(Bukarest)
Saludos
(10. Folge)
Alles fing mit einer seltenen Ausgabe der Essays von Montaigne an, einem zerfetzten Exemplar, das ich in einem Antiquariat an der Seine gekauft hatte. Ich blätterte es in einem kleinen Bistro in der Rue de la Huchette durch. Einer vom benachbarten Tisch fragte mich, in welchem Jahr das Buch gedruckt worden sei. Der Mann war Sey Mondy. Der Wanderer. Der große Wanderer. Der LETZTE WAHRE WANDERER. [...] Ich lud ihn ein, an meinen Tisch zu kommen, wo ich ihn noch einige Nächte lang traf, und er mir erstaunliche Sachen erzählte. [...] Ich war wie eine Art Resonanzschachtel: seine Geschichten waren nicht an mich adressiert. Aber ich zahlte mit meiner Anwesenheit. Ich härte ihm (obwohl mir seine Erzählung gefiel) schon mit einer gewissen Heimtücke zu. Ich suchte nicht mehr nach dem Sinn, sondern ich versuchte den Schlüssel zu finden! Weil man nicht umsonst die Erde bis zum Ende aller Zeiten umrundet! Nicht einmal für eine Million tut man so was! Es könnte sein, daß Sey es nicht erfunden hatte. Jedenfalls, nicht die ganze Geschichte. Es ist schwer, so viel zu fabulieren...
"Aber jetzt sitze ich hier und erzähle Märchen während Magirus um mich pirscht. Er ist in der Nähe, ich fühle es. Immer war er in der Nähe, besonderes in den letzten fünfzehn Jahren. Er wartet darauf, daß ich einen Fehler mache... Daß ich mich der Jury stelle, und daß er hinterher erscheint um alles zu bekommen. Die Million könnte von mir aus verloren gehen, aber der Ruhm! Ich bin ein Mensch und - um Terentius zu umschreiben - als Mensch ist mir gar nicht fremd. Ich habe mein Leben darauf verschwendet, um zu gewinnen. Ich habe ehrlich gespielt, er ist auf die Pirsch gegangen. Auch jetzt spioniert er. Es ist schwer, ihn zu entdecken, er ist ein Meister der Maske. Er hat Toup’s, Hüte, Schnurrbärte und Strumpfmasken, die feiner sind als ein Spinnennetz, er kann jede Gestalt annehmen. Er travestiert oft: als alte Frau mit Warzen auf der Nase, Nonne, doofe Bäuerin, lepröse Bettlerin, armselige Oma, die man auf die Haare und Stirn streicheln möchte. Es ist aber besser so. Von ihm verfolgt laufe ich besser. Magirus belebt den Wettbewerb, er ist meine unsichtbare Peitsche. Weil ich mich immer entkräfteter fühle: Diesen unendlichen Weg wird es immer schwieriger, weiter zu verfolgen. Ich trage seit zwei Wochen einen Gipsverband an einem meiner Knie. übermorgen bin ich ihn los. Ich werde weiterziehen. Ich kann nicht stehen bleiben. Ich bin seit mehr
als fünfzehntausend Tagen unterwegs! Fünfzehntausend Mal bin ich Morgens nicht in meinem Bett aufgestanden! Einmal bin ich in einen Mohnfeld aufgewacht. Die Mohnblumen wogten sich hin und her, ich war eingetaucht in ein rotes Meer. Sind Sie jemals in einem Mohnfeld aufgestanden?"
Es war nicht das erste Mal, daß Sey mir einen solchen Wink gab. "Haben Sie es getan...?", "Haben Sie es gemacht....?" Ich war ihm aber trotzdem dankbar, daß er mir normale Fragen stellte. Er fragte mich nicht, ob ich einen Elefanten gejagt oder eine Geliebte in Amazonien oder auf den Philippinen gehabt habe.
"Nein, ich habe niemals in einem Feld geschlafen", sagte ich.
"Es ist besser so, man kann sich leicht erkälten!"
Er betrachtete mich als einen Weichling. Ich hatte bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr in einer Vorstadt gelebt, ich konnte es mit dem stärksten Schläger aufnehmen und konnte leicht größere Mengen stärkste Getränke saufen, auch wenn ich es nicht zu oft getan hatte. Ich hatte so einige Frauen kannengelernt, für eine Weile wurde ich für einige von ihnen wie ein Ehemann. Auf einem Feld aber habe ich niemals geschlafen! Und damit wollte mir Sey imponieren?! Ich fand es besser, vom Thema abzulenken.
