ZURÜCK Marco SERBANESCU

(Hermeskiel)

 

DIE ALTE

 

Den Teekessel von der Platte schiebend spürte Margit,  daß  ihre Mutter hinter ihr in der Tür stand. Sie  mußte schon eine ganze Weile dort stehen, aber  Margit  drehte sich  nicht  um,  sie tat,  als  merkte sie die Alte gar nicht.  Da härte sie schließlich,  wie  jene  ins  Zimmer  kam,  sehr  behutsam,  Fuß  vor Fuß setzend als würde sie balancieren, wobei  das  geblümte  Kleid, das sie trug, ihren dürren Körper umschlotterte. Es läutet zur Messe.

Es ist  die Stimme der Alten, dicht hinter ihr:

"Margit!"

Margit  wandte sich um und sah die Alte an.

"Was ist?"

Die Großmutter schweigt. Sie schweigt nur, und Margit nimmt den Teekessel, goß  sich eine Tasse voll und stellte den Kessel zurück auf den Herd.

"Ich habe jetzt keine Zeit", sagte sie dann.

"Du wolltest doch heute meine Haare waschen."

Margit   hielt  die Tasse dicht   an die  Lippen  und  blies den Dampf davon.

"Es sieht dich doch niemand. Außerdem habe ich jetzt  keine  Zeit."

Ob sie zur Messe ginge?

"Weißt doch, wer gestorben ist. Als ob du das nicht wüsstest!"

Die Großmutter, murmelnd:

"Ich dachte, es gäbe Abendbrot."

"Sobald ich zurück bin", sagte Margit. Sie schlürfte an  ihrem  Tee.  Die  Großmutter  stand  regungslos da. Alles das war so dumm.

Margit  hielt  inne.

"Dann nimm dir doch einen Apfel, wenn  du so hungrig bist."

Pause.

"Ich gehe zu Bett", sagte die Alte: und dreht ihrer Tochter den Rücken zu. Ihr Haar lang und weiß wie der Türrahmen.

"Ich dachte, du wolltest etwas essen!"

"Wollte ich auch", gab die Alte, schon an der Tür, zurück.  Margit ließ die Tasse, die sie in Händen hielt, auf den Tisch sinken.

Wenn  sie  jetzt  nochmals  durchs  Haus  schliche  wie  ein  Raubtier,  das  wäre  schon  ein  starkes Stück! So dachte sie wohl und sagte endlich: "Herrgott, also setzt dich schon hin!"

Die  Großmutter  kam  an den Tisch.  Margit  faltete  das Tischtuch hoch, daß  das wächserne Tuch darunter  freilag,  und  nahm  das   Brot  aus  dem Korb. Sie schnitt zwei Scheiben davon ab. Die Großmutter begann zu essen. Sahen die Blumen nicht trostlos aus? Nein, sie hatte ihnen Wasser gegeben. Es waren schäne Blumen gewesen, aber jetzt waren sie alt und vertrocknet, und ihre Mutter goß sie nicht mehr, es war eine Schande. Margit beobachtete die Alte eine Zeitlang, bis sie nicht länger schweigen will, sie sagt:

"Ich verstehe nicht, wie man in einem Alter noch so essen  kann.  Sonst  tust  du  dich  immer  so  als  seist du sterbenskrank.

Die Großmutter entgegnete nichts. Margit nahm eine Tasse aus dem Schrank, goß sie voll Tee und stellte sie vor ihre Mutter auf den Tisch.

"Trödel nicht so herum, ich muß mich noch umziehen!"

Wer denn gestorben sei, fragte die Alte. Margit beäugte sie.

"Der alte Hansen, das weißt du doch. Morgen früh wird er eingeäschert."

"So?" sagt die Großmutter.

Sie nahm die Tasse in die Hand und atmete den Dampf  ein.  Er sei  ja  immer  schon  ein komischer Kerl  gewesen,  daß  er  sich  nun  verbrennen  ließe, das sehe ihm ähnlich. "Ich hoffe nur, daß  du mich nicht  auch  mal  mit  solchen  Eskapaden  der Lächerlichkeit  preisgibst."

Die Alte sagte wieder nichts. Sie tat, als habe sie nichts  gehört  und trank  an  ihrem Tee.  Nachdem sie  die Tasse  geleert  hatte,  erhob  sie sich, nahm die Tasse und  das  hölzerne  Unterbrett  und  stapelte  beides  im  Spülbecken.  Weil  sie  beim  Trinken etwas Tee verschüttet  hatte,  holt e sie einen Lappen, mit  dem  sie  das  Verschüttete  aufwischen  wollte, doch  Margit  nahm  ihr aus der Hand:

"Laß, ich mach das!"

Die Alte stand da,  wollte scheints noch etwas sagen, aber was sollte es.  Und so verließ sie die Küche,  schleppte  sich  mit  Gänseschritten die  knarrenden Stufen hoch, um auf ihr Zimmer zu gehen, aber oben blieb  sie  stehen,  ohne  die  Tür  zu  ihrem Zimmer aufzutun.  Margit wischte den Tisch ab, dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer.  Die Großmutter kam zurück,   sie nahm auf  der

"Ist was?," sagte Margit. Sie drehte der Alten den Rücken  zu,  damit  diese den  Reißverschluss  schlösse.

"Eigentlich müßtest du ja auch zur Messe", meinte sie, die Falten ihres Kleides glattstreichelnd,  nachdem ihre Mutter es hinten geschlossen hatte. "War er nicht in deinem Alter."

"Daß  ich noch lebe,  dafür kann ich nichts."

Margit  zögerte.

"Stellst du dich wieder verrückt?"

"Sieh  dir  doch  mal  meine  Haare an.  Muß ich wieder  mit  diesen  verfilzten  Haaren  zu Bett gehen?"

"Was du nur mit deinen gottverdammten Haaren hast!"

"Wie kannst du fluchen und zur Messe gehen?"

Da, es läutete zum zweitenmal, sie würde zu spät kommen;   Margit  trat  an den Schrank,  zog  die  oberste  Lade heraus und suchte nach ihrer Geldbörse.  Sie war nicht darin.

Margit  durchsuchte die Schublade, sie durchsuchte sie ein ums andere Mal, aber die Geldbörse war nicht zu finden, ach, sie war einfach nicht zu finden!

"Wo hast du sie nur wieder hingetan?"

Die Alte, ruhig:

"Ich hatte sie gar nicht."

"Natürlich, wie immer, alle anderen, nur du nicht!"

Oh, diese Lügnerin! Alles faßte sie an, in alles mußte sie sich einmengen, diese alte Lügnerin! Margit wühlte in der Lade, obgleich die Geldbörse nicht darin  sein  konnte.  Und  sie nahm die Lade,  zog sie ganz  heraus  und  schleuderte  sie samt  Inhalt  auf den Boden.

Die Alte erklärte, die Geldbörse läge auf dem Fensterbrett. Margit drehte sich um. Tatsächlich, dort lag  sie,  sie  hatte sie selbst  dort  hingelegt, bevor sie  den Teekessel aufgefüllt  hatte.

Sie ging zur Fensterbank hinüber und nahm die Geldbärse. Ja,  die Alte hatte sie gar nicht gehabt, sie hatte sie selbst dort hingelegt, ehe sie den Kessel aufgefüllt hatte... Margit sagte:

"Und  hör  endlich auf  mit  der  Nörgelei  wegen deiner gottverdammten  Haare  auf!"

Ohne ihre Mutter noch weiter anzusehen verließ sie das  Zimmer. Rief  aus  dem Flur,  indem  sie  zur Haustür lief:

"Wenn  ich zurückkomme, schneide ich sie dir ab, ein für alle Mal!"

Die  Alte  nickte.  Sie härte,  wie  die  Haustür  zuschlug.  Die Alte schaute zum  Fenster hinaus  auf die Dorfstraße, die sie Margit, schnellen Schrittes, sich hinab  entfernen  sah. Wie sie hinter dem Bretterzaun von  Hansens verschwunden war,  stand sie auf und knipste das Radio an. Sie stellte es leise genug, daß man hären konnte, wenn draußen jemand die Treppe hochkam.  Dort  lag die Schublade auf dem Boden, Briefumschläge, Papier, ein Kalender, Bleistifte, dazwischen blitzte etwas, die Schere.  Die Alte bückte sich nieder und hob sie auf. Etwa eine Minute stand sie nur so da, regungslos. Mit zwei, drei Schnitten waren die Haare gestutzt und fielen in langen Strähnen auf den Teppich.

"Das vergesse ich dir nie", murmelte die Alte, womöglich auch etwas anderes, und zitterte, es mußte das Alter sein, sie war eben schon sehr alt, und sie fühlte die Tränen kommen. 

 

ZURÜCK Manfred WIENINGER

(St. Pölten)

 

DER GROßE BRÜLLER

 

"Die Hoffnung, so trügerisch sie ist, dient wenigstens dazu,  uns auf angenehmen Weg an das Ende des Lebens zu führen."

La Rochefoucauld, Reflexionen

 

Mit schmerzenden Gelenken erhob er sich von seinem Bett aus Gesteinsmehl und Felsbrocken. Große Volumina seines Blutes versackten in tiefen Venen.

Schubirsch taumelte. Der Falstaffsche Morgenschwindel des begnadeten Zechers überkam  ihn. Mit den Händen zerriß er die schwarze, staubgesättigte Luft, die ihn einhüllte wie ein erstickender Mantel. Dann sah er den dünnen, asthmatischen Lichtstrahl, der durch eine einzige Luke,  kaum  größer  als ein  Kinderkopf, in den Großen Brüller drang.  Das Panzerglas der Öffnung verlieh der Strahlung eine blaugrüne Färbung. Staub tanzte darin nach einer emsigen Choreographie  und  lautloser Musik.

Benommen und ohne Gedanken begann sich Schubirsch durch den Dämmer zu tasten. Auf das blaugrüne Ballet zu, dessen schwarze Ausläufer  er immerfort in seine Lungen zog und wieder ausstieß. Er streckte beide Arme nach vor und umarmte die Dunkelheit, wie  man die Toten ein letztes Mal umarmt, um sie endgültig ins Jenseits zu stoßen. Nach wenigen Schritten stieß er auf eine Wand der strengen Kammer.

Bei seiner Einschulung vor vielen Jahren hatte man ihm erzählt, der Große Brüller sei aus dem härtesten Stahl der Welt. Nicht einmal ein mittlerer Weltuntergang känne ihm einen Kratzer   anhaben. Natürlich hatte Schubirsch das nicht geglaubt.

Nun  begann er sich  aber  ernsthafte  Sorgen zu machen, ob man ihn damals angelogen oder doch die Wahrheit erzählt hatte.

Seine Handflächen rieben über das mit Granitstaub angezuckerte Metall, das von den gestrigen Arbeitsgängen noch immer ein wenig warm war. Die strenge Kammer war das Herz, eigentlich der Bauch des Großen Brüllers. Meterdicke  Stahlplatten  trennten  ihn  von  der  Außenwelt. Nicht einmal in der Hälle ließe sich dieser Stahl erweichen. Oder doch? Gab es nicht eine neue Schweißtechnik im Werk und Ingenieure und tonnenschweres Gerät und Sprengstoff, Trinitrotoluol, für alle Gebirge dieser Welt?

Wie ein Schwert, wie die letzte Tritt Heins durchfuhr ihn plötzlich die Erkenntnis, daß es ruhig  war.  Es  war  vällig  ruhig.  Still.  Außer dem  Keuchen  seiner  Steinstaub  schluckenden Lungen kein Geräusch. Ja, die Aggregate des Großen Brüllers liefen nicht! Die mächtige Maschine, der er so viele Jahre gedient hatte, schwieg! Der Große Brüller brüllte nicht!  So groß war diese Erkenntnis, so schwer und gewichtig,  daß  er wankte  und  zu  Boden  stürzte.  Auf Geräll und Schutt liegend tastete er das linke Handgelek vorsichtig nach seiner Armbanduhr ab. Das Glück hatte ihn nicht ganz verlassen, sie war heil. Ihre Leuchtziffern zeigten vier Minuten vor acht an. Die Morgenschicht! Um acht begann die erste Schicht! Schubirsch rappelte sich auf. Er stürzte noch einmal auf den asthmatischen Lichtstrahl zu und fand die Sichtluke. Mit fahrigen Fingern versuchte er, den Staub vom Glas zu wischen. Mit vollen Backen blies er gegendie Staubwolke an. Mehr Licht, mehr Licht! Ja, jetzt konnte er den Drehstuhl aus Aluminium sehen, seinen Drehstuhl, und das Pult der Schaltstelle, sein Pult, mit den Anzeigetafeln,  Bildschirmen und dem gelben Einschalthebel und das monatlich wechselnde Centerfold, für das Tärna verantwortlich war. Der dicke Tärna klebte seine Favoritinnen aus Papier Monat für Monat über die Temperaturanzeige.  Das Centerfold  des  Wonnemonats  hob die Arme über den Kopf und präsentierte rotweiße Brüste. Süßer Schweiß perlte aus den Achselhöhlen. Es machte sich auf der Kante eines hohen Stuhl schmal. Die Fußspitzen erreichten gerade noch den Boden, die Beine waren nach auswärts gedreht. Der Slip hing am linken Knöchel. Tärna hatte für den Monat Mai eine gute Wahl getroffen, fand Schubirsch. Dann riß er sich vom Anblick der Zellstoffvenus los und sah wieder auf die Zifferneinteilung seiner Uhr. Vergeblich zermaterte er sich das Hirn, wessen Dienst da in einer Minute begann. Surminskis? Lettuanens? Tärnas oder Perns? Plötzlich sah er die Diensteinteilung so deutlich wie auf einer Foto vor sich. Ja, heute war Lettuanen dran, der schmale Lettuanen aus irgendeinem Bergnest, das der Goße Brüller aufgefressen hatte. Zuerst die Berge um das Dorf, dann das Dorf und schließlich das Gebirge. Ja, es war die Schicht Lettuanens, des Kaninchenzüchters, der ihnen zu Weihnachten immer einen Topf mit falschem Hasenbraten mitbrachte, um sie auf seine gutmütig bäurische Art zu necken. Lettuanens Schicht!  Dankbarkeit  gegenüber  seinem Schäpfer erfüllte Schubirsch, in dichten Wogen und Blasen entquoll sie jeder Pore seines Körpers. Bevor der Große Brüller nämlich eingeschaltet werden durfte, war ein Blick durch das Panzerglas der Luke zwingend vorgeschrieben. Aber längst nicht alle hielten sich an diese Betriebsvorschrift. Surminski zum Beispiel war diesbezüglich ein Ignorant, auch Schubirsch selbst, wie er sich  jetzt eingestand, schaute nicht immer in die betriebsbereite Gesteinskammer. Lettuanen dagegen war als überkorrekt bekannt, auf den kleinen Karnickelzüchter konnte man sich in dieser Hinsicht verlassen.  Jetzt kam es  nur noch  darauf an,  auch  tatsächlich  gesehen zu werden.

Acht. Schubirsch drückte seine Stirn, seine Nase, seinen Mund, sein Kinn gegen das Glas. So fest es nur ging. Er spürte, wie ein Stück Nasenknorpel riß. Zuerst sah er sekundenkurz gar nichts, dann  eine braune Aktentasche. Schließlich geriet eine schmale Gestalt in sein Blickfeld,  die  eine  Thermosflasche  auf dem Pult abstellte und sich auf dem Drehstuhl mit dem Rücken zur Luke niederließ. Bitte, bitte! 180  Grad!  Zu  mir, zu mir!  Dann sah Schubirsch Lettuanens offenen Mund und dem umgefallenen Stuhl. Auf seiner Oberlippe sammelte sich eine salzige Flüssigkeit. Die Nase schmerzte wie eine Stichelei.

Der Kaninchenzüchter lief aus dem Bedienungsraum des großen Brüllers, lief aus der Antriebshalle, lief quer durch das ganze Werk zum Büro des Betriebsleiters. Seine Nachricht verbreitete sich so schnell wie die Cholera. Die Arbeiter löschten die Zement- und Mergeläfen, sie stoppten die Färderbänder, und die Schottermühlen kamen knirschend zum Stillstand. Die Chauffeure der Dreißigtonner wuchteten sich aus ihren Führerhäusern, die Mineure rissen die Zündkapseln aus den Ladungen, und der Koch fischte alle Kartoffeln aus der Fritteuse. Selbst der Portier, 37 Dienstjahre und keinen Tag krank oder gefehlt, stürzte aus seiner Loge. Als Lettuanen und der Ingeniur aus dem Büro des Betriebsleiters traten, strebte bereits eine mehr als hundertkäpfige Menge wie Diener eines schrecklichen  Gätzen dem Großen   Brüller zu. Der Ingenieur hatte gerade beim Kaffee ein Gedicht in sein Notizbuch gekritzelt:

Wir sprengen Berge

und befahren den Mondregenbogen.

Die Gätter zittern.

Alle wußten, daß der Betriebsleiter wie jeden Tag im Extrazimmer der Kantine Wodka aus Biergläsern trank und dort die nächsten Stunden wie ein  Hund  herumkriechen  würde.  Die Menge machte daher wie ein Schwarm Fische respektvoll Platz, als sich der Ingenieur mit Lettuanen im Schlepptau seinen Weg suchte.

Schubirsch war in der Dunkelheit der Kammer zurückgetreten. über sich ahnte er die gewaltigen Backen der Desteinspresse. Ganze Gebirgszüge waren von  ihnen  schon  zu  rieselfeinen Sand zermahlen worden. Er haßte und fürchtete den Großen Brüller. Schweigend und ausdauernd. Aber auch der Große Brüller würde seine  Meister  finden.  Es  gab  geschickte Schweißer im Werk, erfahrene Sprengmeister und Werkzeuge härter als Diamant. Sie würden ihn aus dem Darm dieser gräßlichen Maschine herausholen. Ganz bestimmt. Und danach? Zuerst würde er in einen großen, grünen Apfel beißen. Dann eine Dusche und ein paar Tage Urlaub. Lisa. Vielleicht kännte er sie  bitten, die  gleiche  Stellung  wie  Tärnas Maimaid...

Der  Ingenieur  hatte  seine  Anordnungen schnell getroffen. Er ließ Ahmed, einen vierschrötigen Mineur, damit beginnen, das Panzerglas der Sichtluke aufzubohren. Dann versammelte er die ganze Belegschaft in der Antriebshalle. Einige murrten. Sie hätten den armen Schubirsch nur zu gern in der strengen Kammer schwitzen gesehen.

Der Ingenieur sprach mit überraschend leise Stimme.

"Ihr alle wißt, daß der Große Brüller einzig ist auf dieser Welt. Die größte und vor allem die älteste Maschine dieses Planeten. Es gibt keinen zweiten Großen Brüller. Er ist einzigartig."

Sie wußten es.

"Ehrlich gesagt, weiß niemand mehr, wie er konstruiert ist, wie er funktioniert. Niemand. Ich nicht und ihr nicht."

Sie wußten es nicht.

"Der Ingenieur, der den Großen Brüller erdacht hat,  ist  schon  seit  Jahrzehnten  Dünger  für die Narzissen. Seine  Maschinenbaufirma  handelt inzwischen  mit Softpornokassetten und Galanterie waren, wie allgemein  bekannt sein dürfte."

Es war ihnen allgemein unbekannt.

"Baupläne oder Blaupausen des Großen Brüllers existieren nicht mehr. Die Konstruktion ist ein Rätsel. Wir wissen nicht, wie man in die Gesteinskammer gelangt, oder wie man die Färdertäre äffnet. Wir wissen nichts über den Großen Brüller."

Sie wußten nichts. Nur der dicke Tärna wußte etwas, was er über die Hinterköpfe seiner Vordermänner schrie: "Dann müssen wir ihn zerstären! Sprengen!"

Die Menge ließ zustimmende Laute hären.

Die Vibrationen kamen stoßweise. Schubirsch spürte sie erst uner den Fußsohlen. Oh Gott, ließ da jemand einen Motor des Großen Brülles im Leergang warmlaufen? In Panik stolperte Schubirsch zur Luke. In diesem Moment stieß die Spitze des Bohrers durch die letzte Glasschicht. Ein Splitter zerfetzte Schubirsch Stirn. Der Bohrer wurde zurückgezogen.

"Lettuanen?"

Ahmed antwortete nicht, weil er das nur auf Fragen in akzentfreiem Aseri zu tun pflegte. Aber Schubirsch   konnte den Elektromotor des Bohrers hären. Das war Glück genug für ihn, die Verbindung mit der Außenwelt.

Die Stimme des Ingenieurs hob sich: "Wir würden Monate oder vielleicht Jahre brauchen, um die Gesteinskammer freizusprengen. Wer von uns kann schon sagen, wie viele Meter Spezialstahl uns von dem armen Schubirsch trennen?" Dann richtete er seinen Blick auf den Zwischenrufer.

