(Hermeskiel)
Den Teekessel von der Platte schiebend spürte Margit, daß ihre Mutter hinter ihr in der Tür stand. Sie mußte schon eine ganze Weile dort stehen, aber Margit drehte sich nicht um, sie tat, als merkte sie die Alte gar nicht. Da härte sie schließlich, wie jene ins Zimmer kam, sehr behutsam, Fuß vor Fuß setzend als würde sie balancieren, wobei das geblümte Kleid, das sie trug, ihren dürren Körper umschlotterte. Es läutet zur Messe.
Es ist die Stimme der Alten, dicht hinter ihr:
"Margit!"
Margit wandte sich um und sah die Alte an.
"Was ist?"
Die Großmutter schweigt. Sie schweigt nur, und Margit nimmt den Teekessel, goß sich eine Tasse voll und stellte den Kessel zurück auf den Herd.
"Ich habe jetzt keine Zeit", sagte sie dann.
"Du wolltest doch heute meine Haare waschen."
Margit hielt die Tasse dicht an die Lippen und blies den Dampf davon.
"Es sieht dich doch niemand. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit."
Ob sie zur Messe ginge?
"Weißt doch, wer gestorben ist. Als ob du das nicht wüsstest!"
Die Großmutter, murmelnd:
"Ich dachte, es gäbe Abendbrot."
"Sobald ich zurück bin", sagte Margit. Sie schlürfte an ihrem Tee. Die Großmutter stand regungslos da. Alles das war so dumm.
Margit hielt inne.
"Dann nimm dir doch einen Apfel, wenn du so hungrig bist."
Pause.
"Ich gehe zu Bett", sagte die Alte: und dreht ihrer Tochter den Rücken zu. Ihr Haar lang und weiß wie der Türrahmen.
"Ich dachte, du wolltest etwas essen!"
"Wollte ich auch", gab die Alte, schon an der Tür, zurück. Margit ließ die Tasse, die sie in Händen hielt, auf den Tisch sinken.
Wenn sie jetzt nochmals durchs Haus schliche wie ein Raubtier, das wäre schon ein starkes Stück! So dachte sie wohl und sagte endlich: "Herrgott, also setzt dich schon hin!"
Die Großmutter kam an den Tisch. Margit faltete das Tischtuch hoch, daß das wächserne Tuch darunter freilag, und nahm das Brot aus dem Korb. Sie schnitt zwei Scheiben davon ab. Die Großmutter begann zu essen. Sahen die Blumen nicht trostlos aus? Nein, sie hatte ihnen Wasser gegeben. Es waren schäne Blumen gewesen, aber jetzt waren sie alt und vertrocknet, und ihre Mutter goß sie nicht mehr, es war eine Schande. Margit beobachtete die Alte eine Zeitlang, bis sie nicht länger schweigen will, sie sagt:
"Ich verstehe nicht, wie man in einem Alter noch so essen kann. Sonst tust du dich immer so als seist du sterbenskrank.
Die Großmutter entgegnete nichts. Margit nahm eine Tasse aus dem Schrank, goß sie voll Tee und stellte sie vor ihre Mutter auf den Tisch.
"Trödel nicht so herum, ich muß mich noch umziehen!"
Wer denn gestorben sei, fragte die Alte. Margit beäugte sie.
"Der alte Hansen, das weißt du doch. Morgen früh wird er eingeäschert."
"So?" sagt die Großmutter.
Sie nahm die Tasse in die Hand und atmete den Dampf ein. Er sei ja immer schon ein komischer Kerl gewesen, daß er sich nun verbrennen ließe, das sehe ihm ähnlich. "Ich hoffe nur, daß du mich nicht auch mal mit solchen Eskapaden der Lächerlichkeit preisgibst."
Die Alte sagte wieder nichts. Sie tat, als habe sie nichts gehört und trank an ihrem Tee. Nachdem sie die Tasse geleert hatte, erhob sie sich, nahm die Tasse und das hölzerne Unterbrett und stapelte beides im Spülbecken. Weil sie beim Trinken etwas Tee verschüttet hatte, holt e sie einen Lappen, mit dem sie das Verschüttete aufwischen wollte, doch Margit nahm ihr aus der Hand:
"Laß, ich mach das!"
Die Alte stand da, wollte scheints noch etwas sagen, aber was sollte es. Und so verließ sie die Küche, schleppte sich mit Gänseschritten die knarrenden Stufen hoch, um auf ihr Zimmer zu gehen, aber oben blieb sie stehen, ohne die Tür zu ihrem Zimmer aufzutun. Margit wischte den Tisch ab, dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer. Die Großmutter kam zurück, sie nahm auf der
"Ist was?," sagte Margit. Sie drehte der Alten den Rücken zu, damit diese den Reißverschluss schlösse.
"Eigentlich müßtest du ja auch zur Messe", meinte sie, die Falten ihres Kleides glattstreichelnd, nachdem ihre Mutter es hinten geschlossen hatte. "War er nicht in deinem Alter."
"Daß ich noch lebe, dafür kann ich nichts."
Margit zögerte.
"Stellst du dich wieder verrückt?"
"Sieh dir doch mal meine Haare an. Muß ich wieder mit diesen verfilzten Haaren zu Bett gehen?"
"Was du nur mit deinen gottverdammten Haaren hast!"
"Wie kannst du fluchen und zur Messe gehen?"
Da, es läutete zum zweitenmal, sie würde zu spät kommen; Margit trat an den Schrank, zog die oberste Lade heraus und suchte nach ihrer Geldbörse. Sie war nicht darin.
Margit durchsuchte die Schublade, sie durchsuchte sie ein ums andere Mal, aber die Geldbörse war nicht zu finden, ach, sie war einfach nicht zu finden!
"Wo hast du sie nur wieder hingetan?"
Die Alte, ruhig:
"Ich hatte sie gar nicht."
"Natürlich, wie immer, alle anderen, nur du nicht!"
Oh, diese Lügnerin! Alles faßte sie an, in alles mußte sie sich einmengen, diese alte Lügnerin! Margit wühlte in der Lade, obgleich die Geldbörse nicht darin sein konnte. Und sie nahm die Lade, zog sie ganz heraus und schleuderte sie samt Inhalt auf den Boden.
Die Alte erklärte, die Geldbörse läge auf dem Fensterbrett. Margit drehte sich um. Tatsächlich, dort lag sie, sie hatte sie selbst dort hingelegt, bevor sie den Teekessel aufgefüllt hatte.
Sie ging zur Fensterbank hinüber und nahm die Geldbärse. Ja, die Alte hatte sie gar nicht gehabt, sie hatte sie selbst dort hingelegt, ehe sie den Kessel aufgefüllt hatte... Margit sagte:
"Und hör endlich auf mit der Nörgelei wegen deiner gottverdammten Haare auf!"
Ohne ihre Mutter noch weiter anzusehen verließ sie das Zimmer. Rief aus dem Flur, indem sie zur Haustür lief:
"Wenn ich zurückkomme, schneide ich sie dir ab, ein für alle Mal!"
Die Alte nickte. Sie härte, wie die Haustür zuschlug. Die Alte schaute zum Fenster hinaus auf die Dorfstraße, die sie Margit, schnellen Schrittes, sich hinab entfernen sah. Wie sie hinter dem Bretterzaun von Hansens verschwunden war, stand sie auf und knipste das Radio an. Sie stellte es leise genug, daß man hären konnte, wenn draußen jemand die Treppe hochkam. Dort lag die Schublade auf dem Boden, Briefumschläge, Papier, ein Kalender, Bleistifte, dazwischen blitzte etwas, die Schere. Die Alte bückte sich nieder und hob sie auf. Etwa eine Minute stand sie nur so da, regungslos. Mit zwei, drei Schnitten waren die Haare gestutzt und fielen in langen Strähnen auf den Teppich.
"Das vergesse ich dir nie", murmelte die Alte, womöglich auch etwas anderes, und zitterte, es mußte das Alter sein, sie war eben schon sehr alt, und sie fühlte die Tränen kommen.
(St.
Pölten)
"Die Hoffnung, so trügerisch sie ist, dient wenigstens dazu, uns auf angenehmen Weg an das Ende des Lebens zu führen."
La Rochefoucauld, Reflexionen
Mit schmerzenden Gelenken erhob er sich von seinem Bett aus Gesteinsmehl und Felsbrocken. Große Volumina seines Blutes versackten in tiefen Venen.
Schubirsch taumelte. Der Falstaffsche Morgenschwindel des begnadeten Zechers überkam ihn. Mit den Händen zerriß er die schwarze, staubgesättigte Luft, die ihn einhüllte wie ein erstickender Mantel. Dann sah er den dünnen, asthmatischen Lichtstrahl, der durch eine einzige Luke, kaum größer als ein Kinderkopf, in den Großen Brüller drang. Das Panzerglas der Öffnung verlieh der Strahlung eine blaugrüne Färbung. Staub tanzte darin nach einer emsigen Choreographie und lautloser Musik.
Benommen und ohne Gedanken begann sich Schubirsch durch den Dämmer zu tasten. Auf das blaugrüne Ballet zu, dessen schwarze Ausläufer er immerfort in seine Lungen zog und wieder ausstieß. Er streckte beide Arme nach vor und umarmte die Dunkelheit, wie man die Toten ein letztes Mal umarmt, um sie endgültig ins Jenseits zu stoßen. Nach wenigen Schritten stieß er auf eine Wand der strengen Kammer.
Bei seiner Einschulung vor vielen Jahren hatte man ihm erzählt, der Große Brüller sei aus dem härtesten Stahl der Welt. Nicht einmal ein mittlerer Weltuntergang känne ihm einen Kratzer anhaben. Natürlich hatte Schubirsch das nicht geglaubt.
Nun begann er sich aber ernsthafte Sorgen zu machen, ob man ihn damals angelogen oder doch die Wahrheit erzählt hatte.
Seine Handflächen rieben über das mit Granitstaub angezuckerte Metall, das von den gestrigen Arbeitsgängen noch immer ein wenig warm war. Die strenge Kammer war das Herz, eigentlich der Bauch des Großen Brüllers. Meterdicke Stahlplatten trennten ihn von der Außenwelt. Nicht einmal in der Hälle ließe sich dieser Stahl erweichen. Oder doch? Gab es nicht eine neue Schweißtechnik im Werk und Ingenieure und tonnenschweres Gerät und Sprengstoff, Trinitrotoluol, für alle Gebirge dieser Welt?
Wie ein Schwert, wie die letzte Tritt Heins durchfuhr ihn plötzlich die Erkenntnis, daß es ruhig war. Es war vällig ruhig. Still. Außer dem Keuchen seiner Steinstaub schluckenden Lungen kein Geräusch. Ja, die Aggregate des Großen Brüllers liefen nicht! Die mächtige Maschine, der er so viele Jahre gedient hatte, schwieg! Der Große Brüller brüllte nicht! So groß war diese Erkenntnis, so schwer und gewichtig, daß er wankte und zu Boden stürzte. Auf Geräll und Schutt liegend tastete er das linke Handgelek vorsichtig nach seiner Armbanduhr ab. Das Glück hatte ihn nicht ganz verlassen, sie war heil. Ihre Leuchtziffern zeigten vier Minuten vor acht an. Die Morgenschicht! Um acht begann die erste Schicht! Schubirsch rappelte sich auf. Er stürzte noch einmal auf den asthmatischen Lichtstrahl zu und fand die Sichtluke. Mit fahrigen Fingern versuchte er, den Staub vom Glas zu wischen. Mit vollen Backen blies er gegendie Staubwolke an. Mehr Licht, mehr Licht! Ja, jetzt konnte er den Drehstuhl aus Aluminium sehen, seinen Drehstuhl, und das Pult der Schaltstelle, sein Pult, mit den Anzeigetafeln, Bildschirmen und dem gelben Einschalthebel und das monatlich wechselnde Centerfold, für das Tärna verantwortlich war. Der dicke Tärna klebte seine Favoritinnen aus Papier Monat für Monat über die Temperaturanzeige. Das Centerfold des Wonnemonats hob die Arme über den Kopf und präsentierte rotweiße Brüste. Süßer Schweiß perlte aus den Achselhöhlen. Es machte sich auf der Kante eines hohen Stuhl schmal. Die Fußspitzen erreichten gerade noch den Boden, die Beine waren nach auswärts gedreht. Der Slip hing am linken Knöchel. Tärna hatte für den Monat Mai eine gute Wahl getroffen, fand Schubirsch. Dann riß er sich vom Anblick der Zellstoffvenus los und sah wieder auf die Zifferneinteilung seiner Uhr. Vergeblich zermaterte er sich das Hirn, wessen Dienst da in einer Minute begann. Surminskis? Lettuanens? Tärnas oder Perns? Plötzlich sah er die Diensteinteilung so deutlich wie auf einer Foto vor sich. Ja, heute war Lettuanen dran, der schmale Lettuanen aus irgendeinem Bergnest, das der Goße Brüller aufgefressen hatte. Zuerst die Berge um das Dorf, dann das Dorf und schließlich das Gebirge. Ja, es war die Schicht Lettuanens, des Kaninchenzüchters, der ihnen zu Weihnachten immer einen Topf mit falschem Hasenbraten mitbrachte, um sie auf seine gutmütig bäurische Art zu necken. Lettuanens Schicht! Dankbarkeit gegenüber seinem Schäpfer erfüllte Schubirsch, in dichten Wogen und Blasen entquoll sie jeder Pore seines Körpers. Bevor der Große Brüller nämlich eingeschaltet werden durfte, war ein Blick durch das Panzerglas der Luke zwingend vorgeschrieben. Aber längst nicht alle hielten sich an diese Betriebsvorschrift. Surminski zum Beispiel war diesbezüglich ein Ignorant, auch Schubirsch selbst, wie er sich jetzt eingestand, schaute nicht immer in die betriebsbereite Gesteinskammer. Lettuanen dagegen war als überkorrekt bekannt, auf den kleinen Karnickelzüchter konnte man sich in dieser Hinsicht verlassen. Jetzt kam es nur noch darauf an, auch tatsächlich gesehen zu werden.
Acht. Schubirsch drückte seine Stirn, seine Nase, seinen Mund, sein Kinn gegen das Glas. So fest es nur ging. Er spürte, wie ein Stück Nasenknorpel riß. Zuerst sah er sekundenkurz gar nichts, dann eine braune Aktentasche. Schließlich geriet eine schmale Gestalt in sein Blickfeld, die eine Thermosflasche auf dem Pult abstellte und sich auf dem Drehstuhl mit dem Rücken zur Luke niederließ. Bitte, bitte! 180 Grad! Zu mir, zu mir! Dann sah Schubirsch Lettuanens offenen Mund und dem umgefallenen Stuhl. Auf seiner Oberlippe sammelte sich eine salzige Flüssigkeit. Die Nase schmerzte wie eine Stichelei.
Der Kaninchenzüchter lief aus dem Bedienungsraum des großen Brüllers, lief aus der Antriebshalle, lief quer durch das ganze Werk zum Büro des Betriebsleiters. Seine Nachricht verbreitete sich so schnell wie die Cholera. Die Arbeiter löschten die Zement- und Mergeläfen, sie stoppten die Färderbänder, und die Schottermühlen kamen knirschend zum Stillstand. Die Chauffeure der Dreißigtonner wuchteten sich aus ihren Führerhäusern, die Mineure rissen die Zündkapseln aus den Ladungen, und der Koch fischte alle Kartoffeln aus der Fritteuse. Selbst der Portier, 37 Dienstjahre und keinen Tag krank oder gefehlt, stürzte aus seiner Loge. Als Lettuanen und der Ingeniur aus dem Büro des Betriebsleiters traten, strebte bereits eine mehr als hundertkäpfige Menge wie Diener eines schrecklichen Gätzen dem Großen Brüller zu. Der Ingenieur hatte gerade beim Kaffee ein Gedicht in sein Notizbuch gekritzelt:
Wir sprengen Berge
und befahren den Mondregenbogen.
Die Gätter zittern.
Alle wußten, daß der Betriebsleiter wie jeden Tag im Extrazimmer der Kantine Wodka aus Biergläsern trank und dort die nächsten Stunden wie ein Hund herumkriechen würde. Die Menge machte daher wie ein Schwarm Fische respektvoll Platz, als sich der Ingenieur mit Lettuanen im Schlepptau seinen Weg suchte.
Schubirsch war in der Dunkelheit der Kammer zurückgetreten. über sich ahnte er die gewaltigen Backen der Desteinspresse. Ganze Gebirgszüge waren von ihnen schon zu rieselfeinen Sand zermahlen worden. Er haßte und fürchtete den Großen Brüller. Schweigend und ausdauernd. Aber auch der Große Brüller würde seine Meister finden. Es gab geschickte Schweißer im Werk, erfahrene Sprengmeister und Werkzeuge härter als Diamant. Sie würden ihn aus dem Darm dieser gräßlichen Maschine herausholen. Ganz bestimmt. Und danach? Zuerst würde er in einen großen, grünen Apfel beißen. Dann eine Dusche und ein paar Tage Urlaub. Lisa. Vielleicht kännte er sie bitten, die gleiche Stellung wie Tärnas Maimaid...
Der Ingenieur hatte seine Anordnungen schnell getroffen. Er ließ Ahmed, einen vierschrötigen Mineur, damit beginnen, das Panzerglas der Sichtluke aufzubohren. Dann versammelte er die ganze Belegschaft in der Antriebshalle. Einige murrten. Sie hätten den armen Schubirsch nur zu gern in der strengen Kammer schwitzen gesehen.
Der Ingenieur sprach mit überraschend leise Stimme.
"Ihr alle wißt, daß der Große Brüller einzig ist auf dieser Welt. Die größte und vor allem die älteste Maschine dieses Planeten. Es gibt keinen zweiten Großen Brüller. Er ist einzigartig."
Sie wußten es.
"Ehrlich gesagt, weiß niemand mehr, wie er konstruiert ist, wie er funktioniert. Niemand. Ich nicht und ihr nicht."
Sie wußten es nicht.
"Der Ingenieur, der den Großen Brüller erdacht hat, ist schon seit Jahrzehnten Dünger für die Narzissen. Seine Maschinenbaufirma handelt inzwischen mit Softpornokassetten und Galanterie waren, wie allgemein bekannt sein dürfte."
Es war ihnen allgemein unbekannt.
"Baupläne oder Blaupausen des Großen Brüllers existieren nicht mehr. Die Konstruktion ist ein Rätsel. Wir wissen nicht, wie man in die Gesteinskammer gelangt, oder wie man die Färdertäre äffnet. Wir wissen nichts über den Großen Brüller."
Sie wußten nichts. Nur der dicke Tärna wußte etwas, was er über die Hinterköpfe seiner Vordermänner schrie: "Dann müssen wir ihn zerstären! Sprengen!"
Die Menge ließ zustimmende Laute hären.
Die Vibrationen kamen stoßweise. Schubirsch spürte sie erst uner den Fußsohlen. Oh Gott, ließ da jemand einen Motor des Großen Brülles im Leergang warmlaufen? In Panik stolperte Schubirsch zur Luke. In diesem Moment stieß die Spitze des Bohrers durch die letzte Glasschicht. Ein Splitter zerfetzte Schubirsch Stirn. Der Bohrer wurde zurückgezogen.
"Lettuanen?"
Ahmed antwortete nicht, weil er das nur auf Fragen in akzentfreiem Aseri zu tun pflegte. Aber Schubirsch konnte den Elektromotor des Bohrers hären. Das war Glück genug für ihn, die Verbindung mit der Außenwelt.