"Haßt Du Paris?", fragte ich ihn.
"Nein. Ich komme immer wieder mit Freude zurück. Aber sie vergeht mir schnell. Einmal, in Kenia, bin ich auf einem gezähmten Zebra geritten. Es flog. Wir flogen. Kein Pferd vermag ein gezähmtes Zebra zu überholen. Das reicht mir, um an alles zu denken, was ich hier nicht tun kann. Um insbesondere an die Menschen zu denken, die ich kannengelernt habe... Gute, schlechte, reiche, kluge, bläde Menschen... Einmal bin ich zusammen mit einem Adeligen gereist. Es war in Mexiko. Er war ein französischer Graf. Verarmt, pleite, diebisch, kultiviert, ein rassiger Ganove war er. Er hatte die chilenische Staatsangehörigkeit. Hat es mir mit einem grünen Paß bewiesen. Er hatte auch für seinen Titel eine Urkunde, aus dem siebzehnten Jahrhundert, gültig für alle Nachkommen von André Mongrédien, Ritter eines vergessenen Känigs. Er hieß auch André Mongrédien, mein Herr Graf, falls die Urkunde nicht gefälscht war. <Warum stiehlst du?>, fragte ich ihn, als ich gesehen hatte, daß er immer auf Diebestour war. <Vielleicht haben meine Vorfahren dasselbe getan, weil ihr Reichtum unvergleichbar war!>, sagte mir der Typ. <Ich weiß nicht, wie sie gestohlen haben: im Geheimen, wie die Diebe, mit der Waffe in der Hand, wie die Räuber, oder unter dem Mantel des Gesetzes? Hat man eine geeignete Position erreicht - was braucht man dann mehr? Das ist Leben, Alter! Und der nötige Respekt kommt dazu. Die Gosse respektiert diejenigen, die ans Geld kommen, ohne einen Finger dafür zu bewegen. Der Staat muß bestohlen werden - sagt sich die Gosse - weil er am meisten stiehlt. Dann können die Dinge sogar ehrenvoll erscheinen. Meine Eltern, zum Beispiel, waren Erben, reiche und ehrliche Erben.
Ich war auch Erbe. In Mexiko hatte ich einige Pferdezüchtereien. Ich habe sie beim Kartenspiel verloren. Im ersten Jahr nach meiner Volljährlichkeit habe ich alles verspielt. Die Peonen haben die letzten Hengste gestohlen. In einer Nacht hat jemand die Stallungen angezündet. Die Izard-Bank, wo ich meine eiserne Geldreserve hatte, ging pleite. Das war Pech. Um das einigermaßen wiedergutzumachen stehle ich, hin und wieder, was mir andere gestohlen haben. Alles ist zu nehmen. Die Welt ist ein Räuberroman... Das ist sicher... Und einige bessere Banditen versuchen, die schlechteren auszumerzen. Oder umgekehrt.> So sah der Graf (?) André (de?) Mongrédien die Menschen. Einmal träumte ich schlecht und als ich aufwachte, habe ich ihm gesagt, er soll aufpassen. Er wußte, daß ich es nicht im Spaß sagte. Er hatte von mir schon Prügel sowie mindestens zwanzig Gläser Wein bekommen. Wenn ich ihn beim Stehlen erwischte, gab ich es ihm! Ich prügelte ihn schwarz und blau. Umsonst. Wir befanden uns in einem Krieg, wo ich den guten Banditen spielte. Er konnte auch einen anderen Weg nehmen, er war nicht verpflichtet, mir nachzulaufen. Er hatte aber eigentlich eigene Absichten. Eines Tages, um die Mittagszeit, auf einem Rastplatz auf der Ebene, habe ich ihn überrascht, als er den Inhalt einer gestohlenen Geldbörse überprüfte. Er wußte, was kommt, und bevor ich einen Finger rühren konnte (weil ich nicht daran dachte, daß er aggresiv werden konnte), haute er mir den Feldspaten über den Kopf, daß ich K. O. ging. Er hat gewartet, bis ich wieder zu mir kam, um falls nätig mich erneut zu hauen. Ich konnte es sowieso nicht tun, ich hatte mich erst auf einen Ellenbogen gestützt. Er fing an zu schreien. Es war ein Grollen. <Du hast mich ich weiß nicht mehr wie oft verprügelt! Ich habe nichts gesagt. Ich konnte bis jetzt deinen Schädel schon äfters spalten, so wie ich es auch jetzt in dieser Abgelegenheit machen kännte. Wie lange glaubtest du, würde ich deine