Manfred WIENINGER

(St. Pölten)

 

DER GROßE BRÜLLER

 

"Die Hoffnung, so trügerisch sie ist, dient wenigstens dazu,  uns auf angenehmen Weg an das Ende des Lebens zu führen."

                                   La Rochefoucauld, Reflexionen

 

Mit schmerzenden Gelenken erhob er sich von seinem Bett aus Gesteinsmehl und Felsbrocken. Große Volumina seines Blutes versackten in tiefen Venen.

Schubirsch taumelte. Der Falstaffsche Morgenschwindel des begnadeten Zechers überkam  ihn. Mit den Händen zerriß er die schwarze, staubgesättigte Luft, die ihn einhüllte wie ein erstickender Mantel. Dann sah er den dünnen, asthmatischen Lichtstrahl, der durch eine einzige Luke,  kaum  größer  als ein  Kinderkopf, in den Großen Brüller drang.  Das Panzerglas der Öffnung verlieh der Strahlung eine blaugrüne Färbung. Staub tanzte darin nach einer emsigen Choreographie  und  lautloser Musik.

Benommen und ohne Gedanken begann sich Schubirsch durch den Dämmer zu tasten. Auf das blaugrüne Ballet zu, dessen schwarze Ausläufer  er immerfort in seine Lungen zog und wieder ausstieß. Er streckte beide Arme nach vor und umarmte die Dunkelheit, wie  man die Toten ein letztes Mal umarmt, um sie endgültig ins Jenseits zu stoßen. Nach wenigen Schritten stieß er auf eine Wand der strengen Kammer.

Bei seiner Einschulung vor vielen Jahren hatte man ihm erzählt, der Große Brüller sei aus dem härtesten Stahl der Welt. Nicht einmal ein mittlerer Weltuntergang känne ihm einen Kratzer   anhaben. Natürlich hatte Schubirsch das nicht geglaubt.

Nun  begann er sich  aber  ernsthafte  Sorgen zu machen, ob man ihn damals angelogen oder doch die Wahrheit erzählt hatte.

Seine Handflächen rieben über das mit Granitstaub angezuckerte Metall, das von den gestrigen Arbeitsgängen noch immer ein wenig warm war. Die strenge Kammer war das Herz, eigentlich der Bauch des Großen Brüllers. Meterdicke  Stahlplatten  trennten  ihn  von  der  Außenwelt. Nicht einmal in der Hälle ließe sich dieser Stahl erweichen. Oder doch? Gab es nicht eine neue Schweißtechnik im Werk und Ingenieure und tonnenschweres Gerät und Sprengstoff, Trinitrotoluol, für alle Gebirge dieser Welt?

