Archenoah,

Nr. 2/3, Juli-Dezember 2001

 

Inhalt

 

Kurzprosa von: Gina Gerold: Sternenstaub auf Haut (S. 2- 6);  Werner Kreuels: Der Blick (S. 6-8); Impressum (S. 8); Ralph Gotta: Janus’ letzter Traum (S. 8-11); Cornelia Vissarion-Manuceanu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu): Das „Gramaphon“ (S. 11-13); Alexandru Muresan (Dt.-Übers. Gudrun Winkler): Das Fahrrad (S. 13-15); Ioana Dragan (Dt.-Übers. Radu Barbulescu): Die Gans (S. 16-18); Laura Rumich: Vielleicht (S. 18); Gisela M. Kirbach: Die Beute (S. 19); Ovidiu Dunareanu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu): Das Fohlen (S. 19-22); Gheorghe Sasarman (Dt.-Übers. Hilde Linnert): Atlantis (S. 23-24); Florin Slapac (Dt.-Übers. R.-F. Barth): Ein anderes Wintermärchen / Erleuchtung (S. 25-27); Titu Popescu (Dt.-Übers. Sorin Anca): Der steinerne Mensch (S. 27-31); Radu Barbulescu: Quasillàs Geschenk (S. 31-34); Porträt: Josef Norbert Rudel zum 80. Geburtstag (S. 35); Josef N. Rudel – Czernowitzer Wintertage.  Erinnerungen (S. 35-37);

 

Lyrik von: Anisul Haque (S. 38-40); Constanta Buzea (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S.41-43); Carolina Ilica (Dt.-Übers. Radu Barbulescu)  - (S. 43-46); Arthur Porumboiu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 46-47); Amelia Stanescu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 47); Rhea Cristina (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 48); Adnan Al Dhahir (Dt.-Übers. Gisela Kirbach) - (S. 49-50); Geo Dumitrescu (Dt.-Übers. : Heinz Kablau, Rolf Bossert, Zoltán Franyó, Lotte Berg) - (S. 51-54); Ion Milos (Dt.-Übers.: R.-F. Barth) - (S. 55-58); Giulio Bailetti (Dt.-Übers. : Pascale Olivier und Anna Ravazzi) (S. 59-60); Seosamh Ó Guairim (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 61-62); Gerhard Köber  (S. 63-64); Martin Frei (S. 64); Eugen D. Popin (S. 65-66),

 

Roman: Alexandru Ecovoiu (Dt.-Übers: Radu Barbulescu) – Saludos – 14. Folge (S. 67-78); Germán Sierra (Dt.-Übersetzung: Jan Pohl) – Efectos secundarios (S. 78-85);

 

Meridian: Anant Kumar – Die Moscheen am Gangesufer (S. 86-88); Benedikt Weyerer – Das Goethe-Institut: Neugründung vor 5o Jahren (S. 59-91); Manfred Pielmeier – Andechser Originale... und Kuriose (S. 92-96);

 

Die Bücher-Arche (Buchbesprechungen):

Erich Rückleben – Notizen zu Harmuth Malornys Gedichtband „Was übrig bleibt“ / Susanne de la Fuente – Manfred Kern: „Offene Wunden. Ein Requiem“ / Ralph Gotta – Anant Kumars neues Buch „Die galoppierende Kuhherde“ / R.-F. Barth - Manfred Wieningers Roman: „Falsches Spiel mit Marek Miert“ und Geo Dumitrescu: „Poezii/Gedichte“ / S. Reicherts & Valeri Stanco – Daniel P. Schenk: „Underworld“, Kurzgeschichten (S. 97-102);

 

Nachruf: „Das Letzte Einhorn: Zum Tode Gellu Naums“; Gellu Naum: Der Alte (Nachruf und Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu) – (S. 103-104)

 

Illustrationennachweis: Al. Pana, „Pferd“, Bronze (S. 22) u. Zeichnungen v. Martin Frei (S.40 u. 64)

       


archenoah ISSN 0946 - 0810

 

 

Zeitschrift zur Förderung multikultureller Beziehungen

 

 

Erscheint im Verlag Radu Barbulescu, Görzerstr. 105 A, D - 81549 München. Inhaber, Verleger und verantwortlicher Redakteur: Radu Barbulescu, Anschrift w. o. Für Anzeigen verantwortlich: Radu Barbulescu, Anschrift w. o.

Autoren: Frederike Haberkamp, Hans Jürgen Heimrich, Gisela Kirbach, Carla Kraus. Manfred Pielmeier, Harald Siegmund, Gunna Wendt, Benedikt Weyerer u. a.

Erscheint ab 2001 2 x (Doppelhefte) jährlich. Preis pro Exemplar 24.-- DM / 12.-- Eur. Jahres­abonnement 48.-- DM / 24.-- Eur. Bankverbindung: Radu Barbulescu, K-to Nr. 100-148683, Stadt­sparkasse München, BLZ 701 500 00.

Vervielfältigung: Radu Barbulescu, Anschrift w. o.

Tel. (089) 68 917 03 // Fax 68 914 97 // e-mail: archeobs@radu-barbulescu.de, oder radu-barbu­lescu@web.de // home page: www.radu-barbu­les­cu.com oder www.radu-barbulescu.de

 

 

Unser Titelbild: Constantin Gri­goruta, Konstanza: "Boot auf dem Trockenen", Aquarell, 210 x 297 mm.


Radu Barbulescu

 

KAMPF DER KULTUREN?!!

 

Man muß nicht unbedingt nach Kabul fahren um zu verstehen, was die Zerstörung einer Jahrtausende al­ten Buddha-Statue oder die Verachtung des menschli­chen Lebens, der Menschenrechte und letztendlich der menschlichen Zivilisation bedeutet. Man kann das auf den Straßen von Berlin, Leipzig, London, Rom, Bu­karest, Budapest, Minsk und Moskau ebenso hautnah erleben.

Es fällt einem trotzdem schwer, in diesen Zeiten der allgemeinen Verunsicherung von den Vorteilen einer "multikulturellen" Gesellschaft zu sprechen und zu schreiben, wenn man sich nicht unbedingt als unver­besserlicher Träumer abgestempelt sehen möchte. Was aber sind wir, jeder von uns, wenn nicht, wie ein Dichter sagte "ein Traum innerhalb eines Traums"? Erst recht der Schriftsteller, der Dichter, der traum­wandlerischste Traum der Träume.

Man kann uns vorwerfen, daß mehrere Jahrtausende Literatur und Dichtung den Menschen mit keinem Deut verbessert haben - aber taten es die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Politik?

Das Schlagwort unseren hoch technisierten aber auch kühl berechnenden, westlichen Zeiten scheint "Kom­munikation" zu lauten so wie es auf der anderen Seite, die noch dæstere, "Inkommunikation" lautet.

Unsere Meinung nach, ist die heutige menschliche Zivilisation das Resultat jahrtausendlanger Kommu­nikation der Kulturen, das Resultat eines ständigen (nicht immer friedlichen) Dialogs zwischen den Men­schenkindern aller Völker der Erde. Sagte nicht schon Montaigne, vor mehr als vierhundert Jahren: "Alle Menschenvölker sind menschlich!"? Und sind wir, als Schriftsteller und Dichter, nicht zu allererst den Men­schen verpflichtet? Ist es nicht unsere erste Aufgabe, den Menschen über die Hürden seines schicksalhaften Daseins auf die sanfte Art hinweghelfen zu müssen, ihm eine "virtuellen", menschlichere Umgebung zu ver­schaffen?

Es ist vielleicht meine eigene "Weltanschauung", meine eigene Art über Mensch, Zivilisation, Kunst und Li­teratur zu denken, die mir auch in solchen Momenten in denen Gewalt, Haß und Habgier, die dunkelsten Abgründe des menschlichen Wesens wieder aufflammen,  Mut machen. Ich bin überzeugt, daß der "common sense" die Risse, die sich zwischen den verschiedenen Kul­tu­ren aufgetan hatten, wieder schliessen wird. Ich bin mir sicher, daß der Terror und Mord nur von einer handvoll Irrer befürwortet werden können. Und ich bin mir sicher, daß gerade in solchen Zeiten Kommunikation auf höchstem geistigen Niveau - und ich meine damit nicht das Internet, CNN usw.! - von entschei­dender Bedeutung ist.

Ich hoffe, daß diese unsere neueste Ausgabe, die wie­der Autoren aus fast allen Kulturen der Welt bein­haltet, gerade von diesem Glauben zeugt.  

 

Radu Barbulescu 

 

Gina GEROLD

 

Sternenstaub auf Haut

 

'Herein' hatte die Schöne im Bad gesagt, weil niemand sie stören konnte. Ebenholz, Schnee und Blut ihr Gesicht.

'Dornröschen' hatte Ramon sie genannt und war, die Hand auf der Klinke, ein Freund. Ein dunkelhaariger, starker Mann, in dessen Augen Zuversicht glänzte. Er schien alles, was er brauchte, in sich zu tragen.

Mit seiner Anrede hatte er recht, Luzia sehnte sich dem erlösenden Kuß entgegen, mehr von den Stacheln der Rosen umgeben, als von ihren Blüten. Pascal, ihr Prinz, war futil. Nur ein paar Töne aus seinem Saxo­phon vermeinte sie noch wahrzunehmen. Und einen Schimmer seines goldblonden Haares.

Ihr Mut, ihn schließlich auf dieser südlichen Insel aufzusuchen, war nur halb belohnt worden. Er hatte sie in das Haus eingeladen, wo sie sich jetzt befand, bevor er wieder ver­schwunden war. Haus von verrreisten Freun­den, Haus voll Verlassenheit.

'Herein!' hätte sie da fast zu jedem gesagt.

 

Luzia war grazil und schön. Ihr zartes Gesicht ein Fenster zur Traurigkeit, das glatte Haar der Vorhang, der nicht ganz zurückge­zogen war. So hatte Ramon, der neue Freund, sie auf das Fest der Künstler mitgenommen. Sie gehörte ihm nicht an, dort im Atelier.

 

Atelier. Labyrinth aus Mauern. Weiße Bö­gen, deren Kanten mit den Händen abgerun­det uneinheitlich, so wie jede Hand anders als die andere war, ließen von Durchbruch zu Durchbruch blicken, doch nur um zu er­kennen, daß es immer weiter ging. Düsterkeit zwischen kleinen Lichtern, um Geflüster aufzusaugen, das sich sinnlich in den Ecken hielt.

Da war eine der Nischen für sie und Ramon bestimmt. 'Du bist nicht der einzige Baum im Wald!' dachte sie auf den Vermissten zu. Der neben ihr wirkte besänftigend, er hatte schon den kräftigen Körperbau danach. Und Ruhe in der Stimme, die leichtlebigen Jahre über­schritten. Doch daß er auf festem Boden stand, empfand sie als Illusion, weil die Erde eben eine rotierende Kugel war.

Er stellte sich ihr als Maler vor.

Maler, die Essenz der Dinge als Farben ange­mischt und ihr Form zuweisend unsterb­lich der Leinwand anempfohlen. Die Gestalt der Welt in ihren aufgewühlten Augenblicken festgehalten, daß ihr Blut niemals gerinnen würde, das war eine Arbeit, die sich lohnte.

'Das flüchtig Unwägbare muß man behut­sam fassen,' dachte Luzia weiter, 'so wie er es macht. Definitionen sind nur grobe Nägel auf Trittbrettern im Nichts.'

Das Wissen vom Nicht-Wissen-Können brau­ch­­te Mut.

 

Gintonic hatte er ihr gebracht. Sie stieß mit ihrem Strohhalm Limonenwürfel auf den Grund des Glases als würde im Unterge­taucht-Werden und Wieder-Nach-Oben-Kom­men eine Weisheit für sie liegen. Ramon un­terbrach sie dabei nicht.

Das Getränk roch frisch nach Citrus, die Luft nach verbrennendem Pinienholz, die Nacht nach fremden Freuden. Sie hätte den, der neben ihr saß, berühren mögen als einen Beginn, als Schlußstrich unter Pascal, dem stets in ihr Anwesenden. Pascal, der seine schlanke, große Gestalt unvergeßlich zu seinen Melodien wiegte.

So schrieb sie wie aus dem flüchtigen Traum eines Schulmädchens heraus: 'Yvonne liebt Ramon.' an eine nicht vorhandene Wand, 'seine stämmigen Knie und Füße in festen Straßenschuhen.'

'Yvonne liebt Pascal und der ist nicht da.' wurde da von einer unsichtbaren Hand schnell geübt daruntergesetzt. Sie wußte es ja, sie liebte den, der, kaum hatte sie ihn gesehen, wie so oft zuvor wieder zum Phantom gewor­den war.

Ramon zog genußvoll an seiner Zigarette. Hielt sich beim Ausatmen des Rauchs den Daumen an die Unterlippe. Da sah Luzia, daß ihm ein Stück vom Mittelfinger fehlte.

Was, wenn sie einen Teil von sich vermisste, dachte sie da. Sie würde immer die Stelle betrachten, an der er nicht mehr vorhanden war, als könnte sie ihn zurückerschaffen. Sie bewegte unbemerkt ihren Finger. Nein, es wäre sicherlich ein ganz anderes Stück. Vom Herzen, aus der Brust, vom Atem, von der Freude. Pascal.

Wo könnte er denn sein, wenn nicht bei einer anderen, wenn alle außer ihm zum Fest gekommen waren. Und außer vielleicht dieser einen.

 

Dabei war Luzia aufgestanden, sie fing ein­fach zu gehen an, betrachtete dabei die Ma­lereien an den Wänden und die Wände selbst. Unglatt irdisch, der Laune überlassen, Atelier. Sie traf auf andere, die auf sie trafen, nickte zu und wollte, daß das Labyrinth groß, ver­wirrt, verwinkelt bleiben sollte. Also suchte sie nicht nach Anordnungen und behielt in ihrer Vorstellung Gänge, Höhlen, Ausbuchtun­gen ohne Ende.

Wandelte weiter zu Mauerbögen. Durch die­se gleißte Nacht. Luzia ging ihr nach, hinaus.

 

Der Himmel strahlte seltsam wie aus eigener Helligkeit. Die gipsernen Figuren an dem kleinen Teich, zu dem sie kam, leuchteten, als wäre ihr Rund und Nackt von Haut umgeben und unzerstörbarer als Körper. Träger der Lust und Lasten ihrer Kreatoren. Bei denen stand Yvonne, um gleich ihnen den Feiernden fern zu sein. Diese zu sehen genügte.

Seltsam wie sie dort Paella aßen und seltsam wie es für sie wichtig war. Weil vielleicht der Mond zu milchig oder das Laub der Bäume im Dunkeln zu dicht oder das Wasser vor ihr zu trübe war.

Die Frage, ob sie zu ihnen gehören wollte, brauchte sie sich nicht zu stellen. Dem Puls­schlag der Welt unterworfen war sie ein Trop­fen in ihrem Strom und in seiner Wichtigkeit dem Ganzen gleich. War irgendwer und auf ihrer Bahn durch niemand zu ersetzen. Der Wind versorgte sie mit Gelächter und Musik und ihre Sinne wurden weiter als sie selbst.

Daß die anderen dort tanzten, nahm sie ge­nauso neidlos wahr. Sie feierte das Be­schauen. Gab sich in die Einzigartigkeit des Jetzt, sah und besah das trübe Wasser, für das sie sich bewahrte.

 

Weise Stille. Das dichte, mitwissende Gras gab unter ihren Füßen nach und zog sich zurück, damit sie frei und unverhaftet sei. Da war von den Lebewesen und den Gegenstän­den um sie herum und aus den Nischen, die sie miteinander bildeten, Weite ausgegangen, einer der selten kostbaren Momente, in denen ihre wahre Substanz spürbar wurde.

Luzia war aufgenommen von der Aus­dehnung. Das Alleins berührte sie in ihrem Inneren. Zarte Zugehörigkeit. Eingebunden in ein Sein, aus dem es kein Fallen gab. Göttlich geborgen.

 

Als die Grenze zwischen der neu erstan­den­en und der allbekannten Wirklichkeit schwä­cher wurde, schlaff und formverlierend nicht mehr gültig, gehörte Luzia dem Überall.

Wunder, war das Schweben schön, dieses hoffnungsvolle Aufgegeben im Übergang der Kräfte. Von der gewohnten Welt in den Schoß der unbegreiflichen gegeben, war sie ausgebreitet über sich hinaus. Freude und Erstaunen im Geleit.

 

Es gab nichts zu begreifen, weil sie entfernt vom Denken war. Die Zugehörigkeit ver­lang­te von ihr nichts, sie empfing sie als Ge­schenk. Gewann Teich und Tanz und Wind und Ton als Teil von sich selbst. Nacht ver­strömte Klarheit. Luzia kam sternennah. Erreich­te, berührte den Himmel, ahnte ferne Ewigkeit.

 

Darin erstand der irgendeine und besondere Geliebte, der ihr gegeben war, abwesend um so viel echter. Gab ihr die Freiheit, sich nur mit dem Teil von ihm ein Tête-à-tête zu geben, der für sie ge­schaffen war. War ihm körperlos zuge­wandt.

Nichts stand. Nichts sollte stehen. Keine festen Untergründe behinderten das Fließen. Kein Boden war da zugelassen, wo sie sich jetzt befand, keine Beschränkung. Glück glitzerte geheimnisvoll. Es waren Luzia alle Lasten abgenommen, leicht war ihr körper­fernes Selbst, hatte sich in die Nacht gelöst.

 

Der Kuß. Der Kuß erstand vor ihr, als würden Pol und Gegenpol mit weiten Armen zueinanderlaufen. Feuer spiegelte sich auf Eis, ein Ruf hallte im Schweigen wider. Dem All gegeben, dem Ich enthoben, stieg sie ohne Maß der Schnelligkeit in Nacht und Farbe, in ihn, der darin enthalten war, in alle starken Mächte. So hatte Gott die Welt geschaffen. Nur der Mensch hatte sie klein gemacht.

Der Kuß war mehr als tausendjährig. Uralt und noch nicht geboren. Vorbote der Ver­eini­gung.

Lippen tauchten aus kosmisch blauer Schöpfung und boten sich ihr dar, auf daß sie von der Fülle koste, eins mit dem Eins im Uner­sättlichen. Seele. Zeitverloren, rein. Als Stern im Flug. Als Licht im Sein.

Die Stiche der Kälte durchlebt, als Nebel­tropfen die Winzigkeit, im Feuer zerglüht. Dornen durchschritten. Aufgegeben alles, was einst und noch davor gewesen war. Jetzt Seelig­keit.

Eulenfedern, lautlos schwingend, glichen be­dachtsamen Kometen.

Pascal war zu ihr gekommen.

 

Sie ließ seinen Körper los so unverhofft, wie er an ihr aufgetaucht Teil dieser neu gefühl­ten Wirklichkeit geworden war. Bei der Musik des klaren Wassers, das aus den dunklen Zwi­schenräumen der Bäume die Töne übernahm.

Sie kannten sich schon lange. Vielleicht viel länger, als sie dachten. Sie war ihm Freundin. So gerne wäre sie ihm auch Freund gewesen.

Du bist mein Mann. Er war der Ihre, auch wenn er dafür keine Worte fand. Gefunden, stumm eingestanden und vollzogen, daß es sie zueinander gab. Ihr Schweigen war ge­meinsam, frei, innig und aus aller Einsamkeit entstanden, die sie verließ. Ein Zeichen, daß es wirklich war, das absolute Wiederfinden. Das Wasser war ganz klar und tief, als es sich dort hinein verrann. Sie tanzten lange. Dann wußten sie sich wieder. Und das Fest auf Lanzarote.

 

Die Schatten der Bäume legten sich mond­erwärmt auf die noch taube Erde und gaben ihr Gehör. Sie hörte vier Füße in ungleichem Schritt. Die hielten nicht inne, obwohl die klei­neren manchmal langsamer wurden und dann um die Verzögerung wieder schneller, als wären sie nicht sicher, ob sie auf ein Ereig­nis warten oder ihm entgegenlaufen sollten.

Unübertroffen stark war hier am Weg die Dunkelheit. Er summte, sie horchte und hörte daraus das Summen von damals, als sie durch die Stadt gelaufen waren, sich bei wem auch immer einen Platz zum Schlafen suchend, durch kalte Nächte. Nur klang es jetzt nicht mehr nach Selbstgenügsamkeit und sie ging neben statt hinter ihm. Die Erde hielt die beiden für ein Paar und verstand aus seinen Tönen, daß er jetzt bereits einen Platz und dort eine Matratze auf dem Boden hatte, nur die Umarmungen darauf waren ungewiß. Sie belächelte den Abstand, der wieder zwischen beiden war. Er hielt ihn durch sein Saxophon, weil er Nähe nur bemessen gab.

Der Mann wußte sich beachtenswert. Die Frau sich nur durch ihn. Ihre Gemeinsamkeit duldete keine Zeugen. Beifall wäre ihnen somit versagt gewesen, sie mußten den Segen jenseits der Menschen finden.

Die Arme der Bäume umsäumten auf dem Boden die Pfade des Lichts. Luzia war sich nur darin sicher, daß die dunklen Stellen Geheimnisse bewahren konnten und dadurch bedeutsam waren. Da wanderte das Saxophon auf seine andere Seite.

Scheinbar lässig, wie sein Arm an ihr her­unterglitt und an ihrer Hüfte innehielt. Da taten's die beiden in ihrer Verschränkung den Schatten der Zweige gleich.

So gab die Erde ihnen diese Nacht zum Geschenk, die das Unbegreifliche mit allem, was greifbar war, verband und wünschte ihnen Glück. Luzia schaute nach oben. Der Mond war halb und scharf. Sie hätte ihn gern nach der Dauer des Wohlwollens gefragt, das ihnen der Himmel entgegenbrachte.

 

Dann, auf der Matratze, lösten sich die Fra­gen auf. Sie sah Pascal als vom Augenblick gegeben an, als sie kurz die Augen öffnete. Fühlte ihn um das Ungewohnte stärker. Fühl­te sich selbst in Teilen. Ihren Arm, wo ihr der seine nahe kam, ihr Bein dort, wo seine Fin­ger Bahnen darauf zogen, und dann seine brei­ten Hände. Sie glaubte, so berührt, an sich.

