Kultur der Kulturwissenschaften - Geoffrey Hartmans „Das
beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur”
Geoffrey Hartman gehört
neben Paul de Man und J. Hillis Miller zu den wichtigen Vertretern der Yale
Critics, die in den Vereinigten Staaten maßgeblich zur Durchsetzung
dekonstruktiver Textlektüren beigetragen haben. In der bundesrepublikanischen
Literaturwissenschaft ist er vergleichsweise selten rezipiert worden. Eine
leichte Verbesserung hat erst die 1996 erschienene Übersetzung eines
Aus-schnittes aus Hartmans 1981 erschienenen Buch „Saving the text” in
dem von Aleida Assmann herausgegebenen Sammelband „Textlektüren.
Per-spektiven in der Literaturwissenschaft” gebracht. Die Übersetzung zeigt
Hartman zwar programma-tisch korrekt aber – bedenkt man den Untertitel – nicht
eben auf der Höhe der Zeit. Der Suhrkamp-Verlag hat die Lücke nun mit der
Übersetzung einer jüngeren Publikationen zu schließen begonnen: „Das beredte
Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur” ist im Original
1997 unter dem Titel „The fateful questions of culture” erschienen. Der
Verlag hat gut daran getan, den Titel zu ändern, nicht nur, weil damit die
Kerngedanken Hartmans ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, um den herum er
die Auseinandersetzung mit der Schicksalsfrage der Kultur führt, sondern auch,
weil er sich mit dem Originaltitel innerhalb der amerikanischen Debatte um die cultural
studies positioniert hat, einer Debatte, die nicht ohne weiteres auf die
kulturwissenschaftlichen Fragestel-lungen hierzulande zu übertragen ist.
Die Gesamtanlage des Buches
folgt aus einer von Hartmans Lektüreprämissen, den Textkommentar gleichrangig
neben dem besprochenen Text zu stellen. Solche Kommentare sind nicht thetisch
durchstrukturiert und gewinnen ihre Überzeu-gungskraft gelegentlich erst nach
einer zweiten Lektüre. Hartman erleichtert dem Leser die Orientierung durch
eine entschiedene Leserführung: das Buch wird einleitend ausführlich
vorgestellt und abschließend zusammengefasst, die einzelnen Kapitel ein- und
ausgeleitet. Im Zentrum stehen literarische Texte, die nach pointierten
Analysen auf die Frage nach dem Begriff der Kultur ausgewertet werden. Es
handelt sich dabei nicht vorrangig um eine Auseinandersetzung mit neueren
Ansätzen in den Kulturwissenschaften, sondern um eine Reaktion darauf mit
literarischen Texten. Hartman möchte den Hintergrund der Zuwendung zu
kulturwissenschaftlichen Analysen historisch und psychologisch plausibel
machen, wobei ihm die Gefahren, die die Debatte um kulturwissenschaftli-che
Fragestellungen mit sich bringen, wichtiger sind als die damit verbundenen
Hoffnungen.
Im Zentrum der Kritik
Hartmans an den Kultur-wissenschaften steht die Feststellung, dass Kunst und
Kultur in einem konflikthaften Verhältnis zueinander stehen. Eine Reduktion
ästhetischer Phänomene auf eine ideologische Basis, wie sie wiederholt in den cultural
studies vorgetragen wird, will er nicht akzeptieren. Aus
literaturwissenschaft-licher Sicht fragt er, ob kulturwissenschaftliche
Analysen mit dem literarischen Überschuss an Imagination oder generell mit der
imaginativen Vernunft der Literatur umgehen können. Diese Debatte ist in der
bundesrepublikanischen Theo-rielandschaft von Karl Heinz Bohrer mit der Frage
nach den Grenzen des Ästhetischen angestoßen worden. Wie Bohrer besteht Hartman
auf der Eigenständigkeit des Ästhetischen. Zugrunde liegt bei Hartman die
bereits in früheren Publikationen vorgetragene Ansicht von der ästhetischen
Ver-wendungsweise von Wörtern. Hartman hat sich darin mit dem „Status von
Worten innerhalb der Psyche oder der Kultur ihres Umfeldes” ausein-andergesetzt
und in Anlehnung an Freuds Theorie der Abwehr, Lacans Subjekttheorie, Derridas
Theo-rie der Gabe sowie Blooms Ansichten zur Fehl-lektüre den Ort des Kritikers
wie auch des Autors aus zwei aufeinander verwiesenen Bewegungen zwischen
Sprache und Innerlichkeit beschrieben, die er in der Metapher der „Wort-Wunde”
zusam-menfasst. Sprache ist trügerisch, da sie als zei-chenhafte einerseits
Intuition oder reine Innerlich-keit zerstört, es andererseits aber ermöglicht,
„jene Innerlichkeit zu beschreiben, Worte als Worte zu schätzen, sie als in und
von uns lebend zu er-fahren”. Diese Wortkonzeption führt zu einer positiv nicht
abschließbaren Lektüre. Ihre kulturelle Relevanz liegt in den daraus erst
entstehenden Möglichkeiten, jeweils neu zu lesen. Wo die Künste die vertrauten
Diskurse verlassen, berufen sie sich auf ein „Schweigen”. Der Ursprung des
„Schwei-gens” ist nicht theologisch gedacht, sondern psychoanalytisch: dem
sprachlich verhafteten Wis-sen ist es als unbewusster Vorgang nicht
unmit-telbar zugänglich und deshalb nur von der Rede aus gesehen ein „beredtes
Schweigen”. Es ermöglicht innerhalb der Konzeption Hartmans die Erweite-rung,
Ergänzung, Kritik oder Transformation der diskursiven Praktiken (oder auch die
ihnen zugrunde liegenden Ideologien). Kunstwerke beruhen demnach auf einem
Wechselverhältnis vom ”Schweigen” der Affekte im Text und literarischer
(sprachlicher) Imagination (Gestaltgebung) dieses ”Schweigens”.
Hartman liegt nun viel
daran, den Begriff „Kultur” so zu fassen, dass er den imaginativen Überschuss,
den Literatur produziert, integrieren kann, und zugleich so angewandt wird,
dass er demütigende, entwürdigende oder unmenschliche kulturelle Zustände nicht
mit einschließen kann. Der Einwand ist plausibel, denn, wenn die
Kulturwissenschaften beginnen, selbst das Disparate unter dem Ober-begriff
Kultur zu integrieren, von wo aus soll dann noch das Potential zur Kritik in
die Arbeiten einfließen, die erst aus dem imaginativen Über-schuss möglich
wird. Hartman fragt danach, wie mit dem Teil umzugehen ist, der nicht
ausdrücklich Teil der Kultur wird. Man
kann dies an einer Redewendung wie „Kultur der Gefühle” gut veranschaulichen.
Natürlich trägt die Literatur zur Sensibilisierung im Umgang mit Kultur und
Natur bei. Es ist durchaus möglich, kognitive Patterns oder diskursive
Strategien im Umgang mit den Gefühlen festzustellen. Aber schließt man das
individuelle, mitunter anarchische Moment nicht aus, wenn man sie auf Pattern
oder Diskurse festlegt? Moderne Literatur ist gerade durch die Kraft der
Assoziation geprägt, ihre Emotionalität folgt nicht den Regeln der Vernunft,
sondern (im besten Fall) einer Poetik des Mitgefühls oder der Überantwortung an
ein Außen. Die Literatur kann nach Hartman so erst ihre Wirkungsmöglichkeiten
entfalten und einer neuen Welt zum Durchbruch verhelfen, wie er am Beispiel von
Wordsworth zeigt. Das Verhältnis zwischen Kunst und Kultur ist verworrener und
komplizierter, als dass man die Eigenständigkeit des Ästhetischen aufgeben
könnte.
Hartman sieht eine Vielzahl
von Gefahren, die aus einer nicht kritischen Abgrenzung von Kunst und Kultur
folgen. Den Verlust des Inkommensurablen, das Freiräume erst ermöglicht, ein
Begriffsbil-dungsverfahren, das soziale wie individuelle Diffe-renzen unter
einen Oberbegriff subsumiert und damit entgegen der Zielsetzung repressive Tenden-zen entwickelt. Einen
entscheidenden Grund für die Gefahr einer „fatalen Militanz” meint Hartman in
einem der Moderne zugrunde liegenden Gefühl verfehlter Präsenz zu erkennen. Man
kann hier die psychologische und historische Transformation der
Präsenz/Absenz-Konzeption bei Derrida im Hinter-grund durchaus mithören.
Hartman schreibt in didaktischem Ton: „Die Rede ist von dem Gefühl, vom Leben
ausgeschlossen zu sein. Nicht bloß vom gesellschaftlichen Leben [...], sondern
von der (wohl stets mysthischen) Teilnahme am Leben selbst. Wir spüren, dass
wir nicht an allem Teilhaben, das wir sehen. Dass wir vielleicht unsere
Denkprozesse, kaum aber uns selbst begreifen. Dass wir die Empfindungen anderer
auf mehr oder weniger abstrakte Weise nachfühlen, sie aber nicht in dem Sinne
teilen, dass sie zu den unseren werden.” Man überliest diese Passage in ihrer
Relevanz für die Gesamtanlage des Buches leicht, wenn man nicht bedenkt, dass
in diesem psychologischen Konflikt die Wurzeln für die historische Entfaltung
einer „Identitätssuche” angesetzt werden, die, sofern sie die Unabschließbarkeit
der Suche nicht bedenkt, die Tendenz hat, ins Ideologische und Inhumane (das
wäre bspw. die mit aller Gewalt und allen Ausschließungstendenzen
herbeigeführte Identität) abzurutschen.