Wie ein Schwert, wie die letzte Tritt Heins durchfuhr ihn plötzlich die Erkenntnis, daß es ruhig  war.  Es  war  vällig  ruhig.  Still.  Außer dem  Keuchen  seiner  Steinstaub  schluckenden Lungen kein Geräusch. Ja, die Aggregate des Großen Brüllers liefen nicht! Die mächtige Maschine, der er so viele Jahre gedient hatte, schwieg! Der Große Brüller brüllte nicht!  So groß war diese Erkenntnis, so schwer und gewichtig,  daß  er wankte  und  zu  Boden  stürzte.  Auf Geräll und Schutt liegend tastete er das linke Handgelek vorsichtig nach seiner Armbanduhr ab. Das Glück hatte ihn nicht ganz verlassen, sie war heil. Ihre Leuchtziffern zeigten vier Minuten vor acht an. Die Morgenschicht! Um acht begann die erste Schicht! Schubirsch rappelte sich auf. Er stürzte noch einmal auf den asthmatischen Lichtstrahl zu und fand die Sichtluke. Mit fahrigen Fingern versuchte er, den Staub vom Glas zu wischen. Mit vollen Backen blies er gegendie Staubwolke an. Mehr Licht, mehr Licht! Ja, jetzt konnte er den Drehstuhl aus Aluminium sehen, seinen Drehstuhl, und das Pult der Schaltstelle, sein Pult, mit den Anzeigetafeln,  Bildschirmen und dem gelben Einschalthebel und das monatlich wechselnde Centerfold, für das Tärna verantwortlich war. Der dicke Tärna klebte seine Favoritinnen aus Papier Monat für Monat über die Temperaturanzeige.  Das Centerfold  des  Wonnemonats  hob die Arme über den Kopf und präsentierte rotweiße Brüste. Süßer Schweiß perlte aus den Achselhöhlen. Es machte sich auf der Kante eines hohen Stuhl schmal. Die Fußspitzen erreichten gerade noch den Boden, die Beine waren nach auswärts gedreht. Der Slip hing am linken Knöchel. Tärna hatte für den Monat Mai eine gute Wahl getroffen, fand Schubirsch. Dann riß er sich vom Anblick der Zellstoffvenus los und sah wieder auf die Zifferneinteilung seiner Uhr. Vergeblich zermaterte er sich das Hirn, wessen Dienst da in einer Minute begann. Surminskis? Lettuanens? Tärnas oder Perns? Plötzlich sah er die Diensteinteilung so deutlich wie auf einer Foto vor sich. Ja, heute war Lettuanen dran, der schmale Lettuanen aus irgendeinem Bergnest, das der Goße Brüller aufgefressen hatte. Zuerst die Berge um das Dorf, dann das Dorf und schließlich das Gebirge. Ja, es war die Schicht Lettuanens, des Kaninchenzüchters, der ihnen zu Weihnachten immer einen Topf mit falschem Hasenbraten mitbrachte, um sie auf seine gutmütig bäurische Art zu necken. Lettuanens Schicht!  Dankbarkeit  gegenüber  seinem Schäpfer erfüllte Schubirsch, in dichten Wogen und Blasen entquoll sie jeder Pore seines Körpers. Bevor der Große Brüller nämlich eingeschaltet werden durfte, war ein Blick durch das Panzerglas der Luke zwingend vorgeschrieben. Aber längst nicht alle hielten sich an diese Betriebsvorschrift. Surminski zum Beispiel war diesbezüglich ein Ignorant, auch Schubirsch selbst, wie er sich  jetzt eingestand, schaute nicht immer in die betriebsbereite Gesteinskammer. Lettuanen dagegen war als überkorrekt bekannt, auf den kleinen Karnickelzüchter konnte man sich in dieser Hinsicht verlassen.  Jetzt kam es  nur noch  darauf an,  auch  tatsächlich  gesehen zu werden.

Acht. Schubirsch drückte seine Stirn, seine Nase, seinen Mund, sein Kinn gegen das Glas. So fest es nur ging. Er spürte, wie ein Stück Nasenknorpel riß. Zuerst sah er sekundenkurz gar nichts, dann  eine braune Aktentasche. Schließlich geriet eine schmale Gestalt in sein Blickfeld,  die  eine  Thermosflasche  auf dem Pult abstellte und sich auf dem Drehstuhl mit dem Rücken zur Luke niederließ. Bitte, bitte! 180  Grad!  Zu  mir, zu mir!  Dann sah Schubirsch Lettuanens offenen Mund und dem umgefallenen Stuhl. Auf seiner Oberlippe sammelte sich eine salzige Flüssigkeit. Die Nase schmerzte wie eine Stichelei.

Der Kaninchenzüchter lief aus dem Bedienungsraum des großen Brüllers, lief aus der Antriebshalle, lief quer durch das ganze Werk zum Büro des Betriebsleiters. Seine Nachricht verbreitete sich so schnell wie die Cholera. Die Arbeiter löschten die Zement- und Mergeläfen, sie stoppten die Färderbänder, und die Schottermühlen kamen knirschend zum Stillstand. Die Chauffeure der Dreißigtonner wuchteten sich aus ihren Führerhäusern, die Mineure rissen die Zündkapseln aus den Ladungen, und der Koch fischte alle Kartoffeln aus der Fritteuse. Selbst der Portier, 37 Dienstjahre und keinen Tag krank oder gefehlt, stürzte aus seiner Loge. Als Lettuanen und der Ingeniur aus dem Büro des Betriebsleiters traten, strebte bereits eine mehr als hundertkäpfige Menge wie Diener eines schrecklichen  Gätzen dem Großen   Brüller zu. Der Ingenieur hatte gerade beim Kaffee ein Gedicht in sein Notizbuch gekritzelt:

Wir sprengen Berge

und befahren den Mondregenbogen.

