Dr. Arkadiy POLONSKIY

(München)

 

GOETHE UND DIE RUSSISCHE ZENSUR

 

Vor Genies steht die ungewöhnliche Aufgabe, rechtzeitig auf die Welt zu kommen. Die Zeitgenossen von Johann Wolfgang von Goethe  bewältigten  im  ganzen ihre Aufgabe. Die Europäer erkannten klar und verstanden den großen philosophischen und romantischen Einfluß der Werke Goethes. Die zweite Hälfte seines Lebens wurde von vielen Verehrern  mit  Achtung  erwähnt.  Als der französische Kaiser nach Deutschland eindrang, hielt  er es für notwendig, den großen deutschen  Dichter  zu empfangen. (Sein ganzes ihm gebliebenes Leben lang schämte sich Goethe wegen seines  Besuch bei Napoleon, für den die Ideale der Revolution nur ein Trampolin zur Macht waren).  Bekannt sind die Reisen nach Weimar der russischen Schriftsteller P. Wjasemski, A. Turgenew, Küchelbecker und vieler anderer. Goethe war einer der Literaten an der Grenze des 18. zum 19. Jahrhundert, der am meisten in die russische Sprache übersetzt wurde. Goethe wußte es, aber er wußte  nicht, daß seine Werke eine scharfe Kritik der russischen Zensur hervorriefen. Der Konservatismus und die Willkür der Moralhüter "in der Einstellung verschiedener Unbequemlichkeiten, die bei freiem unbegrenzten  Buchdruck vorkommen"  wurden  gesetzlich  durch den Erlaß von Zar Paul I. am 16. September 1796 sanktioniert. Der Despotismus der Bürokraten aus der Zensur wurde nur von ihrem Verstand und ihrer Erziehung begrenzt.  Drei Jahre nach dem  Zarenerlaß  verbot der Zensor Fjodor Timkowski die Verbreitung  von  552  aus  639  Büchern, für welche die diesbezügliche Erlaubnis  beantragt  worden war!  Unter den mißbilligten Büchern zum Lesen befand sich auch das Buch "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796) von Goethe. Weswegen war denn der deutsche Dichter für Herrn Timkowski unerwünscht?  "In diesem Buch gibt es folgendes Bedenken:  auf  S. 21 und 22 ist eine Sammlung komischer und satirischer Puppen gegeben, die den Zar Saul, Iophan, den  Propheten  Samuel,  David und andere darstellen".

Der Zensor zitiert den Text des Autors: "Wer verbietet dir, wenn du in einer Umarmung des Einen bist, an einen anderen zu denken?"  und  belehrt  moralisch,  "das scheint unanständig und verführerisch  auf  die  Jungfrauen und Frauen zu wirken". Obwohl dies für männliche Personen nicht verboten ist.  "Auf  S.141 und 142 gibt  es unanständige Erzählungen über die Zarenwürde".

 

Über 30 Bedenkgründe schrieb der Feindschaftssucher  auf.  Auch den  Reinicke  Fuchs  hat  er  verboten.  Herr  Timkowski  war  unzufrieden,  "weil die Bäsewichte oft  über das Gerechte triumphieren, weil sie oft schlau und verlogen sind und die Gerechten nur ehrlich und fleißig sind. Auf Seite 142 scheint die Berufung des heiligen Geistes als Fuchs nicht gerade richtig zu sein.  Auf  S. 219  ist ein leichtsinniges Gespräch über den Treueid. Auf S. 283 ist eine verborgene Satire auf die Selbstherrschaft   der   Regierung.  Die Seiten 301 bis 304 bringen eine Satire auf die Verwaltung und Tätigkeit des römischen Papstes".

