(Herrsching)
Sein Wagen glitt vorbei an beleuchteten Straßenzeilen, Ampeln und Kreuzungen, vorbei an späten Passanten, leichten Mädchen und Nachtschwärmern. Gelegentlich lächelte er sich aus dem Rückspiegel oder von den Plakaten her zu, die bald links bald rechts vorbeizogen, ihn überlebensgroß darstellend, lächelnd und siegesgewiß. Aus dem Autoradio ertönte leichte Unterhaltungsmusik. Was er kannte, summte oder pfiff er mit, denn er war bestens gelaunt. Die heutige Wahlveranstaltung war zu einem Bombenerfolg geworden.
"Sie haben so eine Art", hatte der hiesige Parteivorsitzende gesagt, "daß wir Ihnen und uns gratulieren können, Sie als Kandidaten aufgestellt zu haben. Glauben Sie mir, ich verstehe etwas von Wahlkämpfen: Ihrem Einzug ins Parlament dürfte nichts mehr im Wege stehen." Und ein Zuhörer, einer von den vielen, die herandrängten, um ihm die Hand zu schütteln, hatte gemeint: "Das haben Sie prima gemacht. Wissen Sie, wenn Sie lächeln, sind Sie unwiderstehlich." Lachen, dachte er, war schon immer meine Stärke. Das hat mir in der Schule viel eingebracht, gar nicht zu reden von den Erfolgen bei den Mädchen oder in meiner Praxis. Man soll mir nicht sagen, es gäbe nicht so etwas wie ein gewinnbringendes Lachen. Wieder kam ihm sein Plakat entgegen, dieses Mal auf einer Litfaßsäule rechts der Fahrbahn. Im Vorbeifahren schien es ihm, als lebe er auf dem Plakat und drehe sich siegesbewusst lächelnd sich selbst zu. Das beeindruckte ihn. Leitner, dachte er, hatte damals recht, als er sagte: "Mit dem Plakat schaffst Du's. Um dieses Lachen bist Du Deinen Gegnern voraus."
Plötzlich erinnerte er sich jener Fotografin, die die Aufnahmen für dieses Plakat gemacht hatte und ein peinliches Gefühl beschlich ihn. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er sein plakatiertes Lachen dem Trick einer kleinen, hässlichen Fotografin verdankte, die ihn durchschaut hatte.
"Sie wollen sich für ein Plakat aufnehmen lassen, das Ihnen Wähler bringt", hatte sie ihn gefragt und ihn dabei von oben bis unten gemustert, was bei ihm das peinliche Gefühl ausgelöst hatte, einer Leibesvisitation unterzogen zu werden.
"Ich glaube, das läßt sich machen", sagte sie, sein Gesicht aufmerksam betrachtend. "Es muß mir nur gelingen, Ihnen ein gewisses Lachen zu entlocken." Und ohne weitere Umschweife hatte sie sich an die Arbeit gemacht. Er hatte damals erlebt, wie schwer es ist, auf Kommando und zur Zufriedenheit eines anderen zu lachen. Immer wieder hatte sie etwas einzuwenden. "Nein, nicht so, das wirkt zu hämisch!" oder "Das paßt nicht zu Ihnen als Politiker, das läßt Sie viel zu gutmütig erscheinen. - Um Gottes willen, nein! Das entstellt Sie ja ganz, das ist doch kein Lachen, das ist ein Grinsen." Schließlich hatte sie gemeint: "So geht's nicht!" Eine kleine Pause des Nachdenkens war entstanden und dann hatte sie ihn ganz plötzlich aufgefordert, ihr Gesicht anzusehen. Mein Gott, wie hässlich sie war. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, und es fiel ihm ein, wie sie ganz unerwartet gesagt hatte: "Und nun stellen Sie sich vor, ich hätte zu Ihnen gesagt: Na Süßer, wie ist's mit uns beiden?" Er mußte wieder wie damals bei der Vorstellung - er und sie - hemmungslos lachen. Dieses Lachen hatte sie aufgenommen und mit großem Ernst hinzugefügt: "So, jetzt haben wir's, Ihr Lachen. Sie können es sich morgen abholen."