 "Wie viele  sind es, Tärna? Zehn? Fünfzehn? Wo sollen wir zu sprengen beginnen? Oder zu schweißen? Na, was ist, Tärna?"

Tärna schwieg. Aus Verlegenheit zog er ein marinblaues Taschentuch aus seinem Hosensack.

"In diesem Jahr, in dem wir Schubirsch frischweißen und freisprengen, wird der Große Brüller nicht einmal einen einzigen Kieselstein fressen. Kein Gramm Schotter, Sand, Mergel oder Zement wird dieses Werk verlassen. Ihr wißt, was das heißt. Ihr und ich, wir werden schon bald auf der Straße stehen. Sechs Monate, ein Jahr oder..."

Der Koch und zwei Chauffeure verließen die Halle.

"Ihr seid Euch doch hoffentlich alle im klaren darüber, wie unsere Entscheidung ausfallen muß?!"

Sie waren sich alle im klaren.

Der Ingenieur sprach ins Leere: "Holt seine Frau."

Tärna und einige andere gingen. Nach und nach leerte sich die Halle. Als Ahmed, den Bohrer über den Schulter,  freudestrahlend  aus dem Bedienungsraum trat,  waren nur mehr der Ingenieur,  Lettuanen und eine Menge  Zigarettenkippen  dort.  Der vierschrätige Aseri wunderte sich, waum er kommentarlos weggeschickt wurde.

 Schubirschs Frau war eine schlampige Brünete. Man hatte sie aus der nahen Werksiedlung geholt.  über  das Schicksal ihres Mannes wußte  sie  bereits  Bescheid.  Sie  war  sich  ihrer eigenen Wichtigkeit bewußt und so würdelos wie ein Eierbecher. Wie ein Huhn auf einer Hühnerleiter trippelte sie in den Schaltraum. Der Ingenieur schloß die Tür hinter sich. Sie känne sich Zeit lassen, wurde ihr versichert. Sie ließ sich aber keine fünf Minuten und kam tränenübersträmt wieder in die Halle zurück. Für eine fünfzigjährige Witwe ohne Beruf waren die Aussichten nicht die besten.

    Dann  traten der Ingenieur und Lettuanen in den Bedienungsraum. Der Kaninchenzüchter schob Schubirsch eine Flasche durch die Luke. Seine Hand zitterte. "Schottischer Malzwhisky", flüsterte er, "Du hast eine halbe Stunde...". Schubirsch sagte kein Wort. "Brauchst Du ein Glas?" fragte Lettuanen. Beim letzten Wort schrillte seine Stimme in der Hähe. Er begann zu lachen, lachte, lachte immer weiter. Sein schmaler Körper wurde von diesem hohlen, ekelhaften  Lachen   geschüttelt,  von  diesem Lachen, das kein Ende nehmen wollte, das diese Welt daran erinnerte, daß sie besser nicht sein sollte. Der Ingenieur trat auf Lettuanen  zu  und schlug  ihn zweimal hart  ins Gesicht.  Die schmale Gestalt stürzte zu Boden. Danach vermied es der Ingenieur, durch die Sichtluke zu blicken, um nicht wie Lettuanen verrückt zu werden. Lange Zeit - es war nur ein Bruchteil einer Stunde - härte er keinen Laut aus dem Großen Brüller. Dann drang eine süßliche Melodie aus der Gesteinskammer. Kein Zweifel, Schubirsch sang. "Ganz Paris träumt von der Liebe, ganz Paris träumt immer nur von ihr."

Lettuanen  war  zu  sich  gekommen  und begann wieder zu lachen. Der Ingenieur härte, wie Schubirsch  die Flasche gegen die Wand warf. "Ganz Paris träumt von der Liebe."

Der Ingenieur kritzelte schnell ein Gedicht in sein Notizbuch.

Schwarzes Schiff Hoffnung

das der Ozean

frißt.

Er setzte sich in den Drehstuhl und riß den gelben Hebel zu sich. Der Große Brüller brüllte auf.

 

ZURÜCK Gheorghe SASARMAN

(München)

 

MOTOPIA

 

Mit Sicherheit vermag man eigentlich nicht zu sagen, wann dieses Motopia entstanden ist, und wann seine Ausbreitung ihren Anfang genommen hat, geschweige denn, welche Kräfte seine Ausbreitung vorantreiben. Gering ist die Zahl derer, die sich an die schwierige Aufgabe herangewagt haben, die Zukunft Motopias zu erkunden, obwohl viele Leute befürchten, nichts werde sein hemmungsloses Wachstum aufhalten können. Motopia ist eine aus den Nähten platzende Stadt. Aber ist es überhaupt eine Stadt?

Stellen Sie sich eine Fläche vor, begrenzt von einem Kreis mit einem - im übrigen nur annähernd anzugebenden - Durchmesser von etwa 100 Kilometer. Die Umfangslinie dieses Kreises bilden mehr als 100.000 Exemplare einer Art Riesenplanierraupe, die sich nebeneinander langsam, aber unaufhaltsam in Außenrichtung voranbewegen. In dem Maße, wie bei ihrer Bewegung vom Mittelpunkt weg freie Räume zwischen ihnen entstehen, reihen sich andere neue Planierraupen in die Vortriebsstrecke ein. Diese im wahrsten Sinne wandernde vollautomatisierte Fabrik hat den Zweck, die Offensive vorzubereiten.

Hügel und Erhebungen werden eingeebnet, Bodensenken zugeschüttet, ja sogar der abschüssigste Berg verwandelt sich in eine horizontale Ebene. Die Wälder werden zu Bauholz und Zellulose verarbeitet. Die fruchtbare Erde der Fluren gibt es nicht mehr. Man hat sie verwendet, um die Seen damit trockenzulegen. Die Flüsse hat man zu geschlossenen Kanälen umgebaut, und die gesamte Fauna wird industriemäßig nutzbar gemacht. Die Planierraupen aber sind nicht einfach nur zum Planieren da: Hinter ihnen entsteht ein märchenhaftes Straßennetz, bestehend aus mehrgeschossigen Autobahnen in Dutzende von Richtungen,  ein  sich  wunderbar überschneidendes Spinnengewebe aus Beton und Asphalt. In den Maschen dieses Netzes befinden sich über- und unterirdische Parkräume, Turmgaragen mit mehr als zehn oder zwanzig Geschossen, mit rätselhaften Metalltüren zugesperrte Hallen. Einige hundert Meter über dem Erdboden schwebt Tag und Nacht eine bläuliche, riesengroße Wolke, die den Horizont verhüllt.

Die Stadt wird ausschließlich von der fruchtbaren Spezies der Homobile bewohnt. Ihre Lebensweise ist verhältnismäßig wenig bekannt, und zwar aus Gründen, die weiter unten dargelegt werden. Dennoch haben einige waghalsige Reporter, denen es gelang, auf wundersame Weise von dort wegzukommen, gewisse Nachrichten verlautbaren lassen. Wenn man die beträchtliche Verwirrtheit der Zurückgekehrten berücksichtigt, wie auch ihre in  Vielem  widersprüchliche  Aussagen,  sind die verbreitungswürdigen   Informationen  nicht  sehr reichlich bemessen.

Die Existenz - zumindest die äffentliche - der Homobile beginnt an den Türen besagter Hallen, die sie stündlich in dichten Scharen verlassen. Es hat den Anschein, als träten hier nur reife und großzylindrige Exemplare der Spezies in Erscheinung. Man hat verschiedene Subspezies zu unterscheiden, und zwar ausgehend von Herztyp, Herzposition, übersetzung, Aufhängung und ähnlichen anatomischen Merkmalen. Kennzeichnend für jede motopianische Familie ist eine bestimmte Konstruktion der Karosserie sowie ein jeweils individueller Unterschied in Stromlinie, Farbe und Scheinwerferzahl. Mitunter beschränkt sich ein solcher individueller Unterschied ausschließlich auf die  Registriernummer. Ein Wesenszug, der allen eignet und über den sich alle Berichte einig sind, ist das rote Auge, das sich wie eine blutende Wunde auf dem Kopf eines jeden Individuums befindet, wo es ohne ersichtlichen tieferen Sinn gräßlich blinkt.

Die Homobile zeigen eine unüberwindliche Lebenskraft, die sich besonders in einer offenbar sinnlosen und überschnellen Fortbewegung  auf  dem zu diesem Zweck bestimmten Autobahnnetz äußert. Diese Sinnlosigkeit der Fortbewegung ist jedoch nur eine scheinbare. In Wirklichkeit vollzieht sich während dieses magischen Geschwindigkeitstanzes die natürliche Zuchtwahl, allerdings in spezifischen Formen. Die irrsinnige Jagd auf den Asphaltstreifen überleben nur die kräftigsten Exemplare, die über teuflische, dem hällischen Rhythmus des Daseins angepaßte Reflexe verfügen. Jedes Versagen der Bremsen oder der Warn- und Blinkanlagen bringt hächste Gefahren mit sich. Schon die geringste Abartigkeit der Wirbelsäule kann zu einem Verhängnis werden. Schwere Spezialfahrzeuge schleppen dann die Leichen in die Nähe der Hallen, wo sie - nach einer vorherigen Stauchung, bei der sie Quaderform  annehmen -  auf geheimnisvolle Weise wieder nutzbar gemacht werden. Wahrscheinlich werden sie für die komplizierte Zeugung neuer Exemplare verwertet.

Außerhalb der Stunden, in denen die lange und erbitterte Straßenschlacht im täglichen überlebenskampf tobt, kennen die Homobile auch Zeiten der Muße in den Parkräumen. Schweigend, unbeweglich und unempfindlich für die Annäherung von Rivalen, sind sie dann in einem merkwürdigen Zustand der Ermattung, den Rücken mitunter einem Riesenleinwand zugewandt, auf dem stets ein beklemmender Film über das harte Los der Bagger läuft. Wenn die motopianischen Familien die Nacht nicht auf den Autobahnen verbringen, halten sie sich, übermannt von einem metallischen und traumlosen Schlaf, zu dieser Zeit in den Turmgaragen auf.

Das Gräßlichste im Leben der Motopianer - und das macht das hemmungslose Wachstum Motopias geradezu widerwärtig - ist die Art, auf die sie sich ernähren. Kurz und knapp gesagt, es geht hier um Kannibalismus. Das Hauptnahrungsmittel der Homobile sind nämlich Menschen. Zahllose verblendete Personen, durch eine verlogene aber geschickt geführte Propaganda angelockt und in ihrer Gutgläubigkeit betrogen, kommen hier  täglich aus den Provinzstädten an. Auf Bahnhäfen und Flughäfen werden sie entladen, um entweder der hungrigen Meute sofort zum Fraße vorgeworfen oder als Schüttgut in Speziallagerungseinrichtungen - diese werden großsprecherisch "Hotels" genannt und haben unmittelbare Verbindung zu den Baulichkeiten, in denen die einheimischen Familien die Nacht verbringen - befärdert zu werden, damit man sie im lebenden Zustand als Frühstück verabreichen kann. Gesättigt, vollgestopft, mit Hängebäuchen, die bis auf wenige Zentimeter an die Asphaltflächen heranreichen, und sich träge in den Kurven wiegend, machen sich die Homobile auf den Weg, um ihr genossenes Mahl zu verdauen. Finsterste Gedanken wohnen hinter ihrer glatten und undurchsichtigen Stirn. Mit Ausnahme besagter Reporter - die unsere wirklichen Erretter sind, denn die gräßte Gefahr liegt nicht so sehr in der Existenz Motopias als vielmehr in der Unkenntnis der dort realexistierenden Verhältnisse - ist noch niemand aus dieser unheimlichen Stadt wieder heimgekehrt. Ganz nebenher sei folgendes bemerkt: Die begeisterten Anrufe oder Briefe, mit denen die dort Angekommenen sozusagen ihr Entzücken kundtun oder ihren Entschluß mitteilen, sich in dieser Stadt für immer niederzulassen, kann man nur als Verzweiflungstat werten, zu der sie im Angesicht des Todes gezwungen wurden, wenn nicht gar als plumpe Fälschungen und bewußte Irreführungen.

Die überlebenden erzählen haarsträubende Dinge über die grenzenlose Grausamkeit der Homobile, die oft nicht nur auf der Nahrungssuche - zumal sie sich ausschließlich von lebenden Menschen ernähren -, sondern auch zum reinen Vergnügen täten. Sobald die Gefangengesetzten erkennen, welche Gefahren auf sie lauern, ist ihr ganzes Sinnen und Trachten auf die rettende Flucht gerichtet. Da man lediglich zu Fuß entkommen kann, versuchen sie, die Zellen der unheimlichen Hotels zu verlassen. Und hier zeigt sich der ausgeklügelte Sadismus der Einheimischen in seinem vollen Ausmaß: Die Ausgänge sind nicht bewacht, denn die Homobile in ihrem nicht zu übertreffenden Zynismus wissen sehr gut, daß ein solches Unterfangen  nur  durch ein  Wunder  gelingen kännte. Selbst wenn die Flüchtenden die Wegstrecke bis zur motopianischen Grenze, die einige Dutzend Kilometer beträgt, nachts und somit bei mäßigem Verkehr zurücklegen und sich tagsüber verborgen halten, wäre die Zahl der zu überquerenden Fahrbahnen viel zu groß, als daß die Armen ihr Ziel je erreichten. Zum Glück sind einige solcher Wunder geschehen, wenngleich sie unzählige Flüchtende mit dem Leben bezahlen mußten. Die Homobile haben den Flüchtenden falsche Hoffnungen gemacht und sich dann auf die Gehetzten und Ausgehungerten gestürzt, um sie erbarmungslos und bäse kreischend zu zermalmen. Die Leichen haben sie am Ort der Untat liegengelassen: Ungeborgen und unbestattet sollten die Gebeine und fürchterlichen Schädel den anderen ein warnendes Beispiel sein, jeglichen Gedanken an Widersetzlichkeit fahrenzulassen.

 

A.     d. Rumänischen übersetzt von Hans Herrfurth, Erschienen in Der Fotograf des Unsichtbaren, Verlag Volk und Welt, Berlin 1978.

 

 

 

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Gheorghe Sasarman: Doktor in Architekturtheorie, Schriftsteller, Journalist, Informatiker. Geboren am 9.4.1941 in Bukarest, Rumänien. Lebt seit 1983 in München. Studium und Promotion an dem Institut für Architektur, Bukarest (1959-1965, bzw. 1978). Ausbildung zum Systemanalytiker in Bukarest (1982) und zum EDV-Fachmann in München (1984-1985).

Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbändern in Rumänien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Polen, Ungarn.

Buchveröffentlichungen: Oracolul (Das Orakel), Erzählungen, Vlg. Tineretului, Bukarest 1968; Cuadratura cercului (Die Quadratur des Kreises), Erzählungen, Vlg. Dacia, Cluj (Klausenburg) 1975; Himera  (Die Chimäre), Erzählungen, Vlg. Albatros, Bukarest 1978; Functiune, spatiu, arhitectura (Funktion, Raum, Architektur), Essay, Vlg. Meridiane, Bukarest 1979; 2000, Roman, Vlg. Eminescu, Bukarest 1982; Die Enklaven der Zeit (deutsche Fassung von 2000), Roman, Heyne Vlg., München 1986; Cupa de cucut (Der Schierlingsbecher), Roman, Vlg. Sedona, Timisoara (Temeschwar) 1994; La Quadrature du Cercle (französische Fassung von Cuadratura cercului), Erzählungen, Vlg. Noël Blandin, Paris 1994.

Internationaler Preis für die beste Science-Fiction Kurzgeschichte (1963, beim Wettbewerb sieben osteuropäischer Länder). Der Preis Europa für die beste Erzählung (bei der Europäischer Science Fiction Tagung EUROCON 1980, in Stresa, Italien). Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbandes (Uniunea scriitorilor) und der Deutsch-rumänischen Schriftsteller Vereinigung (München).

 

ZURÜCK Manfred PIELMEIER

(Herrsching)

 

IM RÜCKSPIEGEL

 

Sein Wagen glitt vorbei an beleuchteten Straßenzeilen, Ampeln und Kreuzungen, vorbei an späten Passanten, leichten Mädchen und Nachtschwärmern. Gelegentlich lächelte er sich aus dem Rückspiegel oder von den Plakaten her zu, die bald links bald rechts vorbeizogen, ihn überlebensgroß darstellend, lächelnd und siegesgewiß. Aus dem Autoradio ertönte leichte Unterhaltungsmusik. Was er kannte, summte oder pfiff er mit, denn er war bestens gelaunt. Die heutige Wahlveranstaltung war zu einem Bombenerfolg geworden.

"Sie haben so eine Art", hatte der hiesige Parteivorsitzende gesagt, "daß wir Ihnen und uns gratulieren können, Sie als Kandidaten aufgestellt zu haben. Glauben Sie mir, ich verstehe etwas von Wahlkämpfen: Ihrem Einzug ins Parlament dürfte nichts mehr im Wege stehen." Und ein Zuhörer, einer von den vielen, die herandrängten, um ihm die Hand zu schütteln, hatte gemeint: "Das haben Sie prima gemacht. Wissen Sie, wenn Sie lächeln, sind Sie unwiderstehlich." Lachen, dachte er, war schon immer meine Stärke. Das hat mir in der Schule viel eingebracht,  gar  nicht  zu  reden  von  den  Erfolgen bei  den  Mädchen  oder  in  meiner Praxis.  Man  soll mir nicht sagen, es gäbe nicht so etwas wie ein gewinnbringendes Lachen. Wieder kam ihm sein Plakat entgegen,  dieses Mal auf einer Litfaßsäule rechts der Fahrbahn. Im Vorbeifahren schien es ihm, als lebe er auf dem Plakat und drehe sich siegesbewusst  lächelnd sich selbst zu. Das beeindruckte ihn. Leitner, dachte er, hatte damals recht, als er sagte: "Mit dem Plakat schaffst Du's. Um dieses Lachen bist Du Deinen Gegnern voraus."

Plötzlich erinnerte er sich jener Fotografin, die die Aufnahmen für dieses Plakat gemacht hatte und ein peinliches Gefühl beschlich ihn. Er wollte es sich nicht eingestehen, daß er sein plakatiertes Lachen dem Trick einer kleinen, hässlichen Fotografin verdankte, die ihn durchschaut hatte.

"Sie wollen sich für ein Plakat aufnehmen lassen, das Ihnen Wähler bringt", hatte sie ihn gefragt und ihn dabei von oben bis  unten gemustert,  was  bei  ihm das peinliche Gefühl ausgelöst hatte, einer Leibesvisitation unterzogen zu werden.

"Ich glaube, das läßt sich machen", sagte sie, sein Gesicht  aufmerksam  betrachtend.   "Es  muß mir nur gelingen,  Ihnen  ein  gewisses Lachen zu entlocken." Und ohne weitere Umschweife hatte sie sich an die Arbeit gemacht. Er hatte damals erlebt, wie schwer es   ist,   auf  Kommando  und zur  Zufriedenheit  eines anderen zu lachen. Immer wieder hatte sie etwas einzuwenden. "Nein, nicht so, das wirkt  zu  hämisch!"  oder  "Das  paßt  nicht  zu Ihnen als  Politiker,   das  läßt  Sie  viel  zu  gutmütig  erscheinen. - Um Gottes willen, nein!  Das entstellt Sie ja ganz,  das  ist  doch  kein  Lachen,  das  ist  ein Grinsen." Schließlich hatte sie gemeint: "So geht's nicht!" Eine kleine Pause des Nachdenkens war entstanden und dann hatte sie ihn ganz plötzlich aufgefordert,  ihr Gesicht  anzusehen.  Mein Gott, wie hässlich sie war. Er erinnerte sich noch ganz genau daran, und es fiel ihm ein, wie sie ganz unerwartet gesagt  hatte:  "Und  nun  stellen Sie sich vor,  ich hätte zu Ihnen gesagt: Na Süßer, wie ist's mit  uns  beiden?"   Er  mußte  wieder  wie  damals  bei  der  Vorstellung - er und sie - hemmungslos lachen.  Dieses  Lachen  hatte sie aufgenommen und mit großem  Ernst  hinzugefügt:  "So,  jetzt  haben   wir's,  Ihr  Lachen.  Sie  können  es  sich morgen abholen."

So lachte er nun von Anschlagtafeln, Plakatsäulen und Hauswänden, überlegen und mit leichtem Spott für  alle,  die zu  ihm  aufschauten:  ein hintergründiges Lachen,  beschämend und gewinnbringend zugleich. "Eine Insel aus Träumen geboren" aus der Reihe alter Schlager ließ ihn seine peinlichen Gedanken vergessen, während er durch die  spärlich  erleuchtete  Vorstadt fuhr.  Gärten glitten  als dunkle Schatten vorüber und manchmal auch noch eines seiner Plakate.  Bald hatte er den Stadtrand erreicht und fuhr nun der Nacht entgegen.

