(München)
Der Erste Mai, der Demonstrations- und Feiertag der internationalen, sozialistischen Arbeiterbewegung, fand erstmals 1890 als Massendemonstration statt, auch in München.
Die sozialdemokratische Zeitung "Münchener Post" berichtete am 2. Mai 1890 über den "Weltfeiertag": "Der von Tausenden mit Angst und Schrecken, von anderen Hunderttausenden mit Freude und froher Zuversicht erwartete 1. Mai ist nun vorüber und war sein Verlauf, wie wir und alle Verständigen mit uns nicht anders erwarteten, von Anfang bis zum Ende ein weihevoller, würdiger".
Obwohl die meisten Menschen an jenem Werktag arbeiten mußten, sammelten sich schon am Morgen zahlreiche festlich gekleidete Proletarier in den ausgewählten Gaststätten, um den Reden der sozialistischen Referenten zu lauschen. Die überfüllten Lokale und die Straßen der Stadt standen dabei unter Beobachtung der berittenen Polizei.
Gegen Mittag zogen die Versammlungsteilnehmer zu Ausflugslokalen vor der Stadt, wo man den Nachmittag unter sich verbrachte. Gegen Abend in die Stadt zurückgekehrt, traf man sich dann mit denjenigen, die sich den Tag nicht hatten freihalten können. Gemeinsam feierten die Sozialisten jenen Ersten Mai bis spät in die Nacht.
Die "Münchener Post" kommentierte die misstrauische Polizeipräsenz sarkastisch: "... waren sämtliche Straßenkreuzungen von derartigen Schutzengeln besetzt. Da sage man noch, Deutschland habe keine Arbeiterschutzgesetze!" Und resümierend: "Mit Befriedigung kann jeder auf den Tag zurückblicken und hoffen wir, denselben im nächsten Jahre mit mindestens doppelter Stärke feiern zu können!"
In den folgenden zehn Jahren nahm die sozialistische Bewegung auch in München einen großen Aufschwung. Zum Ersten Mai 1900 rief die "Münchener Post" alle "Arbeiter, Arbeiterinnen, Parteigenossen" auf: "Rüstet euch zur Feier des Weltfestes!"
Abgehalten wurden vormittags zehn große Versammlungen, auf denen Ð als Ausdruck des zunehmenden politischen Einflusses Ð die Landtagsabgeordneten der SPD sprachen.
Am Nachmittag zogen die Demonstranten mit Musik und Gesang in die Isarauen, um am Abend wieder in der Stadt auf acht Versammlungen den Ausführungen der Redner zu folgen. Für den nächsten Sonntag, den 6. Mai 1900, wurde ein "Großes Volksfest" in der Ausflugswirtschaft Holzapfelkreuth angekündigt, so daß alle Interessierten mit ihren Familien teilnehmen konnten.
Die Gesangsvereine des Arbeitersängerbundes München gaben ihr Bestes, Volksbelustigungen sorgten für Kurzweil und ein Schauspiel namens "Huldigung der Freiheitsgöttin" verlieh dem Fest eine politische Färbung.
Doch die Zeiten wurden ernster, der Krieg stand vor der Tür. Mit ihm verschwanden Musik, Gesang, Ausflüge und die Hoffnung auf eine hellere Zukunft. So rief die "Münchner Post" etwa zum Ersten Mai 1918 mit folgenden Worten auf: "Im vierten Jahr des furchtbarsten Krieges, den die Welt je gesehen, eines Krieges, der ungeheure Blut- und Gasopfer der Menschheit abforderte, ist es die Pflicht und die Aufgabe der Arbeiterklasse, die Ideale und Forderungen, die der Maifeier zugrundeliegen, wieder vor aller Öffentlichkeit zu bekennen und für deren Verwirklichung mit allem Nachdruck einzutreten... Die Arbeiter begeben sich unmittelbar nach Arbeitsschluss von der Arbeitsstätte in die für sie bestimmten Lokale".
über den Verlauf der Veranstaltungen schrieb die Zeitung: "Dem Ernst der Lage entsprechend, feierte die Arbeiterschaft Münchens den 1. Mai nicht durch Arbeitsruhe und im sonntäglichen Gewande. In den Sälen erinnerten weder Musik noch Gesang an den hltkrieg aufzehrt."
