Kurzprosa
von: Gina Gerold: Sternenstaub auf Haut (S. 2- 6); Werner Kreuels: Der
Blick (S. 6-8); Impressum (S. 8); Ralph Gotta: Janus’ letzter Traum (S. 8-11); Cornelia
Vissarion-Manuceanu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu): Das „Gramaphon“ (S.
11-13); Alexandru Muresan (Dt.-Übers. Gudrun Winkler): Das Fahrrad (S. 13-15); Ioana Dragan (Dt.-Übers.
Radu Barbulescu): Die Gans (S. 16-18); Laura
Rumich: Vielleicht (S. 18); Gisela M.
Kirbach: Die Beute (S. 19); Ovidiu Dunareanu
(Dt.-Übers. Radu Barbulescu): Das Fohlen (S.
19-22); Gheorghe Sasarman (Dt.-Übers. Hilde Linnert): Atlantis
(S. 23-24); Florin Slapac (Dt.-Übers. R.-F. Barth): Ein anderes Wintermärchen / Erleuchtung
(S. 25-27); Titu Popescu (Dt.-Übers. Sorin Anca): Der steinerne Mensch (S. 27-31); Radu
Barbulescu: Quasillàs Geschenk (S.
31-34); Porträt: Josef Norbert Rudel
zum 80. Geburtstag (S. 35); Josef N. Rudel – Czernowitzer Wintertage. Erinnerungen (S. 35-37);
Lyrik
von: Anisul
Haque (S. 38-40); Constanta Buzea
(Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S.41-43); Carolina Ilica (Dt.-Übers.
Radu
Barbulescu) - (S. 43-46); Arthur Porumboiu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 46-47); Amelia Stanescu (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S.
47); Rhea Cristina (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 48); Adnan Al Dhahir (Dt.-Übers. Gisela Kirbach) - (S. 49-50); Geo Dumitrescu (Dt.-Übers. : Heinz Kablau, Rolf
Bossert, Zoltán Franyó, Lotte Berg) - (S. 51-54); Ion
Milos (Dt.-Übers.: R.-F. Barth) - (S. 55-58); Giulio Bailetti (Dt.-Übers. : Pascale
Olivier und Anna Ravazzi) (S. 59-60); Seosamh Ó
Guairim (Dt.-Übers. Radu Barbulescu) - (S. 61-62); Gerhard Köber (S. 63-64); Martin
Frei (S. 64); Eugen D. Popin (S.
65-66),
Roman: Alexandru
Ecovoiu (Dt.-Übers: Radu Barbulescu) – Saludos – 14. Folge (S. 67-78); Germán
Sierra (Dt.-Übersetzung: Jan Pohl) – Efectos secundarios (S. 78-85);
Meridian: Anant Kumar – Die
Moscheen am Gangesufer (S. 86-88); Benedikt
Weyerer – Das Goethe-Institut: Neugründung vor 5o Jahren (S.
59-91); Manfred Pielmeier – Andechser
Originale... und Kuriose (S. 92-96);
Die
Bücher-Arche (Buchbesprechungen):
Erich
Rückleben – Notizen zu Harmuth Malornys Gedichtband „Was übrig bleibt“ /
Susanne de la Fuente – Manfred Kern: „Offene Wunden. Ein Requiem“ /
Ralph Gotta – Anant Kumars neues Buch „Die galoppierende Kuhherde“ /
R.-F. Barth - Manfred Wieningers Roman: „Falsches Spiel mit Marek Miert“
und Geo Dumitrescu: „Poezii/Gedichte“ / S. Reicherts & Valeri Stanco
– Daniel P. Schenk: „Underworld“, Kurzgeschichten (S. 97-102);
Nachruf: „Das Letzte Einhorn: Zum Tode Gellu Naums“; Gellu Naum: Der Alte (Nachruf und
Dt.-Übersetzung: Radu Barbulescu) – (S. 103-104)
Illustrationennachweis: Al. Pana, „Pferd“, Bronze (S. 22) u. Zeichnungen v.
Martin Frei (S.40 u. 64)
archenoah ISSN 0946 - 0810
Erscheint im Verlag Radu
Barbulescu, Görzerstr. 105 A, D - 81549 München. Inhaber, Verleger und
verantwortlicher Redakteur: Radu Barbulescu, Anschrift w. o. Für Anzeigen
verantwortlich: Radu Barbulescu, Anschrift w. o.
Autoren: Frederike Haberkamp, Hans Jürgen Heimrich, Gisela Kirbach, Carla Kraus.
Manfred Pielmeier, Harald Siegmund, Gunna Wendt, Benedikt Weyerer u. a.
Erscheint ab 2001 2 x (Doppelhefte)
jährlich. Preis pro Exemplar 24.-- DM / 12.-- Eur. Jahresabonnement 48.-- DM /
24.-- Eur. Bankverbindung: Radu Barbulescu, K-to Nr. 100-148683, Stadtsparkasse
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Unser
Titelbild: Constantin Grigoruta, Konstanza: "Boot auf dem Trockenen", Aquarell, 210 x 297 mm.
Radu Barbulescu
KAMPF DER KULTUREN?!!
Man muß
nicht unbedingt nach Kabul fahren um zu verstehen, was die Zerstörung einer
Jahrtausende alten Buddha-Statue oder die Verachtung des menschlichen Lebens,
der Menschenrechte und letztendlich der menschlichen Zivilisation bedeutet. Man
kann das auf den Straßen von Berlin, Leipzig, London, Rom, Bukarest, Budapest,
Minsk und Moskau ebenso hautnah erleben.
Es fällt
einem trotzdem schwer, in diesen Zeiten der allgemeinen Verunsicherung von den
Vorteilen einer "multikulturellen" Gesellschaft zu sprechen und zu
schreiben, wenn man sich nicht unbedingt als unverbesserlicher Träumer
abgestempelt sehen möchte. Was aber sind wir, jeder von uns, wenn nicht, wie
ein Dichter sagte "ein Traum innerhalb eines Traums"? Erst recht der
Schriftsteller, der Dichter, der traumwandlerischste Traum der Träume.
Man kann
uns vorwerfen, daß mehrere Jahrtausende Literatur und Dichtung den Menschen mit
keinem Deut verbessert haben - aber taten es die Wirtschaft, die Wissenschaft,
die Politik?
Das
Schlagwort unseren hoch technisierten aber auch kühl berechnenden, westlichen
Zeiten scheint "Kommunikation" zu lauten so wie es auf der anderen
Seite, die noch dæstere, "Inkommunikation" lautet.
Unsere Meinung nach, ist die heutige menschliche
Zivilisation das Resultat jahrtausendlanger Kommunikation der Kulturen, das
Resultat eines ständigen (nicht immer friedlichen) Dialogs zwischen den Menschenkindern
aller Völker der Erde. Sagte nicht schon Montaigne, vor mehr als vierhundert
Jahren: "Alle Menschenvölker sind menschlich!"? Und sind wir, als
Schriftsteller und Dichter, nicht zu allererst den Menschen verpflichtet? Ist
es nicht unsere erste Aufgabe, den Menschen über die Hürden seines
schicksalhaften Daseins auf die sanfte Art hinweghelfen zu müssen, ihm eine
"virtuellen", menschlichere Umgebung zu verschaffen?
Es ist
vielleicht meine eigene "Weltanschauung", meine eigene Art über
Mensch, Zivilisation, Kunst und Literatur zu denken, die mir auch in solchen
Momenten in denen Gewalt, Haß und Habgier, die dunkelsten Abgründe des
menschlichen Wesens wieder aufflammen,
Mut machen. Ich bin überzeugt, daß der "common sense" die
Risse, die sich zwischen den verschiedenen Kulturen aufgetan hatten, wieder
schliessen wird. Ich bin mir sicher, daß der Terror und Mord nur von einer
handvoll Irrer befürwortet werden können. Und ich bin mir sicher, daß gerade in
solchen Zeiten Kommunikation auf höchstem geistigen Niveau - und ich meine
damit nicht das Internet, CNN usw.! - von entscheidender Bedeutung ist.
Ich
hoffe, daß diese unsere neueste Ausgabe, die wieder Autoren aus fast allen
Kulturen der Welt beinhaltet, gerade von diesem Glauben zeugt.
Radu
Barbulescu
Gina GEROLD
'Herein' hatte die Schöne im Bad gesagt, weil niemand sie
stören konnte. Ebenholz, Schnee und Blut ihr Gesicht.
'Dornröschen' hatte
Ramon sie genannt und war, die Hand auf der Klinke, ein Freund. Ein
dunkelhaariger, starker Mann, in dessen Augen Zuversicht glänzte. Er schien
alles, was er brauchte, in sich zu tragen.
Mit seiner Anrede hatte
er recht, Luzia sehnte sich dem erlösenden Kuß entgegen, mehr von den Stacheln
der Rosen umgeben, als von ihren Blüten. Pascal, ihr Prinz, war futil. Nur ein
paar Töne aus seinem Saxophon vermeinte sie noch wahrzunehmen. Und einen
Schimmer seines goldblonden Haares.
