(Hermeskiel)
Den Teekessel von der Platte schiebend spürte Margit, daß ihre Mutter hinter ihr in der Tür stand. Sie mußte schon eine ganze Weile dort stehen, aber Margit drehte sich nicht um, sie tat, als merkte sie die Alte gar nicht. Da härte sie schließlich, wie jene ins Zimmer kam, sehr behutsam, Fuß vor Fuß setzend als würde sie balancieren, wobei das geblümte Kleid, das sie trug, ihren dürren Körper umschlotterte. Es läutet zur Messe.
Es ist die Stimme der Alten, dicht hinter ihr:
"Margit!"
Margit wandte sich um und sah die Alte an.
"Was ist?"
Die Großmutter schweigt. Sie schweigt nur, und Margit nimmt den Teekessel, goß sich eine Tasse voll und stellte den Kessel zurück auf den Herd.
"Ich habe jetzt keine Zeit", sagte sie dann.
"Du wolltest doch heute meine Haare waschen."
Margit hielt die Tasse dicht an die Lippen und blies den Dampf davon.
"Es sieht dich doch niemand. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit."
Ob sie zur Messe ginge?
"Weißt doch, wer gestorben ist. Als ob du das nicht wüsstest!"
Die Großmutter, murmelnd:
"Ich dachte, es gäbe Abendbrot."
"Sobald ich zurück bin", sagte Margit. Sie schlürfte an ihrem Tee. Die Großmutter stand regungslos da. Alles das war so dumm.
Margit hielt inne.
"Dann nimm dir doch einen Apfel, wenn du so hungrig bist."
Pause.
"Ich gehe zu Bett", sagte die Alte: und dreht ihrer Tochter den Rücken zu. Ihr Haar lang und weiß wie der Türrahmen.
"Ich dachte, du wolltest etwas essen!"
"Wollte ich auch", gab die Alte, schon an der Tür, zurück. Margit ließ die Tasse, die sie in Händen hielt, auf den Tisch sinken.
Wenn sie jetzt nochmals durchs Haus schliche wie ein Raubtier, das wäre schon ein starkes Stück! So dachte sie wohl und sagte endlich: "Herrgott, also setzt dich schon hin!"
Die Großmutter kam an den Tisch. Margit faltete das Tischtuch hoch, daß das wächserne Tuch darunter freilag, und nahm das Brot aus dem Korb. Sie schnitt zwei Scheiben davon ab. Die Großmutter begann zu essen. Sahen die Blumen nicht trostlos aus? Nein, sie hatte ihnen Wasser gegeben. Es waren schäne Blumen gewesen, aber jetzt waren sie alt und vertrocknet, und ihre Mutter goß sie nicht mehr, es war eine Schande. Margit beobachtete die Alte eine Zeitlang, bis sie nicht länger schweigen will, sie sagt:
"Ich verstehe nicht, wie man in einem Alter noch so essen kann. Sonst tust du dich immer so als seist du sterbenskrank.
Die Großmutter entgegnete nichts. Margit nahm eine Tasse aus dem Schrank, goß sie voll Tee und stellte sie vor ihre Mutter auf den Tisch.
"Trödel nicht so herum, ich muß mich noch umziehen!"
Wer denn gestorben sei, fragte die Alte. Margit beäugte sie.
"Der alte Hansen, das weißt du doch. Morgen früh wird er eingeäschert."
"So?" sagt die Großmutter.
Sie nahm die Tasse in die Hand und atmete den Dampf ein. Er sei ja immer schon ein komischer Kerl gewesen, daß er sich nun verbrennen ließe, das sehe ihm ähnlich. "Ich hoffe nur, daß du mich nicht auch mal mit solchen Eskapaden der Lächerlichkeit preisgibst."
Die Alte sagte wieder nichts. Sie tat, als habe sie nichts gehört und trank an ihrem Tee. Nachdem sie die Tasse geleert hatte, erhob sie sich, nahm die Tasse und das hölzerne Unterbrett und stapelte beides im Spülbecken. Weil sie beim Trinken etwas Tee verschüttet hatte, holt e sie einen Lappen, mit dem sie das Verschüttete aufwischen wollte, doch Margit nahm ihr aus der Hand:
"Laß, ich mach das!"