Er war noch nicht weit gekommen, als plötzlich seitlich vor ihm im Licht der Scheinwerfer zwei Gestalten auftauchten, Anhalter, wie er auf den ersten Blick bemerkte.

Normalerweise nahm er niemand mit. Heute aber war das anders. Er war selten gutgelaunt wegen seines  Erfolges  und  weil  ihn  zu  Hause  eine  Party erwartete, die seine Frau arrangiert hatte. Und da war  noch  etwas.  Etwas,  das  ihn  unwiderstehlich  zu der Anhalterin hinzog und das ihn erschauern ließ.  Er  trat  auf  die  Bremse,  bevor  ihm  noch  klar war, was und warum er das tat.

"Wohin?" fragte er durch das heruntergekurbelte Wagenfenster das Mädchen und ihren Begleiter. Sie  nannten  beide das gleiche Ziel,  eine  nahegelegene Kleinstadt.  Er  fühlte sich dadurch enttäuscht und  fast  versucht  ohne sie weiterzufahren.  Dennoch  ließ er sie einsteigen. Wieder war es das Etwas an diesem Mädchen, das ihn gegen sein anderes Wollen ausspielte.

Das  Brummen  des Motors und die Klänge der Musik  vermischten  sich  mit  den  Worten des  jungen  Mannes  neben  ihm.  Er  nahm  zwar  wahr, was  der sagte,  aber  er  faßte  es  nicht  auf,  weil seine  Gedanken  und  Blicke  abschweiften.  Im Rückspiegel suchte er immer wieder das Gesicht des  Mädchens.  Sie  schien  das  zu  fühlen,  denn auf  einmal  sah auch sie ihn an.  Da  lächelte er ihr zu  und  versuchte  all  das  hineinzulegen,  was dieses   Etwas  bei  ihm  ausgelöst  hatte.   Mal  sehen, dachte er,  wie das ankommt.  Gleichzeitig fühlte er eine  Erregtheit,  die  sich  steigerte,  als  er  zu  bemerken glaubte, daß sie ihm zulächelte. Das ermutigte ihn, das Rückspiegelspiel, wie er es nannte, öfter zu wiederholen, um ihr Lächeln einzufangen. Er  war  so  versunken  darin,  daß  er  erst  an der Helle der Straßenbeleuchtung merkte, daß er den Zielort der beiden erreicht hatte. Er verlangsamte das Tempo und plötzlich kam er sich auch hier überlebensgroß  mit  plakatiertem  Lächeln  entgegen. Er suchte im Rückspiegel das Gesicht des Mädchens und bemerkte,  wie sie sekundenlang das Plakat anstarrte. Jetzt, dachte er, hat sie mich erkannt.  Sie  wird mir,  sie  muß  mir  zulächeln. "Halten Sie", sagte sie unvermittelt, "wir wollen aussteigen." Sie sagte das kurz angebunden. überrascht trat er auf die Bremse. Beide stiegen aus. Dann wandte sie sich ihm durch das vordere Wagenfenster noch einmal zu. Ganz dicht war sie herangetreten und sagte mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung auf das Plakat hin: "Wenn ich den lachen sehe, komme ich mir vergewaltigt vor." Sie sah ihn dabei mit einem so merkwürdigen Blick an,  daß  er sich  durchschaut  und  ausgespielt fühlte, wie damals von der hässlichen Fotografin.

Als er mit Vollgas davonfuhr, waren die beiden schon grußlos verschwunden. Sein plakatiertes Lächeln hatte sich  in  Blitzesschnelle auf  der  Litfaßsäule abgespult  und  tauchte  kurz  noch einmal im  Rückspiegel  auf,  verschwommen  zur  Ausdruckslosigkeit,  bis  es  schließlich  verschwand.

 

ZURÜCK Radu BARBULECU

(München)

 

BRIEFBEKANNTSCHAFT

 

"Quatre Francs cinquante, sil vous plait."

Er zahlte an der Theke, versuchte automatisch es in DM umzurechnen, aber er gab gleich auf. Es war auf jeden Fall sehr billig für einen internationalen Flughafen wie Orly und der Barmann bedankte sich, und er nahm die kleine Tasse voll mit der cremigen, braunen und heißen Flüssigkeit dankend entgegen. Er ließ einen Zuckerwürfel darin  schmelzen und nahm einen Schluck . Es war guter Kaffee, der ihn an den schmackhaften türkischen Kaffee erinnerte,  den  er vor Jahren an der Schwarzmeerküste zu trinken pflegte.

Er mußte noch auf den  Flug Nr. 004  von American  Airlines warten,   das Flugzeug  war zwar noch im angegebenen Zeitplan, aber er war ein Frühaufsteher, und konnte das Warten in  seinem  Hotelzimmer  in Boulevard  Saint  Germain, Ecke Rue Jean de Beauvais, nicht mehr aushalten. Er hatte ein Taxi genommen und sich durch die noch schlafende, noch leere Stadt fahren lassen. Die Marmorsäle in Orly waren fast noch menschenleer,  mit Ausnahme einiger Reisender und einiger Leute, die auf  Bekannte  oder,  wie  er, auf ihre  Lieben warteten, und von denen einige, in die schwarzen Sessel versunken, eingenickt waren oder sich mit leisen Stimmen unterhielten. Nur die Sicherheitskräfte  sahen sehr lebendig aus und musterten mit  bedrohlichen Blicken den Rest der Gruppe. Es war ein Anblick wie überall in  der Welt.  Vielleicht  konnte  man  sich  das damit  erklären, daß die Leute, die solche  Jobs  bevorzugen,   davon  überzeugt sind,  daß  der Fetzen Stoff,  welchen  ihnen   errenrasse anzugehören oder etwas mit ihr zu tun zu haben.

Seine  innere Unruhe, seine fordernde Natur war schuld, daß er immer bereit war, neue Wege  zu gehen,  neue Welten zu erforschen,  sein  eigenes Leben zu revidieren und zu verändern. Er war interessiert an allem, was Leben bedeutet, immer bereit, neue Sachen zu lernen, neue Bekanntschaften zu machen, neue Städte und Länder kennenzulernen. Mit den politischen Umständen in seinem Heimatland, das an der unteren Donau, an den Karpaten und am Schwarzen Meer lag, unzufrieden, hatte er es verlassen, um dem starren, unbeweglichen und todbringenden System zu entkommen und um seine Freiheit zu erlangen. Als er den Alten Kontinent kreuz und quer bereiste, wurde er von dessen Machtstrukturen enttäuscht; und da verstand er, daß gelebte Freiheit und gedachte Freiheit  zwei grundverschiedene Sachen sind. Die Menschen schienen ihm mehr  strukturgebunden zu sein,  als er es in seiner Heimat  glauben wollte,  viel  biederer  und weniger risikobereit,  ihr  einziges  Leben  selbst zu gestalten,  zu entfalten und zu erleben.  Die meisten suchten die niedere Gemütlichkeit und sorgten sich  nur um ihren eigenen Braten, ihr Bier oder ein Glas Wein. Es  gab  in der Tat  wenige,  die sich,  wie er selbst, für die Ereignisse interessierten, um Dinge, die noch zu tun waren oder einfach  um die Menschen drumherum kümmerten. Das gelobte Abendland schien in einen Zug  gestiegen  zu  sein,  der  sich  gemächlich  aber unaufhaltsam  der Endstation näherte, und das hieß:  in Merkantilismus,  Egozentrismus,  Alkoholismus, Brutalität und primitiven Nationalismus zu versinken. Ihn schauderte, als er sich an eine  unbedeutende  Bettgeschichte  erinnerte,  mit   einer   dieser   ichsüchtigen Frauen,  kalt  wie  ein Schaufensterfisch, und vällig unfähig einem Mann  einen  Augenblick  Mitgefühl  zu  zeigen, aber  von  einem  nicht  zu  sättigenden  Appetit nach Zärtlichkeit, Sex und schänen und teueren Sachen besessen. Sie war eigentlich nur ein serienmäßiges Produkt dieses Erdteils und genauso begehrenswert.

Die Kaffeetasse war leer und er ging, um die Ankünfte auf dem Monitor zu überprüfen. Es war noch  Zeit,  etwa zwanzig Minuten, und er bedauerte, daß niemand daran gedacht hatte, in dem großen, modernen und funktionellen Flughafen, so etwas wie ein Blumengeschäft zu eröffnen. Er liebte es, Blumen zu schenken, und er bemerkte auf einmal, wie nerväs er eigentlich war. "Und was tust du, wenn sie dich nicht mag?"

Diese verdammte Frage kam immer wieder zurück. Sie hatten sich nur einmal getroffen,  mehrere Monate zuvor,  für einige Stunden,  in einer Disco  an  der  Münchner  Leopoldstraße,  und  daraus wurde eine Art Briefbekanntschaft. Aus ihren Briefen glaubte er herauszufinden, wie sie war: menschlich warm, fröhlich, aber zugleich tiefsinnig und ernst. Sie hatten ähnliche Zuneigungen, ähnliche Zukunftsvisionen. Es ist tatsächlich seltsam, dachte er, wie Leute, die tausende von Kilometern voneinander geboren wurden und lebten, so ähnlich denken und fühlen können!

 

Die ersten Passagiere aus ihrem Flugzeug fingen an,  durch die matten Glastüren her-

auszukommen und seine Nervosität wuchs ins Unermessliche, als immer mehr Leute den Flur verließen, und sie sich immer noch verspätete. "Und wenn sie nicht kommt? Könnte es sein, daß alles nur ein Witz war, oder ein Traum? Bist du ganz sicher, daß es sie tatsächlich gibt, oder ist sie nur ein Produkt deines vor Einsamkeit verrückt gewordenen Gehirns? Eine Halluzination?"

Ein leiser Bewunderungspfiff und die Worte eines Franzosen  neben ihm  brachten  seine  Hände, die die blankpolierte Stahlstange umklammerten, welche die Besucher von den Passagieren auseinander hielt, zum zittern.

"Voila, quelle belle fille!"

Er erkannte, als er den goldenen Helm ihrer Haare  und  das  strahlende  Blau  ihrer  Augen sah, die Wahrheit der Worte. Da kam sie, in der ganzen Blüte ihrer Jugend, in der ganzen Schönheit ihres Körpers und ihrer Seele, und das unsichere Lächeln auf ihre Lippen verriet ihre eigene Unsicherheit, ihre Nervosität und die Weite ihrer Erwartungen.

 

Ohne  ein Wort zu wechseln, gingen sie die Eisenstange entlang und nahmen nur zur Hälfte die Anwesenheit anderer Leute wahr. Die Mauern des großen Flughafens schienen in sich zusammenzufallen, sich aufzulösen, und  eine  riesige grasbewachsene Ebene nahm ihren Platz ein, die unter der frühen Morgensonne strahlte. Am Himmel beeilten sich einige weiße Wolken, die Landschaft zu verlassen; sie nahmen sich bei der Hand, ihre Körper schienen mit der letzten Wolke zu verschmelzen. Sie blieben aber zurück, zwei umrissene Seelen auf der weiten, blauen, durchsichtigen Kuppel des Himmels, und als  sie  sich  einander näherten,  klang  von irgendwo  und  von  nirgendwo  das Wort: "Welcome!"

 

ZURÜCK Renate SCHMADALLA

(Bad Münder)

 

 

            Kinder

 

Tote Augen starren

blicklos

zum Himmel-

verstummt

der Schrei

in Todesangst...

Lebendige Kinder

durch Gewalt

zum Schweigen gebracht.

Die Waffen schweigen nicht...

Der Krieg präsentiert

seine Rechnung,

Kinder bezahlen

mit ihrem Leben...

 

 

 

            ***

 

So wie das Licht

zurückkehrt

aus der Tiefe

der Dämmerung,

so wie die Tage

länger werden

und heller -

so kehrt auch

die Hoffnung zurück

auf das Kommende,

auf den Neubeginn

in uns

 

 

 

            Traum

 

Diese Küste zu erreichen,

die Wärme zu spüren

und das Licht -

Wind spielt in Palmenblättern,

und Wellen liebkosen

die zarte Linie des Strandes...

Diese Küste zu erreichen

und sie zu hären

die singenden Delphine...

 

 

 

            ***

 

Der Wein

den ich nicht austrinke -

laß mich meine Tränen weinen

bis es keine mehr gibt...

Auf verschlungenen Wegen

durch die Düsternis der Tage,

durch die Tiefen der Angst...

Der Wein,

den ich nicht austrinke -

gib mir den letzten Schluck

nicht zu früh...

 

 

 

            Blätter im Wind

 

Blätter im Wind

sind wir alle -

taumelnd

und schwebend.

manchmal geweht

zum Rande der Zeit...

Schutzlos,

wehrlos

treibend irgendwohin -

Blätter im Wind...

Kleine Biografie

 

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Renate Schmadalla, geb. 1934, aufgewachsen als Tochter eines Forstmeisters mit vier Geschwistern in Pommern und im Elsaß. In der Natur und mit Tieren großgeworden. Passionierte Reiterin. Als Flüchtlingskind schwere Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt.

Jetzt wohnhaft in einem 200 Jahre alten Fachwerkhaus in Niedersachsen, Nähe Hameln. Ausgebildete Fotografin. 3 Kinder.

Mitarbeit und Veröffentlichungen in lit. Zeitschriften, Tageszeitungen und 80 Anthologien. Lesungen im deutschen Raum u. benachbarten Ausland. Ausstellungen von Fotolyrik. 2 Lyrikpreise. Preisträgerin 1997 beim NDR 1 Radio Niedersachsen (Fotowettbewerb).

Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband und im Verein d. Schriftstellerinnen u. Künstlerinnen Wien.

 

Einzeltitel: Durch Sonne, Wind und weißen Sand, Pferdegedichte mit Farbfotos; über die Zeit hinweg, Gedichte; Das russische Herz, Kurzgeschichten; Jimmy Kater, Tiergeschichten und Gedichte mit Federzeichnungen; Die kleine Freude am Augenblick, Gedichte mit Aquarellen, Ars Ed. München; Ein Kookaburra fliegt vorbei: Reiseskizzen in Lyrik und Prosa mit 37 Fotos; Gedanken kennen keinen Abschied, Gedichte mit kl. Federzeichnungen Archenoah Nr. 2-3 (19-20) April-September 1999.

 

ZURÜCK Manfred SZILAGYI

(Göttingen)

 

 

 

***

 

Der Gauner mit der Technik

muß mich nicht fragen,

warum,

von mir selbst,

durch ganze Welten

meine Widerstandsgedanken

reisen,

gegen den STROM

 

 

 

***

 

Ich habe zerdrückt

            den Stein - im - Sand

            das Wasser - im - Gelee

            den Schmerz - im - Wunsch

Ich habe zerdrückt

            verdrückt

            entblößt,

den Augenblick

 

 

 

***

 

Geschrieben habe ich

                        an einem Tag

Zehn verrückte Gedichte

Betäubt von deinem Glas

                        voll Phantasien

Habe ich nur Einbildungen

                        getankt

Und jetzt bist du

Das elfte Mädchen

Der zehn Gedichte

 

 

Aus: 71 love songs "Împotriva curentului / Poeme / Gedichte / Poems, 71 love songs gegen den Strom, Editura AMB, 1997

 

 

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Manfred Szilagyi: geboren 1956 in Bukarest. Studium: Grafikdesigner an der Uni-Hamburg. Lebt in Gättingen. Veröffentlichungen: "56 love songs über uns si burlane", 1996; "76 love songs gegen den Strom", 1996.

 

 

ZURÜCK Frederike HABERKAMP

(Bonn)

 

 

 

            ***

 

Auf der Treppe warten immer

noch nur die Studenten

 

Ein Blindenhund, der verlorene

Brief

 

Neben dem Laden gab es einst

Einen Nebel, Blumentau

 

Wie ein Versprechen;

Aber die Farben sind noch frei.

 

Eine Stimme spricht zu mir

 

Eine dunkle Liebe am Ende

Des Jahrhunderts.

 

Du hast mich alle Nächte

Lang gehalten,

und ich raube die Rosen aus Deinen

traumschweren Händen.

 

Papier kommentiert das Totem,

verdrehte Zeichen.

 

Wartende Adler sitzen im Haus.

 

Eidechsen sprechen meine Sprache

 

Und es sind die Dinge, die mir

Zuraunen an heißen Schieferwänden.

 

Am Abschied steht Gelächter, verliebt

Wie Vögel.

 

In dieser Kornkammer wartet ein vergessenes Begräbnis, eine

 

Aufgegebene Geschichte.

 

 

 

            ***

 

In den geputzten Kaminschlot

wirft Niemandswer die Kohlen.

 

Flackerndes Wasser fällt

Wie Schnee von den Blüten.

 

Ich bin doch uneins, internierte

Ästhetische Kuchenblumen.

 

 

 

            ***

 

Denn ich will eine

Neue Welt bauen, in den Elends

Quartieren

 

Ein gütiges Licht in der Nacht

Ist die Messmaus

 

Wider meine Tat, als

Ich den Abstand des Sommers küsste

 

Und wir in einer blauen Grotte klingenden

Tee tranken. Quecksilbertränen

 

Wenn Niemand,

wenn die Not des Mittags liest.

 

 

 

            ***

 

In Ewigkeit scheinst Du

Licht in meiner versteinerten Nacht.

 

Die Zeit ist schon versternt wie

Die letzte Zeile. Aber in welchem

Traum sah ich Dein Gesicht?

 

Heimweh ein besseres Gefühl nun

Lebende Lügen,

eine weggeworfene Träne Gottes.

 

 

 

            1927

 

Ein Gekko blickt aus dem Spiegel.

Nur Quacksalber machen Quecksilber aus Bor und Alaun.

Ich finde keine Zeit für die Nimmermehrtag

die Klappkarten.

Träume, und die Welt steht

in Flammen.

Mein Reich ist eine eiserne Feder, nur

was wahr ist, wissen sie nicht.

Du verlierst nur Dein Leben.    

 

 

           

            Gestern

 

Der

reflektierte

Herbst

 

will Yr. Da haben Sie

(Fenchel) vor

einem großen Tod

gestanden. Die Sorten

Kerne sind wie

Angst

 

vorm Sandmann

trennbare Worte.

 

 

           

            Freude

 

Die Betroffenheit, nicht

die Verlassenheit des Augenblicks,

aber höre den

 

schwarzen Hammer lächeln.

Aber stiller, und nicht näher

die Fremde.

 

Aber erst die Erschütterung gegen die Felsen!

Eine weiße Katze, ein aufgerissener

Schnabel am Wegrand.

 

denn Sinn in den Sinn zu nehmen

            aber es lag Schnee in der Waagschale,

zu glauben, aber nicht zu meinen:

es war so schön, aber nicht so wichtig.

 

           

 

            Tante

 

Die Zwillinge heirateten.

 

Der Tennisball sucht den Blick

wie der Glaube an Enden.

Desinfiziert, mythisch sind

die Säbel, vorsintflutlich,

wie Dein Haß. Der Traum

ist wirklich beschleunigt, verrät jene Engel.

Die Operation warnschmerzhaft,

erfolgreich,

wie Deine erzwungene Handschrift.

 

 

           

            AIN

 

Doch halt lose die Freude

Das Gras in der Scheune

nur, sie stehen nicht mehr auf.

Das Füllhorn wirds wandeln,

nein, der hat es gelesen.

Wie der nicht vorhandene

Aufbruch in der Ewigkeit.

Der Wind zeitigt den Raum

traurige Wespen.

Er hieß Schattenmann.

In der verminten Landschaft

göttliche Funken. Nicht nur

das Universum geht durch die Wand.

Die Zeit steht für viele, Dir richtig

wie eine verschlossene Tür,

wie alle Zahlen.

 

ZURÜCK Amelia STANESCU

(Constanta)

 

 

 

            ***

 

Lassen wir

alles beiseite, sagte ich dir,

bis morgen haben wir Zeit

un in den Schubladen sauber zu machen am morgen

wird das Warmwasser fließen die beine werden es wie

ein Komet durchdringen

bleiben wir noch ein wenig in der Ewigkeit

hinter den Spiegel

der vorgestellte Tortenschädel macht ein Nickerchen  der Opa

wir werden Feigen essen du wirst mich auf den Knien halten

die linke Hand wird das Schweigen aus

allen Dingen auf dieses Planet nur ich

bin keine Hausfrau aber wir werden

cache-cache à la carte zusammen spielen.