Ihr Mut, ihn schließlich
auf dieser südlichen Insel aufzusuchen, war nur halb belohnt worden. Er hatte
sie in das Haus eingeladen, wo sie sich jetzt befand, bevor er wieder verschwunden
war. Haus von verrreisten Freunden, Haus voll Verlassenheit.
'Herein!' hätte sie da
fast zu jedem gesagt.
Luzia war grazil und
schön. Ihr zartes Gesicht ein Fenster zur Traurigkeit, das glatte Haar der
Vorhang, der nicht ganz zurückgezogen war. So hatte Ramon, der neue Freund,
sie auf das Fest der Künstler mitgenommen. Sie gehörte ihm nicht an, dort im
Atelier.
Atelier. Labyrinth aus
Mauern. Weiße Bögen, deren Kanten mit den Händen abgerundet uneinheitlich, so
wie jede Hand anders als die andere war, ließen von Durchbruch zu Durchbruch
blicken, doch nur um zu erkennen, daß es immer weiter ging. Düsterkeit
zwischen kleinen Lichtern, um Geflüster aufzusaugen, das sich sinnlich in den
Ecken hielt.
Da war eine der Nischen
für sie und Ramon bestimmt. 'Du bist nicht der einzige Baum im Wald!' dachte
sie auf den Vermissten zu. Der neben ihr wirkte besänftigend, er hatte schon
den kräftigen Körperbau danach. Und Ruhe in der Stimme, die leichtlebigen Jahre
überschritten. Doch daß er auf festem Boden stand, empfand sie als Illusion,
weil die Erde eben eine rotierende Kugel war.
Er stellte sich ihr als
Maler vor.
Maler, die Essenz der
Dinge als Farben angemischt und ihr Form zuweisend unsterblich der Leinwand
anempfohlen. Die Gestalt der Welt in ihren aufgewühlten Augenblicken
festgehalten, daß ihr Blut niemals gerinnen würde, das war eine Arbeit, die
sich lohnte.
'Das flüchtig Unwägbare
muß man behutsam fassen,' dachte Luzia weiter, 'so wie er es macht.
Definitionen sind nur grobe Nägel auf Trittbrettern im Nichts.'
Das Wissen vom
Nicht-Wissen-Können brauchte Mut.
Gintonic hatte er ihr
gebracht. Sie stieß mit ihrem Strohhalm Limonenwürfel auf den Grund des Glases
als würde im Untergetaucht-Werden und Wieder-Nach-Oben-Kommen eine Weisheit
für sie liegen. Ramon unterbrach sie dabei nicht.
Das Getränk roch frisch
nach Citrus, die Luft nach verbrennendem Pinienholz, die Nacht nach fremden
Freuden. Sie hätte den, der neben ihr saß, berühren mögen als einen Beginn, als
Schlußstrich unter Pascal, dem stets in ihr Anwesenden. Pascal, der seine
schlanke, große Gestalt unvergeßlich zu seinen Melodien wiegte.
So schrieb sie wie aus
dem flüchtigen Traum eines Schulmädchens heraus: 'Yvonne liebt Ramon.' an eine
nicht vorhandene Wand, 'seine stämmigen Knie und Füße in festen Straßenschuhen.'
'Yvonne liebt Pascal und
der ist nicht da.' wurde da von einer unsichtbaren Hand schnell geübt
daruntergesetzt. Sie wußte es ja, sie liebte den, der, kaum hatte sie ihn
gesehen, wie so oft zuvor wieder zum Phantom geworden war.
Ramon zog genußvoll an
seiner Zigarette. Hielt sich beim Ausatmen des Rauchs den Daumen an die
Unterlippe. Da sah Luzia, daß ihm ein Stück vom Mittelfinger fehlte.
Was, wenn sie einen Teil
von sich vermisste, dachte sie da. Sie würde immer die Stelle betrachten, an der
er nicht mehr vorhanden war, als könnte sie ihn zurückerschaffen. Sie bewegte
unbemerkt ihren Finger. Nein, es wäre sicherlich ein ganz anderes Stück. Vom
Herzen, aus der Brust, vom Atem, von der Freude. Pascal.
Wo könnte er denn sein,
wenn nicht bei einer anderen, wenn alle außer ihm zum Fest gekommen waren. Und
außer vielleicht dieser einen.
Dabei war Luzia
aufgestanden, sie fing einfach zu gehen an, betrachtete dabei die Malereien
an den Wänden und die Wände selbst. Unglatt irdisch, der Laune überlassen,
Atelier. Sie traf auf andere, die auf sie trafen, nickte zu und wollte, daß das
Labyrinth groß, verwirrt, verwinkelt bleiben sollte. Also suchte sie nicht
nach Anordnungen und behielt in ihrer Vorstellung Gänge, Höhlen, Ausbuchtungen
ohne Ende.
Wandelte weiter zu
Mauerbögen. Durch diese gleißte Nacht. Luzia ging ihr nach, hinaus.
Der Himmel strahlte
seltsam wie aus eigener Helligkeit. Die gipsernen Figuren an dem kleinen Teich,
zu dem sie kam, leuchteten, als wäre ihr Rund und Nackt von Haut umgeben und
unzerstörbarer als Körper. Träger der Lust und Lasten ihrer Kreatoren. Bei
denen stand Yvonne, um gleich ihnen den Feiernden fern zu sein. Diese zu sehen
genügte.
Seltsam wie sie dort
Paella aßen und seltsam wie es für sie wichtig war. Weil vielleicht der Mond zu
milchig oder das Laub der Bäume im Dunkeln zu dicht oder das Wasser vor ihr zu
trübe war.
Die Frage, ob sie zu
ihnen gehören wollte, brauchte sie sich nicht zu stellen. Dem Pulsschlag der
Welt unterworfen war sie ein Tropfen in ihrem Strom und in seiner Wichtigkeit
dem Ganzen gleich. War irgendwer und auf ihrer Bahn durch niemand zu ersetzen.
Der Wind versorgte sie mit Gelächter und Musik und ihre Sinne wurden weiter als
sie selbst.
Daß die anderen dort
tanzten, nahm sie genauso neidlos wahr. Sie feierte das Beschauen. Gab sich
in die Einzigartigkeit des Jetzt, sah und besah das trübe Wasser, für das sie
sich bewahrte.
Weise Stille. Das
dichte, mitwissende Gras gab unter ihren Füßen nach und zog sich zurück, damit
sie frei und unverhaftet sei. Da war von den Lebewesen und den Gegenständen um
sie herum und aus den Nischen, die sie miteinander bildeten, Weite ausgegangen,
einer der selten kostbaren Momente, in denen ihre wahre Substanz spürbar wurde.
Luzia war aufgenommen
von der Ausdehnung. Das Alleins berührte sie in ihrem Inneren. Zarte
Zugehörigkeit. Eingebunden in ein Sein, aus dem es kein Fallen gab. Göttlich
geborgen.
Als die Grenze zwischen
der neu erstandenen und der allbekannten Wirklichkeit schwächer wurde,
schlaff und formverlierend nicht mehr gültig, gehörte Luzia dem Überall.
Wunder, war das Schweben
schön, dieses hoffnungsvolle Aufgegeben im Übergang der Kräfte. Von der
gewohnten Welt in den Schoß der unbegreiflichen gegeben, war sie ausgebreitet
über sich hinaus. Freude und Erstaunen im Geleit.
Es gab nichts zu
begreifen, weil sie entfernt vom Denken war. Die Zugehörigkeit verlangte von
ihr nichts, sie empfing sie als Geschenk. Gewann Teich und Tanz und Wind und
Ton als Teil von sich selbst. Nacht verströmte Klarheit. Luzia kam sternennah.
Erreichte, berührte den Himmel, ahnte ferne Ewigkeit.
Darin erstand der
irgendeine und besondere Geliebte, der ihr gegeben war, abwesend um so viel
echter. Gab ihr die Freiheit, sich nur mit dem Teil von ihm ein Tête-à-tête zu
geben, der für sie geschaffen war. War ihm körperlos zugewandt.
Nichts stand. Nichts
sollte stehen. Keine festen Untergründe behinderten das Fließen. Kein Boden war
da zugelassen, wo sie sich jetzt befand, keine Beschränkung. Glück glitzerte
geheimnisvoll. Es waren Luzia alle Lasten abgenommen, leicht war ihr körperfernes
Selbst, hatte sich in die Nacht gelöst.
Der Kuß. Der Kuß erstand
vor ihr, als würden Pol und Gegenpol mit weiten Armen zueinanderlaufen. Feuer
spiegelte sich auf Eis, ein Ruf hallte im Schweigen wider. Dem All gegeben, dem
Ich enthoben, stieg sie ohne Maß der Schnelligkeit in Nacht und Farbe, in ihn,
der darin enthalten war, in alle starken Mächte. So hatte Gott die Welt
geschaffen. Nur der Mensch hatte sie klein gemacht.