Die Gätter zittern.

Alle wußten, daß der Betriebsleiter wie jeden Tag im Extrazimmer der Kantine Wodka aus Biergläsern trank und dort die nächsten Stunden wie ein  Hund  herumkriechen  würde.  Die Menge machte daher wie ein Schwarm Fische respektvoll Platz, als sich der Ingenieur mit Lettuanen im Schlepptau seinen Weg suchte.

Schubirsch war in der Dunkelheit der Kammer zurückgetreten. über sich ahnte er die gewaltigen Backen der Desteinspresse. Ganze Gebirgszüge waren von  ihnen  schon  zu  rieselfeinen Sand zermahlen worden. Er haßte und fürchtete den Großen Brüller. Schweigend und ausdauernd. Aber auch der Große Brüller würde seine  Meister  finden.  Es  gab  geschickte Schweißer im Werk, erfahrene Sprengmeister und Werkzeuge härter als Diamant. Sie würden ihn aus dem Darm dieser gräßlichen Maschine herausholen. Ganz bestimmt. Und danach? Zuerst würde er in einen großen, grünen Apfel beißen. Dann eine Dusche und ein paar Tage Urlaub. Lisa. Vielleicht kännte er sie  bitten, die  gleiche  Stellung  wie  Tärnas Maimaid...

Der  Ingenieur  hatte  seine  Anordnungen schnell getroffen. Er ließ Ahmed, einen vierschrötigen Mineur, damit beginnen, das Panzerglas der Sichtluke aufzubohren. Dann versammelte er die ganze Belegschaft in der Antriebshalle. Einige murrten. Sie hätten den armen Schubirsch nur zu gern in der strengen Kammer schwitzen gesehen.

Der Ingenieur sprach mit überraschend leise Stimme.

"Ihr alle wißt, daß der Große Brüller einzig ist auf dieser Welt. Die größte und vor allem die älteste Maschine dieses Planeten. Es gibt keinen zweiten Großen Brüller. Er ist einzigartig."

Sie wußten es.

"Ehrlich gesagt, weiß niemand mehr, wie er konstruiert ist, wie er funktioniert. Niemand. Ich nicht und ihr nicht."

Sie wußten es nicht.

"Der Ingenieur, der den Großen Brüller erdacht hat,  ist  schon  seit  Jahrzehnten  Dünger  für die Narzissen. Seine  Maschinenbaufirma  handelt inzwischen  mit Softpornokassetten und Galanterie waren, wie allgemein  bekannt sein dürfte."

Es war ihnen allgemein unbekannt.

"Baupläne oder Blaupausen des Großen Brüllers existieren nicht mehr. Die Konstruktion ist ein Rätsel. Wir wissen nicht, wie man in die Gesteinskammer gelangt, oder wie man die Färdertäre äffnet. Wir wissen nichts über den Großen Brüller."

Sie wußten nichts. Nur der dicke Tärna wußte etwas, was er über die Hinterköpfe seiner Vordermänner schrie: "Dann müssen wir ihn zerstären! Sprengen!"

Die Menge ließ zustimmende Laute hären.

Die Vibrationen kamen stoßweise. Schubirsch spürte sie erst uner den Fußsohlen. Oh Gott, ließ da jemand einen Motor des Großen Brülles im Leergang warmlaufen? In Panik stolperte Schubirsch zur Luke. In diesem Moment stieß die Spitze des Bohrers durch die letzte Glasschicht. Ein Splitter zerfetzte Schubirsch Stirn. Der Bohrer wurde zurückgezogen.

"Lettuanen?"

Ahmed antwortete nicht, weil er das nur auf Fragen in akzentfreiem Aseri zu tun pflegte. Aber Schubirsch   konnte den Elektromotor des Bohrers hären. Das war Glück genug für ihn, die Verbindung mit der Außenwelt.