Erreiche mich dort, wo ich mich nicht ken­ne. Fülle mich aus, wo Eingeweide wissend sind. Dein Widerspruch spannt meine Mus­keln. Dein Mut dem meinen Gegenpart.

Freier Fall. Das Licht brach auf zum Re­genbogen, der die vereinten Körper aufnahm, der ihre Seelen sehen ließ, Allwissenheit für einen Bruchteil keiner Zeit.

Sie blitzten als zwei Figuren auf im Duo, im Duell. Sie zelebrierten sich.

Kein Abstand zwischen ihnen, keine Stelle, wo der eine aufhören und der andere begin­nen könnte. Der Geliebte verriet sich da als Liebender, wo Worte nicht mehr zugelassen waren und Hingebung die Pflicht ausschloß. Es war alles echt. Sie nahmen sich in der Ohn­macht, sich nicht selbst zu sein, ein einziges Geschöpf aus beiden, Fluch und Geschenk zugleich, das von der eigenen Last befreit.

Sie fühlte ihn in jedem Part, der er je ge­wesen war. 'Komm!' war stärker als je zuvor, als er nicht gekommen war. Eine Bitte war sie. 'Komm!' hörte nicht mehr auf. 'Ergib dich mir für immer und wir sterben!'

Er ergab sich, für diesen Augenblick. Er kannte 'immer' nicht.

Von der Vollendung mitgerissen im Fluß der Auflösung.

Feuerrindenstücke.

 

Sie fielen auseinander, doch nur so weit, daß jeder wieder Oberfläche hatte.

Was sie dann sah, prägte sich in einen ge­läuterten Sinn. Ein weißes Bettuch auf der Ma­tratze, ungewaschen, faltig, schön. Die Ruhe zweier Körper darüber ausgebreitet. Ein Stück Tapete noch, blaue Motorräder, Suzuki, Kawasaki darauf. Ließ sie die Ferne nah empfinden und jeden Abstand als erdacht. Sein Fersenrelief in ihrer Seele gehörte ihr für immer, als Siegel dafür, daß sie ange­kommen war.

Sie hätte auch in einem Großstadtpark in einem zerfleddert und dann zugeschnittenen Gebüsch auf Eiscremepapier und Zigaretten­schachteln den Reichtum dieses Augenblicks erfahren, von Moos aus unter kahlen Fichten oder auf Kopfsteinpflaster in irgendeinem Hin­terhof. Doch es war hier passiert.

Stille.

Dann das heisere Bellen eines Hundes, das in den obersten Tönen zum Versiegen kam.

 

'Herein!' sagte Pascal und weckte sie aus ihrem Schlaf, doch nicht aus ihrem Traum. Ramon stand in der Tür. Er suchte Pascal wie vor ein paar Stunden. Und wollte wissen, wo die entschlüpfte Schöne war.

 

Ramon, der Maler, fand ein Motiv: zwei getrennte Körper, bedeckt mit der Asche der Sterne.


Werner Kreuels

 

Der Blick

 

Es ist ein kalter Tag. Die Münchner Innen­stadt ist an diesem dritten Januar angefüllt mit Gesichtern deren Münder viele Sprachen spre­chen. Schön, denke ich und lasse die Welt an mir vorüberziehen, ohne einen Schritt aus der meinen tun zu müssen.

Die meisten der Münder verstehe ich ganz und gar nicht. Ein paar gönnen mir, einige Worte mit ihnen zu teilen. Sehr gut verstehe ich solche, aus denen Englisch oder Bayrisch quillt. Wie den Japaner, der mit dem Afrika­ner, natürlich in Englisch, über den Fremden­haß in Deutschland diskutiert, und praktische Tipps zum unauffälligen Verhalten an den in diesem Fall schwarzen Mann bringt. Scheiße, denke ich und schäme mich für die nicht kleiner werdende Schar von Hirnamputierten in diesem Land, die, wahrscheinlich auf Grund eines genetischen Defektes und der didakti­schen Unterstützung ihrer Führer zu der Über­zeugung gelangen, etwas besseres zu sein.

Ich beschließe, den Mündern nicht länger zu erlauben, an mein Ohr zu gelangen.  Jetzt re­den die Gesichter.

Es sind viele darunter, die meine Ohren nicht brauchen. Ich könnte taub sein, und müsste dennoch an türkische Gefängnisse den­ken, in denen Häftlingen Zigaretten auf der Stirn ausgedrückt werden. An den Krieg auf dem Balkan, in dem Gefangene gefoltert werden, und so weiter, und so weiter. Als ich beschließe, diese Klagen nicht mehr auf meine Großhirnrinde zu projizieren, (ich kann ja auch wegsehen!) fällt mir ein Mann auf, der an­ders ist, als die anderen in meinem Ge­sichtsfeld.

Er ist zu leicht bekleidet für diese Tempe­raturen und passt schon auf den ersten Blick in die Kategorie "Obdachloser". Obwohl er nicht, wie viele seiner Kollegen, an eine Mauer gelehnt vor sich hinstarrt, auf einem Stück Papp­karton sitzend seine Unfähigkeit demon­striert, in die Welt, die ihn umgibt, zurück­zu­kehren; macht auch er seine Position durch sein Äußeres deutlich. Auch sein Gesicht weiß viel zu erzählen. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, daß dieses Gesicht sogar mehr zu sagen hat, als die meisten der "Ich habe keine Zeit-Norm­gesichter". Grob geschätzt würde ich sagen, lebt dieses Gesicht seit min­destens drei Jahren auf und von der Straße.

Durch den wilden, ungehindert wach­sen­den Bart, ist nur die durch übermäßigen Alko­hol­konsum gezeichnete Nase zu er­kennen. Das Haar ist lang, etwas wellig, von mittelbrauner Farbe und hängt über der schwarzen Stirn un­gepflegt bis fast über seine Augen. Der Mann legt seinen Kopf in den Nacken um besser nach vorn sehen zu können. Meist ist sein Blick jedoch, so scheint es zumindest, auf den Boden gerichtet. Er bewegt sich durch die Men­schenmenge und ich bemerke eine offensichtliche Gehbe­hinderung. Sein linkes Bein schmerzt wohl bei jedem Schritt. Er hinkt und tritt links nur mit dem Vorfuß auf. Je länger ich ihn mir anschaue, umso mehr bekommt sein Ganzes etwas, das ich bisher nur aus dem Zoo kannte. Nur hier wird die Si­tuation umgekehrt. Er, der andere, der sich manchmal raubtier­ähn­lich dann wieder mit der Verschlagenheit eines Affen, der an Men­schen gewohnt auf Beute wartend, durch die Besucher bewegt, hat die Kontrolle. Wohl wissend um die Gefährlichkeit der Normalen umkreist er sie in sicherem Abstand, um in einem geeigneten Moment seine Umgebung nach achtlos weg­geworfenem, für ihn über­lebenswichtigem Unrat zu durchforsten. Ein Blick und viel­leicht ein kurzer Griff in den Abfalleimer scheinen seine Vermutung zu bestätigen. Nichts zu holen. Alles, was sich der Müll­tonne nähert, wird ohne sich darüber im Klaren zu sein, genau beobachtet. Schließlich schwebt eine Hand mit dem Rest eines wohl kürzlich erworbenem, seinem Besitzer den­noch nicht munden wollendem, allseits be­kann­tem, amerikanischem Magenverdreher über die Abfalltonne. Fast im gleichen Mo­ment ist der Mann unbemerkt hinter dem Besitzer der Hand aufgetaucht und angelt sein Mittagessen aus der zuvor präparierten Tonne. Der Snack fiel auf ein Stück vorbe­reitete Zei­tung und konnte so nicht unnötig ver­schmutzen.

Angeekelt dreht sich ein vorbeikommendes Paar ob des Anblicks eines Menschen, der sich von Müll ernährt, in die entgegengesetzte Richtung.

Der Mann kennt diese Reaktion sehr genau und würdigt sie entsprechend.

Gleichzeitig pausiert in der Nähe eine zwar nicht geschmackvoll aber teuer gekleidete Fa­milie. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung, nebst der hierzu verwendeten Sprache wollen überhaupt nicht zum Erscheinungsbild der vierköpfigen Truppe passen. Ich habe den Eindruck, sie fühlen sich alle nicht sonderlich wohl in ihrer Staffage. Als das Familienober­haupt meines Obdachlosen ansichtig wird, entfährt ihm folgender Satz: (den auch der zu­vor beschriebene gehört haben muß, denn er zeigt Reaktion! )

"Boa, kumma die arme Sau da! "

Auch die Tatsache, daß jetzt mit dem Fin­ger auf ihn gezeigt wird, reicht noch nicht, um eine Flucht einzuleiten.

"Dä hat noch nich ma ’ne Kippe. Dem bring ich getz eine!"

Der Sicherheitsabstand meines Obdach­lo­sen zum offensichtlichen zu allem bereiten Wohl­­täter, der die Zigarette schon angezündet hat, mit ihr schon auf dem Weg ist, vergrößert sich leicht.

Alle zu diesem Zeitpunkt zufällig anwe­sen­den, die meisten befinden sich in Bewegung, werden nun Zeuge dieses Blickes. Vor allem aber ich.

Dieser Blick, der den Wohltäter, obwohl wild entschlossen, Gutes zu tun, in seiner Vor­wärtsbewegung inne halten lässt und ihm sagt: "Wieso glaubst Du arrogantes Arschloch, nur weil Du zufällig mehr hast als ich, mir Deine angesabberte Kippe aufdrängen zu müssen? Typen wie Dich braucht niemand. Verpiß Dich!"

Nichts davon wurde ausgesprochen! Und doch hat der Wohltäter die Botschaft bekom­men, und zwar in einer Weise, die nicht nur mir, der ich versucht war, zu applaudieren, imponierte, sondern auch einigen derer, die nur zufällig vorbeikamen offensichtlich Freu­de bereitete.


Ralph GOTTA

 

Janus’ letzter Traum

 

Janus hatte einen letzten Traum:

Er wurde eines wunderschönen Sommer­morgens von friedlichem Vogelgezwitscher und einem sanften Kuß seiner Mutter auf die Wange geweckt. Kein Rattern von Maschi­nen­gewehren. Kein Knattern von Kampfhub­schrau­bern. Kein Anrollen von Panzern. Keine brennenden Häuser. Keine verbrannten Leichen. Nichts dergleichen. Keine Gefahr.

Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, stand gähnend auf, zog seinen Schlafanzug aus, wusch sich, putzte seine Zähne, streifte sich ein T-Shirt über, zog sich Unterhose, Hose, Socken und Schuhe an. Alles sauber und rein. Keine Blutflecken. Keine Löcher.

Er ging zum Frühstückstisch.

Er war nicht verwaist.

Seine Eltern und sein sieben Jahre altes Schwesterchen hatten bereits Platz genom­men.

Ihre Gesichter waren nicht fahlbleich. Ihre Stimmen nicht verstummt.

Sie empfingen ihn mit einem warmen Lä­cheln und einem ebenso warmen ,,Guten Mor­­gen, Janus".

Es gab zu essen.

Er bekam heiße Schokolade, und es gab Brötchen mit Schokoladentäfelchen oder Käse oder Schinken.

Gegen Ende des Frühstücks versprach ihm sein Vater, daß sie, wenn er wieder von der Arbeit zurück sei, an dem Flugzeug weiter­basteln würden, dessen Einzelteile er vor drei Wochen, zu seinem zehnten Geburtstag, von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte (sein Schwesterchen hatte für ihn einen kleinen Strauß gepflückt - nicht am Rande des Ab­grunds, nicht inmitten eines Kreuz­feuers, sondern auf einer sattgrünen, buntblühenden Blumenwiese).

Frohgelaunt und pfeifend sah sich Janus zu der Stelle laufen, wo der Schulbus ihn zusam­men mit anderen Jungen und Mädchen wie an jedem Morgen abholen sollte, und es war ein gutes Gefühl, wenn einen die Beine durchs Leben trugen.

Auf dem ganzen Weg zur Haltestelle sah Ja­nus kein einziges Kampfflugzeug. Das einzi­ge, was den Himmel trübte, waren weiße Wölk­chen. Wattebettchen für die Toten, dach­te Janus im Traum für sich, und er fragte sich, welches wohl das seine war.

Im Bus sah sich Janus, ein Serbe, wie im Unterricht neben seinem besten Freund Mi­lan, einem Kroaten, sitzen. Außerdem befan­den sich in dem Bus noch weitere serbische und kroatische sowie albanische, mazedo­ni­sche und bosnische Kinder.

Einmal abgesehen von den üblichen Reibe­reien, vertrugen sie sich gut - ja bisweilen lachten und scherzten sie gar miteinander, die kroatischen, serbischen, bosnischen, albani­schen und mazedonischen Kinder. Keine haß- oder leiderfüllten Blicke, keine ver­steiner­­ten Mienen und Kinderherzen.

In der ersten Stunde hatten Janus und seine Schulkameradinnen Allgemeine Religions­lehre. Und in seinem Traum hörte Janus die Allgemeine Religionslehrerin sagen: Jede Re­ligion hat ihre eigene Glaubensform, aber keine Glaubensform kann sich ohne die an­deren entwickeln und weiterbilden, sie brau­chen alle einander und sie haben alle eins gemeinsam: den Glauben an Gott, wie immer er auch aussehen und mit Namen heißen mag, den Glauben an das Miteinander und Fürein­ander, den Glauben an den Frieden und die Liebe und das Leben, egal auf welcher Ebene und in welcher Sphäre. Und, hörte Janus die Religionslehrerin fortfahren, es gibt keine ein­zige Religion, die einen ,,Heiligen Krieg" recht­fertigt oder gar gutheißt. Es gibt le­diglich Irrgläubige, die das glauben wollen, um einen ,,Heiligen Krieg" führen zu können. Schreibt euch das in euer Merkheft!

In der nächsten Stunde war Kunst an der Reihe. Der Kunstlehrer stellte Janus und den anderen Kindern folgende Aufgabe: Stellt euch vor, es wäre Krieg unter euch und unter euren Familien. Wie würde das aussehen?

Das war ein nicht zu realisierendes Thema für die Kinder, die einander schweigend und ratlos ansahen. Von Krieg hatten sie noch nie etwas gehört und gesehen, und weil selbst in ihren Vorstellungen keine Kriegs-Bilder ent­stehen wollten, blieben alle Blätter weiß. Oder vielleicht hatte sich der Krieg auch nur aus ihrer Phantasie entfernt, um nie wieder in ihre Erinnerung zurückkehren zu müssen, dachte Janus in seinem Traum.

Nach einer langweiligen Stunde Mathema­tik und einer noch langweiligeren Stunde Physik stand Musik, genauer: Singen, auf dem heuti­gen Stundenplan. Und in seinem Traum hörte sich Janus zusammen mit seinen Klassen­kameradinnen in Eintracht ein Lied von der Nächstenliebe und der Toleranz und des Res­pektierens und Achtens des Anderen, gleich welcher Herkunft und Rasse, singen. Es war ein gar nicht so schwer zu lernendes und sehr einfach strukturiertes Lied, aber auch ein sehr weises, und weil es die Mädchen und Jungen ohne Ausnahme und mit Freude und aus Überzeugung sangen, auch ein sehr stimmiges und harmonisches.

Zum Abschluß des heutigen Schultages stand Sport auf dem Programm. Im Mittel­punkt heute Leichtathletik, darunter auch Janus` Lieblingsdisziplin Weitsprung. Janus war schon 1,70 Meter groß, und er sollte noch weiter wachsen, und seine schier endlos lan­gen Beine waren wie geschaffen für Weit­sprung. Und auch in diesem Traum sah sich Janus deutlich weiterspringen als alle ande­ren. Und das ganze ausverkaufte Stadion schrie und tobte. Vor Freude.

Wieder zu Hause, bereitete Janus' Mutter ein wundervoll duftendes und noch besser schmeckendes Mittagessen, das er zusammen mit ihr und seiner fröhlich dreinblickenden  Schwester einnahm. Ja, Janus, seine Schwester, seine Eltern und das ganze Dorf mußten nie Hunger leiden, weil Mazedonier für Albaner gaben und Albaner von Mazedoniern nah­men und Albaner für Mazedonier gaben und Ma­zedonier von Albanern nahmen, wie über­haupt jeder jedem etwas gab und jeder von jedem etwas zurückbekam.

Nach dem Essen ging Janus auf sein Zim­mer, stellte sich vor, wie er der in seinen Au­gen Klassenschönsten, einem schwarzhaari­gen, schlanken albanischen Mädchen mit treuen Rehaugen, auf den Mund küßte. Er sah durch das Fenster hinaus auf die hü­gelige, sonnen­durchflutete Landschaft, wo er mit dem Mäd­chen herumturtelte. Unbesch­wert und ohne bedrohlichen Lärm. Nur fried­liches Vogel­gezwitscher. Und das Summen von Bienen und anderen Insekten. Keine Untiere. Und keine Unmenschen. Nur er, das Mädchen, die Vögel, die Bienen, andere In­sekten, die warme, trockene Luft, ein leichter Wind, die Sonne, die Wiesen, die Hügel, die Weite, das Unbe­rührte, das Reine, das Na­türliche.

Danach sah sich Janus in seinem Traum aufs Bett fallen und träumen, wie er versuchte, wieder aufzustehen, es aber nicht schaffte, weil ihm seine schier endlosen langen Beine plötz­lich abhanden gekommen waren. Er hörte sich im Traum seines Traumes weinen und schreien, vor tiefster Wut und tiefstem Schmerz und tiefster Ohnmacht, und als er sich auf einmal wieder aufstehen sah, schrie er erneut, vor tiefstem Glück und tiefster Dankbarkeit.

Dann sah sich Janus seine Schulaufgaben machen. Die scheinbar so logischen Rechen­aufgaben erschienen ihm bisweilen recht un­logisch, und der bis morgen zu schreibende Aufsatz mit dem Thema ,,Wie stelle ich mir mein weiteres Leben vor?" fiel Janus noch viel schwerer. Er sah sich Buchstaben anein­ander reihen, aber er vermochte in den nie­derge­schriebenen Wörtern keinen Sinn zu erken­nen, sie waren durcheinandergewirbelt, ohne Zuordnung, ohne Zusammenhang.

Dann, endlich, das Abendessen, mit seinem immer noch fröhlich dreinblickenden Schwe­sterchen, seiner Mutter und seinem Vater. Er war müde von der Arbeit, aber nicht tod­müde, und er hielt sein am Vormittag gege­benes Ver­sprechen, und während Janus’ Mut­ter die Seele ihrer Tochter mit Märchen und Zärt­lichkeiten nährte, sah sich Janus zu­sammen mit seinem Vater an dem Flugzeug weiter­basteln.

Und noch an diesem Abend wurde in Janus’ Traum sein Traum von der Fer­tig­stellung des Flugzeugs, eines Erkundungs­flugzeuges, also eines ohne Bomben im Bauch, wahr. Es war ein sehr schönes und großes Flugzeug, und kaum daß der künstli­che Vogel geboren war, sah sich Janus ihn auf eine lange Reise schicken. Auf eine Reise zur Erkundung des Friedens auf dem Balkan. Und er, Janus, war der Pilot.

Janus sah sich nicht mit seinem Flugzeug zurückkehren. Dazu war sein Traum zu kurz. Dazu wäre der längste Traum zu kurz ge­wesen.

Und Janus sah sich nicht mehr zu seinem Vater zurückkehren. Und zu seiner Mutter. Und zu seinem Schwesterchen. Es gab sie nicht mehr. Und es existierte auch keine Schule mehr, und den allgemeinen Religions­unterricht und das Lied hatte es sowieso nie gegeben. Nur ein Traum. Und der Lebens-Traum von seinem weiteren Leben war für Janus ausgeträumt, ehe er ihn zu träumen begonnen hatte. Wer sollte noch von etwas träumen, wenn ihm alles genommen war, das ihm eins etwas bedeutete: Seine Familie, seine Freunde, sein Haus, die Wiesen und Hügel, die Vögel und die Bienen, sein Traum-Mädchen, das Lachen, die Unbekümmertheit, die Per­spektive. Und das Singen. Und das Weitsprin­gen. Weil einem dazu die Beine fehlten. Weg­gerissen von einer Granate, die einem der Haß, der im Krieg besonders ge­hässig war, beschert hatte.

Aber seinen Glauben an Gott hatte sie ihm nicht entreißen können. Dazu war dieser zu stark. Vielleicht nur ein schwacher Trost, mag sein. Aber es war ein Trost, immerhin. Und: Das Wattebettchen, in dem Janus nun lag, verlieh ihm sanfte Ruh. Wie den Abertau­sen­den Mazedoniern und Albanern und Kroaten und Serben und Bosniern in all den anderen Wattebettchen  Bei Gott waren sie eben alle gleich. Und hatten alle ihren Frieden. Wie einfach das doch im Leben nach dem Leben war. Einfach schrecklich einfach.

 

 

Steckbrief:

 

Ralph Gotta. Geboren 5. Oktober 1962 in Frankfurt am Main. Wohnhaft in Heusenstamm. 1983 Abitur in Rodgau.

1983-1988 Studium der Politischen Wissenschaften in Frankfurt am Main. 1989-1992 Freier Mitarbeiter für die,,Offenbach Post".

1993 und 1994 Volontariat an derselben Tages­zei­tung und Übernahme als Redakteur zwei bislang unveröffentlichte Romane (,,Die Liebenden" und ,,Operation Neonmerika") diverse Prosa- und Lyrik-Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, u. a in: ,Archenoah", ,,Artefact", ,,Maskenball", ,,Die Brük­ke", ,,Fliegende Literaturblätter".

Sendung zweier Klein-Hörwerke -,,Sieben Stufen zum Glück" und,,Medien-Krieg" - in ,,Radio Factory 27" am 9.7.01

 


Cornelia Vissarion-MANUCEANU

 

Das "Gramaphon"

 

An der Windung der Gasse bei dem Brun­nen lagen zwei Kartons voll Schallplatten und auf einem aus vier Bausteinen improvisierten Tisch hatte die Frau von Ion Martac das "Gra­maphon" gestellt...