Der Kuß war mehr als
tausendjährig. Uralt und noch nicht geboren. Vorbote der Vereinigung.
Lippen tauchten aus
kosmisch blauer Schöpfung und boten sich ihr dar, auf daß sie von der Fülle
koste, eins mit dem Eins im Unersättlichen. Seele. Zeitverloren, rein. Als
Stern im Flug. Als Licht im Sein.
Die Stiche der Kälte
durchlebt, als Nebeltropfen die Winzigkeit, im Feuer zerglüht. Dornen
durchschritten. Aufgegeben alles, was einst und noch davor gewesen war. Jetzt
Seeligkeit.
Eulenfedern, lautlos
schwingend, glichen bedachtsamen Kometen.
Pascal war zu ihr
gekommen.
Sie ließ seinen Körper
los so unverhofft, wie er an ihr aufgetaucht Teil dieser neu gefühlten
Wirklichkeit geworden war. Bei der Musik des klaren Wassers, das aus den
dunklen Zwischenräumen der Bäume die Töne übernahm.
Sie kannten sich schon
lange. Vielleicht viel länger, als sie dachten. Sie war ihm Freundin. So gerne
wäre sie ihm auch Freund gewesen.
Du bist mein Mann. Er
war der Ihre, auch wenn er dafür keine Worte fand. Gefunden, stumm eingestanden
und vollzogen, daß es sie zueinander gab. Ihr Schweigen war gemeinsam, frei,
innig und aus aller Einsamkeit entstanden, die sie verließ. Ein Zeichen, daß es
wirklich war, das absolute Wiederfinden. Das Wasser war ganz klar und tief, als
es sich dort hinein verrann. Sie tanzten lange. Dann wußten sie sich wieder.
Und das Fest auf Lanzarote.
Die Schatten der Bäume
legten sich monderwärmt auf die noch taube Erde und gaben ihr Gehör. Sie hörte
vier Füße in ungleichem Schritt. Die hielten nicht inne, obwohl die kleineren
manchmal langsamer wurden und dann um die Verzögerung wieder schneller, als
wären sie nicht sicher, ob sie auf ein Ereignis warten oder ihm entgegenlaufen
sollten.
Unübertroffen stark war
hier am Weg die Dunkelheit. Er summte, sie horchte und hörte daraus das Summen
von damals, als sie durch die Stadt gelaufen waren, sich bei wem auch immer
einen Platz zum Schlafen suchend, durch kalte Nächte. Nur klang es jetzt nicht
mehr nach Selbstgenügsamkeit und sie ging neben statt hinter ihm. Die Erde hielt
die beiden für ein Paar und verstand aus seinen Tönen, daß er jetzt bereits
einen Platz und dort eine Matratze auf dem Boden hatte, nur die Umarmungen
darauf waren ungewiß. Sie belächelte den Abstand, der wieder zwischen beiden
war. Er hielt ihn durch sein Saxophon, weil er Nähe nur bemessen gab.
Der Mann wußte sich
beachtenswert. Die Frau sich nur durch ihn. Ihre Gemeinsamkeit duldete keine
Zeugen. Beifall wäre ihnen somit versagt gewesen, sie mußten den Segen jenseits
der Menschen finden.
Die Arme der Bäume
umsäumten auf dem Boden die Pfade des Lichts. Luzia war sich nur darin sicher,
daß die dunklen Stellen Geheimnisse bewahren konnten und dadurch bedeutsam
waren. Da wanderte das Saxophon auf seine andere Seite.
Scheinbar lässig, wie
sein Arm an ihr herunterglitt und an ihrer Hüfte innehielt. Da taten's die
beiden in ihrer Verschränkung den Schatten der Zweige gleich.
So gab die Erde ihnen
diese Nacht zum Geschenk, die das Unbegreifliche mit allem, was greifbar war,
verband und wünschte ihnen Glück. Luzia schaute nach oben. Der Mond war halb
und scharf. Sie hätte ihn gern nach der Dauer des Wohlwollens gefragt, das
ihnen der Himmel entgegenbrachte.
Dann, auf der Matratze,
lösten sich die Fragen auf. Sie sah Pascal als vom Augenblick gegeben an, als sie
kurz die Augen öffnete. Fühlte ihn um das Ungewohnte stärker. Fühlte sich
selbst in Teilen. Ihren Arm, wo ihr der seine nahe kam, ihr Bein dort, wo seine
Finger Bahnen darauf zogen, und dann seine breiten Hände. Sie glaubte, so
berührt, an sich.
Erreiche mich dort, wo
ich mich nicht kenne. Fülle mich aus, wo Eingeweide wissend sind. Dein
Widerspruch spannt meine Muskeln. Dein Mut dem meinen Gegenpart.
Freier Fall. Das Licht
brach auf zum Regenbogen, der die vereinten Körper aufnahm, der ihre Seelen
sehen ließ, Allwissenheit für einen Bruchteil keiner Zeit.
Sie blitzten als zwei
Figuren auf im Duo, im Duell. Sie zelebrierten sich.
Kein Abstand zwischen
ihnen, keine Stelle, wo der eine aufhören und der andere beginnen könnte. Der
Geliebte verriet sich da als Liebender, wo Worte nicht mehr zugelassen waren
und Hingebung die Pflicht ausschloß. Es war alles echt. Sie nahmen sich in der
Ohnmacht, sich nicht selbst zu sein, ein einziges Geschöpf aus beiden, Fluch
und Geschenk zugleich, das von der eigenen Last befreit.
Sie fühlte ihn in jedem
Part, der er je gewesen war. 'Komm!' war stärker als je zuvor, als er nicht
gekommen war. Eine Bitte war sie. 'Komm!' hörte nicht mehr auf. 'Ergib dich mir
für immer und wir sterben!'
Er ergab sich, für
diesen Augenblick. Er kannte 'immer' nicht.
Von der Vollendung
mitgerissen im Fluß der Auflösung.
Feuerrindenstücke.
Sie fielen auseinander,
doch nur so weit, daß jeder wieder Oberfläche hatte.
Was sie dann sah, prägte
sich in einen geläuterten Sinn. Ein weißes Bettuch auf der Matratze,
ungewaschen, faltig, schön. Die Ruhe zweier Körper darüber ausgebreitet. Ein
Stück Tapete noch, blaue Motorräder, Suzuki, Kawasaki darauf. Ließ sie die
Ferne nah empfinden und jeden Abstand als erdacht. Sein Fersenrelief in ihrer Seele
gehörte ihr für immer, als Siegel dafür, daß sie angekommen war.
Sie hätte auch in einem
Großstadtpark in einem zerfleddert und dann zugeschnittenen Gebüsch auf
Eiscremepapier und Zigarettenschachteln den Reichtum dieses Augenblicks
erfahren, von Moos aus unter kahlen Fichten oder auf Kopfsteinpflaster in
irgendeinem Hinterhof. Doch es war hier passiert.
Stille.
Dann das heisere Bellen
eines Hundes, das in den obersten Tönen zum Versiegen kam.
'Herein!' sagte Pascal
und weckte sie aus ihrem Schlaf, doch nicht aus ihrem Traum. Ramon stand in der
Tür. Er suchte Pascal wie vor ein paar Stunden. Und wollte wissen, wo die
entschlüpfte Schöne war.
Ramon, der Maler, fand
ein Motiv: zwei getrennte Körper, bedeckt mit der Asche der Sterne.
Werner Kreuels
Es ist ein kalter Tag.
Die Münchner Innenstadt ist an diesem dritten Januar angefüllt mit Gesichtern
deren Münder viele Sprachen sprechen. Schön, denke ich und lasse die Welt an
mir vorüberziehen, ohne einen Schritt aus der meinen tun zu müssen.
Die meisten der Münder
verstehe ich ganz und gar nicht. Ein paar gönnen mir, einige Worte mit ihnen zu
teilen. Sehr gut verstehe ich solche, aus denen Englisch oder Bayrisch quillt.
Wie den Japaner, der mit dem Afrikaner, natürlich in Englisch, über den
Fremdenhaß in Deutschland diskutiert, und praktische Tipps zum unauffälligen
Verhalten an den in diesem Fall schwarzen Mann bringt. Scheiße, denke ich und
schäme mich für die nicht kleiner werdende Schar von Hirnamputierten in diesem
Land, die, wahrscheinlich auf Grund eines genetischen Defektes und der didaktischen
Unterstützung ihrer Führer zu der Überzeugung gelangen, etwas besseres zu
sein.
Ich beschließe, den
Mündern nicht länger zu erlauben, an mein Ohr zu gelangen. Jetzt reden die Gesichter.