Eine wichtige, sich daran
anschließende Frage be-rührt Hartman mit dem Thema, welche Sprache
kulturwissenschaftlichen Analysen angemessen ist. Eine solche neue Sprache
findet er bei Derrida als ein neuen Schreibens vor. Das Thema eines „neuen
Schreibens” ist allerdings grundsätzlicher gefasst, denn selbst jene Ansätze,
die dekonstruktive Lek-türe nicht eben schätzen, sind gehalten, danach zu
fragen, welche Sprache der Rede über Kultur ange-messen ist. Schließlich geht
es darum, den ima-ginative Überschuss der Literatur innerhalb der Rede darüber
abzubilden. Einem vergleicharen Ansatz hat im deutschsprachigen Raum bereits
Gerhard von Graevenitz vorgearbeitet, wenn er davon ausgeht, dass
kulturwissenschaftliche Analysen auf den Ergebnissen der Dekonstruktion und
deren Einsicht in die paradoxen Effekte von stringenten grands récits
aufbauen sollten. Hartman plädiert für eine dem Diskurs angemessene Sprache mit
„progressiven Begriffen”, die ihrer Herkunft aus dem “Schweigen” verbunden
bleiben.
Innerhalb der Debatte um die
kulturwissenschaftli-chen Erweiterungen der Literaturwissenschaft stört ihn
insbesondere der Wegfall der Kategorie der Natur, und eine damit verbundene
ökologische Perspektive der Ästhetik. Hinzutritt ein begriffli-ches Problem:
Wenn alles Kultur ist oder potentiell sein kann, dann ist dieses Alles unter
begrifflichen Aspekten betrachtet natürlich nichts, weil der Begriff über keine
Definitionskraft mehr verfügt. Unter den Stichworten “Kultur” und “Kulturen”
(gemeint sind die traditionelle Auffassung von Kultur und Multikulturalismus,
die Übersetzung stiftet in diesem Fall mehr Verwirrung als Klarheit) skizziert
er schließlich zwei Ansätze, denen er gerade aufgrund der Missachtung von Natur
unterschiedliche paradoxe Effekte aufzeigt. Hart-man gibt das historische
Profil seiner Kritik in der Gegenüberstellung zweier Ansätze: einer lokal
verwurzelten Ansicht über Kultur (Georgik) und einer moderneren Variante, der
“Kultur der Einbe-ziehung”. Die Tradition der Georgik baut auf der Idee der
Versöhnung von Mensch und Natur auf. Ihr paradoxer Effekt ist es, zu einem
”aggressiven Separatismus und Imperialismus” zu führen, deren Auswirkungen in
der Moderne beispielsweise die Form einer Nationalkultur angenommen haben,
deren radikalste Ausprägung im Rassenwahn des III. Reiches zu finden ist.
Andererseits stolpert auch eine ”Kultur der Einbeziehung” in repressive Muster
hinein, da die gegenwärtig praktizierten Formen der Einbeziehung auf monetärem
und technischem Druck beruhen.
Aufschlussreich für die
kritische Haltung Hartmans gegenüber den cultural studies ist die starke
Betonung politischer, sozialer und moralischer Aspekte, mit der er auf die Diskussion der Ethik in den 90er
Jahre zu reagieren scheint. An-knüpfungspunkte sind für ihn Levinás und die
Frankfurter Schule Adornoscher Prägung (Habermas wird erwähnt, aber kaum detailliert
einbezogen). Die Gefahren der ”Kultur” beschreibt Hartman mit Adorno,
allerdings nicht ohne ihn wegen seines Hochkulturbegriffs zu kritisieren.
Einen möglichen Ausweg aus
dem Dilemma paradoxaler Effekte skizziert Hartman im fünften Kapitel des Buches.
Er knüpft an Schillers ästhetischen Erziehung an. Das Motiv des ”beschädigten
Lebens” und der der ästhetischen Moderne unterstellte Wunsch nach ”Ganzheit”
legt schon begrifflich nahe, auf Schillers ”ästhetische Erziehung” einzugehen,
weil hier der Bruch zwischen naiver (ganzheitlicher) und sentimentali-scher
Haltung (der Weberschen Entzauberung der Welt) aufscheint. “Ästhetische
Erziehung” soll die Freiheit auch von der Kultur aufnehmen können und eine
Einbeziehung des Differenten leisten: “Kunst [...] ist unverzichtbar für ein
gewisses Maß an Freiheit von inneren und äußeren Zwängen. Das ästhetische
Empfinden ist nicht nur Voraussetzung für diese Freiheit, sondern bringt uns
auch in den Kontakt mit der physischen Welt, einer Welt also, die wir nicht gemacht
haben, die verlockend sinnlich ist, zugleich aber auch wissenschaftlichen
Analysen offensteht”. Die Zielrichtung dieser Argumentation liegt in einer
Abrüstung von Identitätskonzepten hin zu einem kontemplativeren Leben, das das
Denken des Dinge (genitivus subjectivus und objectivus) leisten soll. Hartman
verarbeitet bei dieser Öffnung für die stumme Sprache der Natur u.a. Benjamin
und Adornos Überlegungen zu Formen des Nichtidentischen.
Der Literatur kommen in
diesem Zusammenhang zwei Aufgaben zu: einerseits kann sie Imagina-tionen von
Ganzheit modulieren (immer voraus-gesetzt, sie sucht nicht nach letzten
Antworten, sondern akzeptiert die Offenheit der Lage – Hartman verwendet einen
stark eingeschränkten Literaturbegriff), andererseits kann sie durch den
imaginativen Überschuss, den sie produziert, die Suche voranbringen.
Insbesondere die englischen Autoren der Romantik dienen Hartman als Modelle für
eine gelungene Reaktion auf den Mangel an Sein.
Hartman zieht in dem Buch
einige der wichtigen Forschungsschwerpunkte seines Lebens zusammen.
Literaturtheorie und literary criticism, den genius loci, Autoren
der englischen Romantik (insbeson-dere Wordsworth). Allein schon aus diesem
Grund und der vielen in der Besprechung unerwähnt gebliebenen Namen und
Stichworte hätte das Buch ein Personen- und Sachverzeichnis verdient. Man hätte
das Buch von hier aus leichter als Vermittlung einiger der wichtigen Themen und
Thesen wieder-lesen können. Man kann es aber auch als eine Momentaufnahme
begreifen: Es hält aus der Sicht der Literaturwissenschaft den Sprung der
Geistes-wissenschaften zu den Kulturwissenschaften über dem Abgrund zunehmender
Spezialisierung und den Unterschieden zwischen den Kulturen fest. Der Euphorie
des Sprungs begegnet Hartman mit der Aufforderung in die historisch
vorfindlichen Klüfte zu blicken. Dies geschieht nicht in destruktiver Absicht,
sondern aus Prinzip: Er fordert dazu auf, die Offenheit der Diskussion und die
Vielheit der Positionen zu bedenken. Seine erste Prämisse kann man Levinás‘
Ethik entnehmen, deren Ansatz sich laut Levinás in einem einzigen
Höflichkeitssatz zusammenfassen lässt: ”Après vous.” Nach Ihnen.
Geoffrey Hartman:
Das beredte Schweigen der Literatur. Über das
Unbehagen an der Kultur. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000. 297 S., 48,- DM. ISBN
3-518-41145-4
Georg SCHERG:
VOM
UNERTRÄGLICHEN UND SEINER ZEIT: Über Traian Pop
Traian und seine Art, Gedichte zu schreiben
"Alles
hat seine Zeit", sagt der Prediger Salomo. Wenn aber der Tag der Nacht
gleich gesetzt ist, wie es die Klausenbürger Studenten der Nachkriegszeit aus
dem Kreis um ihre Zeitschrift "Echinox" (= Äquinoktium) taten,
herrscht bestenfalls Zwielicht. Ob nun, wenn schon beschworene Dämmerung
herrscht, Abend oder Morgen erwartet wird, Eiszeit oder Tauwetter, ist dies
aufs Ganze gesehen den zahlreichen Debüts dieser Nachkriegsjugend bis zum Ende
des Saeculums oft nicht abzulesen. Auch wenn sie sich vermeintlich
"progressistish" gilt. In Wirklichkeit ist sie ungebärdig. Traian Pop
aus dem Kreis Temeschwar aber gibt ohne Vorbehalt als "Rebell" der
achtziger Jahre, als Zorniger, wenn nicht als Rädelsführer unter den
rumänischen Poeten im zunehmenden Wiederstand gegen die Diktatur.
Für
den Landeskundigen ist es schon fast ein Gemeinplatz, dies noch zu erwähnen.
Diesen Widerstand geleistet zu haben, gilt auch nicht als Verdienst.
Äußerstenfalls legitimiert er den Autor als integren Charakter, welche
Schwächen er sonst auch haben mag. Mit anderen Worten: Bei einer Prüfung seines
bisherigen Werkes als Leistung geht es nicht so sehr um das Was wie um das
(poethologische) Wie, um die Unverwechselbarkeit dieser Stimme. Denn wenn auch
manche Wörter aus dem Sprachschatz auf Befehl von oben gestrichen waren, durfte
nach demselben Befehl in den Jahren der Unterdrückung, der Gängelung oder wie
man die Bevormundung heute auch nennen mag, alles gesagt werden: Gerade damit
brüstete sich die Zensur (die es angeblich gar nicht geben sollte).