Die Stimme des Ingenieurs hob sich: "Wir würden Monate oder vielleicht Jahre brauchen, um die Gesteinskammer freizusprengen. Wer von uns kann schon sagen, wie viele Meter Spezialstahl uns von dem armen Schubirsch trennen?" Dann richtete er seinen Blick auf den Zwischenrufer.

 "Wie viele  sind es, Tärna? Zehn? Fünfzehn? Wo sollen wir zu sprengen beginnen? Oder zu schweißen? Na, was ist, Tärna?"

Tärna schwieg. Aus Verlegenheit zog er ein marinblaues Taschentuch aus seinem Hosensack.

"In diesem Jahr, in dem wir Schubirsch frischweißen und freisprengen, wird der Große Brüller nicht einmal einen einzigen Kieselstein fressen. Kein Gramm Schotter, Sand, Mergel oder Zement wird dieses Werk verlassen. Ihr wißt, was das heißt. Ihr und ich, wir werden schon bald auf der Straße stehen. Sechs Monate, ein Jahr oder..."

Der Koch und zwei Chauffeure verließen die Halle.

"Ihr seid Euch doch hoffentlich alle im klaren darüber, wie unsere Entscheidung ausfallen muß?!"

Sie waren sich alle im klaren.

Der Ingenieur sprach ins Leere: "Holt seine Frau."

Tärna und einige andere gingen. Nach und nach leerte sich die Halle. Als Ahmed, den Bohrer über den Schulter,  freudestrahlend  aus dem Bedienungsraum trat,  waren nur mehr der Ingenieur,  Lettuanen und eine Menge  Zigarettenkippen  dort.  Der vierschrätige Aseri wunderte sich, waum er kommentarlos weggeschickt wurde.

 Schubirschs Frau war eine schlampige Brünete. Man hatte sie aus der nahen Werksiedlung geholt.  über  das Schicksal ihres Mannes wußte  sie  bereits  Bescheid.  Sie  war  sich  ihrer eigenen Wichtigkeit bewußt und so würdelos wie ein Eierbecher. Wie ein Huhn auf einer Hühnerleiter trippelte sie in den Schaltraum. Der Ingenieur schloß die Tür hinter sich. Sie känne sich Zeit lassen, wurde ihr versichert. Sie ließ sich aber keine fünf Minuten und kam tränenübersträmt wieder in die Halle zurück. Für eine fünfzigjährige Witwe ohne Beruf waren die Aussichten nicht die besten.

    Dann  traten der Ingenieur und Lettuanen in den Bedienungsraum. Der Kaninchenzüchter schob Schubirsch eine Flasche durch die Luke. Seine Hand zitterte. "Schottischer Malzwhisky", flüsterte er, "Du hast eine halbe Stunde...". Schubirsch sagte kein Wort. "Brauchst Du ein Glas?" fragte Lettuanen. Beim letzten Wort schrillte seine Stimme in der Hähe. Er begann zu lachen, lachte, lachte immer weiter. Sein schmaler Körper wurde von diesem hohlen, ekelhaften  Lachen   geschüttelt,  von  diesem Lachen, das kein Ende nehmen wollte, das diese Welt daran erinnerte, daß sie besser nicht sein sollte. Der Ingenieur trat auf Lettuanen  zu  und schlug  ihn zweimal hart  ins Gesicht.  Die schmale Gestalt stürzte zu Boden. Danach vermied es der Ingenieur, durch die Sichtluke zu blicken, um nicht wie Lettuanen verrückt zu werden. Lange Zeit - es war nur ein Bruchteil einer Stunde - härte er keinen Laut aus dem Großen Brüller. Dann drang eine süßliche Melodie aus der Gesteinskammer. Kein Zweifel, Schubirsch sang. "Ganz Paris träumt von der Liebe, ganz Paris träumt immer nur von ihr."

Lettuanen  war  zu  sich  gekommen  und begann wieder zu lachen. Der Ingenieur härte, wie Schubirsch  die Flasche gegen die Wand warf. "Ganz Paris träumt von der Liebe."

Der Ingenieur kritzelte schnell ein Gedicht in sein Notizbuch.

Schwarzes Schiff Hoffnung

das der Ozean

frißt.

Er setzte sich in den Drehstuhl und riß den gelben Hebel zu sich. Der Große Brüller brüllte auf.