Es sind viele darunter,
die meine Ohren nicht brauchen. Ich könnte taub sein, und müsste dennoch an
türkische Gefängnisse denken, in denen Häftlingen Zigaretten auf der Stirn
ausgedrückt werden. An den Krieg auf dem Balkan, in dem Gefangene gefoltert werden,
und so weiter, und so weiter. Als ich beschließe, diese Klagen nicht mehr auf
meine Großhirnrinde zu projizieren, (ich kann ja auch wegsehen!) fällt mir ein
Mann auf, der anders ist, als die anderen in meinem Gesichtsfeld.
Er ist zu leicht
bekleidet für diese Temperaturen und passt schon auf den ersten Blick in die
Kategorie "Obdachloser". Obwohl er nicht, wie viele seiner Kollegen,
an eine Mauer gelehnt vor sich hinstarrt, auf einem Stück Pappkarton sitzend
seine Unfähigkeit demonstriert, in die Welt, die ihn umgibt, zurückzukehren;
macht auch er seine Position durch sein Äußeres deutlich. Auch sein Gesicht
weiß viel zu erzählen. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, daß dieses
Gesicht sogar mehr zu sagen hat, als die meisten der "Ich habe keine
Zeit-Normgesichter". Grob geschätzt würde ich sagen, lebt dieses Gesicht
seit mindestens drei Jahren auf und von der Straße.
Durch den wilden,
ungehindert wachsenden Bart, ist nur die durch übermäßigen Alkoholkonsum
gezeichnete Nase zu erkennen. Das Haar ist lang, etwas wellig, von
mittelbrauner Farbe und hängt über der schwarzen Stirn ungepflegt bis fast
über seine Augen. Der Mann legt seinen Kopf in den Nacken um besser nach vorn
sehen zu können. Meist ist sein Blick jedoch, so scheint es zumindest, auf den
Boden gerichtet. Er bewegt sich durch die Menschenmenge und ich bemerke eine
offensichtliche Gehbehinderung. Sein linkes Bein schmerzt wohl bei jedem
Schritt. Er hinkt und tritt links nur mit dem Vorfuß auf. Je länger ich ihn mir
anschaue, umso mehr bekommt sein Ganzes etwas, das ich bisher nur aus dem Zoo
kannte. Nur hier wird die Situation umgekehrt. Er, der andere, der sich
manchmal raubtierähnlich dann wieder mit der Verschlagenheit eines Affen, der
an Menschen gewohnt auf Beute wartend, durch die Besucher bewegt, hat die
Kontrolle. Wohl wissend um die Gefährlichkeit der Normalen umkreist er sie in
sicherem Abstand, um in einem geeigneten Moment seine Umgebung nach achtlos weggeworfenem,
für ihn überlebenswichtigem Unrat zu durchforsten. Ein Blick und vielleicht
ein kurzer Griff in den Abfalleimer scheinen seine Vermutung zu bestätigen.
Nichts zu holen. Alles, was sich der Mülltonne nähert, wird ohne sich darüber
im Klaren zu sein, genau beobachtet. Schließlich schwebt eine Hand mit dem Rest
eines wohl kürzlich erworbenem, seinem Besitzer dennoch nicht munden
wollendem, allseits bekanntem, amerikanischem Magenverdreher über die
Abfalltonne. Fast im gleichen Moment ist der Mann unbemerkt hinter dem
Besitzer der Hand aufgetaucht und angelt sein Mittagessen aus der zuvor
präparierten Tonne. Der Snack fiel auf ein Stück vorbereitete Zeitung und
konnte so nicht unnötig verschmutzen.
Angeekelt dreht sich ein
vorbeikommendes Paar ob des Anblicks eines Menschen, der sich von Müll ernährt,
in die entgegengesetzte Richtung.
Der Mann kennt diese
Reaktion sehr genau und würdigt sie entsprechend.
Gleichzeitig pausiert in
der Nähe eine zwar nicht geschmackvoll aber teuer gekleidete Familie. Der
Gegenstand ihrer Unterhaltung, nebst der hierzu verwendeten Sprache wollen
überhaupt nicht zum Erscheinungsbild der vierköpfigen Truppe passen. Ich habe
den Eindruck, sie fühlen sich alle nicht sonderlich wohl in ihrer Staffage. Als
das Familienoberhaupt meines Obdachlosen ansichtig wird, entfährt ihm
folgender Satz: (den auch der zuvor beschriebene gehört haben muß, denn er
zeigt Reaktion! )
"Boa, kumma die
arme Sau da! "
Auch die Tatsache, daß
jetzt mit dem Finger auf ihn gezeigt wird, reicht noch nicht, um eine Flucht
einzuleiten.
"Dä hat noch nich
ma ’ne Kippe. Dem bring ich getz eine!"
Der Sicherheitsabstand
meines Obdachlosen zum offensichtlichen zu allem bereiten Wohltäter, der
die Zigarette schon angezündet hat, mit ihr schon auf dem Weg ist, vergrößert
sich leicht.
Alle zu diesem Zeitpunkt
zufällig anwesenden, die meisten befinden sich in Bewegung, werden nun Zeuge
dieses Blickes. Vor allem aber ich.
Dieser Blick, der den
Wohltäter, obwohl wild entschlossen, Gutes zu tun, in seiner Vorwärtsbewegung
inne halten lässt und ihm sagt: "Wieso glaubst Du arrogantes Arschloch,
nur weil Du zufällig mehr hast als ich, mir Deine angesabberte Kippe aufdrängen
zu müssen? Typen wie Dich braucht niemand. Verpiß Dich!"
Nichts davon wurde
ausgesprochen! Und doch hat der Wohltäter die Botschaft bekommen, und zwar in
einer Weise, die nicht nur mir, der ich versucht war, zu applaudieren,
imponierte, sondern auch einigen derer, die nur zufällig vorbeikamen
offensichtlich Freude bereitete.
Ralph GOTTA
Janus hatte einen
letzten Traum:
Er wurde eines wunderschönen Sommermorgens von friedlichem
Vogelgezwitscher und einem sanften Kuß seiner Mutter auf die Wange geweckt.
Kein Rattern von Maschinengewehren. Kein Knattern von Kampfhubschraubern.
Kein Anrollen von Panzern. Keine brennenden Häuser. Keine verbrannten Leichen.
Nichts dergleichen. Keine Gefahr.
Er rieb sich den Schlaf
aus den Augen, stand gähnend auf, zog seinen Schlafanzug aus, wusch sich,
putzte seine Zähne, streifte sich ein T-Shirt über, zog sich Unterhose, Hose,
Socken und Schuhe an. Alles sauber und rein. Keine Blutflecken. Keine Löcher.
Er ging zum
Frühstückstisch.
Er war nicht verwaist.
Seine Eltern und sein
sieben Jahre altes Schwesterchen hatten bereits Platz genommen.
Ihre Gesichter waren
nicht fahlbleich. Ihre Stimmen nicht verstummt.
Sie empfingen ihn mit
einem warmen Lächeln und einem ebenso warmen ,,Guten Morgen, Janus".
Es gab zu essen.
Er bekam heiße
Schokolade, und es gab Brötchen mit Schokoladentäfelchen oder Käse oder
Schinken.
Gegen Ende des Frühstücks
versprach ihm sein Vater, daß sie, wenn er wieder von der Arbeit zurück sei, an
dem Flugzeug weiterbasteln würden, dessen Einzelteile er vor drei Wochen, zu
seinem zehnten Geburtstag, von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte (sein
Schwesterchen hatte für ihn einen kleinen Strauß gepflückt - nicht am Rande des
Abgrunds, nicht inmitten eines Kreuzfeuers, sondern auf einer sattgrünen,
buntblühenden Blumenwiese).
Frohgelaunt und pfeifend
sah sich Janus zu der Stelle laufen, wo der Schulbus ihn zusammen mit anderen
Jungen und Mädchen wie an jedem Morgen abholen sollte, und es war ein gutes
Gefühl, wenn einen die Beine durchs Leben trugen.
Auf dem ganzen Weg zur
Haltestelle sah Janus kein einziges Kampfflugzeug. Das einzige, was den
Himmel trübte, waren weiße Wölkchen. Wattebettchen für die Toten, dachte
Janus im Traum für sich, und er fragte sich, welches wohl das seine war.
Im Bus sah sich Janus,
ein Serbe, wie im Unterricht neben seinem besten Freund Milan, einem Kroaten,
sitzen. Außerdem befanden sich in dem Bus noch weitere serbische und
kroatische sowie albanische, mazedonische und bosnische Kinder.
Einmal abgesehen von den
üblichen Reibereien, vertrugen sie sich gut - ja bisweilen lachten und
scherzten sie gar miteinander, die kroatischen, serbischen, bosnischen, albanischen
und mazedonischen Kinder. Keine haß- oder leiderfüllten Blicke, keine versteinerten
Mienen und Kinderherzen.