Die Alte stand da, wollte scheints noch etwas sagen, aber was sollte es. Und so verließ sie die Küche, schleppte sich mit Gänseschritten die knarrenden Stufen hoch, um auf ihr Zimmer zu gehen, aber oben blieb sie stehen, ohne die Tür zu ihrem Zimmer aufzutun. Margit wischte den Tisch ab, dann verschwand sie in ihrem Schlafzimmer. Die Großmutter kam zurück, sie nahm auf der
"Ist was?," sagte Margit. Sie drehte der Alten den Rücken zu, damit diese den Reißverschluss schlösse.
"Eigentlich müßtest du ja auch zur Messe", meinte sie, die Falten ihres Kleides glattstreichelnd, nachdem ihre Mutter es hinten geschlossen hatte. "War er nicht in deinem Alter."
"Daß ich noch lebe, dafür kann ich nichts."
Margit zögerte.
"Stellst du dich wieder verrückt?"
"Sieh dir doch mal meine Haare an. Muß ich wieder mit diesen verfilzten Haaren zu Bett gehen?"
"Was du nur mit deinen gottverdammten Haaren hast!"
"Wie kannst du fluchen und zur Messe gehen?"
Da, es läutete zum zweitenmal, sie würde zu spät kommen; Margit trat an den Schrank, zog die oberste Lade heraus und suchte nach ihrer Geldbörse. Sie war nicht darin.
Margit durchsuchte die Schublade, sie durchsuchte sie ein ums andere Mal, aber die Geldbörse war nicht zu finden, ach, sie war einfach nicht zu finden!
"Wo hast du sie nur wieder hingetan?"
Die Alte, ruhig:
"Ich hatte sie gar nicht."
"Natürlich, wie immer, alle anderen, nur du nicht!"
Oh, diese Lügnerin! Alles faßte sie an, in alles mußte sie sich einmengen, diese alte Lügnerin! Margit wühlte in der Lade, obgleich die Geldbörse nicht darin sein konnte. Und sie nahm die Lade, zog sie ganz heraus und schleuderte sie samt Inhalt auf den Boden.
Die Alte erklärte, die Geldbörse läge auf dem Fensterbrett. Margit drehte sich um. Tatsächlich, dort lag sie, sie hatte sie selbst dort hingelegt, bevor sie den Teekessel aufgefüllt hatte.
Sie ging zur Fensterbank hinüber und nahm die Geldbärse. Ja, die Alte hatte sie gar nicht gehabt, sie hatte sie selbst dort hingelegt, ehe sie den Kessel aufgefüllt hatte... Margit sagte:
"Und hör endlich auf mit der Nörgelei wegen deiner gottverdammten Haare auf!"
Ohne ihre Mutter noch weiter anzusehen verließ sie das Zimmer. Rief aus dem Flur, indem sie zur Haustür lief:
"Wenn ich zurückkomme, schneide ich sie dir ab, ein für alle Mal!"
Die Alte nickte. Sie härte, wie die Haustür zuschlug. Die Alte schaute zum Fenster hinaus auf die Dorfstraße, die sie Margit, schnellen Schrittes, sich hinab entfernen sah. Wie sie hinter dem Bretterzaun von Hansens verschwunden war, stand sie auf und knipste das Radio an. Sie stellte es leise genug, daß man hären konnte, wenn draußen jemand die Treppe hochkam. Dort lag die Schublade auf dem Boden, Briefumschläge, Papier, ein Kalender, Bleistifte, dazwischen blitzte etwas, die Schere. Die Alte bückte sich nieder und hob sie auf. Etwa eine Minute stand sie nur so da, regungslos. Mit zwei, drei Schnitten waren die Haare gestutzt und fielen in langen Strähnen auf den Teppich.
"Das vergesse ich dir nie", murmelte die Alte, womöglich auch etwas anderes, und zitterte, es mußte das Alter sein, sie war eben schon sehr alt, und sie fühlte die Tränen kommen.