 

 

 

            ***

 

Ich trage bis zum Abnutzung

mein Herz und meinen  Körper

bis ich fühle wie ich durch ein Auge

der Verwirrung atme

die eiförmige Fingerabdrücke des Lebens

Zwischenzeiten in sensuellen Falschheiten

gestotterte Ticken bis zu einer genauen Stunde

des erhabenen Weckens

oder vielleicht die, in der Wasseruhr des Wesens

abgewürgte Träne.

 

 

 

            ***

 

Sie begruben uns.

das Magierlächeln der Gewässern

 

von Stein hast du deine Waffen gelassen

dein Mund wie ein Echo

Teufeln zur Sonne

hinsterbende Versuchung

 

 

 

              ***

 

Meine Einsamkeit zählt ihre Schritte zum Gott

Ist  es noch weit?

ich stieg in mir von der Knöchelspitze auf

die Himmel ist blau

ohne schüchterne Umgehungen

prüde Verstecke fleißiges Schweigen

laß uns die Unendlichkeit entjungfern  das Blut

steigt mühsam auf in das bemessene Rhythmus des Mondes

du hast das Curriculum vitae vergessen

deine Hände erbauen das Schauen von Innen

jemand schlägt das Klopfbrett

es wickelt dich ein, erwürgt deine Haare von danach

vom weitem von hinter die Übehrquerung des Nichts

 

 

 

            ***

 

für ein Blatt, für das erste Mal

aus Sand

nur die Tiefe der Welle die die Harmonie jener Todeskanone abstimmt

deine Stimme

das entfernte Leben

mein ewigen Krebsdasein

nur eine Sekunde...

bis morgen.

 

 

 

***

 

hungrig das Blut

schindet deine Ewigkeitsscheinbarkeit

hinter der Ufer Matamorphosis des Todes

das Meer singt schaurig

Jahre danach

wird die Urne der erhabene Kuß

ihrer jungfräulichen Schultern

in einer Welle aus Sand.

 

 

 

***

 

Verdammt...

sagte ich mir: als durch die Luft Regentropfen schrien banden wir uns an einer Hand aus Knochen und Licht fest und ich frage mich gar nicht 

warum meine linke Hand deine Luft

braucht

 

 

 

***

 

Es war so still

in der Einsamkeit,

daß wir unsere Herzen sehen konnten, wie sie uns zum Festmahl der Ziegenjäger hinschoben

unsere Hände blieben Köder

der Honigwaben-Kuß

Wald ohne Schicksal

rätselhafter Waldhüter

die Natur entfaltet uns in einem Buch

 

 

 

Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu

 

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Geboren am 22.6.1974 in Constanta/Rumänien. Gymnasium in Constanta. Fakultät für Literatur  und Theologie (Fach: Rumänisch und Franzäsisch) in Constanta. Veräffentlichungen in rumänischen (Tomis, Luceafarul, Observator-München) )und deutschen (archenoah) Literaturzeitschriften. Gedichtbande:  "Cautatori de cuvinte“ (Wortesucher), Constanta 1994 und "Versuri/Gedichte", zweisprachig, München 1999. Observator-München-Literaturpreis für Schüler und Studenten 1992.

 

ZURÜCK Karlheinz BARWASSER

(München)

 

 

 

Es gluckert die fröhliche Gemeinde, vom Sargmacher bis zum Steinmetz: Musikstakkatos, Harmonie: ein profitabler Markt schickt die letzte Tabutheorie unter den Tisch. Die Floristen binden sich die Hände wund. Etwas Nebel in der Luft, ein Dutzend Mistkäfer zur Garnitur: steht vor der Auflösung der Kraftakt der Beherrschung.

 

 

München

 

Schnöde Dankgebete an die Gesinnungshure: so käuflich wie sie Herz ist: bei Neon, neu gespannte Gesichter: in seiner ganzen Not zeigt sich der Aufstand der materiellen Veränderung gegen die historischen Bedingungen: fernerhin ein Geröll von geistiger Niederlage, nicht ein schuldiger Zuschauer, denn zwei Finger zur Faust. Auch die Freiheit zu stürzen: wo niemand ihn zwingt, aufzustehen, darf er liegen bleiben. Es flaniert der Besen.

 

Herz genug: seimiger Zungenbelag: in der Nummer werden die Weißwürste gezuzelt, da geht das Radio mit: Oktoberfest im Säbelregiment:

nach jedem Tusch ein Elektroschock, bis auch der letzte Körper resistent ist, zum Hodenquetscher das Prost auf Herrn Ampre, Rettichwurzel zum Dessert: eingesegnet die erlegte Gemse, nachgespült. Aus Tradition gehen die Lichter aus.

 

So frohe Botschaft: daß die Auseinandersetzung mit Schmerz die Interpretation eigener Not und Notwendigkeit bleibt. Gelitten wird nicht, das Ende kommt schän: unter dem Siegestor, mit kirchlichem Beistand aus der Nähe. Ganz kollektive Unschuld, letzte Warnung.

 

Und Spucke: Züngeln in der Armkehle: ein tolldreister Küster und andere Versager. Sprache dazu ist sehr beschränkend, sobald keiner mehr armet, wird alles Bühne, ein großer Auftritt: schnell weg weg weggesoffen das Leben. Und selbstredend, sagt der feine Herr (in diesem Bordell der Geschichte), waren Sie heute mein Gast. Ob man noch rauchen mag, ein bißchen daran sterben.

 

 

 

Wien

 

Schon die Luft wirft den Schatten voraus: Satin und Loden, der demütige Kreis: die besten Adressen vergeben, der Intendant ist tot, und der Mundharmonikaspieler verlor seine Hände. Sonst ätherische Bedeutungsschwere : gepuderte Bizeps, schäbig, immer in Zwang, in Trieb, in Flucht: die vägeln offen die Pummerin und heimlich wachsen ihnen Rosen aus dar Männerbrust. Bis ins Alter fürchten sie sich: die Brieftasche umklammert, verlangt der gebißtragende Premierenarsch ein Unbedenklichkeitssiegel.

 

Fleischige Waden, aber Pailettentutu: nach Liliom durch sämtliche Garderoben gejagt: jeder Bartstoppel beschert ihr einen verzwickten Traum.

Ungetestet: immer repetiert sich Selbsterhaltung wie eine defekte Schallplatte: silberne Löffel klauen, später abschlafen, einen nach dem anderen: und hier und da ein Medikament spendiert.

 

Ausgeschlafen, entgolten: Verklärungssucht gegen Wille, hächstens träumt es sich: die Ränder des Praters, da fiel einem ein Foto eines burgenländischen Storchpaars aus dem Bauchkorsett. Schön korrepetiert: ein, aus, drin und draus: von der feudalen Hochzeit und dem verrotteten Ringelspiel: zwei Viertel Retrovier, dafür hat die innereuropäische Todesschwadron die Stadtwolken blutig geritten.

 

Ich würde sie gerne als Gegner haben, sagte einer, das schnürt die Bereitschaft: unter dem Bett lag ein Köter, deutscher Schäferhund.

 

 

 

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Karlheinz BARWASSER:  geboren 1950, aufgewachsen im Rheinland, lebt und arbeitet als Schriftsteller in München:

Prosa, Lyrik, Roman, Essay und Kulturkritik. Härspiele und Features für den Rundfunk. Regiearbeit.

Internet: http://members.aol.com/kbarwasser.

Buchveräffentlichungen:  Der Schlauch, Berlin, 1980 * Kaputte Sommertage in S., Bielefeld,1981 *

Schwulenhatz-Eine Dokumentation, Bielefeld, 1981 * Doch Zufall ist hier nichts, Köln, 1982 *

Seelenhunger, Münster, 1982 * Schrei deine Worte nicht in den Wind (Hrsg.), Tübingen, 1982 *

Das erste halbe Jahr, Hannover, 1983 * Mauern (Hrsg.), Hannover, 1983 * Nachtwellen (zus. mit Herbert

Schneidewind), Hannover, 1983 * Im Abseits (Hrsg.), Siegen, 1983 * Noch mal davongekommen, Zürich, 1983

Wider die Räuber, Hannover, 1984 * Lovestories (Hrsg. Zus mit Robert Stauffer), Käln, 1986 * Im eigenen Schatten,

Käln, 1986 * 2 Männer (zus. mit Robert Stauffer), Käln, 1987 * Das Ypsilon der verdrehten Achsel, München, 1992 * Richtungen,

München, 1995 * Mütterkorn, München, 1996 * Topographien, München, 1997 * Der Bilderesser, Duisburg, 1998.

 

Hörspiele und Features: (RIAS; DRS; DeutschlandRadio; Radio 100; Radio Bremen; Süddeutscher Rundfunk; Südwestfunk;

Saarländischer Rundfunk; Westdeutscher Rundfunk; Bayerischer Rundfunk; Hessischer Rundfunk; Österreichischer Rundfunk;

Deutschlandsender-Kultur; Berliner Rundfunk; Radio Aktuell; Mitteldeutscher Rundfunk; Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg;

DT 64; Rock Radio B).

 

Literaturkassetten:  Astrid Gehlhoff-Claes liest Layrik und Prosa von Karlheinz BARWASSER, Limusin, 1982

*Das bißchen Leben - Schüpbach liest barwasser, D&G, 1983 * Polyglotte - eine Hörverunsicherung (zus.

mit Robert Stauffer), Färtner&Kroemer, 1986.

 

Herausgeber der multimedialen Literatur CD-ROM Pcetera. Herausgeber von cet Zeitschrift für Literatur etc.

 

Mehrere literarische Preise und Auszeichnungen, u.a. Arbeitsstipendium für Literatur des Landes Nordrhein-Westfalen,

1986 * Literaturstipendium der Stadt München, 1992 * 2 Förderungspreis Lyrikpreis Meran, 1996 * Erostepost-Literaturpreis,

Salzburg, 1996.

 

ZURÜCK Mihai URSACHI

(Jassy)

 

 

 

            Die Geschichte der Großen Uhr

            und des Blinden

            (Istoria Marelui Ceas si a Orbului)

 

            Ein riesiges Uhrwerk in der steinernen Wüste,

            gleich einer riesigen Moschee-Kathedrale. Keiner

            von euch, ihr Wanderer, ist durch jenes

            "Die Steinerne Uhr" genannte Land gefahren. Ihren

            melancholischen Klang härt man, wie manche sagen,

            auf der ganzen Erde

            seit kurzem aber härt man ihn nirgendwo, niemals

            (oder, weil wir ihn ständig hären, hären wir ihn aus Gewohnheit nicht mehr).

            Was ich ungewöhnlich finde ist, daß ihr Wächter, ein armer Blinder,

            immer etwas nachzählt, indem er dazu die Knöcherchen

            seiner Mumienhand benutzt. Er zählt eilig nach

            und manchmal zeigt sich sein blindes und wie altes ausgetrocknetes

            Pergament aussehendes Gesicht vor Hoffnung und Freude strahlend.

            Dann schaut er aus seinen leeren Augenhöhlen

            die Uhr an.

            Aber gleich danach vertieft er sich wieder in seine armselige Zählerei

            und keiner stärt das große Schweigen um ihn.

 

            Das ist, verehrte Wanderer, die Geschichte

            der Großen Uhr und des Blinden,

            die ich euch erzählte und - schweige.   

 

 

 

                        Tänernes Herz                     

                        (Inima de lut)

 

                        Hör mal zu! Mit dem, an das tönerne Ufer gepreßte Ohr,

                        hör mal zu! In der Tiefe gibt es eine Mühle,

                        die wie ein bekümmertes Herz pocht und pocht und pocht...

                        O, jener Laut, der einzige, den sie

                        mahlt und mahlt... Erinnerst Du

                        dich jenes Wortes, das es in keiner Sprache gibt,

                        das ungeschrieben, ungesagt, ungedacht ist?

 

                        Dein Herz gleicht jetzt

                        einer Glocke im tönernen Ufer... Dein Herz

                        ist eine Mühle, bekümmert

                        pocht und pocht und pocht es... O, wirst du

                        das, was mahlt und mahlt erfahren? Hör, hör

                        die Tonerde, sie ruft dich, sie mahlt dich, sie ruft...

                        Komm...

 

 

 

            Miserere

            (Miserere)

 

Meine Freunde haben Spaß am Fischen -

ich rette mich mit dem Schwimmen

 

Meine Freunde freuen sich auf die Jagd -

ich ringe nach Atem im Unterholz

 

Meine Freunde haben keine Laster -

ich bekenne mich ausschließlich zur Blasphemie

 

Sogar dieses Gedicht habe ich nur

aus Ekel und Abscheu

 

und Bosheit

geschrieben

 

 

 

            Bild

            (Tablou)

 

Ich habe gesehen wie in der Nacht auf den Burggassen

der alte in rouge cardinal gekleidete Straßenkehrer, der

blindlings seinen Müllwagen schob

indem er laut und ohne Pause den Jägermarsch

aus dem Freischütz pfiff.

 

 

 

Verlorenes Gedicht

(Poezie pierduta)

 

Und dieses Gedicht habe ich

an einen Wald geschrieben, auf gelblichen Ahornblättern.

 

Ohne Stilblüte,

mit einer unbemerkbarer Tinte

 

Nur die Rehe, wenn sie die geschriebenen Blätter kauen,

weinen und schweigen.

 

 

 

            So sagte

            (Asa grait-a)

 

"So lange du noch eine Spur Hoffnung haben wirst

sollst du nicht hoffen; sondern nur dann, wenn

du in der Wahrheit

vergessen wirst was Hoffnung ist, kannst du zu hoffen

anfangen. Und gleich danach

wirst du keine Hoffnung mehr haben."

 

So sagte mir der Dämon und

hoffnungsvoll

vergaß ich jede Hoffnung als ich dort eintrat.

 

 

 

Dt.-Nachdichtung: Radu Barbulescu.

 

ZURÜCK Gheorghe ISTRATE

(Bukarest)

 

                                                           Motto:

                                                           es gibt eine Stunde mit Nächten aus dem Wort gezogen

                                                           von hier ab wird der wasserlose Weg gewählt

                                                           die Erde hat meinen jungen Schatten angezogen

                                                           der Leib von Augenlidern wird erhellt.

 

 

 

 

I

 

ich habe meine Schläfen in die Stille gebeugt

draußen über den Schalen des Seins flattern die, nach

Schlaf dampfenden Wäsche

es ist vielleicht der grüne Durst des Baumes

der auf meine Seele wartet, um sie zu stehlen

 

schlafwandlerisch steige ich in meinen eigenen Traum

die Treppe atmet in die Treppe, die nach ihr kommt

aus den Achseln fließt stumm die Ohnmacht

der vielen Versuche, der leeren Flüge und wächst das andere Ufer in meinen Augen

wie ein Bauernhof voll enger Gräber

durch welche auch ich gehen muß

mit meiner Last eines Zuges von Gesichtern

vor jedem verbrannten Stein

zerbricht eine meiner Masken und auf

dem Werkzeugschnitt des Blutes dringe ich

in meinem knorrigern Leib

in welchem die kranke Knospe weint

 

bald

steigt die letzte Maske

aus der Zerstreuung der unpassenden Knochen herunter

und beraubt mich

 

 

 

 

                                                           IV.

 

                                                           es kommt eine wüste Sandsschnur

                                                           und schlägt meinen Kopf  in den Nacken

                                                           neben den Tränenpfosten des Bettes,

                                                           die schweigend duldeten die Nächte

                                                           meiner trüben Flucht in die Frauen

 

                                                           wer konnte mir den Weg zurück erklären

                                                           ich finde mich erneut und falle erneut in die Sünde

                                                           auf dem Skelett meines Gesichtes klimpern

 

stachelig und zerbrochen die Masken des Schlafes

durch welche sickert  immer bis in den Tod

eine Träne

 

halte die gelbe Laterne unter meine Augen

von irgendwoher dringt in meine Rippen

der Schnabel eines Segelschiffes mit ausgerissener Reeling

aus welcher ich jetzt erwarte

daß der Baum aussteigt, von dem mir gesagt wurde, daß er am geradesten steht

 

siehe das Zimmer mit  seinem aufgehängten Lampen

im Zentrum einer Leere die aus den Flügeln geflossen ist

 

heile meinen Schlaf - seine Wunden

gießen mich in den Tag mit salzigen Gewässern

 

 

 

Maske einer Verliebten

 

Gott,

mach die Nacht mit einem Auge länger

verheirate mich mit dem Feuer und laß ihn schwanger werden

zieh mir das fremde Wort aus dem Leib

wie ein beschämender Rest einer Maske

 

und SIE-

stell sie, mein Gott mit den Beinen auf ein Blatt

und stell ihren stummen Schatten in meinen Schatten

mach, daß sie stirbt und daß ich um sie trauere

während ich ihre Seele zu den Sternen trage

 

 

 

Vögel auf der Schaft des Pfeils

 

heute entledigt sich meinen Körper

wie der Herbstsonne

seiner alten Wunden

bereitet sich ruhig

für die große Reise vor

 

ich hebe den Bogen gen Himmel und der erstaunte Himmel

kommt meinem Arm entgegen

es fallen Vögel auf den Schaft meines Pfeils

den weißen Tod umarmend

 

es ist  die Zeit - sein Schatten nähert sich

dem Maul des Nichts

durch den die Jahrhunderte fließen

 

zitternd vor Ungeduld wartet das Fleisch der BESTIE darauf,

seine WUNDE zu bekommen

 

 

 

Dt.-Nachdichtung: Radu Barbulescu.

 

Adnan A. Karim Al-DHAHIR

(München)

 

Aus dem Arabischen von Dr. Ali Mahan

 

 

 

Komm und siehe!

(Was kannst du sehen?)

Vielleicht siehst du gar nichts... nur mich

Wie ich mich ausstrecke zwischen mir und dir... wie eine Eisenstange,

behindert, zerschlagen und zerbröckelt, beinahe ganz und gar.

Nichts kann ich sehen, nichts kann ich sagen oder vorhersagen,

ich kann mich nicht schützen oder mich äußern.

Hörst du mich? Oder irgend etwas von mir, oder über mich?

Ganz verschwunden... versunken in einem tiefen See.

Komm und siehe, komm, komm,

komm und versuche

mich zu schützen, zu decken, Unterschlupf zu gewähren,

jemandem, der heimatlos ist.

Er fühlt sich nackt unter dem wilden, gefährlichen Donner.

(Was wird danach kommen?)

Donner, Donner, blitz und Donner -

Der Himmel ist reich an seltsamen Lichtern

davor und danach, kein Wunder, kein Wunder.

Komm, komm nahe, komm, komm,

versuch nicht an die Tür zu klopfen...

so etwas habe ich nicht mehr.

Mein Heim ist dachlos, keine Wände oder Boden.

Komm und schüttele mich, erzäl mir irgend etwas

und gib mir Geborgenheit

und gib mir mit deinen Händen Wärme,

mit deinem Herz und deiner Brust.

Ich schlottere wie ein nestloser verwundeter Vogel,

(blutend, blutend, blutend) -

wärme mich, füttere mich, helfe mir,

die gegenwärtige Gefahr zu vermeiden.

Komm, komm, komm.

 

 

 

Venus und die Fledermaus

 

Wer ist besser:

Ein Bräutigam, ein Idiot, wie deiner

Oder Jemand wie ich kristallklar und verliebt?

Frag dich selbst, frag deine Freundin C. Haig

Und frag schließlich deine Mutter.

Sie wir dir die Wahrheit sagen.

Wer ist besser:

Ein besonderer, sehr intimer Freund,

anhänglich, liebend, treusorgend, unterstützend

und respektvoll -

oder ein gleichgültiger, apathischer, lascher Bräutigam, der kalt ist?

Frag dich selbst, frag deinen Vater!

Er ist ein sehr geachteter Mann, ruhig und nicht zu alt.

 

Frau! Warum warst du in Eile

Seine Werbung zu akzeptieren und zu versiegeln -

Hast du dir eine Chance gegeben,

zu denken und noch mal zu denken,

und eine zweite Chance zu nehmen und seine innersten Absichten zu prüfen,

seine Pläne, seine Standpunkte und vielleicht sein Herz zu sezieren

und in seiner Hand zu lesen?

Ist dein leben schön mit ihm?

(Ich bezweifele es!)

Wohin nimmt er dich mit?

In Kneipen, Kinos, Theater, Restaurants und Swimmingpools.

(Kein schöner Urlaub mehr. Vergiß Italien!)

(Nord Wales!)

Hast du seine Freunde besucht -

Seine Verwandten, Eltern, weißt du wo sie überhaupt leben?

Bewundern sie dich, deine Figur oder Gesicht oder deinen Charakter...

die, die selber durchschnittlich sind und nicht so gut?

(Warum hat er dich denn ausgesucht? Diese Frage tätet mich.)