"Was machst Du da, Tante Marita", fragte ein wenig scheu die Veta, "warum hast Du dieses Klump mitten auf die Straße gestellt?" "Bleib Du in Deinem Hof", antwortete Tante Marita "wenn du nicht hören und sehen willst wie mein 'Gramaphon' spielt!".  Und setzte sich rechts neben die Schachtel indem sie un­schlüssig in den Platten umwühlte, auf denen auf Russisch etwas stand, was man nicht lesen konnte... "Dreh" Du, Gore, den Trichter zum Dorf, daß auch die Feinde von meinem Glück hören können, daß Gheorghe von der Front zurückgekehrt ist", sagte mit tiefer Stimme unsere Nachbarin. Und Gore, neben den geheimnisvollen Gerät hingekniet, drehte den Trichter so, wie ihm seine Mutter befahl.

Dieses "Gramaphon" war tatsächlich eine Neuigkeit für die Nachbarn, um sowohl die auf den Schallplatten aufgenommene russi­sche Volksmusik als auch um die seltsame Schachtel sich die Bauern versammelten, die mit offenem Mund staunten. Neamtu, ein anderer Nachbar, sprang über die Zäune hinweg und stürmte heran, um das "Teufels­zeug" auszuschalten, das überlaut erschallte. "Was machst Du mit dieses Schrott, das die Russinen wie von Bienen gebissen, wie im Urwald schreien, seid ihr verrückt geworden?" "Schweig, Du Besserwisser! Laß daß auch die Chioara von Leu hört, daß mein Sohn von der Front zurückgekommen ist, und schau mal, was er mir gebracht hat"... Neamtu setzte sich neugierig ins Gras und betrachtete aufmerk­sam das primitive Gerät das solche schrille Töne von sich gab, daß man davon taub wer­den konnte. "Ab jetzt bist Du aber versorgt, Tante Marita. Kannst die Schachtel neben deinem Bett schreien lassen, und schon ver­gisst Du schon den Hunger!" Alle Versam­melten, die meisten davon Kinder, lachten sich zu Tode. "Bist ein Depp", sagte die Frau von Martac, "hörst Du nicht das Akkordeon? Und hörst du die Balalaika auch nicht?" "Ich höre sogar die Ukulele", sagte Neamtu wäh­rend er sich am Kopf kratzte. Und ging weg, nachdem er in den Grammophontrichter ge­spuckt hatte. "Was hast Du, Du Krüppel?", schrie Tante Martac und nahm eine Handvoll Steinchen auf und warf sie ihm in den Rücken. Neamtu blickte zurück: "Habt ihr nicht schon genug von den Russen, oder was? Ihr habt sie auch in einer Schachtel mit­gebracht, nicht, der Henker soll sie holen! Huiii! Ihr Flaschen!"

Patenonkel Iancu trat schnell durch die Pforte, weil er jenen Lärm und das seltsame Geschrei gehört hatte, das alle Hunde gereizt hatte, so daß sie bellten, daß man glauben könnte daß die Bären gekommen seien, um das Vieh zu stehlen... Er hielt dort, wo sich die Leute versammelt hatten, an. "Wo ist unser Held, ich möchte ihn willkommen heißen".

Gheorghe rauchte ruhig, an einen Baum ge­lehnt. "Eh", sagte Patenonkel Iancu - und streckte ihm gerührt die Hand entgegen, "gut daß Du gesund zurückgekommen bist. Aber ich würde gerne wissen: hast Du, mein Pate­nsohn in ganz Odessa nicht etwas besseres gefunden, um es mit nach Hause zu bringen? Warum hast du Dir die Mühe gegeben, diese unnütze Last hierher zu schleppen?..." Und er wartete auf eine Antwort, nachdem er auf die tat­sächlich schwere Kisten gezeigt hatte. "Ich habe nichts anderes mitgebracht, Pate, weil mir alle und alles was ich sah Leid tat. Und ich konnte nichts mitnehmen. Die Häu­ser waren zerbombt, die Toten lagen unter dem Schutt, die Kinder und die Alten waren verwundet, manche ohne Beine oder Arme, sie hatten in mir so viel Mitleid erweckt, daß ich fast bei jeder Attacke in Ohnmacht fiel. Was sollte ich nehmen? Etwas kaufen wollte ich nicht. Es gab Schmuck, es gab Pelze, es gab Geschäfte deren Türen von Kanonen­schüssen weggeblasen waren, aber wir ver­such­­ten denen die am Leben geblieben waren zu helfen ihre Familien ausfindig zu machen oder das etwas, was ihnen übriggeblieben war, zu sammeln. Wir haben vielen sogar Essen und Brot, insbeson­dere Brot von unserer Feld­küche gegeben... Was konnte ich mitneh­men? Mein einziger Ge­danke war, gesund nach Hause zu kom­men. Und Gott half mir! Ich habe meiner Mutter dieses Grammophon gebracht, mit welchem sie wie ein Kind spielt..."

Es waren einige Wochen vergangen und das "Grammaphon", wie die Bauern ihn nannten, spielte weiter in der Straßenmitte. Aber es fing an, heißer zu werden.... Die Nadel aus dem einzigen Schächtelchen waren stumpf ge­­worden und kratzten die Schallplatten, oder wenn sie auf einen Spur hingen blieben, wie­derholten einen verlängertes "iaiaiaiaiai" bis Gore ihr einen Fingerstoß gab und das Ge­schrei weiterging. Gores Idee, die Nadel auf Beton zu spitzen hatte sich als gut erwiesen. Aber er hatte sie so stark gespitzt, daß man sie nicht mehr an dem mobilen Arm des Gram­mophons fixieren konnte. Als sie sahen, daß die Musik keine Musik mehr war, gingen die Kinder traurig weg. "Warum spielt es nicht mehr so gut?" "Wir haben keine Nadel mehr, schaut, sol­che hier!", und er zeigte den Kinder einige ver­kürzte, stum­pfe, armselige Nadeln. Neamtu, der sein Haus ziemlich Nahe an dem besagten Ort hatte, hörte immer, am Morgen und am Abend, dieselben krächzen­den Stim­men und die un­verständlichen Worte der "Tschjolo­wecken", wie er sie nannte, nervten ihn furchtbar. Eines Tages konnte er es nicht mehr aushalten. Er entschied sich, das Gram­mo­phon kaputt zu machen. "Aber wie?", dachte er sich, "da ich es mir mit ihnen nicht verderben will und besonders mit dem armen Gheorghe nicht, der es von dort, wo der Pfef­fer wächst, auf dem Rücken hergetragen hat". Als es Abend wurde und sich die Leute an dem besagten Ort versammelt hatten, ging Neamtu zwischen sie und sagte: "Laßt uns eine Kirmes feiern!" "Aber was soll das sein, eine Kirmes?" "Schaut: das russische Wunder­gerät spielt, und wir tanzen. So." Und fing an, alle Nach­barinnen die dort waren, sogar die Tante Ma­rita, zum Tanz einzuladen. Nach­dem sie eine Nadel gespitzt hatten, legten sie noch eine Schallplatte rauf und das Tanzen ging richtig los. Neamtu setzte sich neben das Grammophon und fing an die Kurbel zu drehen. Die Feder zog sich auf, aber er drehte weiter mit aller Kraft bis auf es einmal einen dumpfen Laut gab und die Platte sich immer langsamer drehte und mit einem "aiaiaaa" endete... "Was hast Du, da gemacht?", fragte Gore, "Hast die Feder gebrochen!" "Was für eine Feder, Gott soll Dir Leben schenken?" "Ach, aber wie blöd bist Du! Hast gedreht bis die Feder zerbrochen ist. Was machen wir jetzt?" "Ich habe keine Ahnung, was für eine Feder da geben soll, ich kann nichts sehen, aber vielleicht kann ihn Ion Rotaru reparie­ren, der begabter dafür ist." Und er ging pfeiffend in die Richtung der Weide, mit den Händen in den Hosentaschen... "Vergib mir Gott", dachte er sich, "falls wir die Russen auch so leicht loswerden könnten, wie wir die aus der Schachtel losgeworden sind, was für ein Glück wäre das für unsere armen Ru­mänen!"... 

 

Dt.Übersetzung: Radu Barbulescu    


Alexandru MURESAN

 

Das Fahrrad

 

Jeder wünscht sich das Glück. Aber ganz Wenige können sich rühmen es auch wirklich besessen zu haben. Zu der Kategorie der­jenigen, die am Glück teil gehabt haben, kann auch ich mich in aller Bescheidenheit zählen. Ich muß zugeben, dieses Glück hielt nicht all zu lange, aber die Dauer ist in solchen Fällen nicht ausschlaggebend.

Im Sommer des Jahres 1945 befand ich mich in Timisoara/Temeschwar auf dem "Pia­ta Primariei vechi/Platz des Alten Rathauses"- wie man ihn damals nannte. Dieser Platz, heute "Piata Libertatii/Der Platz der Freiheit" genannt, war um die Mittagszeit außerordent­lich bevölkert. Von hier aus fuhr die Straßen­bahn Nr. 7 zu Mehala. Ebenfalls hier befand sich eine Straßenbahnstation, an der die Linien 1,2,3 und 6 Halt machten.

Die Fußgänger, welche vom Opernplatz ka­men, strömten ebenfalls auf diesen Platz. Einige nahmen die Straßenbahn zur Mehala, andere fuhren zum Piata Unirii/Platz der Einheit, vorbei an einer Kneipe namens "La Tamburasi/Zu den Zupfern". In dieser Kneipe erklang täglich 24 Stunden lang serbische Volksmusik von einem Mandolinenorchester, deshalb auch der Name "tamburasi/Zupfer". Neben der Straßenbahnstation befand sich ein großer Zeitungsstand, wo eine ältere deutsche Dame Werbung machte und das klang unge­fähr so: "Universul, Curentul, Timpul, Vestul, Te­mesch­­warer Zeituuuuuuug..."

Die ersten Titel rief sie monoton, den letz­ten aber mit einem veränderten, hohen und verlängerten Tonfall. Ich nehme an, daß es noch heute Temeschwarer gibt, welche sich an diese Verkäuferin erinnern, denn sie ge­hörte sozusagen zum Stadtbild.

Gegen Mittag tauchte eine merkwürdige Person auf, welche ihre eigene Zeitung ver­kauf­te. Sie stellte sich neben die Deutsche und rief: "Jetzt kommt Christa mit der Revista....Nehmt die Christa mit der Revista..."

Diese Zeitschrift in der Größe eines Schreib­­bogens war handgedruckt. Sie enthielt die größten Bizarrerien und man wußte, daß es Studenten waren, die diese sogenannten Beiträge umsonst schrieben, um sich zu un­ter­halten. Der Preis der Zeitschrift war sehr niedrig und viele Leute kauften sie, um sich zu amüsieren.

Auf einer großen Tafel war das Programm der Lichtspieltheater ausgewiesen:

 

CAPITOL: Der Weg zu den Sternen;

THALIA: Zorro, der Ritter der Ge­rechtigkeit;

CORSO: Arizona in Flammen;

LIRA: Dick und Doof als Torreros;

ARO: Tom Mix;

APOLLO: Pat und Pataschon im Mittel­alter;

URANIA: Die Taverne der Leidenschaften.

 

Um die Mittagsstunde erreichte das Ge­dränge seinen Höhepunkt. Neben Rumänen, Deutschen, Serben, Ungarn, Zigeunern und anderen Nationalitäten, waren auch viele im Krieg verwundete Russen zu sehen, welche in eigens für sie hergerichteten Krankenhäusern behandelt wurden. Sie waren mit Hemden und Unterhosen bekleidet, am Kopf verbun­den oder mit Gehhilfen, je nachdem wie sie verwundet waren. Die Leichtverwundeten ruh­ten sich auf den Bänken oder im Gras des kleinen Parks am Platz aus. Viele unter ihnen hatten Krücken. Genau zu dieser Zeit befand auch ich mich immer dort, um Maul­affen feil zu halten am Zeitungsstand, den Straßenbahnstation und wer weiß was sonst.

Auf einmal - zwischen den Reklamerufen der Deutschen und denen von Christa mit der Re­vista, zwischen dem Quietschen der Straßenbahnen und den Hintergrund­geräu­schen der Zupfer - hörte ich: "Einen halben Liter Tzuika, einen halben Liter Tzuika...."

Mich nähernd, erkannte ich, worum es ging. Dort stand ein ganz junger russischer Soldat in einer funkelnagelneuen Uniform. Er hatte eine sehr sympatische Figur, auf dem Kopf eine verschobene Mütze, während sich auf der anderen Seite des Kopfes ein Haarbüschel zum Himmel hob, was für ihn scheinbar ein Zeichen von großer Eleganz war. Das runde Gesicht und das breite Lä­cheln gaben ihm einen Ausdruck von Naivität und Ehrlichkeit. In den Händen trug er ein Fahrrad der Marke "Ideal" mit roten Reifen und diese Reifen waren viel größer als die sogenannten "Bal­lonreifen" bei gewöhnlichen Fahrrädern.

Als ich verstand, daß dieses Fahrrad für einen halben Liter Tzuika zu haben war, fühl­te ich einen Schauer über meinen Rücken lau­fen. Das einzige an was ich denken konnte war: Hoffentlich kauft mir nicht jemand das Fahrrad vor der Nase weg.

Nun ergab sich aber ein anderes Problem. Von wo sollte ich einen halben Liter Tzuika be­sorgen? Wir hatten keinen Tzuika zu Hau­se. Aber neben uns wohnte ein Nachbar, ein Pfarrer, welcher sich täglich mit einem "Dezi" Pflaumenschnaps den Körper erwärm­te. Ich holte von zu Hause eine Halbliter­flasche und rannte zur Pfarrerin. "Küss die Hand, gnädige Frau, meine Mutter bittet Sie ihr eine Flasche Schnaps zu leihen, Vater ist nämlich erkältet und sie möchte ihm einen Umschlag machen".

Die nette Frau Pfarrerin füllte die Flasche mit Schnaps und gab sie mir mit den besten Genesungswünschen für meinen Vater mit. Ich bedankte mich und rannte mit allen Kräf­ten davon, in der Angst der Russe möge sein Fahrrad inzwischen jemand anderem verkauft haben. Außer Atem erreichte ich den Platz und hatte meine erste Enttäuschung: Der Russe war nicht mehr da. Verärgert wollte ich gerade die Flasche der Pfarrerin zurück bringen. Doch, o Wunder! Der Russe kam gerade von dem "Piata Unirii/Platz der Einheit" und hatte das Fahrrad bei sich. Ich rannte zu ihm mit der Flasche in der Hand und rief "Tzuika..."

Der Russe nahm die Flasche, hob sie an, nahm einen großen Schluck und betonte "Harascho". Dann nahm er das Fahrrad, gab es mir und sagte: "Eto tebea" (Es ist deins). Ohne ein weiteres Wort drehte er mir den Rücken zu und ging mit seiner Tzuika davon, mir das Fahrrad überlassend.

Das waren die glücklichsten Momente mei­nes Lebens, von denen ich anfangs sprach. Wenn ich heute in der Lotterie eine Milliarde gewinnen würde, wäre ich nicht einmal halb so glücklich wie damals. Ich befühlte das Fahrrad, probierte die Klingel aus, kontrol­lierte den Torpedo und konnte es nicht fas­sen, ein solches Kleinod zu besitzen.

Schließlich brach ich auf, denn das Gedrän­ge gestattete es mir nicht aufzusteigen und ging in Richtung Wohnung. Nach 10 Metern stand plötzlich ein anderer Russe vor mir. Dieser war älter, häßlich und hatte ein Gesicht, welches zum Kotzen war. In den Händen hielt er ein Gewehr mit Bajonett, wel­ches er mir auf die Brust setzte: "Stoij, dawai!"" (Stehen­bleiben, Hergeben!). Und ohne weitere Worte entwand er mir das Fahrrad und ging davon.

Ich fing an zu schreien und versuchte das Fahrrad zurück zu gewinnen. Ich bekam ei­nen Schlag mit dem Gewehr auf die Brust, daß mir der Atem wegblieb. Mit meinen 13 Jahren war klar, daß ich nicht die geringste Chance in dieser Konfrontation aufweisen konnte. Bis ich mich erholt hatte, war der Russe mit dem Fahrrad verschwunden... Ich ver­suchte dann noch den jungen Russen zu finden, aber der war wie vom Erdboden verschluckt.

Und so nahmen meine glücklichsten Minu­ten ihr Ende. Ich zog den Schluß, daß es gute Russen gab, wie der, welcher mir das Fahrrad verkauft hatte und böse Russen, wie der, der es mir wieder wegnahm.

Nach einem Jahr sah ich wieder einen Russen, welcher ein Akkordeon der Marke Hohner für einen Liter Tzuika verkaufen wollte, aber ich war nicht mehr interessiert. Obwohl es ein gutes Geschäft gewesen wäre...


Übersetzung aus dem Rumä­nischen: Gudrun Winkler


2001 im Verlag Radu Barbulescu erschienen: Manfred Pielmeier, HASELMÜHL und andere Ju­gend­erinnerungen, Sammlung Zeitzeugen, ISBN 3-930672-67-7, 80 S., DM 16.60 / Eur 8.50. 

Manfred Pielmeier, 1928 in Haselmühl bei Amberg in der Oberpfalz geboren, hat Jura, Theaterwissen­schaft, Germanistik und Pädagogik studiert. Er schrieb mehrere heimatgeschichtliche Bücher und Mo­no­gra­phien und arbeitet für die Starnberger Neueste Nach­richten, und die Münchner Palette.

„Pielmeier ist den anachronistischen Typ des Eingesessenen, er ist eine Erzählinstanz, die auch angesprochen werden kann. (....) Ein Ruheständler, der mit 65 Jahren sein Debüt al Erzähler gibt – das ließ mich an Fontane denken, der auch die Landschaft genau erforschte...“

                                                       Ulrich Dittmann

 

 


Ioana DRAGAN

 

DIE GANS

 

Er hatte sich schon am Abend wie ein Kind darüber gefreut. Seit langem ist er nicht mehr so glücklich gewesen. Nur in seiner Jugend, als er in der Nacht an die Vorstadtschönen sich ungeduldig wälzend und seufzend  sehn­süchtig dachte hatte Vater Sica so ein inneres Zittern gefühlt...

Sein Leben ist mit der Freude an dem Er­folg seiner zwei Söhne vergangen, die unter Schwierigkeiten aufwuchsen, aber jetzt war einer von ihnen Ingenieur und der andere Buchhalter, beruflich anerkannte Mannsbil­der, Vater Sica prahlte mit ihnen bei jeder Gelegenheit, die Schwierigkeiten hatten seine und Mama Relis Tage oft bedrückt; so haben sie sich untereinander angesprochen - Vater und Mutter -; seitdem die Kinder geboren wurden hatte Vater Sica die Scham der Pen­sionierung und einer Prostataoperation erlei­den müssen, Mutter Reli wurde fett, nichts erinnerte Vater Sica an das zarte Reh, das er vor mehr als vierzig Jahren vor dem Altar gebracht hatte, man sah sie an und fragte sich wieso sie nicht platzt, sie atmet schwer und schwitzt, ihr Hals sieht wie ein gefüllter Gän­se­hals aus...

Als er sich Mutter Reli an einem Nach­mittag ansah, kam Vater Sica auf diese Idee: es ist erstaunlich, mein Gott!, wie sie einer weißen, flauschigen Gans ähnelt, mit fettem Hintern und Schichten von Federn, und, oh, Gott, wie er einen Gänsebraten und eine Ganstschorba[1] essen würde, von einer echten Gans  aus Hofhaltung die mit echtem Weizen gefüttert worden war, der ihr den Magen auffüllt...

Seit wann hat es bei ihnen keine Gans mehr gegeben?

Bestimmt seit mehr als zwanzigdreißig Jahren, seitdem Vater Sica für immer mit seiner Verwandtschaft vom Lande gebrochen hatte, tja, nur so erinnert er sich wieder an sie! In der Zeiten unter "Nea Nicu"[2] gab es kein Gänsefleisch mehr, von wo zum Kuckuck, Teufel noch mal auch, man mußte ins Obor[3] gehen, mit den schurkischen Marktleuten feil­schen, die Gans lebendig nach Hause neh­men, sie auf dem Balkon halten, und wie konnte man sie nachher noch schlachten?!

Auf jeden Fall hatte Vater Sica seit Jahren keine Gans gegessen, seit seiner Kindheit, als seine Mutter den köstlichsten gefüllten Gän­sehalserl auf feingehacktem Sauerkraut vor­bereitete, mit welchen sie am Sonntag oder an den Festtagen die Gäste fertig machte! Ein echtes Wunder!

Und seitdem ihm diese Verbindung in den Kopf gekommen war, sah Vater Sica die Ma­ma Reli nur noch als eine Gans an! Er be­äugte sie ständig aus dem Sessel in dem Wohn­zimmer, ihren wiegenden Schritt und die Seufzer folgend, die ihr aus dem Kropf entwichen, als sie sich beugte um einen auf dem Teppich liegenden Fusel aufzuheben, er kam ihr in die Küche nach und Mutter Reli fluchte im Gedanken über jene neue Ver­rücktheit von Vater Sica: Gott bewahre, wie war es möglich, in seinem Alter, sie in den Po zu zwicken! Was für ein toller Gänsearsch, dachte sich Vater Sica, mit der Wonne eines stolzen Züchters, der stolz auf eine solches Prachtexemplar ist. Und in der Nacht, nach Jahren völliger Abstinenz, betatschte Vater Sica die Mutter Reli an den fleischigen Run­dungen und an der von dem aufgehaltenen Atem geschwollenen Brust lustvoll.

"Hör' mal, daß er, den Mund wässrig, schmatzend, seine Lust nicht im Zaum halten kann", brummte Mama Reli  verzweifelt, während sie, zusammen mit Vater Sica die letzten Federn eines Monster, einer Schönheit von eine Gans rupften, die Vater Sica weiß man nicht woher gekauft hatte und mehr als die Hälfte seiner Rente dafür blechen mußte!

