(München)
BRIEFBEKANNTSCHAFT
"Quatre
Francs cinquante, s’il vous plait."
Er zahlte an der Theke, versuchte automatisch es in DM umzurechnen, aber er gab gleich auf. Es war auf jeden Fall sehr billig für einen internationalen Flughafen wie Orly und der Barmann bedankte sich, und er nahm die kleine Tasse voll mit der cremigen, braunen und heißen Flüssigkeit dankend entgegen. Er ließ einen Zuckerwürfel darin schmelzen und nahm einen Schluck . Es war guter Kaffee, der ihn an den schmackhaften türkischen Kaffee erinnerte, den er vor Jahren an der Schwarzmeerküste zu trinken pflegte.
Er mußte noch auf den Flug Nr. 004 von American Airlines warten, das Flugzeug war zwar noch im angegebenen Zeitplan, aber er war ein Frühaufsteher, und konnte das Warten in seinem Hotelzimmer in Boulevard Saint Germain, Ecke Rue Jean de Beauvais, nicht mehr aushalten. Er hatte ein Taxi genommen und sich durch die noch schlafende, noch leere Stadt fahren lassen. Die Marmorsäle in Orly waren fast noch menschenleer, mit Ausnahme einiger Reisender und einiger Leute, die auf Bekannte oder, wie er, auf ihre Lieben warteten, und von denen einige, in die schwarzen Sessel versunken, eingenickt waren oder sich mit leisen Stimmen unterhielten. Nur die Sicherheitskräfte sahen sehr lebendig aus und musterten mit bedrohlichen Blicken den Rest der Gruppe. Es war ein Anblick wie überall in der Welt. Vielleicht konnte man sich das damit erklären, daß die Leute, die solche Jobs bevorzugen, davon überzeugt sind, daß der Fetzen Stoff, welchen ihnen errenrasse anzugehören oder etwas mit ihr zu tun zu haben.
Seine innere Unruhe, seine fordernde Natur war schuld, daß er immer bereit war, neue Wege zu gehen, neue Welten zu erforschen, sein eigenes Leben zu revidieren und zu verändern. Er war interessiert an allem, was Leben bedeutet, immer bereit, neue Sachen zu lernen, neue Bekanntschaften zu machen, neue Städte und Länder kennenzulernen. Mit den politischen Umständen in seinem Heimatland, das an der unteren Donau, an den Karpaten und am Schwarzen Meer lag, unzufrieden, hatte er es verlassen, um dem starren, unbeweglichen und todbringenden System zu entkommen und um seine Freiheit zu erlangen. Als er den Alten Kontinent kreuz und quer bereiste, wurde er von dessen Machtstrukturen enttäuscht; und da verstand er, daß gelebte Freiheit und gedachte Freiheit zwei grundverschiedene Sachen sind. Die Menschen schienen ihm mehr strukturgebunden zu sein, als er es in seiner Heimat glauben wollte, viel biederer und weniger risikobereit, ihr einziges Leben selbst zu gestalten, zu entfalten und zu erleben. Die meisten suchten die niedere Gemütlichkeit und sorgten sich nur um ihren eigenen Braten, ihr Bier oder ein Glas Wein. Es gab in der Tat wenige, die sich, wie er selbst, für die Ereignisse interessierten, um Dinge, die noch zu tun waren oder einfach um die Menschen drumherum kümmerten. Das gelobte Abendland schien in einen Zug gestiegen zu sein, der sich gemächlich aber unaufhaltsam der Endstation näherte, und das hieß: in Merkantilismus, Egozentrismus, Alkoholismus, Brutalität und primitiven Nationalismus zu versinken. Ihn schauderte, als er sich an eine unbedeutende Bettgeschichte erinnerte, mit einer dieser ichsüchtigen Frauen, kalt wie ein Schaufensterfisch, und vällig unfähig einem Mann einen Augenblick Mitgefühl zu zeigen, aber von einem nicht zu sättigenden Appetit nach Zärtlichkeit, Sex und schänen und teueren Sachen besessen. Sie war eigentlich nur ein serienmäßiges Produkt dieses Erdteils und genauso begehrenswert.
Die Kaffeetasse war leer und er ging, um die Ankünfte auf dem Monitor zu überprüfen. Es war noch Zeit, etwa zwanzig Minuten, und er bedauerte, daß niemand daran gedacht hatte, in dem großen, modernen und funktionellen Flughafen, so etwas wie ein Blumengeschäft zu eröffnen. Er liebte es, Blumen zu schenken, und er bemerkte auf einmal, wie nerväs er eigentlich war. "Und was tust du, wenn sie dich nicht mag?"
Diese verdammte Frage kam immer wieder zurück. Sie hatten sich nur einmal getroffen, mehrere Monate zuvor, für einige Stunden, in einer Disco an der Münchner Leopoldstraße, und daraus wurde eine Art Briefbekanntschaft. Aus ihren Briefen glaubte er herauszufinden, wie sie war: menschlich warm, fröhlich, aber zugleich tiefsinnig und ernst. Sie hatten ähnliche Zuneigungen, ähnliche Zukunftsvisionen. Es ist tatsächlich seltsam, dachte er, wie Leute, die tausende von Kilometern voneinander geboren wurden und lebten, so ähnlich denken und fühlen können!
Die ersten Passagiere aus ihrem Flugzeug fingen an, durch die matten Glastüren her-
auszukommen und seine Nervosität wuchs ins Unermessliche, als immer mehr Leute den Flur verließen, und sie sich immer noch verspätete. "Und wenn sie nicht kommt? Könnte es sein, daß alles nur ein Witz war, oder ein Traum? Bist du ganz sicher, daß es sie tatsächlich gibt, oder ist sie nur ein Produkt deines vor Einsamkeit verrückt gewordenen Gehirns? Eine Halluzination?"
Ein leiser Bewunderungspfiff und die Worte eines Franzosen neben ihm brachten seine Hände, die die blankpolierte Stahlstange umklammerten, welche die Besucher von den Passagieren auseinander hielt, zum zittern.
"Voila, quelle belle fille!"
Er erkannte, als er den goldenen Helm ihrer Haare und das strahlende Blau ihrer Augen sah, die Wahrheit der Worte. Da kam sie, in der ganzen Blüte ihrer Jugend, in der ganzen Schönheit ihres Körpers und ihrer Seele, und das unsichere Lächeln auf ihre Lippen verriet ihre eigene Unsicherheit, ihre Nervosität und die Weite ihrer Erwartungen.
Ohne ein Wort zu wechseln, gingen sie die Eisenstange entlang und nahmen nur zur Hälfte die Anwesenheit anderer Leute wahr. Die Mauern des großen Flughafens schienen in sich zusammenzufallen, sich aufzulösen, und eine riesige grasbewachsene Ebene nahm ihren Platz ein, die unter der frühen Morgensonne strahlte. Am Himmel beeilten sich einige weiße Wolken, die Landschaft zu verlassen; sie nahmen sich bei der Hand, ihre Körper schienen mit der letzten Wolke zu verschmelzen. Sie blieben aber zurück, zwei umrissene Seelen auf der weiten, blauen, durchsichtigen Kuppel des Himmels, und als sie sich einander näherten, klang von irgendwo und von nirgendwo das Wort: "Welcome!"