 

 

 

Die Sümpfe von Summer und Akkad

 

Aus welche Öffnung

Loch oder Luke

An den Barrikadenwänden der tauben Geduld

Atme ich wie ein Erwürgter und meinem Brustkorb

Durchstößt das Panzerrohr eines Nachrichtensenders

Empfangend die Weltereignisse

In Form von Garben der Sumpfröhrichte,

da, wo die Geschöpfe durch Schlangengift getötet werden,

und durch Nerven- und Senfgas sterben.

Ich sehe jemanden anderen baumelnd erhängt

Im Seil der Zeiten von stummer Unterdrückung

Aus jenen Bollwerk der Despoten.

Mich schächtet Sargon der Akkadäer

Gleich einem Schaf oder einer Ziege

Im königlichen Hochzeitszug der Gefangenen,

die man aus sadistischen überfällen auf andere Länder

als Geisel genommen hat und vorführt.

 

Wie lange bleibe ich baumelnd als Schopf

Am Schwanz einer schwimmenden Spezies

Oder bellenden oder strömenden.

Ich zwirne aus dem Papyrus

Lunten, um damit Dieb Wälder von Röhricht anzuzünden.

Dickicht, das mir einst Schutz bot,

so wie Zucker und Schatten

jeden Sommer oder sumerische Gondeln oder Obdach.

Durch die Schwere sauren Giftes wurden sie welk und fielen

Und entlarvten mich für Feuerkatapulte

Jener tikritischer Sargonskohorten.

 

 

 

Sacharja

 

Ich spreche verschiedene Sprachen,

verstehe die ersten Mundarten

und ich rede ausgestorbene Völker an,

wie "Aad" und "Themud"

Ich mache eine Himmelfahrt

Richtung Jerusalem um Jesus zu schauen wie er die Lahmen und

Aussätzigen heilt

und die Toten zum Leben erweckt.

O Jesus: Kannst Du nicht einen Menschen lebendig machen,

wie ich, seit dem zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt?

Er sagte: Warum nicht? Hast Du etwa die ersten Züge deines Gesichts

vergessen?

Ich erwiderte: Warum sollte ich nicht vergessen haben?

Er sagte: Folge mir und ich werde deine erste Jahre wiederholen und ich

werde in deinen Kopf zwei Augen und eine arabische Zunge pflanzen, mit

der Du die Träume besser und modern interpretierst und ich werde Dir

einen Spiegel, mit dem Du den Rost der verstaubten Geschichte polierst,

geben, um darin Dein Antlitz rein wiederzuspiegeln.

Gott wird Dir schenken, wie er Sacharja Johanna gegeben hat. Vielleicht

wirst Du zufrieden sein, wir werden sehen.

 

 

 

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Der Autor: Dr. Ing. ADNAN AL-DHAHIR, geboren am 17.12.1935 in Hillah, Irak. Studium der Chemie an der Bagdader Universität, Doktor der Chemie in Moskau, post-doktorale Forschung an der University of California, USA, weitere Forschungsaufenthalte in Tripolis / Lybien, Wales, England. Lebt in München.  Veräffentlichung von wissenschaftliche Arbeiten sowie von zahlreichen  Gedichte und literarischen Beiträge in arabische und europäische Zeitschriften in Schweden, Spanien, Großbritannien, Niederlande. "Sorrencath", Gedichte in englischer Sprache, London 1998.

 

Der Übersetzer: Dr. ALI MAHAN, geboren am 04.05.1949 in Nadjaf, Irak. Schulzeit bis Abitur in Irak. Wurde mit  seinen  Vater,  Iraker iranischer Abstammung und seine Geschwister zu Beginn des iranisch-irakisches Krieges nach Iran deportiert. Seit 1970  lebt in de rBRD. Studium in Käln, Mineralogie und Chemie. Seit 1985  Lehrbeauftragter an der Fachhochschule München. Veröffentlichungen: mehrere wissenschaftliche Arbeiten, mehrere Beiträge über islamische Sufi Meister sowie Übehrsetzungen arabischer Lyrik.

 

ZURÜCK Ewart  REDER:

(Offenbach u. Frankfurt)

 

 

 

Stämme, naßkalt abgewaschen,

die aus ihrem Straßenschwarz

bunte Autolichter treiben

und wie Tränen laufen, in den

leeren Sandweg fallen lassen,

wo am Ufer Bänke triefen

(wie die Möbel in den träumen,

während die gewaschen werden)

an dem vollen Fluß entlang

aufgereiht von Baustadtreihern,

die (man glaubt es kaum,

wenn man auf dem Inselbaum

dunkles Federvieh voll Wasser

laufen sieht) auch einmal

ein Herz spazieren führten.

 

 

 

Lind weht der Yugo den 22.3

 

       1991

 

Lind weht der Yugo den 22.3

Politisch mehr zu erreichen

ist nicht:

Acht Feinde und Spießgesellen

erklären einander den Unkrieg

 

dergestalt, daß ihre Völker

wie am Leben

also auch zusammen

bleiben sollen in einem Land,

 

das Anspruch machen darf auf

etwas, das von den Einzelteilen

so fern

wie der Friede vom Menschen ist:

Europas schönstes zu sein.

 

 

 

Plan

 

                        Dich mit einem Krug

                        am Arm stehn sehen

                        und es dir so lieb

                        sagen wie du aussiehst

                        daß du nur die Schultern

                        noch weiter hängen läßt

                        und dastehst und nicht weißt

                        was noch weiter machen

 

 

 

Epitaph

für Wolf Biermann (1991)

 

Noch sind die Opfer nicht zu sehen,

weder die gefallen, noch die

nie auf dem Ehrenfeld gestanden sind.

 

Zuerst  muß ich selber

zum Sterben fertig sein.

 

Werden nach dem Lichterkrieg der Technik

für die Kriegsträumer

dann die Bilder des Todes den zahlend stärkeren

Friedliebenden verkauft,

wechselt das Recht dann

per einschaltkopf die Seiten,

 

nenne ich es: den Preis, um den

Schutz vor den Mördern war.

 

Wird die Bilanz gezogen, der Taten

des Bösen und des Bösen

seiner Rächer gedacht werden, dann

(am allgeeinsten Besitz)

wird niemand

mehr Tei haben wollen.

 

Perikles sprach aber noch

am Grab seiner Vorgänger für di Rache

und folgte und die Stadt

verlor die Sache

und das große Volk

verlor mit ihr seine Größe, von der

allem Perikles’ Worte übrig sind.

 

 

 

Klarer Oktober

 

Zeit überschwemmt uns

im Lichtwellen

Leuchtzeichen-Intervallen. Macht

Aufnahmen unseres Bestehens

in Farbe.

Anblicke schwimmen

kopfunter

ins Offne des Auges.

Wir kennen uns

und sollen weiterleben:

tote Gäste an einer

lebendig gewordenen Tafel.

 

 

 

Entnommen aus: „!Messungen. Von dir bis da.“

 

ZURÜCK Bernhard RICHTER:

(Biberbach)

 

 

 

            Hopelessly hoffnungsvoll

 

Now

Im depressed enough

For another song, boy

 

 

 

            Like a knife

 

Zittre ich unter der blanken Decke.

I think of you baby, darling, meine Liebe.

As an angel, as an eagle - eating Aas, du, mein Ass!

Flattert hernieder auf die Folterstraße

To find out who I am.

 

 

 

            Producing verses

 

Words, Staben, Buch & Suppe.

Automatically, very automatisch.

Mit ohne zu known much

About the fading of the moon

Ins black and into Blau.

 

 

 

            Take this breath

 

A deep schluck water

Drowning words of perfection,

Discovering Gods & Mythen & Mensch;

Golden age gone, the gun.

Agent meiner Gefühle - erschossen.

Spurlos in der tiefen Nacht.

 

 

 

            Nietzsches midnight

 

Never rusting never ending never sleeping

Rauschen des goldes is going for ever.

but here the towns are voller ghosts.

Außenbezirke der Seelenlandschaft -

Verbrannt, verbrüht und verblutet.

 

 

 

            Two o’clock in the morning

 

 

Oder besser: in der Nacht.

show-down im Bedroom.

Alles dunkel. Mythisch, der Traummann - in trance.

Ready to go down & write the wholething down

In a thin book.

And the clock: tickticktick.

 

 

 

            Sandman

 

Satin-white paper.

The pencil - stockt. I did it.

Alter Wein fließt über den Tosch.

Over the thin book - gebrochen.

Los, auslöffeln.

 

 

 

            Aus dem Arsch

 

Die Gerüchte - bad!

Hestia - komma - komm doch - Rufzeichen.

Ich koch doch so gerne, mein Terapeuth!

Die Kinder, das Heim.

Heim in dein Reich komme ich.

(Schon mal geschrieben. Abgedroschen. Fucking Metapher!)

 

ZURÜCK Adrian ZÜNDT:

(München)

 

 

 

Oase

 

Jüngst geschnittenes, gefallenes

Gras

todergeben

ausgebreitet

stummdankend für das Leben,

das aus Nichts wurde und

Sein und Sinn bekam,

für alle Strahlen, die Wärme,

Umhüllung waren

für jeden

schüttelnden Windstoß, der

Festigkeit mit der Erde und

mit sich gab.

Jetzt kann ich Opfer sein

für das Leben der Welt, die

mit dem Himmel Berührung hat

 

 

 

Herbstausschnitt

 

Sammlung

aller vorangegangenen

Jahreszeiten,

Gipfel, Mündung

aller Schauer, vieler Güsse

fristigen Verharrens,

wärmender Berührungen.

 

Du

kannst uns

weisend Leben ergründen.

 

 

 

Herbst

 

wer hat dich so

wundervoll verwandelt?

Alles, was in dir schimmerte,

ziehst du als schänste

Gewandung über dich

du erinnerst an Menschen

die reif gepeinigt wurden

und dem Übergang

entgegenwarten.

 

WELTDICHTUNG

ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von: Carla KRAUS (Wien)

 

 

 

ZURÜCK Jay WOODMAN

(Großbritannien)

 

 

 

Ein Ahorn für meine Mutter

 

Am fünften Juli

kommt meine Mutter,

und Du kommst näher

in meinen Gedanken,

sanft, wie ein Gemälde

einer blassen Dame,

die unter einem japanischen Ahorn steht.

Schwarzes Haar, weißes  Hut, rote Blätter.

 

Und was

soll ich mit solchen Vorstellungen tun?

Dir deinen Brief schreiben?

Ein Photo von Dir

zu Deinem Geburtstag schicken?

Nichts von beidem kann uns

einander näher bringen.

 

So gehe stattdessen

still

in den Garten

und stelle Dich unter den Ahorn,

bis seine roten Adern sich

mit den Deinen verbinden

und ich meinen Kuß auf Deine Wange

pflanze.

 

(Aus "Terra Affirmative")

 

 

 

Geraubt!

 

Jemand stahl sich in unseren Garten,

grub kleine Nadelbäume aus,

ließ uns Erdlöcher zurück,

in die wir hineinstarren konnten.

 

Wir glaubten, wir hätten nichts,

was wert war, gestohlen zu werden -

alles zweiter Hand gekauft.

Ich weiß nicht, wo diese Bäume hinkamen.

 

Wissen ihre Eltern im Wald,

daß sie weggeschafft worden waren?

Haben sie von ihren fernen Söhnen gehört?

 

Ich kann es nicht vergessen.

ich starre in die Gesichter der Vorbeigehenden

Und behalte meine Kinder in der Nähe.

 

Aus "Bäume"

 

 

 

Treue

 

Wenn ich dürfte,

würde ich

Bäume an die Wände malen.

 

Sie bevölkern das Ende

Meiner Sichtweite

Sie kratzen an den Türen.

 

Wenn ich dürfte,

würde ich

die Tiere hereinlassen.

 

 

 

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Jay WOODMAN: geboren in Natal, Südafrika, hat sich in North Yorkshire (Gbrit.) niedergelassen. Verheiratet, 2 Sähne. Herausgeberin der Literaturzeitung "Rustic Rub" und des Verlags "Woodmans Press".

Bücher: "Following Father", 1994, "Riding the Excalator", 1995, "Terra Affirmative", 1995, "Trees", in Planung.

 

ZURÜCK Virginia RHODAS

 (Argentinien)

 

 

 

Unveränderliche Liebe

 

Ich bin ein Schimmer der Ewigkeit.

im Garten Eden bin ich Vogel und Nest.

 

Ich bin das tiefste heilige Lebenswasser.

Die Mutter von Jahrhunderten und Jahrhunderten.

 

Ich bin menschlich, denn ich stamme von Adam ab.

Aber ein göttlicher ewiger Funken ist in mir.

 

Ich bin Stein, Vorbild und Kohlenasche.

Stimme der Stimmen, Durchführung aller Grundsätze.

 

Ich bin die sich nach Liebe sehnende Menschheit.

Ihre hartnäckigste und charakteristischste Seite.

 

In der ereignisreichen Geschichte

Bin ich Symbol, Grundlage und Fragezeichen.

 

Im Schosse des Kosmos  bin ich ein Planet.

Im Schosse der Erde bin ich fleischlich.

 

Und wenn die Seele sich zu Gott erhebt,

bin ich ein Nachkomme der unveränderlichen Liebe!

 

 

 

1950... 1960... 1970... 1980... 1990:

Kein Weltkrieg

 

Ich möchte Dir anvertrauen:

ich habe ein verhungerndes Kind beobachtet,

das einen Dinosaurier aß.

 

Eine Mutter, die ihre Zärtlichkeit verkaufte,

um ihre Kinder zu versorgen.

 

Einen Satelliten, der die Erde umkreist

und kybernetische Hirne,

die das Schicksal der Menschheit beeinflussen.

Nach jedem Krieg

gab es einen jungen Mann auf der Suche nach seinem Grab,

Abkommen des Zentrums des Lebens,

inmitten roter und blauer Ruhmesblätter,

um seinen kürzlichten Tod zu umrahmen

in unbekannter Unsterblichkeit.

 

Ich sah die Leichname alter Männer und Frauen,

die ihre Taten bereuten

und büßten für ihre Sünden

sowie unfruchtbare sexuelle Abwegigkeit.

 

Ich sah auch einen alten einsamen Mann,

der bitterlich weinte

und versuchte, mit seinen Händen die Wolken

zu zerreißen

seine  Wünsche waren nicht irdisch.

 

Plötzlich

laute Schreie:

Ein sanfter Chor von Gebeten

gewaltiger Donner und Blitz,

die vom Himmel herabkommen.

 

Und doch konnte ich sehen:

Eine besorgte Engelsschar,

dir Weihrauch für uns entzündete

für uns...

alles für uns...

 

 

Beide Gedichte aus dem Buch "Listen To Me, Humanity!"

  

ZURÜCK Anthony SMITH

(Großbritannien)

 

 

 

Düsseldorf 12.50 h

 

Das Brückengeländer hält Ordnung

mit dem Kommen und Gehen von Passanten

und die Straßenlampen beugen sich

ein wenig näher

zu den Versuchen

eines unbekannten Jazzspielers,

dessen Name

niemand kennt

noch wird über ihn

in der Geschichte der Menschheit

berichtet  werden.

 

 

 

Surrealismus am Ende des Zwanzigsten Jahrhundert

 

Ich möchte Deine Hand halten

Ich möchte Deinen Atem fühlen

Ich möchte Deine Lippen berühren

Ich möchte Deine Brüste küssen

Und wenn die Party aus ist,

Mächte ich Dich in Stücke reißen

Und in einem Schaufenster aufhängen.

Ich möchte, daß du Kunst bist.

 

 

 

A perte de vue

 

Wenn ich heute Abend zu Bett gehe

Und zuviel gegessen habe

Und zuviel getrunken habe

Und zuviel TV gesehen habe

Und der Zug angekommen ist

Und das Flugzeug landete

Und das Schiff angelegt hat

Und ich in der mir eigenen plattfüßigen Art

Dali und Breton wiederverkörpert habe

Und diese von meinen müden Sarg

Herausgehängt habe

Und nur nachdem die Enten gefüttert werden waren,

Werde ich von Schlaf träumen.

 

ZURÜCK Sandra FOWLER

(USA)

 

 

 

Wolkenstimmungen

 

Schwarze Hausdächer spiegeln den Nebel wieder.

Draußen ist bewölkte Stimmung, die mir beim Abschied

Den Rücken herunterrieselt .

Du hebst mich in die Luft - parallel zu den Schornsteinen

Und verwirrst mich mit Deinem altmodischen Kuß.

 

Der Ruß fällt wie nachtfarbener Schnee.

Ich fühle seinen Druck auf meinen Augen wie eisere Lider.

Ich weiß, daß ich wieder Gedichte schreiben werde,

Aber wer wird mein Herz erwärmen, wenn Du weg bist?

 

(Aus "The Colors Cry In Rain")

 

 

 

Der Winter ist eine eigene Religion

 

Dieses Zimmer schrumpft - wie die Welt.

Nackte Bäume werden steif im starren Frost.

Der Sonnenuntergang wird von rauhen Bergen durchschnitten,

wie ein Schweißbogen.

Gebeugte Schatten, zum Gebet erstarrt.

 

Der Wind schneidet wie Aluminium.

Scharfe Vogelschwingen durchtanzen da Licht.

Die Farben der Zitrone sind die Kraft ihres Schreis.

Der Winter ist eine eigene Religion.

 

 

 

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Sandra FOWLER: 2 Gedichtbände: "In the Shape SunÓ (Israel) und "The Colors Cry In Rain" (USA), 1978-1989 Redakteurin bei "OCARINA" (Indien). Veröffentlichungen in den USA, Indien, Israel, Pakistan und Österreich.

 

ZURÜCK Jose Luis DIAZ-GRANADOS

(Kolumbien)

 

 

 

Der Hochzeits-Engel

 

Der Engel kommt und reitet

auf der stöhnenden Einsamkeit

unter silbernen Aschenbäumen.

Die Rose verbrennt zwischen Küssen,

die sofort ersterben.

Girlanden, Archipele

und Violinen

umgeben die eisernen

Hände des Reisenden.

Befehl wurde erteilt

die Schlaflosigkeit wieder einzuführen.

Zwei Lippenpaare und zwei Tauben mit Narben

werden geboren und sterben vor Mauern,

die nicht lachen.

 

 

 

Die Wiedererschaffung der Welt

 

In dieser Nacht der Wiedererschaffung der Welt

Zittert und zerreißt alles.

Gefräßige Wolkenkratzer lachen

über das Unbegrenzbare.

Taube Hüften jammern

Zu siegreichen Trompeten.

Eine Vielzahl an Kehlen

Jubilieren.

Diese Nacht, wo alles zittert und zerreißt

Speit einen furchtbaren Gestank aus.

Sie schnitzt neue Pfeile,

die aber vor Gebrauch versagen.

 

 

 

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Jose Luis Diaz-Granados: 1946 in Kolumbien geboren. Seit 1979 Mitarbeiter der Zeitschrift "Sonntagslektüre". 1968, 1980, 1987, 1990 mit Preisen ausgezeichnet. Auseinandersetzungen besonders  mit dem  chil. Schriftsteller Pablo Neruda.

 

ZURÜCK Rogelio ECHAVARRIA

(Kolumbien)

 

 

 

Alle Straßen, die ich kenne,

sind ein langes Selbstgespräch von mir,

voller Menschen, die Bäume sind,

geschüttelt von dunklen Ereignissen.

Wenn die Sonne

auf  den Balkonen aufbläht

und mit ihrer Wärme

den sinkenden Staub zerteilt.

Die Leute, die ich finde, sind einfach

nur Steine

ich weiß nicht warum

sie rollen vorbei.

Mit ihren Augen

schauen sie feindselig auf mich.

Bin ich denn ihnen allen ein Feind?

Ich kann bei ihnen kein freies Bewußtsein finden,

wie bei einem Verbrecher oder bei

einem Künstler,

aber ich weiß,

sie alle kämpfen für sich allein,

um das Erstrebte zu erlangen.

Alle die Straßen, die ich kenne,

sind ein langer Trauergesang.

 

 

 

Falscher Weg

 

Der Sturm meines Lebens läuft

in die falsche Richtung

oder ich habe den falschen Weg eingeschlagen.

Ich bewege mich genauso schnell wie der Fluß

so bleibt das Ufer

immer dasselbe,

es verschwindet nicht

ich lasse es nicht hinter mir,

ich lasse es nicht hinter mir,

ich bewege mich nicht vorwärts.

Ich weiß: wenn ich aufhöre zu schwimmen,

wird mich die Strömung abtreiben

- der Fluß kennt seinen Weg

sogar in Dunkelheit.

Aber ich vergesse mein Ziel

Nicht zurückzukehren.