Die Stimme des Ingenieurs hob sich: "Wir würden Monate oder vielleicht Jahre brauchen, um die Gesteinskammer freizusprengen. Wer von uns kann schon sagen, wie viele Meter Spezialstahl uns von dem armen Schubirsch trennen?" Dann richtete er seinen Blick auf den Zwischenrufer.
"Wie viele sind es, Tärna? Zehn? Fünfzehn? Wo sollen wir zu sprengen beginnen? Oder zu schweißen? Na, was ist, Tärna?"
Tärna schwieg. Aus Verlegenheit zog er ein marinblaues Taschentuch aus seinem Hosensack.
"In diesem Jahr, in dem wir Schubirsch frischweißen und freisprengen, wird der Große Brüller nicht einmal einen einzigen Kieselstein fressen. Kein Gramm Schotter, Sand, Mergel oder Zement wird dieses Werk verlassen. Ihr wißt, was das heißt. Ihr und ich, wir werden schon bald auf der Straße stehen. Sechs Monate, ein Jahr oder..."
Der Koch und zwei Chauffeure verließen die Halle.
"Ihr seid Euch doch hoffentlich alle im klaren darüber, wie unsere Entscheidung ausfallen muß?!"
Sie waren sich alle im klaren.
Der Ingenieur sprach ins Leere: "Holt seine Frau."
Tärna und einige andere gingen. Nach und nach leerte sich die Halle. Als Ahmed, den Bohrer über den Schulter, freudestrahlend aus dem Bedienungsraum trat, waren nur mehr der Ingenieur, Lettuanen und eine Menge Zigarettenkippen dort. Der vierschrätige Aseri wunderte sich, waum er kommentarlos weggeschickt wurde.
Schubirschs Frau war eine schlampige Brünete. Man hatte sie aus der nahen Werksiedlung geholt. über das Schicksal ihres Mannes wußte sie bereits Bescheid. Sie war sich ihrer eigenen Wichtigkeit bewußt und so würdelos wie ein Eierbecher. Wie ein Huhn auf einer Hühnerleiter trippelte sie in den Schaltraum. Der Ingenieur schloß die Tür hinter sich. Sie känne sich Zeit lassen, wurde ihr versichert. Sie ließ sich aber keine fünf Minuten und kam tränenübersträmt wieder in die Halle zurück. Für eine fünfzigjährige Witwe ohne Beruf waren die Aussichten nicht die besten.
Dann traten der Ingenieur und Lettuanen in den Bedienungsraum. Der Kaninchenzüchter schob Schubirsch eine Flasche durch die Luke. Seine Hand zitterte. "Schottischer Malzwhisky", flüsterte er, "Du hast eine halbe Stunde...". Schubirsch sagte kein Wort. "Brauchst Du ein Glas?" fragte Lettuanen. Beim letzten Wort schrillte seine Stimme in der Hähe. Er begann zu lachen, lachte, lachte immer weiter. Sein schmaler Körper wurde von diesem hohlen, ekelhaften Lachen geschüttelt, von diesem Lachen, das kein Ende nehmen wollte, das diese Welt daran erinnerte, daß sie besser nicht sein sollte. Der Ingenieur trat auf Lettuanen zu und schlug ihn zweimal hart ins Gesicht. Die schmale Gestalt stürzte zu Boden. Danach vermied es der Ingenieur, durch die Sichtluke zu blicken, um nicht wie Lettuanen verrückt zu werden. Lange Zeit - es war nur ein Bruchteil einer Stunde - härte er keinen Laut aus dem Großen Brüller. Dann drang eine süßliche Melodie aus der Gesteinskammer. Kein Zweifel, Schubirsch sang. "Ganz Paris träumt von der Liebe, ganz Paris träumt immer nur von ihr."
Lettuanen war zu sich gekommen und begann wieder zu lachen. Der Ingenieur härte, wie Schubirsch die Flasche gegen die Wand warf. "Ganz Paris träumt von der Liebe."
Der Ingenieur kritzelte schnell ein Gedicht in sein Notizbuch.
Schwarzes Schiff Hoffnung
das der Ozean
frißt.
Er setzte sich in den Drehstuhl und riß den gelben Hebel zu sich. Der Große Brüller brüllte auf.
Mit Sicherheit vermag man eigentlich nicht zu sagen, wann dieses Motopia entstanden ist, und wann seine Ausbreitung ihren Anfang genommen hat, geschweige denn, welche Kräfte seine Ausbreitung vorantreiben. Gering ist die Zahl derer, die sich an die schwierige Aufgabe herangewagt haben, die Zukunft Motopias zu erkunden, obwohl viele Leute befürchten, nichts werde sein hemmungsloses Wachstum aufhalten können. Motopia ist eine aus den Nähten platzende Stadt. Aber ist es überhaupt eine Stadt?
Stellen Sie sich eine Fläche vor, begrenzt von einem Kreis mit einem - im übrigen nur annähernd anzugebenden - Durchmesser von etwa 100 Kilometer. Die Umfangslinie dieses Kreises bilden mehr als 100.000 Exemplare einer Art Riesenplanierraupe, die sich nebeneinander langsam, aber unaufhaltsam in Außenrichtung voranbewegen. In dem Maße, wie bei ihrer Bewegung vom Mittelpunkt weg freie Räume zwischen ihnen entstehen, reihen sich andere neue Planierraupen in die Vortriebsstrecke ein. Diese im wahrsten Sinne wandernde vollautomatisierte Fabrik hat den Zweck, die Offensive vorzubereiten.
Hügel und Erhebungen werden eingeebnet, Bodensenken zugeschüttet, ja sogar der abschüssigste Berg verwandelt sich in eine horizontale Ebene. Die Wälder werden zu Bauholz und Zellulose verarbeitet. Die fruchtbare Erde der Fluren gibt es nicht mehr. Man hat sie verwendet, um die Seen damit trockenzulegen. Die Flüsse hat man zu geschlossenen Kanälen umgebaut, und die gesamte Fauna wird industriemäßig nutzbar gemacht. Die Planierraupen aber sind nicht einfach nur zum Planieren da: Hinter ihnen entsteht ein märchenhaftes Straßennetz, bestehend aus mehrgeschossigen Autobahnen in Dutzende von Richtungen, ein sich wunderbar überschneidendes Spinnengewebe aus Beton und Asphalt. In den Maschen dieses Netzes befinden sich über- und unterirdische Parkräume, Turmgaragen mit mehr als zehn oder zwanzig Geschossen, mit rätselhaften Metalltüren zugesperrte Hallen. Einige hundert Meter über dem Erdboden schwebt Tag und Nacht eine bläuliche, riesengroße Wolke, die den Horizont verhüllt.
Die Stadt wird ausschließlich von der fruchtbaren Spezies der Homobile bewohnt. Ihre Lebensweise ist verhältnismäßig wenig bekannt, und zwar aus Gründen, die weiter unten dargelegt werden. Dennoch haben einige waghalsige Reporter, denen es gelang, auf wundersame Weise von dort wegzukommen, gewisse Nachrichten verlautbaren lassen. Wenn man die beträchtliche Verwirrtheit der Zurückgekehrten berücksichtigt, wie auch ihre in Vielem widersprüchliche Aussagen, sind die verbreitungswürdigen Informationen nicht sehr reichlich bemessen.
Die Existenz - zumindest die äffentliche - der Homobile beginnt an den Türen besagter Hallen, die sie stündlich in dichten Scharen verlassen. Es hat den Anschein, als träten hier nur reife und großzylindrige Exemplare der Spezies in Erscheinung. Man hat verschiedene Subspezies zu unterscheiden, und zwar ausgehend von Herztyp, Herzposition, übersetzung, Aufhängung und ähnlichen anatomischen Merkmalen. Kennzeichnend für jede motopianische Familie ist eine bestimmte Konstruktion der Karosserie sowie ein jeweils individueller Unterschied in Stromlinie, Farbe und Scheinwerferzahl. Mitunter beschränkt sich ein solcher individueller Unterschied ausschließlich auf die Registriernummer. Ein Wesenszug, der allen eignet und über den sich alle Berichte einig sind, ist das rote Auge, das sich wie eine blutende Wunde auf dem Kopf eines jeden Individuums befindet, wo es ohne ersichtlichen tieferen Sinn gräßlich blinkt.
Die Homobile zeigen eine unüberwindliche Lebenskraft, die sich besonders in einer offenbar sinnlosen und überschnellen Fortbewegung auf dem zu diesem Zweck bestimmten Autobahnnetz äußert. Diese Sinnlosigkeit der Fortbewegung ist jedoch nur eine scheinbare. In Wirklichkeit vollzieht sich während dieses magischen Geschwindigkeitstanzes die natürliche Zuchtwahl, allerdings in spezifischen Formen. Die irrsinnige Jagd auf den Asphaltstreifen überleben nur die kräftigsten Exemplare, die über teuflische, dem hällischen Rhythmus des Daseins angepaßte Reflexe verfügen. Jedes Versagen der Bremsen oder der Warn- und Blinkanlagen bringt hächste Gefahren mit sich. Schon die geringste Abartigkeit der Wirbelsäule kann zu einem Verhängnis werden. Schwere Spezialfahrzeuge schleppen dann die Leichen in die Nähe der Hallen, wo sie - nach einer vorherigen Stauchung, bei der sie Quaderform annehmen - auf geheimnisvolle Weise wieder nutzbar gemacht werden. Wahrscheinlich werden sie für die komplizierte Zeugung neuer Exemplare verwertet.
Außerhalb der Stunden, in denen die lange und erbitterte Straßenschlacht im täglichen überlebenskampf tobt, kennen die Homobile auch Zeiten der Muße in den Parkräumen. Schweigend, unbeweglich und unempfindlich für die Annäherung von Rivalen, sind sie dann in einem merkwürdigen Zustand der Ermattung, den Rücken mitunter einem Riesenleinwand zugewandt, auf dem stets ein beklemmender Film über das harte Los der Bagger läuft. Wenn die motopianischen Familien die Nacht nicht auf den Autobahnen verbringen, halten sie sich, übermannt von einem metallischen und traumlosen Schlaf, zu dieser Zeit in den Turmgaragen auf.
Das Gräßlichste im Leben der Motopianer - und das macht das hemmungslose Wachstum Motopias geradezu widerwärtig - ist die Art, auf die sie sich ernähren. Kurz und knapp gesagt, es geht hier um Kannibalismus. Das Hauptnahrungsmittel der Homobile sind nämlich Menschen. Zahllose verblendete Personen, durch eine verlogene aber geschickt geführte Propaganda angelockt und in ihrer Gutgläubigkeit betrogen, kommen hier täglich aus den Provinzstädten an. Auf Bahnhäfen und Flughäfen werden sie entladen, um entweder der hungrigen Meute sofort zum Fraße vorgeworfen oder als Schüttgut in Speziallagerungseinrichtungen - diese werden großsprecherisch "Hotels" genannt und haben unmittelbare Verbindung zu den Baulichkeiten, in denen die einheimischen Familien die Nacht verbringen - befärdert zu werden, damit man sie im lebenden Zustand als Frühstück verabreichen kann. Gesättigt, vollgestopft, mit Hängebäuchen, die bis auf wenige Zentimeter an die Asphaltflächen heranreichen, und sich träge in den Kurven wiegend, machen sich die Homobile auf den Weg, um ihr genossenes Mahl zu verdauen. Finsterste Gedanken wohnen hinter ihrer glatten und undurchsichtigen Stirn. Mit Ausnahme besagter Reporter - die unsere wirklichen Erretter sind, denn die gräßte Gefahr liegt nicht so sehr in der Existenz Motopias als vielmehr in der Unkenntnis der dort realexistierenden Verhältnisse - ist noch niemand aus dieser unheimlichen Stadt wieder heimgekehrt. Ganz nebenher sei folgendes bemerkt: Die begeisterten Anrufe oder Briefe, mit denen die dort Angekommenen sozusagen ihr Entzücken kundtun oder ihren Entschluß mitteilen, sich in dieser Stadt für immer niederzulassen, kann man nur als Verzweiflungstat werten, zu der sie im Angesicht des Todes gezwungen wurden, wenn nicht gar als plumpe Fälschungen und bewußte Irreführungen.
Die überlebenden erzählen haarsträubende Dinge über die grenzenlose Grausamkeit der Homobile, die oft nicht nur auf der Nahrungssuche - zumal sie sich ausschließlich von lebenden Menschen ernähren -, sondern auch zum reinen Vergnügen täten. Sobald die Gefangengesetzten erkennen, welche Gefahren auf sie lauern, ist ihr ganzes Sinnen und Trachten auf die rettende Flucht gerichtet. Da man lediglich zu Fuß entkommen kann, versuchen sie, die Zellen der unheimlichen Hotels zu verlassen. Und hier zeigt sich der ausgeklügelte Sadismus der Einheimischen in seinem vollen Ausmaß: Die Ausgänge sind nicht bewacht, denn die Homobile in ihrem nicht zu übertreffenden Zynismus wissen sehr gut, daß ein solches Unterfangen nur durch ein Wunder gelingen kännte. Selbst wenn die Flüchtenden die Wegstrecke bis zur motopianischen Grenze, die einige Dutzend Kilometer beträgt, nachts und somit bei mäßigem Verkehr zurücklegen und sich tagsüber verborgen halten, wäre die Zahl der zu überquerenden Fahrbahnen viel zu groß, als daß die Armen ihr Ziel je erreichten. Zum Glück sind einige solcher Wunder geschehen, wenngleich sie unzählige Flüchtende mit dem Leben bezahlen mußten. Die Homobile haben den Flüchtenden falsche Hoffnungen gemacht und sich dann auf die Gehetzten und Ausgehungerten gestürzt, um sie erbarmungslos und bäse kreischend zu zermalmen. Die Leichen haben sie am Ort der Untat liegengelassen: Ungeborgen und unbestattet sollten die Gebeine und fürchterlichen Schädel den anderen ein warnendes Beispiel sein, jeglichen Gedanken an Widersetzlichkeit fahrenzulassen.
A. d. Rumänischen übersetzt von Hans Herrfurth, Erschienen in Der Fotograf des Unsichtbaren, Verlag Volk und Welt, Berlin 1978.
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Gheorghe Sasarman: Doktor in Architekturtheorie, Schriftsteller, Journalist, Informatiker. Geboren am 9.4.1941 in Bukarest, Rumänien. Lebt seit 1983 in München. Studium und Promotion an dem Institut für Architektur, Bukarest (1959-1965, bzw. 1978). Ausbildung zum Systemanalytiker in Bukarest (1982) und zum EDV-Fachmann in München (1984-1985).
Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbändern in Rumänien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Polen, Ungarn.
Buchveröffentlichungen: Oracolul (Das Orakel), Erzählungen, Vlg. Tineretului, Bukarest 1968; Cuadratura cercului (Die Quadratur des Kreises), Erzählungen, Vlg. Dacia, Cluj (Klausenburg) 1975; Himera (Die Chimäre), Erzählungen, Vlg. Albatros, Bukarest 1978; Functiune, spatiu, arhitectura (Funktion, Raum, Architektur), Essay, Vlg. Meridiane, Bukarest 1979; 2000, Roman, Vlg. Eminescu, Bukarest 1982; Die Enklaven der Zeit (deutsche Fassung von 2000), Roman, Heyne Vlg., München 1986; Cupa de cucut (Der Schierlingsbecher), Roman, Vlg. Sedona, Timisoara (Temeschwar) 1994; La Quadrature du Cercle (französische Fassung von Cuadratura cercului), Erzählungen, Vlg. Noël Blandin, Paris 1994.
Internationaler Preis für die beste Science-Fiction Kurzgeschichte (1963, beim Wettbewerb sieben osteuropäischer Länder). Der Preis Europa für die beste Erzählung (bei der Europäischer Science Fiction Tagung EUROCON 1980, in Stresa, Italien). Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbandes (Uniunea scriitorilor) und der Deutsch-rumänischen Schriftsteller Vereinigung (München).
(Herrsching)
Sein Wagen glitt vorbei an beleuchteten Straßenzeilen,
Ampeln und Kreuzungen, vorbei an späten Passanten, leichten Mädchen und
Nachtschwärmern. Gelegentlich lächelte er sich aus dem Rückspiegel oder von den
Plakaten her zu, die bald links bald rechts vorbeizogen, ihn überlebensgroß
darstellend, lächelnd und siegesgewiß. Aus dem Autoradio ertönte leichte
Unterhaltungsmusik. Was er kannte, summte oder pfiff er mit, denn er war
bestens gelaunt. Die heutige Wahlveranstaltung war zu einem Bombenerfolg
geworden.
"Sie haben so eine Art", hatte der hiesige
Parteivorsitzende gesagt, "daß wir Ihnen und uns gratulieren können, Sie
als Kandidaten aufgestellt zu haben. Glauben Sie mir, ich verstehe etwas von
Wahlkämpfen: Ihrem Einzug ins Parlament dürfte nichts mehr im Wege
stehen." Und ein Zuhörer, einer von den vielen, die herandrängten, um ihm
die Hand zu schütteln, hatte gemeint: "Das haben Sie prima gemacht. Wissen
Sie, wenn Sie lächeln, sind Sie unwiderstehlich." Lachen, dachte er, war
schon immer meine Stärke. Das hat mir in der Schule viel eingebracht, gar
nicht zu reden
von den Erfolgen bei den Mädchen oder
in meiner Praxis. Man
soll mir nicht sagen, es gäbe nicht so etwas wie ein gewinnbringendes Lachen.
Wieder kam ihm sein Plakat entgegen,
dieses Mal auf einer Litfaßsäule rechts der Fahrbahn. Im Vorbeifahren
schien es ihm, als lebe er auf dem Plakat und drehe sich siegesbewusst lächelnd sich selbst zu. Das beeindruckte
ihn. Leitner, dachte er, hatte damals recht, als er sagte: "Mit dem Plakat
schaffst Du's. Um dieses Lachen bist Du Deinen Gegnern voraus."
Plötzlich erinnerte er sich jener Fotografin, die die
Aufnahmen für dieses Plakat gemacht hatte und ein peinliches Gefühl beschlich
ihn. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er sein plakatiertes Lachen dem
Trick einer kleinen, hässlichen Fotografin verdankte, die ihn durchschaut
hatte.
"Sie wollen sich für ein Plakat aufnehmen lassen, das
Ihnen Wähler bringt", hatte sie ihn gefragt und ihn dabei von oben
bis unten gemustert, was
bei ihm das peinliche Gefühl
ausgelöst hatte, einer Leibesvisitation unterzogen zu werden.
"Ich glaube, das läßt sich machen", sagte sie,
sein Gesicht aufmerksam betrachtend. "Es muß mir nur
gelingen, Ihnen ein
gewisses Lachen zu entlocken." Und ohne weitere Umschweife hatte
sie sich an die Arbeit gemacht. Er hatte damals erlebt, wie schwer es ist,
auf Kommando und zur
Zufriedenheit eines anderen zu
lachen. Immer wieder hatte sie etwas einzuwenden. "Nein, nicht so, das
wirkt zu hämisch!" oder "Das
paßt nicht zu Ihnen als Politiker, das läßt
Sie viel zu
gutmütig erscheinen. - Um Gottes
willen, nein! Das entstellt Sie ja
ganz, das ist doch kein
Lachen, das ist
ein Grinsen." Schließlich hatte sie gemeint: "So geht's
nicht!" Eine kleine Pause des Nachdenkens war entstanden und dann hatte
sie ihn ganz plötzlich aufgefordert,
ihr Gesicht anzusehen. Mein Gott, wie hässlich sie war. Er
erinnerte sich noch ganz genau daran, und es fiel ihm ein, wie sie ganz
unerwartet gesagt hatte: "Und
nun stellen Sie sich vor, ich hätte zu Ihnen gesagt: Na Süßer, wie
ist's mit uns beiden?" Er mußte
wieder wie damals
bei der Vorstellung - er und sie - hemmungslos
lachen. Dieses Lachen
hatte sie aufgenommen und mit großem
Ernst hinzugefügt: "So,
jetzt haben wir's,
Ihr Lachen. Sie
können es sich morgen abholen."