Aber
es kam auf das Wie an. Darüber war man als schöpferischer Mensch verständigt,
ohne davon sprechen zu müssen. Ein Augenzwinkern genügte, und nur Schwätzer
verloren darüber noch Worte... wenn sie nicht gar Zuträger waren und den
"Behörden" gegenüber den Mund aufrissen. Freilich nicht nur, um sich
wichtig zu machen. Jeder
Umgang mit Menschen besteht auf etwas wie einem Gesellschaftsvertrag. Und der
wiederum auf einem ungeschriebenen beiderseitigen Einverständnis. Auch alle
Kunst gründet sich auf etwas wie eine solche Übereinkunft. Wer als Schreibender
zur Feder greift, geht seinen Lesern gegenüber stillschweigend davon aus und
hofft auf das wechselseitige Einverständnis – auch seiner Rezen-senten. Selbst
ein Verriß stützt sich darauf, wenn auch nur ex negativo. Denn von der – sagen
wir: landläufigen, wenn nicht gar objektiven Erwartung dessen, was ein
(Sprach-) Kunstwerk sein soll, kann die Vorstellung des einzelnen aus vielen
Gründen abweichen. Solche Gründe liegen dann freilich meist im Bereich des
Subjektiven – unerheblich, ob sie dann Vernunft, Geschmack, Unvertrautheit,
mehr-weniger boshafte Mißgunst, ja vielleicht denunziatorische Rachsucht heißen
und mit opportunisch-tendenziösen Unterstellungen arbeiten.Dieser Gefahr ist in
einer Diktatur jeder ausgesetzt. Auch wenn er nur unter vier Augen und hinter
vorgehaltener Hand einen Witz erzählt. Um wie viel mehr also ein geschriebenes
Werk. Und wie nun schreiben davon, "wes das Herz voll ist": von
jederlei Bedrängnis, angesichts von Argwohn und Gefährdung durch jedes Wort,
wenn es mangels gutgesinnter Ufereinkunft so und so oder so verstanden werden kann...
unterm Anschein von Loyalität gar verstanden werden soll!? Wie schreiben
wenn einer Dichter ist und sich im Wort mitteilt, das mit Vernunft allein
erschöpft und nicht irgendwelchen rationalen Zwecken dienstbar gemacht werden
soll? Denn seit es Dichter gibt, sind sie sich im tiefsten doch darin einig:
"Gesang vor Rede, / Dichtung vor Prosa, / Flöte vor Pfeife, / Leier vor
Bogen" (William Golding). Mit dem Recht der Jugend, meinte man
nicht nur zu wissen, nein, wusste sehr genau, was Dichtung, was insbesondere
ein Gedicht ist. Mit demselben Recht hatte man auch alles Alte über Bord
geworfen. Das heißt, alles, was einengte, war alt. Die Staatsgewalt vielleicht
ausgenommen. Denn so genau unterschied man wiederum nicht zwischen Inhalt,
Absicht und Form, wenn – ja, wenn! – man durfte. Und das hatte ja auch seine
Folgen: Man spaltete sich selbst, in Vorbeter und Nachbeter. Oder, um es mit
Goethe zu sagen: "Die Kunst gibt sich selber die Gesetze und gebietet der
Zeit. Der Dilettantismus folgt der Neigung der Zeit." Mit heutigen Worten
für die heutigen formuliert: " ...Das Wort ist Samen. Frücht. Und Blüte...
Die Grenze der Beschreibung. Ich proklamiere. Das Reich der Metapher. Allein
die Poesie ermöglicht noch Kommunikation... " (Carmen Francesca Banciu,
"Ein Land voller Helden", 135). Pech hatte, wer auf Grund
manipulierter Interpretation beim sauren Bier ertappt wurde. Wer jedoch
ungeschoren blieb, übte nicht gleich den Aufstand, hielt sich bedeckt, sowohl
gegen Schwächere als auch gegen ohnehin Verdächtige. Weil man sich selbst aber
auch verdächtig war, überspielte man das mit mehr oder weniger Frechheit der
Aussage in Form oder Formlosigkeit. Davon gabs ja von allen Seiten genug, genug
auch davon zu sagen nach vorbehaltlosem Zuspruch von seinesgleichen, der schon
als Solidarität selbst über die Stränge haut. Was Form, was (Vers-) Maß, was
Zurückhaltung, ja Haltung! Solches Vielerlei allein war schon Fessel – und die
sollte man sich selbst anlegen? Fessel schon vom Material tradierter Poetik her
– aber noch vieles, vieles mehr, kurzum schlechthin alles. Weil man alles
wusste, abgeguckt hatte und zu sagen verstand, so zwar, daß seinesgleichen es
auch Anhieb erfaßte, auch wenn es noch so kryptisch war. Das verband,
verbrüderte auf der Wellenlänge gleicher Emotion, mehr noch als allein durch
die Ratio.
Aber
wehe, wenn beide sich verbündeten oder anfeindeten. Und wenn es
verbündete, war man allein schon damit im Recht. Altüberlieferte Form,
auch wenn sie noch so bewährt war? Wenn das Herz voll war und zornig – weil es
sich hatte spalten müssen? Oder umgekehrt: Wenn es sich spalten mußte, weil es
voll Zorn war (und in Gefahr, sich zu verraten)? Aber wohlgemerkt:
Revoluzzer waren sie nicht. Dazu gab es zu viele gebrannte Kinder – zu denen
sie noch kaum gehörten. Sie waren bloß gewarnt. Kurz: Die Unerträglichkeit der
Bevormundung ertragen zu müssen, der Verdächtigung, Verfolgung, Unterdrückung,
Gefangenschaft, Kerker jeder Art, Hunger und Durst, Zwangsaufhalt, Berufsverbot
– das waren Leiden einer Jugend, die sich unterwarf, ohne sich zu
unterwerfen... – Verstehe das, wer kann.
Unter Anschein der
Gefügigkeit fand sie zum Ausgleich in einer so langwierigen wie ambivalen-term
Dämmerung, die, als Zustand nicht von ungefähr oft beim Namen genant, den
Götzen den Untergang, dem ausharrenden Geist aber Befreiung bringen und zu
seinem unverfälschten Ausdruck verhelfen sollte. Unter dem Gewicht des
Über-drucks schmolzen freilich die festen Formen dahin. Dämmerung verwischt
alle Maße und Grenzen. Schon um die Zeit des ersten Weltkrieges wußte einer aus
der Generation der Expressionisten zu sagen: "... allem Elementarwesen
liegt die sehn-süchtige Todesfurcht vor Maß und Ordnung zugrunde, wie sie auch
der Wohllaut verkörpert" (Franz Werfel). Auch wenn man sich des Vorteils
begibt, der im unbegrenzten Reichtum der Formen liegt: Man übersieht, daß eben
die Form – wenn schon durchbrochen – so doch unendlich modellier-bar,
variierbar (musikalisch gesprochen "figurier-bar") ist und
unerschöpflich neue Ausdrucks-möglichkeiten bietet. Dadurch wächst die Gefahr,
daß die Aussage oder Botschaft einer Eintönigkeit erliegt, die besonders bei
längeren Expektorationen an Integrität, an Intensität, an Sprengkraft verliert.
Mag dann die
Textualität dank (scheinbar) noch soviel Unordnung oder Gedankensprüngen – die
nicht ganz leicht nachzuvollziehen sind-, dank (scheinbar) noch so willkürlich
abgebrochener Zei-len (Versen?) und des stilistischen Enjambements (das aber
nicht metrisch ist!) – mag diese Textualität also noch so vieldeutige, meist
satirische Aussagen enthalten, auch wenn sie vielleicht dank graphischer
Anordnung mehr auf optische als auf auditive Wirkung aus ist! Ob eine an sich
schon provokatori-sche Absicht das in einem Sprachkunstwerk nötig hat, mag
dahingestellt bleiben. Es ist ohnehin genug Bemerkenswertes da, ob
aphoristisch, ob meta-phorisch, lyrisch oder meditativ. Vieles klingt rein
diskursiv polemisch, und zwar so sehr, daß es wie Prosa wirkt. Aber auch wie
Dichtung? Denn ein Vers ist aller Freiheit zum Trotz ein metrisches Gebilde.
Was zwingt uns, Verse zu hören, während das Auge durch versähnliche
Zeilenordnung ge-täuscht wird und die Substanz alles andere ist als das, was
die Poetik "freie Rhythmen" nennt, weil das Maß immer noch
durchschwimmern muß. Denn: Diese Generation meint, den poetischen Rhythmus
entehren zu dürfen (zu können?), der ohnehin längst "ausgewandert"
ist. Und zwar in ein Bereich, das ihn allein in Beschlag genommen und sozusagen
verab-solutiert hat, auch auf Kosten wirklicher Musik: der Tyranney des Schlagzeugs,
ihn also den ge-nießerischen Sinnen, statt dem schöpferischen Geist untertan
macht. (Um nicht vom dionysischer und apollinischer Kunst zu sprechen.)
Ist aber
musikalischer Rhythmus gleich dem poetischen? Dieser vielleicht auch
"Wohlklang" = Euphonie zu nennende Rhythmus ergeht sich auf diesen
Blättern auf der Ebene einer Imago, die ein Hörbild genannt werden dürfte. Es
ist nicht zu leugnen, daß aufs Ganze gesehen in der ab und zu hymnisch
anmutenden Diktion die Bitterkeit von Jeremia den ihren Ausdruck sucht, der
nach biblisch-alttestamentarischer Gepflogenheit Vers genannt wird – obgleich
in dieser Sprache von keinem Metrum die Rede sein kann, wohl aber von lyrischer
Prosa. Freilich unterscheidet sie sich durch ein wesentliches Element etwa von
den Sprüchen Salomonis u.a. Das ist die Ironie, die auch sich selbst und das
eigene Ich nicht verschont.