unermessliche Ehrlichkeit ertragen? Dein Ekel für die, die stehlen, für die, die lügen, für die Nutten, von welchen du nur aus Angst vor Krankheiten wegrennst, aber genauso verschmutzen würdest wie alle Frauen, die du einmal berührt hast? Was ist dir heilig? Falls ich nur eine der Liebschaften erlebt hätte, die dir vergönnt waren, wäre ich vielleicht heute nicht das, was ich geworden bin! Du hast das Vertrauen Aller enttäuscht! Du hast gestohlen und hast Dinge mit den Füßen getreten, die weit wertvoller sind als eine Geldbörse! Ich habe die Nase voll von dir! Ich habe deine Schläge nur deswegen ertragen, da ich dich höher eingeschätzt habe. Häher als du sein kannst! Aber du hast dich genauso wie alle Moralisten der Welt benommen! Ein Pack Lügner, nur leere Wärter! Wie viele von euch haben sich eine Hure zu Frau genommen und sie vor den Altar gebracht? Sie vor Gott gebracht, um sie zu retten? Um euch zu retten, weil ihr, ihr seid des Lügens! Warum verlangt ihr nicht von den Gerichten, einen Dieb, einen Kriminellen bei euch zu Hause, in dem freien Nebenzimmer, einzuquartieren? Einen Sexbesessenen, einen Gehirngeschädigten, einen Sterbenden? Es ist doch für solche Leute, für welche ihr euch bemüht? Bücher! Reden! Gesetze! Anstalten! Tritte und Schläge! Zellen! Exekutionskommandos! Ihr wollt die Sünde ausrotten, und weil ihr nicht wisst wie, schlagt ihr rund um euch herum! Ihr, die Unfehlbaren! Die Makellosen! Ihr, die Kriminellen!>
Als ob ich ihn mit den Spaten zusammengeschlagen hätte... Er ließ mich liegen, ohne meinen Schädel tatsächlich zu spalten... Vielleicht war er tatsächlich ein Graf... Nichts ist sicher auf dieser Welt... Ich kann es kaum erwarten weiterzuziehen. Es wird vermutlich die letzte Erdumrundung sein. Gleich nachdem mein Gips abgenommen wird, verschwinde ich klammheimlich. Soll Magirus noch ein Jahrhundert auf mich warten! Nur daß... der Verdammte wird es wittern und mir wieder auf der Spur sein. Ich glaube, er ist mein zähester Konkurrent! Die anderen sind auch besondere Menschen gewesen. Ich muß mich nur erinnern, was alles bei der Einschreibung passiert ist... Einer konnte aus der Hand lesen, ein anderer kannte eine Art chinesischer Massage, die Wunder vollbrachte, zwei Zwillinge konnten auf dem Seil boxen... Das wurde auch ihr Verhängnis: in Indochina, während eines Auftritts, hat jemand das Seil gekappt. Es hing vierzig Meter hoch, über einer Saigoner Hauptstraße. Sie hatten große Gewinnchancen. Es ist leichter, zu zweit. Ein langhaariger Typ konnte einen Spinnenfaden mit einem Stein treffen, einer, aus Lyon, konnte unter Wasser singen, in einem speziell eingerichteten Wasserbecken, und ein unscheinbarer Kleiner konnte jeden hypnotisieren, der sich ihm entgegensetzte. Und da war noch einer, auch eine Art Fakir, der nur mit einem Tropfen Wasser und ohne zu essen wochenlang überleben konnte. Zwanzig Tage wurde er von dem Veranstalter in absolutes Isolation gehalten und am Starttag war er immer noch bei Kräften. Ich habe gleich Gefahr gewittert. Dieser war Magirus und er war der begabteste Konkurrent. Ich mit meinen Kartentricks hätte vielleicht am schlechtesten abgeschnitten, wenn ich nicht auch singen konnte. Das war etwas Ernstes, kein Trick. So fühlte ich mich in nichts jenem unterlegen, der nur mit Kraft der Konzentration Flaschen zerbrechen konnte, oder jenem, der jedes Schloss der Welt öffnen konnte, indem er es nur mit einem Silberstab berührte! Die Schlüssel der Schlüssel! Ein genialer Einbrecher, der den Wettbewerb in einem Gefängnis in Tasmanien beendet hat. Wie man sieht, wußte diese kleine Armee von neunzehn Nichtsnutzen eine ganze Menge Tricks. Leute, die gewohnt sind, vom Monatsgehalt