Manfred PIELMEIER

(Herrsching)

 

IM RÜCKSPIEGEL

 

Sein Wagen glitt vorbei an beleuchteten Straßenzeilen, Ampeln und Kreuzungen, vorbei an späten Passanten, leichten Mädchen und Nachtschwärmern. Gelegentlich lächelte er sich aus dem Rückspiegel oder von den Plakaten her zu, die bald links bald rechts vorbeizogen, ihn überlebensgroß darstellend, lächelnd und siegesgewiß. Aus dem Autoradio ertönte leichte Unterhaltungsmusik. Was er kannte, summte oder pfiff er mit, denn er war bestens gelaunt. Die heutige Wahlveranstaltung war zu einem Bombenerfolg geworden.

"Sie haben so eine Art", hatte der hiesige Parteivorsitzende gesagt, "daß wir Ihnen und uns gratulieren können, Sie als Kandidaten aufgestellt zu haben. Glauben Sie mir, ich verstehe etwas von Wahlkämpfen: Ihrem Einzug ins Parlament dürfte nichts mehr im Wege stehen." Und ein Zuhörer, einer von den vielen, die herandrängten, um ihm die Hand zu schütteln, hatte gemeint: "Das haben Sie prima gemacht. Wissen Sie, wenn Sie lächeln, sind Sie unwiderstehlich." Lachen, dachte er, war schon immer meine Stärke. Das hat mir in der Schule viel eingebracht,  gar  nicht  zu  reden  von  den  Erfolgen bei  den  Mädchen  oder  in  meiner Praxis.  Man  soll mir nicht sagen, es gäbe nicht so etwas wie ein gewinnbringendes Lachen. Wieder kam ihm sein Plakat entgegen,  dieses Mal auf einer Litfaßsäule rechts der Fahrbahn. Im Vorbeifahren schien es ihm, als lebe er auf dem Plakat und drehe sich siegesbewusst  lächelnd sich selbst zu. Das beeindruckte ihn. Leitner, dachte er, hatte damals recht, als er sagte: "Mit dem Plakat schaffst Du's. Um dieses Lachen bist Du Deinen Gegnern voraus."

Plötzlich erinnerte er sich jener Fotografin, die die Aufnahmen für dieses Plakat gemacht hatte und ein peinliches Gefühl beschlich ihn. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er sein plakatiertes Lachen dem Trick einer kleinen, hässlichen Fotografin verdankte, die ihn durchschaut hatte.

"Sie wollen sich für ein Plakat aufnehmen lassen, das Ihnen Wähler bringt", hatte sie ihn gefragt und ihn dabei von oben bis  unten gemustert,  was  bei  ihm das peinliche Gefühl ausgelöst hatte, einer Leibesvisitation unterzogen zu werden.

"Ich glaube, das läßt sich machen", sagte sie, sein Gesicht  aufmerksam  betrachtend.   "Es  muß mir nur gelingen,  Ihnen  ein  gewisses Lachen zu entlocken." Und ohne weitere Umschweife hatte sie sich an die Arbeit gemacht. Er hatte damals erlebt, wie schwer es   ist,   auf  Kommando  und zur  Zufriedenheit  eines anderen zu lachen. Immer wieder hatte sie etwas einzuwenden. "Nein, nicht so, das wirkt  zu  hämisch!"  oder  "Das  paßt  nicht  zu Ihnen als  Politiker,   das  läßt  Sie  viel  zu  gutmütig  erscheinen. - Um Gottes willen, nein!  Das entstellt Sie ja ganz,  das  ist  doch  kein  Lachen,  das  ist  ein Grinsen." Schließlich hatte sie gemeint: "So geht's nicht!" Eine kleine Pause des Nachdenkens war entstanden und dann hatte sie ihn ganz plötzlich aufgefordert,  ihr Gesicht  anzusehen.  Mein Gott, wie hässlich sie war. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, und es fiel ihm ein, wie sie ganz unerwartet gesagt  hatte:  "Und  nun  stellen Sie sich vor,  ich hätte zu Ihnen gesagt: Na Süßer, wie ist's mit  uns  beiden?"   Er  mußte  wieder  wie  damals  bei  der  Vorstellung - er und sie - hemmungslos lachen.  Dieses  Lachen  hatte sie aufgenommen und mit großem  Ernst  hinzugefügt:  "So,  jetzt  haben   wir's,  Ihr  Lachen.  Sie  können  es  sich morgen abholen."