So lachte er nun von Anschlagtafeln, Plakatsäulen und
Hauswänden, überlegen und mit leichtem Spott für alle, die zu ihm
aufschauten: ein hintergründiges
Lachen, beschämend und gewinnbringend
zugleich. "Eine Insel aus Träumen geboren" aus der Reihe alter
Schlager ließ ihn seine peinlichen Gedanken vergessen, während er durch
die spärlich erleuchtete Vorstadt
fuhr. Gärten glitten als dunkle Schatten vorüber und manchmal
auch noch eines seiner Plakate. Bald
hatte er den Stadtrand erreicht und fuhr nun der Nacht entgegen.
Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich seitlich vor
ihm im Licht der Scheinwerfer zwei Gestalten auftauchten, Anhalter, wie er auf
den ersten Blick bemerkte.
Normalerweise nahm er niemand mit. Heute aber war das
anders. Er war selten gutgelaunt wegen seines
Erfolges und weil
ihn zu Hause eine Party erwartete, die seine Frau arrangiert
hatte. Und da war noch etwas.
Etwas, das ihn
unwiderstehlich zu der
Anhalterin hinzog und das ihn erschauern ließ.
Er trat auf
die Bremse, bevor
ihm noch klar war, was und warum er das tat.
"Wohin?" fragte er durch das heruntergekurbelte
Wagenfenster das Mädchen und ihren Begleiter. Sie nannten beide das gleiche
Ziel, eine nahegelegene Kleinstadt.
Er fühlte sich dadurch
enttäuscht und fast versucht
ohne sie weiterzufahren.
Dennoch ließ er sie einsteigen.
Wieder war es das Etwas an diesem Mädchen, das ihn gegen sein anderes Wollen
ausspielte.
Das Brummen des Motors und die Klänge der Musik vermischten
sich mit den
Worten des jungen Mannes
neben ihm. Er
nahm zwar wahr, was
der sagte, aber er
faßte es nicht
auf, weil seine Gedanken
und Blicke abschweiften. Im Rückspiegel suchte er immer wieder das Gesicht des Mädchens.
Sie schien das
zu fühlen, denn auf
einmal sah auch sie ihn an. Da
lächelte er ihr zu und versuchte
all das hineinzulegen, was dieses Etwas bei
ihm ausgelöst hatte.
Mal sehen, dachte er, wie das ankommt. Gleichzeitig fühlte er eine
Erregtheit, die sich
steigerte, als er
zu bemerken glaubte, daß sie ihm
zulächelte. Das ermutigte ihn, das Rückspiegelspiel, wie er es nannte, öfter zu
wiederholen, um ihr Lächeln einzufangen. Er
war so versunken darin, daß
er erst an der Helle der Straßenbeleuchtung merkte,
daß er den Zielort der beiden erreicht hatte. Er verlangsamte das Tempo und
plötzlich kam er sich auch hier überlebensgroß
mit plakatiertem Lächeln
entgegen. Er suchte im Rückspiegel das Gesicht des Mädchens und
bemerkte, wie sie sekundenlang das
Plakat anstarrte. Jetzt, dachte er, hat sie mich erkannt. Sie
wird mir, sie muß
mir zulächeln. "Halten
Sie", sagte sie unvermittelt, "wir wollen aussteigen." Sie sagte
das kurz angebunden. überrascht trat er auf die Bremse. Beide stiegen aus. Dann
wandte sie sich ihm durch das vordere Wagenfenster noch einmal zu. Ganz dicht
war sie herangetreten und sagte mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung auf
das Plakat hin: "Wenn ich den lachen sehe, komme ich mir vergewaltigt
vor." Sie sah ihn dabei mit einem so merkwürdigen Blick an, daß
er sich durchschaut und
ausgespielt fühlte, wie damals von der hässlichen Fotografin.
Als er mit Vollgas davonfuhr, waren die beiden schon grußlos verschwunden. Sein plakatiertes Lächeln hatte sich in Blitzesschnelle auf der Litfaßsäule abgespult und tauchte kurz noch einmal im Rückspiegel auf, verschwommen zur Ausdruckslosigkeit, bis es schließlich verschwand.
(München)
BRIEFBEKANNTSCHAFT
"Quatre
Francs cinquante, s’il vous plait."
Er zahlte an der Theke, versuchte automatisch es in DM umzurechnen, aber er gab gleich auf. Es war auf jeden Fall sehr billig für einen internationalen Flughafen wie Orly und der Barmann bedankte sich, und er nahm die kleine Tasse voll mit der cremigen, braunen und heißen Flüssigkeit dankend entgegen. Er ließ einen Zuckerwürfel darin schmelzen und nahm einen Schluck . Es war guter Kaffee, der ihn an den schmackhaften türkischen Kaffee erinnerte, den er vor Jahren an der Schwarzmeerküste zu trinken pflegte.
Er mußte noch auf den Flug Nr. 004 von American Airlines warten, das Flugzeug war zwar noch im angegebenen Zeitplan, aber er war ein Frühaufsteher, und konnte das Warten in seinem Hotelzimmer in Boulevard Saint Germain, Ecke Rue Jean de Beauvais, nicht mehr aushalten. Er hatte ein Taxi genommen und sich durch die noch schlafende, noch leere Stadt fahren lassen. Die Marmorsäle in Orly waren fast noch menschenleer, mit Ausnahme einiger Reisender und einiger Leute, die auf Bekannte oder, wie er, auf ihre Lieben warteten, und von denen einige, in die schwarzen Sessel versunken, eingenickt waren oder sich mit leisen Stimmen unterhielten. Nur die Sicherheitskräfte sahen sehr lebendig aus und musterten mit bedrohlichen Blicken den Rest der Gruppe. Es war ein Anblick wie überall in der Welt. Vielleicht konnte man sich das damit erklären, daß die Leute, die solche Jobs bevorzugen, davon überzeugt sind, daß der Fetzen Stoff, welchen ihnen errenrasse anzugehören oder etwas mit ihr zu tun zu haben.
Seine innere Unruhe, seine fordernde Natur war schuld, daß er immer bereit war, neue Wege zu gehen, neue Welten zu erforschen, sein eigenes Leben zu revidieren und zu verändern. Er war interessiert an allem, was Leben bedeutet, immer bereit, neue Sachen zu lernen, neue Bekanntschaften zu machen, neue Städte und Länder kennenzulernen. Mit den politischen Umständen in seinem Heimatland, das an der unteren Donau, an den Karpaten und am Schwarzen Meer lag, unzufrieden, hatte er es verlassen, um dem starren, unbeweglichen und todbringenden System zu entkommen und um seine Freiheit zu erlangen. Als er den Alten Kontinent kreuz und quer bereiste, wurde er von dessen Machtstrukturen enttäuscht; und da verstand er, daß gelebte Freiheit und gedachte Freiheit zwei grundverschiedene Sachen sind. Die Menschen schienen ihm mehr strukturgebunden zu sein, als er es in seiner Heimat glauben wollte, viel biederer und weniger risikobereit, ihr einziges Leben selbst zu gestalten, zu entfalten und zu erleben. Die meisten suchten die niedere Gemütlichkeit und sorgten sich nur um ihren eigenen Braten, ihr Bier oder ein Glas Wein. Es gab in der Tat wenige, die sich, wie er selbst, für die Ereignisse interessierten, um Dinge, die noch zu tun waren oder einfach um die Menschen drumherum kümmerten. Das gelobte Abendland schien in einen Zug gestiegen zu sein, der sich gemächlich aber unaufhaltsam der Endstation näherte, und das hieß: in Merkantilismus, Egozentrismus, Alkoholismus, Brutalität und primitiven Nationalismus zu versinken. Ihn schauderte, als er sich an eine unbedeutende Bettgeschichte erinnerte, mit einer dieser ichsüchtigen Frauen, kalt wie ein Schaufensterfisch, und vällig unfähig einem Mann einen Augenblick Mitgefühl zu zeigen, aber von einem nicht zu sättigenden Appetit nach Zärtlichkeit, Sex und schänen und teueren Sachen besessen. Sie war eigentlich nur ein serienmäßiges Produkt dieses Erdteils und genauso begehrenswert.
Die Kaffeetasse war leer und er ging, um die Ankünfte auf dem Monitor zu überprüfen. Es war noch Zeit, etwa zwanzig Minuten, und er bedauerte, daß niemand daran gedacht hatte, in dem großen, modernen und funktionellen Flughafen, so etwas wie ein Blumengeschäft zu eröffnen. Er liebte es, Blumen zu schenken, und er bemerkte auf einmal, wie nerväs er eigentlich war. "Und was tust du, wenn sie dich nicht mag?"
Diese verdammte Frage kam immer wieder zurück. Sie hatten sich nur einmal getroffen, mehrere Monate zuvor, für einige Stunden, in einer Disco an der Münchner Leopoldstraße, und daraus wurde eine Art Briefbekanntschaft. Aus ihren Briefen glaubte er herauszufinden, wie sie war: menschlich warm, fröhlich, aber zugleich tiefsinnig und ernst. Sie hatten ähnliche Zuneigungen, ähnliche Zukunftsvisionen. Es ist tatsächlich seltsam, dachte er, wie Leute, die tausende von Kilometern voneinander geboren wurden und lebten, so ähnlich denken und fühlen können!
Die ersten Passagiere aus ihrem Flugzeug fingen an, durch die matten Glastüren her-
auszukommen und seine Nervosität wuchs ins Unermessliche, als immer mehr Leute den Flur verließen, und sie sich immer noch verspätete. "Und wenn sie nicht kommt? Könnte es sein, daß alles nur ein Witz war, oder ein Traum? Bist du ganz sicher, daß es sie tatsächlich gibt, oder ist sie nur ein Produkt deines vor Einsamkeit verrückt gewordenen Gehirns? Eine Halluzination?"
Ein leiser Bewunderungspfiff und die Worte eines Franzosen neben ihm brachten seine Hände, die die blankpolierte Stahlstange umklammerten, welche die Besucher von den Passagieren auseinander hielt, zum zittern.
"Voila, quelle belle fille!"
Er erkannte, als er den goldenen Helm ihrer Haare und das strahlende Blau ihrer Augen sah, die Wahrheit der Worte. Da kam sie, in der ganzen Blüte ihrer Jugend, in der ganzen Schönheit ihres Körpers und ihrer Seele, und das unsichere Lächeln auf ihre Lippen verriet ihre eigene Unsicherheit, ihre Nervosität und die Weite ihrer Erwartungen.
Ohne ein Wort zu wechseln, gingen sie die Eisenstange entlang und nahmen nur zur Hälfte die Anwesenheit anderer Leute wahr. Die Mauern des großen Flughafens schienen in sich zusammenzufallen, sich aufzulösen, und eine riesige grasbewachsene Ebene nahm ihren Platz ein, die unter der frühen Morgensonne strahlte. Am Himmel beeilten sich einige weiße Wolken, die Landschaft zu verlassen; sie nahmen sich bei der Hand, ihre Körper schienen mit der letzten Wolke zu verschmelzen. Sie blieben aber zurück, zwei umrissene Seelen auf der weiten, blauen, durchsichtigen Kuppel des Himmels, und als sie sich einander näherten, klang von irgendwo und von nirgendwo das Wort: "Welcome!"
(Bad Münder)
Kinder
Tote Augen starren
blicklos
zum Himmel-
verstummt
der Schrei
in Todesangst...
Lebendige Kinder
durch Gewalt
zum Schweigen gebracht.
Die Waffen schweigen nicht...
Der Krieg präsentiert
seine Rechnung,
Kinder bezahlen
mit ihrem Leben...
***
So wie das Licht
zurückkehrt
aus der Tiefe
der Dämmerung,
so wie die Tage
länger werden
und heller -
so kehrt auch
die Hoffnung zurück
auf das Kommende,
auf den Neubeginn
in uns
Traum
Diese Küste zu erreichen,
die Wärme zu spüren
und das Licht -
Wind spielt in Palmenblättern,
und Wellen liebkosen
die zarte Linie des Strandes...
Diese Küste zu erreichen
und sie zu hären
die singenden Delphine...
***
Der Wein
den ich nicht austrinke -
laß’ mich meine Tränen weinen
bis es keine mehr gibt...
Auf verschlungenen Wegen
durch die Düsternis der Tage,
durch die Tiefen der Angst...
Der Wein,
den ich nicht austrinke -
gib mir den letzten Schluck
nicht zu früh...
Blätter
im Wind
Blätter im Wind
sind wir alle -
taumelnd
und schwebend.
manchmal geweht
zum Rande der Zeit...
Schutzlos,
wehrlos
treibend irgendwohin -
Blätter im Wind...
Kleine Biografie
...........................................................................................................................................................
Renate Schmadalla, geb. 1934, aufgewachsen als Tochter eines Forstmeisters mit vier Geschwistern in Pommern und im Elsaß. In der Natur und mit Tieren großgeworden. Passionierte Reiterin. Als Flüchtlingskind schwere Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt.
Jetzt wohnhaft in einem 200 Jahre alten Fachwerkhaus in Niedersachsen, Nähe Hameln. Ausgebildete Fotografin. 3 Kinder.
Mitarbeit und Veröffentlichungen in lit. Zeitschriften, Tageszeitungen und 80 Anthologien. Lesungen im deutschen Raum u. benachbarten Ausland. Ausstellungen von Fotolyrik. 2 Lyrikpreise. Preisträgerin 1997 beim NDR 1 Radio Niedersachsen (Fotowettbewerb).
Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband und im Verein d. Schriftstellerinnen u. Künstlerinnen Wien.
Einzeltitel: Durch Sonne, Wind und weißen Sand, Pferdegedichte mit Farbfotos; über die Zeit hinweg, Gedichte; Das russische Herz, Kurzgeschichten; Jimmy Kater, Tiergeschichten und Gedichte mit Federzeichnungen; Die kleine Freude am Augenblick, Gedichte mit Aquarellen, Ars Ed. München; Ein Kookaburra fliegt vorbei: Reiseskizzen in Lyrik und Prosa mit 37 Fotos; Gedanken kennen keinen Abschied, Gedichte mit kl. Federzeichnungen Archenoah Nr. 2-3 (19-20) April-September 1999.
(Göttingen)
***
Der Gauner mit der Technik
muß mich nicht fragen,
warum,
von mir selbst,
durch ganze Welten
meine Widerstandsgedanken
reisen,
gegen den STROM
***
Ich habe zerdrückt
den Stein - im - Sand
das Wasser - im - Gelee
den Schmerz - im - Wunsch
Ich habe zerdrückt
verdrückt
entblößt,
den Augenblick
***
Geschrieben habe ich
an einem Tag
Zehn verrückte Gedichte
Betäubt von deinem Glas
voll Phantasien
Habe ich nur Einbildungen
getankt
Und jetzt bist du
Das elfte Mädchen
Der zehn Gedichte
Aus: 71 love songs "Împotriva curentului / Poeme / Gedichte / Poems, 71 love songs gegen den Strom, Editura AMB, 1997
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Manfred Szilagyi: geboren 1956 in Bukarest. Studium: Grafikdesigner an der Uni-Hamburg. Lebt in Gättingen. Veröffentlichungen: "56 love songs über uns si burlane", 1996; "76 love songs gegen den Strom", 1996.
***
Auf der Treppe warten immer
noch nur die Studenten
Ein Blindenhund, der verlorene
Brief
Neben dem Laden gab es einst
Einen Nebel, Blumentau
Wie ein Versprechen;
Aber die Farben sind noch frei.
Eine Stimme spricht zu mir
Eine dunkle Liebe am Ende
Des Jahrhunderts.
Du hast mich alle Nächte
Lang gehalten,
und ich raube die Rosen aus Deinen
traumschweren Händen.
Papier kommentiert das Totem,
verdrehte Zeichen.
Wartende Adler sitzen im Haus.
Eidechsen sprechen meine Sprache
Und es sind die Dinge, die mir
Zuraunen an heißen Schieferwänden.
Am Abschied steht Gelächter, verliebt
Wie Vögel.
In dieser Kornkammer wartet ein vergessenes Begräbnis, eine
Aufgegebene Geschichte.
***
In den geputzten Kaminschlot
wirft Niemandswer die Kohlen.
Flackerndes Wasser fällt
Wie Schnee von den Blüten.
Ich bin doch uneins, internierte
Ästhetische Kuchenblumen.
***
Denn ich will eine
Neue Welt bauen, in den Elends
Quartieren
Ein gütiges Licht in der Nacht
Ist die Messmaus
Wider meine Tat, als
Ich den Abstand des Sommers küsste
Und wir in einer blauen Grotte klingenden
Tee tranken. Quecksilbertränen
Wenn Niemand,
wenn die Not des Mittags liest.
***
In Ewigkeit scheinst Du
Licht in meiner versteinerten Nacht.
Die Zeit ist schon versternt wie
Die letzte Zeile. Aber in welchem
Traum sah’ ich Dein Gesicht?
Heimweh ein besseres Gefühl nun
Lebende Lügen,
eine weggeworfene Träne Gottes.
1927
Ein Gekko blickt aus dem Spiegel.
Nur Quacksalber machen Quecksilber aus Bor und Alaun.
Ich finde keine Zeit für die Nimmermehrtag
die Klappkarten.
Träume, und die Welt steht
in Flammen.
Mein Reich ist eine eiserne Feder, nur
was wahr ist, wissen sie nicht.
Du verlierst nur Dein Leben.
Gestern
Der
reflektierte
Herbst
will Yr. Da haben Sie
(Fenchel) vor
einem großen Tod
gestanden. Die Sorten
Kerne sind wie
Angst
vorm Sandmann
trennbare Worte.
Freude
Die Betroffenheit, nicht
die Verlassenheit des Augenblicks,
aber höre den
schwarzen Hammer lächeln.
Aber stiller, und nicht näher
die Fremde.
Aber erst die Erschütterung gegen die Felsen!
Eine weiße Katze, ein aufgerissener
Schnabel am Wegrand.
denn Sinn in den Sinn zu nehmen
aber es lag Schnee in der Waagschale,
zu glauben, aber nicht zu meinen:
es war so schön, aber nicht so wichtig.
Tante
Die Zwillinge heirateten.
Der Tennisball sucht den Blick
wie der Glaube an Enden.
Desinfiziert, mythisch sind
die Säbel, vorsintflutlich,
wie Dein Haß. Der Traum
ist wirklich beschleunigt, verrät jene Engel.
Die Operation warnschmerzhaft,
erfolgreich,
wie Deine erzwungene Handschrift.
AIN
Doch halt lose die Freude
Das Gras in der Scheune
nur, sie stehen nicht mehr auf.
Das Füllhorn wird’s wandeln,
nein, der hat es gelesen.
Wie der nicht vorhandene
Aufbruch in der Ewigkeit.
Der Wind zeitigt den Raum
traurige Wespen.
Er hieß Schattenmann.
In der verminten Landschaft
göttliche Funken. Nicht nur
das Universum geht durch die Wand.