Im allgemeinen
gewinnen wir den Eindruck von rezitativischer Sprache: eines Parlando, das auch
von weitem an kein Metrum gemahnt, ganz gleich welchen Inhalt sie mitteilt:
"...also
beginne ich denn zugleich zu leugnen
und
einzuräumen
was
manche nicht gesagt
was
manche nicht getan
die
Regeln
die
Abweichungen von der Regel
werden
sich mir gefügig und verschwiegen erweisen
ich
werde nur zu wählen haben... "
(Liebesnacht)
Dies ist der
Springende Punkt und hier wird er beim Namen gennant: "zugleich zu
leugnen und einzuräumen", sich "gefügig und verschwiegen"
zwische Regeln und Abweichungen ergehen – also zwischen Gebot und Verbot.
Das heißt: Alles zu sagen auch das Unerträgliche, das von Machthabern
Verbotene, es aber so zu sagen, daß es ist, als ob nichts
("Böses") und doch mehr, als was da geschrieben steht, gesagt wird –
nämlich die verbotene Warheit. Soweit und soviel, vas die Botschaft
betrifft. Freilich ist diese Botschaft durch die Form, in der sie übermittelt
wird, vermfremdet. Man könnte sagen: Der Leser werde dank der Formalen
Schlitzohrigkeit der Aussage hinters Licht geführt. Und doch ist gerade diese
Form längst legitim und dem verständigen Kenner vertraut. Zweihundert Jahre
nach Jean Paul – Friedrich Richter, dem deutschem Dichter zwischen
Emp-findsamkeit und Romantik, fuhlen wir uns an den von ihm
"Streckvers" = Polymeter erinnert: Sein "elastischer Poet"
Walt, eine der Hauptgestalten des Romans "Flegeljahre" (1804)
erfindet die und ge-fällt sich in dieser Form stark rhythmisierter Prosa, der
aber ein eigentlicher Verscharakter, das gleich-bleibende Metrum fehlt. Unsere
schnellebige Zeit bedient sich noch "expressiverer" stilistischer
Mittel. Dazu gehören Aufzählungen im Telegrammstil, elliptische Sätze ohne
Prädikat, drei- bis vierfach überdrehnte Zeilen (die der "Streckvers"
auch schon vorwegnimmt), Interpunktionslosigkeit, Defini-tionen, Metaphern der
Materialität statt Musikalität, Neologismen und anderes:
"...Bedeutungen
haben längst keine Deckung
außer dem Wunsch vielleicht
dem
widerspenstigen
sie
aufzuzählen..."
"(...
Koeffizienten von Solidarität
mit
der Arbeit der Sternputzer – der Anblick
etwa einer Abenddämmerung -
das
ist ein Schwert mit zwei Schneiden
die auf Drängen des einsamen Schwimmers
geschliffen wurden)
die
Bestandsaufnahme
der
Phrasen ist dieselbe nur
der
zerbrochene Buchstabe blinkt
über
der staunenden Regenbogenhaut des Wortes
(Sein oder Nichtsein auf dem Gipfel
dieser
Vergeblichkeit vergleichbar dem Ozean
der erschauert wenn du beim Durchwühlen
seiner Eingeweide um Hilfe schreist
ob du auch weißt dass keiner dich hört)
(Abgang von der
Bühne)
Ähnlich die Conclusio
oder das Fazit nach einer Folge von an sich unsentimentalen Betrachtungen über
das eigene Verhalten unter bestimmten Um-ständen:
"...
heißt dies
dass
er eines richtigen Gefühls nicht fähig ist – gerade er
der
noch hofft
in
einen einzigen Vers seine ganze Liebe zu fassen"
(Wenn)
Da fällt das
Stichwort "Gefühl" – und es scheint hier als positive Eigenschaft
gewertet, auch wenn es dem Subjekt angeblich abgeht. Darüber hinaus gibt es
also den Wunsch (die Absicht?), einen gültigen Vers fertigzubringen – das
heißt, nach allen Regeln der Kunst. (Aber welche sind gemeint – wenn es nicht
die Abweichung die Regel ist – siehe oben?) Und schon Rilke sagte vor mehr als
zwei Men-schenaltern: " ...Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn
mas sie früh schreibt... Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle
(die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen..." (Malte).
Freilich, Erfahrungen
hat diese Generation genug. Leider meist einseitige, das haben sie Zeitläufe
mit sich gebracht, das Exil eingeschlossen und die Intoleranz hier wie dort:
Denn es gab ja nicht nur das antifaschistische Exil, es gab auch den eisernen
Vorhang und es gibt den Fanatismus jeglicher Fundamentalismen und Couleur.
Obwohl nur wenige wissen oder wissen wollen, was hinter solchen Schranken
vorging und vorgeht. Über solche Erfahrungen kann keiner mitreden, der sie
nicht gemacht hat, aber meint, sie mißachten oder kleinreden zu dürfen. Denn
solche Mißachtung ist selbst wieder Provokation und darf nicht Anlaß zu
Ärgernis geben, wenn die poetische Reaktion ihrerseits brüskiert, weil der
Sprecher verletzt ist.
So führt sich diese
Dichtung in Gefahr, zur polemischen Oratotik zu verflachen oder auch zu
"nostalgieren". Dagegen hilft dann das ironisch-jokose, ans Absurde
grenzende Ingrediens wie, unter anderen, in der Satire "Ragout in der
Steppe". Man möge dem Nachdichter hier die Absicht verzeihend
zugutehalten, daß er diesen im Original zum Hexa-meter gravitierenden Versen
mit dem Metrum ein Gran Ironie zugesetzt hat, um dem (landfremden) Leser durch
den Gegensatz zwischen fester Form und Burleske in der Persiflage des
gesetzlosen Geschehens die Absurdität auch der Lage zu suggerieren. Diese Lage
zwang die Ent-rechteten in der Deportation zur Selbstbewährung, auch wenn einer
sich gegebenenfalls mit dem Teufel verbrüdern mußte. Es ist bei genauem
Hinsehen eine Parodie auf das biblische "Hier laßt uns Hütten baun"
(Matthäus 14,4).
So ist etwa Europa –
späterstens seit dem Kosowo-Krieg – um ein Rätsel reicher. Dies Rätsel lautet:
Was geschieht auf dem Balkan? Oder genauer: Was ist der Balkan? Wer es nicht
versteht, die Zeichnen zu deuten, wird dies Rätsel nie lösen. Das heißt, ein
Landfremder darf nicht seine Maße anlegen. Das heißt: Schon in der Wirklichkeit
sind die Zeichnen anders zu setzen als in der Vor-stellung. Um den
Eindeutigkeit willen gebraucht die Schrift – wenn es darauf ankommt –
Satzzeichen. Wenn abewr solche Satzzeichen fast durchwegs fehlen? Heißt das
dann nicht, daß ein Text zwar so oder so, aber auch so und so
gelesen werden kann (soll) – daß (weil) nichts nur das ist, wofür es sich gibt.
Was etwa sind Schweine, die "der Zucht am Rande amtlicher Aufsicht
enstammen"? Was sind Händler mit "mehr oder weniger ersichtlicher
Herkunft"? Wo sind sie versammelt? Steht nicht auc ein Statist oder ein
Requisit für etwas anderes? Kurz gesagt (und nicht nur im Bilde): Es war
"wie im Krieg, es blühte ein echt paralleler Handel, versicherten
glaubhaft die Alten. Wer hätt wiedersprochen?" Wer ist Käufer, wer
Verkäufer, was echtes Geld? Wer läßt schlachten, wer ist Schlächter, wer die
Staatsgewalt? Wer ist die Verschleppte, wer sind Treiber, wer Vertriebene, wenn
alles austauschbar ist wie Täter und opfer und das Mißtrauen umgeht? (Ragout in
der Steppe).
So widerspricht
simple kausale Logik unter diesen Umständen der nackten Wirklihkeit und
umgekehrt. Das die Kunst sich das zunutze macht, ist nicht nur ihr gutes Recht,
selbst wenn es ihr nicht dann geht – um mit Paul Klee zu sprechen -, Sichtbares
darzustellen, sondern unsichtbares sichtbar zu machen. Es ist vilmehr
unumgänglich,, die "mutatio rerum" beim Wort zu nehmen, die Unordnung
der Welt nach Gesetzen einer höheren Ordnung quasi dingfest zu machen und
Ereignis werden zu lassen. Dahin geht die Bemühung von Traian Pop Traian und
das ist seine erstaunliche dichterische leistung. Nur muß der Leser ihm die
Bereitschaft entgegen-bringen und diesen Weg mit ihm zurücklegen. Er muß die
gewohnten Vorstellungen, seine Erwartun-gen – sich selbst – ändern, einsehen,
das die Welt sich bis zur Unkenntlichkeit geändert hat, die Welt – oder was?
Daß seine vermeintlich unantastbaren Begriffe von regeln und Kunst falsch sind
wie die von Wirklichkeit und Wahrheit. Denn, um mit Brecht zu reden: "die
Verhältnisse, die sind nicht so". Und die Verhältnisse, in denen nichts
mehr zu einander, weder zu sich selbst noch zum gegenteil stimmt, sind als A
und O jeglicher Einsicht und wahrhaftigen Aussage: erst Recht, wenn sie
poetisch ist und nicht ein X für ein U ausgibt. Da ist dann eine Katze etwa
keine Katze, so wenig wie der Mond noch Mond, und es treten Beziehungen
zwischen den Dingen auf, werden wirksam, und wir begreifen, daß die Welt auch
von der uns abgewandeten Seite gesehen werden kann (muß) und dann erst rund
ist, nach der grundeinfachen, mindestens zweihundert Jahre alten Feststellung
von Matthias Claudius: "So sind wohl manche Sachen, / die wir getrost
belachen, / weil unsere Augen sie nicht sehen".