In der ersten Stunde
hatten Janus und seine Schulkameradinnen Allgemeine Religionslehre. Und in
seinem Traum hörte Janus die Allgemeine Religionslehrerin sagen: Jede Religion
hat ihre eigene Glaubensform, aber keine Glaubensform kann sich ohne die anderen
entwickeln und weiterbilden, sie brauchen alle einander und sie haben alle
eins gemeinsam: den Glauben an Gott, wie immer er auch aussehen und mit Namen
heißen mag, den Glauben an das Miteinander und Füreinander, den Glauben an den
Frieden und die Liebe und das Leben, egal auf welcher Ebene und in welcher
Sphäre. Und, hörte Janus die Religionslehrerin fortfahren, es gibt keine einzige
Religion, die einen ,,Heiligen Krieg" rechtfertigt oder gar gutheißt. Es
gibt lediglich Irrgläubige, die das glauben wollen, um einen ,,Heiligen
Krieg" führen zu können. Schreibt euch das in euer Merkheft!
In der nächsten Stunde
war Kunst an der Reihe. Der Kunstlehrer stellte Janus und den anderen Kindern
folgende Aufgabe: Stellt euch vor, es wäre Krieg unter euch und unter euren
Familien. Wie würde das aussehen?
Das war ein nicht zu
realisierendes Thema für die Kinder, die einander schweigend und ratlos
ansahen. Von Krieg hatten sie noch nie etwas gehört und gesehen, und weil
selbst in ihren Vorstellungen keine Kriegs-Bilder entstehen wollten, blieben
alle Blätter weiß. Oder vielleicht hatte sich der Krieg auch nur aus ihrer
Phantasie entfernt, um nie wieder in ihre Erinnerung zurückkehren zu müssen,
dachte Janus in seinem Traum.
Nach einer langweiligen
Stunde Mathematik und einer noch langweiligeren Stunde Physik stand Musik,
genauer: Singen, auf dem heutigen Stundenplan. Und in seinem Traum hörte sich
Janus zusammen mit seinen Klassenkameradinnen in Eintracht ein Lied von der
Nächstenliebe und der Toleranz und des Respektierens und Achtens des Anderen,
gleich welcher Herkunft und Rasse, singen. Es war ein gar nicht so schwer zu
lernendes und sehr einfach strukturiertes Lied, aber auch ein sehr weises, und
weil es die Mädchen und Jungen ohne Ausnahme und mit Freude und aus Überzeugung
sangen, auch ein sehr stimmiges und harmonisches.
Zum Abschluß des
heutigen Schultages stand Sport auf dem Programm. Im Mittelpunkt heute
Leichtathletik, darunter auch Janus` Lieblingsdisziplin Weitsprung. Janus war
schon 1,70 Meter groß, und er sollte noch weiter wachsen, und seine schier
endlos langen Beine waren wie geschaffen für Weitsprung. Und auch in diesem
Traum sah sich Janus deutlich weiterspringen als alle anderen. Und das ganze
ausverkaufte Stadion schrie und tobte. Vor Freude.
Wieder zu Hause,
bereitete Janus' Mutter ein wundervoll duftendes und noch besser schmeckendes Mittagessen,
das er zusammen mit ihr und seiner fröhlich dreinblickenden Schwester einnahm. Ja, Janus, seine
Schwester, seine Eltern und das ganze Dorf mußten nie Hunger leiden, weil
Mazedonier für Albaner gaben und Albaner von Mazedoniern nahmen und Albaner
für Mazedonier gaben und Mazedonier von Albanern nahmen, wie überhaupt jeder
jedem etwas gab und jeder von jedem etwas zurückbekam.
Nach dem Essen ging
Janus auf sein Zimmer, stellte sich vor, wie er der in seinen Augen
Klassenschönsten, einem schwarzhaarigen, schlanken albanischen Mädchen mit
treuen Rehaugen, auf den Mund küßte. Er sah durch das Fenster hinaus auf die hügelige,
sonnendurchflutete Landschaft, wo er mit dem Mädchen herumturtelte. Unbeschwert
und ohne bedrohlichen Lärm. Nur friedliches Vogelgezwitscher. Und das Summen
von Bienen und anderen Insekten. Keine Untiere. Und keine Unmenschen. Nur er,
das Mädchen, die Vögel, die Bienen, andere Insekten, die warme, trockene Luft,
ein leichter Wind, die Sonne, die Wiesen, die Hügel, die Weite, das Unberührte,
das Reine, das Natürliche.
Danach sah sich Janus in
seinem Traum aufs Bett fallen und träumen, wie er versuchte, wieder
aufzustehen, es aber nicht schaffte, weil ihm seine schier endlosen langen
Beine plötzlich abhanden gekommen waren. Er hörte sich im Traum seines Traumes
weinen und schreien, vor tiefster Wut und tiefstem Schmerz und tiefster
Ohnmacht, und als er sich auf einmal wieder aufstehen sah, schrie er erneut,
vor tiefstem Glück und tiefster Dankbarkeit.
Dann sah sich Janus
seine Schulaufgaben machen. Die scheinbar so logischen Rechenaufgaben
erschienen ihm bisweilen recht unlogisch, und der bis morgen zu schreibende
Aufsatz mit dem Thema ,,Wie stelle ich mir mein weiteres Leben vor?" fiel
Janus noch viel schwerer. Er sah sich Buchstaben aneinander reihen, aber er
vermochte in den niedergeschriebenen Wörtern keinen Sinn zu erkennen, sie
waren durcheinandergewirbelt, ohne Zuordnung, ohne Zusammenhang.
Dann, endlich, das
Abendessen, mit seinem immer noch fröhlich dreinblickenden Schwesterchen,
seiner Mutter und seinem Vater. Er war müde von der Arbeit, aber nicht todmüde,
und er hielt sein am Vormittag gegebenes Versprechen, und während Janus’ Mutter
die Seele ihrer Tochter mit Märchen und Zärtlichkeiten nährte, sah sich Janus
zusammen mit seinem Vater an dem Flugzeug weiterbasteln.
Und noch an diesem Abend
wurde in Janus’ Traum sein Traum von der Fertigstellung des Flugzeugs, eines
Erkundungsflugzeuges, also eines ohne Bomben im Bauch, wahr. Es war ein sehr schönes
und großes Flugzeug, und kaum daß der künstliche Vogel geboren war, sah sich
Janus ihn auf eine lange Reise schicken. Auf eine Reise zur Erkundung des
Friedens auf dem Balkan. Und er, Janus, war der Pilot.
Janus sah sich nicht mit
seinem Flugzeug zurückkehren. Dazu war sein Traum zu kurz. Dazu wäre der
längste Traum zu kurz gewesen.
Und Janus sah sich nicht
mehr zu seinem Vater zurückkehren. Und zu seiner Mutter. Und zu seinem
Schwesterchen. Es gab sie nicht mehr. Und es existierte auch keine Schule mehr,
und den allgemeinen Religionsunterricht und das Lied hatte es sowieso nie
gegeben. Nur ein Traum. Und der Lebens-Traum von seinem weiteren Leben war für
Janus ausgeträumt, ehe er ihn zu träumen begonnen hatte. Wer sollte noch von
etwas träumen, wenn ihm alles genommen war, das ihm eins etwas bedeutete: Seine
Familie, seine Freunde, sein Haus, die Wiesen und Hügel, die Vögel und die
Bienen, sein Traum-Mädchen, das Lachen, die Unbekümmertheit, die Perspektive.
Und das Singen. Und das Weitspringen. Weil einem dazu die Beine fehlten. Weggerissen
von einer Granate, die einem der Haß, der im Krieg besonders gehässig war,
beschert hatte.
Aber seinen Glauben an
Gott hatte sie ihm nicht entreißen können. Dazu war dieser zu stark. Vielleicht
nur ein schwacher Trost, mag sein. Aber es war ein Trost, immerhin. Und: Das
Wattebettchen, in dem Janus nun lag, verlieh ihm sanfte Ruh. Wie den Abertausenden
Mazedoniern und Albanern und Kroaten und Serben und Bosniern in all den anderen
Wattebettchen Bei Gott waren sie eben
alle gleich. Und hatten alle ihren Frieden. Wie einfach das doch im Leben nach
dem Leben war. Einfach schrecklich einfach.
Steckbrief:
Ralph Gotta. Geboren 5. Oktober 1962
in Frankfurt am Main. Wohnhaft in Heusenstamm. 1983 Abitur in Rodgau.
1983-1988 Studium der Politischen Wissenschaften in Frankfurt am
Main. 1989-1992 Freier Mitarbeiter für die,,Offenbach Post".
1993 und 1994 Volontariat an derselben Tageszeitung und
Übernahme als Redakteur zwei bislang unveröffentlichte Romane (,,Die Liebenden"
und ,,Operation Neonmerika") diverse Prosa- und Lyrik-Veröffentlichungen
in Literaturzeitschriften, u. a in: ,Archenoah", ,,Artefact",
,,Maskenball", ,,Die Brükke", ,,Fliegende Literaturblätter".
Sendung zweier Klein-Hörwerke -,,Sieben Stufen zum Glück"
und,,Medien-Krieg" - in ,,Radio Factory 27" am 9.7.01
Cornelia Vissarion-MANUCEANU
An der Windung der Gasse bei dem Brunnen lagen
zwei Kartons voll Schallplatten und auf einem aus vier Bausteinen
improvisierten Tisch hatte die Frau von Ion Martac das "Gramaphon"
gestellt...