zu leben, trauen sich nicht solchen Wege zu gehen! Wir waren eine Macht: jung und furchtlos, vielleicht ein bißchen unverantwortlich und abenteuerlich gesinnt. Wir waren es satt, das zu hären und zu sehen, was wir tagtäglich sahen und härten. Mit uns selbst unzufrieden. Der Wettbewerb war etwas Unerwartetes. Man gab uns die Gelegenheit, uns innerlich zu reinigen; das war uns nicht bewußt, wir machten es mehr aus Instinkt heraus. Ich frage mich öfters, was mit den anderen Teilnehmer geschehen ist. Vier Jahrzehnte kann man nicht mit Zirkustricks überstehen. Ein Beweis dafür scheint es mir, daß sich seit fünfzehn Jahren keiner mehr gemeldet hat, um zu versuchen, den Preis zu bekommen. Es gibt noch jenes Büro, ich gehe immer vorbei, wenn ich in Paris bin. Auch heute noch steht auf seine Türe: TARDIF-GLOBE-TROTTER. Keiner geht rein, keiner geht raus. Es sieht wie eine Falle aus. Gehst du rein, fertig, schon bist du als Angekommener gemeldet. Und Magirus kann es kaum erwarten. Er alleine, ich bin mir sicher. Die anderen sind entweder tot oder haben aufgegeben. Weil man sich nicht irgendwo zur Ruhe setzen kann und hinterher plötzlich auftauchen: <Ich bin der letzte: gebt mir meine Million!". Man muß beweisen, durch die im Paß eingetragenen Visen, sowie durch andere Stempel, die in einem Extraheft eingetragen sind, daß man unterwegs war. Ich habe meinen Paß ich weiß nicht wie oft erneuert, und mein Extraheft ist so dick wie ein Meyers-Lexikon, ich habe fast zweitausend Seiten dazugeklebt... Es ist das Schwerste, was ich mit mir herumschleppe. Ich passe darauf auf. Ich befühle es im Rucksack. Ich schlafe mit ihm unterm Kopf. Das Heft wird eigentlich den Wettbewerb gewinnen. Ich werde nur sein Übehrbringer sein. Ohne diesem Schinken, der an meinen Kräfte zehrt, würde Magirus gewinnen. Er würde sein Register herausziehen und fertig."
"Und wenn es außer Magirus noch andere Konkurrenten gibt?", fragte ich.
"Unmöglich!", versicherte mir Sey. "Seit mehr als fünfzehn Jahren ist kein Teilnehmer durch Bahia Blanca gegangen. Nur ich und Magirus. Es gibt dort ein spezielles Büro. Auch durch Kapstadt und Perth, andere Kontrollpunkte, ist in dieser Zeitspanne keiner gegangen. Und eine Weltumrundung darf zwölf Jahre nicht überschreiten. Man weiß nicht mehr, mit der Zeit umzugehen. Magirus erscheint regelmäßig ein oder zwei Stunden nach mir. In dem Kontrollregister sind auch die Minuten eingetragen. Wir müssen auch unterschreiben, unsere Unterschrift wurde registriert. Das eingetragene Datum ist nicht geheim, das war ein Fehler der Veranstalter. Oder vielleicht kein Fehler, nur ein Versuch, uns zu verunsichern. <Was tun, wenn sich nach einiger Zeit, ein anderer Teilnehmer meldet?>, kann man sich fragen. Und man macht noch eine Erdumrundung, um es zu überprüfen! Weil sich in das Pariser Büro keiner traut. Jetzt ist die Lage klarer: es sind nur zwei übriggeblieben. Ich weiß nicht, welcher von uns verrückter ist..."
"Und trotzdem, was wäre, falls nach Ihnen, in der Annahme, daß Sie Magirus besiegen und der Preis einkassieren, noch ein Teilnehmer erscheinen würde? Stellen wir uns eine solche Situation vor. Die Lorbeeren werden Ihnen genommen, das ist klar, aber die Million? Man kann sie verpulvern oder sich in irgendeinem unbekannten Fleckchen Erde zur Ruhe setzen..."
"Den Lorbeerkranz und den Preis bekommt man im Prinzip achtzig Tage nach der Ankunft. In der Praxis, noch dreißig Tage später. Falls ein anderer Teilnehmer sich meldet. Und falls sich keiner meldet, fragt man bei den Kontrollpunkte nach. Eine neue Registrierung läßt der <Gewinner> leer ausgehen..."
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wird fortgesetzt -