Die Zeit steht für viele, Dir richtig
wie eine verschlossene Tür,
wie alle Zahlen.
(Constanta)
***
Lassen wir
alles beiseite, sagte ich dir,
bis morgen haben wir Zeit
un in den Schubladen sauber zu machen am morgen
wird das Warmwasser fließen die beine werden es wie
ein Komet durchdringen
bleiben wir noch ein wenig in der Ewigkeit
hinter den Spiegel
der vorgestellte Tortenschädel macht ein Nickerchen der Opa
wir werden Feigen essen du wirst mich auf den Knien halten
die linke Hand wird das Schweigen aus
allen Dingen auf dieses Planet nur ich
bin keine Hausfrau aber wir werden
cache-cache à la carte zusammen spielen.
***
Ich trage bis zum Abnutzung
mein Herz und meinen Körper
bis ich fühle wie ich durch ein Auge
der Verwirrung atme
die eiförmige Fingerabdrücke des Lebens
Zwischenzeiten in sensuellen Falschheiten
gestotterte Ticken bis zu einer genauen Stunde
des erhabenen Weckens
oder vielleicht die, in der Wasseruhr des Wesens
abgewürgte Träne.
***
Sie begruben uns.
das Magierlächeln der Gewässern
von Stein hast du deine Waffen gelassen
dein Mund wie ein Echo
Teufeln zur Sonne
hinsterbende Versuchung
***
Meine Einsamkeit zählt ihre Schritte zum Gott
Ist es noch weit?
ich stieg in mir von der Knöchelspitze auf
die Himmel ist blau
ohne schüchterne Umgehungen
prüde Verstecke fleißiges Schweigen
laß uns die Unendlichkeit entjungfern das Blut
steigt mühsam auf in das bemessene Rhythmus des Mondes
du hast das Curriculum vitae vergessen
deine Hände erbauen das Schauen von Innen
jemand schlägt das Klopfbrett
es wickelt dich ein, erwürgt deine Haare von danach
vom weitem von hinter die Übehrquerung des Nichts
***
für ein Blatt, für das erste Mal
aus Sand
nur die Tiefe der Welle die die Harmonie jener Todeskanone abstimmt
deine Stimme
das entfernte Leben
mein ewigen Krebsdasein
nur eine Sekunde...
bis morgen.
***
hungrig das Blut
schindet deine Ewigkeitsscheinbarkeit
hinter der Ufer Matamorphosis des Todes
das Meer singt schaurig
Jahre danach
wird die Urne der erhabene Kuß
ihrer jungfräulichen Schultern
in einer Welle aus Sand.
***
Verdammt...
sagte ich mir: als durch die Luft Regentropfen schrien banden wir uns an einer Hand aus Knochen und Licht fest und ich frage mich gar nicht
warum meine linke Hand deine Luft
braucht
***
Es war so still
in der Einsamkeit,
daß wir unsere Herzen sehen konnten, wie sie uns zum Festmahl der Ziegenjäger hinschoben
unsere Hände blieben Köder
der Honigwaben-Kuß
Wald ohne Schicksal
rätselhafter Waldhüter
die Natur entfaltet uns in einem Buch
...........................................................................................................................................................
Geboren am 22.6.1974 in Constanta/Rumänien. Gymnasium in Constanta. Fakultät für Literatur und Theologie (Fach: Rumänisch und Franzäsisch) in Constanta. Veräffentlichungen in rumänischen (Tomis, Luceafarul, Observator-München) )und deutschen (archenoah) Literaturzeitschriften. Gedichtbande: "Cautatori de cuvinte“ (Wortesucher), Constanta 1994 und "Versuri/Gedichte", zweisprachig, München 1999. Observator-München-Literaturpreis für Schüler und Studenten 1992.
(München)
Es gluckert die fröhliche Gemeinde, vom Sargmacher bis zum Steinmetz: Musikstakkatos, Harmonie: ein profitabler Markt schickt die letzte Tabutheorie unter den Tisch. Die Floristen binden sich die Hände wund. Etwas Nebel in der Luft, ein Dutzend Mistkäfer zur Garnitur: steht vor der Auflösung der Kraftakt der Beherrschung.
Schnöde Dankgebete an die Gesinnungshure: so käuflich wie sie Herz ist: bei Neon, neu gespannte Gesichter: in seiner ganzen Not zeigt sich der Aufstand der materiellen Veränderung gegen die historischen Bedingungen: fernerhin ein Geröll von geistiger Niederlage, nicht ein schuldiger Zuschauer, denn zwei Finger zur Faust. Auch die Freiheit zu stürzen: wo niemand ihn zwingt, aufzustehen, darf er liegen bleiben. Es flaniert der Besen.
Herz genug: seimiger Zungenbelag: in der Nummer werden die Weißwürste gezuzelt, da geht das Radio mit: Oktoberfest im Säbelregiment:
nach jedem Tusch ein Elektroschock, bis auch der letzte Körper resistent ist, zum Hodenquetscher das Prost auf Herrn Ampre, Rettichwurzel zum Dessert: eingesegnet die erlegte Gemse, nachgespült. Aus Tradition gehen die Lichter aus.
So frohe Botschaft: daß die Auseinandersetzung mit Schmerz die Interpretation eigener Not und Notwendigkeit bleibt. Gelitten wird nicht, das Ende kommt schän: unter dem Siegestor, mit kirchlichem Beistand aus der Nähe. Ganz kollektive Unschuld, letzte Warnung.
Und Spucke: Züngeln in der Armkehle: ein tolldreister Küster und andere Versager. Sprache dazu ist sehr beschränkend, sobald keiner mehr armet, wird alles Bühne, ein großer Auftritt: schnell weg weg weggesoffen das Leben. Und selbstredend, sagt der feine Herr (in diesem Bordell der Geschichte), waren Sie heute mein Gast. Ob man noch rauchen mag, ein bißchen daran sterben.
Schon die Luft wirft den Schatten voraus: Satin und Loden, der demütige Kreis: die besten Adressen vergeben, der Intendant ist tot, und der Mundharmonikaspieler verlor seine Hände. Sonst ätherische Bedeutungsschwere : gepuderte Bizeps, schäbig, immer in Zwang, in Trieb, in Flucht: die vägeln offen die Pummerin und heimlich wachsen ihnen Rosen aus dar Männerbrust. Bis ins Alter fürchten sie sich: die Brieftasche umklammert, verlangt der gebißtragende Premierenarsch ein Unbedenklichkeitssiegel.
Fleischige Waden, aber Pailettentutu: nach Liliom durch sämtliche Garderoben gejagt: jeder Bartstoppel beschert ihr einen verzwickten Traum.
Ungetestet: immer repetiert sich Selbsterhaltung wie eine defekte Schallplatte: silberne Löffel klauen, später abschlafen, einen nach dem anderen: und hier und da ein Medikament spendiert.
Ausgeschlafen, entgolten: Verklärungssucht gegen Wille, hächstens träumt es sich: die Ränder des Praters, da fiel einem ein Foto eines burgenländischen Storchpaars aus dem Bauchkorsett. Schön korrepetiert: ein, aus, drin und draus: von der feudalen Hochzeit und dem verrotteten Ringelspiel: zwei Viertel Retrovier, dafür hat die innereuropäische Todesschwadron die Stadtwolken blutig geritten.
Ich würde sie gerne als Gegner haben, sagte einer, das schnürt die Bereitschaft: unter dem Bett lag ein Köter, deutscher Schäferhund.
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Karlheinz BARWASSER: geboren 1950, aufgewachsen im Rheinland, lebt und arbeitet als Schriftsteller in München:
Prosa, Lyrik, Roman, Essay und Kulturkritik. Härspiele und Features für den Rundfunk. Regiearbeit.
Internet: http://members.aol.com/kbarwasser.
Buchveräffentlichungen: Der Schlauch, Berlin, 1980 * Kaputte Sommertage in S., Bielefeld,1981 *
Schwulenhatz-Eine Dokumentation, Bielefeld, 1981 * Doch Zufall ist hier nichts, Köln, 1982 *
Seelenhunger, Münster, 1982 * Schrei deine Worte nicht in den Wind (Hrsg.), Tübingen, 1982 *
Das erste halbe Jahr, Hannover, 1983 * Mauern (Hrsg.), Hannover, 1983 * Nachtwellen (zus. mit Herbert
Schneidewind), Hannover, 1983 * Im Abseits (Hrsg.), Siegen, 1983 * Noch mal davongekommen, Zürich, 1983
Wider die Räuber, Hannover, 1984 * Lovestories (Hrsg. Zus mit Robert Stauffer), Käln, 1986 * Im eigenen Schatten,
Käln, 1986 * 2 Männer (zus. mit Robert Stauffer), Käln, 1987 * Das Ypsilon der verdrehten Achsel, München, 1992 * Richtungen,
München, 1995 * Mütterkorn, München, 1996 * Topographien, München, 1997 * Der Bilderesser, Duisburg, 1998.
Hörspiele und Features: (RIAS; DRS; DeutschlandRadio; Radio 100; Radio Bremen; Süddeutscher Rundfunk; Südwestfunk;
Saarländischer Rundfunk; Westdeutscher Rundfunk; Bayerischer Rundfunk; Hessischer Rundfunk; Österreichischer Rundfunk;
Deutschlandsender-Kultur; Berliner Rundfunk; Radio Aktuell; Mitteldeutscher Rundfunk; Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg;
DT 64; Rock
Radio B).
Literaturkassetten: Astrid Gehlhoff-Claes liest Layrik und Prosa von Karlheinz BARWASSER, Limusin, 1982
*Das bißchen Leben - Schüpbach liest barwasser, D&G, 1983 * Polyglotte - eine Hörverunsicherung (zus.
mit Robert Stauffer), Färtner&Kroemer, 1986.
Herausgeber der multimedialen Literatur CD-ROM Pcetera. Herausgeber von cet Zeitschrift für Literatur etc.
Mehrere literarische Preise und Auszeichnungen, u.a. Arbeitsstipendium für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen,
1986 * Literaturstipendium der Stadt München, 1992 * 2 Förderungspreis Lyrikpreis Meran, 1996 * Erostepost-Literaturpreis,
Salzburg, 1996.
(Jassy)
Die Geschichte der Großen Uhr
und des Blinden
(Istoria Marelui Ceas si a Orbului)
Ein riesiges Uhrwerk in der steinernen Wüste,
gleich einer riesigen Moschee-Kathedrale. Keiner
von euch, ihr Wanderer, ist durch jenes
"Die Steinerne Uhr" genannte Land gefahren. Ihren
melancholischen Klang härt man, wie manche sagen,
auf der ganzen Erde
seit kurzem aber härt man ihn nirgendwo, niemals
(oder, weil wir ihn ständig hären, hären wir ihn aus Gewohnheit nicht mehr).
Was ich ungewöhnlich finde ist, daß ihr Wächter, ein armer Blinder,
immer etwas nachzählt, indem er dazu die Knöcherchen
seiner Mumienhand benutzt. Er zählt eilig nach
und manchmal zeigt sich sein blindes und wie altes ausgetrocknetes
Pergament aussehendes Gesicht vor Hoffnung und Freude strahlend.
Dann schaut er aus seinen leeren Augenhöhlen
die Uhr an.
Aber gleich danach vertieft er sich wieder in seine armselige Zählerei
und keiner stärt das große Schweigen um ihn.
Das ist, verehrte Wanderer, die Geschichte
der Großen Uhr und des Blinden,
die ich euch erzählte und - schweige.
Tänernes
Herz
(Inima de lut)
Hör mal zu! Mit dem, an das tönerne Ufer gepreßte Ohr,
hör mal zu! In der Tiefe gibt es eine Mühle,
die wie ein bekümmertes Herz pocht und pocht und pocht...
O, jener Laut, der einzige, den sie
mahlt und mahlt... Erinnerst Du
dich jenes Wortes, das es in keiner Sprache gibt,
das ungeschrieben, ungesagt, ungedacht ist?
Dein Herz gleicht jetzt
einer Glocke im tönernen Ufer... Dein Herz
ist eine Mühle, bekümmert
pocht und pocht und pocht es... O, wirst du
das, was mahlt und mahlt erfahren? Hör, hör
die Tonerde, sie ruft dich, sie mahlt dich, sie ruft...
Komm...
Miserere
(Miserere)
Meine Freunde haben Spaß am Fischen -
ich rette mich mit dem Schwimmen
Meine Freunde freuen sich auf die Jagd -
ich ringe nach Atem im Unterholz
Meine Freunde haben keine Laster -
ich bekenne mich ausschließlich zur Blasphemie
Sogar dieses Gedicht habe ich nur
aus Ekel und Abscheu
und Bosheit
geschrieben
Bild
(Tablou)
Ich habe gesehen wie in der Nacht auf den Burggassen
der alte in rouge cardinal gekleidete Straßenkehrer, der
blindlings seinen Müllwagen schob
indem er laut und ohne Pause den Jägermarsch
aus dem Freischütz pfiff.
(Poezie pierduta)
Und dieses Gedicht habe ich
an einen Wald geschrieben, auf gelblichen Ahornblättern.
Ohne Stilblüte,
mit einer unbemerkbarer Tinte
Nur die Rehe, wenn sie die geschriebenen Blätter kauen,
weinen und schweigen.
So sagte
(Asa grait-a)
"So lange du noch eine Spur Hoffnung haben wirst
sollst du nicht hoffen; sondern nur dann, wenn
du in der Wahrheit
vergessen wirst was Hoffnung ist, kannst du zu hoffen
anfangen. Und gleich danach
wirst du keine Hoffnung mehr haben."
So sagte mir der Dämon und
hoffnungsvoll
vergaß ich jede Hoffnung als ich dort eintrat.
Dt.-Nachdichtung: Radu
Barbulescu.
(Bukarest)
Motto:
es gibt eine Stunde mit Nächten aus dem Wort gezogen
von hier ab wird der wasserlose Weg gewählt
die Erde hat meinen jungen Schatten angezogen
der Leib von Augenlidern wird erhellt.
ich habe meine Schläfen in die Stille gebeugt
draußen über den Schalen des Seins flattern die, nach
Schlaf dampfenden Wäsche
es ist vielleicht der grüne Durst des Baumes
der auf meine Seele wartet, um sie zu stehlen
schlafwandlerisch steige ich in meinen eigenen Traum
die Treppe atmet in die Treppe, die nach ihr kommt
aus den Achseln fließt stumm die Ohnmacht
der vielen Versuche, der leeren Flüge und wächst das andere Ufer in meinen Augen
wie ein Bauernhof voll enger Gräber
durch welche auch ich gehen muß
mit meiner Last eines Zuges von Gesichtern
vor jedem verbrannten Stein
zerbricht eine meiner Masken und auf
dem Werkzeugschnitt des Blutes dringe ich
in meinem knorrigern Leib
in welchem die kranke Knospe weint
bald
steigt die letzte Maske
aus der Zerstreuung der unpassenden Knochen herunter
und beraubt mich
IV.
es kommt eine wüste Sandsschnur
und schlägt meinen Kopf in den Nacken
neben den Tränenpfosten des Bettes,
die schweigend duldeten die Nächte
meiner trüben Flucht in die Frauen
wer konnte mir den Weg zurück erklären
ich finde mich erneut und falle erneut in die Sünde
auf dem Skelett meines Gesichtes klimpern
stachelig und zerbrochen die Masken des Schlafes
durch welche sickert immer bis in den Tod
eine Träne
halte die gelbe Laterne unter meine Augen
von irgendwoher dringt in meine Rippen
der Schnabel eines Segelschiffes mit ausgerissener Reeling
aus welcher ich jetzt erwarte
daß der Baum aussteigt, von dem mir gesagt wurde, daß er am geradesten steht
siehe das Zimmer mit seinem aufgehängten Lampen
im Zentrum einer Leere die aus den Flügeln geflossen ist
heile meinen Schlaf - seine Wunden
gießen mich in den Tag mit salzigen Gewässern
Gott,
mach die Nacht mit einem Auge länger
verheirate mich mit dem Feuer und laß ihn schwanger werden
zieh mir das fremde Wort aus dem Leib
wie ein beschämender Rest einer Maske
und SIE-
stell sie, mein Gott mit den Beinen auf ein Blatt
und stell ihren stummen Schatten in meinen Schatten
mach, daß sie stirbt und daß ich um sie trauere
während ich ihre Seele zu den Sternen trage
heute entledigt sich meinen Körper
wie der Herbstsonne
seiner alten Wunden
bereitet sich ruhig
für die große Reise vor
ich hebe den Bogen gen Himmel und der erstaunte Himmel
kommt meinem Arm entgegen
es fallen Vögel auf den Schaft meines Pfeils
den weißen Tod umarmend
es ist die Zeit - sein Schatten nähert sich
dem Maul des Nichts
durch den die Jahrhunderte fließen
zitternd vor Ungeduld wartet das Fleisch der BESTIE darauf,
seine WUNDE zu bekommen
Dt.-Nachdichtung: Radu Barbulescu.
(München)
Komm und siehe!
(Was kannst du sehen?)
Vielleicht siehst du gar nichts... nur mich
Wie ich mich ausstrecke zwischen mir und dir... wie eine Eisenstange,
behindert, zerschlagen und zerbröckelt, beinahe ganz und gar.
Nichts kann ich sehen, nichts kann ich sagen oder vorhersagen,
ich kann mich nicht schützen oder mich äußern.
Hörst du mich? Oder irgend etwas von mir, oder über mich?
Ganz verschwunden... versunken in einem tiefen See.
Komm und siehe, komm, komm,
komm und versuche
mich zu schützen, zu decken, Unterschlupf zu gewähren,
jemandem, der heimatlos ist.
Er fühlt sich nackt unter dem wilden, gefährlichen Donner.
(Was wird danach kommen?)
Donner, Donner, blitz und Donner -
Der Himmel ist reich an seltsamen Lichtern
davor und danach, kein Wunder, kein Wunder.
Komm, komm nahe, komm, komm,
versuch nicht an die Tür zu klopfen...
so etwas habe ich nicht mehr.
Mein Heim ist dachlos, keine Wände oder Boden.
Komm und schüttele mich, erzäl mir irgend etwas
und gib mir Geborgenheit
und gib mir mit deinen Händen Wärme,
mit deinem Herz und deiner Brust.
Ich schlottere wie ein nestloser verwundeter Vogel,
(blutend,
blutend, blutend) -
wärme mich, füttere mich, helfe mir,
die gegenwärtige Gefahr zu vermeiden.
Komm, komm, komm.
Wer ist besser:
Ein Bräutigam, ein Idiot, wie deiner
Oder Jemand wie ich kristallklar und verliebt?
Frag dich selbst, frag deine Freundin C. Haig
Und frag schließlich deine Mutter.
Sie wir dir die Wahrheit sagen.
Wer ist besser:
Ein besonderer, sehr intimer Freund,
anhänglich, liebend, treusorgend, unterstützend
und respektvoll -
oder ein gleichgültiger, apathischer, lascher Bräutigam, der kalt ist?
Frag dich selbst, frag deinen Vater!
Er ist ein sehr geachteter Mann, ruhig und nicht zu alt.
Frau! Warum warst du in Eile
Seine Werbung zu akzeptieren und zu versiegeln -
Hast du dir eine Chance gegeben,
zu denken und noch mal zu denken,
und eine zweite Chance zu nehmen und seine innersten Absichten zu prüfen,
seine Pläne, seine Standpunkte und vielleicht sein Herz zu sezieren
und in seiner Hand zu lesen?
Ist dein leben schön mit ihm?