 

ZURÜCK Ajsa ZAHIROVIC

(Bosnien)

 

 

 

***

 

Du  akzeptierst  nicht  mein Lächeln,

meine Absicht und Hände

Du akzeptierst  nicht  meine Schritte,

meine ausgestreckte Hand

Du akzeptierst  nicht  mein Gedicht

Weiße Blumen

Das Erröten meiner Wangen verrät mich

Ich habe nichts außer Schlaflosigkeit

Oder vielleicht eine Maske zum Dahin- Verstecken!

 

 

 

Spiele

 

Tausende von Laterne angezogene Fliegen sind da,

aber kein Stern

Hunderte Fischer sind unauffindbar

Der seinem Ende zuneigende Frühling

Wirft seinen Schatten auf das Fenster

Unsere Finger stellen eilig

Die Kerzen hinaus

Der ruhige Himmel,

von herumflitzenden Vögel durcheinandergebracht

der Regen weiß nicht,

wo er fallen soll!

 

 

 

An die Erde

 

Dich kennenzulernen

ist eine Form der Schöpfung

wir kommen und erwarten

etwas Neues von Dir

ein Zauber bewirkt eine neue Kraft,

aber anderseits:

das Leben ist eine Form des Verschwindens

wir verlassen Dich und erwarten

etwas Neues von Dir.

 

 

 

An die Erde

 

Ich wünschte,

in den Thron

der Erde

eingeschnitzt zu werden

Ich wünschte, mich

Im Herzen

des Meeres

zu verstecken

Ich wünschte,

in die Kehle

des Liedes

zu strömen

 

 

 

An die Erde

 

Deine Schönheit erschreckt mich,

macht mich rastlos

gibt mir heute nicht zu viel

wenn ich in Deiner Erde bin,

dann umarme mich mit deiner Wärme

ich mache Dich nocheinmal fruchtbar.

 

 

 

An die Erde

 

Wenn Du mich nicht durch eine Blume entdeckst,

wenn Du mich nicht meinem Gedicht beurteilst,

werde ich Dich an Sonne und Wind verraten.

 

 

 

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Ajsa ZAHIROVIC: geboren in Sarajewo, arbeitet als Journalistin in  ihrer Heimatstadt. Schreibt Gedichte sowie Kinderliteratur Mitherausgeberin der "Skylark" (indische Literaturzeitschrift) für Jugoslawien. Mehrere in Serbokroatisch, Englisch, Italienisch usw. veröffentlichten Bände.

 

ZURÜCK Nicolae ESINESCU

(Khischinew)

 

 

 

PROTEST

 

Ich protestiere.

Wenn ich recht nachdenke, habe ich das

Recht auf mehr Luft zum atmen.

Vorräte gibts ja noch  -

vor kurzem sind ja drei gestorben.

 

 

 

SPIEL

 

Wenn du meinst du känntest mich fangen

hat es keinen Sinn mehr zu laufen.

komm lass uns lieber nachschauen

wen wir fangen.

Das nächste Jahrhundert?

Sei aber vorsichtig,

das vergangene

haben wir verloren

 

 

 

DIE FRAU OHNE SCHATEN

 

An der Kreuzung

hat der Mann auf den Schatten

der Frau getreten,

und die Frau zappelt,

schreit, verläßt ihren Schatten

und läuft.

 

 

 

SÜNDE

 

Wenn du mir noch

deine Brüste zeigst

und wenn du dich

mir immer versteckst,

werde ich dieses Gedicht

nie zu ende schreiben:

Punkt!

 

 

 

ER

 

Kennt ihr ihn?

Kennt ihr ihn nicht?

Warum kennt ihr ihn nicht?

Ihr werdet ihn kennen!

 

 

 

Übersetzung Sorin ANCA.

 

Valeriu STANCU

(Jassy)

 

 

 

eine düstere Ewigkeit

 

Am achten Tag der Woche

der länger ist als alle Ewigkeiten

 

werde ich

die schönsten Verse,

die jemals geschrieben wurden -

 

an jenem Tag werde ich deine

Schenkel mit Blumen streicheln,

die von ungesättigten Wiesen gepflückt  wurden

und in unbetretene Jahreszeiten fahren,

indem ich der Einladung

folge leisten werde:

"wir bitten Sie, an den

Veranstaltungen teilzunehmen, die

anläßlich Ihrer Aufnahme  usw, usw,

Veranstaltungen, die während

der Ewigkeit

stattfinden werden"

 

eine düstere Ewigkeit

 

 

 

die sehr frohe Botschaft

 

Dichter, du sollst nicht für die Ungläubigkeit

und die Einsamkeit deiner Nächte bluten

 

weil dir aus einem Heiligen Geist

            dein Paar geboren wird

und ihr Name wird Jesusa sein

sie wird deine Nächte

mit Sünde füllen

und Ihr  werden sich deine Aufsässigkeiten,

Schwächen, Unzulänglichkeiten widmen

um alles wahr machen,

was die Propheten nicht gesagt haben

 

Warum verträgst  Du Jesusa

Spott, Demütigung, Auspeitschung, Nötigungen, Vergewaltigungen, Verachtung

wenn Dein Wesen Ewigkeit ist?  

 

 

 

Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu.

 

ZURÜCK Aura CHRISTI

(Bukarest)

 

 

 

WAS PASSIERT?

(Ce se întâmpla ?)

 

meine Angst vor mir selbst, Angst vor der Kraft

die ich ununterbrochen gegen mich einsetze.

Komm näher. Du bist meine Gegenwart, mein Mund aus Luft.

Bereite das Gefühl des Lebens vor

so als würdest du beim Bau einer unsichtbaren Kathedrale schuften.

Und vergiß daß du wie Augustin nur die

Tatsache zu lieben

lieben kannst. Vergiß. Liebe mich. Berühre mich.

Ich bin lebendig. Erschrecke nicht!

 

Enthülle meine Augen mit denen ich

Deine Zeichen erkennen kann,

die Träume, die Hände, dein Gesicht von allen Männern getragen

aus meinem Weg. Geduldig bringe mich wieder

zur Vernunft.

Gib mir die Kraft wieder eine einfache Frau zu werden

und dem Mann zu folgen der mich mir

wieder schenkte

so wie der Himmel den Vägeln die Tiefe des Freiheit schenkt,

wie das Meer den Haien die gleichgültige Gelegenheit

der Höhen.

Was passiert eigentlich? Endgültiger Brand?

Oder vielleicht noch mehr.

 

 

 

DU …FFNEST DICH WIE DIE N CHTE

(Te deschizi precum noptile)

 

Du öffnest dich wie die weisen Sommernächte,

wie die Magnolien ; schüchtern

voller Respekt vor der am helllichten Tag

verschwundenen Sonne, ich glaube aber an ihre anmutige

Konsequenz noch einmal zu erscheinen.

Endlich, endlich geschieht was mit mir:

in dem verlassenen Garten der Fontainebleau Burg

blühen triumphierend die Magnolien

und du öffnest dich in der frostigen Luft

indem du mir von der

Prophezeiung der Erinnerungen, die uns stürmen werden erzählst.

 

 

 

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Aura CHRISTI: geboren am 12. Januar 1967 in Khischinew, Republik Moldova. Studium: Gymnasium "Gh. Asachi" in Khischinew,

Staatsuniversität Khischinew (Journalistik).

Lebt seit 1993 in Bukarest. Redakteurin bei der rumänischen Kulturzeitschrift "Contemporanul. Ideea europeana".

Mehrere Gedichtbände und Literaturpreise.

 

ZURÜCK Hans-Jürgen HEIMRICH

Dittelbrunn-Hambach)

 

 

 

            Danach

 

Sonnenstrahlen blenden

verdecken

Grauen und Leid

Trauer und Haß

 

Klirrende Kälte

steigt aus Ruinen

erstarrte Leiber

klagen an

 

Spuren im Schnee

vom Blute getränkt,

schreien die Wahrheit

in den Tag!

 

 

 

            Nur ein Fremder

 

Im bleichen Mondlicht

glitzern frostig

Schneekristalle

eisiger Wind

läßt ihn erstarren

den Fremden

draußen vor der Tür

 

In lodernder Glut

knistern wohlig

Buchenscheite

den Ruf des Fremden

wollen sie nicht hären

die Leute

drinnen am Kamin

 

Das erste Tageslicht

läßt schauernd

war nur ein Fremder

draußen vor der Tür

 

ZURÜCK Traian Pop TRAIAN

(Ludwigsburg)

 

 

 

            Morgendliches

 

Aus dem Meer fließen hinab die Sonnenstufen

Aufs trockene Land, ausgedörrt

Von Bemühungen

Ameisen

Steigen treppauf und treppab

Und öffnen der Ferne die Augen

 

 

 

            Stilleben

 

Niemand leuchtet hinaus aus

Der in Dunkel geparkten Tram

Schlaftrunken gähne ich nicht

Um auf keinen Fall das Gleichgewicht

Zu stören

 

 

 

Bitte weitergehen

 

der Herr Prediger sprach schön

der Herr Zuhörer härte schön zu

der Herr ohne bestimmten Status in der unterbewertete

Wirtschaft des Abends sprach schön

(es könnte sein, daß er derjenige war, der sich

vorbereitete eine Jeansjacke für ein Uniform ohne

Abzeichnungen und Pistole zu tauschen oder der,

der aus seiner Uniform mit Gürtel und Pistole

verjagt wurde fror in seinen breiten aus der Mode

gekommenen Mantel) was zum Henker hatten sie alle,

daß sie so schön sprachen

während wir nichts anderes zu tun hatten

als die schon verfilzten Haare des

Fußgängerverkehrs zu flechten 

 

ZURÜCK Alexandru ECOVOIU

(Bukarest)

 

Saludos (10. Folge)

 

Alles fing mit einer seltenen Ausgabe der Essays von Montaigne an, einem zerfetzten Exemplar, das ich in einem Antiquariat an der Seine gekauft hatte. Ich blätterte es in einem kleinen Bistro in der Rue de la Huchette durch. Einer vom benachbarten Tisch fragte mich, in welchem Jahr das Buch gedruckt worden sei. Der Mann war Sey Mondy. Der Wanderer. Der große Wanderer. Der LETZTE WAHRE WANDERER. [...] Ich lud ihn ein, an meinen Tisch zu kommen, wo ich ihn  noch einige Nächte lang  traf, und er mir erstaunliche Sachen  erzählte.  [...]  Ich war wie eine Art  Resonanzschachtel: seine Geschichten waren nicht an mich adressiert. Aber ich zahlte mit meiner Anwesenheit. Ich härte ihm (obwohl mir seine Erzählung gefiel) schon mit einer gewissen Heimtücke zu. Ich suchte nicht mehr nach dem Sinn, sondern ich versuchte den Schlüssel zu finden! Weil man nicht umsonst die Erde bis zum Ende aller Zeiten umrundet! Nicht einmal für eine Million tut man so was! Es könnte sein, daß Sey es nicht erfunden hatte. Jedenfalls, nicht die ganze Geschichte. Es ist schwer, so viel zu fabulieren...

            "Aber jetzt sitze ich hier und erzähle Märchen während Magirus um mich pirscht. Er ist in der Nähe, ich fühle es. Immer war er in der Nähe, besonderes in den letzten fünfzehn Jahren. Er wartet darauf, daß ich einen Fehler mache... Daß ich mich der Jury stelle, und daß er hinterher erscheint um alles zu bekommen. Die Million könnte von mir aus verloren gehen, aber der Ruhm! Ich bin ein Mensch und - um Terentius zu umschreiben - als Mensch ist mir gar nicht fremd. Ich habe mein Leben darauf verschwendet, um zu gewinnen. Ich habe ehrlich gespielt, er ist auf die Pirsch gegangen. Auch jetzt spioniert er. Es ist schwer, ihn zu entdecken, er ist ein Meister der Maske. Er hat Toup’s, Hüte, Schnurrbärte und Strumpfmasken, die feiner sind als ein Spinnennetz, er kann jede Gestalt annehmen. Er travestiert oft: als alte Frau mit Warzen auf der Nase, Nonne, doofe Bäuerin, lepröse Bettlerin, armselige Oma, die man auf die Haare und Stirn streicheln möchte. Es ist aber besser so. Von ihm verfolgt laufe ich besser. Magirus belebt den Wettbewerb, er ist meine unsichtbare Peitsche. Weil ich mich immer entkräfteter fühle: Diesen unendlichen Weg wird es  immer schwieriger, weiter zu verfolgen. Ich trage seit zwei Wochen einen Gipsverband an einem meiner Knie. übermorgen bin ich ihn los. Ich werde weiterziehen. Ich kann nicht stehen bleiben. Ich bin seit mehr 

als fünfzehntausend Tagen unterwegs! Fünfzehntausend Mal bin ich Morgens nicht in meinem Bett aufgestanden! Einmal bin ich in einen Mohnfeld aufgewacht. Die Mohnblumen wogten  sich  hin und her, ich war eingetaucht in ein rotes Meer. Sind Sie jemals in einem Mohnfeld aufgestanden?"

            Es war nicht das erste Mal, daß Sey mir einen solchen Wink gab. "Haben Sie es getan...?", "Haben Sie es gemacht....?" Ich war ihm aber trotzdem dankbar, daß er mir  normale Fragen stellte. Er fragte mich nicht, ob ich einen Elefanten gejagt oder eine Geliebte in Amazonien oder auf den Philippinen gehabt habe.

            "Nein, ich habe niemals in einem Feld geschlafen", sagte ich.

            "Es ist besser so, man kann sich leicht erkälten!"

            Er betrachtete mich als einen Weichling. Ich hatte bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einer Vorstadt gelebt, ich konnte es mit dem stärksten Schläger aufnehmen und konnte leicht größere Mengen stärkste Getränke saufen, auch wenn ich es nicht zu oft getan hatte. Ich hatte so einige Frauen kannengelernt, für eine Weile wurde ich für einige von ihnen wie ein Ehemann. Auf einem Feld aber habe ich niemals geschlafen! Und damit wollte mir Sey imponieren?! Ich fand es besser, vom Thema abzulenken.

            "Haßt Du Paris?", fragte ich ihn.

            "Nein. Ich komme immer wieder mit Freude zurück. Aber sie vergeht mir schnell. Einmal, in Kenia, bin ich auf einem gezähmten Zebra geritten.  Es flog.  Wir flogen.  Kein  Pferd vermag  ein  gezähmtes  Zebra  zu überholen. Das reicht mir, um an alles zu denken, was ich hier nicht tun kann. Um insbesondere an die Menschen zu denken, die ich kannengelernt habe... Gute, schlechte, reiche, kluge, bläde Menschen... Einmal bin ich zusammen mit einem Adeligen gereist. Es war in Mexiko. Er war ein französischer Graf. Verarmt, pleite, diebisch, kultiviert, ein rassiger Ganove war er. Er hatte die  chilenische Staatsangehörigkeit.  Hat es mir mit einem grünen Paß bewiesen. Er hatte auch für seinen Titel eine Urkunde, aus dem siebzehnten Jahrhundert, gültig für alle Nachkommen von André Mongrédien, Ritter eines vergessenen Känigs. Er hieß auch André Mongrédien, mein Herr Graf, falls die Urkunde nicht gefälscht war. <Warum  stiehlst du?>, fragte ich ihn, als ich gesehen hatte, daß er immer auf Diebestour war. <Vielleicht haben meine  Vorfahren dasselbe getan, weil  ihr Reichtum  unvergleichbar  war!>,  sagte  mir der Typ. <Ich weiß nicht, wie sie gestohlen haben: im Geheimen, wie die Diebe, mit der Waffe in der Hand, wie die Räuber, oder unter dem Mantel des  Gesetzes?  Hat man eine geeignete Position erreicht - was braucht man dann mehr? Das ist Leben, Alter! Und der nötige  Respekt kommt dazu. Die Gosse respektiert diejenigen, die ans Geld kommen, ohne  einen Finger  dafür  zu  bewegen.  Der Staat muß bestohlen werden - sagt  sich die Gosse  -  weil er am meisten stiehlt.  Dann können die Dinge  sogar ehrenvoll erscheinen. Meine Eltern, zum Beispiel, waren Erben, reiche und ehrliche Erben.

            Ich war auch Erbe. In Mexiko  hatte ich  einige  Pferdezüchtereien. Ich habe sie beim Kartenspiel verloren. Im ersten Jahr nach meiner Volljährlichkeit habe ich  alles verspielt. Die Peonen haben die letzten Hengste gestohlen. In einer Nacht hat jemand die Stallungen angezündet. Die   Izard-Bank, wo  ich  meine eiserne  Geldreserve  hatte, ging   pleite.  Das  war  Pech.  Um  das  einigermaßen  wiedergutzumachen  stehle  ich,  hin  und  wieder,  was  mir andere gestohlen haben. Alles ist zu nehmen. Die  Welt  ist   ein   Räuberroman...  Das  ist  sicher...  Und einige bessere Banditen versuchen, die schlechteren auszumerzen. Oder umgekehrt.> So  sah der Graf (?) André (de?) Mongrédien die Menschen.  Einmal träumte ich  schlecht  und als  ich aufwachte, habe  ich ihm  gesagt,  er  soll aufpassen.  Er  wußte, daß ich es nicht im Spaß sagte. Er hatte von mir schon  Prügel  sowie  mindestens  zwanzig   Gläser Wein bekommen. Wenn ich ihn beim Stehlen  erwischte,  gab  ich es  ihm!  Ich  prügelte ihn schwarz und blau. Umsonst. Wir befanden uns in einem Krieg, wo ich den guten Banditen spielte. Er konnte auch einen anderen Weg nehmen, er war nicht verpflichtet, mir nachzulaufen. Er hatte aber eigentlich eigene Absichten. Eines Tages, um die Mittagszeit, auf  einem  Rastplatz auf der  Ebene,  habe  ich ihn  überrascht, als er den Inhalt einer gestohlenen  Geldbörse  überprüfte.  Er wußte, was kommt, und bevor ich einen Finger rühren konnte (weil ich nicht daran dachte, daß er  aggresiv werden konnte),  haute er mir den Feldspaten über den Kopf, daß ich K. O. ging. Er hat gewartet, bis ich wieder zu mir kam, um falls nätig  mich erneut zu  hauen.  Ich konnte es sowieso nicht tun, ich hatte mich erst auf einen Ellenbogen gestützt.  Er fing an zu schreien. Es  war  ein  Grollen.  <Du hast mich ich weiß nicht mehr wie oft verprügelt! Ich habe nichts  gesagt.  Ich  konnte  bis  jetzt  deinen Schädel  schon  äfters spalten, so wie ich es auch jetzt in dieser Abgelegenheit machen kännte. Wie lange glaubtest du, würde ich deine  unermessliche  Ehrlichkeit  ertragen? Dein Ekel für die, die stehlen, für die, die lügen, für die Nutten, von welchen du nur aus Angst vor Krankheiten wegrennst, aber genauso verschmutzen würdest wie alle Frauen, die du einmal berührt hast? Was ist dir heilig? Falls ich nur eine der Liebschaften erlebt hätte, die dir vergönnt waren, wäre ich vielleicht heute nicht das, was ich geworden bin! Du hast das Vertrauen Aller enttäuscht! Du hast gestohlen und  hast  Dinge  mit  den  Füßen  getreten,  die weit  wertvoller  sind  als  eine   Geldbörse!  Ich habe die Nase voll von dir! Ich habe deine Schläge nur deswegen ertragen, da ich dich höher eingeschätzt habe. Häher als du sein kannst!  Aber  du  hast  dich  genauso  wie  alle Moralisten der Welt benommen! Ein Pack Lügner, nur leere Wärter! Wie viele von euch haben sich eine Hure zu Frau genommen und sie vor den Altar gebracht? Sie vor Gott gebracht, um sie zu retten? Um euch zu retten, weil ihr, ihr seid des Lügens! Warum verlangt ihr  nicht  von  den  Gerichten,  einen  Dieb,  einen Kriminellen bei euch zu Hause, in dem freien Nebenzimmer, einzuquartieren? Einen Sexbesessenen, einen  Gehirngeschädigten, einen Sterbenden?  Es  ist doch für solche Leute, für welche ihr euch bemüht? Bücher! Reden! Gesetze! Anstalten! Tritte und Schläge! Zellen!  Exekutionskommandos! Ihr wollt die  Sünde  ausrotten, und   weil  ihr  nicht  wisst  wie,  schlagt  ihr  rund  um  euch  herum!  Ihr, die  Unfehlbaren!  Die Makellosen! Ihr, die Kriminellen!>