So lachte er nun von Anschlagtafeln, Plakatsäulen und Hauswänden, überlegen und mit leichtem Spott für  alle,  die zu  ihm  aufschauten:  ein hintergründiges Lachen,  beschämend und gewinnbringend zugleich. "Eine Insel aus Träumen geboren" aus der Reihe alter Schlager ließ ihn seine peinlichen Gedanken vergessen, während er durch die  spärlich  erleuchtete  Vorstadt fuhr.  Gärten glitten  als dunkle Schatten vorüber und manchmal auch noch eines seiner Plakate.  Bald hatte er den Stadtrand erreicht und fuhr nun der Nacht entgegen.

Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich seitlich vor ihm im Licht der Scheinwerfer zwei Gestalten auftauchten, Anhalter, wie er auf den ersten Blick bemerkte.

Normalerweise nahm er niemand mit. Heute aber war das anders. Er war selten gutgelaunt wegen seines  Erfolges  und  weil  ihn  zu  Hause  eine  Party erwartete, die seine Frau arrangiert hatte. Und da war  noch  etwas.  Etwas,  das  ihn  unwiderstehlich  zu der Anhalterin hinzog und das ihn erschauern ließ.  Er  trat  auf  die  Bremse,  bevor  ihm  noch  klar war, was und warum er das tat.

"Wohin?" fragte er durch das heruntergekurbelte Wagenfenster das Mädchen und ihren Begleiter. Sie  nannten  beide das gleiche Ziel,  eine  nahegelegene Kleinstadt.  Er  fühlte sich dadurch enttäuscht und  fast  versucht  ohne sie weiterzufahren.  Dennoch  ließ er sie einsteigen. Wieder war es das Etwas an diesem Mädchen, das ihn gegen sein anderes Wollen ausspielte.

Das  Brummen  des Motors und die Klänge der Musik  vermischten  sich  mit  den  Worten des  jungen  Mannes  neben  ihm.  Er  nahm  zwar  wahr, was  der sagte,  aber  er  faßte  es  nicht  auf,  weil seine  Gedanken  und  Blicke  abschweiften.  Im Rückspiegel suchte er immer wieder das Gesicht des  Mädchens.  Sie  schien  das  zu  fühlen,  denn auf  einmal  sah auch sie ihn an.  Da  lächelte er ihr zu  und  versuchte  all  das  hineinzulegen,  was dieses   Etwas  bei  ihm  ausgelöst  hatte.   Mal  sehen, dachte er,  wie das ankommt.  Gleichzeitig fühlte er eine  Erregtheit,  die  sich  steigerte,  als  er  zu  bemerken glaubte, daß sie ihm zulächelte. Das ermutigte ihn, das Rückspiegelspiel, wie er es nannte, öfter zu wiederholen, um ihr Lächeln einzufangen. Er  war  so  versunken  darin,  daß  er  erst  an der Helle der Straßenbeleuchtung merkte, daß er den Zielort der beiden erreicht hatte. Er verlangsamte das Tempo und plötzlich kam er sich auch hier überlebensgroß  mit  plakatiertem  Lächeln  entgegen. Er suchte im Rückspiegel das Gesicht des Mädchens und bemerkte,  wie sie sekundenlang das Plakat anstarrte. Jetzt, dachte er, hat sie mich erkannt.  Sie  wird mir,  sie  muß  mir  zulächeln. "Halten Sie", sagte sie unvermittelt, "wir wollen aussteigen." Sie sagte das kurz angebunden. überrascht trat er auf die Bremse. Beide stiegen aus. Dann wandte sie sich ihm durch das vordere Wagenfenster noch einmal zu. Ganz dicht war sie herangetreten und sagte mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung auf das Plakat hin: "Wenn ich den lachen sehe, komme ich mir vergewaltigt vor." Sie sah ihn dabei mit einem so merkwürdigen Blick an,  daß  er sich  durchschaut  und  ausgespielt fühlte, wie damals von der hässlichen Fotografin.

Als er mit Vollgas davonfuhr, waren die beiden schon grußlos verschwunden. Sein plakatiertes Lächeln hatte sich  in  Blitzesschnelle auf  der  Litfaßsäule abgespult  und  tauchte  kurz  noch einmal im  Rückspiegel  auf,  verschwommen  zur  Ausdruckslosigkeit,  bis  es  schließlich  verschwand.