(Ich bezweifele es!)
Wohin nimmt er dich mit?
In Kneipen, Kinos, Theater, Restaurants und Swimmingpools.
(Kein schöner Urlaub mehr. Vergiß Italien!)
(Nord Wales!)
Hast du seine Freunde besucht -
Seine Verwandten, Eltern, weißt du wo sie überhaupt leben?
Bewundern sie dich, deine Figur oder Gesicht oder deinen Charakter...
die, die selber durchschnittlich sind und nicht so gut?
(Warum hat er dich denn ausgesucht? Diese Frage tätet mich.)
Die Sümpfe von Summer und Akkad
Aus welche Öffnung
Loch oder Luke
An den Barrikadenwänden der tauben Geduld
Atme ich wie ein Erwürgter und meinem Brustkorb
Durchstößt das Panzerrohr eines Nachrichtensenders
Empfangend die Weltereignisse
In Form von Garben der Sumpfröhrichte,
da, wo die Geschöpfe durch Schlangengift getötet werden,
und durch Nerven- und Senfgas sterben.
Ich sehe jemanden anderen baumelnd erhängt
Im Seil der Zeiten von stummer Unterdrückung
Aus jenen Bollwerk der Despoten.
Mich schächtet Sargon der Akkadäer
Gleich einem Schaf oder einer Ziege
Im königlichen Hochzeitszug der Gefangenen,
die man aus sadistischen überfällen auf andere Länder
als Geisel genommen hat und vorführt.
Wie lange bleibe ich baumelnd als Schopf
Am Schwanz einer schwimmenden Spezies
Oder bellenden oder strömenden.
Ich zwirne aus dem Papyrus
Lunten, um damit Dieb Wälder von Röhricht anzuzünden.
Dickicht, das mir einst Schutz bot,
so wie Zucker und Schatten
jeden Sommer oder sumerische Gondeln oder Obdach.
Durch die Schwere sauren Giftes wurden sie welk und fielen
Und entlarvten mich für Feuerkatapulte
Jener tikritischer Sargonskohorten.
Ich spreche verschiedene Sprachen,
verstehe die ersten Mundarten
und ich rede ausgestorbene Völker an,
wie "Aad" und "Themud"
Ich mache eine Himmelfahrt
Richtung Jerusalem um Jesus zu schauen wie er die Lahmen und
Aussätzigen heilt
und die Toten zum Leben erweckt.
O Jesus: Kannst Du nicht einen Menschen lebendig machen,
wie ich, seit dem zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt?
Er sagte: Warum nicht? Hast Du etwa die ersten Züge deines Gesichts
vergessen?
Ich erwiderte: Warum sollte ich nicht vergessen haben?
Er sagte: Folge mir und ich werde deine erste Jahre wiederholen und ich
werde in deinen Kopf zwei Augen und eine arabische Zunge pflanzen, mit
der Du die Träume besser und modern interpretierst und ich werde Dir
einen Spiegel, mit dem Du den Rost der verstaubten Geschichte polierst,
geben, um darin Dein Antlitz rein wiederzuspiegeln.
Gott wird Dir schenken, wie er Sacharja Johanna gegeben hat. Vielleicht
wirst Du zufrieden sein, wir werden sehen.
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Der Autor: Dr. Ing. ADNAN AL-DHAHIR, geboren am 17.12.1935 in Hillah, Irak. Studium der Chemie an der Bagdader Universität, Doktor der Chemie in Moskau, post-doktorale Forschung an der University of California, USA, weitere Forschungsaufenthalte in Tripolis / Lybien, Wales, England. Lebt in München. Veräffentlichung von wissenschaftliche Arbeiten sowie von zahlreichen Gedichte und literarischen Beiträge in arabische und europäische Zeitschriften in Schweden, Spanien, Großbritannien, Niederlande. "Sorrencath", Gedichte in englischer Sprache, London 1998.
Der Übersetzer: Dr. ALI MAHAN, geboren am 04.05.1949 in Nadjaf, Irak. Schulzeit bis Abitur in Irak. Wurde mit seinen Vater, Iraker iranischer Abstammung und seine Geschwister zu Beginn des iranisch-irakisches Krieges nach Iran deportiert. Seit 1970 lebt in de rBRD. Studium in Käln, Mineralogie und Chemie. Seit 1985 Lehrbeauftragter an der Fachhochschule München. Veröffentlichungen: mehrere wissenschaftliche Arbeiten, mehrere Beiträge über islamische Sufi Meister sowie Übehrsetzungen arabischer Lyrik.
(Offenbach u. Frankfurt)
Stämme, naßkalt abgewaschen,
die aus ihrem Straßenschwarz
bunte Autolichter treiben
und wie Tränen laufen, in den
leeren Sandweg fallen lassen,
wo am Ufer Bänke triefen
(wie die Möbel in den träumen,
während die gewaschen werden)
an dem vollen Fluß entlang
aufgereiht von Baustadtreihern,
die (man glaubt es kaum,
wenn man auf dem Inselbaum
dunkles Federvieh voll Wasser
laufen sieht) auch einmal
ein Herz spazieren führten.
1991
Lind weht der Yugo den 22.3
Politisch mehr zu erreichen
ist nicht:
Acht Feinde und Spießgesellen
erklären einander den Unkrieg
dergestalt, daß ihre Völker
wie am Leben
also auch zusammen
bleiben sollen in einem Land,
das Anspruch machen darf auf
etwas, das von den Einzelteilen
so fern
wie der Friede vom Menschen ist:
Europas schönstes zu sein.
Dich mit einem Krug
am Arm stehn sehen
und es dir so lieb
sagen wie du aussiehst
daß du nur die Schultern
noch weiter hängen läßt
und dastehst und nicht weißt
was noch weiter machen
für Wolf Biermann (1991)
Noch sind die Opfer nicht zu sehen,
weder die gefallen, noch die
nie auf dem Ehrenfeld gestanden sind.
Zuerst muß ich selber
zum Sterben fertig sein.
Werden nach dem Lichterkrieg der Technik
für die Kriegsträumer
dann die Bilder des Todes den zahlend stärkeren
Friedliebenden verkauft,
wechselt das Recht dann
per einschaltkopf die Seiten,
nenne ich es: den Preis, um den
Schutz vor den Mördern war.
Wird die Bilanz gezogen, der Taten
des Bösen und des Bösen
seiner Rächer gedacht werden, dann
(am allgeeinsten Besitz)
wird niemand
mehr Tei haben wollen.
Perikles sprach aber noch
am Grab seiner Vorgänger für di Rache
und folgte und die Stadt
verlor die Sache
und das große Volk
verlor mit ihr seine Größe, von der
allem Perikles’ Worte übrig sind.
Zeit überschwemmt uns
im Lichtwellen
Leuchtzeichen-Intervallen. Macht
Aufnahmen unseres Bestehens
in Farbe.
Anblicke schwimmen
kopfunter
ins Offne des Auges.
Wir kennen uns
und sollen weiterleben:
tote Gäste an einer
lebendig gewordenen Tafel.
(Biberbach)
Hopelessly hoffnungsvoll
Now
I’m depressed enough
For another
song, boy
Like a knife
Zittre ich unter der blanken Decke.
I think of
you baby, darling, meine Liebe.
As an angel,
as an eagle - eating Aas, du, mein Ass!
Flattert hernieder auf die Folterstraße
To find out
who I am.
Producing verses
Words,
Staben, Buch & Suppe.
Automatically,
very automatisch.
Mit ohne zu
known much
About the
fading of the moon
Ins black and
into Blau.
Take this breath
A deep
schluck water
Drowning
words of perfection,
Discovering
Gods & Mythen & Mensch;
Golden age
gone, the gun.
Agent meiner Gefühle - erschossen.
Spurlos in der tiefen Nacht.
Nietzsches midnight
Never rusting
never ending never sleeping
Rauschen
des goldes is going for ever.
but here
the towns are voller ghosts.
Außenbezirke der Seelenlandschaft -
Verbrannt, verbrüht und verblutet.
Two o’clock in the morning
Oder besser: in der Nacht.
show-down
im Bedroom.
Alles dunkel. Mythisch, der Traummann - in trance.
Ready to go
down & write the wholething down
In a thin
book.
And the
clock: tickticktick.
Sandman
Satin-white
paper.
The pencil
- stockt. I did it.
Alter Wein fließt über den Tosch.
Over the
thin book - gebrochen.
Los, auslöffeln.
Aus dem
Arsch
Die Gerüchte - bad!
Hestia - komma - komm doch - Rufzeichen.
Ich koch doch so gerne, mein Terapeuth!
Die Kinder, das Heim.
Heim in dein Reich komme ich.
(Schon mal geschrieben. Abgedroschen. Fucking Metapher!)
(München)
Jüngst geschnittenes, gefallenes
Gras
todergeben
ausgebreitet
stummdankend für das Leben,
das aus Nichts wurde und
Sein und Sinn bekam,
für alle Strahlen, die Wärme,
Umhüllung waren
für jeden
schüttelnden Windstoß, der
Festigkeit mit der Erde und
mit sich gab.
Jetzt kann ich Opfer sein
für das Leben der Welt, die
mit dem Himmel Berührung hat
Sammlung
aller vorangegangenen
Jahreszeiten,
Gipfel, Mündung
aller Schauer, vieler Güsse
fristigen Verharrens,
wärmender Berührungen.
Du
kannst uns
weisend Leben ergründen.
wer hat dich so
wundervoll verwandelt?
Alles, was in dir schimmerte,
ziehst du als schänste
Gewandung über dich
du erinnerst an Menschen
die reif gepeinigt wurden
und dem Übergang
entgegenwarten.
ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von: Carla KRAUS (Wien)
(Großbritannien)
Am fünften Juli
kommt meine Mutter,
und Du kommst näher
in meinen Gedanken,
sanft, wie ein Gemälde
einer blassen Dame,
die unter einem japanischen Ahorn steht.
Schwarzes Haar, weißes Hut, rote Blätter.
Und was
soll ich mit solchen Vorstellungen tun?
Dir deinen Brief schreiben?
Ein Photo von Dir
zu Deinem Geburtstag schicken?
Nichts von beidem kann uns
einander näher bringen.
So gehe stattdessen
still
in den Garten
und stelle Dich unter den Ahorn,
bis seine roten Adern sich
mit den Deinen verbinden
und ich meinen Kuß auf Deine Wange
pflanze.
(Aus "Terra Affirmative")
Jemand stahl sich in unseren Garten,
grub kleine Nadelbäume aus,
ließ uns Erdlöcher zurück,
in die wir hineinstarren konnten.
Wir glaubten, wir hätten nichts,
was wert war, gestohlen zu werden -
alles zweiter Hand gekauft.
Ich weiß nicht, wo diese Bäume hinkamen.
Wissen ihre Eltern im Wald,
daß sie weggeschafft worden waren?
Haben sie von ihren fernen Söhnen gehört?
Ich kann es nicht vergessen.
ich starre in die Gesichter der Vorbeigehenden
Und behalte meine Kinder in der Nähe.
Aus "Bäume"
Treue
Wenn ich dürfte,
würde ich
Bäume an die Wände malen.
Sie bevölkern das Ende
Meiner Sichtweite
Sie kratzen an den Türen.
Wenn ich dürfte,
würde ich
die Tiere hereinlassen.
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Jay WOODMAN: geboren in Natal, Südafrika, hat sich in North Yorkshire (Gbrit.) niedergelassen. Verheiratet, 2 Sähne. Herausgeberin der Literaturzeitung "Rustic Rub" und des Verlags "Woodman’s Press".
Bücher: "Following Father", 1994,
"Riding the Excalator", 1995, "Terra Affirmative", 1995,
"Trees", in Planung.
(Argentinien)
Ich bin ein Schimmer der Ewigkeit.
im Garten Eden bin ich Vogel und Nest.
Ich bin das tiefste heilige Lebenswasser.
Die Mutter von Jahrhunderten und Jahrhunderten.
Ich bin menschlich, denn ich stamme von Adam ab.
Aber ein göttlicher ewiger Funken ist in mir.
Ich bin Stein, Vorbild und Kohlenasche.
Stimme der Stimmen, Durchführung aller Grundsätze.
Ich bin die sich nach Liebe sehnende Menschheit.
Ihre hartnäckigste und charakteristischste Seite.
In der ereignisreichen Geschichte
Bin ich Symbol, Grundlage und Fragezeichen.
Im Schosse des Kosmos’ bin ich ein Planet.
Im Schosse der Erde bin ich fleischlich.
Und wenn die Seele sich zu Gott erhebt,
bin ich ein Nachkomme der unveränderlichen Liebe!
1950... 1960... 1970... 1980... 1990:
Ich möchte Dir anvertrauen:
ich habe ein verhungerndes Kind beobachtet,
das einen Dinosaurier aß.
Eine Mutter, die ihre Zärtlichkeit verkaufte,
um ihre Kinder zu versorgen.
Einen Satelliten, der die Erde umkreist
und kybernetische Hirne,
die das Schicksal der Menschheit beeinflussen.
Nach jedem Krieg
gab es einen jungen Mann auf der Suche nach seinem Grab,
Abkommen des Zentrums des Lebens,
inmitten roter und blauer Ruhmesblätter,
um seinen kürzlichten Tod zu umrahmen
in unbekannter Unsterblichkeit.
Ich sah die Leichname alter Männer und Frauen,
die ihre Taten bereuten
und büßten für ihre Sünden
sowie unfruchtbare sexuelle Abwegigkeit.
Ich sah auch einen alten einsamen Mann,
der bitterlich weinte
und versuchte, mit seinen Händen die Wolken
zu zerreißen
seine Wünsche waren nicht irdisch.
Plötzlich
laute Schreie:
Ein sanfter Chor von Gebeten
gewaltiger Donner und Blitz,
die vom Himmel herabkommen.
Und doch konnte ich sehen:
Eine besorgte Engelsschar,
dir Weihrauch für uns entzündete
für uns...
alles für uns...
(Großbritannien)
Düsseldorf 12.50 h
Das Brückengeländer hält Ordnung
mit dem Kommen und Gehen von Passanten
und die Straßenlampen beugen sich
ein wenig näher
zu den Versuchen
eines unbekannten Jazzspielers,
dessen Name
niemand kennt
noch wird über ihn
in der Geschichte der Menschheit
berichtet werden.
Ich möchte Deine Hand halten
Ich möchte Deinen Atem fühlen
Ich möchte Deine Lippen berühren
Ich möchte Deine Brüste küssen
Und wenn die Party aus ist,
Mächte ich Dich in Stücke reißen
Und in einem Schaufenster aufhängen.
Ich möchte, daß du Kunst bist.
Wenn ich heute Abend zu Bett gehe
Und zuviel gegessen habe
Und zuviel getrunken habe
Und zuviel TV gesehen habe
Und der Zug angekommen ist
Und das Flugzeug landete
Und das Schiff angelegt hat
Und ich in der mir eigenen plattfüßigen Art
Dali und Breton wiederverkörpert habe
Und diese von meinen müden Sarg
Herausgehängt habe
Und nur nachdem die Enten gefüttert werden waren,
Werde ich von Schlaf träumen.
(USA)
Schwarze Hausdächer spiegeln den Nebel wieder.
Draußen ist bewölkte Stimmung, die mir beim Abschied
Den Rücken herunterrieselt .
Du hebst mich in die Luft - parallel zu den Schornsteinen
Und verwirrst mich mit Deinem altmodischen Kuß.
Der Ruß fällt wie nachtfarbener Schnee.
Ich fühle seinen Druck auf meinen Augen wie eisere Lider.
Ich weiß, daß ich wieder Gedichte schreiben werde,
Aber wer wird mein Herz erwärmen, wenn Du weg bist?
(Aus
"The Colors Cry In Rain")
Dieses Zimmer schrumpft - wie die Welt.
Nackte Bäume werden steif im starren Frost.
Der Sonnenuntergang wird von rauhen Bergen durchschnitten,
wie ein Schweißbogen.
Gebeugte Schatten, zum Gebet erstarrt.
Der Wind schneidet wie Aluminium.
Scharfe Vogelschwingen durchtanzen da Licht.
Die Farben der Zitrone sind die Kraft ihres Schreis.
Der Winter ist eine eigene Religion.
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Sandra FOWLER: 2 Gedichtbände: "In the Shape SunÓ (Israel) und "The Colors Cry In Rain" (USA), 1978-1989 Redakteurin bei "OCARINA" (Indien). Veröffentlichungen in den USA, Indien, Israel, Pakistan und Österreich.
(Kolumbien)
Der Engel kommt und reitet
auf der stöhnenden Einsamkeit
unter silbernen Aschenbäumen.
Die Rose verbrennt zwischen Küssen,
die sofort ersterben.
Girlanden, Archipele
und Violinen
umgeben die eisernen
Hände des Reisenden.
Befehl wurde erteilt
die Schlaflosigkeit wieder einzuführen.
Zwei Lippenpaare und zwei Tauben mit Narben
werden geboren und sterben vor Mauern,
die nicht lachen.
In dieser Nacht der Wiedererschaffung der Welt
Zittert und zerreißt alles.
Gefräßige Wolkenkratzer lachen
über das Unbegrenzbare.
Taube Hüften jammern
Zu siegreichen Trompeten.
Eine Vielzahl an Kehlen
Jubilieren.
Diese Nacht, wo alles zittert und zerreißt
Speit einen furchtbaren Gestank aus.
Sie schnitzt neue Pfeile,
die aber vor Gebrauch versagen.
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Jose Luis Diaz-Granados: 1946 in Kolumbien geboren. Seit 1979 Mitarbeiter der Zeitschrift "Sonntagslektüre". 1968, 1980, 1987, 1990 mit Preisen ausgezeichnet. Auseinandersetzungen besonders mit dem chil. Schriftsteller Pablo Neruda.
(Kolumbien)
Alle Straßen, die ich kenne,
sind ein langes Selbstgespräch von mir,
voller Menschen, die Bäume sind,
geschüttelt von dunklen Ereignissen.
Wenn die Sonne
auf den Balkonen aufbläht
und mit ihrer Wärme
den sinkenden Staub zerteilt.
Die Leute, die ich finde, sind einfach
nur Steine
ich weiß nicht warum
sie rollen vorbei.
Mit ihren Augen
schauen sie feindselig auf mich.
Bin ich denn ihnen allen ein Feind?
Ich kann bei ihnen kein freies Bewußtsein finden,
wie bei einem Verbrecher oder bei
einem Künstler,
aber ich weiß,
sie alle kämpfen für sich allein,
um das Erstrebte zu erlangen.
Alle die Straßen, die ich kenne,
sind ein langer Trauergesang.
Der Sturm meines Lebens läuft
in die falsche Richtung
oder ich habe den falschen Weg eingeschlagen.
Ich bewege mich genauso schnell wie der Fluß
so bleibt das Ufer
immer dasselbe,
es verschwindet nicht
ich lasse es nicht hinter mir,
ich lasse es nicht hinter mir,
ich bewege mich nicht vorwärts.
Ich weiß: wenn ich aufhöre zu schwimmen,
wird mich die Strömung abtreiben
- der Fluß kennt seinen Weg
sogar in Dunkelheit.
Aber ich vergesse mein Ziel
Nicht zurückzukehren.
(Bosnien)
***
Du akzeptierst nicht mein Lächeln,
meine Absicht und Hände
Du akzeptierst nicht meine Schritte,
meine ausgestreckte Hand
Du akzeptierst nicht mein Gedicht
Weiße Blumen
Das Erröten meiner Wangen verrät mich
Ich habe nichts außer Schlaflosigkeit
Oder vielleicht eine Maske zum Dahin- Verstecken!