Vater Sica war am Abend mit der Gans gekommen, ohne Mutter Reli vorher etwas davon erzählt zu haben. Es war eine Über­raschung, und was für eine Überraschung! "Du sollst sie Mama, mir wie bei Mutter zuhause vorbereiten!", hatte sie Vater Sica gebeten, um hinterher, gerührt, früher schla­fen zu gehen, in der Hoffnung vielleicht, daß er schnell einschlafen würde, und daß er beim Aufwachen direkt am Tisch, mit vollem Teller vor sich, aufswachen wird.

Die Gans war geputzt, gewaschen, mit Allem was nötig war, Gemüse und Kräutern garniert und kochte über drei Stunden.

Vater Sica strahlte glücklich den ganzen Vormittag, lief in der Küche herum und nahm mindestens tausend Mal den Deckel von dem Topf ab und verbreitete den Geflü­gelgeruch im ganzen Haus.

"Jetzt weiß das ganze Hochhaus, daß es bei uns Gans gibt", brummte Mama Reli, indem sie eine Nachbarin zur Türe begleitete, die wie zum Gabentisch gekommen war, die Heldentat vom Vater Sica bewundernd. Gans!... Was für ein Ereignis!

Vater Sica hatte ungeduldig auf das Mit­tagsessen gewartet, hatte im ganzen Viertel damit geprahlt, hatte auch die Kinder zum Essen eingeladen, aber die Jungs schienen nicht allzu begeistert zu sein, woher sollten sie auch wissen, wie eine Gans überhaupt schmeckt, und was für ein göttliches Wunder jetzt im Topf wartete... Von einem Eifer gepackt, der Mutter Reli zu denken gab, hatte er selbst den Tisch gerichtet.

Die Gans kochte seit mehr als sechs Stunden, "als ob es Rindfleisch wäre", ärgerte sich Mama Reli, indem sie sie mit der Gabel stach und im Topf von einer Seite auf die andere drehte, "immer noch nicht fertig", seufzte nervös Vater Sica, "Mutter, du weißt doch nicht wie man sie kocht, deshalb dauert es so lange", beschuldigte er Mutter Reli, "so lange braucht eine Gans, sie ist vielleicht eine alte und wird langsamer gar"...

Vater Sica war müde. In der Aufregung des Wartens hatte er geschwitzt, der Schweiß stand ihm ins errötete Gesicht. Nach einer langen Zeit, verärgert, ist er sich auf das Sofa vor dem gedeckten Tisch hinlegen gegangen, und bat Mutter Reli ihn dann zu wecken, wenn die Gans tischfertig ist.

Dann träumte Vater Sica...

Er träumte, daß er ein Kind sei und daß er allein in einer Schar von weißen Gänsen spielte, mit einem Gänserich spielend. Er träumte, daß er in ein riesiges, mit Gänse­flaum gefülltes Polster eintauchte und daß er Mutter Reli mit Federn bewarf, die durch die Luft flogen und die keine Flocken zu sein schienen, sondern Engel und sie riefen nach ihm...

Das Mahl ging zur Ende. In den Tellern sind nur die Resten geblieben. Die schmutzi­gen, zusammengeknüllten Papier­tisch­tücher liegen hier und dort zwischen den mit Lip­penstift beschmierten Gläsern herum. Die Leute sind satt, die Bäuche vollge­schlagen. Es wurde viel gegessen und Gans macht satt. Keiner der Anwesenden hat in seinem Leben so ein Festmahl erlebt. Auch wenn sie wegen der Umständen sich ein wenig geniert hatten, haben alle die Mama Reli für die vorbe­reiteten Köstlichkeiten gelobt. Eigentlich konnte man nicht sagen ob die Gans tat­sächlich vorzüglich gewesen war oder ob, weil man ihren Geschmack vergessen hatte, sie ihnen nur köstlich zu sein schien. Mama Reli fühlte sich sehr schlecht, ihr schien daß das Haus sich drehte, sie mußte sich über­geben. Selbstverständlich der Gans we­gen. Sie mußte, um schlafen zu können, ein starkes Beruhi­gungsmittel einnehmen.

Erst am nächsten Tag in der Frühe, als sie den Kühlschrank öffnete, erinnerte sie sich, daß sie wegen jener Verrücktkeit mit der Gans, es vergessen hatte, überhaupt die Ko­liwa[4] aufzutischen.

Der arme Vater Sica!

 

Aus dem Rumänischen von Radu Barbulescu

 

 

 

2001 im Verlag Radu Barbulescu erschienen:

Constanta Buzea, GEDICHTE, Sammlung "Heutige Lyrik aus: Rumänien", ISBN 3-930672-68-5, 52 S., DM 11.75 / Eur 6.--.

Constanta Buzea, eine der wichtigsten rumänischen Dichterinnen von heute, wurde 1941 in Bukarest geboren und hat dort rumänische Sprache und Literatur studiert. Über ihre Dichtung schrieb der bekannte Literaturkritiker Laurentiu Ulici: "Wenige Dichter von heute haben die Erlebnisliefe Constanta Buzeas erreicht..."

 

 


Laura RUMICH

 

Vielleicht

 

Manchmal weiß ich nicht, wer ich bin. Ob ich nicht nur eine geschriebene Rolle in einem traurigen, absurden, silhouettenreichen Film spiele!

Denn so oft scheint es so aussichtslos.

Tausend Bilder. Angst, Glück von kurzer Dauer. Als wären falsche Menschen um mich herum, die hinter ihren perfekt geschminkten Masken andere sind, die Geld für ihre Arbeit bekommen, die zwischendurch nach Hause fahren, um ihr eigenes Leben im Realismus zu meistern.

Oft glaube ich, man belügt mich, und ich möchte die Schauspieler nach Feierabend tref­fen, mit ihnen reden, wie das wahre Leben sich anfühlt, ob dort Glück von längerer Dauer ist, wie es DORT aussieht im Realis­mus!

Ob man ihnen irgendwann kündigt, und wenn ja, ob sie dann in einem anderen Film mitspielen. Ich möchte wissen, wer fest an­gestellt ist und wer nur eine Gastrolle be­kommen hat! Ob sie über "meinen Himmel" hinaus leben und ob der Horizont nur eine Computer-Animation ist!

Ich möchte wissen, ob die Menschen, die in meinem Film sterben, wirklich sterben oder einfach nur aufhören zu arbeiten.

 

Vielleicht…

 

© 2001 Laura Rumich

 

 

 

Schreiben Sie?

Schreiben Sie uns!

Ihre archenoah

 


Gisela M. KIRBACH

 

Die Beute

 

Sicher, jedoch schleichend wie eine Katze bewegte sie sich zur Beute hin, die ihr, je näher sie kam um so attraktiver erschien. Vor Jahren, in regelmäßigen literarischen Treffen war ihr der Mann begegnet. Die Ältere, an der Seite des Mannes, mit der er sich öffentlich nur selten zeigte, übersah sie, obwohl sie einander vorgestellt wurden. Sie setzte sich nahe zu ihm und er, von ihrer Erscheinung gefangen, öffnete sich der Freude über das Wiedersen und sie erinnerte an längst gegebene Versprechen. Bald schon verabredeten sie sich zu den, von ihr vorgeschlagenen, Zusammenkünften. Ob nur ein Spiel oder nicht, der Mann schien willenlos ausgeliefert, und eitel wie er nun einmal war, ging er auf alle Schmeichelheiten ein. Sie hätte ihn, wie eine Katze, in die Luft werfen, wieder auffangen, laufen lassen und wieder einfangen können. Seine Begleiterin bekam keine Möglichkeit in den Ablauf des Geschehens einzugreifen. Er hatte ihr den Rücken zugedreht und als er einmal das Wort an sie richtete, wurde aus dem vertrauten Du ein Sie. Farbloses Glas war sie ihnen, durch das man hindurch blickt und als sich die, ihrer Beute Sichere nur kurz, wie sie versprach entfernte, ging dann, nach einer unbedachten Bemerkungseiner betroffenen Gefährtin auch der Mann. Die Frau saß regungslos. Kraft und Sicherheit, die wohl nur er ihr gegeben hatte, schienen aus ihr heraus zu fließen. Die zauberhafte Stimmung im alten Park verblasste mit der Dämmerung, Musik und Worte klangen an ihren Ohren vorbei und verloren sich irgendwohin. Der Mann der sich nach einer Weile doch an sie erinnerte, kam zurück und drängte zum Aufbruch. Er bemerkte nicht, daß er etwas verloren hatte. 

 


Ovidiu DUNAREANU

 

Das Fohlen

 

"Da draußen! ... Als ob sich etwas bewegt hätte!"

"Das Fohlen ist's, Tudor! Auch die Vasilica von dem Banu hat es gesehen. "Caterina" -, sag­te sie mir gestern beim Pfeffer­minz­pflücken im Sumpf - "als wir heute, ich und mein Vasile, zum Ulmengraben gehen wollten, was glaubst du, daß uns erschien?" "Aber ich weiß nicht!" " sagte ich. "Jenes wilde Fohlen, das sich um das Dorf schleicht. Er lief wie eine leuchtende Bö aus blauem Staub und die weißen Frettchen  kreisten aufgeregt nur so um es herum, um es zu beißen" - sagte sie und schaute in die Sonne und blieb so als ob sie ihre Gedanken dorthin verloren hätte, und schlug sich über die Titten und über den Knöcheln mit blühenden Pfefferminzstielen.

"Horst du es? Jetzt ist es unter dem Vor­dach. Reibt seine Nase an dem Efeu. Hin und her! Nicht einmal das Geflügel hat es be­merkt! Die Hunde auch nicht! Es gibt keine Ruhe!"...

 

Von einem Gedanken, eher einem Wunsch er­leuchtet, die ihm seiner  Behherschung be­raubte, sprang Tudor der Verzauberte aus dem Bett. Er zog sich in der Eile die Hose und das Hemd an, blieb stehen, zog die Ärmel hoch und dachte, ohne daß seine Ohren den Druck der völligen Stille von draußen für einen Augenblick verloren hat­ten, verlegen nach.

Wie sie mit dem Gesicht zu der Kühle der Wand gedreht lag, konnte die Frau ihn nicht sehen, aber sie hörte, wie er blind in das Ne­benzimmer ging und wußte nicht gleich was er in der Kiste suchte, aber nach einer kurzen Zeit

fing  sie  an  es zu ahnen.  Sie verstand näm­­lich,

daß, wie er in den Sachen dort her­um­wühlte und sie so liegenließ, wie sie ge­fallen waren, weil sie ihn nicht interessierten, er nur nach jenem Seil suchte, das er beim Pfer­derennen gewonnen hatte. Und sie hörte wie er zurückkam und spürte seinen bitter­lichen Geruch neben dem Bett, der ihre Na­senlöcher erregte.

"Soll das heißen, du gehst ihm nach, was?", fragte sie ihn aus.

"Ich fange es!" " sagte der Mann und ging eilig raus. Hinter ihm versank erneut das Zimmer in die absolute Ruhe des Schlafes.

 

Durch den Hof dampfte ein grünli­cher Schein und die Luft war warm und abgestanden und unbewegt.

Tudor der Verzauberte schaute zuerst zum Himmel hinauf und der Himmel war sternenlos, nur schwarzer Dampf und auch dort oben fing die Nacht unsicher zu ver­schwinden an. Er trat unter das Vordach unter das unbewegte Efeunetz, schob das Türchen der Galerie auf, stieg die kalten Steintreppen herunter und, als er auf die Erde treten wollte, stolperte er über die letzte Stufe. Auf einmal stieg in ihm die Welle einer rauen Fiebrigkeit auf. Obwohl er noch kein Ra­scheln, keine Be­wegung ausmachen konnte, schritt er schneller, ging rund um das Haus, lief durch den Garten bis zum hinteren Zaun und hielt unter den Mandelbäume inne, um zu warten. Er spitzte die Ohren. Aus dem Nachbarhof drang bis zu ihm, gleichmäßig, ungestört, der Atem der erschöpften Tiere die unter dem Dach hinter dem Maisschuppen schlie­fen. Als er ihnen zuhörte, fuhr der Mann zusammen... Als die Zeit verging spürte er wie unter seinem Hemd, bis auf die Haut  sich der wässrige Kleber drängt, der unhörbar von den Blättern der  Mandelbäume tropfte und  wie auf

seinen Armen, wie schnel­le Eisnadeln, eine Unzahl von Ameisen kroch, die aus den Rissen der Baumrinde aufge­schreckt worden waren.

"Teufel noch mal! Die Erde hat es bestimmt verschluckt!", sagte er leise und schüttelte über­rascht seine Arme. Er ließ sich in die Hocke fallen und tastete die Furchen ab, dann ließ er seine Hände über einige weiße Gras­büschel gleiten, die vor kurzem zertreten wor­den waren.

"Es ist wie verhext! Wo zum Kuckuck soll es sein?", fragte er sich, aber bevor er den Gedanken zu Ende geführt hatte schaute er nach oben, in die Bäume. Etwas scharfes bewegte sich unter seine Zunge und in die Brust als er das sah, was er sah: wie von den Ästen in deren Spitzen sich Bündel von Dun­kelheit und Licht in grünlichen und perl­muttfarbenen Tönen trennten und lautlos wie Rauch über der nackten Hausdachspitze und über den Spitzen der Maisstengel­haufen, ver­schwanden.

"Was zum Teufel!", staunte er bewegt und, so wie er in der Hocke da saß, mit müden Augen und schwitzenden Schläfen und hörte wie ungewöhnlich sein Atem pfiff, hatte er plötzlich der Eindruck, daß sich in ihm ein erregter Vogel eingenistet hatte, durch dessen Ohren er ein leises Geräusch in der Unbe­weglichkeit des Gartens wahrnahm.

 

Endlich bewegte jemand die Luft. End­lich spürte Tudor der Verzauberte den Geruch jener wilden Fohlen wie er ihm von irgendwo in der Nähe rauh in die Nasenlöcher stieg. Er sprang auf die Beine. Eine kalte Blässe klärte sein Gesicht auf. Nicht mehr in der Lage sich zu beherrschen, eilte er zur anderen Hofecke. Der Balken, der die großen Tore schloß, war herausgenommen worden und die Torblätter so verschoben, daß man sich zwischen ihnen durchzwingen konnte. Tudor der Verzau­berte stürzte

sich durch ihre Öffnung in die Straßenmitte. Er blieb unschlüssig stehen wobei er das Seil in der Luft schwang. Lang­sam spürte er wie die kalte Morgenluft ihm in den Rücken schnitt und wie sein ganzer Mut verschwand.

In demselben Augenblick aber, als er sein Gehör anstrengte, hörte er, wie jemand das Dorf von einem zum anderen Ende durch­querte und wie er laufend an der Ziegelei vorbei und in der Richtung des Flusses verschwand. Der Wildgeruch kam jetzt aufre­gend wie eine geheime Kühle, von drüben, aus jener Richtung, vom Ulmen­graben...

In dem Graben mit den gelben, abge­stürzten und von Mauerseglernestern durch­lochten Ufern, die von hohen Ulmen und von weißen Büschen bedeckt waren, kam das Licht schräg, bis auf die Höhe eines Men­schen über der Erde herab und blieb wie ein Nebel, von den Ästen, den Abgründen und den Höhlen hängend. Es war so als ob sich auf die Schößlinge und auf die Blätter in den Ulmenspitzen alter Goldstaub gelegt hätte, der das Zittern der Luft und der Schatten vergrößerte.

Tudor der Verzauberte schlich sich hinter die schwarzen Stämme der Bäume und atmete unruhig, schnell ein und aus. Aus der Tiefe des Lochs stieg der anziehende Geruch vom altem, gefallenen Holz. Die Ulmen schüttel­ten, leise knarrend, den nächtlichen Tau. Auf diese Weise durchnäßt, verbreitete die Erde unter ihnen dünnen Nebel. Seine Schritte wur­den vorsichtiger, seine Stirn schwitzte leicht; er fühlte, wie er von einer angenehmen Müdigkeit befallen wurde und das von Schat­ten zerrissenen Licht ihn umhüllte, in die Augen stach. Um so weiter er herabstieg hatte er der Eindruck, daß er durch ein bis ober­halb des Gürtels, unsichtbares und warmes Ge­wässer ging das in seinen Körper eindrang und sein Gehen verweichlichte so daß er ste­hen blieb, daß sich nichts in ihm noch beweg­te, um seine Ungeduld zu steigern.

An das gedämpfte Licht gewöhnt, in den Büschen versteckt, sah er sich jeden Schatten, jeden Strauch genau an. Die ausharrende  Stille ließ von dem anderen Ende des Grabens das gedämpfte Plätsch­ern des Flusses auf den steinernen Mauern des Felsens hören. Sein Blick blieb an dem Seil hängen und er sah wie seine weißen, von Hornhaut überzogenen Finger sich fiebrig um den Knoten der Schlin­ge krallen...

Ein Augenblick und aus derselben Rich­tung des Felsens krachte ein Echo; es fuhr zwischen de Bäume, beendete die Unbe­wegt­heit der Laubbögen, schreckte die Bü­sche auf und nahm ab, bis sich wieder die gierige Stille bemächtigte.

Tudor der Verzauberte wollte erwar­tungs­voll nach vorne stürmen aber er kam nicht dazu, auch nur einen Schritt zu machen, da er in demselben Augenblick gewußt hatte, daß es nichts in dem Ulmengraben gab. Ausge­laugt, nicht mehr wissend, was er glauben sollte, wischte er sich mit dem Ärmel die heiße Schweißrinne, die ihm auf der Schläfe lief, weg. Er fühlte ein laues Geschmack in den Mund. Er dachte, daß es besser wäre, aufzu­geben: zuhause hatte die Caterina den Pfer­dewagen vorbereitet und wartete, daß er zu­rückkehrte: der Sonnen­aufgang sollte sie auf dem Acker finden. Ohne zu wissen warum, bewegte er sich trotzdem nicht, im Gegenteil: er spähte noch auf­merksamer in die Lichtun­gen und entdeckte, nur einige Schritte von ihm entfernt, den Pfad, der er verloren hatte, und unten, auf dem weichen, nassen Gras, sah er frische Spuren. Verwirrt, sprang er aus sei­nem Versteck und ging hin, kniete nieder und sah sie sich aus der Nähe an, so lange, bis er sich überzeugt hatte, daß er sich tatsäch­lich nicht getäuscht hatte. Sie sahen wie schma­le, unbeschlagene Fohlenspuren aus.

"So wie ich es vermutet habe. Es ist zum Wasser gelaufen. Ich muß es die Schlucht bei dem Felsen hinabsteigen lassen und dann, wenn es schwimmt, mit der Schlinge fangen. Es wird mir nicht mehr entwischen können! Ich fange es!" - dachte sich Tudor der Ver­zauberte und gleich fühlte er, wie etwas in ihm auftaute und daß seine Brust tickte und daß er keine Luft bekam.

Er sprang beängstigt auf die Beine. Eine trübe, unbegrenzte Freude hatte angefangen ihn zu übermannen. Er nahm das Seil unter den Arm und nicht in der Lage sich von jener Freude zu entzweien, die über ihm gekom­men war, fing er an direkt durch das Ge­strüpp zu laufen. Das Laufen  erwärmte ihn. Er keuchte. Das Dickicht vermischte sich vor ihm, die rauhen Brombeerbüsche hakten an seinen Kleidern, zerrissen sie, die Äste schlu­gen auf seine Knie und Arme. Er lief mit allen Kräften, ohne etwas anderes hören zu können als das Traben des Wildes, wie es hinter den Grabenrand kam, über den Graben glitt und die Spitzen der Ulmen für lange Zeit durch­rüttelte...

Als er den Graben durchlaufen hatte und die Stiege zum Felsen in einem Atemzug hin­abge­stiegen war, befand sich Tudor der Ver­zau­berte am Flußufer. Rund um ihn wuchs die Kühle, so wie durchdringender Dampf und schnitt ihm den Atem.

Aus der Hochebene, aus der Richtung der Mandelbaumbewachsenen Einsamkeiten, kam ein kaum wahrnehmbares Geflüster, das die glatte Haut der Donau kräuselte und das die Stille vorausahnend vibrieren ließ. Vom an­deren Ufer folgten ihm gurgelnde Hahnen­schreie und die Luft erfrischte sich und erbleichte noch mehr.

Dann entsprang ein lebendiges, zerbre­chliches Licht und der Himmel und der Wald und das Wasser und die roten Wände der Felsen wurden wie aus Glas.

Dünne, samtene und blaue Vogel­umrisse, Menschenstimmen, Pferde- und Pferde­wa­gengetrappel bewegten sich unerwartet durch den heißen Staub. Tu­dor der Verzauberte schaute, schaute ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu hören...

Die Sonne wurde stärker, peitschte sein Gesicht. Unter seiner Feuersbrunst, von einer tiefen Stille beherrscht, irrte der Fluß un­fassbar wie eine Fata Morgana, wie ein rosa Dunst bis hinter dem Horizont, zu den ver­schneiten, unsichtbaren Bergen.

Plötzlich fühlte er wie in seinen Venen ein unbekanntes und betörendes Feuer loderte, das seinen Leib erleichterte und seine Beine unheimlich stärkte. Ein Wiehern, zuerst wie ein Geflüster, dann  immer klarer und unbän­diger entwich seiner Brust und stieß in den hohen, aromareichen Sonnenaufgang.         

           

 

Aus dem Rumänischen von Radu Barbulescu


Gheorghe SASARMAN

 

ATLANTIS

 

Der triumphale Empfang war bis ins kleinste Detail geplant. Man er­wartete, daß die Retter sich jeden Augenblick der Menge zeigten. Zwar wußte niemand genau, wer sie waren und wie sie eigent­lich aussahen, aber alle waren davon überzeugt, daß sie sie sofort erken­nen würden, wenn sie erschienen. Was die Art betraf, wie sie reisten, und die Richtung, aus der die ge­heimnisvollen Gäste eintraffen soll­ten, bezogen sich die heiligen Bü­cher der Atlantiden auf eine (für sie unverständliche) Zukunft.