"Was machst Du da, Tante Marita",
fragte ein wenig scheu die Veta, "warum hast Du dieses Klump mitten auf
die Straße gestellt?" "Bleib Du in Deinem Hof", antwortete Tante
Marita "wenn du nicht hören und sehen willst wie mein 'Gramaphon'
spielt!". Und setzte sich rechts
neben die Schachtel indem sie unschlüssig in den Platten umwühlte, auf denen
auf Russisch etwas stand, was man nicht lesen konnte... "Dreh" Du,
Gore, den Trichter zum Dorf, daß auch die Feinde von meinem Glück hören können,
daß Gheorghe von der Front zurückgekehrt ist", sagte mit tiefer Stimme
unsere Nachbarin. Und Gore, neben den geheimnisvollen Gerät hingekniet, drehte
den Trichter so, wie ihm seine Mutter befahl.
Dieses "Gramaphon" war tatsächlich
eine Neuigkeit für die Nachbarn, um sowohl die auf den Schallplatten
aufgenommene russische Volksmusik als auch um die seltsame Schachtel sich die
Bauern versammelten, die mit offenem Mund staunten. Neamtu, ein anderer
Nachbar, sprang über die Zäune hinweg und stürmte heran, um das "Teufelszeug"
auszuschalten, das überlaut erschallte. "Was machst Du mit dieses Schrott,
das die Russinen wie von Bienen gebissen, wie im Urwald schreien, seid ihr
verrückt geworden?" "Schweig, Du Besserwisser! Laß daß auch die
Chioara von Leu hört, daß mein Sohn von der Front zurückgekommen ist, und schau
mal, was er mir gebracht hat"... Neamtu setzte sich neugierig ins Gras und
betrachtete aufmerksam das primitive Gerät das solche schrille Töne von sich
gab, daß man davon taub werden konnte. "Ab jetzt bist Du aber versorgt,
Tante Marita. Kannst die Schachtel neben deinem Bett schreien lassen, und schon
vergisst Du schon den Hunger!" Alle Versammelten, die meisten davon
Kinder, lachten sich zu Tode. "Bist ein Depp", sagte die Frau von
Martac, "hörst Du nicht das Akkordeon? Und hörst du die Balalaika auch
nicht?" "Ich höre sogar die Ukulele", sagte Neamtu während er
sich am Kopf kratzte. Und ging weg, nachdem er in den Grammophontrichter gespuckt
hatte. "Was hast Du, Du Krüppel?", schrie Tante Martac und nahm eine
Handvoll Steinchen auf und warf sie ihm in den Rücken. Neamtu blickte zurück:
"Habt ihr nicht schon genug von den Russen, oder was? Ihr habt sie auch in
einer Schachtel mitgebracht, nicht, der Henker soll sie holen! Huiii! Ihr
Flaschen!"
Patenonkel Iancu trat schnell durch die Pforte,
weil er jenen Lärm und das seltsame Geschrei gehört hatte, das alle Hunde
gereizt hatte, so daß sie bellten, daß man glauben könnte daß die Bären
gekommen seien, um das Vieh zu stehlen... Er hielt dort, wo sich die Leute
versammelt hatten, an. "Wo ist unser Held, ich möchte ihn willkommen
heißen".
Gheorghe rauchte ruhig, an einen Baum gelehnt.
"Eh", sagte Patenonkel Iancu - und streckte ihm gerührt die Hand
entgegen, "gut daß Du gesund zurückgekommen bist. Aber ich würde gerne
wissen: hast Du, mein Patensohn in ganz Odessa nicht etwas besseres gefunden,
um es mit nach Hause zu bringen? Warum hast du Dir die Mühe gegeben, diese
unnütze Last hierher zu schleppen?..." Und er wartete auf eine Antwort,
nachdem er auf die tatsächlich schwere Kisten gezeigt hatte. "Ich habe
nichts anderes mitgebracht, Pate, weil mir alle und alles was ich sah Leid tat.
Und ich konnte nichts mitnehmen. Die Häuser waren zerbombt, die Toten lagen
unter dem Schutt, die Kinder und die Alten waren verwundet, manche ohne Beine
oder Arme, sie hatten in mir so viel Mitleid erweckt, daß ich fast bei jeder
Attacke in Ohnmacht fiel. Was sollte ich nehmen? Etwas kaufen wollte ich nicht.
Es gab Schmuck, es gab Pelze, es gab Geschäfte deren Türen von Kanonenschüssen
weggeblasen waren, aber wir versuchten denen die am Leben geblieben waren zu
helfen ihre Familien ausfindig zu machen oder das etwas, was ihnen
übriggeblieben war, zu sammeln. Wir haben vielen sogar Essen und Brot, insbesondere
Brot von unserer Feldküche gegeben... Was konnte ich mitnehmen? Mein einziger
Gedanke war, gesund nach Hause zu kommen. Und Gott half mir! Ich habe meiner
Mutter dieses Grammophon gebracht, mit welchem sie wie ein Kind spielt..."
Es waren einige Wochen vergangen und das
"Grammaphon", wie die Bauern ihn nannten, spielte weiter in der
Straßenmitte. Aber es fing an, heißer zu werden.... Die Nadel aus dem einzigen
Schächtelchen waren stumpf geworden und kratzten die Schallplatten, oder wenn
sie auf einen Spur hingen blieben, wiederholten einen verlängertes
"iaiaiaiaiai" bis Gore ihr einen Fingerstoß gab und das Geschrei
weiterging. Gores Idee, die Nadel auf Beton zu spitzen hatte sich als gut
erwiesen. Aber er hatte sie so stark gespitzt, daß man sie nicht mehr an dem
mobilen Arm des Grammophons fixieren konnte. Als sie sahen, daß die Musik
keine Musik mehr war, gingen die Kinder traurig weg. "Warum spielt es
nicht mehr so gut?" "Wir haben keine Nadel mehr, schaut, solche
hier!", und er zeigte den Kinder einige verkürzte, stumpfe, armselige
Nadeln. Neamtu, der sein Haus ziemlich Nahe an dem besagten Ort hatte, hörte
immer, am Morgen und am Abend, dieselben krächzenden Stimmen und die unverständlichen
Worte der "Tschjolowecken", wie er sie nannte, nervten ihn
furchtbar. Eines Tages konnte er es nicht mehr aushalten. Er entschied sich,
das Grammophon kaputt zu machen. "Aber wie?", dachte er sich,
"da ich es mir mit ihnen nicht verderben will und besonders mit dem armen
Gheorghe nicht, der es von dort, wo der Pfeffer wächst, auf dem Rücken
hergetragen hat". Als es Abend wurde und sich die Leute an dem besagten
Ort versammelt hatten, ging Neamtu zwischen sie und sagte: "Laßt uns eine
Kirmes feiern!" "Aber was soll das sein, eine Kirmes?"
"Schaut: das russische Wundergerät spielt, und wir tanzen. So." Und
fing an, alle Nachbarinnen die dort waren, sogar die Tante Marita, zum Tanz
einzuladen. Nachdem sie eine Nadel gespitzt hatten, legten sie noch eine
Schallplatte rauf und das Tanzen ging richtig los. Neamtu setzte sich neben das
Grammophon und fing an die Kurbel zu drehen. Die Feder zog sich auf, aber er
drehte weiter mit aller Kraft bis auf es einmal einen dumpfen Laut gab und die
Platte sich immer langsamer drehte und mit einem "aiaiaaa" endete...
"Was hast Du, da gemacht?", fragte Gore, "Hast die Feder
gebrochen!" "Was für eine Feder, Gott soll Dir Leben schenken?"
"Ach, aber wie blöd bist Du! Hast gedreht bis die Feder zerbrochen ist.
Was machen wir jetzt?" "Ich habe keine Ahnung, was für eine Feder da
geben soll, ich kann nichts sehen, aber vielleicht kann ihn Ion Rotaru reparieren,
der begabter dafür ist." Und er ging pfeiffend in die Richtung der Weide,
mit den Händen in den Hosentaschen... "Vergib mir Gott", dachte er
sich, "falls wir die Russen auch so leicht loswerden könnten, wie wir die
aus der Schachtel losgeworden sind, was für ein Glück wäre das für unsere armen
Rumänen!"...
Dt.Übersetzung: Radu Barbulescu
Alexandru
MURESAN
Jeder
wünscht sich das Glück. Aber ganz Wenige können sich rühmen es auch wirklich
besessen zu haben. Zu der Kategorie derjenigen, die am Glück teil gehabt
haben, kann auch ich mich in aller Bescheidenheit zählen. Ich muß zugeben,
dieses Glück hielt nicht all zu lange, aber die Dauer ist in solchen Fällen
nicht ausschlaggebend.