So ist es denn sehr
die Frage, wie in einer absurden Welt, die als vermeintlich " beste aller
möglichen Welten" schon von Voltaires "Candide" ad absurdum
geführt wurde. Wenn es nach Ion Caraion schon unmöglich ist, die Gattung
Gedicht erschöpfend zu definieren! In einem unverwechsel-baren Gebilde von
besturzender Ironie suggeriert Traian Pop Traian die "Moglichkeit"
des Gedichts und – über die bloße Möglichkeit als Gedicht hinaus – die
Notwendigkeit seiner Vollendung in der Idee. Schon in den Gefängnissen und
Zwangslagern des "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" ging das Wort
eines Wörtes um, das die Häftlinge dann mit grausieger Ironie zur Ermunterung
einander zureifen: "Las die Logik, Kumpel, die hat hier nichts zu
suchen." Anderes gesagt – oder etwa im Bilde eines Schmierenkomödianten zur
Frage erhoben: Wie und "auf welche Art [ist] ein Tablett richtig zu
tragen"? Wird dem Regisseur der Versuch je gelingen, die Dinge ins rechte
Lot zu bringen, ohne sie noch mehr zu verwieren? Wer ist überhaupt dieser
"Regiseur"? Wenn selbst der Stückschreiber ("unaufmerksam, wie
er ist") solche Kerle sich hat einschleichen lassen, ehe sie auch nur
gelernt hätten, "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen",
aber sonst jederlei Unfug stiften! – diese tregikomische Szene steht als
Metapher für die Groteske des gelibten und "erfahrenen" teatrum
mundi , mit Scherz, Satire, Ironie und tiefer Bedeutung. So sind diese
"Texte" eigentlich gegen den Strich zu lesen. Ihre scheinbare
Formlosigkeit suggeriert für den, der Augen hat, hinter die Dinge zu schauen,
und Ohren, tiefer hineinzuhören, bei aller Ungebärdigkeit die Unverletzlichkeit
der poetischen Idee (wenn man bereit ist, auch im platonischen Sinn). Wie alle
Kunst unserer Zeit bedingt sie Einverständnis mit der (stillschweigenden)
Übereinkunft, daß das Schöne, außer gut und wahr, auch das Versprechen von
etwas Höherem sein muß. Dieses Höhere müssen wir beim Lesen in uns finden.
Bereitschaft ist der Schlüssel, Umstände der Entstehung sind Akzi-dentien,
Begegnung kann zu Erfüllung werden – wenns hochkommt zu Selbstfindung:
Offenbarung eines Geheimnisses, hinter denn noch mehr Geheimnisse, auch hinter
möglichen Fratzen, auf unsere Entdeckung warten. Als Bemühung eines
schöpferischen Geistes gegen alle saekulare Zer-störung. Dieser Geist muß
aufbegehren und sich aller (sprachlichen) Mittel bedienen, auch wenn sie in
gewissem Sinn immer einem Konformismus des Nonkonformismus Ausdruck geben.
Sprache an sich ist ein Konformismus, und doch wird ein unverdorbener Kopf sie
in unverkennbarer eigener Weise mehr oder weniger konform gebrauchen. Aber wenn
er ein Dichter ist und auch nur von altbekannten Dingen spricht, wird es sein,
als ob sie noch nie gesagt worden wären, und wir lernen durch ihn sie neu
sehen. Freilich – hat das auch seine Zeit.
September
2000
Lesenswert:
Banciu, Carmen-Francesca: Ein
Land voller Helden, Roman, Ullstein, ISBN 3-89834-003-1, Berlin 2000;
Heinze de Lorenzo, Ursula: Spanische Wand,
Gedichte, Ostwind-Verlag, ISBN 3-928611-08-9, Gernsheim 2000;
Mehrtens, Berndt: Bis ins
Unaussprächli-che, Gedichte und lyrische Experimente, ISBN 3-00-003924-4,
Bremen 1999;
Wieninger, Manfred: Falsches
Spiel mit Marek Miert, Roman, rororo, 22893-9, 2001;
Lorenz
Knauer:
Ich würde gerne noch
einen Film in Rumänien drehen
-
ein Gespräch mit Radu Barbulescu –

Radu Bărbulescu: Sehr
geehrter Herr Knauer, wir möchten zuerst von Ihnen einige biographischen Daten
erfahren.
Lorenz Knauer: Ich bin 1953 in München
gebo-ren, auch wenn ich kein „waschechter“ Münchner bin – meine Mutter ist
halb-Österreicherin und mein Vater ist Hamburger. Aufgewachsen bin ich in
England, in den Vereinigten Staaten und in West-berlin, noch zu Zeiten der
Mauer. 1973 habe ich mein Abitur gemacht, und bin von Berlin weg, weil ich raus
wollte aus dieser eingeschlossenen Stadt, weil ich schon immer ein
reiselustiger Mensch war und in Westberlin zu leben war einfach furchtbar, es
bedeutete immer eingeschlossen zu sein. Wenn man nicht sehr viel Geld hatte kam
man nicht raus, außer zwei-drei Mal im Jahr. 1973 sind meine Eltern nach Amerika
ausgewandert, ganz ausgewandert und ich bin nach München gekommen, bin
eigentlich immer wieder nach München als Ausgangspunkt zurück ge-kommen, aber
dann zwischendurch jahrelang in Frankreich gewesen, in Italien gewesen, ich
habe dort gearbeitet und studiert. Ab 1980 habe ich angefangen, Dokumentarfilme
zu machen.
Radu Bărbulescu: Haben
diese Kindheit und Jugend, die sich im verschiedenen Orten abgespielt hat, eine
Bedeutung gehabt als Sie sich entschieden haben, Dokumentarfilme zu machen?
Lorenz Knauer: Indirekt würde ich sagen
„Ja“. Bewusst nicht, eher unterbewusst, weil ich auf dreizehn Schulen gegangen
bin, dreizehn unter-schiedlichen Schulen in dreizehn unterschiedlichen
Schuljahren. Nicht weil ich so oft aus der Schule geflogen bin! - sondern weil
wir tatsächlich immer wieder ausgezogen sind, wir sind oft nur ein Jahr hier,
ein Jahr da, ein Jahr woanders gewesen. Und das war einerseits sehr schwer,
weil es schwer war irgendwie Fuß zu fassen und ich immer wieder von vorne
an-fangen musste, auf der anderen Seite hat das alles einen großen Vorteil
gehabt, weil ich ge-zwungen war mich immer wieder neu auf die Men-schen
einzustellen, auf die neue Stadt, auf die neue Umgebung, auf neue Sitten, auf
neue Sprachen, und, ich muß ehrlich sagen, im Rückblick bin ich sogar sehr
dankbar dafür, weil es mir eine Flexibilität aufgezwungen hat, die man im
Dokumentarfilm, wenn man gut sein will, einfach braucht. Nicht nur im
Dokumentarfilm, ich glaube, die braucht man im Leben, ganz generell...
Unbewusst hat bestimmt einen Einfluß gehabt, weil ich immer an Menschen
interessiert war. Obwohl ich auch eine starke handwerkliche Begabung habe! Nach
dem Abitur wollte ich Schreiner werden, aber mein Vater, der Professor war,
meinte dass ich wichtige Dinge in der Welt vollbringen musste, und hat mir
verboten Schreiner zu werden und mich
gezwungen Jura zu studieren, was ich überhaupt nicht wollte. Dann habe ich erst
vier Semester Jura studiert, bis ich gemerkt habe dass es für mich ungefähr so
sinnvoll war wie Nuklearphysik. Weil ich keinerlei Bezug dazu hatte. Und danach
habe ich aus reinem Spaß angefangen, Romanistik zu studieren. Es war
gleichzeitig eine gewisse Herausforderung, weil ich gezwungen war, innerhalb
kürzester Zeit Französisch und Italienisch auf Universitätsniveau zu lernen und
ich hatte weder das eine, noch das Andere in der Schule gehabt. Ich musste
innerhalb von zwölf Monaten beide Sprachen mehr oder weniger perfekt lernen und
die Auf-nahmeprüfung für die Universität bestehen. Es war mehr eine Art von
sportlicher Herausforderung, nicht weil ich Literatur studieren wollte, weil ich
Lehrer oder – um Gottes Willen! – ein Universitätsmensch, was noch schlimmer
wäre, werden wollte.
Radu Bărbulescu: Haben
Sie etwas gegen Universitätsleute?!
Lorenz Knauer: Nein, ganz und gar nicht!