Alle Seelen der Großen Stadt hat­ten sich um die Stunde Z auf dem geräumigen Hauptplatz versam­melt. Der Schatten des Zeigers wan­derte langsam über das weiße Antlitz einer riesigen Sonnenuhr; sie verfolgten schwei­gend, vor Er­regung übermannt, wie er sich dem roten Strich näherte, der das dra­ma­tische Zeichen für das Ende be­deutete. Natürlich war es un­mög­lich, daß einer der Anwesenden das wußte; dennoch empfanden sie eine merkwürdige Ahnung, eine uner­klärliche Angst, die den mystischen Schauder des feierlichen Augen­blicks verstärkten.

 

Die Stadt war verlassen. Auf Stra­ßen und Plätzen – mit Ausnahme des Ver­samm­lungs­orts – hatte das gewimmel plötzlich aufge­hört; das Reich des Schweigens, das Jahr­tausende lang hier herrschen wür­de, war um einige Stunden vorweg­genommen. Die kon­zen­trischen, aus der erstarrten Lava der er­loschenen Vulkane errichteten Be­festi­gungen – die dieser Festung des Luxus und des Reich­­­tums den Ruf der Unbesiegbarkeit eingetra­gen hatten – konnten dem telluri­schen Angriff nicht widerstehen. Ein­drucks­volle Paläste, die unvor­stell­bare Schätze ent­hielten, wür­den ent­gül­tig vor gierigen Blicken in Sicherheit sein.

Der blutrote, in den Marmor des Zif­fer­­blatts geritzte Strich wurde vom Schatten bedeckt – ein böses Omen; im gleichen Augenblick er­schütterte ein Stoß von ungeheurer Gewalt die Grund­festen der Stadt. Die Erde erzitterte, die Erdkruste brach auf wie eine dünne Schale, und das glänzende Atlantis begann  majestä­tisch  in den  Fluten  zu ver­sin­ken; es nahm das Schicksal eines Imperiums in die Tiefe mit.

 

Trotz der Panik, die entstand, und ob­wohl sie die Kleidung dieser Zeit  trugen, wurden die Gäste sofort er­kannt. Sie nahmen an ei­nem Zeit-Raum-Unterneh­men teil, das auf wissenschaftlichen Über­legungen (und zuge­ge­benermaßen auch auf journalistischer Neugierde) beruh­te, waren eben erst ange­kommen und wollten dem Untergang von Atlantis beiwohnen. Dieses Phäno­men war auf geologische Ursachen zurückzuführen – das ging jeden­falls aus den Unterlagen hervor, die Ihnen zur Verfügung standen. Aber das Zeitvehikel hatte eine Panne, und es wahr nicht sehr wahr­schein­lich, daß ihnen eine zweite Expedi­tion zu Hilfe kommen würde, nach­dem der erste Ver­such gescheitert war. Sie waren zwi­schen den bar­barischen Hel­den der Vor­geschichte ausgesetzt, den Folgen der Kata­strophe preisgegeben, viel­leicht für immer von ihren Zeitgenossen ge­trennt, und ihre Situation war keinesfalls ange­nehm.

Sie fanden jedoch die Kraft, ihre ein­zig mögliche Bestimmung zu ver­folgen, näm­­lich als Retter aufzu­treten, und tru­gen mit der ganzen Intelligenz und Kul­tur, über die sie verfügten, zum weiteren Verlauf der Ereig­nisse bei – über den sie ja in großen Zügen Be­scheid wußten.

„Zum Hafen!“ befahlen sie den Atlan­ti­den, die ihnen wider­spruchs­los gehorch­ten.

„Nehmt nur Le­bens­mittel mit, mög­lichst viele Le­bensmittel! Unsere Rettung liegt auf dem Meer...“

Sie verließen den Kontinent, dessen Rui­nen der Atlantische Ozean überflutete. Viele Galeeren sanken unter dem Anprall der erbar­mungslosen Wellen; für jeden, der der Vernichtung entging, mußten hun­derte ihr Leben lassen. Die Überle­ben­den zerstreuten sich über die ganze Welt, befolgten die Lehren der als heilig verehrten Retter und gründeten Zivili­sa­tio­n­en, die lange Zeit für die ersten gehalten wurden.

 

Es wurde wiederholt versucht, die ver­schollenen Erforscher der Ver­gan­genheit zurückzuholen; aber je­ne von ihnen, die nicht während der langen Irrfahrten bei einem Schiffbruch ums Leben gekom­men waren, hatten keine Lust, auf den Status als Gott­könige oder auf die Berufung als Missionare der Evolu­tion zu verzichten,  so  daß  keiner mehr in seine Zeit zurückkehrte. Bis heute ist die Frage nicht be­antwortet, ob das Zeit­vehikel durch die geologische Katastrophe zer­stört, oder ob diese Katastrophe durch einen Defekt in seinem An­triebssystem ausgelöst wurde. Man kann auch keines­wegs die Möglich­keit ausschließen, daß dieser De­fekt von den Forschern selbst ab­sichtlich her­beigeführt wurde...

 

Dt.-Übersetzung: Hilde Linnert.

 

Autorensteckbrief

 

Gheorghe Sasarman: Doktor der Architektur­theorie, Schrift­stel­ler, Jour­nalist, Informatiker.

Geboren am 9.4.1941 in Bukarest, Rumänien. Lebt seit 1983 in München. Studium und Pro­motion an dem Institut für Architektur, Bu­karest (1959-1965, bzw. 1978). Aus­bildung zum System­analytiker in Buka­rest (1982) und zum EDV-Fachmann in München (1984-1985).

Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeit­schriften und Sammelbände in Rumä­nien, Deutsch­land, Frank­reich, Italien, Japan, Polen, Un­garn. Buchveröf­fentlichungen: Oracolul (Das Ora­kel), Erzählungen, Ed. Tineretului, Buka­rest 1968; Cuadratura cercu­lui (Die Quadratur des Kreises), Erzählungen, Ed. Dacia, Cluj (Klau­senburg) 1975 u. 2001; Himera  (Die Chi­märe), Er­zählun­gen, Ed. Albatros, Bukarest 1978; Functiune, spatiu, arhitectura (Funktion, Raum, Architektur), Essay, Ed. Meridiane, Buka­rest 1979; 2000, Roman, Ed. Eminescu, Bukarest 1982; Die Enklaven der Zeit (deutsche Fassung von 2000), Roman, Heyne Verlag, München 1986; Cupa de cucuta (Der Schierlings­becher), Roman, Ed. Sedona, Timi­soara (Temeschburg) 1994; La Quadrature du Cercle (französische Fassung von Cuadratura cercului), Erzählungen, Verlag Noèl Blandin, Paris 1994, Sud contra Nord (Süd gegen Nord), Roman, Ed. Dacia, Cluj, 2001.

Internationaler Preis für die beste Science-Fiction Kurzgeschichte (1963, beim Wett­bewerb sieben osteuropäischer Länder). Der Europa-Preis für die beste Erzählung (bei der Europäischer Science Fiction Tagung EURO­CON 1980, in Stresa, Italien).

Mitglied des Rumänischen Schriftsteller­ver­ban­des (Uniunea Scriitorilor) und der Deutsch-Ru­mä­ni­schen Schriftsteller Vereini­gung (ASRG / DRSV-München).


Florin SLAPAC

 

2 x KURZGESCHICHTEN:

 

Ein anderes Wintermärchen

 

Katy hat die massive Türe aufgeschoben und hat sich verstohlen in die Küche geschli­chen.

Linkische Diener und flinke Dienstmäd­chen liefen umher. Stramme Köchinnen mit klobigen Händen schwirrten weiß bekleidet um die, mit dampfenden Fleischbrocken und geköpften Gemüse vollbeladenen Tische her­um. Geronnene Blutspuren krochen wie fette Re­genwürmer, auf den weißen Kachelwänden. Die Schlachtermesser, groß wie Äxte und scharf wie Rasiermesser schnitten fleißig und warfen durch das Fenster scharfen Strahlen der Sonne entgegen, die sich erfroren und düster aus die Spitze einer welken Pinie umsah.

Klapps der Oberdiener, der wegen seines Mund­geruchs von allen anderen gemieden wurde, verfolgte die Vorbereitungen aus To­ten­augen.

"Mein Gott, was für ein entnervender Win­ter", murmelte er, wobei er seinem rheu­ma­tischen Ellenbogen betastete. "Was lang­weiligeres gibt es nicht! Was ich nicht geben würde, um für einen Augenblick wie Adam zwischen den Blumen herumtollen zu kön­nen! Ein wenig spüren, daß ich lebe, daß ich lebe und atme..."

Nana die Köchin hat laut geschnäuzt bevor sie ihren wogenden Gang fortsetzte. Sie trug einen mit Schweineherzen gefüllten Flecht­korb. Als sie sie hörte, zog Klapps eine strenge Augenbraue hoch. Bei jedem Schritt zuckten ihre riesigen, der Verleumdung pre­desti­nierten Pobacken kräftig zusammen. Von einem Lustanflug gestochen, kratzte sich Klapps den Kopf.

Der Wind pfif ungebändigt und drang durch die Mauerrisse hindurch. Katy ließ ihr Kätzchen aus dem Schoß auf dem Boden laufen und schnitt der Köchin Nana den Weg. Gleich als sie sie sah, zog diese mit einer über­raschend flinken Bewegung eine schma­le, schmutzige, vielfarbige Zuckerstange aus ihrer tiefen Schürzentasche. Klapps hatte sie gesehen aber entschied sich, nichts zu sagen, nicht aus Großzügigkeit sondern weil genau in jenem Augenblick ein furchtbarer Schmerz sein Ellenbogen durchbohrt hatte.

Katy lief, ihre Zuckerstange schnell schlek­kend, hinter der Katze her. Sie ist in den Hof gelaufen, wo der Wind ihr den Weg ver­sperrte, aber sie hat nicht aufgegeben, hat ihren Schal fester zugezogen, und ging, tränende Augen, weiter. Klapps hat den Knirps mit den Augen verfolgt bis das Schnee­gestöber sie ganz verschluckte. Was er nicht alles dafür gegeben hätte um an ihrem Platz zu sein, durch ein Wunder in ein unbeküm­mertes und ver­schwitztes Kind ver­wandelt, an einer süßen Zuckerstange statt an einem uralten, verfaulten Zahn lutschen zu können. Plötzlich tropfte auf sein einge­fallenes Gesicht eine blutfarbene Träne. Er war sicher, keinen anderen Winter erleben zu werden. Nächstes Jahr um die Zeit wäre er vermutlich begraben und noch verfaulter wie jetzt sein. Und trotzdem.

Nana erschien im Fensterrahmen. Sie war so rundlich und lebendig, daß auch der Schneesturm sich vor ihr beugte.

Klapps zog die Lippen zusammen, kratzte sich nochmals am Kopf, zog seine bestickte Livree zurecht und ging steif wie ein Zinn­sol­dat durch die Hintertür dieser Prosa raus.

Als Nana seinen eisigen Atem im Nacken spürte, ließ sie überrascht den Korb aus ihren großen und roten Händen fallen. Die ge­fro­renen Herzen wurden im schmutzigen Schnee verstreut. Nur ein einziges hat noch einmal geschlagen, mit der, irgendwo in der Seele des Mädchens - das von Weitem und mit dem Kätzchen im Arm die Szene betrachtete -, versteckten Pendeluhr im Einklang.  

 

Erleuchtung

 

Es war ein kaltes Jahr. Wird es mir in Er­in­nerung bleiben? Nein. Als Beweis: es hat schon ein anderes, genauso endloses, genauso kaltes, angefangen. Die Winterfeste sind vor­bei. Das Haus, vereist, scheint von Geistern bewohnt zu sein. Der Kälte wegen irre ich von einem Zimmer zum anderen, vermummt wie eine Greisin. Mir tun die Zähne weh und ein Ohr ist vereitert. Die Spiegel, von Eisblu­men zerfressen, glänzen oder verdunkeln sich wenn ich vorbei gehe. Die schweren, haarigen Kleider, mehrere Lagen davon, kleben an mei­nem kalten, verschwitzten Körper. Die zwei Schals drücken mein Hals und wollen mich erwürgen. Die Fellmütze mit Ohren­schützern läßt mich nichts hören. Ich schreite wie in einem wattierten Traum. Die Wolke, die von meinem pfeifenden Atem erzeugt wird, ist zerbrechlich, voller Kristalle. Ich ge­he vorsichtig um sie herum. Ohne Überzeu­gung versuche ich, noch einmal die Türe zur Welt zu öffnen, die seit langem von einem Eisberg versperrt ist. Ich gehe durch die Küche und breche den Eiszapfen ab, der über Nacht an der Wasserhahn gewachsen ist. Ich lutsche ihn abwesend und das Brennen scheint meinen Hals zu erwärmen. Ich irre herum, ich bemühe mich den steifen Schrank zu öffnen, ich betaste die glasige Oberfläche einer Konserve. Ich kehre ins Wohnzimmer zurück, streiche über das Leichentuch eines Sofas. Ich gehe in die Bibliothek. Ich steige mit kraftsparenden Bewegungen auf die fünf­sprössige Leiter. Ich wähle ein massives Buch aus, versuche, es aus dem Regal rauszuholen. Ich gebe mir Mühe, ich schnaufe, ich werde stur, das Spiel holt mich ein, ich fühle ir­gendwo in der Brust und im Hinterkopf zwei winzige Wärmepunkte. Die Hände gleiten auf der glatten Lederbindung, ich purzele herun­ter. Ich suche blindlings in der Rumpel­kam­mer, reiße einen Hammer und eine Meißel ab, gehe zurück, steige wieder hinauf. Die Idee daß gerade dieses Band extrem wichtig ist er­wärmt mich. Ich bin überzeugt, daß ich um­sonst geboren bin, falls ich es nicht so zu sagen mit Devotion studiere.  Ich schlage fest zu, ich zerbreche die Eisschicht, ich lecke den Umriß des Rückens ab, und, endlich, mit dem Schinken in der Armen gehe ich zum Tisch. Ich kann mich aber nicht, wegen den dicken Felljacken, in welchen ich gehüllt bin, hin­setzen. Ich passe nicht in dem Stuhl. Ich schimpfe, aber habe keinen Mut, mich eines Kleides zu entledigen. Ich habe den Ein­druck, daß ich augenblicklich erfrieren wür­de. Der Stuhl klebt am Boden fest, kann nicht bewegt werden. Ich steige auf ihn drauf und lege mich ganz auf den Tisch. Es ist eine et­was unbequeme Stellung, aber doch nicht all­zu unbequem. Mit Hilfe des scharfen Spi­tze der Meißels öffne ich das Buch irgendwo in der Mitte. Ich sehe seltsame Buchstaben, die ich nicht verstehe. Oder habe ich vielleicht das Lesen verlernt. Ist das möglich? Im Grun­de genommen alles ist in diesem dunklen und kalten Universum möglich. Ein Universum das, sagt man, auch einige Wärmequellen hat, einige Feuersphären, so geizig, daß jenem der das Unglück hat, die Augen zu weit von ihnen entfernt aufzumachen, der Vertrauen in das Leben augenblicklich erfriert. Immer­hin: irgendwann, vielleicht in meiner Kindheit an welche ich mich gar nicht mehr erinnere, ist es mir warm und gut gewesen. Sonst hätte ich bis jetzt nicht überlebt! Ich schlage die Seite auf. Eine blendende Illustration macht mich die Augen schließen. Sie ist buchstäblich blen­dend. Eine Sonne ist in die Mitte gemalt. Ich habe den Eindruck, meine Augen werden zerplatzen. Ich höre aus dem Inneren meines Kopfes, wie aus einer Ressonanzschachtel, mei­ne Augenlider quietschen. Mir wird schwin­­delig. Ich steige vom Tisch herunter, mit geschlossenen Augen um mich tastend. Als ich endlich den Boden unter mir fühle, kommen mir die Tränen. Ich habe Mitleid mit etwas. Nein, nicht mit mir. Vielleicht mit diesem Bündel von kosmischen Kräften, die, müde von zu langem Warten, mit ihren Zähne knirschen. Aber worauf warten sie? Was er­warten sie? Ich öffne zögernd die Augen und, mit wohl überlegter Vorsicht, durch die stei­fen Augenlider blickend, packe ich den schweren Band fest. Et voilà! Die Ordnung ist wiederhergestellt worden. Ich bin zufrieden, weil ich einen lindernden Gedanken aus dem Flug gefangen habe. Vielleicht derselbe vom vorigen Jahr. Es ist Zeit, ich fühle es, daß ich mich zurückziehe. Ich arbeite mich vor, mich an die steinernen Möbelstücken schlagend, bis ins Schlafzimmer. Gleich nachdem ich die Türe geöffnet habe, wird die Luft um mich feucht. Von einer Dunstwolke umgeben gehe ich zum Kamin in welchem das Feuer ver­glimmt. Ich nehme den Schürhaken, stöbere der Glut, ich lege das Buch, von großem kalorischen Wert, dorthin wo sein Platz ist. Die Ideen, die keine Erleuchtung bringen, tau­chen umsonst auf. Die Flamme erheitert plötzlich die Umgebung. Wärmewellen drin­gen durch mich hindurch. Ich reiße die Klei­derschichten herunter mit der Geschwin­dig­keit des Lichtes, das aus einer Ikonen­leuchte fließt. Ganz nackt, bin ich von meinem wie ein angezündeter Pfeil aufgerichteten Ge­schlechts­organ zu dem Pelzhügel in der Mitte des Zimmers gezogen, wo meine bessere Hälf­te in der Obhut des vagen Duftes einer un­erfüllten Weiblichkeit  schläft. In dem Mo­ment, als sich der Kontakt, selbstverständlich von einer kolossalen Intensität, vollzieht, fan­ge ich noch einen Gedanken im Flug ab und... basta!, die Dunkelheit holt mich ein: im Licht eines Buches kann die Dunkelheit selbst schwanger werden.     

 

 

Aus dem Rumänischen von R.-F. Barth


Titu POPESCU

 

Der steinerne Mensch

 

Dem Schauspieler und Freund Ovidiu Schuhmacher

 

Ovidiu fand eine seltsame Art (unmöglich jenen zu empfehlen, die nicht mit gewissen Fä­higkeiten ausgestattet sind), während sei­nes Aufenthalts in München, etwas Geld zu ver­dienen. Die Mehrheit derer, die auf ihrer Durchreise versuchten, das Vergnügen mit dem Nützlichen zu verbinden und ihren tou­risti­schen Gefühlen das Fieber eines Ge­win­nes hinzuzufügen, forderten das Schicksal durch das Risiko der Schwarzarbeit heraus. Aber in dieser Gegend war es nicht so ein­fach. Die Firmenbesitzer hatten Angst, vom Finanzamt aufgespürt und bestraft zu wer­den. Bei einigen übertraf aber die Ver­su­chung die Vorsicht und sie ließen sich vom Ge­winn durch niedrige und steuer­freie Zah­lun­­gen ver­führen. Andererseits war ja aber auch der „Schwarzarbeiter“ Unannehmlich­keiten aus­­gesetzt, und im Falle, daß er Pech hatte, war die größte Unannehmlichkeit die Aus­wei­sung  des Ausländers,  der einige Jahre „das Land der Lorelei“ nicht mehr betreten durfte. Aber weil die Versuchung beider Sei­ten groß war, konnte man glückliche Besitzer deutsch­er Währung treffen, die mit dem Zu­recht­kommen in Ausland  beschäftigt waren: das Ent­decken der billigsten Läden und jener Geschäfte, wo man um den Preis feilschen konnte. Die Er­fahrung von Zuhause lehrte die Unseren, daß auch das Unmögliche möglich sei. Es ist wahr, daß sich die wert­vollen Lehren mit der etwas witzlosen Natur der Deutschen und ihrer Ohren, die an einen ge­sungenen Anflehungsklang nicht ge­wöhnt waren,  nicht  bewährten. Aber, wie ich schon sagte, gab es auch einige, die das Risiko auf sich nahmen und durch welche man einen Gewinn, der einen verlängerten Enthusias­mus garan­tierte, erzielen konnte. Aber weil der Rumäne sich nicht sehr oft einer Radio­graphie seines Gewissens unter­zieht, hat er die gesunde Naivität, die gute und fröhliche Seite der Dinge einfach hinzu­neh­men und alles andere in Vergessenheit geraten zu lassen.

Jetzt aber zu Ovidiu. In München einge­trof­fen, konnte ich nicht ahnen, daß sein Be­such mich vor ein „ästhetisches” Problem stellen würde. Es ist wahr, daß er selbst nichts da­von ahnen konnte, desto weniger unser gemein­samer  Freund, der  Maler Vasile,  der ihn be­gleitete. Die Tatsache, daß sie zusam­­men ein­reisen konnten, daß in der Hauptstadt Bayerns das Trio wieder zusam­men­gefunden hat, mach­te mich sehr glücklich: das Trio, daß eine lange Freund­schaft zwischen einem Schauspieler, einem Maler und einem Jour­nalisten zusammengeschweißt  hatte.

Ovidiu bekam ein Geldproblem, als er er­kannte, daß die Preise gebrauchter Klein­wägen höher waren, als er es sich Zuhause vorgestellt, oder wie es ihm der eine oder andere erzählt hatte. Da er aber ein humor­voller Junge war, fiel es ihm nicht schwer, seinen Wunsch sofort aufzugeben... bis ein unerwartetes Ereignis ihm den Schlüssel zur Lösung seines Problems bot.