Mit dem Ende des Krieges brach Anfang November 1918 in München die Revolution aus. Der neue Ministerpräsident Kurt Eisner rief den freien Volksstaat Bayern aus, am 21. Februar 1919 wurde Eisner von dem Offizier Anton Graf Arco ermordet. In München entstand eine anarchistische Räterepublik gefolgt von einer kommunistischen nach Moskauer Vorbild. Ausgerechnet zum 1. Mai 1919 kehrte der Krieg in München ein. Gegenrevolutionäre Truppen und Freiwilligenverbände schlugen die Räterepublik mit äußerster Brutalität zusammen. Hunderte von Menschen fielen dem Wüten zum Opfer. Jener 1. Mai 1919 galt seitdem als schmachvolle Niederlage gegen die Rechtsradikalen beziehungsweise als glanzvoller Sieg über die Roten Ð je nach Sichtweise.
Typisch für das sich ständig verschärfende rechtsradikale Klima in München standen die Vorkommnisse am 1. Mai 1923.
Die sozialistischen Gewerkschaften hatten ihren traditionellen Festzug angekündigt.
Diese Maifeier stieß bei den Rechten auf großen Widerspruch, da man die Meinung vertrat, der 1. Mai sei der Feiertag der Befreiung Münchens von der kommunistischen Räterepublik und sonst nichts. Die rechtsradikalen Verbände riefen deswegen ihre Anhänger zu bewaffneten Gegenaktionen nach München. Die Sozialdemokraten sollten "abgeschossen werden wie die Hunde", wie man sich ausdrückte. Die bayerische Regierung und das Polizeipräsidium waren der Meinung, daß eine solche Demonstration durchaus erlaubt werden känne.
Am Morgen des 1. Mai 1923 sammelten sich die "Vaterländischen Verbände" auf dem Oberwiesenfeld, aufgeheizt durch gezielte Gerüchte, es stünde ein sozialistischer Putsch bevor. Um ihn abwehren zu können, drangen einzelne Gruppen in die umliegenden Kasernen ein und brachten Gewehre, Maschienengewehre, Geschütze, sowie einen Panzerwagen in ihren Besitz. Die Reichswehroffiziere ließen dies geschehen.
Inzwischen hatten sich auf der Theresienwiese 40.000 Menschen zur Gewerkschaftsfeier eingefunden. Um ein Blutbad zu verhindern, kreisten Reichswehr und Landpolizei die Verbände, die inzwischen unter Adolf Hitlers Oberbefehl standen, ein.
Sie gewährten ihnen freien Abzug unter der Bedingung, daß sie vorher ihre Waffen abgäben.
Dennoch konnte es zu einem kennzeichnenden Vorkommnis kommen. In Schwabing, griffen 1700 Nationalsozialisten eine Gruppe von 90 Gewerkschaftern an. Die Polizei beendete den Angriff, indem sie die Angegriffenen auseinandertrieb.
Zehn Jahre später wurde der 1. Mai zum bezahlten Feiertag. Wofür die Sozialisten lange Jahre gekämpft hatten, das setzten die nun seit kurzem an der Macht sitzenden Nationalsozialisten durch.
Das Münchener Gewerkschaftshaus war bereits am 9. März 1933 von der SA besetzt worden, so daß die Marschrichtung klar war. Am 1. Mai 1933 nun, dem "Tag der Deutschen Arbeit", versammelten sich so viele Menschen wie nie auf der Theresienwiese, denn es herrschte ja Arbeitsruhe.
Offizielle Vertreter von Personengruppen, die bislang zu den schärfsten Gegnern der sozialistischen Arbeiterbewegung gehört hatten, nahmen jetzt an der offiziellen Mai-Kundgebung teil: Studentenverbindungen, Kriegervereine, Schützenverbände, rechtsradikale Freikorps, SA, SS, hohe Offiziere der Reichswehr. Zweck dieses 1. Mai war nicht die Förderung der Arbeiterbewegung, sondern ihre Neutralisierung und Funktionalisierung für die geplante große Aufrüstung.
Dies zeigte auch ein Kommentar des "Völkischen Beobachters" in seiner Wortwahl: "Die gewaltigste Heerschau Münchens. Die ganze Bevälkerung marschiert. Arbeiter, Bauern und Soldaten auf dem Marsch. Der Marsch der Hunderttausende. Das Riesenheer der Arbeit marschiert. Deutschlands Jugend marschiert in eine glückliche Zukunft. Das Arbeiterdeutschland marschiert!"