            Als  ob  ich  ihn  mit den  Spaten  zusammengeschlagen hätte... Er ließ mich liegen, ohne meinen Schädel tatsächlich zu spalten... Vielleicht war er tatsächlich ein Graf... Nichts ist sicher auf dieser Welt... Ich kann es kaum erwarten weiterzuziehen. Es wird vermutlich die  letzte  Erdumrundung  sein. Gleich nachdem  mein  Gips  abgenommen  wird, verschwinde ich klammheimlich. Soll Magirus noch ein Jahrhundert auf mich warten! Nur daß... der Verdammte wird es wittern und mir wieder auf der Spur sein. Ich glaube, er ist mein zähester Konkurrent! Die anderen sind auch besondere Menschen gewesen. Ich muß mich nur erinnern, was alles bei der Einschreibung passiert ist... Einer konnte aus der Hand lesen, ein anderer kannte eine Art chinesischer Massage, die Wunder vollbrachte, zwei Zwillinge konnten auf dem Seil boxen... Das wurde auch ihr Verhängnis: in Indochina, während eines Auftritts, hat jemand das Seil gekappt. Es hing vierzig Meter hoch, über einer Saigoner Hauptstraße. Sie hatten große Gewinnchancen. Es ist leichter, zu  zweit.  Ein  langhaariger Typ konnte einen Spinnenfaden mit einem Stein treffen, einer, aus Lyon, konnte unter Wasser singen, in einem speziell eingerichteten Wasserbecken, und ein unscheinbarer Kleiner konnte jeden hypnotisieren,  der  sich  ihm  entgegensetzte. Und da  war  noch  einer, auch  eine  Art  Fakir, der nur mit einem Tropfen Wasser und ohne zu essen wochenlang überleben konnte. Zwanzig Tage wurde er von dem Veranstalter in absolutes Isolation gehalten und am Starttag war er immer noch bei Kräften. Ich habe gleich Gefahr gewittert. Dieser war Magirus und er war der  begabteste  Konkurrent.  Ich  mit  meinen Kartentricks hätte vielleicht am schlechtesten abgeschnitten,  wenn  ich  nicht  auch  singen konnte. Das war etwas Ernstes, kein Trick.  So fühlte  ich  mich in nichts jenem unterlegen, der nur mit Kraft der Konzentration Flaschen zerbrechen konnte, oder jenem, der jedes Schloss der Welt öffnen konnte, indem er es nur mit einem Silberstab berührte! Die Schlüssel der Schlüssel! Ein genialer Einbrecher, der den Wettbewerb in einem Gefängnis in Tasmanien beendet hat. Wie man sieht, wußte diese kleine Armee von neunzehn Nichtsnutzen eine ganze Menge Tricks. Leute, die gewohnt sind, vom Monatsgehalt  zu  leben,  trauen   sich  nicht  solchen Wege zu gehen! Wir waren eine Macht: jung und furchtlos, vielleicht ein bißchen unverantwortlich und abenteuerlich gesinnt. Wir waren es satt,  das  zu  hären und zu  sehen,  was wir tagtäglich  sahen  und  härten.  Mit  uns  selbst unzufrieden.  Der Wettbewerb  war etwas Unerwartetes. Man gab uns die Gelegenheit, uns innerlich zu reinigen; das war uns nicht bewußt, wir machten es mehr aus Instinkt heraus. Ich frage mich öfters, was mit den anderen Teilnehmer geschehen ist.  Vier Jahrzehnte kann man nicht mit Zirkustricks überstehen. Ein Beweis dafür scheint es mir, daß sich seit fünfzehn Jahren keiner mehr gemeldet hat, um zu versuchen, den Preis zu bekommen. Es gibt noch jenes Büro, ich gehe immer vorbei, wenn ich in Paris bin. Auch heute noch steht auf seine Türe:  TARDIF-GLOBE-TROTTER.  Keiner geht rein, keiner geht raus. Es sieht wie eine Falle aus. Gehst du rein, fertig, schon bist du als Angekommener gemeldet. Und Magirus kann es kaum erwarten. Er alleine, ich bin mir sicher. Die anderen sind entweder tot oder haben aufgegeben. Weil man sich nicht irgendwo zur Ruhe setzen kann und hinterher plötzlich auftauchen: <Ich bin der letzte: gebt mir meine Million!". Man muß beweisen, durch die im Paß eingetragenen Visen, sowie durch andere Stempel, die in einem Extraheft eingetragen sind, daß man unterwegs war. Ich habe meinen Paß ich weiß nicht wie oft erneuert, und mein Extraheft ist so dick wie ein Meyers-Lexikon, ich  habe fast zweitausend Seiten dazugeklebt... Es ist das Schwerste, was ich mit mir herumschleppe. Ich passe darauf auf. Ich befühle es im  Rucksack.  Ich  schlafe  mit  ihm  unterm Kopf. Das Heft wird eigentlich den Wettbewerb gewinnen. Ich werde nur sein Übehrbringer sein. Ohne diesem Schinken, der an meinen Kräfte zehrt, würde Magirus gewinnen. Er würde sein Register herausziehen und fertig."

            "Und wenn es außer Magirus noch andere Konkurrenten gibt?", fragte ich.

            "Unmöglich!", versicherte mir Sey. "Seit mehr als fünfzehn Jahren ist kein Teilnehmer durch Bahia Blanca gegangen. Nur ich und Magirus.  Es  gibt dort ein spezielles Büro. Auch durch Kapstadt und Perth, andere  Kontrollpunkte,  ist  in  dieser  Zeitspanne  keiner  gegangen.  Und  eine Weltumrundung darf zwölf Jahre nicht überschreiten. Man weiß nicht mehr, mit der Zeit umzugehen. Magirus erscheint regelmäßig ein oder zwei Stunden nach mir.  In  dem Kontrollregister sind auch die  Minuten  eingetragen. Wir müssen auch unterschreiben, unsere Unterschrift wurde registriert. Das eingetragene Datum ist nicht geheim,  das war ein  Fehler der Veranstalter. Oder vielleicht kein Fehler, nur ein Versuch, uns  zu  verunsichern.  <Was  tun, wenn sich nach einiger Zeit, ein anderer Teilnehmer meldet?>, kann man sich fragen. Und man macht noch eine Erdumrundung, um es zu überprüfen! Weil sich in das Pariser Büro keiner traut. Jetzt ist die Lage klarer: es sind nur zwei übriggeblieben. Ich weiß nicht, welcher von uns verrückter ist..."

            "Und trotzdem, was wäre, falls nach Ihnen, in der Annahme, daß Sie  Magirus  besiegen und der Preis einkassieren, noch ein Teilnehmer erscheinen würde? Stellen wir uns eine solche Situation vor. Die Lorbeeren werden Ihnen genommen, das ist klar, aber die Million? Man kann sie verpulvern oder sich in irgendeinem unbekannten Fleckchen Erde zur Ruhe setzen..."

            "Den Lorbeerkranz und den Preis bekommt man  im Prinzip achtzig Tage nach der Ankunft. In der Praxis, noch dreißig Tage später. Falls ein anderer Teilnehmer sich meldet. Und falls  sich  keiner meldet,  fragt  man bei den Kontrollpunkte nach. Eine neue Registrierung läßt der  <Gewinner> leer ausgehen..." 

 

- wird fortgesetzt -

 

ZURÜCK Benedikt WEYERER

(München)

 

Der Erste Mai - ein wichtiges Münchner Datum

 

Der Erste Mai, der Demonstrations- und Feiertag der internationalen, sozialistischen Arbeiterbewegung, fand erstmals 1890 als Massendemonstration statt, auch in München.

Die sozialdemokratische Zeitung "Münchener Post" berichtete am 2. Mai 1890 über den "Weltfeiertag": "Der von Tausenden mit Angst und Schrecken, von anderen Hunderttausenden mit Freude und froher Zuversicht erwartete 1. Mai ist nun vorüber und war sein Verlauf, wie wir und alle Verständigen mit uns nicht anders erwarteten, von Anfang bis zum Ende ein weihevoller, würdiger".

Obwohl die meisten Menschen an jenem Werktag arbeiten mußten, sammelten sich schon am Morgen zahlreiche festlich gekleidete Proletarier in den ausgewählten Gaststätten, um den Reden der sozialistischen Referenten zu lauschen. Die überfüllten Lokale und die Straßen der Stadt standen dabei unter Beobachtung der berittenen Polizei.

Gegen Mittag zogen die Versammlungsteilnehmer zu Ausflugslokalen vor der Stadt, wo man den Nachmittag unter sich verbrachte. Gegen Abend in die Stadt zurückgekehrt, traf man sich dann mit denjenigen, die sich den Tag nicht hatten freihalten können. Gemeinsam feierten die Sozialisten jenen Ersten Mai bis spät in die Nacht.

 

Die "Münchener Post" kommentierte die  misstrauische Polizeipräsenz sarkastisch: "... waren sämtliche Straßenkreuzungen von derartigen Schutzengeln besetzt. Da sage man noch, Deutschland  habe  keine Arbeiterschutzgesetze!" Und resümierend: "Mit Befriedigung  kann  jeder  auf den Tag zurückblicken und hoffen wir, denselben im nächsten Jahre mit mindestens doppelter Stärke feiern zu können!"

In den folgenden zehn Jahren nahm die sozialistische Bewegung auch in München einen großen Aufschwung. Zum Ersten Mai 1900 rief die "Münchener Post" alle "Arbeiter, Arbeiterinnen, Parteigenossen" auf: "Rüstet euch zur Feier des Weltfestes!"

Abgehalten wurden vormittags zehn große Versammlungen, auf denen Ð als Ausdruck des zunehmenden politischen Einflusses Ð die Landtagsabgeordneten der SPD sprachen.

 

Am Nachmittag zogen die Demonstranten mit Musik und Gesang in die Isarauen, um am Abend wieder in der Stadt auf acht Versammlungen den Ausführungen der Redner zu folgen. Für den nächsten Sonntag, den 6. Mai 1900, wurde ein "Großes Volksfest" in der Ausflugswirtschaft  Holzapfelkreuth angekündigt, so daß alle Interessierten mit ihren Familien teilnehmen konnten.

Die Gesangsvereine des Arbeitersängerbundes München gaben ihr Bestes, Volksbelustigungen sorgten für Kurzweil und ein Schauspiel namens "Huldigung der Freiheitsgöttin" verlieh dem Fest eine politische Färbung.

Doch die Zeiten wurden ernster, der Krieg stand vor der Tür. Mit ihm verschwanden Musik, Gesang, Ausflüge und die Hoffnung auf eine hellere Zukunft. So rief die "Münchner Post" etwa zum Ersten Mai 1918  mit folgenden Worten auf:  "Im vierten  Jahr des  furchtbarsten Krieges, den die Welt je gesehen, eines Krieges, der ungeheure Blut- und Gasopfer der Menschheit abforderte, ist es die Pflicht und die Aufgabe der Arbeiterklasse, die Ideale und Forderungen, die der Maifeier zugrundeliegen, wieder vor aller Öffentlichkeit zu bekennen und für deren Verwirklichung mit allem Nachdruck einzutreten... Die Arbeiter begeben sich unmittelbar nach Arbeitsschluss von der Arbeitsstätte in die für sie bestimmten Lokale".

über den Verlauf der Veranstaltungen schrieb die Zeitung: "Dem Ernst der Lage entsprechend, feierte die Arbeiterschaft Münchens den 1. Mai nicht durch Arbeitsruhe und im sonntäglichen Gewande. In den Sälen erinnerten weder Musik  noch  Gesang  an  den hltkrieg aufzehrt."

Mit dem Ende des Krieges brach Anfang November 1918 in München die Revolution aus. Der neue Ministerpräsident Kurt Eisner rief den freien Volksstaat Bayern aus, am 21. Februar 1919 wurde Eisner von dem Offizier Anton Graf Arco ermordet. In München entstand eine anarchistische Räterepublik gefolgt von einer kommunistischen nach Moskauer Vorbild. Ausgerechnet zum 1. Mai 1919 kehrte der Krieg in München ein. Gegenrevolutionäre Truppen und Freiwilligenverbände schlugen die Räterepublik mit äußerster Brutalität zusammen. Hunderte von Menschen fielen dem Wüten zum Opfer. Jener 1. Mai 1919 galt seitdem als schmachvolle Niederlage gegen die Rechtsradikalen   beziehungsweise  als glanzvoller Sieg über die Roten Ð je nach Sichtweise.

Typisch für das sich ständig verschärfende rechtsradikale Klima in München standen die Vorkommnisse am 1. Mai 1923.

Die sozialistischen Gewerkschaften hatten ihren traditionellen Festzug angekündigt.

Diese Maifeier stieß bei den Rechten auf großen Widerspruch, da man die Meinung vertrat, der 1. Mai sei der Feiertag der Befreiung Münchens von der kommunistischen Räterepublik  und  sonst  nichts. Die rechtsradikalen Verbände riefen deswegen ihre Anhänger zu  bewaffneten  Gegenaktionen  nach  München.  Die Sozialdemokraten sollten "abgeschossen werden wie die Hunde", wie man sich ausdrückte.  Die bayerische Regierung und das Polizeipräsidium waren der Meinung, daß eine solche Demonstration durchaus erlaubt werden känne.

Am Morgen des 1. Mai 1923 sammelten sich die "Vaterländischen Verbände" auf dem Oberwiesenfeld, aufgeheizt durch gezielte Gerüchte, es stünde ein sozialistischer Putsch bevor. Um ihn abwehren zu können, drangen einzelne Gruppen in die umliegenden Kasernen ein und brachten Gewehre, Maschienengewehre,  Geschütze, sowie einen Panzerwagen in ihren Besitz. Die Reichswehroffiziere ließen dies geschehen.

Inzwischen hatten sich auf der Theresienwiese 40.000 Menschen  zur Gewerkschaftsfeier eingefunden. Um ein Blutbad zu verhindern, kreisten Reichswehr und Landpolizei die Verbände, die inzwischen unter Adolf Hitlers Oberbefehl standen, ein.

 

Sie gewährten ihnen freien Abzug unter der Bedingung, daß sie vorher ihre Waffen abgäben.

Dennoch konnte es zu einem kennzeichnenden Vorkommnis kommen. In Schwabing, griffen  1700  Nationalsozialisten eine Gruppe von 90 Gewerkschaftern an. Die Polizei beendete den Angriff, indem sie die Angegriffenen auseinandertrieb.

 

Zehn Jahre später wurde der 1. Mai zum bezahlten Feiertag. Wofür die Sozialisten lange Jahre gekämpft hatten, das setzten die nun seit kurzem an der Macht sitzenden Nationalsozialisten durch.

Das Münchener Gewerkschaftshaus war bereits am 9. März 1933 von der SA besetzt worden, so daß die  Marschrichtung klar war. Am 1. Mai 1933 nun, dem "Tag der Deutschen Arbeit", versammelten sich so viele Menschen wie nie auf der Theresienwiese, denn es herrschte ja Arbeitsruhe.

Offizielle Vertreter von Personengruppen, die bislang zu den  schärfsten Gegnern der sozialistischen Arbeiterbewegung gehört hatten, nahmen jetzt an der offiziellen  Mai-Kundgebung teil: Studentenverbindungen, Kriegervereine, Schützenverbände, rechtsradikale Freikorps, SA, SS, hohe Offiziere der Reichswehr. Zweck dieses 1. Mai war nicht die Förderung der Arbeiterbewegung, sondern ihre Neutralisierung und Funktionalisierung für die geplante große Aufrüstung.

 

Dies zeigte auch ein Kommentar des "Völkischen Beobachters" in seiner Wortwahl: "Die gewaltigste Heerschau Münchens. Die ganze Bevälkerung marschiert. Arbeiter, Bauern und Soldaten auf dem Marsch. Der Marsch der Hunderttausende. Das Riesenheer der Arbeit marschiert. Deutschlands Jugend marschiert in eine glückliche Zukunft. Das Arbeiterdeutschland marschiert!"

Tatsächlich brachte der nächste Tag die offizielle Auflösung und Enteignung nicht nur des sozialistischen, sondern auch der christlichen Gewerkschaften. Ihr Eigentum wurde Grundstock der am 10. Mai 1933 gegründeten "Deutschen Arbeitsfront",  deren   kriegerischer Name Programm war. Fortan bedrohten keine Tarifauseinandersetzung mehr die profitable Aufrüstung. Der 1. Mai 1936 schließlich stand unter dem von Adolf Hitler ausgegebenen Motto: "Der wahre Sozialismus aber ist die Lehre von der härtesten Pflichterfüllung".

Am 1. Mai 1939 wurde der für Jahrhunderte gedachte Feiertag zum letzten Mal begangen; danach mußte jede Arbeitsstunde für die Kriegswirtschaft genutzt werden.

Und dieser Krieg endete für München zum 1. Mai 1945. Am Vortag waren Truppen der VII. US-Armee in der Stadt einmarschiert und hatten  sie kampflos eingenommen. Der Krieg war damit dorthin zurückgekehrt, von wo er Ð zunächst geistig Ð Anfang der zwanziger Jahre seinen   Ausgang   genommen hatte: in die "Hauptstadt der Bewegung". Der 1. Mai 1945 war der erste Tag des Friedens, der vom einen als Zusammenbruch, vom anderen als Befreiung empfunden wurde.

Zur zweiten Personengruppe zählten sicher Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter, die sofort begannen,  ihre zwälf Jahre lang unterdrückten Organisationen wieder zu beleben.

Die bayerische Staatsregierung erklärte den Ersten Mai  wieder zum staatlichen Feiertag, der zum 1. Mai 1946 auf der traditionsreichen Theresienwiese begangen wurde. Die Gewerkschafter riefen zur Beteiligung daran, für Völkerfrieden und Arbeitsschutz auf.

Ungefähr 60.000 Menschen folgten diesem Aufruf und zeigten damit, daß die Gewerkschaftsbewegung die Stürme der letzten Jahre überdauert hatte. Wie vor 1933 wehte am Gewerkschaftshaus an der Landwehrstraße 7-9 die rote Fahne.

Die Bundesrepublik Deutschland stand kurz vor ihrer offiziellen Gründung, als der 1. Mai 1949 Ð nun auf dem Känigsplatz Ð begangen wurde. Ob Zufall oder nicht, so steht dieser  Ortswechsel symbolisch für den  neuen Stellenwert, den die Gewerkschaften im neuen Staat einnehmen sollten.

Bislang hatten die Unternehmer, insbesondere die Schwerindustrie, eine treibende Kraft in  der deutschen  Innen-  wie   

 

 Außenpolitik   dargestellt.   Die katastrophalen  Folgen konnten nun besichtigt werden. Um dies in Zukunft zu verhindern, verlangten die Kriegssieger eine entscheidende Einbindung der  Gewerkschaften in das  westdeutsche  Wirtschaftsleben. Die Gewerkschaften wurden zu einer der tragenden Säulen der Bundesrepublik. Dies fand seinen Ausdruck auch darin, daß am Münchner Gewerkschaftshaus zum ersten Mal nicht mehr die rote, sondern die schwarz-rot-goldene Fahne wehte.

Alte und neue Zeiten zeigten sich am 1. Mi 1950. Auf  Anordnung der bayerischen Staatsregierung, die damals ausschließlich aus Mitgliedern der CSU bestand, waren erstmals seit 1890 alle öffentlichen Gebäude an diesem "Tag der Arbeit" beflaggt. Das waren die Zeichen der neuen Zeit. Die alten Zeiten kamen in der Rede des  Gewerkschaftsführers Max Wönner zum Ausdruck. Er drohte, keine Macht der Welt werde die arbeitendenden Menschen davon abhalten, die bestehende Gesellschaftsordnung zum Abtreten zu zwingen, sollten nicht grundlegende gewerkschaftliche Forderungen erfüllt werden.

Die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet am Schluß der Kundgebung: "Tief beeindruckt rissen die eng eingekeilt stehenden Massen, unter denen die ältere Generation dominierte, die Hüte von den Köpfen und sangen: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!".