Der sowjetische "GlawLit" (Der Hauptlitverlag) war ein würdiger Nachfolger der  Zarenzensur. Nach einigen  Auszügen  kann  man  nicht  sofort  das  18. vom  20. Jahrhundert unterscheiden. Einer besonders starken Kritik unterlag "Faust". Die erste volle Übehrsetzung wurde vom Dichter Eduard Guber  übersetzt und im Jahre 1835 zur Veröffentlichung vorgeschlagen. Eduard Iwanowitschs vieljährige Arbeit wurde von der Zensur völlig abgelehnt, und der verstimmte Übersetzer vernichtete im Zorn sein Manuskript. Eine große Rolle in der Herausgabe von Goethes Werken in russischer Sprache  spielte  Puschkin.  Auf sein Drängen und unter seiner Aufsicht  begann Guber die Übehrsetzung von neuem und Ende 1838  wurde  "Faust" endlich veröffentlicht: mit 40  Änderungen! Den Lesern blieben  der  "Prolog  im  Himmel" aus dem ersten Teil der Tragödie und der ganze zweite Teil unbekannt. Die nächste  Ausgabe  der  Übehrsetzung von Guber war auch lange nicht vollständig und wurde im Jahre 1859 veröffentlicht. Doch diese Ausgabe schlug eine Bresche durch die Zensur auch für andere Übehrsetzungen von "Faust".  Der Petersburger Herausgeber A. F. Marx beabsichtigte im Jahre 1888 "Faust"  mit Illustrationen deutscher Maler herauszugeben.  Das  Zensurkomitee erlaubte nur 1550 Exemplare  zum  Preis  von  30 Rubel zu verlegen.  Aber nur sehr wenige   konnten   dieses   teuere  Buch kaufen. Mit  großen Schwierigkeiten hatte die  Aufführung  von  "Faust"  auch in der Theaterinszenierung zu rechnen, z. .B. äußerte der Hauptpresseverwaltungschef  E. Feoktistow vorsichtig folgende  Meinung:  "Im  großen und ganzen, nicht  ausführlich über die  Untauglichkeit  solcher Art  philosophischer Werke zur Vorstellung für jegliches Publikum gesagt, finde ich noch, daß verschiedene ärtliche Bedingungen im  zweiten Teil von  „Faust“  ungeeignet für die Bühne sind".  Der  Zensor  hat  sogar Angst, dem Papier anzuvertrauen,  in welcher Weise   das Werk Goethes so gefährlich ist. In seinen Schlussfolgerungen sind fast immer nur angedeutete Gedanken,  oft  gebraucht  er  doppelsinnige Worte wie "unbequem", die aus dem Erlaß entliehen sind. Und weiter ist Feoktistow auch sehr unverletzbar und gewandt: "All  die  Stellen  im Drama,  in  denen  der  anonyme  Kaiser  erscheint  (obwohl auch ein rein deutscher)  können beim Publikum  unangenehme Demonstrationen  hervorrufen.  Die  Szene des  Maskarades, die mit dem Feuerwerk schließt, welche die französische  Revolution  schildern  soll,  ist  meiner  Meinung nach  auch  unbequem". Im Gutachten des Augenzeugen   ist das Angstgefühl zu erkennen.  Aber der Zensurchef  befürchtete  doch  nicht die blutigen Nihilisten-Terroristen...

 "Faust"  befriedigt  Herrn Feoktistow aber gar  nicht: "Der Kaiser wendet sich an die Zauberei, an die dunkle Kraft, um die Untertanen zu besiegen. Und  das  ist auch für die Bühne nicht   geeignet. Die Szene der Ausgabe des Papiergeldes als Folge der Mephistohetze   ist   überhaupt  nicht für das wenig gebildete Publikum".   Diese  Szene,  Herr Feoktistow, ist noch gefährlicher für das gebildete Publikum, um so mehr, weil doch das wenig gebildete Publikum solche Vorstellungen  nicht  besucht.  Ich  kann  die Szene hervorheben,  wo das Verfahren der Schöpfung des  Menschen in einer Retorte  auf  chemische  Art und Weise gezeigt wird. Natürlich ist  die  alte  Methode  sicherer, aber auch den  Progreß  kann  man  nicht  verbieten!  Geben wir  dem  feinfühligen  Ordnungshüter das Gebührende: "Einzelne Stellen  mit  rote  Tinte  auszustreichen  ist,  meine  ich,  unangenehm.  Das  Schaffen  Goethes  ist so weit bekannt, daß ein solches Ausstreichen  beim Publikum eine größere Beachtung  erweckt,  als diese Stellen in Wirklichkeit verdienen". Und  so  ist  es  eben  und  wer   hat  denn  solche unbequemen Demonstrationen  nötig?