Im Sommer des Jahres
1945 befand ich mich in Timisoara/Temeschwar auf dem "Piata Primariei
vechi/Platz des Alten Rathauses"- wie man ihn damals nannte. Dieser Platz,
heute "Piata Libertatii/Der Platz der Freiheit" genannt, war um die
Mittagszeit außerordentlich bevölkert. Von hier aus fuhr die Straßenbahn Nr.
7 zu Mehala. Ebenfalls hier befand sich eine Straßenbahnstation, an der die
Linien 1,2,3 und 6 Halt machten.
Die Fußgänger, welche
vom Opernplatz kamen, strömten ebenfalls auf diesen Platz. Einige nahmen die
Straßenbahn zur Mehala, andere fuhren zum Piata Unirii/Platz der Einheit,
vorbei an einer Kneipe namens "La Tamburasi/Zu den Zupfern". In
dieser Kneipe erklang täglich 24 Stunden lang serbische Volksmusik von einem
Mandolinenorchester, deshalb auch der Name "tamburasi/Zupfer". Neben
der Straßenbahnstation befand sich ein großer Zeitungsstand, wo eine ältere
deutsche Dame Werbung machte und das klang ungefähr so: "Universul, Curentul, Timpul, Vestul, Temeschwarer
Zeituuuuuuug..."
Die ersten Titel rief
sie monoton, den letzten aber mit einem veränderten, hohen und verlängerten
Tonfall. Ich nehme an, daß es noch heute Temeschwarer gibt, welche sich an
diese Verkäuferin erinnern, denn sie gehörte sozusagen zum Stadtbild.
Gegen Mittag tauchte
eine merkwürdige Person auf, welche ihre eigene Zeitung verkaufte. Sie
stellte sich neben die Deutsche und rief: "Jetzt kommt Christa mit der
Revista....Nehmt die Christa mit der Revista..."
Diese Zeitschrift in der
Größe eines Schreibbogens war handgedruckt. Sie enthielt die größten
Bizarrerien und man wußte, daß es Studenten waren, die diese sogenannten
Beiträge umsonst schrieben, um sich zu unterhalten. Der Preis der Zeitschrift
war sehr niedrig und viele Leute kauften sie, um sich zu amüsieren.
Auf einer großen Tafel
war das Programm der Lichtspieltheater ausgewiesen:
CAPITOL: Der Weg zu den Sternen;
THALIA: Zorro, der Ritter der Gerechtigkeit;
CORSO:
Arizona in Flammen;
LIRA: Dick und Doof als Torreros;
ARO:
Tom Mix;
APOLLO: Pat und Pataschon im Mittelalter;
URANIA: Die Taverne der Leidenschaften.
Um die Mittagsstunde
erreichte das Gedränge seinen Höhepunkt. Neben Rumänen, Deutschen, Serben,
Ungarn, Zigeunern und anderen Nationalitäten, waren auch viele im Krieg
verwundete Russen zu sehen, welche in eigens für sie hergerichteten
Krankenhäusern behandelt wurden. Sie waren mit Hemden und Unterhosen bekleidet,
am Kopf verbunden oder mit Gehhilfen, je nachdem wie sie verwundet waren. Die
Leichtverwundeten ruhten sich auf den Bänken oder im Gras des kleinen Parks am
Platz aus. Viele unter ihnen hatten Krücken. Genau zu dieser Zeit befand auch
ich mich immer dort, um Maulaffen feil zu halten am Zeitungsstand, den
Straßenbahnstation und wer weiß was sonst.
Auf einmal - zwischen
den Reklamerufen der Deutschen und denen von Christa mit der Revista, zwischen
dem Quietschen der Straßenbahnen und den Hintergrundgeräuschen der Zupfer -
hörte ich: "Einen halben Liter Tzuika, einen halben Liter Tzuika...."
Mich nähernd, erkannte
ich, worum es ging. Dort stand ein ganz junger russischer Soldat in einer
funkelnagelneuen Uniform. Er hatte eine sehr sympatische Figur, auf dem Kopf
eine verschobene Mütze, während sich auf der anderen Seite des Kopfes ein
Haarbüschel zum Himmel hob, was für ihn scheinbar ein Zeichen von großer
Eleganz war. Das runde Gesicht und das breite Lächeln gaben ihm einen Ausdruck
von Naivität und Ehrlichkeit. In den Händen trug er ein Fahrrad der Marke
"Ideal" mit roten Reifen und diese Reifen waren viel größer als die
sogenannten "Ballonreifen" bei gewöhnlichen Fahrrädern.
Als ich verstand, daß
dieses Fahrrad für einen halben Liter Tzuika zu haben war, fühlte ich einen
Schauer über meinen Rücken laufen. Das einzige an was ich denken konnte war:
Hoffentlich kauft mir nicht jemand das Fahrrad vor der Nase weg.
Nun ergab sich aber ein
anderes Problem. Von wo sollte ich einen halben Liter Tzuika besorgen? Wir
hatten keinen Tzuika zu Hause. Aber neben uns wohnte ein Nachbar, ein Pfarrer,
welcher sich täglich mit einem "Dezi" Pflaumenschnaps den Körper
erwärmte. Ich holte von zu Hause eine Halbliterflasche und rannte zur
Pfarrerin. "Küss die Hand, gnädige Frau, meine Mutter bittet Sie ihr eine
Flasche Schnaps zu leihen, Vater ist nämlich erkältet und sie möchte ihm einen
Umschlag machen".
Die nette Frau Pfarrerin
füllte die Flasche mit Schnaps und gab sie mir mit den besten Genesungswünschen
für meinen Vater mit. Ich bedankte mich und rannte mit allen Kräften davon, in
der Angst der Russe möge sein Fahrrad inzwischen jemand anderem verkauft haben.
Außer Atem erreichte ich den Platz und hatte meine erste Enttäuschung: Der
Russe war nicht mehr da. Verärgert wollte ich gerade die Flasche der Pfarrerin
zurück bringen. Doch, o Wunder! Der Russe kam gerade von dem "Piata
Unirii/Platz der Einheit" und hatte das Fahrrad bei sich. Ich rannte zu
ihm mit der Flasche in der Hand und rief "Tzuika..."
Der Russe nahm die
Flasche, hob sie an, nahm einen großen Schluck und betonte "Harascho".
Dann nahm er das Fahrrad, gab es mir und sagte: "Eto tebea" (Es ist
deins). Ohne ein weiteres Wort drehte er mir den Rücken zu und ging mit seiner
Tzuika davon, mir das Fahrrad überlassend.
Das waren die
glücklichsten Momente meines Lebens, von denen ich anfangs sprach. Wenn ich
heute in der Lotterie eine Milliarde gewinnen würde, wäre ich nicht einmal halb
so glücklich wie damals. Ich befühlte das Fahrrad, probierte die Klingel aus,
kontrollierte den Torpedo und konnte es nicht fassen, ein solches Kleinod zu
besitzen.
Schließlich brach ich
auf, denn das Gedränge gestattete es mir nicht aufzusteigen und ging in
Richtung Wohnung. Nach 10 Metern stand plötzlich ein anderer Russe vor mir.
Dieser war älter, häßlich und hatte ein Gesicht, welches zum Kotzen war. In den
Händen hielt er ein Gewehr mit Bajonett, welches er mir auf die Brust setzte:
"Stoij, dawai!"" (Stehenbleiben, Hergeben!). Und ohne weitere
Worte entwand er mir das Fahrrad und ging davon.
Ich fing an zu schreien
und versuchte das Fahrrad zurück zu gewinnen. Ich bekam einen Schlag mit dem
Gewehr auf die Brust, daß mir der Atem wegblieb. Mit meinen 13 Jahren war klar,
daß ich nicht die geringste Chance in dieser Konfrontation aufweisen konnte.
Bis ich mich erholt hatte, war der Russe mit dem Fahrrad verschwunden... Ich
versuchte dann noch den jungen Russen zu finden, aber der war wie vom Erdboden
verschluckt.
Und so nahmen meine
glücklichsten Minuten ihr Ende. Ich zog den Schluß, daß es gute Russen gab,
wie der, welcher mir das Fahrrad verkauft hatte und böse Russen, wie der, der
es mir wieder wegnahm.
Nach einem Jahr sah ich
wieder einen Russen, welcher ein Akkordeon der Marke Hohner für einen Liter
Tzuika verkaufen wollte, aber ich war nicht mehr interessiert. Obwohl es ein
gutes Geschäft gewesen wäre...
Übersetzung aus dem Rumänischen: Gudrun Winkler
2001 im Verlag Radu Barbulescu erschienen: Manfred Pielmeier, HASELMÜHL und andere Jugenderinnerungen,
Sammlung Zeitzeugen, ISBN 3-930672-67-7, 80 S., DM 16.60 / Eur 8.50.
Manfred Pielmeier, 1928 in Haselmühl bei Amberg
in der Oberpfalz geboren, hat Jura, Theaterwissenschaft, Germanistik und
Pädagogik studiert. Er schrieb mehrere heimatgeschichtliche Bücher und Monographien
und arbeitet für die Starnberger Neueste
Nachrichten, und die Münchner
Palette.