Tausende von Laterne angezogene Fliegen sind da,
aber kein Stern
Hunderte Fischer sind unauffindbar
Der seinem Ende zuneigende Frühling
Wirft seinen Schatten auf das Fenster
Unsere Finger stellen eilig
Die Kerzen hinaus
Der ruhige Himmel,
von herumflitzenden Vögel durcheinandergebracht
der Regen weiß nicht,
wo er fallen soll!
Dich kennenzulernen
ist eine Form der Schöpfung
wir kommen und erwarten
etwas Neues von Dir
ein Zauber bewirkt eine neue Kraft,
aber anderseits:
das Leben ist eine Form des Verschwindens
wir verlassen Dich und erwarten
etwas Neues von Dir.
An die Erde
Ich wünschte,
in den Thron
der Erde
eingeschnitzt zu werden
Ich wünschte, mich
Im Herzen
des Meeres
zu verstecken
Ich wünschte,
in die Kehle
des Liedes
zu strömen
Deine Schönheit erschreckt mich,
macht mich rastlos
gibt mir heute nicht zu viel
wenn ich in Deiner Erde bin,
dann umarme mich mit deiner Wärme
ich mache Dich nocheinmal fruchtbar.
Wenn Du mich nicht durch eine Blume entdeckst,
wenn Du mich nicht meinem Gedicht beurteilst,
werde ich Dich an Sonne und Wind verraten.
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Ajsa ZAHIROVIC: geboren in Sarajewo, arbeitet als Journalistin in ihrer Heimatstadt. Schreibt Gedichte sowie Kinderliteratur Mitherausgeberin der "Skylark" (indische Literaturzeitschrift) für Jugoslawien. Mehrere in Serbokroatisch, Englisch, Italienisch usw. veröffentlichten Bände.
(Khischinew)
PROTEST
Ich protestiere.
Wenn ich recht nachdenke, habe ich das
Recht auf mehr Luft zum atmen.
Vorräte gibt’s ja noch -
vor kurzem sind ja drei gestorben.
Wenn du meinst du känntest mich fangen
hat es keinen Sinn mehr zu laufen.
komm lass uns lieber nachschauen
wen wir fangen.
Das nächste Jahrhundert?
Sei aber vorsichtig,
das vergangene
haben wir verloren
An der Kreuzung
hat der Mann auf den Schatten
der Frau getreten,
und die Frau zappelt,
schreit, verläßt ihren Schatten
und läuft.
Wenn du mir noch
deine Brüste zeigst
und wenn du dich
mir immer versteckst,
werde ich dieses Gedicht
nie zu ende schreiben:
Punkt!
Kennt ihr ihn?
Kennt ihr ihn nicht?
Warum kennt ihr ihn nicht?
Ihr werdet ihn kennen!
Übersetzung Sorin ANCA.
(Jassy)
eine düstere Ewigkeit
Am achten Tag der Woche
der länger ist als alle Ewigkeiten
werde ich
die schönsten Verse,
die jemals geschrieben wurden -
an jenem Tag werde ich deine
Schenkel mit Blumen streicheln,
die von ungesättigten Wiesen gepflückt wurden
und in unbetretene Jahreszeiten fahren,
indem ich der Einladung
folge leisten werde:
"wir bitten Sie, an den
Veranstaltungen teilzunehmen, die
anläßlich Ihrer Aufnahme usw, usw,
Veranstaltungen, die während
der Ewigkeit
stattfinden werden"
eine düstere Ewigkeit
die sehr frohe Botschaft
Dichter, du sollst nicht für die Ungläubigkeit
und die Einsamkeit deiner Nächte bluten
weil dir aus einem Heiligen Geist
dein Paar geboren wird
und ihr Name wird Jesusa sein
sie wird deine Nächte
mit Sünde füllen
und Ihr werden sich deine Aufsässigkeiten,
Schwächen, Unzulänglichkeiten widmen
um alles wahr machen,
was die Propheten nicht gesagt haben
Warum verträgst Du Jesusa
Spott, Demütigung, Auspeitschung, Nötigungen, Vergewaltigungen, Verachtung
wenn Dein Wesen Ewigkeit ist?
Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu.
(Bukarest)
(Ce se
întâmpla ?)
meine Angst vor mir selbst, Angst vor der Kraft
die ich ununterbrochen gegen mich einsetze.
Komm näher. Du bist meine Gegenwart, mein Mund aus Luft.
Bereite das Gefühl des Lebens vor
so als würdest du beim Bau einer unsichtbaren Kathedrale schuften.
Und vergiß daß du wie Augustin nur die
Tatsache zu lieben
lieben kannst. Vergiß. Liebe mich. Berühre mich.
Ich bin lebendig. Erschrecke nicht!
Enthülle meine Augen mit denen ich
Deine Zeichen erkennen kann,
die Träume, die Hände, dein Gesicht von allen Männern getragen
aus meinem Weg. Geduldig bringe mich wieder
zur Vernunft.
Gib mir die Kraft wieder eine einfache Frau zu werden
und dem Mann zu folgen der mich mir
wieder schenkte
so wie der Himmel den Vägeln die Tiefe des Freiheit schenkt,
wie das Meer den Haien die gleichgültige Gelegenheit
der Höhen.
Was passiert eigentlich? Endgültiger Brand?
Oder vielleicht noch mehr.
(Te deschizi precum noptile)
Du öffnest dich wie die weisen Sommernächte,
wie die Magnolien ; schüchtern
voller Respekt vor der am helllichten Tag
verschwundenen Sonne, ich glaube aber an ihre anmutige
Konsequenz noch einmal zu erscheinen.
Endlich, endlich geschieht was mit mir:
in dem verlassenen Garten der Fontainebleau Burg
blühen triumphierend die Magnolien
und du öffnest dich in der frostigen Luft
indem du mir von der
Prophezeiung der Erinnerungen, die uns stürmen werden erzählst.
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Aura CHRISTI: geboren am 12. Januar 1967 in Khischinew, Republik Moldova. Studium: Gymnasium "Gh. Asachi" in Khischinew,
Staatsuniversität Khischinew (Journalistik).
Lebt seit 1993 in Bukarest. Redakteurin bei der rumänischen Kulturzeitschrift "Contemporanul. Ideea europeana".
Mehrere Gedichtbände und Literaturpreise.
Dittelbrunn-Hambach)
Danach
Sonnenstrahlen blenden
verdecken
Grauen und Leid
Trauer und Haß
Klirrende Kälte
steigt aus Ruinen
erstarrte Leiber
klagen an
Spuren im Schnee
vom Blute getränkt,
schreien die Wahrheit
in den Tag!
Nur ein
Fremder
Im bleichen Mondlicht
glitzern frostig
Schneekristalle
eisiger Wind
läßt ihn erstarren
den Fremden
draußen vor der Tür
In lodernder Glut
knistern wohlig
Buchenscheite
den Ruf des Fremden
wollen sie nicht hären
die Leute
drinnen am Kamin
Das erste Tageslicht
läßt schauernd
war nur ein Fremder
draußen vor der Tür
(Ludwigsburg)
Morgendliches
Aus dem Meer fließen hinab die Sonnenstufen
Aufs trockene Land, ausgedörrt
Von Bemühungen
Ameisen
Steigen treppauf und treppab
Und öffnen der Ferne die Augen
Stilleben
Niemand leuchtet hinaus aus
Der in Dunkel geparkten Tram
Schlaftrunken gähne ich nicht
Um auf keinen Fall das Gleichgewicht
Zu stören
der Herr Prediger sprach schön
der Herr Zuhörer härte schön zu
der Herr ohne bestimmten Status in der unterbewertete
Wirtschaft des Abends sprach schön
(es könnte sein, daß er derjenige war, der sich
vorbereitete eine Jeansjacke für ein Uniform ohne
Abzeichnungen und Pistole zu tauschen oder der,
der aus seiner Uniform mit Gürtel und Pistole
verjagt wurde fror in seinen breiten aus der Mode
gekommenen Mantel) was zum Henker hatten sie alle,
daß sie so schön sprachen
während wir nichts anderes zu tun hatten
als die schon verfilzten Haare des
Fußgängerverkehrs zu flechten
(Bukarest)
Saludos (10. Folge)
Alles fing mit einer seltenen Ausgabe der Essays von Montaigne an, einem zerfetzten Exemplar, das ich in einem Antiquariat an der Seine gekauft hatte. Ich blätterte es in einem kleinen Bistro in der Rue de la Huchette durch. Einer vom benachbarten Tisch fragte mich, in welchem Jahr das Buch gedruckt worden sei. Der Mann war Sey Mondy. Der Wanderer. Der große Wanderer. Der LETZTE WAHRE WANDERER. [...] Ich lud ihn ein, an meinen Tisch zu kommen, wo ich ihn noch einige Nächte lang traf, und er mir erstaunliche Sachen erzählte. [...] Ich war wie eine Art Resonanzschachtel: seine Geschichten waren nicht an mich adressiert. Aber ich zahlte mit meiner Anwesenheit. Ich härte ihm (obwohl mir seine Erzählung gefiel) schon mit einer gewissen Heimtücke zu. Ich suchte nicht mehr nach dem Sinn, sondern ich versuchte den Schlüssel zu finden! Weil man nicht umsonst die Erde bis zum Ende aller Zeiten umrundet! Nicht einmal für eine Million tut man so was! Es könnte sein, daß Sey es nicht erfunden hatte. Jedenfalls, nicht die ganze Geschichte. Es ist schwer, so viel zu fabulieren...
"Aber jetzt sitze ich hier und erzähle Märchen während Magirus um mich pirscht. Er ist in der Nähe, ich fühle es. Immer war er in der Nähe, besonderes in den letzten fünfzehn Jahren. Er wartet darauf, daß ich einen Fehler mache... Daß ich mich der Jury stelle, und daß er hinterher erscheint um alles zu bekommen. Die Million könnte von mir aus verloren gehen, aber der Ruhm! Ich bin ein Mensch und - um Terentius zu umschreiben - als Mensch ist mir gar nicht fremd. Ich habe mein Leben darauf verschwendet, um zu gewinnen. Ich habe ehrlich gespielt, er ist auf die Pirsch gegangen. Auch jetzt spioniert er. Es ist schwer, ihn zu entdecken, er ist ein Meister der Maske. Er hat Toup’s, Hüte, Schnurrbärte und Strumpfmasken, die feiner sind als ein Spinnennetz, er kann jede Gestalt annehmen. Er travestiert oft: als alte Frau mit Warzen auf der Nase, Nonne, doofe Bäuerin, lepröse Bettlerin, armselige Oma, die man auf die Haare und Stirn streicheln möchte. Es ist aber besser so. Von ihm verfolgt laufe ich besser. Magirus belebt den Wettbewerb, er ist meine unsichtbare Peitsche. Weil ich mich immer entkräfteter fühle: Diesen unendlichen Weg wird es immer schwieriger, weiter zu verfolgen. Ich trage seit zwei Wochen einen Gipsverband an einem meiner Knie. übermorgen bin ich ihn los. Ich werde weiterziehen. Ich kann nicht stehen bleiben. Ich bin seit mehr
als fünfzehntausend Tagen unterwegs! Fünfzehntausend Mal bin ich Morgens nicht in meinem Bett aufgestanden! Einmal bin ich in einen Mohnfeld aufgewacht. Die Mohnblumen wogten sich hin und her, ich war eingetaucht in ein rotes Meer. Sind Sie jemals in einem Mohnfeld aufgestanden?"
Es war nicht das erste Mal, daß Sey mir einen solchen Wink gab. "Haben Sie es getan...?", "Haben Sie es gemacht....?" Ich war ihm aber trotzdem dankbar, daß er mir normale Fragen stellte. Er fragte mich nicht, ob ich einen Elefanten gejagt oder eine Geliebte in Amazonien oder auf den Philippinen gehabt habe.
"Nein, ich habe niemals in einem Feld geschlafen", sagte ich.
"Es ist besser so, man kann sich leicht erkälten!"
Er betrachtete mich als einen Weichling. Ich hatte bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einer Vorstadt gelebt, ich konnte es mit dem stärksten Schläger aufnehmen und konnte leicht größere Mengen stärkste Getränke saufen, auch wenn ich es nicht zu oft getan hatte. Ich hatte so einige Frauen kannengelernt, für eine Weile wurde ich für einige von ihnen wie ein Ehemann. Auf einem Feld aber habe ich niemals geschlafen! Und damit wollte mir Sey imponieren?! Ich fand es besser, vom Thema abzulenken.
"Haßt Du Paris?", fragte ich ihn.
"Nein. Ich komme immer wieder mit Freude zurück. Aber sie vergeht mir schnell. Einmal, in Kenia, bin ich auf einem gezähmten Zebra geritten. Es flog. Wir flogen. Kein Pferd vermag ein gezähmtes Zebra zu überholen. Das reicht mir, um an alles zu denken, was ich hier nicht tun kann. Um insbesondere an die Menschen zu denken, die ich kannengelernt habe... Gute, schlechte, reiche, kluge, bläde Menschen... Einmal bin ich zusammen mit einem Adeligen gereist. Es war in Mexiko. Er war ein französischer Graf. Verarmt, pleite, diebisch, kultiviert, ein rassiger Ganove war er. Er hatte die chilenische Staatsangehörigkeit. Hat es mir mit einem grünen Paß bewiesen. Er hatte auch für seinen Titel eine Urkunde, aus dem siebzehnten Jahrhundert, gültig für alle Nachkommen von André Mongrédien, Ritter eines vergessenen Känigs. Er hieß auch André Mongrédien, mein Herr Graf, falls die Urkunde nicht gefälscht war. <Warum stiehlst du?>, fragte ich ihn, als ich gesehen hatte, daß er immer auf Diebestour war. <Vielleicht haben meine Vorfahren dasselbe getan, weil ihr Reichtum unvergleichbar war!>, sagte mir der Typ. <Ich weiß nicht, wie sie gestohlen haben: im Geheimen, wie die Diebe, mit der Waffe in der Hand, wie die Räuber, oder unter dem Mantel des Gesetzes? Hat man eine geeignete Position erreicht - was braucht man dann mehr? Das ist Leben, Alter! Und der nötige Respekt kommt dazu. Die Gosse respektiert diejenigen, die ans Geld kommen, ohne einen Finger dafür zu bewegen. Der Staat muß bestohlen werden - sagt sich die Gosse - weil er am meisten stiehlt. Dann können die Dinge sogar ehrenvoll erscheinen. Meine Eltern, zum Beispiel, waren Erben, reiche und ehrliche Erben.
Ich war auch Erbe. In Mexiko hatte ich einige Pferdezüchtereien. Ich habe sie beim Kartenspiel verloren. Im ersten Jahr nach meiner Volljährlichkeit habe ich alles verspielt. Die Peonen haben die letzten Hengste gestohlen. In einer Nacht hat jemand die Stallungen angezündet. Die Izard-Bank, wo ich meine eiserne Geldreserve hatte, ging pleite. Das war Pech. Um das einigermaßen wiedergutzumachen stehle ich, hin und wieder, was mir andere gestohlen haben. Alles ist zu nehmen. Die Welt ist ein Räuberroman... Das ist sicher... Und einige bessere Banditen versuchen, die schlechteren auszumerzen. Oder umgekehrt.> So sah der Graf (?) André (de?) Mongrédien die Menschen. Einmal träumte ich schlecht und als ich aufwachte, habe ich ihm gesagt, er soll aufpassen. Er wußte, daß ich es nicht im Spaß sagte. Er hatte von mir schon Prügel sowie mindestens zwanzig Gläser Wein bekommen. Wenn ich ihn beim Stehlen erwischte, gab ich es ihm! Ich prügelte ihn schwarz und blau. Umsonst. Wir befanden uns in einem Krieg, wo ich den guten Banditen spielte. Er konnte auch einen anderen Weg nehmen, er war nicht verpflichtet, mir nachzulaufen. Er hatte aber eigentlich eigene Absichten. Eines Tages, um die Mittagszeit, auf einem Rastplatz auf der Ebene, habe ich ihn überrascht, als er den Inhalt einer gestohlenen Geldbörse überprüfte. Er wußte, was kommt, und bevor ich einen Finger rühren konnte (weil ich nicht daran dachte, daß er aggresiv werden konnte), haute er mir den Feldspaten über den Kopf, daß ich K. O. ging. Er hat gewartet, bis ich wieder zu mir kam, um falls nätig mich erneut zu hauen. Ich konnte es sowieso nicht tun, ich hatte mich erst auf einen Ellenbogen gestützt. Er fing an zu schreien. Es war ein Grollen. <Du hast mich ich weiß nicht mehr wie oft verprügelt! Ich habe nichts gesagt. Ich konnte bis jetzt deinen Schädel schon äfters spalten, so wie ich es auch jetzt in dieser Abgelegenheit machen kännte. Wie lange glaubtest du, würde ich deine unermessliche Ehrlichkeit ertragen? Dein Ekel für die, die stehlen, für die, die lügen, für die Nutten, von welchen du nur aus Angst vor Krankheiten wegrennst, aber genauso verschmutzen würdest wie alle Frauen, die du einmal berührt hast? Was ist dir heilig? Falls ich nur eine der Liebschaften erlebt hätte, die dir vergönnt waren, wäre ich vielleicht heute nicht das, was ich geworden bin! Du hast das Vertrauen Aller enttäuscht! Du hast gestohlen und hast Dinge mit den Füßen getreten, die weit wertvoller sind als eine Geldbörse! Ich habe die Nase voll von dir! Ich habe deine Schläge nur deswegen ertragen, da ich dich höher eingeschätzt habe. Häher als du sein kannst! Aber du hast dich genauso wie alle Moralisten der Welt benommen! Ein Pack Lügner, nur leere Wärter! Wie viele von euch haben sich eine Hure zu Frau genommen und sie vor den Altar gebracht? Sie vor Gott gebracht, um sie zu retten? Um euch zu retten, weil ihr, ihr seid des Lügens! Warum verlangt ihr nicht von den Gerichten, einen Dieb, einen Kriminellen bei euch zu Hause, in dem freien Nebenzimmer, einzuquartieren? Einen Sexbesessenen, einen Gehirngeschädigten, einen Sterbenden? Es ist doch für solche Leute, für welche ihr euch bemüht? Bücher! Reden! Gesetze! Anstalten! Tritte und Schläge! Zellen! Exekutionskommandos! Ihr wollt die Sünde ausrotten, und weil ihr nicht wisst wie, schlagt ihr rund um euch herum! Ihr, die Unfehlbaren! Die Makellosen! Ihr, die Kriminellen!>
Als ob ich ihn mit den Spaten zusammengeschlagen hätte... Er ließ mich liegen, ohne meinen Schädel tatsächlich zu spalten... Vielleicht war er tatsächlich ein Graf... Nichts ist sicher auf dieser Welt... Ich kann es kaum erwarten weiterzuziehen. Es wird vermutlich die letzte Erdumrundung sein. Gleich nachdem mein Gips abgenommen wird, verschwinde ich klammheimlich. Soll Magirus noch ein Jahrhundert auf mich warten! Nur daß... der Verdammte wird es wittern und mir wieder auf der Spur sein. Ich glaube, er ist mein zähester Konkurrent! Die anderen sind auch besondere Menschen gewesen. Ich muß mich nur erinnern, was alles bei der Einschreibung passiert ist... Einer konnte aus der Hand lesen, ein anderer kannte eine Art chinesischer Massage, die Wunder vollbrachte, zwei Zwillinge konnten auf dem Seil boxen... Das wurde auch ihr Verhängnis: in Indochina, während eines Auftritts, hat jemand das Seil gekappt. Es hing vierzig Meter hoch, über einer Saigoner Hauptstraße. Sie hatten große Gewinnchancen. Es ist leichter, zu zweit. Ein langhaariger Typ konnte einen Spinnenfaden mit einem Stein treffen, einer, aus Lyon, konnte unter Wasser singen, in einem speziell eingerichteten Wasserbecken, und ein unscheinbarer Kleiner konnte jeden hypnotisieren, der sich ihm entgegensetzte. Und da war noch einer, auch eine Art Fakir, der nur mit einem Tropfen Wasser und ohne zu essen wochenlang überleben konnte. Zwanzig Tage wurde er von dem Veranstalter in absolutes Isolation gehalten und am Starttag war er immer noch bei Kräften. Ich habe gleich Gefahr gewittert. Dieser war Magirus und er war der begabteste Konkurrent. Ich mit meinen Kartentricks hätte vielleicht am schlechtesten abgeschnitten, wenn ich nicht auch singen konnte. Das war etwas Ernstes, kein Trick. So fühlte ich mich in nichts jenem unterlegen, der nur mit Kraft der Konzentration Flaschen zerbrechen konnte, oder jenem, der jedes Schloss der Welt öffnen konnte, indem er es nur mit einem Silberstab berührte! Die Schlüssel der Schlüssel! Ein genialer Einbrecher, der den Wettbewerb in einem Gefängnis in Tasmanien beendet hat. Wie man sieht, wußte diese kleine Armee von neunzehn Nichtsnutzen eine ganze Menge Tricks. Leute, die gewohnt sind, vom Monatsgehalt zu leben, trauen sich nicht solchen Wege zu gehen! Wir waren eine Macht: jung und furchtlos, vielleicht ein bißchen unverantwortlich und abenteuerlich gesinnt. Wir waren es satt, das zu hären und zu sehen, was wir tagtäglich sahen und härten. Mit uns selbst unzufrieden. Der Wettbewerb war etwas Unerwartetes. Man gab uns die Gelegenheit, uns innerlich zu reinigen; das war uns nicht bewußt, wir machten es mehr aus Instinkt heraus. Ich frage mich öfters, was mit den anderen Teilnehmer geschehen ist. Vier Jahrzehnte kann man nicht mit Zirkustricks überstehen. Ein Beweis dafür scheint es mir, daß sich seit fünfzehn Jahren keiner mehr gemeldet hat, um zu versuchen, den Preis zu bekommen. Es gibt noch jenes Büro, ich gehe immer vorbei, wenn ich in Paris bin. Auch heute noch steht auf seine Türe: TARDIF-GLOBE-TROTTER. Keiner geht rein, keiner geht raus. Es sieht wie eine Falle aus. Gehst du rein, fertig, schon bist du als Angekommener gemeldet. Und Magirus kann es kaum erwarten. Er alleine, ich bin mir sicher. Die anderen sind entweder tot oder haben aufgegeben. Weil man sich nicht irgendwo zur Ruhe setzen kann und hinterher plötzlich auftauchen: <Ich bin der letzte: gebt mir meine Million!". Man muß beweisen, durch die im Paß eingetragenen Visen, sowie durch andere Stempel, die in einem Extraheft eingetragen sind, daß man unterwegs war. Ich habe meinen Paß ich weiß nicht wie oft erneuert, und mein Extraheft ist so dick wie ein Meyers-Lexikon, ich habe fast zweitausend Seiten dazugeklebt... Es ist das Schwerste, was ich mit mir herumschleppe. Ich passe darauf auf. Ich befühle es im Rucksack. Ich schlafe mit ihm unterm Kopf. Das Heft wird eigentlich den Wettbewerb gewinnen. Ich werde nur sein Übehrbringer sein. Ohne diesem Schinken, der an meinen Kräfte zehrt, würde Magirus gewinnen. Er würde sein Register herausziehen und fertig."