Es war, wenn ich mich noch recht erinnere, am dritten Tag nach seiner Ankunft, als der Wunsch, durch die Stadt zu bummeln uns aus meiner Wohnung verjagte,  wo wir eine ver­län­gerte Wiedersehensfeier genos­sen und den Versuch unseres ehemaliges und sehr be­rühmtes Triumvirat wiederherzu­stellen ver­sucht hatten. Nach einem langen Spazier­gang durch den Englischen Garten kamen wir in die Leopoldstraße und beabsichtigten, einen Biergarten am Marienplatz aufzu­suchen. Am Marienplatz angekommen schlichen wir uns durch die Menschen­menge die Tag  für  Tag dieser, für jeden Besucher Münchens beson­deren Attraktion huldigt. Indem wir in den engen Gängen der zahl­reichen Biergärten des Marktes auf der Suche nach einem freien Tisch herumirrten, hörte ich plötzlich Ovidu, den letzten in unserer For­mation,  sieg­reich schreien:- „Das ist es, ich hab’s!“

Ich dachte, er hätte einen freien Tisch, den wir übersehen hatten, gefunden, aber seine Hand zeigte in eine völlig andere Richtung und zu was ganz anderem: zu einem Panto­mimekünstler, der seine Nummer, die in das Münchner sommerliche Bild paßte, gleich rechts von uns vorführte. Er stand unbeweg­lich auf einem mit vergoldeter Folie einge­wic­kelten Podium. Wir blieben stehen, um ihm zuzuzusehen. Der Mann war ein Künstler der Erstarrung, ein Virtuose der Zurück­haltung, das Gegenteil eines gewöhnlichen Panto­mime­künstlers, er machte die Unbe­weg­lich­keit nach, die perfekte Unbeweg­lichkeit. Er bewegte sich ebensowenig wie eine Statue auf einem Sockel. Er war in der Farbe des Sockels ge­kleidet , sogar sein Gesicht war mit dieser Farbe bemalt, auf dem Kopf trug er einen schwer erkennbaren Turban. Es schien so, als ob ihn ein Goldregen völlig bedeckt und ihn in eine goldene Zusam­men­ge­hörigkeit mit dem schmalen Sockel gegossen hätte. So erstaunlich lang konnte er jegli­ches Lebenszeichen unterdrücken, jegliches Auf­zucken beherrschen, daß er wahrhaftig eine Statue zu sein schien, die man in ihrer natürlichen Unempfindlichkeit bewun­dern mußte. Seine Regungslosigkeit lenkte die Aufmerk­samkeit der Touristen und der Schau­lustigen auf ihn. Wenn einer von ihnen sich der Mütze, die vor ihm lag, näherte und in diese eine Münzte fallen ließ, dankte der steinerne Mensch auf seine Art: er erhob lang­­sam die Augenbraue oder lächelte kaum merkbar. Ich beobachtete ihn längere Zeit mit jener gemeinen Neugier, die nur darauf war­tet, einen Makel zu entdecken. Aber nichts! Der Mensch trug seine Nummer tadellos vor.

Der erste, der die Geduld verlor, war Ovi­diu: wir nährten uns einem Tisch, der gerade frei wurde; man konnte seine Ungeduld, uns etwas sehr Wichtiges mitzuteilen, merken. Kaum hatten wir Platz genommen, da fing er schon an: „Genau das werde ich auch tun“, sagte er, und zeigte mit einer Kopfbewegung in die Richtung des reglosen Menschen. „Lacht nicht“, fügte er sofort hinzu, weil er mein unglaubwürdiges Lächeln und das von Vasile sah, „lacht nicht, ich meine es sehr ernst. In erster Linie will ich mir selbst be­weisen, daß ich auch diese Rolle spielen kann, und zweitens kann ich vielleicht auch etwas Geld verdienen, wer weiß“...

Er ließ uns keine Zeit, uns dazu zu äußern: „Ich bin Schauspieler und werde mich allein in die Rolle dieses unbeweglichen Darstellers zu versetzen suchen. Danach, wenn ich auch von Kopf bis... zum Sockel bemalt bin, wird mich niemand erkennen, auch wenn der Zufall einen Landsmann, der mich kennt, vorbeiführen sollte. Nur ihr werdet es wissen und nur ihr allein werdet Zeugen meines Erfolges, weil ihr wißt, daß ich es schaffen werde. Nach drei Tagen Übung, oder besser gesagt Training, weil es ja eigentlich nichts zu üben gibt, werdet ihr mich als Stein be­wundern. Wie ihr es sicherlich be­merkt habt, werdet ihr nicht die einzigen sein...“

Ovidiu meinte es ernst. Was hätten wir ihm noch einreden können? Eigentlich war’s ja einen Versuch wert. Wenn er es schaffen sollte, wäre daß nur eine Anerkennung seiner schau­spielerischen Leistung.

Am nächsten Morgen verwandelte sich unsere alte Freundschaft in eine Schutzgöttin von Ovidius Übungen. Er suchte sich eine Ecke des Zimmers aus, in der er versteinert und ob gleichgültig wie nur möglich gegen unsere Bewegungen stand, und bat uns, uns ganz natürlich zu verhalten, um den Rummel der Touristen vom Marienplatz zu simulieren. Seine von der Bühme her geübte  Beherr­schung favorisierte sichtlich den Versuch, in diese Rolle der perfekten Versteinerung zu schlüpf­en. Nur: Nach zwei Tage Ver­steiner­ung, war seine perfekte Versteinerung gar nicht per­fekt: ein Zittern des Armes, ein Zucken der Augenbraue, eine leichte Be­wegung der Brust verrieten ihn. Es war offen­sichtlich, daß er sich anstrengte, und daß es ihn ärgerte. Aber seine Hartnäckigkeit über­zeugte uns, und wir glaubten an seinen Erfolg.  Vielleicht war es nicht die richtige Tech­nik, die er dafür benutzte, oder er konnte einfach diese Rolle nicht spielen. Bei jedem Versuch fehlte sehr wenig, um perfekt zu sein, aber genau das zerstörte die Voll­kom­men­heit. Ohne es ihm zu sagen, litten wir mit ihm. Dann kam dem Maler die rettende Idee: „Ich hab’s! Ab jetzt wirst du nicht mehr üben müssen, du wirst mir Modell stehen!“

Gleich erkannte ich, daß Vasile es ernster meinte, als ich anfangs geglaubt hatte. „Aber nicht so wie du jetzt dastehst“ fügte Vasile noch hinzu „sondern der Reihe nach und in Fragmenten. Anfangs werde ich deinen lin­ken Arm malen, konzentriere dich auf ihn und zeig mir ihn so, wie er ist.“

Ich beobachtete Ovidiu, wie er sich dem ern­sten Spiel Vasiles fügte. Er hatte seine linke Hand hochgehoben, so als hätte er die ganze  Energie  seines  Körpers dorthin  ver­lagert, Energie, die ihn schwer und starr machte, gleichzeitig raubte die innere Kon­zentration seine letzte Lebenskraft und ver­steinerte sie. Vasile zeichnete ihn wahr­heits­getreu, in den feinsten Zügen, und das Wun­der ge­schah unter unseren Augen. Je mehr er in die Zeichnung alle Einzelheiten des Arms sam­mel­te, sammelte er darin seine ganze Per­sönlichkeit: die linke Hand Ovidius schien ein verkohlter Ast eines uralten Baums zu sein. Ich hatte das Gefühl, daß wenn ich ihn be­rührte, würde er in sterile Gestein­körnchen verfallen. Mit einer unglaub­li­chen Ge­duld trennte in Zeichnungen Vasile das Le­ben aller Körper­teile Ovidius ab und über­redete ihn jedesmal, daß seine Zeich­nungen leben­dig seien, und daß er, der Schauspieler, nur noch in ihnen existiere. Mich faszinierte dieser ästhetische Verwand­lungs­prozeß, die­se Materialisierung durch die Kraft der Kunst.

„Und jetzt die endgültige Sze­ne“ verkün­dete Vasile: „Der Schauspieler in einer voll­stän­dig­en Bewegung! Du sollst es wissen“ wen­dete er sich ihm zu „daß dann wenn die Zeich­nung fertig ist, es dich nicht mehr gibt, sondern nur den aus der Zeich­nung allein, und nur an das sollst du die ganze Zeit denken, wenn du auf dem Markt bist.“

Alles verlief so, wie es Vasile gesehen hat­te: er hatte  ihn  zerlegt  und   wieder  zu­sam­mengestetzt, er ließ ihn die ganze Zeit an die Zuver­lässig­keit seiner Arbeit glauben, in der objekti­ve Gewißheit seiner Arbeit. Es schien als wären wir zu viert: wir drei und Ovi­dius Double, der die Gegenwart der Zeich­nungen Vasiles beherrschte. Der Maler Va­sile wurde ein Magier, ein moderner Wun­dertäter.

 

Am nächsten Morgen beeilten wir uns Ovidiu auf den Markt zu installieren. Nach­dem wir den Sockel zusammengebaut und die in Farbe gut eingetauchte Statue des Schauspielers aufgestellt hatten, entfernten wir uns gerade als die Touristen anfingen, sich um unseren Freund zu versammeln. Vasile war seiner Sache sicher, ich aber versuchte meine Aufregung zu unterdrücken. Wir trafen uns auf dem Marienplatz, wie wir es vereinbart hatten. Ovidiu dominierte den Platz mit der Feierlichkeit seiner perfekten Unbe­weg­lichkeit. Wir verspürten diese tri­umphier­en­­de Unbeweglichkeit auch und hofften daß es auch Ovidiu so empfand, als Anerkennung und Belohnung. In dieser Hin­sicht haben wir uns geirrt. Wie er es uns Zuhause gestand, hatte er während der gan­zen „Vorführung“ gar nichts gefühlt: über­haupt nichts, nicht einmal Müdigkeit, als wür­de ein  anderer  seinen  Körper  beherr­schen, oder besser gesagt niemand, wie eine leere Gipsstatue...

Das wiederholte sich einige Tage, aber es sollte ein unvorhergesehenes Ende haben. Am Nachmittag dieses Tages, so wie wir es vereinbart hatten, erwarteten wir Ovidiu zu­hau­se, er erschien aber in einem unmögli­chen Zustand früher als üblich: müde, er­schöpft, entkräftet; vor Zittern konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Wir eilten beide, um ihm zu helfen und um zu erfahren was passiert sei: es war offensichtlich etwas passiert. Und weil der Schauspieler die Ge­heimnistuerei unter den Freunden nicht aus­stand, erzählte er uns, gleich nach dem ersten Glas Bier, was sich zuge­tragen hatte :

„Ich stand sehr ruhig und ohne jeglichen Ge­danken da, an dem gewohnten Platz, den ihr ja gut kennt, bis zu dem Zeitpunkt als ich durch die halboffenen Augen einen Fremden, der mich mit einer ungewöhnlichen Neugier be­obachtete, entdeckte. Er studierte mich, um mich abzuzeichnen oder um mich zu malen, so genau konnte ich es nicht er­kennen, es war klar, daß meine Exzentrizität ihn inspi­rierte. Er studierte mich mit einer Hart­näckig­keit, die mich durchdrang und är­gerte. Es war, als ob ich neu zum Leben erweckt würde. Er studierte mich und malte; ich  erwachte  aus der Erstarrung  und  fühlte, daß ich  nicht  mehr ich selbst  bin, ich,  der vom Sockel.  Ein  Arm fing an zu schmerzen, dann der an­dere, da­nach der ganze Körper; letztendlich zwinkerte ich, die Luft erfüllte meine Brust, die Beine fingen an zu zittern, mich überfiel eine unge­heure Müdigkeit, wie noch nie... Du hast mich versteinert“ sagte er zu Vasile, „und er holte mich zurück ins Le­ben, er konnte mich nicht zum zweiten Mal ver­steinern. Der steinerne Mensch schmolz, ihn gibt es nicht mehr, ihn kann es nicht mehr geben. Dieser Tourist dürfte mich nicht zum zweiten Mal zeichnen, weil es kein zweites Ende gibt, sondern nur eins, das endgültige. Ich wollte seine Zeich­nung zerstören, doch als ich zu mir kam, war er in der Menschen­menge verschwunden und mit ihm der Traum meiner Unbeweglich­keit. Er hat meinen Zau­ber gestohlen. Ich wachte auf und fühlte mich verspottet und erniedrigt. Ich lief hierher...“

Es war der erste und der letzte Versuch Ovidius, der steinerne Mensch zu sein.     

 

 

Aus dem Rumänischen von Sorin Anca

 

Entnommen aus dem in unserem Verlag erschiene­nen  Band Titu Popescus  "Der steinerne Mensch und andere ungewöhnliche Erzählun­gen", Sammlung Dl-Prosa, ISBN 3-930672-47, 60 S., DM 6.-- / Eur 3.15. Bestellungen durch den Buch­handel oder  direkt beim Verlag.


Radu Barbulescu

 

QUASILLÀS GESCHENK

 

Als der große, gelbe Postlastwagen vor der Münchner Wohnhaus von Ibni Mahmoudi Al Salmaanami bremste, und die zwei fluchen­de Gepäckträger die mannshöhe, eineinhalb auf eineinhalb Meter Breite sorgfältig gezimmer­te Holzkiste auf die Wendetreppen im letzten Stock trugen, war der Adressant nicht zu­hause.

"Aber irgendjemand muß doch uns geöffnet haben!", sagte der, der das von den Beiden das Sagen zu haben schien.

"Es war vielleicht ein Nachbar", meinte der andere Träger.

"Und was machen wir jetzt?", fragte der erste, um eher sich selbst zu beantworten. "Sollen wir die Scheißkiste zurücktragen?"

"Auf keinen Fall!", meinte der zweite, der sich den Schweiß auf den Stirn mit drei zu­sammengefalteten Tempotücher abwischte. "Die wiegt mindestens eine Tonne!"

"Es würde jemanden auch schwer fallen, sie zu entwenden. Also, nichts wie weg!", sagte der erste und fügte hinzu: "Der Kanake wird irgendwann wiederauftauchen, also stecken wir ihn die Benachrichtigungszettel unter die Türe hindurch. Das Porto wurde schon ordnungsgemäß bezahlt, also, hier haben wir tatsächlich nichts mehr verloren."... 

Die Kiste blieb also auf dem Treppen­hausflur stehen. Der glückliche Empfänger, der sich als Langstreckenfahrer auf einer längeren Reise kreuz durch Europa be­fand, wusste nichts darüber. Der Wohnungs­nach­bar, der gerade eine mehrwöchigen Alko­holent­ziehungskur genoß, konnte auch nichts bemerken. Die Putzfrau, die jeden zweiten Tag die Treppen abwischte, war nur froh, die sich unter die Kiste befindende Fläche nicht mehr sauber machen  zu müssen.

Ende der Woche dürfte Ibni Mahmoudi al Salmaanami endlich wieder in seinem Münchner Bett schlafen. Endlich schlafen! Die Firma, für welcher er arbeitete, steckte immer in große Geldschwierigkeiten und die Fahrer, die immer zu wenige waren, um den Betrieb in Schwung zu halten, mußten immer wieder einige Abstriche in was geregelte Arbeitsverhältnisse betraf, ma­chen. Die Fahrzeitaufzeichner hin und wie­der zu fingieren war keine allzu große Schwierigkeit, in einer Zeit in welcher man alles fälschen kann, was von menschlicher Hand gemacht wurde. Noch mehr sogar, man hat schon davon abgesehen, das Werk Gottes zu verfälschen, indem man über die Genen der Zeitgenossen eingefallen ist... Was man aber trotz Aufputschmitteln und gewechselten Aufzeichnungsscheiben nicht tun kann ist es, die körperliche Mü­digkeit ganz abzuschaf­fen. Und so kam Ibni Mahmoudi so kaputt nachhause, daß er sich gleich nach dem Öffnen der Türe, ohne sich auszukleiden, direkt auf dem Bett warf, und im selben Augenblick einschlief. Er hatte sogar Muhammad Ali in der Schnelligkeit über­troffen, der meinte einmal, er sei so schnell, daß wenn er auf den Lichtschalter drückt, er würde seinem Bett erreichen bevor das Licht ausgeht: Ibni Mahmoudi konnte sein Bett erreichen bevor er überhaupt auf den Schalter gedrückt zu haben und das Licht angegangen war!

Er schlief lange und gut und träumte aus­giebig von der Ehefrau und die Kinder, die auf ihn am Ufer des Malompompos Flusses seit etlichen Jahren warteten. Er träumte, daß er endlich wieder nach Hause gefahren war, und daß seine ganze Großfamilie, Kinder, Neffen und Enkeln, Frau, Schwestern und Brüdern, Schwäger und Schwägerinnen, Vater und Mutter, Onkeln und Tanten, ja, sogar Großvater und Groß­mutter war dort versam­melt, um ihn will­kommen zu heißen. Und da stieg er aus seinem nagelneuen BMW herun­ter, streckte sich in seinen Lederhosen aus, hob seinen mit Gamsbart verzierten Tirolerhut vom Kopf und grüßte gelassen die versammelte Sippe! Alles war gut und wunderschön am Ufer des Malampopos, er fühlte sich wie neugeboren, die Gefühle und Eindrücke sprudelten nur so in ihm hoch, daß einzige, was im Bild nicht passte war es, Moment Mal, waren es... die Großeltern! Ja, die passten gar nicht im Bild ein, da sie schon vor einigen Jahren gestorben waren, genauso wie Onkel Hu­mamamadi, der dort links von der Gruppe aufhielt! Und da zogen sich die Augenlider von selbst hoch, er starrte die weiße Decke seiner Münchner Bude, die Sonne kam durch das Fenster, der Himmel war blau und strahlend, nur mit eine weiße Wolkenfranse an dem linken Fensterecke. "Und erhaaalte unser Himmel / in den Farben Weeiß und Blaau!", fuhr ihn durch den Kopf, und mußte lachen.

Er fühlte sich wieder topfit, sprang direkt auf den Beinen und ging schnurrtracks zur Toilette. Über die Einzelheiten seiner Toilette muß der Erzähler leider schweigen. Haupt­sache ist, daß nach dem Allerlei, was einem Manne in der Badezimmer geschieht, ging Ibni Mahmoudi in der Küche, koch sich Kaffee und fing an, die durch den Tü­ren­schlitz geworfene Post zu lesen. Rech­nungen, Amtsbriefe und Ähnliches ließ er selbstver­ständlich links liegen du widmete sich der privaten Korrespondenz. Was seine Aufmerk­samkeit gleich anzog, war ein Brief aus Mal­an­popos-Malandalanmundi. Er stamm­­te von seiner Frau und war schon, obwohl per Luftpost verschickt, einige Wo­chen alt. Mah­moudi offnete mit ungeduldige Finger das Kuvert, nachm einen Schluck Kaffee zu sich und fing an zu lesen, indem er die zwei beigelegten Fotos flüchtig be­trachtete. Auf einen Foto sah er seine geliebte Quassilà, mit den drei lieben Bengel, Ali, Mahdi und Nalila, die jungste von den drei. Auf den anderen strahlte ihn ein hübsches, jünges Gesicht ent­gegen, der auf ein gersten­schlanken, an ei­nem Pal­men­­stamm leicht an­gelehnten, von Duftöl glän­zenden schwarzen Prachtkörper­chen, mit klei­nen spitzen Brüste und schön ge­schwungenen Hüften, deren Einzelheiten um so mehr zu beobachten waren, als die junge Braut die traditionelle Kluft der Mal­apoposfrauen trug: mehreren Silber-, Kup­fer- und Goldbän­der, die um den Knöchel, um den Hals und um den Hand­ge­lenke gelegt waren; und, natürlich, man sollte den von Glasperlen, Halbedelsteine und Dat­tel­kerne kunstvoll gefertigten Kopfschmuck. Die Augen und das Herz Ibni Mahmoudis freuten sich, und eine lustige Gedanke fuhr ihm durch den Kopf: "Hier sollte die so umher­laufen, vielleicht am Eisbach entlang, da wür­den manche Augen machen! Aber es würde auch den Gefahr einer Pneumonie bestehen, also, soll sie doch am Malam­po­pos bleiben!"

Der Brief, der von den trockenen, mit Ocker­farbe bestrichenen Fingern Quasillàs mit kunst­vollen Arabesken verziert war, las sich leicht, fast wie ein Märchen. Und was las Ibni Mahmaoudi al Salmaanami, daß sein Gesicht erst eine unter Schwarz sich breit­machende Rote, und dann eine immer grünliche Blässe aufwies?

Schauen wir auch mal rein, und Sie können mir glauben, sie begehen kein Risiko wegen Ver­letzung des Briefgeheimnisses (das sowie­so seit einige Zeit auch hier zulande nicht mehr gilt, auch wenn die Leute, die an dem Inhalt privater Korrespondenz interes­siert sein können, wie Ämter, oder Behörden zum Beispiel, nicht auf die grobe Art der Malam­poposbehörden die Kuverts einfach zerreisen und dann mit Tesa­band der zeris­senen Um­schlag wieder kleben) angezeigt zu werden: in seinem Wunsch, alle Verdacht von ihm zu entfernen, hat Herr Ibni Mah­moudi al Sal­maanami ihn mir ausgehändigt, mit der höfliche Bitte, in ganz oder auch nur Aus­zugs­weise, zu veröffentlichen. Also:

 

"Lieber Mann (schrieb Quassilà in kunst­vollen Arabesken), ich weiß, daß Du in Bayernland, daß von Malampopos so weit entfernt ist, daß dort den Pfeffer wachsen konnte falls es nicht zu kalt wäre, sehr viel arbeiten mußt, um Dir das Geld für Deinen BMW zu ersparen. Es gäbe inzwischen auch hier Möglichkeiten zu einem solchen Auto zu kommen, aber da Du nicht in der Politik gehen würdest, und auch kein Amt in Malampopos Hungerhilfekommitee nehmen würdest, hättest Du sowieso keine Chance, wie der Cousin Hamal ibni Hamal oder Onkel Dibu al Kinder zu einer solchen Karosse zu kommen. Die fahren nämlich schon jetzt, nach nur zwei Jahren Arbeit, den Malan­po­pos rauf und runter in großen, nagel­neuen, schwarzlackierten, BMW-Autos von neueste Serie... Man sieht schon von Wei­tem die Staub­fahnen, die auf unsere Ka­melenpfade von derer Räder erhoben werden, und den Himmel Allahs verdunkeln! Man riecht schon lange nachdem Sie vorbei gefahren sind, den betörende Duft ihrer Abgasen! Ach, mein lieber Mann, wenn Du endlich wieder zurück­kommen würdest, und Deine Quassilà und Ali und Mahdi und die kleine Nalila in Deinem nagelneuen BMW nehmen würdest, was für wunderschönen, himmelshö­hen Staub­­fahnen würde es geben!

Mein lieber, lieber Mann! Bitte entschuldige Deine alte, kranke Quassilà, die statt bei Dir zu sein und Dir neue, saubere Kinder Jahr für Jahr zu erzeugen, sich hier am Malam­popos mit die Erziehung Deiner Bengeln, mit dem Bestellen unseren Maniok- und Maisfelder, das Züchten unzähliger Hühner und Ziegen und das Sauberhalten unseren Anwesens vergnügt! Wie gerne wäre ich bei Dir, mein lieber Mann! Aber ich weiß nur zu gut, daß ich dir nur zur Last fallen würde.

