(München)
Es gluckert die fröhliche Gemeinde, vom Sargmacher bis zum Steinmetz: Musikstakkatos, Harmonie: ein profitabler Markt schickt die letzte Tabutheorie unter den Tisch. Die Floristen binden sich die Hände wund. Etwas Nebel in der Luft, ein Dutzend Mistkäfer zur Garnitur: steht vor der Auflösung der Kraftakt der Beherrschung.
Schnöde Dankgebete an die Gesinnungshure: so käuflich wie sie Herz ist: bei Neon, neu gespannte Gesichter: in seiner ganzen Not zeigt sich der Aufstand der materiellen Veränderung gegen die historischen Bedingungen: fernerhin ein Geröll von geistiger Niederlage, nicht ein schuldiger Zuschauer, denn zwei Finger zur Faust. Auch die Freiheit zu stürzen: wo niemand ihn zwingt, aufzustehen, darf er liegen bleiben. Es flaniert der Besen.
Herz genug: seimiger Zungenbelag: in der Nummer werden die Weißwürste gezuzelt, da geht das Radio mit: Oktoberfest im Säbelregiment:
nach jedem Tusch ein Elektroschock, bis auch der letzte Körper resistent ist, zum Hodenquetscher das Prost auf Herrn Ampre, Rettichwurzel zum Dessert: eingesegnet die erlegte Gemse, nachgespült. Aus Tradition gehen die Lichter aus.
So frohe Botschaft: daß die Auseinandersetzung mit Schmerz die Interpretation eigener Not und Notwendigkeit bleibt. Gelitten wird nicht, das Ende kommt schän: unter dem Siegestor, mit kirchlichem Beistand aus der Nähe. Ganz kollektive Unschuld, letzte Warnung.
Und Spucke: Züngeln in der Armkehle: ein tolldreister Küster und andere Versager. Sprache dazu ist sehr beschränkend, sobald keiner mehr armet, wird alles Bühne, ein großer Auftritt: schnell weg weg weggesoffen das Leben. Und selbstredend, sagt der feine Herr (in diesem Bordell der Geschichte), waren Sie heute mein Gast. Ob man noch rauchen mag, ein bißchen daran sterben.
Schon die Luft wirft den Schatten voraus: Satin und Loden, der demütige Kreis: die besten Adressen vergeben, der Intendant ist tot, und der Mundharmonikaspieler verlor seine Hände. Sonst ätherische Bedeutungsschwere : gepuderte Bizeps, schäbig, immer in Zwang, in Trieb, in Flucht: die vägeln offen die Pummerin und heimlich wachsen ihnen Rosen aus dar Männerbrust. Bis ins Alter fürchten sie sich: die Brieftasche umklammert, verlangt der gebißtragende Premierenarsch ein Unbedenklichkeitssiegel.
Fleischige Waden, aber Pailettentutu: nach Liliom durch sämtliche Garderoben gejagt: jeder Bartstoppel beschert ihr einen verzwickten Traum.
Ungetestet: immer repetiert sich Selbsterhaltung wie eine defekte Schallplatte: silberne Löffel klauen, später abschlafen, einen nach dem anderen: und hier und da ein Medikament spendiert.
Ausgeschlafen, entgolten: Verklärungssucht gegen Wille, hächstens träumt es sich: die Ränder des Praters, da fiel einem ein Foto eines burgenländischen Storchpaars aus dem Bauchkorsett. Schön korrepetiert: ein, aus, drin und draus: von der feudalen Hochzeit und dem verrotteten Ringelspiel: zwei Viertel Retrovier, dafür hat die innereuropäische Todesschwadron die Stadtwolken blutig geritten.
Ich würde sie gerne als Gegner haben, sagte einer, das schnürt die Bereitschaft: unter dem Bett lag ein Köter, deutscher Schäferhund.
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Karlheinz BARWASSER: geboren 1950, aufgewachsen im Rheinland, lebt und arbeitet als Schriftsteller in München:
Prosa, Lyrik, Roman, Essay und Kulturkritik. Härspiele und Features für den Rundfunk. Regiearbeit.
Internet: http://members.aol.com/kbarwasser.
Buchveräffentlichungen: Der Schlauch, Berlin, 1980 * Kaputte Sommertage in S., Bielefeld,1981 *
Schwulenhatz-Eine Dokumentation, Bielefeld, 1981 * Doch Zufall ist hier nichts, Köln, 1982 *
Seelenhunger, Münster, 1982 * Schrei deine Worte nicht in den Wind (Hrsg.), Tübingen, 1982 *
Das erste halbe Jahr, Hannover, 1983 * Mauern (Hrsg.), Hannover, 1983 * Nachtwellen (zus. mit Herbert
Schneidewind), Hannover, 1983 * Im Abseits (Hrsg.), Siegen, 1983 * Noch mal davongekommen, Zürich, 1983
Wider die Räuber, Hannover, 1984 * Lovestories (Hrsg. Zus mit Robert Stauffer), Käln, 1986 * Im eigenen Schatten,
Käln, 1986 * 2 Männer (zus. mit Robert Stauffer), Käln, 1987 * Das Ypsilon der verdrehten Achsel, München, 1992 * Richtungen,
München, 1995 * Mütterkorn, München, 1996 * Topographien, München, 1997 * Der Bilderesser, Duisburg, 1998.
Hörspiele und Features: (RIAS; DRS; DeutschlandRadio; Radio 100; Radio Bremen; Süddeutscher Rundfunk; Südwestfunk;
Saarländischer Rundfunk; Westdeutscher Rundfunk; Bayerischer Rundfunk; Hessischer Rundfunk; Österreichischer Rundfunk;
Deutschlandsender-Kultur; Berliner Rundfunk; Radio Aktuell; Mitteldeutscher Rundfunk; Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg;
DT 64; Rock
Radio B).
Literaturkassetten: Astrid Gehlhoff-Claes liest Layrik und Prosa von Karlheinz BARWASSER, Limusin, 1982
*Das bißchen Leben - Schüpbach liest barwasser, D&G, 1983 * Polyglotte - eine Hörverunsicherung (zus.
mit Robert Stauffer), Färtner&Kroemer, 1986.
Herausgeber der multimedialen Literatur CD-ROM Pcetera. Herausgeber von cet Zeitschrift für Literatur etc.
Mehrere literarische Preise und Auszeichnungen, u.a. Arbeitsstipendium für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen,
1986 * Literaturstipendium der Stadt München, 1992 * 2 Förderungspreis Lyrikpreis Meran, 1996 * Erostepost-Literaturpreis,
Salzburg, 1996.