"Und wenn es außer Magirus noch andere Konkurrenten gibt?", fragte ich.
"Unmöglich!", versicherte mir Sey. "Seit mehr als fünfzehn Jahren ist kein Teilnehmer durch Bahia Blanca gegangen. Nur ich und Magirus. Es gibt dort ein spezielles Büro. Auch durch Kapstadt und Perth, andere Kontrollpunkte, ist in dieser Zeitspanne keiner gegangen. Und eine Weltumrundung darf zwölf Jahre nicht überschreiten. Man weiß nicht mehr, mit der Zeit umzugehen. Magirus erscheint regelmäßig ein oder zwei Stunden nach mir. In dem Kontrollregister sind auch die Minuten eingetragen. Wir müssen auch unterschreiben, unsere Unterschrift wurde registriert. Das eingetragene Datum ist nicht geheim, das war ein Fehler der Veranstalter. Oder vielleicht kein Fehler, nur ein Versuch, uns zu verunsichern. <Was tun, wenn sich nach einiger Zeit, ein anderer Teilnehmer meldet?>, kann man sich fragen. Und man macht noch eine Erdumrundung, um es zu überprüfen! Weil sich in das Pariser Büro keiner traut. Jetzt ist die Lage klarer: es sind nur zwei übriggeblieben. Ich weiß nicht, welcher von uns verrückter ist..."
"Und trotzdem, was wäre, falls nach Ihnen, in der Annahme, daß Sie Magirus besiegen und der Preis einkassieren, noch ein Teilnehmer erscheinen würde? Stellen wir uns eine solche Situation vor. Die Lorbeeren werden Ihnen genommen, das ist klar, aber die Million? Man kann sie verpulvern oder sich in irgendeinem unbekannten Fleckchen Erde zur Ruhe setzen..."
"Den Lorbeerkranz und den Preis bekommt man im Prinzip achtzig Tage nach der Ankunft. In der Praxis, noch dreißig Tage später. Falls ein anderer Teilnehmer sich meldet. Und falls sich keiner meldet, fragt man bei den Kontrollpunkte nach. Eine neue Registrierung läßt der <Gewinner> leer ausgehen..."
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wird fortgesetzt -
(München)
Der Erste Mai, der Demonstrations- und Feiertag der internationalen, sozialistischen Arbeiterbewegung, fand erstmals 1890 als Massendemonstration statt, auch in München.
Die sozialdemokratische Zeitung "Münchener Post" berichtete am 2. Mai 1890 über den "Weltfeiertag": "Der von Tausenden mit Angst und Schrecken, von anderen Hunderttausenden mit Freude und froher Zuversicht erwartete 1. Mai ist nun vorüber und war sein Verlauf, wie wir und alle Verständigen mit uns nicht anders erwarteten, von Anfang bis zum Ende ein weihevoller, würdiger".
Obwohl die meisten Menschen an jenem Werktag arbeiten mußten, sammelten sich schon am Morgen zahlreiche festlich gekleidete Proletarier in den ausgewählten Gaststätten, um den Reden der sozialistischen Referenten zu lauschen. Die überfüllten Lokale und die Straßen der Stadt standen dabei unter Beobachtung der berittenen Polizei.
Gegen Mittag zogen die Versammlungsteilnehmer zu Ausflugslokalen vor der Stadt, wo man den Nachmittag unter sich verbrachte. Gegen Abend in die Stadt zurückgekehrt, traf man sich dann mit denjenigen, die sich den Tag nicht hatten freihalten können. Gemeinsam feierten die Sozialisten jenen Ersten Mai bis spät in die Nacht.
Die "Münchener Post" kommentierte die misstrauische Polizeipräsenz sarkastisch: "... waren sämtliche Straßenkreuzungen von derartigen Schutzengeln besetzt. Da sage man noch, Deutschland habe keine Arbeiterschutzgesetze!" Und resümierend: "Mit Befriedigung kann jeder auf den Tag zurückblicken und hoffen wir, denselben im nächsten Jahre mit mindestens doppelter Stärke feiern zu können!"
In den folgenden zehn Jahren nahm die sozialistische Bewegung auch in München einen großen Aufschwung. Zum Ersten Mai 1900 rief die "Münchener Post" alle "Arbeiter, Arbeiterinnen, Parteigenossen" auf: "Rüstet euch zur Feier des Weltfestes!"
Abgehalten wurden vormittags zehn große Versammlungen, auf denen Ð als Ausdruck des zunehmenden politischen Einflusses Ð die Landtagsabgeordneten der SPD sprachen.
Am Nachmittag zogen die Demonstranten mit Musik und Gesang in die Isarauen, um am Abend wieder in der Stadt auf acht Versammlungen den Ausführungen der Redner zu folgen. Für den nächsten Sonntag, den 6. Mai 1900, wurde ein "Großes Volksfest" in der Ausflugswirtschaft Holzapfelkreuth angekündigt, so daß alle Interessierten mit ihren Familien teilnehmen konnten.
Die Gesangsvereine des Arbeitersängerbundes München gaben ihr Bestes, Volksbelustigungen sorgten für Kurzweil und ein Schauspiel namens "Huldigung der Freiheitsgöttin" verlieh dem Fest eine politische Färbung.
Doch die Zeiten wurden ernster, der Krieg stand vor der Tür. Mit ihm verschwanden Musik, Gesang, Ausflüge und die Hoffnung auf eine hellere Zukunft. So rief die "Münchner Post" etwa zum Ersten Mai 1918 mit folgenden Worten auf: "Im vierten Jahr des furchtbarsten Krieges, den die Welt je gesehen, eines Krieges, der ungeheure Blut- und Gasopfer der Menschheit abforderte, ist es die Pflicht und die Aufgabe der Arbeiterklasse, die Ideale und Forderungen, die der Maifeier zugrundeliegen, wieder vor aller Öffentlichkeit zu bekennen und für deren Verwirklichung mit allem Nachdruck einzutreten... Die Arbeiter begeben sich unmittelbar nach Arbeitsschluss von der Arbeitsstätte in die für sie bestimmten Lokale".
über den Verlauf der Veranstaltungen schrieb die Zeitung: "Dem Ernst der Lage entsprechend, feierte die Arbeiterschaft Münchens den 1. Mai nicht durch Arbeitsruhe und im sonntäglichen Gewande. In den Sälen erinnerten weder Musik noch Gesang an den hltkrieg aufzehrt."
Mit dem Ende des Krieges brach Anfang November 1918 in München die Revolution aus. Der neue Ministerpräsident Kurt Eisner rief den freien Volksstaat Bayern aus, am 21. Februar 1919 wurde Eisner von dem Offizier Anton Graf Arco ermordet. In München entstand eine anarchistische Räterepublik gefolgt von einer kommunistischen nach Moskauer Vorbild. Ausgerechnet zum 1. Mai 1919 kehrte der Krieg in München ein. Gegenrevolutionäre Truppen und Freiwilligenverbände schlugen die Räterepublik mit äußerster Brutalität zusammen. Hunderte von Menschen fielen dem Wüten zum Opfer. Jener 1. Mai 1919 galt seitdem als schmachvolle Niederlage gegen die Rechtsradikalen beziehungsweise als glanzvoller Sieg über die Roten Ð je nach Sichtweise.
Typisch für das sich ständig verschärfende rechtsradikale Klima in München standen die Vorkommnisse am 1. Mai 1923.
Die sozialistischen Gewerkschaften hatten ihren traditionellen Festzug angekündigt.
Diese Maifeier stieß bei den Rechten auf großen Widerspruch, da man die Meinung vertrat, der 1. Mai sei der Feiertag der Befreiung Münchens von der kommunistischen Räterepublik und sonst nichts. Die rechtsradikalen Verbände riefen deswegen ihre Anhänger zu bewaffneten Gegenaktionen nach München. Die Sozialdemokraten sollten "abgeschossen werden wie die Hunde", wie man sich ausdrückte. Die bayerische Regierung und das Polizeipräsidium waren der Meinung, daß eine solche Demonstration durchaus erlaubt werden känne.
Am Morgen des 1. Mai 1923 sammelten sich die "Vaterländischen Verbände" auf dem Oberwiesenfeld, aufgeheizt durch gezielte Gerüchte, es stünde ein sozialistischer Putsch bevor. Um ihn abwehren zu können, drangen einzelne Gruppen in die umliegenden Kasernen ein und brachten Gewehre, Maschienengewehre, Geschütze, sowie einen Panzerwagen in ihren Besitz. Die Reichswehroffiziere ließen dies geschehen.
Inzwischen hatten sich auf der Theresienwiese 40.000 Menschen zur Gewerkschaftsfeier eingefunden. Um ein Blutbad zu verhindern, kreisten Reichswehr und Landpolizei die Verbände, die inzwischen unter Adolf Hitlers Oberbefehl standen, ein.
Sie gewährten ihnen freien Abzug unter der Bedingung, daß sie vorher ihre Waffen abgäben.
Dennoch konnte es zu einem kennzeichnenden Vorkommnis kommen. In Schwabing, griffen 1700 Nationalsozialisten eine Gruppe von 90 Gewerkschaftern an. Die Polizei beendete den Angriff, indem sie die Angegriffenen auseinandertrieb.
Zehn Jahre später wurde der 1. Mai zum bezahlten Feiertag. Wofür die Sozialisten lange Jahre gekämpft hatten, das setzten die nun seit kurzem an der Macht sitzenden Nationalsozialisten durch.
Das Münchener Gewerkschaftshaus war bereits am 9. März 1933 von der SA besetzt worden, so daß die Marschrichtung klar war. Am 1. Mai 1933 nun, dem "Tag der Deutschen Arbeit", versammelten sich so viele Menschen wie nie auf der Theresienwiese, denn es herrschte ja Arbeitsruhe.
Offizielle Vertreter von Personengruppen, die bislang zu den schärfsten Gegnern der sozialistischen Arbeiterbewegung gehört hatten, nahmen jetzt an der offiziellen Mai-Kundgebung teil: Studentenverbindungen, Kriegervereine, Schützenverbände, rechtsradikale Freikorps, SA, SS, hohe Offiziere der Reichswehr. Zweck dieses 1. Mai war nicht die Förderung der Arbeiterbewegung, sondern ihre Neutralisierung und Funktionalisierung für die geplante große Aufrüstung.
Dies zeigte auch ein Kommentar des "Völkischen Beobachters" in seiner Wortwahl: "Die gewaltigste Heerschau Münchens. Die ganze Bevälkerung marschiert. Arbeiter, Bauern und Soldaten auf dem Marsch. Der Marsch der Hunderttausende. Das Riesenheer der Arbeit marschiert. Deutschlands Jugend marschiert in eine glückliche Zukunft. Das Arbeiterdeutschland marschiert!"
Tatsächlich brachte der nächste Tag die offizielle Auflösung und Enteignung nicht nur des sozialistischen, sondern auch der christlichen Gewerkschaften. Ihr Eigentum wurde Grundstock der am 10. Mai 1933 gegründeten "Deutschen Arbeitsfront", deren kriegerischer Name Programm war. Fortan bedrohten keine Tarifauseinandersetzung mehr die profitable Aufrüstung. Der 1. Mai 1936 schließlich stand unter dem von Adolf Hitler ausgegebenen Motto: "Der wahre Sozialismus aber ist die Lehre von der härtesten Pflichterfüllung".
Am 1. Mai 1939 wurde der für Jahrhunderte gedachte Feiertag zum letzten Mal begangen; danach mußte jede Arbeitsstunde für die Kriegswirtschaft genutzt werden.
Und dieser Krieg endete für München zum 1. Mai 1945. Am Vortag waren Truppen der VII. US-Armee in der Stadt einmarschiert und hatten sie kampflos eingenommen. Der Krieg war damit dorthin zurückgekehrt, von wo er Ð zunächst geistig Ð Anfang der zwanziger Jahre seinen Ausgang genommen hatte: in die "Hauptstadt der Bewegung". Der 1. Mai 1945 war der erste Tag des Friedens, der vom einen als Zusammenbruch, vom anderen als Befreiung empfunden wurde.
Zur zweiten Personengruppe zählten sicher Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter, die sofort begannen, ihre zwälf Jahre lang unterdrückten Organisationen wieder zu beleben.
Die bayerische Staatsregierung erklärte den Ersten Mai wieder zum staatlichen Feiertag, der zum 1. Mai 1946 auf der traditionsreichen Theresienwiese begangen wurde. Die Gewerkschafter riefen zur Beteiligung daran, für Völkerfrieden und Arbeitsschutz auf.
Ungefähr 60.000 Menschen folgten diesem Aufruf und zeigten damit, daß die Gewerkschaftsbewegung die Stürme der letzten Jahre überdauert hatte. Wie vor 1933 wehte am Gewerkschaftshaus an der Landwehrstraße 7-9 die rote Fahne.
Die Bundesrepublik Deutschland stand kurz vor ihrer offiziellen Gründung, als der 1. Mai 1949 Ð nun auf dem Känigsplatz Ð begangen wurde. Ob Zufall oder nicht, so steht dieser Ortswechsel symbolisch für den neuen Stellenwert, den die Gewerkschaften im neuen Staat einnehmen sollten.
Bislang hatten die Unternehmer, insbesondere die Schwerindustrie, eine treibende Kraft in der deutschen Innen- wie
Außenpolitik dargestellt. Die katastrophalen Folgen konnten nun besichtigt werden. Um dies in Zukunft zu verhindern, verlangten die Kriegssieger eine entscheidende Einbindung der Gewerkschaften in das westdeutsche Wirtschaftsleben. Die Gewerkschaften wurden zu einer der tragenden Säulen der Bundesrepublik. Dies fand seinen Ausdruck auch darin, daß am Münchner Gewerkschaftshaus zum ersten Mal nicht mehr die rote, sondern die schwarz-rot-goldene Fahne wehte.
Alte und neue Zeiten zeigten sich am 1. Mi 1950. Auf Anordnung der bayerischen Staatsregierung, die damals ausschließlich aus Mitgliedern der CSU bestand, waren erstmals seit 1890 alle öffentlichen Gebäude an diesem "Tag der Arbeit" beflaggt. Das waren die Zeichen der neuen Zeit. Die alten Zeiten kamen in der Rede des Gewerkschaftsführers Max Wönner zum Ausdruck. Er drohte, keine Macht der Welt werde die arbeitendenden Menschen davon abhalten, die bestehende Gesellschaftsordnung zum Abtreten zu zwingen, sollten nicht grundlegende gewerkschaftliche Forderungen erfüllt werden.
Die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet am Schluß der Kundgebung: "Tief beeindruckt rissen die eng eingekeilt stehenden Massen, unter denen die ältere Generation dominierte, die Hüte von den Köpfen und sangen: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!".