Lieber Mahmoudi, seitdem Du wegge­gan­gen bist, habe lange über vieles nachge­dacht. Ins­besondere über unsere Ehe habe ich nach­gedacht, die so glücklich und gut angefangen hat und uns das Kindersegen beschert hat. Und ich wusste nicht mehr, wie ich es Dir schöner zu machen vermag. Ich weiß, daß Du in Deiner Einsamkeit, dort in das Land der Bayer, eine Frau brauchst, die Dir schöne Abendstunden bereiten kann. Ich kann es nicht mehr. Und da hat mit der Allmächtige die gute Gedanke geschickt. Ich habe mich in der Gegend umgeschaut, und für Dich eine für Dich eine zweite, schönere und jüngere Frau ausgewählt. Du kannst sie in dem Foto betrachten, das ich Dir mit dem Brief schicke. Ist sie nicht süß? Hat sie nicht alles was das Herz meiner alten, guten Mah­moudi freuen kann? Schau Dir die kleinen Brüste, die schöne Beine, die runden Hüf­ten an. Sie hat eine wohlklingende Stimme, gute Zähne und eine weiche Haut. Ist sie nicht ein Pracht von einem Mädchen? Sie kann Dir die alten und neuen Lieder von Malampopos zwar gar nicht singen, aber sie kann für Dich tanzen und sie kann auch mal Kaffee und Tee für Dich kochen. Mit dem Essenvorbereitung ist sie noch nicht so weit, aber sie kann es lernen. Und, was sie vielleicht noch wertvoller für Dich machen konnte, kommt erst jetzt: sie ist stumm! Hat der Allmächtige in Seiner Weißheit nicht sehr gut mit uns gewollt? Stell Dir vor, was wäre, wenn die kleine eine Schwätzerin wäre, die Dir den Kopf nach Deine viele Arbeits­stun­den mit tausende und abertausende von Nichtigkeiten zerbrechen würde! Willst Du sie, so wie ich sie will, zu Deiner zweiten Frau haben? Wenn ja, das wäre eine wahre Freude für Deine alte Quasilla, die sie für Dich ausgewählt und sogar schon bezahlt hat. Sie ist mein Ge­schenk an Dich, mein Liebster, bitte schlag ihn nicht ab. Wenn Du wieder mal nach Mal­ampopos kommst, wird Dich Deine größer ge­wordenen Familie mit größte Freude em­pfangen, und die kleine Muntanassa wird die Freude Deiner Nächte noch größer machen.

 

Deine immer liebende, alte aber nicht so dumme Quasilla"

 

Warum sollte denn Ibni Mahmoudi al Sal­maanami denn so bleich werden, würden Sie sich fragen. Vor Glück vielleicht? War er von der Große der Gefühle, die seine alte Qua­sillà vorzeigte, dermaßen tief erschüt­tert? Auf der anderen Seite des Briefes liegt in Form eines Post Scriptums die Antwort auf Ihre Frage:

 

"Lieber Mahmoudi. Ich hatte nicht das Herz, Dir die Freuden die Dir die schöne Mun­tanassa bereiten wird, bis auf Deinen Rück­kehr zu enthalten. Wir haben zusammen - ich habe auch das Stummalphabet ziemlich schnell gelernt - beschlossen, daß sie un­bedingt ins Land der Bayern muß. Da es keine Schwie­rigkeiten an der Grenze, mit Paß und so weiter, geben soll, haben wir nachge­dacht und einen Ausweg gefunden. Wir ha­ben sie in eine schön gezimmerte Holzkiste ein­gesperrt, mit Nahrung und Wasser für mehrere Tage, und sie Dir per Luftpost zugeschickt. Cousin Frambouli, der bei der Zoll arbeitet, hat die nötige Zoll­papiere richtig gefälscht, keiner wurde zu der Idee kommen, in die Kiste zu schauen. Ich nehme an, sie ist schon eingetroffen und die Post­männer werden sie dir bald über­brin­gen. Nehme sie bitte mit Freude in Empfang. Sie ist schon wert, Deine Frau zu werden.

                                             Quasillà"

 

Ibni Mahmoudi al Salmaanami wurde blei­cher und bleicher und fühlte wie das Blut aus seinen Ader verfloß. Unter die geschlossene Ein­gangs­tür, durch den Briefschlitz strömte, noch schwach aber immer mehr in Intensität wach­send, ein sußlicher Leichengeruch.     


Radu Barbulescu:

 

Josef Norbert Rudel zum 80. Geburtstag

 

Josef Norbert Rudel wurde Ende Oktober 1921 im rumänischen (heute ukrainischen) Tschernowitz geboren. Er besuchte das Lyzeum in seiner Heimatstadt und teilte nach der Reifeprüfung das Schicksal der meisten seiner jüdischen Altersgenossen: Ghetto und vierjährige Zwangsarbeit in ver­schiedenen rumänischen Detache­ments.

1944, kurz nach dem Einmarsch der sowjeti­schen Armee, flüchtete er aus dem Lager nach Bukarest, wo einige Jahre später seine journalistische und literari­sche Karri­ere unter dem Preudonym Radu Nor begann. Zwischen 1948 und 1972 wurden über 30 seiner Titel in rumänischer Sprache veröf­fentlicht, darunter Romane, Novellen, Erzäh­lungen, Kinderbücher, Über­setzungen, ein sechssprachiges meteorologisches Wörter­buch usw. Er hat 1972 Rumänien als Tourist verlassen und hat sich in Israel nieder­ge­lassen, wo er anfangs für einige in Ru­mä­nisch er­scheinende Zeitschriften ge­schrieben hat. Einige Jahre später beschloß er, zu sei­ner deutschen Muttersprache zu­rück­zu­keh­ren und sich in ihr literarisch zu betätigen. Es folgte die Mitarbeit an deutschsprachigen Publikationen in Israel, Deutschland und Österreich und die Erscheinung mehrerer Kurzprosa Bände. Er wurde Chefredakteur der israelischen deutschsprachigen Monats­zeitschrift "Die Stimme", Mitglied des Isra­eli­schen Pen-Zentrums, Mitglied des Bundes­verbandes deutscher Autoren Ber­lin, Ge­schäftsführender Vizevorsitzender des Israeli­schen deutsch­sprachigen Schrift­stellerver­bandes.

Anläßlich seines 80 Geburtstags haben wir die folgende Erzählung aus dem Band "Das waren noch Zeiten - Jüdische Geschichten aus Czernowitz und Bukarest", 1997 im Konstanzer Verlag Hartung-Gorre erschie­nen, ausgewählt. Unser Absicht ist es, damit einen Autor zu würdigen, der durch seine Her­kunft sowie durch seine langjährige, zwei­­spra­chige literarische Tätigkeit einen Knotenpunkt der Kulturen in "Personalunion" dar­stellt. Dem Menschen und seinem Werk wünschen wir fortwährendes Leben.

 


Josef N. Rudel

 

Czernowitzer Wintertage

 

Oft roch schon im Oktober nach Schnee. Die Sonne verbarg sich hinter aschgrauem Gewölk, der Wind haschte nach den gold­gelben Blätter, pflückte sie von den ƒsten und ergötzte sich mit ihnen am Fangspiel. Die kurzen, erfrischenden Schauer des Sommers verwandelten sich in Dauerregen mit schweren, kirschgroßen Tropfen, die wie Seifenblasen auf dem Pflaster barsten.

 

Eines trüben Morgens schwebten die ersten Schneeflocken zur Erde. Wir erfreuten uns an den wunderbaren Formen der Eiskristalle, an den Nadeln, Prismen und Plättchen, die sich in sternförmige Gebilde von unver­gleich­licher Ebenmäßigkeit verwandelten. Wir konnten uns an ihnen nicht sattsehen. Wir fingen sie behutsam auf, verglichen sie mit den zauberhaften Mosaiken im Kaleidoskop, und wenn sie auf der Nasenspitze landeten, schielten wir nach ihnen und wurden traurig, wenn nichts als ein Tröpfchen Wasser übrigblieb.

Schließlich kam der erste echte Czerno­witzer Wintertag. Wir schoben frühmorgens die Vorhänge zur Seite und stellten fest, daß die Welt weiß geworden war. Weiße Tep­pich­böden bedeckten die Trottoirs und das Kopfsteinpflaster, die Dächer trugen weiße Hauben und die Bäume weiße Wattebärte. Mutter hatte die Galoschen bereitgestellt und Wollschal und Wollmütze zum Auslüften hinausgehängt. Es roch nach Naphtalin und Faschingskrapfen.

 

Der erste Schulgang durch den Schnee dauerte doppelt so lang. Mama hatte uns manches zu sagen: "Paß' auf dich auf und verkühl' dich nicht! Verlier' nicht wieder die Handschuhe! Spiel nicht im Schnee, und komm' mir nicht mit nassen Füßen zurück!" Und so weiter und so fort. Dann steckte sie noch rasch das mit Paprika bestreute Gänse­schmalzbrot in die Schultasche, verknotete den Schal an unserem Nacken und zog uns die Mütze tief in die Stirn.

Während des Unterrichts waren die Blicke viel seltener auf die Tafel als aufs Fenster gerichtet, wo man dem fröhlichen Reigen der Flocken zuschauen konnte. Kaum ließ der Pedell (Schuldiener) seine bronzene Glocke erklingen, stürzten alle ins Freie, stampften durch den Schnee und suchten eifrig nach einer noch unberührten Stelle, um als erste die Abdrücke ihrer Schuhe zu hinterlassen. Schneebälle flogen durch die Luft, und bald waren wilde Schlachten im Gange. Man kämpfte bis zum letzten Atemzug, bis zur letzte Sekunde der Pause! Man kämpfte kreischend, johlend, jauchzend, bis man vom Kopf bis zu den Füßen wie ein waschechter Schneemann aussah, die feuerroten Backen inbegriffen.

 

Der Nachmittag hingegen gehörte uns un­eingeschränkt. Die Schulaufgaben wurden, wenn überhaupt, in Rekordzeit gemacht, und Mama hatte weder Zeit noch Gelegenheit, unangenehme Fragen zu stellen. Wir holten die Rodelschlitten aus der Rumpelkammer, bastelten an ihnen herum bis sie uns fahr­bereit dunkten und zogen sie bis zur näch­sten, abschüssigen Gasse. Dann ging es berg­ab! Man rief: "Bahn frei!", half mit den Füßen nach und kam in ein himmlisches Gleiten mit immer schneller werdendem Tempo! Noch einmal und noch einmal, ohne die Stürze in den eiskalten Matsch und die blauen Flecken an den verschiedensten Körperstellen zu beachten. So ging es stundenlang weiter, bis uns die Dunkelheit nach Hause trieb.

 

Am Sonntag konnten wir das Rodel­verg­nügen vervielfachen, indem wir, gut aus­ge­rüstet, mit genagelten Schuhen und Rucksack versehen, zum Cecina-Berg zogen. Wir ver­brachten dort öfters den ganzen freien Tag.

 

Die Czernowitzer Kinder waren natürlich auch leidenschaftliche Eisläufer. Am Nach­mittag oder am Abend gingen wir in Scharen zum Gruder-Platz oder zum Eislaufplatz in der Dr.-Roth-Gasse. Wir trugen moderne Pumphosen, Haferlstrümpfe, Rollkragen­pul­lover und hatten uns die Schlittschuhe sport­lich über die Schulter geworfen.

Alle Bitten der Mütter, eine Mütze aufzu­setzen und über die Ohren zu ziehen blieben erfolgslos, weil man nur mit bloßem Kopf genügend männlich aussah. Nur so konnte man ein Mädchen ansprechen und mit ihr Hand in Hand einige Runden drehen. Die Lautsprecher, die abwechselnd "An der schönen blauen Donau" und "Geschichten aus dem Wienerwald" spielten, gehörten dazu. In den kurzen Unterbrechungen luden die Be­herzten  ihre  "Damen“ ins Büffet zu einem kalten "Kracherl" d. h. Brauselimonade oder einem heißen Tee ein und baten um Erlaub­nis, sie nach Hause begleiten zu dürfen.

 

Im Dezember war Chanukka, das acht­tägige jüdische Lichterfest, und Weihnachten. Die Auslagen der Geschäfte strahlten im Glanz der Lichter und hinter den Glas­scheiben glitzerten goldene Sternchen, sil­bernes Lametta und bunter Christbaum­schmuck aus farbigem Glas. In anderen Läden prangten prachtvolle, neunarmige Cha­nukkaleuchter samt bunten, bleistift­dün­nen Kerzen und "Dredel" genannte Kreisel in den verschiedensten Formen und Ausfüh­rungen. In der Schaufensterauslage von "Schmidt und Fontin" konnte man "Kram­pusse" (österreichische Nikoläuse) in allen Größen und Stellungen bewundern, bei den Spielzeughändlern stapelten sich Berge von Puppen, Eisenbahnen, Märklinbaukästen und "Mensch ärgere dich nicht"-Spiele bis zum Plafond, während in den Konditoreien Knus­perhäuschen aus Marzipan, Krippen aus Zuckerguß und Weihnachtsmänner aus Schokolade feilgeboten wurden. Auf den Straßen schleiften Väter Tannenbäume durch den Schnee, und der Duft der immergrünen Zweige vermengte sich mit dem dichten, schwarzen Rauch aus den Kaminen.

 

Czernowitz war für seine frostigen Winter­tage berüchtigt. Das Thermometer am Rat­haus­turm zeigte nicht selten minus 25-30 Grad. Bei derartigem Frost begann der Atem zu stocken, den Mündern entwichen milchige Wölkchen, die Nasenlöcher zogen sich zusammen und klebten, als wären sie mit Leim bestrichen. Die Waghalsigen bewiesen ihren Schneid dadurch, daß sie mit der Zunge eine Türklinke berührten.

Sie blieb haften und nur mit Mühe und Not gelang es, sie loszulösen. Einige Tage konnte der Held dann nur noch undeutlich lispeln, doch der gelungene Tapferkeitsbeweis wog unumstrit­ten die erlittenen Qualen auf.

Die Eltern warnten ihren Nachwuchs vor solch kindischem Unfug und leierten die alte Geschichte vom bösen Buben herunter, dem die Zunge von den Rädern abgeschnitten wurde, als er sie auf die Trambahnschiene legte. Doch niemand machte sich etwas daraus. Die Schaustellungen der Wichtigtuer und Prahlhänse gehörten einfach dazu. Ohne sie wäre der Zauber des Winters mit den Schneemännern, den Rodelpartien, dem Eis­laufen und den Schneeballschlachten weniger reizvoll gewesen.

 

In späteren Jahren, als wir Kinder 15- bis 16-jährige "Männer" geworden waren, kamen zu den winterlichen Lustbarkeiten andere, ebenso reizvolle, hinzu: Die Masken- und Kostümbälle der Studenten- und Schülerver­bindungen, die romantischen Spaziergänge zu zweit auf den verschneiten Alleen des Schillersparks oder der Dominikhöhe, die Fahrten per Pferdeschlitten mit Glocken­gebimmel und die scheuen Küsse eisiger Jünglingslippen auf von Frost gerötete Mädchenwangen.

 

Eines Tages, gewöhnlich im April, war alles vorüber. Die ersten schüchternen Sonnen­strahlen liebkosten die Schneedecke, brachten sie fast unmerklich zum Schmelzen, und die ersten grünen Halme entsprossen dem Boden. Als die Schneeglöckchen erblühten, gab sich der Winter endgültig geschlagen, und der Lenz hielt seinen prunkvollen Einzug.

 


Anisul HAQUE

 

Fünf Gedichte

 

1.

 

Plötzlich

bei Vollmond

das Licht auszumachen

dann am Fenster

das Auge der weißen Katze sehen

macht

ein Holzhacker klopfen

in der

Brust. Und

sollte mal in dieser

Brust sich

was verlieben

so tanzen schon

die körperlosen Ängste

unweit vom Herzen

einen Tanz der Hexen.

Plötzlich zieht

bei

Vollmond

ein Wort sich aus

und lässt im

Augenstern sich fangen -

wenn derart

eine weiße Katze

die Augen

nach oben dreht.

Die Liebeswörter

wandeln sich

in alte Geister: mit

Teufelei und Hohngelächter

füllen sie den Raum.

Schon plötzlich

hält das Goldpferd

der Träume an -

die Vorderbeine

in die Höhe -

ich sehe mich

auf dem harten Grund

des Tages,

ganz langsam

füllt mich

die Verzweiflung...

dann

irgendwann

bin ich dicht.

 

 

2.

 

Die Nacht

war in der Tat schön

obwohl

viele Sterne

fielen; stets

am Schoß des Himmels entlang.

 

Viele Grüße viele Worte

sprach die Nacht.

In dieser

Nacht

tönten

die Dampfer alle

und stachen ab -

niemand

wusste wohin.

 

In dieser

Nacht

brannten vielen Kerzen

aus.

 

In dieser

Nacht

brannten viele Herzen

im Giftgemisch

des Neids...

doch manche

waren glücklich

in dieser

Nacht.

 

In vielen Gärten

blühten

die Hasnahenas.

In vielen Gärten

gab

ein junges Kraut

die letzte Blüte ab

und starb.

 

Der Frühling

kam zu mir

ins Haus

dann der Winter -

die Leuchtkäfer

gruben Löcher

in den Leib der Nacht.

 

In dieser

Nacht

kam der Regen.

 

Und doch

fiel

aus dem Augenlid

das Feuer

das die Säfte

im Herzen

kühlten.

Jene

aus meiner Brust gepflückte

Nacht

war in der Tat schön.

 

 

 

3.

 

Aus der Ferne

schwebt ein Lied heran

und

macht mich still

mitten im Lärm....

 

wunderliches

Tauziehen

zwischen

Begehren und Befriedigung...

augenblicklich

erstarren mir die Worte.

 

Schon

ein kleines Mahl der Liebe

lässt die Seele

springen

wie ein Hirsch -

der Honig verzaubert ihr den Mund.

 

Dann:

Ferne -

die endlose Ferne einer erträumten Frau:

im Zirpentanz

des Augensterns

kratzt sie jetzt Schrammen

an der Brust

der Nacht.

 

An der Ferne

irre:

nach Inhalt

fahndend -

im Zwang

des Ausdrucks -

ich:

gefangen

im Raum meines Scheiterns.

 

Doch

lege ich den Blick

auf die Liebe einer erträumten Frau

zeichne Bilder

an die Brust der Zeit

 

und

schäume auf

augenblicklich

brunnenhaft.

 

 

 

4.

 

Ein Mann

ging

über die Straße

sah

verstohlen hinter sich:

ein Bild

hält er in der Hand -

das Bild

einer roten Frau.

 

Ein Mann

rannte

über die Straße

ganz allein

er flieht

lässt alle hinter sich:

er hält in der Hand

das Bild

einer grünen Frau.

 

Ein Mann

hinkte

über die Straße

verletzt

doch ein Sieger

sein Gesicht strahlt:

er hält in der Hand

das Bild

einer blauen Frau.

 

Drei Männer

und drei Bilder

einer roten, grünen, blauen Frau

trafen sich einmal -

was sie nicht einander

alles sagten!

 

Dann gingen sie

alle drei

drei Wege -

die Bilder

jetzt

ohne Farbe.

 

 

5.

 

Zuweilen:

der Wink

einer Traumhand -

wer näht

Figuren des Glücks

auf den Saum des Winters?

Ein Regenbogen

auf den Blasen

der Phantasie

verändert sich

zuweilen

in Irrlichter der Verlockung

zur Hoffnung

eines vollen Atems.

 

Ein Augenblick

war das nur -

nun kehren die Träume heim:

mein ich und

meine Einsamkeit

vereinen sich

in gemeinsamen

Tod.

 

Die Zeit:

trauerschwarz

im Leichenzug des Glücks -

 

und ich:

Wächter jetzt

meiner eigenen

Leiche.

 

 

 

 

Autorensteckbrief:

 

Anisul Hacque wurde am 30.06.1954 in Comilla (Bangladesh) geboren. Hat Physik und Meteorologie an der LMU-München studiert. Lebt und arbeitet seit 1983 in München. Die von uns wiederveröffentlichten Gedichte sind aus dem "DELTA - eine halbjährliche Zeitschrift über Bangladesh",  Jahrgang 1, Heft 1,  München1987, entnommen worden. 

 

 


Constanta BUZEA

 

Aus dem Gedichtzyklus "Wallfahrt"

 

48.

 

Wiegungen, o Herr,

die Pflanzen innerhalb des Windes

die Ufer neben tobenden Wellen

die Seele in dem Ei aus Kalk

 

die zwinkernden Augen

die Stille innerhalb des Redens

die Wolken zwischen sich

 

die Materie des Opferns und das Feuer

die Geburt innerhalb der Düsterheit

die lauernden Blicke neben dem Versteckten

 

ich hätte auch die Angst gesagt

aber sie zerfleischt, die Angst

innerhalb der Angst

 

 

49.

 

du scheinst in die Verflüchtigung meiner Hand

in das von den Ästen der Nerven vollen                

                                                      Fingern –

heißen Spiralen in dem Zeige-

und Mittelfinger

gedruckt zu sein –

Perlmuttkanäle durch welche

Leib und Seele kommunizieren,

ihr Niederfall der einen zu dem anderen

bezeugend

 

 

50.

 

ich habe von dir

du hast von mir

nur den Schatten

einige Tongefäße

Matrizen aus geschnitztem Holz

sanfte Baumwolle

und das Fell des anonymen Lammes

der bitteren Geist, der uns zu sagen lernt,

daß wir schon gegangen sind

aber nicht mehr zurückkommen werden

 

 

 

51.

 

wir sitzen neben dem Feuer während es schneit

wir stehen auf den Beinen entlang der warmen Mauer

erschöpft sind die Hände, die

unter der Macht des sich vom Nichtsein

verrückt reibenden Blutes,  fremd

am Körper vorbei gleiten

 

brav im Bild von der Last derselben

auf der Schulter getragenen Engel besänftigt -

naive Zeichnung Kinder im Staunen vergessen

in einer von einem einsamen Gott

gen Himmel getragenen Kammer

 

 

52.