Tatsächlich brachte der nächste Tag die offizielle Auflösung und Enteignung nicht nur des sozialistischen, sondern auch der christlichen Gewerkschaften. Ihr Eigentum wurde Grundstock der am 10. Mai 1933 gegründeten "Deutschen Arbeitsfront", deren kriegerischer Name Programm war. Fortan bedrohten keine Tarifauseinandersetzung mehr die profitable Aufrüstung. Der 1. Mai 1936 schließlich stand unter dem von Adolf Hitler ausgegebenen Motto: "Der wahre Sozialismus aber ist die Lehre von der härtesten Pflichterfüllung".
Am 1. Mai 1939 wurde der für Jahrhunderte gedachte Feiertag zum letzten Mal begangen; danach mußte jede Arbeitsstunde für die Kriegswirtschaft genutzt werden.
Und dieser Krieg endete für München zum 1. Mai 1945. Am Vortag waren Truppen der VII. US-Armee in der Stadt einmarschiert und hatten sie kampflos eingenommen. Der Krieg war damit dorthin zurückgekehrt, von wo er Ð zunächst geistig Ð Anfang der zwanziger Jahre seinen Ausgang genommen hatte: in die "Hauptstadt der Bewegung". Der 1. Mai 1945 war der erste Tag des Friedens, der vom einen als Zusammenbruch, vom anderen als Befreiung empfunden wurde.
Zur zweiten Personengruppe zählten sicher Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten und Gewerkschafter, die sofort begannen, ihre zwälf Jahre lang unterdrückten Organisationen wieder zu beleben.
Die bayerische Staatsregierung erklärte den Ersten Mai wieder zum staatlichen Feiertag, der zum 1. Mai 1946 auf der traditionsreichen Theresienwiese begangen wurde. Die Gewerkschafter riefen zur Beteiligung daran, für Völkerfrieden und Arbeitsschutz auf.
Ungefähr 60.000 Menschen folgten diesem Aufruf und zeigten damit, daß die Gewerkschaftsbewegung die Stürme der letzten Jahre überdauert hatte. Wie vor 1933 wehte am Gewerkschaftshaus an der Landwehrstraße 7-9 die rote Fahne.
Die Bundesrepublik Deutschland stand kurz vor ihrer offiziellen Gründung, als der 1. Mai 1949 Ð nun auf dem Känigsplatz Ð begangen wurde. Ob Zufall oder nicht, so steht dieser Ortswechsel symbolisch für den neuen Stellenwert, den die Gewerkschaften im neuen Staat einnehmen sollten.
Bislang hatten die Unternehmer, insbesondere die Schwerindustrie, eine treibende Kraft in der deutschen Innen- wie
Außenpolitik dargestellt. Die katastrophalen Folgen konnten nun besichtigt werden. Um dies in Zukunft zu verhindern, verlangten die Kriegssieger eine entscheidende Einbindung der Gewerkschaften in das westdeutsche Wirtschaftsleben. Die Gewerkschaften wurden zu einer der tragenden Säulen der Bundesrepublik. Dies fand seinen Ausdruck auch darin, daß am Münchner Gewerkschaftshaus zum ersten Mal nicht mehr die rote, sondern die schwarz-rot-goldene Fahne wehte.
Alte und neue Zeiten zeigten sich am 1. Mi 1950. Auf Anordnung der bayerischen Staatsregierung, die damals ausschließlich aus Mitgliedern der CSU bestand, waren erstmals seit 1890 alle öffentlichen Gebäude an diesem "Tag der Arbeit" beflaggt. Das waren die Zeichen der neuen Zeit. Die alten Zeiten kamen in der Rede des Gewerkschaftsführers Max Wönner zum Ausdruck. Er drohte, keine Macht der Welt werde die arbeitendenden Menschen davon abhalten, die bestehende Gesellschaftsordnung zum Abtreten zu zwingen, sollten nicht grundlegende gewerkschaftliche Forderungen erfüllt werden.
Die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet am Schluß der Kundgebung: "Tief beeindruckt rissen die eng eingekeilt stehenden Massen, unter denen die ältere Generation dominierte, die Hüte von den Köpfen und sangen: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!".