 

Mit "Egmont" war es einfacher. Eine gewaltsame Korrektur jeder Zeile  wurde  nicht  durchgeführt. In "Egmont" gibt es keinen Zweifeln,  wie  bei  "Faust"  in  den unsterblichen Seele, das der religiäsen Erziehung des russischen Lesers  nur  Schaden  bringen Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit der Niederländer und erschüttert  die  politische  Basis der Gesellschaft. "Egmont" wurde sofort und völlig ganz verboten. Das Sankt-Petersburger Zensurkomitee bestimmte im Jahre 1806 kompromisslos:  "...Im Theaterstück gibt es viele Diskussionen über die Rechte der Monarchen in Bezug auf ihre Staatsangehörige und der Inhalt dieser Diskussionen besteht in der Empärung der Niederländer, die anstatt den Zuschauen Gehorsamkeit zur Regierung   einzufläsen,  können bei ihnen schädliche Gefühle hervorrufen".  Das  Verbot wurde mehrfach  bestätigt.  Im  Jahre 1832 half schon nicht mehr die nächstfolgende Fürsprache Puschkins.  Der Zensor Semjonow erkannte die große literarische Bedeutung von Goethes Werk  und mußte es aber doch verbieten "...weil doch in dieser Tragödie in grellen Farben die Empärung der Niederländer gegen die  Macht des Spanischen  Känigs dargestellt  ist".  Und weiter mit  Schmerz: "Irgend welche bedeutende  Änderungen in diesem Werk zu machen fand das Komitee unberechtigt, weil das Werk  zur   klassischen   Literatur  gehört". Ein Prachtkerl ist dieser Zensor Semjonow!

Den nachfolgenden Versuch, "Egmont" im Jahre 1860 zu veröffentlichen, wurde vom Minister des Kaiserhofes Graf W. F. Adlerberg streng verboten. (Dieser Adelberg ist unter anderem der Schwiegervater von Amalia Adelberg der geborenen Gräfin Lerchenfeld, die Empfängerin des Gedichts von Tjutschew "Ich erinnere mich an die goldene Zeit"). Im Jahre 1883 wurde das Theaterstück endlich zur Aufführung erlaubt, aber Anfang des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1901, wurde es wieder verboten. Wie stark muß die Einwirkung der emotionellen Kraft der Begabung sein, damit die begeisterten Freiheitsideen eine so massierte Abfuhr des Zarismus bekamen!

 

Auszüge aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796), aus "Faust" (1806) "Egmont" (1787) erkannte der russische Leser aus den Übehrsetzungen von F. l. Tjutschew, der ein Verehrer der philosophischen Poesie Goethes war, durch dessen Schaffen der russische Dichter die deutsche Geistigkeit wahrnahm. Im Jahre 1858 wird Tjutschew das Sankt-Petersburger Komitee für Zensur der fremdsprachlichen  Literatur leiten, in dem die berühmten Schriftsteller A. K. Maikow, A. W. Nikitenko, l. A. Gontscharow, J. P. Polonski  mitarbeiten.  Das wird das liberalste Zensurkomitee Russlands sein.

 

Am 22. 3. 1832 starb Goethe in Weimar. In größter Trauer darüber widmete Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, der damals in München lebte, zum Andenken an das Genie der deutsche Kultur seinen folgenden

 

            Abschied:

 

Am Baum der Menschheit, seinem  höchsten Stamme,

Warst du das schönste, beste Blatt.

Dich hat gezeugt der Sonne reinste Flamme,

Ernährt des Baumes reinster Saft.

 

Du schwangst auf ihm - mit seinem großen Herzen

Mehr als die andern stets in Harmonie,

Du konntest mit dem Zephir scherzen,

Sprachst mit den Stürmen Prophetie.

 

Vom angestammten Ast riß dich kein Schauer,

Kein wilder Herbstwind und kein Wirbeltanz.

Edler als viele und von länger Dauer,

Fielst du von selbst ab Ð wie aus einem Kranz.

 

 

 

Übertragen von Siegfried von Nostitz (1992).