 

es gab ein Licht

aber kein trauriges Licht

in seinem großen Durst war

meine Seele ganz

in der Luft Bienen und Bücher

berührende Sicherheiten

Miniaturen im Sein

und der Sommer - ein wanderndes Verb

aggressiv und voll von lila Dornen

die nach Gift rochen

und Ziegelsteine beugten sich zu Gärten

wo der Schatten

unter den reinen Blättern

unter den unnützen Augen

seine, wie die aus dem Nichts

sprudelnde Stille, den seltsamen Text

auf die Erde bewegte

 

 

53.

 

nur durch den Schatten

kann ich mit dir all das bringen

was aus diesem Tunnel entwischt

sich entzündet und brennt

 

mein Leib kennt eine Qual

die Seele eine andere

 

voll von der Asche der von überall

kommenden Bäche

nicht jetzt nicht bald

wird mitten im Sommer die Buche von

 

einem von so viel Frieden erschrockenen Gedanken

die Miniatur eines Weinens

in den Augen der Engel bezeugen 

 

 

54.

 

ich bin die Frau Luna oben die doppelte Luna

die ihren Schatten in den Venen des Meeres dreht

die verbrannten Gedanken, die gute Gedanken

aus der Kammer wie mein Himmel ist

ein schwarzer Schmetterling wird mich schlagen

ich kann seine Ohnmacht nicht heilen

Blattrippem trocknen aus und ich falle

Ich umarme dich mit leeren Ärmeln

 

 

55.

 

schau, wie sich eine Lage

in ein Verb schleicht

in einen Silbersee

umwunden in dem Häuschen wie der Buchstabe,

wie die Luftblase, die voll mit der Seele des Ertrunkenen

an die Oberfläche steigt

 

das Nichts, ein bis in die Unendlichkeit

immer am selben Platz

auf der, wie Pergament aussehende Haut

eingetippter Buchstabe lässt sich hören

 

mir ist zum Weinen zumute

und ich kann nicht weinen

weinen und nichts tun

in dem Häuschen wie den, mit der Seele

des Ertrunkenen volle Buchstabe

 

 

56.

 

kranker Vulkan

Schmetterlinge fahle Invasionen Richtung Mond

auf den Fingern ihr Geruch

in Tropfen auf den Schläfen ihre Schuppen

sind wie eine Kette um die Äste gewickelt

 

Schlafschmetterlinge auf dem Fluß

eine aus Stein und aus Diamant

in der hohen Dunkelheit

ein Gott mit Lippen aus Schmetterlingen

Kind in dem Bett von Schmetterlingen

geboren

 

 

57.

 

deine Seele hat Platz

in meiner Seele

dort gibt es Zeit und Platz und Gras

gestreckte Arme, daß du ganz

in  ihre Winkel dringst

Frostschütteln das die Blässe der Engel erschöpft

Leib in einem Leib eingeschlossen

Perfektion so rein wie der Tod

beweintes Paradies, dein weißer Mund

zwischen meinen Augenbrauen

und in den Knien der Holzwurm

ein von Gott gegebener Samen

 

 

 

58.

 

o Herr, ich erinnere mich,

ich war ins Meer gegangen

und hatte das seltsamen Gefühl

von einem Spinnennetz,

rauhen Vogelschreien

voll von ihren weißen Zeichen

unter dem Lauf der freien Wolken

zum Sturm

von einem Delirium der Unerschrockenheit

bis zum Funken verbrannte Schreie

 

 

 

59.

 

ein offenes Buch

mit abgenutzten verbrannten Buchstaben

mir bleibt auf den Händen alter Staub

die Sicht lässt mich versteinern

wie das schmale Tal zwischen den Bergen

und der, wie das Papier dieser stillen Stunde,

geheimnisvolle Fluß

 

ich lese

befriedet verliere ich mich in Widerspiegelungen,

in silberne Urwälder

ich suche und finde mit deinen Augen

den wie ein Stein warmen und harten Sinn

des Textes

 

Träumerei und Bann

Bruch und Rascheln

das Buch fällt mir aus der Hand, es stirbt

die Wände nähern sich wieder

 

 

60.

 

die Gardine bauscht sich von der Abenddämmerung her

das Fenster spaziert langsam 

von einer Wand zur  Anderen

unter den Schläfen hat eine durchsichtige Vene

ein Hieroglyph gezuckt

 

arm bin ich und ich liebe dich

mit allem was ich habe aber insbensondere mit was ich nicht habe

die Baumblätter nehmen eine Zinkfarbe an

ein fiebriges Weltrascheln bereitet sich vor

für die Ewigkeit

 

 

61.

 

verlange nicht nach Wasser im Traum

es könnte sein

daß sich dein Durst einem Mund

mit einer Seele ohne Gegenseite nähert

und daß du sie wie in einer Auslöschung trinkst

 

 

_____________

Aus dem Rumänischen von

Radu Barbulescu


Carolina ILICA

 

VIOLETTE SOMMER

(Vara violeta)

 

Seit langem gab es so einen violetten Sommer nicht mehr

Indem die Farbe die mir am meisten gefällt

Mit allen seinen Nuancen

            Von Rosa und Himmelblau

Getragen wird.

 

Seit langem gab es so einen

                        exotischen Sommer nicht mehr

Mit so vielen Landschaften

            Und exotischen Früchten.

Der Knoten des Mangokerns

            Ein fibernes Glied

            Das zwischen den Hüften

            Des gelben und vor Aromen

            Zu süßen Fleisches krepiert

So wie manchmal das Herz im Menschen krepiert,

            vor zuviel Selbstgefühl.

 

Seit langem gab es so einen fatalen Sommer nicht mehr

 

Und Dir so schwer im Leichten

Und mir so schlecht von zu viel des Guten.

 

 

 

MAULBEEREN UND MOHNBLUMEN

(Dude si maci)

 

In dem Sommer hast Du mir

Nur eine Mohnblume gebracht.

Ihre Zartheit war

Auch meine Zartheit.

            Ich vergehe in einem einzigen Leben

            Wie sie an einem einzigen Tag.

 

Denselben in welchem

Ich für Dich im

Vorbeigehen

Purpurne, reife Maulbeeren geerntet habe

Indem ich dachte, daß auch Du an die Kindheit

Denken wirst.

Weil  man es  nachhinein so sieht:

            Glücklich, eheu,

            Und von Maulbeeren verschmiert!

 

Also dann hast Du mir eine rote Mohnblume

Gepflückt

Ich habe Dir schwarze, eigentlich purpurne

                        Maulbeeren geerntet

Wir haben beide " von niemandem "

Einer für den anderen gestohlen.

Das zarte, wenige

Und kurze Gras

Im Angesicht der zu großen Stadt

War ich vor so viel Höhe und Hitze ermüdet.

 

Rot und schwarz. Schwarz und rot.

Ein Tauschgeschäft.

Du hast mich an den Mund und ich habe

Dich an dem Mund gebracht.

Du mich küssend

                        Ich Dich küssend.

                        Beide küssend.

Ach,

            Dichtung

                        Meine Wort für Wort

verratene

affektive Erinnerung!

 

 

KLEINE WELT

(Lume mica)

 

Wie klein ist die Welt!

            Ich bin angekommen

            Wo Du gewesen bist.

            Und Du

            Wo auch ich gewesen bin.

 

Ich sehe Dich sogar

            Wie Du hinein und heraus

                        Heraus und hinein

                                    Und wieder heraus

aus den Hüften des Meeres kommst:

            wie ein Delphin der in den Wellen spielt

            wie ein Mann

                        der eine Frau in Besitz nimmt

            wie ein Profischwimmer

            der am Ufer von Wasser

                                    triefft.

 

Und wenn ich jetzt meine Zunge über die Lippen ziehe

Spüre ich das zurückgebliebene Meersalz:

            Auf meinem Gesicht?

            Auf deinem Gesicht?

 

Ich kann es kaum erwarten, Dich zu sehen

                                            Dich zu kosten

So wie man einen guten purpurnen Wein

                                            Kostet

Bevor man ihn genießt

Und bevor er betrunken

                     Deine Sinne

betrunken macht.

 

 

DRACULA II.

(Dracula II)

 

Erinnerst Du Dich?

Hölle und Himmel

Zugleich.

 

Wie ich Deinen Namen von dort aus

Schrie

Wie ich ihn wiederholte,

wie ich ihn von mir zu Dir

wie einen Bienenschwarm schickte,

der sich nicht niederlassen konnte

und wieder zu mir  zurückkehrte:

in Form eines Echos

unendlich in sich selbst  verliebt.

 

Erinnerst Du Dich noch?

Das verzweifelte Glück

Und die glückliche Verzweiflung

Aus meinen Augen

Aus meiner Stimme

Dieauch laut und auch kleinlaut nach Dir schrie

Während Du rein

Und raus

Und wieder rein

in meiner immer jungfräulichen Seele

von einer Chimäne und einer Hestia

kamst.

 

O, Glück der Unglücklichen,

sind Violett und Schwarz deine

Farben?

 

 

ROTE ÄPFEL (DRACULA III.)

(Mere rosii - Dracula III)

 

So wie ein einziges Gedicht von Trakl

In welchem

Man bis zu zwanzig Farben und Nuancen

zählen kann "

jener Sommertag "

ein breites Ehebett

das sich immer mehr verengt

um so mehr es sich in meine

visuelle Erinnerung vertieft,

sich eingräbt:

Das dunkle Lila

Wie bei der Bergflora

Das zu einem Schimmer von Rosa

Über dem Blau

auf einer Höhlenwand

spielen wird.

Nur ein abgestandenen Fleck

Ein trauriges Muttermal,

Ein hässlicher blauer Fleck

Auf dem hellen Gesicht eines Spiegels

Mit einem kalten

Silberrücken.

 

Und das Rote von damals,

purpurn,

vom edlem Hause

steht jetzt wankend

wie ein blasser Vampir

aus seinem feuchten Sarg auf.

 

 

INDEM ICH

(Încropind o cina)

 

Indem ich ein kaltes

sommerliches Abendmahl

aus Käse und Tomaten

und abkühlenden, stärkenden Früchten

auf einer lila Tischdecke

zusammenpuzzle

erinnere ich mich

ungewollt

an Dich

wie von eine andere

exotische

frisch gepflückte

Mangofrucht

deie implizit nach Cannabis riecht

und über Nacht in meinem Zimmer

unerträglich süß

ausgereift ist.

Blind wie die blinden Statuen aus den Parks

und trotzdem mich verstohlen anblickend:

wie ich meine lila,

intime Unterwäsche auszog

um wieder nackt zu schlafen:

von Außen betrachtet, ein weibliches Weib

aber Innerlich ein unverbesserliches, kleines Mädchen:

Das sich weigert, ohne Märchen

und ohne gewogen zu werden,

einzuschlafen.

 

 

SELBSTBILDNIS IM SCHLAF

(Autoportret în somn)

 

Ich schlafe zwischen

Zwei nackten und kalten Schultern

Die halb aus dem Schlaf

Wie zwei weiße, runde

Und stehende Steine

Aus den Gewässer des unsteten Flusses

Heraustreten.

Zwischen denen

Ein größerer,

ovaler,

bewegten

immer heißer Stein

meinem unruhiges Kopf

ist.

 

Seine Träume träumende Aura

Wird nur zur Hälfte

ein Geschwungenen,

aus dreizehn ­–

von dem wie die Pflaume ins Schwarz tönenden,

bis zum mit dem Weiß verschmelzende Lila –,

Violettnuancen bestehenden Regenbogen,

sichtbar.

 

Die andere Hälfte pulsiert magnetisch

in dem Computer des Himmels

Dich überall suchend

um Dir auf Deiner

schwarzen,

dämonischen Aura

eine Krone zu aufsetzen.

 

 

_____________

Aus dem Rumänischen von

Radu Barbulescu

 


Arthur Porumboiu

 

 

Selbstbildnis mit 53 Jahren

 

Jung und von Illusionen besessen

bin ich nicht mehr.

Die Hände

betasten nicht mehr, fieberhaft,

den Samt der Sonnenaufgänge

sondern den rauhen Stoff

der Zeit!

 

 

Das goldene Gedicht

(Poemul de aur)

 

Du wurdest von Lauten geschliffen

wie die Hufen der Pferde auf dem Stein

und der Regen und der Duft der Kastanien

haben dir die Heilung gebracht.

Mit dir selbst unbarmherzig

hast du schwer, wie eine Bäuerin auf dem

                                                Felde geboren

und dein Leben wurde nicht zum goldenen

                                                Gedicht

aber jedes Wort hat dich vom Tode bewahrt!

 

 

Gebet um die Abendstunde

(Ruga la ceas de înserare)

 

Und falls deine Geschlecht ein Tempel ist,

                                                der gebiert;

und falls Du mich indem du mich gebierst,

                                    vor dem Tod schützt,

um die Abendstunde bete ich dich,

            Liebe,

jag' fort den Tod

und begrab' mich zwischen deinen

Licht gebärenden Brüste,

von der Zeit unberührt.

 

 

Erdklumpen

(Bulgare de tarâna)

 

Du kannst nicht bis zu mir hinaufsteigen

du, Erdklumpen, der nur aus dem

gemeinen Begehren lebst.

Deine Blicke können nicht zum Himmel gelangen

wo ich selbst der Himmel bin -

sie sind verkohlt und die Asche ist in

glanzlosen Formen vergangen.

 

Fruchtbar und von kleinen Sorgen befleckt

du kannst nicht das Ungesehene sehen,

kannst nicht das Unerreichbare erreichen.

Nicht mal deine Stimme kann vordringen

zu jenem kristallenen Ast des Lichts

in dem ich wohne.

Gesättigt in dem Fett des Mittags

und geschleift durch die klebrige Trägheit

niemals wird der Flügel den Himmel erreichen

wo das Licht die reine Essenz ist.

 

 

Dort wo ein denkendes Schilfrohr

(Unde o trestie gânditoare)

 

Die Jugend wird ihre Flügel stützen

und wird in dem Alter eines müden Schwertes vergehen;

du wirst wie ein afrikanischer Krieger

gegen die Rassentrennung rebellieren;

zur Wache wird dir das Buch stehen

und an jedem Abend

werden die Gedanken in der Adoleszenz laufen,

wo ein denkendes, schlankes Schilfrohr

nur für dich selbst das purpurne Feuer

entzündet.

 

 

Und ich habe gehört

(Si am auzit)

 

Die Akazien beleuchteten noch Düfte und in die Ferne

kamen die Strahlen frei;

Jungfrauen

stellten sich ein Ritual vor: auf süßen Leibern

lernten die Strahlen das Licht

zu verlangen; und dann hab' ich gehört:

"Der Sommer lebt in unseren Seelen!"

und Gott hielt sich auf den Wiesen auf  -

und Vogel und Mensch haben kein Recht zu sterben!

 

Dt.-Übersetzung von Radu Barbulescu


 

Amelia STANESCU

 

 

Wie sehr  ich es wollte

 

Dich unter den chinesischen Mandarinen

zu lieben,

Dich küssen, Dir die grüne

Basilikumsoße von den Lippen

austrinken,

bis auf die Fußsohle

von wo aus

ich neugierig beobachtete

wie das Auge entfremdet

unter einem Mohnblatt schlägt

 

 

            ***

 

die versteckte Gleichgültigkeit

meine Verse

Dich trotzdem

suchend

 

 

            ***

 

Sei still.

Ich denke an dich

flüsternd

 

 

            ***

 

Welchen Geschmack hat die Stille

der Minuten die schwer werden

sich in der Ausatmung verlieren,

die wir (wie eine Krankheit)

fallen lassen

man spürt wie sein Blick an die Mauer schlägt

rabiat zurückkommt dann

die Vergewaltigung -

das Ausziehen der Sinne

ich schäme mich der Stille, die mich umgibt

ich schäme mich der Stunden

die an mir vorbei fließen

ohne daß ich etwas tue,

ohne daß ich spreche

ich bin leer wie eine Wasseruhr

der  letzte Tropfen,

mein Herz

 

Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu


Rhea CRISTINA

 

Zwei

 

Das ist das reine, farblose Gefühl.

Das ist mein Kreuz, in dem jungen,

unbekannten Leib gestochen.

Ein Teil will sterben, den anderen Teil

will leben

wie Wölfe die nach Flammen hungern.

Wir sind Zwei, fast unbewegt,

Falls wir zu tief einatmen, hören wir die Schmerzen des anderen.

Welchem Kreuz soll ich mich fügen?

Zwei tränenüberströmte Tote werden

bald sprechen.

Zwei, von dem eigenen Herzen belustigt,

wollen das Licht des Nachts an meine

unbekannte Wunde verkaufen.

 

 

Aus uns

 

Das Kreuz in mir ist am Morgen,

wenn es lacht, wenn es weint aufgewacht, der

Himmel ist ohne es zu fragen in ihm

zusammengekommen.

Ich komme mit einer Hand im Herzen zurück.

Es ist still, als ob Seelen ausbrechen würden:

Ein Teil mit mir,

ein Teil ohne mich.

Während ich mich wie ein normales Wesen

benehmen werde müssen. Lieben.

Ich gleite an mir vorbei wie eine Hyäne,

die ihre Seele reißt.

Die Meute hat mich.

 

 

Wo ES Liebe und Tod nicht gibt

 

Wo es Liebe und Tod nicht mehr gibt,

dort bin ich,

mit unterworfenem Herzen auf Gott wartend.

Den unschmerzlichen Sinn des Abgrunds liebend.

Indem ich versuche, nicht auf einmal

auf der einen und auf der anderen Seite zu sein.

Die Flammen sprechen mit dem Kreuz in mir

in meiner Abwesenheit.

Sie rufen mich zum Schmaus, zu meinem eigenen Schmaus.

Wenn das Gefühl in welchem ich geboren bin endet, wird ein Schmerz, der

nicht ausgesprochen werden kann,

beginnen.

 

 

Mutter

 

Für Dodu

 

Mutter,

unser gemeinsames Auge.

Das Kreuz

sträubt sich

nach links: mein Unvermögen deiner Kraft

alle zu lieben und allen zu vergeben gleich zu sein.

Täglich deine Träne

in dem Wort Gottes.

Tage und Nächte

vertreibst du mir das Schaudern.

Gibt es

in der Welt

ein Zittern des kaum geborenen Jahrhunderts?

Von dir aus meidet mich der Tod:

Ich lebe in Deinem Licht.

 

 

Unsere Gefängnisse

 

Die Schranke der Hände.

Die Glocken brennen.

Mein Engel sucht mich auf der Diagonale.

Ich lebe

obwohl ich tot bin.

Es kommt nicht, o Herr, das rauhe, mit uns ungeduldige Lied.

Nein,

wir sterben nicht

wir müssen unsere Gefängnisse

haben.

 

Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu

 


Adnan Al DHAHIR

 

Die Bienenkönigin

 

Du bist wie eine Prinzessin, die uns dominiert,

eine schicksalhafte Gestalt, die uns offensichtlich

und manchmal geheim manipuliert

(es ist so schwer, die menschliche Struktur zu durchschauen)

denn, die menschlichen Seelen gleichen den Engeln,

sie kommen nach und nach, unvermeidbar

wie die herbstliche Jahreszeit.

 

Sie kommen wie Regenschauer zu uns aus dem Himmel

und wie Weihrauch, als Geschenk fpr die paradiesische Braut

und die Äste des Baumes duften wie Amber

für die Halskette der Hoor El-Ein

und sie kommen wie gute Geister,

die das Universum durchstreifen wie ein verzauberter Prinz,

und sie kommen wie der Honig

der Königin der Königinnen aller Bienenvölker.

 

Ich aber wandere und wandere und finde nichts davon.

Doch finde ich das Pulver des Smaragdes

und mache davon eine Essenz und trinke dieses Elixier um

meine Isolation und bittere Niedergeschlagenheit zu heilen

und ich sage einen Trinkspruch auf eine große offenbare Liebe

auf den Sieg der menschlichen Seelen die das Leben auskosten

und nicht zuletzt auf das Feuer,

das der Bienenkönigin die Flügel verbrannt.

 

 

 

Winter1

 

Üble Laune und dunkles Gemüt kommen mit dem Winter,

wenn sich die Natur zurücknimmt und vergeht voll Kummer und Furcht,

Tage werden kürzer und Nächte länger,

kein Wunder. Die Erde verändert ihre Umlaufbahn

und wechselt ihren Umdrehungswinkel.

Sie folgt ihrem ungeheueren Herrscher und Bezwinger.

Winter bringt mir Trübsinn, geheime Gefahr

und ein großes Verlangen allein im Haus zu bleiben,

darüber nachsinnend was das Leben nehmen oder geben kann.

 (Das Leben ist ein tüchtiger Händler und ehrloser Spieler)

Mir selbst hat es viel genommen und auch meiner großen Familie:

Es nahm meine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern

in weniger als zehn Jahren.

Es hat mich aus meinem Land fortgenommen

und mich in einen internationalen Zigeuner verwandelt

– der weder singen, noch spielen noch tanzen kann –

Ohne Gesundheit, keine Kraft, keine Tätigkeit oder Geld,

kein Reisepaß oder Sicherheit,

keine Hoffnung auf etwas Bestimmtes oder unerwartet Unverhofftes.

 

Frostiger Winter verwundet mich, zerschmettert mich–

läßt mir das Gefühl eines Gefangenen und überdies,

Winternächte stechen mich, quälen mich und

treffen wo Schmerz scharfe und lange Zungen, Fangarme und

Lippen hat. Es spricht und geht

durch das tiefe innerste System

wo es sich prächtig ausdrücken kann.

 

Winter heißt milchiger Schnee und schwarze Dunkelheit:

Zwei scharfe Kontraste, trotzdem, beide sind uns auferlegt.

Alas, alas. Keine Möglichkeit zu überspringen oder vorbeizukommen.

Keine Hintertür um zu verschwinden oder dem Ungemach zu entfliehen.

Winter zerschmettert und greift an wie die meisten wilden Tiere.

Er hat seine eigenen stählernen Arme und Gemeinheiten: Scharfe Zähne,

Klauen und ein furchtbares Gesicht.

Kalte Winternächte versteifen unsere Knoch