So lachte er nun von Anschlagtafeln, Plakatsäulen und Hauswänden, überlegen und mit leichtem Spott für alle, die zu ihm aufschauten: ein hintergründiges Lachen, beschämend und gewinnbringend zugleich. "Eine Insel aus Träumen geboren" aus der Reihe alter Schlager ließ ihn seine peinlichen Gedanken vergessen, während er durch die spärlich erleuchtete Vorstadt fuhr. Gärten glitten als dunkle Schatten vorüber und manchmal auch noch eines seiner Plakate. Bald hatte er den Stadtrand erreicht und fuhr nun der Nacht entgegen.
Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich seitlich vor ihm im Licht der Scheinwerfer zwei Gestalten auftauchten, Anhalter, wie er auf den ersten Blick bemerkte.
Normalerweise nahm er niemand mit. Heute aber war das anders. Er war selten gutgelaunt wegen seines Erfolges und weil ihn zu Hause eine Party erwartete, die seine Frau arrangiert hatte. Und da war noch etwas. Etwas, das ihn unwiderstehlich zu der Anhalterin hinzog und das ihn erschauern ließ. Er trat auf die Bremse, bevor ihm noch klar war, was und warum er das tat.
"Wohin?" fragte er durch das heruntergekurbelte Wagenfenster das Mädchen und ihren Begleiter. Sie nannten beide das gleiche Ziel, eine nahegelegene Kleinstadt. Er fühlte sich dadurch enttäuscht und fast versucht ohne sie weiterzufahren. Dennoch ließ er sie einsteigen. Wieder war es das Etwas an diesem Mädchen, das ihn gegen sein anderes Wollen ausspielte.
Das Brummen des Motors und die Klänge der Musik vermischten sich mit den Worten des jungen Mannes neben ihm. Er nahm zwar wahr, was der sagte, aber er faßte es nicht auf, weil seine Gedanken und Blicke abschweiften. Im Rückspiegel suchte er immer wieder das Gesicht des Mädchens. Sie schien das zu fühlen, denn auf einmal sah auch sie ihn an. Da lächelte er ihr zu und versuchte all das hineinzulegen, was dieses Etwas bei ihm ausgelöst hatte. Mal sehen, dachte er, wie das ankommt. Gleichzeitig fühlte er eine Erregtheit, die sich steigerte, als er zu bemerken glaubte, daß sie ihm zulächelte. Das ermutigte ihn, das Rückspiegelspiel, wie er es nannte, öfter zu wiederholen, um ihr Lächeln einzufangen. Er war so versunken darin, daß er erst an der Helle der Straßenbeleuchtung merkte, daß er den Zielort der beiden erreicht hatte. Er verlangsamte das Tempo und plötzlich kam er sich auch hier überlebensgroß mit plakatiertem Lächeln entgegen. Er suchte im Rückspiegel das Gesicht des Mädchens und bemerkte, wie sie sekundenlang das Plakat anstarrte. Jetzt, dachte er, hat sie mich erkannt. Sie wird mir, sie muß mir zulächeln. "Halten Sie", sagte sie unvermittelt, "wir wollen aussteigen." Sie sagte das kurz angebunden. überrascht trat er auf die Bremse. Beide stiegen aus. Dann wandte sie sich ihm durch das vordere Wagenfenster noch einmal zu. Ganz dicht war sie herangetreten und sagte mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung auf das Plakat hin: "Wenn ich den lachen sehe, komme ich mir vergewaltigt vor." Sie sah ihn dabei mit einem so merkwürdigen Blick an, daß er sich durchschaut und ausgespielt fühlte, wie damals von der hässlichen Fotografin.
Als er mit Vollgas davonfuhr, waren die beiden schon grußlos verschwunden. Sein plakatiertes Lächeln hatte sich in Blitzesschnelle auf der Litfaßsäule abgespult und tauchte kurz noch einmal im Rückspiegel auf, verschwommen zur Ausdruckslosigkeit, bis es schließlich verschwand.