Ich habe gar nichts gegen sie, nur dass ich, als Einzel-kind eines
Universitätsprofessors, so überfüttert mit derer einseitiger Leistungsbegriff
bin, Leistungsbild und Wertebegriff für das, was wertvoll im Leben ist oder
nicht, der mich heute noch, muß ich ehrlich sagen, mit Abscheu erfüllt. Weil er
eine Art Men-schenverachtung in sich birgt. Also, in dieser Welt in der ich
aufgewachsen bin zählte nur der Intellekt, da zählte nur die Wissenschaft als
Selbstzweck, da zählte nur der wissenschaftliche Elfenbeinturm. Menschliches,
ja, Menschen, Herzlichkeit, einfache Menschen waren fast wie – ich scheue mich
als Deutsche das Wort in Mund zu nehmen – fast wie Untermenschen, so wurden sie
behandelt. Das war dieses großbürgerliche, elitäre Denken, das hat mich, auf
Deutsch gesagt, angekotzt und kotzt mich heute noch an und deswegen reagiere
ich etwas heftig. Ich habe gegen Universitätsintellektuelle über-haupt nichts,
ich bin nur selbst keiner! Wissen Sie, für mich besteht die Welt nicht nur aus
einer Schie-ne. Wen Sie den Münchner Hauptbahnhof von oben anschauen, sehen
Sie, da ist nicht nur ein Gleis, sondern es gibt hunderte von Gleisen. Und so
ist die Welt für mich. Und das Gleis
auf dem ich groß-geworden bin war eben, meiner Ansicht nach, ein totes Gleis.
Radu Bărbulescu: Dann
sind Sie, nach dem Sie das Romanistikstudium beendet haben, auf den
Dokumentarfilm gekommen?
Lorenz Knauer: Am Ende des
Romanistikstudi-ums?! Zum Entsetzen meiner Familie – ich war sogar in der
Hochbegabtenförderung der Studiumstiftung des Deutschen Volkes, ich war richtig
gut, ich hatte alle Scheine gehabt, ich war eigentlich fertig, es fehlte nur
noch das Diplom – habe ich kurz vor dem Diplom alles hingeworfen und habe
nochmals von vorne angefangen, weil ich gewusst habe: Ich will Filme machen!
Und ich will keinen Tag länger Zeit verlieren, dafür dass ich für meinen
Professor irgendwelche obskure Gedichte aus der Bibliothek rausfische, damit er
sie in einer Arbeit verwenden kann! Ich habe alles hingeschmissen und von vorne
angefangen und ich habe das Filmemachen von der Pike auf gelernt. Das heißt,
ich habe als Aufnahme-mann angefangen, und als Produktionsleiter gear-beitet
und habe Ton und Regie- und Kamera-assistenz und schließlich Regie gelernt.
Radu Bărbulescu: Wo
haben Sie das alles ge-lernt? In München?
Lorenz Knauer: Ja, in München. Ich habe
da-mals hier studiert, ich war gerade in München und ich habe mich irgendwann
beim Bayerischen Rundfunk für Volontariat beworben und obwohl ich keines der
Kriterien erfüllte, die sie eigentlich wollten, haben sie mich mit ein paar
anderen aus sechs-hundert Bewerbern ausgewählt und das war also mein Start beim
Bayerischen Rundfunk. Dann habe ich die ersten sieben Jahre ausschließlich
Kurzfilme gemacht. Ich wusste immer, von dem Tag an wo mir das große Licht
aufgegangen ist, dass ich große Dokumentarfilme machen will, aber bis dahin war
es ein weiter Weg. Und ich habe jahrelang für die Abendschau, für den
Bayernreport, Zeitspiegel, Europa nebenan, gearbeitet, was ein sehr, sehr gutes
Training war, weil Kurzfilme zu tun schwieriger ist als lange Filme zu drehen.
Was ich noch dazu sagen möchte ist, dass ich heute noch denke, und froh
bin, dass ich Litera-turwissenschaft studiert habe. Das war ein ganz tolles
Training für den Beruf des Dokumentarfilmers. Weil mich zum Beispiel der
Strukturalismus in-teressiert hat, die Strukturalitätsanalyse, wo wir manchmal
völlig abstrakte Texte bekamen und manchmal unter Zeitdruck analysieren mussten
und versuchten dahinter zu kommen, was sich der Autor dabei gedacht hat. Es hat
mir unheimlich Spaß gemacht und es hilft mir heute noch. Wenn ich irgendein
Thema kriege, ganz egal was - ich mußte
z. B. vor paar Jahren für den ZDF einem Film über katholische Pristerinnen in
den USA drehen, wo ich eine so kritische Einstellung gegenüber der Katholi-sche
Kirche habe! – hilft mir dieses Handwerkszeug unheimlich viel. In dem Sinne ist
aufällig wie dieses Literaturstudium und die Auseinandersetzung mit der
Literatur mir in meinem beruflichen Alltag als Filme-macher von Nutzen ist.
Radu Bărbulescu: Anfang des
Jahres wurde vom Bayerischen Rundfunk
eine Dokumentarserie über die Donau ausgestrahlt. Sie haben zwei
Fluß-abschnitte gefilmt: die Deutsche Donau bis Passau...
Lorenz Knauer: Die Bayerische Donau, von
Donauried bis Passau...
Radu
Bărbulescu: Und dann...
Lorenz Knauer: Vom Eisernen Tor, von Turnu
Severin bis Galatz...
Radu Bărbulescu: Ich
verstehe schon, warum Sie den Film über den bayerischen Teil der Donau gemacht
haben, Sie haben doch die Vorkenntnisse, aber wie kamen Sie zu der Idee auch
den Film über den Donauabschnitt von der Eisernen Tor bis Galatz zu drehen?
Lorenz Knauer: Das darf ich eigentlich gar
nicht sagen. Aber ich erzähle es Ihnen und sie dürfen es ruhig verwerten, weil
es eigentlich erschütternd ist. Ich wurde im September 1989 von dem für die
Serie zuständigen Redakteur zu einem Gespräch einge-laden, wo er mir zwei Filme
angeboten hat. Der erste war der bayerische Abschnitt, wo er sagte, er wollte
mir ihn anbieten, weil er wusste, dass ich eine etwas andere Art von
Dokumentarfilm mache, und dass ich vielleicht einem frischeren Blick darüber
habe, weil über das Gebiet in den letzten 30 Jahren vom Ba-yerischen Fernsehen
schon so oft Dokumentarfilme gemacht wurden, und dann sollte ich eigentlich den
jugoslawischen Teil filmen. Dann kam der Krieg dazwischen und eine zeitlang sah
es so aus als ob der Teil gar nicht mehr gefilmt wurde. Und jetzt kommt
eigentlich das Absurde. Bei dieses Gespräch wurde gesagt: „Es wird eine sechsteilige
Serie. Der fünfte Teil endet am Eisernen Tor, und der sechste Film wird über
das Delta sein.“ Und da habe ich gesagt: „Ja, aber da fehlen uns 800 Kilometer!
Es ist immerhin eine Serie über einen Fluß der fast deri-tausend Kilometer lang
ist, da kann man nicht einfach ein Viertel weglassen!“ Und dann sagte der
Redakteur
zu mir: „Ja, da wissen wir aber nichts darüber!“ Nach dem Motto: „Wen
interessiert das schon!?“ Ich sagte dann: „Aber da machen wir uns lächerlich.
Man kann nicht sechs Teile machen und fast ein Drittel einfach weglassen! Dafür
recherchiert man doch, man fährt hin, man schaut sich alles an.“ Und ich habe
gesagt: „Schau mal, ob wir mehr Geld bekommen können und wir machen auch den
siebten Teil!“ Dann habe ich mich dafür eingesetzt, er ging zur Chef, das Geld
war da und wir haben den siebten Teil, über Rumänien und Bulgarien gemacht.
Darüber bin ich sehr froh, da der jugoslawischen Teil mich von Anfang an nicht
so gereizt hat, weil ich zu dem serbo-kroatischen nicht so einen Zugang habe,
und da ich Romanistik studiert habe hat mich Ru-mänien immer schon
interessiert, und auch Bulga-rien hat mich irgendwie mehr gereizt. Es hat mich
auch gereizt weil ich überhaupt nichts über die Länder wusste und weil ich, wie
vorhin schon gesagt, als Kind des Kalten Krieges die Gelegenheit toll fand,
endlich mal einen eigenen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen, der in
meinem Kopf immer noch da war. Jetzt löst er sich allmählich auf, aber bis vor
vier-fünf Jahren war er immer noch da.
Radu Bărbulescu: Sie
haben einige Schwierig-keiten erwähnt, die bei der Entstehung dieser
Doku-mentarserie aufgetreten sind: Welche sind eigentlich die Schwierigkeiten,
die man in Deutschland heutzu-tage hat, wenn man einen größeres Dokumentarfilm
machen will? Wie finanziert man so einen Film? Gibt es öffentliches Geld dafür?
Lorenz Knauer: Gibt es auch, bloß ist es
so - ich sag’ nur ein Wort - fast wie eine Mafia. An die staatlichen Gelder
also, die Filmförderung für
Doku-mentarfilme zu kommen ist extrem schwierig. Man muß die richtigen Leute
kennen, man muß auf die richtigen Parties gehen, man muß die richtigen
Beziehungen haben... Wissen Sie, ich bin nicht der Mensch der gerne in Kantinen
rumsitzt, auf Parties, ich finde, dazu ist das Leben zu kurz. Dadurch ist meine
Lauf-bahn bestimmt schwieriger gewesen: ich habe immer versucht, alles aufgrund
der Qualität meiner Arbeit zu erreichen. Ich habe auch einen gewissen Stolz,
muß ich sagen, dass ich in den zwanzig Jahren die ich jetzt Filme mache, noch
nie einen Film abgeliefert habe wo ich das Gefühl gehabt habe, „da kann ich
nicht hundert Prozent dahinter stehen“.