(München)
Vor Genies steht die ungewöhnliche Aufgabe, rechtzeitig auf die Welt zu kommen. Die Zeitgenossen von Johann Wolfgang von Goethe bewältigten im ganzen ihre Aufgabe. Die Europäer erkannten klar und verstanden den großen philosophischen und romantischen Einfluß der Werke Goethes. Die zweite Hälfte seines Lebens wurde von vielen Verehrern mit Achtung erwähnt. Als der französische Kaiser nach Deutschland eindrang, hielt er es für notwendig, den großen deutschen Dichter zu empfangen. (Sein ganzes ihm gebliebenes Leben lang schämte sich Goethe wegen seines Besuch bei Napoleon, für den die Ideale der Revolution nur ein Trampolin zur Macht waren). Bekannt sind die Reisen nach Weimar der russischen Schriftsteller P. Wjasemski, A. Turgenew, Küchelbecker und vieler anderer. Goethe war einer der Literaten an der Grenze des 18. zum 19. Jahrhundert, der am meisten in die russische Sprache übersetzt wurde. Goethe wußte es, aber er wußte nicht, daß seine Werke eine scharfe Kritik der russischen Zensur hervorriefen. Der Konservatismus und die Willkür der Moralhüter "in der Einstellung verschiedener Unbequemlichkeiten, die bei freiem unbegrenzten Buchdruck vorkommen" wurden gesetzlich durch den Erlaß von Zar Paul I. am 16. September 1796 sanktioniert. Der Despotismus der Bürokraten aus der Zensur wurde nur von ihrem Verstand und ihrer Erziehung begrenzt. Drei Jahre nach dem Zarenerlaß verbot der Zensor Fjodor Timkowski die Verbreitung von 552 aus 639 Büchern, für welche die diesbezügliche Erlaubnis beantragt worden war! Unter den mißbilligten Büchern zum Lesen befand sich auch das Buch "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796) von Goethe. Weswegen war denn der deutsche Dichter für Herrn Timkowski unerwünscht? "In diesem Buch gibt es folgendes Bedenken: auf S. 21 und 22 ist eine Sammlung komischer und satirischer Puppen gegeben, die den Zar Saul, Iophan, den Propheten Samuel, David und andere darstellen".
Der Zensor zitiert den Text des Autors: "Wer verbietet dir, wenn du in einer Umarmung des Einen bist, an einen anderen zu denken?" und belehrt moralisch, "das scheint unanständig und verführerisch auf die Jungfrauen und Frauen zu wirken". Obwohl dies für männliche Personen nicht verboten ist. "Auf S.141 und 142 gibt es unanständige Erzählungen über die Zarenwürde".
Über 30 Bedenkgründe schrieb der Feindschaftssucher auf. Auch den Reinicke Fuchs hat er verboten. Herr Timkowski war unzufrieden, "weil die Bäsewichte oft über das Gerechte triumphieren, weil sie oft schlau und verlogen sind und die Gerechten nur ehrlich und fleißig sind. Auf Seite 142 scheint die Berufung des heiligen Geistes als Fuchs nicht gerade richtig zu sein. Auf S. 219 ist ein leichtsinniges Gespräch über den Treueid. Auf S. 283 ist eine verborgene Satire auf die Selbstherrschaft der Regierung. Die Seiten 301 bis 304 bringen eine Satire auf die Verwaltung und Tätigkeit des römischen Papstes".
Der sowjetische "GlawLit" (Der Hauptlitverlag) war ein würdiger Nachfolger der Zarenzensur. Nach einigen Auszügen kann man nicht sofort das 18. vom 20. Jahrhundert unterscheiden. Einer besonders starken Kritik unterlag "Faust". Die erste volle Übehrsetzung wurde vom Dichter Eduard Guber übersetzt und im Jahre 1835 zur Veröffentlichung vorgeschlagen. Eduard Iwanowitschs vieljährige Arbeit wurde von der Zensur völlig abgelehnt, und der verstimmte Übersetzer vernichtete im Zorn sein Manuskript. Eine große Rolle in der Herausgabe von Goethes Werken in russischer Sprache spielte Puschkin. Auf sein Drängen und unter seiner Aufsicht begann Guber die Übehrsetzung von neuem und Ende 1838 wurde "Faust" endlich veröffentlicht: mit 40 Änderungen! Den Lesern blieben der "Prolog im Himmel" aus dem ersten Teil der Tragödie und der ganze zweite Teil unbekannt. Die nächste Ausgabe der Übehrsetzung von Guber war auch lange nicht vollständig und wurde im Jahre 1859 veröffentlicht. Doch diese Ausgabe schlug eine Bresche durch die Zensur auch für andere Übehrsetzungen von "Faust". Der Petersburger Herausgeber A. F. Marx beabsichtigte im Jahre 1888 "Faust" mit Illustrationen deutscher Maler herauszugeben. Das Zensurkomitee erlaubte nur 1550 Exemplare zum Preis von 30 Rubel zu verlegen. Aber nur sehr wenige konnten dieses teuere Buch kaufen. Mit großen Schwierigkeiten hatte die Aufführung von "Faust" auch in der Theaterinszenierung zu rechnen, z. .B. äußerte der Hauptpresseverwaltungschef E. Feoktistow vorsichtig folgende Meinung: "Im großen und ganzen, nicht ausführlich über die Untauglichkeit solcher Art philosophischer Werke zur Vorstellung für jegliches Publikum gesagt, finde ich noch, daß verschiedene ärtliche Bedingungen im zweiten Teil von „Faust“ ungeeignet für die Bühne sind". Der Zensor hat sogar Angst, dem Papier anzuvertrauen, in welcher Weise das Werk Goethes so gefährlich ist. In seinen Schlussfolgerungen sind fast immer nur angedeutete Gedanken, oft gebraucht er doppelsinnige Worte wie "unbequem", die aus dem Erlaß entliehen sind. Und weiter ist Feoktistow auch sehr unverletzbar und gewandt: "All die Stellen im Drama, in denen der anonyme Kaiser erscheint (obwohl auch ein rein deutscher) können beim Publikum unangenehme Demonstrationen hervorrufen. Die Szene des Maskarades, die mit dem Feuerwerk schließt, welche die französische Revolution schildern soll, ist meiner Meinung nach auch unbequem". Im Gutachten des Augenzeugen ist das Angstgefühl zu erkennen. Aber der Zensurchef befürchtete doch nicht die blutigen Nihilisten-Terroristen...
"Faust" befriedigt Herrn Feoktistow aber gar nicht: "Der Kaiser wendet sich an die Zauberei, an die dunkle Kraft, um die Untertanen zu besiegen. Und das ist auch für die Bühne nicht geeignet. Die Szene der Ausgabe des Papiergeldes als Folge der Mephistohetze ist überhaupt nicht für das wenig gebildete Publikum". Diese Szene, Herr Feoktistow, ist noch gefährlicher für das gebildete Publikum, um so mehr, weil doch das wenig gebildete Publikum solche Vorstellungen nicht besucht. Ich kann die Szene hervorheben, wo das Verfahren der Schöpfung des Menschen in einer Retorte auf chemische Art und Weise gezeigt wird. Natürlich ist die alte Methode sicherer, aber auch den Progreß kann man nicht verbieten! Geben wir dem feinfühligen Ordnungshüter das Gebührende: "Einzelne Stellen mit rote Tinte auszustreichen ist, meine ich, unangenehm. Das Schaffen Goethes ist so weit bekannt, daß ein solches Ausstreichen beim Publikum eine größere Beachtung erweckt, als diese Stellen in Wirklichkeit verdienen". Und so ist es eben und wer hat denn solche unbequemen Demonstrationen nötig?
Mit "Egmont" war es einfacher. Eine gewaltsame Korrektur jeder Zeile wurde nicht durchgeführt. In "Egmont" gibt es keinen Zweifeln, wie bei "Faust" in den unsterblichen Seele, das der religiäsen Erziehung des russischen Lesers nur Schaden bringen Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit der Niederländer und erschüttert die politische Basis der Gesellschaft. "Egmont" wurde sofort und völlig ganz verboten. Das Sankt-Petersburger Zensurkomitee bestimmte im Jahre 1806 kompromisslos: "...Im Theaterstück gibt es viele Diskussionen über die Rechte der Monarchen in Bezug auf ihre Staatsangehörige und der Inhalt dieser Diskussionen besteht in der Empärung der Niederländer, die anstatt den Zuschauen Gehorsamkeit zur Regierung einzufläsen, können bei ihnen schädliche Gefühle hervorrufen". Das Verbot wurde mehrfach bestätigt. Im Jahre 1832 half schon nicht mehr die nächstfolgende Fürsprache Puschkins. Der Zensor Semjonow erkannte die große literarische Bedeutung von Goethes Werk und mußte es aber doch verbieten "...weil doch in dieser Tragödie in grellen Farben die Empärung der Niederländer gegen die Macht des Spanischen Känigs dargestellt ist". Und weiter mit Schmerz: "Irgend welche bedeutende Änderungen in diesem Werk zu machen fand das Komitee unberechtigt, weil das Werk zur klassischen Literatur gehört". Ein Prachtkerl ist dieser Zensor Semjonow!
Den nachfolgenden Versuch, "Egmont" im Jahre 1860 zu veröffentlichen, wurde vom Minister des Kaiserhofes Graf W. F. Adlerberg streng verboten. (Dieser Adelberg ist unter anderem der Schwiegervater von Amalia Adelberg der geborenen Gräfin Lerchenfeld, die Empfängerin des Gedichts von Tjutschew "Ich erinnere mich an die goldene Zeit"). Im Jahre 1883 wurde das Theaterstück endlich zur Aufführung erlaubt, aber Anfang des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1901, wurde es wieder verboten. Wie stark muß die Einwirkung der emotionellen Kraft der Begabung sein, damit die begeisterten Freiheitsideen eine so massierte Abfuhr des Zarismus bekamen!
Auszüge aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796), aus "Faust" (1806) "Egmont" (1787) erkannte der russische Leser aus den Übehrsetzungen von F. l. Tjutschew, der ein Verehrer der philosophischen Poesie Goethes war, durch dessen Schaffen der russische Dichter die deutsche Geistigkeit wahrnahm. Im Jahre 1858 wird Tjutschew das Sankt-Petersburger Komitee für Zensur der fremdsprachlichen Literatur leiten, in dem die berühmten Schriftsteller A. K. Maikow, A. W. Nikitenko, l. A. Gontscharow, J. P. Polonski mitarbeiten. Das wird das liberalste Zensurkomitee Russlands sein.
Am 22. 3. 1832 starb Goethe in Weimar. In größter Trauer darüber widmete Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, der damals in München lebte, zum Andenken an das Genie der deutsche Kultur seinen folgenden
Abschied:
Am Baum der Menschheit, seinem höchsten Stamme,
Warst du das schönste, beste Blatt.
Dich hat gezeugt der Sonne reinste Flamme,
Ernährt des Baumes reinster Saft.
Du schwangst auf ihm - mit seinem großen Herzen
Mehr als die andern stets in Harmonie,
Du konntest mit dem Zephir scherzen,
Sprachst mit den Stürmen Prophetie.
Vom angestammten Ast riß dich kein Schauer,
Kein wilder Herbstwind und kein Wirbeltanz.
Edler als viele und von länger Dauer,
Fielst du von selbst ab Ð wie aus einem Kranz.
Übertragen von Siegfried von Nostitz (1992).
EIN KULTURELLER
TREFFPUNKT: DAS HILDEBRANDHAUS IM NEUEN GLANZ
Zwischen 1895 und 1898 nach den Entwürfen des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921) erbaut und zwischen 1997-1998 glanzvoll renoviert, beherbergt das hundertjährige Hildebrandhaus die Monacensia-Bibliothek und das Literaturarchiv der Stadt München. Das Haus, in dem der Künstler bis zu seinem Tod wohnte, war schon zu Lebzeiten Adolf von Hildebrands (der Schäpfer u. a. des Wittelsbacher Brunnens am Lenbachplatz, des Hubertusbrunnens am Nymphenburger Kanal und des Vater-Rhein-Brunnens gegenüber dem Deutschen Museum) ein glanzvoller Mittelpunkt des kulturellen Münchner Lebens.
Ende 1999, bereiten sich das Haus und die sich darin befindenden städtischen Einrichtungen für den Eintritt ins neue Jahrtausend vor. Nach fast zwei Jahren Sanierungs- und Renovierungsarbeiten, glänzt das Hildebrandhaus in neuem Anstrich, der Lesesaal ist mit neuem Teppichboden sowie mit den Beleuchtungskärpern des Münchner Designers Ingo Maurer und vielen technischen Neuerungen ausgestattet: vier Audiovisuelle Här- und Betrachtungskabinen und zwei Readerprinter-Geräte (zur Betrachtung der auf Film gespeicherten Münchener Zeitungen und Adressbücher), Anschluß am Internet. Auch der umgebenden Garten der Bogenhausener Villa wurde zu einem träumerischen florentinischen Garten umgestaltet .
Ein weiterer Anziehungspunkt wird ab nächstes Jahr die Leseerrasse der Monacensia sein, wo es beim schönen Wetter an der frischen Isarluft mäglich wird, weiter zu arbeiten. Damit werden die Monacensia- Bibliothek1 und das Literaturarchiv2 den Wünschen ihrer, meist aus dem wissenschaftlichen Bereich stammenden Kundschaft, bestens entsprechen.
Aber auch dem interessierten Laien hat die Monacensia-Bibliothek viel zu bieten: Literatur über München als bayerische Landeshauptstadt und ehemalige Residenzstadt der Wittelsbacher, als Sitz des Landtages, der Universi-tät, der Staatsbehörden und des Erzbischofs, sowie die Werke von und über Münchner Dichter und Schriftsteller, in München lebender Illustratoren, frühe Münchner Drucke vom 16. Jh. bis Anfang 18. Jh, Pressen- und Luxusdrucke Münchner Verlage, Münchner Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Karten und Pläne der Stadt und ihrer Umgebung, in München gehaltene Reden und Kongressberichte sowie Münchner Flugschriften, Theaterzettel und -programme. Von Interesse ist auch der Ausstellungsbereich im Hochparterre, in dem immer wieder Ausstellungen stattfinden, die einzelnen Münchner Schriftstellern und Künstlern oder Münchner Ereignissen gewidmet sind und sich eines immer breiteren Publikums freut. Das Ausstellungsprogramm wird durch die im Verlag A1 erschienene Bücherreihe "Monakzente", die die kulturellen Schätze der Monacensia-Bibliothek und Literaturarchiv des Landeshauptstadt München hervorragend ans Licht bringt. Natürlich ist das neue Leben in der alten Künstlervilla auch einigen Menschen zu verdanken: Frau Doktor Elisabeth Tworek, der Leiterin dieses einzigartigen Münchner Kulturtreffens und ihren engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
AUSLÄNDER IN MÜNCHEN:
NICHT NUR PROBLEMFÄLLE
Die Bundesrepublik Deutschland hat viele ausländische Gastarbeiter in den verschiedenen Branchen der Arbeitswelt beschäftigt. Die archenoah schaute und schaut sich in dieser Hinsicht in München um, versucht durch Interviews die Gründe zu erfahren, warum solche Menschen in der Bundesrepublik (in München) arbeiten, wie sie in Bezug auf Anforderungen, Arbeitsklima und Mitarbeiter ihre Arbeitswelt erleben, vor allem, welchen Unterschied sie in der Art, wie die Deutschen leben zu der ihrer eigenen Landsleuten empfinden.
Wir stellen ihnen heute zwei Ausländer vor, die beide in der Schoppenstube des Münchner Ratskellers arbeiten: Elfriede Berschl und Zanaty M. Zanaty.
Elfriede Berschl ist Oberästerreicherin aus Waldzell im Innviertel. Vor die Frage gestellt, ob sie sich als Friseuse oder Fotografin ausbilden lassen sollte, entschied sie sich für den Beruf der Fotografin, machte eine Lehre. Doch sie erkannte bald, daß ihr dieser Beruf nicht lag, die Begeisterung dafür fehlte, die erforderlich gewesen wäre, sich hochzuarbeiten. Anschließend arbeitete sie als Postbeamtin, kündigte aber dieses Arbeitsverhältnis, weil sich ihr die Möglichkeit bot, in einem Cafe zu arbeiten, womit sie sich auch einen Teenagertraum erfüllte. Doch das Leben hatte sie inzwischen in eine Ehe geführt, sie hatte ein Kind geboren, das heute, nachdem die Ehe geschieden ist, bei seinem Vater lebt. Zu allem Unglück kam ein Autounfall dazu, bei dem sie Brustkorbquetschungen erlitt, die sie drei Monate aufs Krankenlager warf. Weil das Leben weitergehen mußte, dazu Geld erforderlich war, beschloß sie nach Bayern zu gehen, sich um eine Arbeit umzusehen. Sie fand sie in der Fränkischen Weinstube unter dem Neuen Münchner Rathaus, wo sie seit dem Oktober des vorigen Jahres tätig ist. Aus dieser Tätigkeit, die wie jeder Gast beobachten kann, sie mit Liebenswürdigkeit und Geschicklichkeit zur Zufriedenheit der Gäste ausführt, erwuchs bei ihr der Wunsch, ein eigenes Weinlokal führen zu können. In ihrer Freizeit sucht sie, der als Oberösterreicherin die Schönheit der Natur in der grandiosen Alpenwelt gewissermaßen in die Wiege gelegt worden ist, die Schönheit der Natur durch Wandern und Radeln in ihrer gegenwärtigen Umgebung zu erschließen. Im Süden Münchens findet sie im Fünfseenland eine Fundgrube an Naturschönheiten und Kulturgüter.
In der Schoppenstube arbeitet sie heute mit Zanaty M. Zanaty zusammen. Er stammt aus Kairo in Ägypten. Er ist gelernter Automechaniker, hatte den Ingenieurabschluss angestrebt, aber nicht zu Ende geführt. Weil er im väterlichen Cafe mitarbeitete, spürte er, daß für ihn der Hotelfachmann der geeignete Beruf wäre; deshalb wollte er eine Hotelfachschule besuchen. Doch dagegen sträubte sich sein Vater, der in diesem Beruf keine Chance für die Zukunft sah. Unbekümmert darum besuchte Zanaty eine private Hotelfachschule, die er aus eigenen Ersparnissen finanzierte. Einer seiner Lehrer bot ihm in den achtziger Jahren an, in seinem Restaurant mitzuarbeiten; er lernte dort auch, was ein Barkeeper können muß. Anschließend erhielt er durch eben diesen Lehrer auch die Gelegenheit als Barkeeper an einer Kreuzfahrt teilzunehmen. Er nahm an, wurde als Barchef eingesetzt, kündigte aber, al sich herausstellte daß der Schiffseigner nicht in der Lage war, die Löhne auszuzahlen. Nun ging er wieder nach Kairo zurück und lernte dort Französisch. Seine Reiselust ließ ihn dann auf einem anderen Schiff als Somelier anheuern. Bei dieser Gelegenheit lernte er
einen Gast kennen, der Hotelier einer Hotelkette war. Dieser bot ihm die Stelle eines Chef de rang an. So zog er ins Europa ein. Nachdem diese Tätigkeit abgelaufen war, fand man ihn im Ratskeller beschäftigt. Als man ihn bat, im Lenbach Restaurant auszuhelfen tat er das. Seiner gewachsenen Reislust zufolge, plante und bereitete er eine weitere Reise vor, half aber wiederum im Ratskeller aus. Es muß ihm dort etwas oder jemand so gefallen haben, daß er die Reise ins Wasser fallen ließ. So finden wir ihn heut frohgemut in der Schoppenstube, wo Oberösterreich und Ägypten eine kleine Völkervereinigung demonstrieren. Zum Beruf bekennen beide, daß sie ihn lieben. Fragt man sie nach ihren Eindrücken über München, über die Gäste und die Deutschen im allgemeinen erfährt man von Elfriede Berschl, daß sie z. B. die deutschen Gäste anspruchsvoller findet als die Österreichischen, weil den Deutschen das Flair österreicherische Gemütlichkeit fehlt. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen in den Schoppenstuben kann man mit Ausnahmen, findet sie, gut zusammenarbeiten. Zanaty pflichtet seiner Kollegin im großen und ganzen bei. An Stelle der Österreichischen Gemütlichkeit jedoch weist er auf die große Gastfreundschaft hin, die in seiner Heimat vorzufinden ist.