 

ZURÜCK Dr. Arkadiy POLONSKIY

(München)

 

GOETHE UND DIE RUSSISCHE ZENSUR

 

Vor Genies steht die ungewöhnliche Aufgabe, rechtzeitig auf die Welt zu kommen. Die Zeitgenossen von Johann Wolfgang von Goethe  bewältigten  im  ganzen ihre Aufgabe. Die Europäer erkannten klar und verstanden den großen philosophischen und romantischen Einfluß der Werke Goethes. Die zweite Hälfte seines Lebens wurde von vielen Verehrern  mit  Achtung  erwähnt.  Als der französische Kaiser nach Deutschland eindrang, hielt  er es für notwendig, den großen deutschen  Dichter  zu empfangen. (Sein ganzes ihm gebliebenes Leben lang schämte sich Goethe wegen seines  Besuch bei Napoleon, für den die Ideale der Revolution nur ein Trampolin zur Macht waren).  Bekannt sind die Reisen nach Weimar der russischen Schriftsteller P. Wjasemski, A. Turgenew, Küchelbecker und vieler anderer. Goethe war einer der Literaten an der Grenze des 18. zum 19. Jahrhundert, der am meisten in die russische Sprache übersetzt wurde. Goethe wußte es, aber er wußte  nicht, daß seine Werke eine scharfe Kritik der russischen Zensur hervorriefen. Der Konservatismus und die Willkür der Moralhüter "in der Einstellung verschiedener Unbequemlichkeiten, die bei freiem unbegrenzten  Buchdruck vorkommen"  wurden  gesetzlich  durch den Erlaß von Zar Paul I. am 16. September 1796 sanktioniert. Der Despotismus der Bürokraten aus der Zensur wurde nur von ihrem Verstand und ihrer Erziehung begrenzt.  Drei Jahre nach dem  Zarenerlaß  verbot der Zensor Fjodor Timkowski die Verbreitung  von  552  aus  639  Büchern, für welche die diesbezügliche Erlaubnis  beantragt  worden war!  Unter den mißbilligten Büchern zum Lesen befand sich auch das Buch "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796) von Goethe. Weswegen war denn der deutsche Dichter für Herrn Timkowski unerwünscht?  "In diesem Buch gibt es folgendes Bedenken:  auf  S. 21 und 22 ist eine Sammlung komischer und satirischer Puppen gegeben, die den Zar Saul, Iophan, den  Propheten  Samuel,  David und andere darstellen".

Der Zensor zitiert den Text des Autors: "Wer verbietet dir, wenn du in einer Umarmung des Einen bist, an einen anderen zu denken?"  und  belehrt  moralisch,  "das scheint unanständig und verführerisch  auf  die  Jungfrauen und Frauen zu wirken". Obwohl dies für männliche Personen nicht verboten ist.  "Auf  S.141 und 142 gibt  es unanständige Erzählungen über die Zarenwürde".

 

Über 30 Bedenkgründe schrieb der Feindschaftssucher  auf.  Auch den  Reinicke  Fuchs  hat  er  verboten.  Herr  Timkowski  war  unzufrieden,  "weil die Bäsewichte oft  über das Gerechte triumphieren, weil sie oft schlau und verlogen sind und die Gerechten nur ehrlich und fleißig sind. Auf Seite 142 scheint die Berufung des heiligen Geistes als Fuchs nicht gerade richtig zu sein.  Auf  S. 219  ist ein leichtsinniges Gespräch über den Treueid. Auf S. 283 ist eine verborgene Satire auf die Selbstherrschaft   der   Regierung.  Die Seiten 301 bis 304 bringen eine Satire auf die Verwaltung und Tätigkeit des römischen Papstes".

Der sowjetische "GlawLit" (Der Hauptlitverlag) war ein würdiger Nachfolger der  Zarenzensur. Nach einigen  Auszügen  kann  man  nicht  sofort  das  18. vom  20. Jahrhundert unterscheiden. Einer besonders starken Kritik unterlag "Faust". Die erste volle Übehrsetzung wurde vom Dichter Eduard Guber  übersetzt und im Jahre 1835 zur Veröffentlichung vorgeschlagen. Eduard Iwanowitschs vieljährige Arbeit wurde von der Zensur völlig abgelehnt, und der verstimmte Übersetzer vernichtete im Zorn sein Manuskript. Eine große Rolle in der Herausgabe von Goethes Werken in russischer Sprache  spielte  Puschkin.  Auf sein Drängen und unter seiner Aufsicht  begann Guber die Übehrsetzung von neuem und Ende 1838  wurde  "Faust" endlich veröffentlicht: mit 40  Änderungen! Den Lesern blieben  der  "Prolog  im  Himmel" aus dem ersten Teil der Tragödie und der ganze zweite Teil unbekannt. Die nächste  Ausgabe  der  Übehrsetzung von Guber war auch lange nicht vollständig und wurde im Jahre 1859 veröffentlicht. Doch diese Ausgabe schlug eine Bresche durch die Zensur auch für andere Übehrsetzungen von "Faust".  Der Petersburger Herausgeber A. F. Marx beabsichtigte im Jahre 1888 "Faust"  mit Illustrationen deutscher Maler herauszugeben.  Das  Zensurkomitee erlaubte nur 1550 Exemplare  zum  Preis  von  30 Rubel zu verlegen.  Aber nur sehr wenige   konnten   dieses   teuere  Buch kaufen. Mit  großen Schwierigkeiten hatte die  Aufführung  von  "Faust"  auch in der Theaterinszenierung zu rechnen, z. .B. äußerte der Hauptpresseverwaltungschef  E. Feoktistow vorsichtig folgende  Meinung:  "Im  großen und ganzen, nicht  ausführlich über die  Untauglichkeit  solcher Art  philosophischer Werke zur Vorstellung für jegliches Publikum gesagt, finde ich noch, daß verschiedene ärtliche Bedingungen im  zweiten Teil von  „Faust“  ungeeignet für die Bühne sind".  Der  Zensor  hat  sogar Angst, dem Papier anzuvertrauen,  in welcher Weise   das Werk Goethes so gefährlich ist. In seinen Schlussfolgerungen sind fast immer nur angedeutete Gedanken,  oft  gebraucht  er  doppelsinnige Worte wie "unbequem", die aus dem Erlaß entliehen sind. Und weiter ist Feoktistow auch sehr unverletzbar und gewandt: "All  die  Stellen  im Drama,  in  denen  der  anonyme  Kaiser  erscheint  (obwohl auch ein rein deutscher)  können beim Publikum  unangenehme Demonstrationen  hervorrufen.  Die  Szene des  Maskarades, die mit dem Feuerwerk schließt, welche die französische  Revolution  schildern  soll,  ist  meiner  Meinung nach  auch  unbequem". Im Gutachten des Augenzeugen   ist das Angstgefühl zu erkennen.  Aber der Zensurchef  befürchtete  doch  nicht die blutigen Nihilisten-Terroristen...

 "Faust"  befriedigt  Herrn Feoktistow aber gar  nicht: "Der Kaiser wendet sich an die Zauberei, an die dunkle Kraft, um die Untertanen zu besiegen. Und  das  ist auch für die Bühne nicht   geeignet. Die Szene der Ausgabe des Papiergeldes als Folge der Mephistohetze   ist   überhaupt  nicht für das wenig gebildete Publikum".   Diese  Szene,  Herr Feoktistow, ist noch gefährlicher für das gebildete Publikum, um so mehr, weil doch das wenig gebildete Publikum solche Vorstellungen  nicht  besucht.  Ich  kann  die Szene hervorheben,  wo das Verfahren der Schöpfung des  Menschen in einer Retorte  auf  chemische  Art und Weise gezeigt wird. Natürlich ist  die  alte  Methode  sicherer, aber auch den  Progreß  kann  man  nicht  verbieten!  Geben wir  dem  feinfühligen  Ordnungshüter das Gebührende: "Einzelne Stellen  mit  rote  Tinte  auszustreichen  ist,  meine  ich,  unangenehm.  Das  Schaffen  Goethes  ist so weit bekannt, daß ein solches Ausstreichen  beim Publikum eine größere Beachtung  erweckt,  als diese Stellen in Wirklichkeit verdienen". Und  so  ist  es  eben  und  wer   hat  denn  solche unbequemen Demonstrationen  nötig?

 

Mit "Egmont" war es einfacher. Eine gewaltsame Korrektur jeder Zeile  wurde  nicht  durchgeführt. In "Egmont" gibt es keinen Zweifeln,  wie  bei  "Faust"  in  den unsterblichen Seele, das der religiäsen Erziehung des russischen Lesers  nur  Schaden  bringen Kämpfer für die nationale Unabhängigkeit der Niederländer und erschüttert  die  politische  Basis der Gesellschaft. "Egmont" wurde sofort und völlig ganz verboten. Das Sankt-Petersburger Zensurkomitee bestimmte im Jahre 1806 kompromisslos:  "...Im Theaterstück gibt es viele Diskussionen über die Rechte der Monarchen in Bezug auf ihre Staatsangehörige und der Inhalt dieser Diskussionen besteht in der Empärung der Niederländer, die anstatt den Zuschauen Gehorsamkeit zur Regierung   einzufläsen,  können bei ihnen schädliche Gefühle hervorrufen".  Das  Verbot wurde mehrfach  bestätigt.  Im  Jahre 1832 half schon nicht mehr die nächstfolgende Fürsprache Puschkins.  Der Zensor Semjonow erkannte die große literarische Bedeutung von Goethes Werk  und mußte es aber doch verbieten "...weil doch in dieser Tragödie in grellen Farben die Empärung der Niederländer gegen die  Macht des Spanischen  Känigs dargestellt  ist".  Und weiter mit  Schmerz: "Irgend welche bedeutende  Änderungen in diesem Werk zu machen fand das Komitee unberechtigt, weil das Werk  zur   klassischen   Literatur  gehört". Ein Prachtkerl ist dieser Zensor Semjonow!

Den nachfolgenden Versuch, "Egmont" im Jahre 1860 zu veröffentlichen, wurde vom Minister des Kaiserhofes Graf W. F. Adlerberg streng verboten. (Dieser Adelberg ist unter anderem der Schwiegervater von Amalia Adelberg der geborenen Gräfin Lerchenfeld, die Empfängerin des Gedichts von Tjutschew "Ich erinnere mich an die goldene Zeit"). Im Jahre 1883 wurde das Theaterstück endlich zur Aufführung erlaubt, aber Anfang des 20. Jahrhunderts, im Jahre 1901, wurde es wieder verboten. Wie stark muß die Einwirkung der emotionellen Kraft der Begabung sein, damit die begeisterten Freiheitsideen eine so massierte Abfuhr des Zarismus bekamen!

 

Auszüge aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1777-1796), aus "Faust" (1806) "Egmont" (1787) erkannte der russische Leser aus den Übehrsetzungen von F. l. Tjutschew, der ein Verehrer der philosophischen Poesie Goethes war, durch dessen Schaffen der russische Dichter die deutsche Geistigkeit wahrnahm. Im Jahre 1858 wird Tjutschew das Sankt-Petersburger Komitee für Zensur der fremdsprachlichen  Literatur leiten, in dem die berühmten Schriftsteller A. K. Maikow, A. W. Nikitenko, l. A. Gontscharow, J. P. Polonski  mitarbeiten.  Das wird das liberalste Zensurkomitee Russlands sein.

 

Am 22. 3. 1832 starb Goethe in Weimar. In größter Trauer darüber widmete Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, der damals in München lebte, zum Andenken an das Genie der deutsche Kultur seinen folgenden

 

            Abschied:

 

Am Baum der Menschheit, seinem  höchsten Stamme,

Warst du das schönste, beste Blatt.

Dich hat gezeugt der Sonne reinste Flamme,

Ernährt des Baumes reinster Saft.

 

Du schwangst auf ihm - mit seinem großen Herzen

Mehr als die andern stets in Harmonie,

Du konntest mit dem Zephir scherzen,

Sprachst mit den Stürmen Prophetie.

 

Vom angestammten Ast riß dich kein Schauer,

Kein wilder Herbstwind und kein Wirbeltanz.

Edler als viele und von länger Dauer,

Fielst du von selbst ab Ð wie aus einem Kranz.

 

 

 

Übertragen von Siegfried von Nostitz (1992).

ZURÜCK R.-F. BARTH

    

EIN KULTURELLER TREFFPUNKT: DAS HILDEBRANDHAUS IM NEUEN GLANZ

 

Zwischen 1895 und 1898 nach den Entwürfen des Bildhauers Adolf  von  Hildebrand  (1847-1921) erbaut und zwischen 1997-1998 glanzvoll  renoviert,  beherbergt  das  hundertjährige Hildebrandhaus  die Monacensia-Bibliothek und das Literaturarchiv der  Stadt  München.  Das  Haus, in dem der Künstler bis zu seinem Tod wohnte,  war schon zu Lebzeiten Adolf von Hildebrands (der Schäpfer u. a. des Wittelsbacher Brunnens am Lenbachplatz, des Hubertusbrunnens am Nymphenburger Kanal und des Vater-Rhein-Brunnens gegenüber dem Deutschen Museum) ein glanzvoller Mittelpunkt des kulturellen Münchner Lebens.

Ende 1999, bereiten sich das Haus und die sich darin befindenden städtischen Einrichtungen für den Eintritt ins neue Jahrtausend vor. Nach fast  zwei Jahren Sanierungs- und Renovierungsarbeiten,  glänzt das Hildebrandhaus in neuem Anstrich, der Lesesaal ist mit neuem Teppichboden sowie mit den Beleuchtungskärpern  des  Münchner Designers Ingo Maurer und vielen technischen  Neuerungen ausgestattet:   vier Audiovisuelle Här- und Betrachtungskabinen und zwei Readerprinter-Geräte (zur Betrachtung der  auf   Film  gespeicherten  Münchener Zeitungen und Adressbücher), Anschluß am Internet. Auch der umgebenden Garten der Bogenhausener Villa wurde zu einem träumerischen  florentinischen Garten umgestaltet .

Ein  weiterer  Anziehungspunkt wird  ab  nächstes Jahr die Leseerrasse  der Monacensia sein, wo es  beim  schönen Wetter an der frischen Isarluft  mäglich wird, weiter zu arbeiten. Damit  werden die  Monacensia- Bibliothek1  und  das Literaturarchiv2 den Wünschen ihrer, meist aus dem wissenschaftlichen Bereich stammenden Kundschaft, bestens entsprechen.

Aber auch dem interessierten Laien hat die Monacensia-Bibliothek viel zu bieten: Literatur über München als bayerische Landeshauptstadt und ehemalige Residenzstadt  der  Wittelsbacher,  als  Sitz des Landtages, der Universi-tät, der Staatsbehörden und des Erzbischofs, sowie die Werke von und über Münchner Dichter und Schriftsteller, in München lebender Illustratoren, frühe Münchner  Drucke vom 16. Jh. bis  Anfang 18. Jh, Pressen- und Luxusdrucke Münchner Verlage, Münchner Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Karten und Pläne der Stadt und ihrer Umgebung, in München gehaltene Reden und Kongressberichte sowie Münchner Flugschriften, Theaterzettel  und -programme. Von Interesse ist auch der Ausstellungsbereich im Hochparterre, in dem immer wieder Ausstellungen stattfinden, die einzelnen Münchner Schriftstellern und Künstlern oder Münchner Ereignissen gewidmet sind und sich eines immer breiteren  Publikums freut.  Das  Ausstellungsprogramm wird durch die im Verlag A1 erschienene Bücherreihe "Monakzente", die die kulturellen Schätze der Monacensia-Bibliothek und Literaturarchiv des Landeshauptstadt München hervorragend ans  Licht   bringt.   Natürlich  ist  das neue Leben in der  alten Künstlervilla  auch  einigen  Menschen zu verdanken: Frau Doktor Elisabeth Tworek, der Leiterin dieses einzigartigen Münchner Kulturtreffens und ihren engagierten Mitarbeiterinnen und  Mitarbeitern.         

 

ZURÜCK Manfred PIELMEIER

 

AUSLÄNDER IN MÜNCHEN: NICHT NUR PROBLEMFÄLLE

 

Die Bundesrepublik Deutschland hat viele ausländische Gastarbeiter in den verschiedenen Branchen der Arbeitswelt beschäftigt. Die archenoah schaute und schaut sich in dieser Hinsicht in München um, versucht durch Interviews die Gründe zu erfahren, warum solche Menschen in der Bundesrepublik (in München) arbeiten, wie sie in Bezug auf Anforderungen, Arbeitsklima und Mitarbeiter ihre Arbeitswelt erleben, vor allem, welchen Unterschied sie in der Art, wie die Deutschen leben zu der  ihrer eigenen Landsleuten empfinden.

Wir stellen ihnen heute zwei Ausländer vor,  die beide in der Schoppenstube des Münchner Ratskellers arbeiten:  Elfriede Berschl und Zanaty M. Zanaty. 

 

Elfriede Berschl  ist Oberästerreicherin aus Waldzell im Innviertel. Vor die Frage gestellt, ob sie sich als Friseuse oder Fotografin ausbilden lassen sollte, entschied sie sich für den Beruf der Fotografin, machte eine Lehre. Doch sie erkannte bald, daß ihr dieser Beruf nicht lag, die Begeisterung dafür fehlte, die erforderlich gewesen wäre, sich hochzuarbeiten. Anschließend arbeitete sie als Postbeamtin, kündigte aber dieses Arbeitsverhältnis, weil sich ihr die Möglichkeit bot, in einem Cafe zu arbeiten, womit sie sich auch einen Teenagertraum erfüllte. Doch das Leben hatte sie inzwischen in eine Ehe geführt, sie hatte ein Kind geboren, das heute, nachdem die Ehe geschieden ist, bei seinem Vater lebt. Zu allem Unglück kam ein Autounfall dazu, bei dem sie Brustkorbquetschungen erlitt, die sie drei Monate aufs Krankenlager warf. Weil das Leben weitergehen mußte,  dazu Geld erforderlich war, beschloß sie nach Bayern zu gehen, sich um eine Arbeit umzusehen.  Sie fand sie  in der Fränkischen Weinstube unter dem  Neuen  Münchner  Rathaus,  wo sie  seit  dem  Oktober  des   vorigen Jahres tätig ist. Aus dieser Tätigkeit, die wie jeder Gast beobachten kann, sie mit Liebenswürdigkeit und Geschicklichkeit zur Zufriedenheit der Gäste ausführt, erwuchs bei ihr der Wunsch, ein eigenes Weinlokal führen zu können. In ihrer Freizeit sucht sie, der als Oberösterreicherin die Schönheit der Natur in der grandiosen Alpenwelt gewissermaßen in die Wiege gelegt worden ist, die Schönheit der Natur durch Wandern und Radeln in ihrer gegenwärtigen Umgebung zu erschließen. Im Süden Münchens findet sie im Fünfseenland eine Fundgrube an Naturschönheiten und Kulturgüter.

 

In der Schoppenstube arbeitet sie heute mit Zanaty M. Zanaty zusammen. Er stammt aus Kairo in  Ägypten. Er ist gelernter Automechaniker,  hatte den Ingenieurabschluss angestrebt, aber nicht zu Ende geführt. Weil er im väterlichen Cafe mitarbeitete, spürte er, daß für ihn der Hotelfachmann der geeignete Beruf wäre; deshalb wollte er eine Hotelfachschule besuchen. Doch dagegen sträubte sich sein Vater, der in diesem Beruf keine Chance für die Zukunft sah. Unbekümmert  darum  besuchte  Zanaty eine private Hotelfachschule, die er aus eigenen Ersparnissen finanzierte.  Einer  seiner  Lehrer  bot  ihm  in den achtziger Jahren an, in seinem Restaurant  mitzuarbeiten;  er  lernte dort auch, was ein Barkeeper können muß.  Anschließend erhielt er durch eben diesen Lehrer auch die Gelegenheit als  Barkeeper  an  einer Kreuzfahrt  teilzunehmen. Er nahm an,  wurde als  Barchef eingesetzt,  kündigte aber, al sich herausstellte daß der Schiffseigner  nicht  in  der  Lage war, die Löhne auszuzahlen. Nun ging er wieder nach Kairo zurück und  lernte  dort  Französisch.  Seine Reiselust ließ  ihn  dann  auf  einem  anderen Schiff als Somelier anheuern.  Bei dieser Gelegenheit lernte er

 einen Gast kennen, der Hotelier einer Hotelkette war. Dieser bot ihm die Stelle eines Chef de rang an. So zog  er ins Europa  ein. Nachdem diese Tätigkeit abgelaufen war, fand man ihn im Ratskeller beschäftigt. Als man ihn bat, im Lenbach Restaurant auszuhelfen tat  er das. Seiner gewachsenen Reislust zufolge, plante und bereitete er eine weitere Reise vor, half aber wiederum im Ratskeller aus. Es muß ihm dort etwas oder jemand so gefallen haben, daß er die Reise ins Wasser fallen ließ. So finden wir ihn heut frohgemut in der Schoppenstube, wo Oberösterreich und  Ägypten eine kleine Völkervereinigung demonstrieren.  Zum  Beruf bekennen  beide,  daß sie ihn lieben.  Fragt man sie nach ihren  Eindrücken  über München, über die  Gäste  und  die  Deutschen  im allgemeinen erfährt man von Elfriede Berschl, daß sie z. B. die deutschen Gäste anspruchsvoller findet als die Österreichischen, weil den Deutschen  das  Flair  österreicherische Gemütlichkeit fehlt.  Mit ihren  Kolleginnen und Kollegen in den Schoppenstuben kann man mit Ausnahmen,  findet sie,  gut zusammenarbeiten. Zanaty pflichtet  seiner Kollegin im großen und ganzen bei. An Stelle der Österreichischen Gemütlichkeit  jedoch  weist  er  auf  die  große Gastfreundschaft hin, die in seiner Heimat vorzufinden ist.