Also, um zu der Frage zurückzukommen, es ist sehr schwierig
Dokumentarfilme zu machen, und zwar dann wenn man einen Qualitätsanspruch hat,
der hoch ist. Und den habe ich. Es ist aus zwei Gründen sehr, sehr schwierig:
Erstens, ist durch die Einführung des Privat-fernsehens in Deutschland,
das öffentlich-rechtliche Fernsehen, auf Deutsch gesagt, weitgehend den Bach
runtergegangen. Statt dass es sich auf seine Qualitäten konzentriert und
be-sonnen hat, hat es versucht den schlechten
Privatsendern Konkurrenz

Fischerboote
an der rumänischen Ostrov-Insel
unter der
Gürtellinie zu machen, haben Millionen darin investiert, ist kläglich
gescheitert und das Geld, das für den Dokumentarfilm da war, ist immer weniger
geworden.
Zweitens, sind die Sendeplätze immer schlechter geworden da die
verantwortlichen Programmmacher immer schlechter werden. Die setzen, wenn man
früher einen 20.15 Uhr Sendeplatz für eine Doku-mentation hatte, diese auf
21.00 Uhr, dann auf 22.15 Uhr. Und wenn ein Film um 22.15 Uhr anfängt, dann
haben Sie automatisch, wenn es unter der Woche ist, einen Publikumsschwund,
weil die Leute früh auf-stehen müssen. Dann wird gesagt: „Ja, die Quoten sind
so schlecht...“ und mit der Begründung wird der Sendeplatz noch später gelegt,
dass heißt, dass eine hochwertige Dokumentation erst nach Mitternacht laufen
wird! Und dann hat man eine Quote von nur 0,2 oder 0,3%! Es ist ein
Teufelskreis, der eigentlich 1984 in Gang gesetzt worden ist. So erzeugt man
die Argumente, die man hören will und hinterher ver-wendet. Und das ist ein
Trauerspiel und es gibt leider in Deutschland nur noch sehr, sehr wenige
Einzel-personen, Redakteure an verantwortlicher Stelle, wie Beispielsweise
Volker Hartmann, vom Bayerischen Rundfunk, der verantwortlich für diese
Donaureihe war, oder Karl Strobl, vom Bayerischen Rundfunk, verantwortlich für
„Zwischen Spessart und Karwen-del“, die begriffen haben, dass Qualität Geld
kostet, was aber vom Zuschauer honoriert wird.
Radu Bărbulescu: Wie
hoch waren die Quoten bei der Donaureihe?
Lorenz Knauer: Die waren durchgehend
phan-tastisch. Im Schnitt 5% über den normalen Quoten, die normalerweise um die
14-15% vom Marktanteil sind, also aus alle Sendungen, die gleichzeitig im
deutschen Fernsehen laufen. Sie haben also alle Quoten von 18 bis 19,1 %
erreicht, egal welche Folge, was davon zeugt, dass das Publikum ein ganz großes
Interesse hat, dass die Leute so was sehen wollen.
Es gibt leider in Deutschland sehr wenige Plätze die auch finanziell so
ausgestattet sind, dass man diese Qualität auch produzieren kann. Es wird einem
Dokumentaristen sehr schwer gemacht, wenn man versucht, davon zu leben, eine
Familie zu ernähren und Qualität zu produzieren. Die Honorare für
Regi-seure z. B., liegen heute im Schnitt ungefähr dreißig bis teilweise
fünfzig Prozent niedriger als vor fünf-zehn Jahren, und um die gleiche
Qualität zu produ-zieren, um das gleiche zu verdienen, müsste man theoretisch
30% mehr arbeiten! Man kann es nicht, man kann nicht mehr als drei Filme im
Jahr machen. Manche Kollegen machen fünf, sechs, sieben Filme, aber die sehen
dementsprechend aus, oder es wird mit dem Preis der Selbstzerstörung gemacht...
Also, Dokumentarfilm in Deutschland zu machen bedeutet, dass man Liebe
dazu haben muß, dass man sehr, sehr viel Geduld haben muß und man sehr hohe
Ideale haben muß. Und es ist auch mach-bar, ich habe es geschafft, und ich bin
stolz darauf, dass ich bei den Redaktionen für die ich seit Jahren arbeite, als
Unbequemer gelte, weil ich immer forde-re, fordere, fordere, nicht mehr Geld
für mich, weil ich es nicht kriegen würde, sondern Zeit, mehr Zeit um Filme zu
machen, oder bestimmtes Gerät, dass man Dokumentarfilm mit Kinomitteln machen
kann, das ist etwas was die Zuschauer in den Bann zieht, nicht nur langweilige
Bilder über ein interessantes Thema, sondern dass man das mit Spielfilmmitteln
umsetzt. Da habe ich in den letzten Jahren einige Erfolge gehabt: nicht umsonst
haben meine Filme in den letzten sieben-acht Jahren auf internationale
Festi-vals weltweit erste Preise gewonnen, weil sich Qualität einfach auszahlt.
Radu Bărbulescu: Sehr
geehrter Herr Knauer, ich möchte Sie fragen, was Sie im negativen und positiven
Sinn, auf Ihrer Arbeitsreise in Bulgarien und Rumänien am meisten beeindruckt
hat?
Lorenz Knauer: Was mich am meisten
beein-druckt hat? ... Meinen Sie auf menschlicher Ebene oder ...
Radu Bărbulescu: Natürlich
auf menschlicher Ebene...
Lorenz Knauer: Also gut, spontan würde ich
sagen: was mich am meisten beeindruckt hat, in beiden Länder, ohne Unterschied,
war die unge-heuere Liebenswürdigkeit, Offenheit, geradezu Wär-me,
Freundlichkeit, die Bereitschaft uns Auskunft zu geben über die eigenen
Zustände, ohne Zynismus, ohne Bitterkeit, ohne Wut, ohne Haß... Menschen die,
im Schnitt, was weiß ich, fünfzig Mark im Monat verdient haben...
Radu Bărbulescu: Mich haben, in Ihren Film, die zwei
ältere Bulgaren stark beeindruckt...
Lorenz Knauer: Meinen Sie das Ehepaar? Ja,
ganz tolle Leute! Und das ist uns wieder und wieder und wieder passiert. Aber
was mich grundsätzlich sehr, sehr tief beeindruckt hat, war diese Offenheit,
Wärme, Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die in Deutschland
leider nicht sehr verbreitet sind. Wir haben immer wie-der im Team darüber
gesprochen, wie beeindruckend das ist. Und dazu, die Beschei-denheit der
Menschen: wenn man sieht wie in Deutsch-land über alles gejammert wird, daß es
hier geradezu eine Kultur des Jammers gibt, und wenn man überlegt, dass
die Leute dort unten uns Aus-kunft gegeben haben, wenn wir sie gefragt
haben, aber sie haben nicht gejammert, sondern ganz klar, sachlich,
geantwortet. Sie haben gesagt wie schlecht es geht, aber sie haben dabei ihre
Würde behalten. Das hat mich sehr beeindruckt.

Als
Gast in Bulgarien...
Was ich weiter sehr positiv fand, etwas was ich überhaupt nicht erwartet
habe, war, dass die offiziel-len Stellen, wenn es um die Drehgenehmigungen
ging, sehr offen waren. Der Film fängt auf einem Patrouillenboot der
rumänischen Grenzpolizei an, welches auf
Schmugglerjagd war. Da habe ich gedacht: „Hier bekommen wir
Riesenprobleme!“ Und es war sehr komisch, weil technisch gesehen, dieser
Film gar
nicht hätte entstehen können! In Rumänien hatte man uns gesagt: „Sie dürfen aus
gesetzlichen
Gründen das
gegenüberliegende Ufer nicht filmen.“
In
Bulgarien hat man uns dasselbe gesagt. Dann habe ich gefragt: „Wie kann man
dann einen Film über die Donau machen? Soll ich die Kamera in die Luft
halten?!!“ Dann haben sie geantwortet: „Wissen Sie, es ist ihr Problem wie Sie
das machen, wir weisen Sie nur darauf hin.“ Aber, was mich tatsäch-lich
umgeworfen hat, war die völlig unbürokratische, auf beiden Seiten,
Hilfsbereitschaft der Ämter. Die haben alles Mögliche gemacht, was die
Genehmi-gungen betrifft, das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich habe vorher
gedacht, dass es gerade auf der verwaltungstechnischen Ebene noch die
Betonköpfe aus der Stalin-, bzw. kommunistischen Zeit gibt - und das war
überhaupt nicht den Fall! Es war wirklich erstaunlich und sehr, sehr
positiv.
Ich muß Ihnen sagen, wenn Sie mich nach negati-ven Erlebnissen fragen,
klingt es vielleicht komisch, aber wir sind gewarnt worden: „Bulgarien?! Da
wird gestohlen, Sie müssen ein Securitymann dabei ha-ben, Sie müssen jemanden
der mit der Knarre dabei ist, haben!“ Nicht ein einziges Mal – und ich bin acht
Wochen unterwegs gewesen – sind wir in die Nähe einer kritischen Situation
gekommen! Nichts. Es war immer angenehm, entspannt, ich habe meinen Kolle-gen
gesagt, dass es auf jedem italienischen Park-platz gefährlicher sein kann als
an der Donau. Zugegebenermaßen, wir waren immer abseits von den großen
Touristenortschaften, aber trotzdem war es durchwegs positiv. Wir haben auch
daran ge-dacht, dass wir vielleicht Bestechungsgelder bezah-len müssen, aber
wir mussten es kein einziges mal tun, weder in Rumänien noch in Bulgarien. Es
war sehr, sehr angenehm. Und das war die allergrößte Überraschung.
Die einzige Schwierigkeit, die mir jetzt einfällt, war beim rumänischen
Fernsehen. Wir sind nämlich im Archiv gewesen, weil mich der
Donau-Schwarzmeer-kanal interessiert hat und wollte wissen was es vom Material
aus den 70er Jahren des Baus oder sogar aus den 40er-50er Jahren, aus dem
ersten Ab-schnitt, gibt. Es war eine interessante Erfahrung, es hieß zuerst:
„Nein, es gibt gar nichts!“ Und dann fan-den wir zufälliger Weise eine
Cutterin, die damals in der Abteilung gearbeitet hat, die praktisch alle Filme
über den Kanal geschnitten hatte, und sie hat ge-sagt, „Natürlich gibt es ein
Extradossier! Es liegt in eine Sonderarchiv und dieses Dossier können wir bis
Morgen besorgen.“ Es war ein handgeschriebenes Buch, gehörte nicht in das
offizielle Archiv, und drin-nen waren alle Filme und nach einem Tag hatten wir
die entscheidenden Filme mit Ceauşescu, es
war alles da und wir wollten davon einen Ausschnitt ha-ben, eine Minute
ungefähr. Aber sie wollten nämlich vier Tausend Dollar für die eine Minute
haben! Dann habe ich gesagt, „Freunde, Sie haben eine etwas fremde Vorstellung
von dem was auf dem Markt gezahlt wird!“ „Ja, aber das Material ist von
histori-scher Bedeutung!“ Dann musste ich sagen: „Das kann sein, aber dann
verzichten wir gerne...“ Und das war das einzige negative Erlebnis...
Radu Bărbulescu: Mich
haben in Ihrem Film auch die zwei älteren Leute beeindruckt, die am Kanal als
politischen Zwangsarbeitern gearbeitet haben. Wie fanden Sie eigentlich dieses
Werk? Sieht es irgendwie nützlich oder eher nutzlos aus? Wird es benutzt oder...
Lorenz Knauer: Also, ich habe den ganzen Kanal,
auf und ab, auf beiden Seiten, mehrfach be-fahren, ich habe also viel Zeit dort
verbracht. Ich habe auch mit Leute gesprochen, die da leben, die da arbeiten.
Und man sagte mir, an Tagen wo wirk-lich viel los ist, kommen etwa 20 Schiffe
durch, das heißt im Schnitt eins pro Stunde. Es sind vorwiegend Schiffe die von
Konstanza Eisenerz nach Galatz bringen, ansonsten ist den Kanal völlig sinnlos.
Mir kam es wirklich so vor - wenn man dort steht ist es noch viel
eindrucksvoller als wenn man Bilder sieht
-, wenn man diesen Einschnitt durch die Dobrudscha sieht, das er völlig
absurd sei, ein pharaonisches Werk! Es ist außerdem so schmal, dass zwei große
Schiffe nicht einanander vorbei kommen! Das ganze ist grotesk! Und wenn man
dann erfährt, dass über zehn Jahren nicht nur die finanziellen Ressourcen,
sondern auch große Teile der rumänischen Wirt-schaft blockiert waren, weil
sogar aus Siebenbürgen Lastwägen und Personal zum Kanal beordert wur-den,
scheint alles noch absurder. Mir hat er stark an die Berliner Mauer erinnert,
ich bin nun an der Berliner Mauer großgeworden, das war ein ähnlich absurdes
Bauwerk... Und wenn man dann mit
Leu-ten spricht, die dort die besten
Jahre ihres Lebens gelassen haben, und noch froh sind, dass sie überlebt haben,
dann macht das einen schon sehr, sehr nachdenklich... Auch da ist mir
aufgefallen, bei beiden die ich gefragt habe, die Menschlichkeit, die Wärme,
mit welcher sie gesprochen haben. Man könnte meinen, sie würden verbittert,
wütend über die verlorenen Jahre sein, und beide haben mich tief beeindruckt,
weil sie gesagt haben, sie seien letzt-endlich daran gewachsen. Sie haben es
überlebt, sie sind dankbar, dass sie es überlebt haben, jeder auf seine Weise
ist damit fertig worden. Aber man hatte nicht den Eindruck von Verbitterung,
von Haß oder von Wut. Es war eigentlich Trauer darüber, und das empfand ich am
Erschütterndsten, und auch am Negativsten, muß ich sagen, unterm Strich, bei
mei-nem Eindruck über Rumänien, als der Ivan Sabin es in einem Satz gesagt hat,
er hat das Gefühl, dass die ganzen Opfer die sie gebracht haben, umsonst waren,
weil heute die nächste Generation von kom-munistischen Herrschern unter
demokratischem An-strich wieder dran sind. Das war wirklich er-schütternd...
Radu Bărbulescu: Bestimmt...
Aber, ich möchte Sie noch fragen: Würden Sie noch mal einen Doku-mentarfilm
über Rumänien, über die Region drehen?
Lorenz Knauer: Mit großem Vergnügen. Also,
mich hat diese Arbeitsreise auf verschiedenen Ebenen beeindruckt. Ich habe zu
meinen Re-dakteuren gesagt: „Schaut mal, der bayerische Teil, den ich gemacht
habe, es waren 400 Flußkilometer, 45 Minuten; der Rumänien-Bulgarien Teil, sind
800 Flußkilometer und dafür habe ich auch nur 45 Minuten! Das ist unfair, ich
möchte noch einen Film drehen!“ Und ich bräuchte eigentlich mehr Platz. Ich
hatte wunderbare Sachen, wie z. B. die Störfischer von Giurgeni, ich hatte
einen wunderbarer Boots-bauer, der noch die alten Fischerboote baut, ich hatte,
ach, viele Dingen, allein die ganze Geschichte der Balta, für die mir Ovidiu
Dunăreanu auf wun-derbare Weise die Augen geöffnet hat,
da würde ich sehr gern etwas darüber machen. Auch die Ge-schichte von dem
Kanal, denke ich, ist eine Ge-schichte, die erzählt werden sollte bevor es zu spät
ist, bevor die Menschen verschwinden.
Also, ja, ich würde gerne, sehr sehr gerne wieder hinfahren. Nur, es
gibt das Problem, dass wenn ich in Deutschland zu einem Redakteur gehe und ihm
sage „Ich möchte über Rumänien einen Film der-hen!“, da sagt er mir in der
Regel „Ja, haben Sie etwas über die rumänischen Adoptivkinder? Oder über
irgendwas das ans Herz geht, ja? Dann schon. Ansonsten... kein Interesse! Und
an Bulgarien, noch weniger!“
Radu Bărbulescu: Sehr
geehrter Herr Knauer, ich danke Ihnen herzlich für dieses langen Ge-spräch und
wünsche Ihnen, dass Sie alle Ihre schönen Projekte trotz aller
Schwwierigkeiten, auch in die Tat umsetzen können.

Ein
Gruß von Titu, rumänischer Schäfer am Donau-Dreiländereck zwischen Jugoslawien,
Ungarn und Rumänien. Foto: Lorenz Knauer.
Literaturpreis des „Lege Artis“ e. V. 2002
AUSSCHREIBUNG
Wir, der
„Lege Artis“ e. V. – Vererin zur Kunstförderung, initiiren einen Förderpreis,
der alle zwei Jahre in einem anderen Land Ost-europas ausgeschrieben wird. Der
Preis im Jahr 2002 soll an rumänischen Autorinnen und Autoren vergeben werden,
die zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Der Preis ist mit 1.000.—DM
ausgeschrieben.
Im Zentrum
der Ausschreibung für 2002 soll das Motto stehen.
„DIE EINEN STEHEN IM LICHT – UND DIE
ANDEREN?“
Wir
wählten ganz bewusst dieses Motto, da wir der Meinung sind, dass diese Jahre,
die im Zeichen der Jahrtausendwende mit ihren un-glaublichen Bewegungen stehen
und ganze Völker erfasst haben, nicht nur nach politischer, sondern auch nach
literarischer Gestaltung drängen.
Wir sind
interessiert an dokumentarischen, poetischen und lyrischen Arbeiten. Wir
wün-schen uns dramatische Texte und Manuskripte, die sich der Prosa annehmen,
insbesondere der „short story“. Wir bitten aber darum, uns ur-schriftliche
Texte zuzuschicken. Bei größerem Umfang der Manuskripte, die nicht mehr als 30
Seiten Umfang haben sollten, bitten wir ein Exposé beizulegen. Auch ein
Manuskriptaus-schnitt kann viel besagen.
Eine Jury,
der Leipziger Schriftsteller, Lyriker, Romanisten, Germanisten und
Kunstkritiker an-gehören, wird die eingesandten Manuskripte prüfen und
bewerten.
Zum
Empfang des Preises wird der Preisträger unser Gast in Leipzig sein. Der
Literaturpreis des „LEGE ARTIS“ e. V. wird im März 2002, an-lässlich der
Leipziger Buchmesse in der Leipzi-ger Stadtbibliothek, verliehen.
Einsendeschluß
ist der 01.09.2001-06-03
Adresse:
„LEGE ARTIS“ e. V., VEREIN ZUR KUNSTFÖRDERUNG, Adolph-Menzel-Straße 36, 04157
Leipzig, Tel./Fax 0431/9121004 oder Tel. 0341 / 9022 114, eMail:
Joern-F.Schinkel @ t-online. de
* Ansichten über... (Zen)
* Die
Gedichte 1 bis13 wurden aus dem Band "Kreis-förmig
schreitet die Nacht voran". Gedichte. Die Zitrone Verlag 1998, „Tanz in der Kiste“ und „Exil“ aus dem Band "Gegenwartszeit", Gedichte in Prosa, Die Zitrone Verlag 1998, entnommen.
* Aus dem Band „Puncte de sprijin pentru suflet“.