„Pielmeier ist den anachronistischen Typ
des Eingesessenen, er ist eine Erzählinstanz, die auch angesprochen werden
kann. (....) Ein Ruheständler, der mit 65 Jahren sein Debüt al Erzähler gibt –
das ließ mich an Fontane denken, der auch die Landschaft genau erforschte...“
Ulrich Dittmann
Ioana DRAGAN
Er hatte sich schon am Abend wie ein Kind
darüber gefreut. Seit langem ist er nicht mehr so glücklich gewesen. Nur in seiner
Jugend, als er in der Nacht an die Vorstadtschönen sich ungeduldig wälzend und
seufzend sehnsüchtig dachte hatte
Vater Sica so ein inneres Zittern gefühlt...
Sein Leben ist mit der Freude an dem Erfolg
seiner zwei Söhne vergangen, die unter Schwierigkeiten aufwuchsen, aber jetzt
war einer von ihnen Ingenieur und der andere Buchhalter, beruflich anerkannte
Mannsbilder, Vater Sica prahlte mit ihnen bei jeder Gelegenheit, die
Schwierigkeiten hatten seine und Mama Relis Tage oft bedrückt; so haben sie
sich untereinander angesprochen - Vater und Mutter -; seitdem die Kinder
geboren wurden hatte Vater Sica die Scham der Pensionierung und einer
Prostataoperation erleiden müssen, Mutter Reli wurde fett, nichts erinnerte
Vater Sica an das zarte Reh, das er vor mehr als vierzig Jahren vor dem Altar
gebracht hatte, man sah sie an und fragte sich wieso sie nicht platzt, sie
atmet schwer und schwitzt, ihr Hals sieht wie ein gefüllter Gänsehals aus...
Als er sich Mutter Reli an einem Nachmittag
ansah, kam Vater Sica auf diese Idee: es ist erstaunlich, mein Gott!, wie sie
einer weißen, flauschigen Gans ähnelt, mit fettem Hintern und Schichten von
Federn, und, oh, Gott, wie er einen Gänsebraten und eine Ganstschorba[1] essen würde, von einer
echten Gans aus Hofhaltung die mit
echtem Weizen gefüttert worden war, der ihr den Magen auffüllt...
Seit wann hat es bei ihnen keine Gans mehr
gegeben?
Bestimmt seit mehr als zwanzigdreißig Jahren,
seitdem Vater Sica für immer mit seiner Verwandtschaft vom Lande gebrochen hatte,
tja, nur so erinnert er sich wieder an sie! In der Zeiten unter "Nea
Nicu"[2] gab es kein
Gänsefleisch mehr, von wo zum Kuckuck, Teufel noch mal auch, man mußte ins Obor[3] gehen, mit den
schurkischen Marktleuten feilschen, die Gans lebendig nach Hause nehmen, sie
auf dem Balkon halten, und wie konnte man sie nachher noch schlachten?!
Auf jeden Fall hatte Vater Sica seit Jahren
keine Gans gegessen, seit seiner Kindheit, als seine Mutter den köstlichsten
gefüllten Gänsehalserl auf feingehacktem Sauerkraut vorbereitete, mit welchen
sie am Sonntag oder an den Festtagen die Gäste fertig machte! Ein echtes
Wunder!
Und seitdem ihm diese Verbindung in den Kopf
gekommen war, sah Vater Sica die Mama Reli nur noch als eine Gans an! Er beäugte
sie ständig aus dem Sessel in dem Wohnzimmer, ihren wiegenden Schritt und die
Seufzer folgend, die ihr aus dem Kropf entwichen, als sie sich beugte um einen
auf dem Teppich liegenden Fusel aufzuheben, er kam ihr in die Küche nach und
Mutter Reli fluchte im Gedanken über jene neue Verrücktheit von Vater Sica:
Gott bewahre, wie war es möglich, in seinem Alter, sie in den Po zu zwicken!
Was für ein toller Gänsearsch, dachte sich Vater Sica, mit der Wonne eines
stolzen Züchters, der stolz auf eine solches Prachtexemplar ist. Und in der
Nacht, nach Jahren völliger Abstinenz, betatschte Vater Sica die Mutter Reli an
den fleischigen Rundungen und an der von dem aufgehaltenen Atem geschwollenen
Brust lustvoll.
"Hör' mal, daß er, den Mund wässrig,
schmatzend, seine Lust nicht im Zaum halten kann", brummte Mama Reli verzweifelt, während sie, zusammen mit Vater
Sica die letzten Federn eines Monster, einer Schönheit von eine Gans rupften,
die Vater Sica weiß man nicht woher gekauft hatte und mehr als die Hälfte
seiner Rente dafür blechen mußte!
Vater Sica war am Abend mit der Gans gekommen,
ohne Mutter Reli vorher etwas davon erzählt zu haben. Es war eine Überraschung,
und was für eine Überraschung! "Du sollst sie Mama, mir wie bei Mutter
zuhause vorbereiten!", hatte sie Vater Sica gebeten, um hinterher,
gerührt, früher schlafen zu gehen, in der Hoffnung vielleicht, daß er schnell
einschlafen würde, und daß er beim Aufwachen direkt am Tisch, mit vollem Teller
vor sich, aufswachen wird.
Die Gans war geputzt, gewaschen, mit Allem was nötig
war, Gemüse und Kräutern garniert und kochte über drei Stunden.
Vater Sica strahlte glücklich den ganzen
Vormittag, lief in der Küche herum und nahm mindestens tausend Mal den Deckel
von dem Topf ab und verbreitete den Geflügelgeruch im ganzen Haus.
"Jetzt weiß das ganze Hochhaus, daß es bei
uns Gans gibt", brummte Mama Reli, indem sie eine Nachbarin zur Türe
begleitete, die wie zum Gabentisch gekommen war, die Heldentat vom Vater Sica
bewundernd. Gans!... Was für ein Ereignis!
Vater Sica hatte ungeduldig auf das Mittagsessen
gewartet, hatte im ganzen Viertel damit geprahlt, hatte auch die Kinder zum
Essen eingeladen, aber die Jungs schienen nicht allzu begeistert zu sein, woher
sollten sie auch wissen, wie eine Gans überhaupt schmeckt, und was für ein
göttliches Wunder jetzt im Topf wartete... Von einem Eifer gepackt, der Mutter
Reli zu denken gab, hatte er selbst den Tisch gerichtet.
Die Gans kochte seit mehr als sechs Stunden,
"als ob es Rindfleisch wäre", ärgerte sich Mama Reli, indem sie sie
mit der Gabel stach und im Topf von einer Seite auf die andere drehte,
"immer noch nicht fertig", seufzte nervös Vater Sica, "Mutter,
du weißt doch nicht wie man sie kocht, deshalb dauert es so lange",
beschuldigte er Mutter Reli, "so lange braucht eine Gans, sie ist
vielleicht eine alte und wird langsamer gar"...
Vater Sica war müde. In der Aufregung des
Wartens hatte er geschwitzt, der Schweiß stand ihm ins errötete Gesicht. Nach
einer langen Zeit, verärgert, ist er sich auf das Sofa vor dem gedeckten Tisch hinlegen
gegangen, und bat Mutter Reli ihn dann zu wecken, wenn die Gans tischfertig
ist.
Dann träumte Vater Sica...
Er träumte, daß er ein Kind sei und daß er
allein in einer Schar von weißen Gänsen spielte, mit einem Gänserich spielend.
Er träumte, daß er in ein riesiges, mit Gänseflaum gefülltes Polster
eintauchte und daß er Mutter Reli mit Federn bewarf, die durch die Luft flogen
und die keine Flocken zu sein schienen, sondern Engel und sie riefen nach
ihm...
Das Mahl ging zur Ende. In den Tellern sind nur
die Resten geblieben. Die schmutzigen, zusammengeknüllten Papiertischtücher
liegen hier und dort zwischen den mit Lippenstift beschmierten Gläsern herum.
Die Leute sind satt, die Bäuche vollgeschlagen. Es wurde viel gegessen und
Gans macht satt. Keiner der Anwesenden hat in seinem Leben so ein Festmahl
erlebt. Auch wenn sie wegen der Umständen sich ein wenig geniert hatten, haben
alle die Mama Reli für die vorbereiteten Köstlichkeiten gelobt. Eigentlich
konnte man nicht sagen ob die Gans tatsächlich vorzüglich gewesen war oder ob,
weil man ihren Geschmack vergessen hatte, sie ihnen nur köstlich zu sein
schien. Mama Reli fühlte sich sehr schlecht, ihr schien daß das Haus sich
drehte, sie mußte sich übergeben. Selbstverständlich der Gans wegen. Sie
mußte, um schlafen zu können, ein starkes Beruhigungsmittel einnehmen.
Erst am nächsten Tag in der Frühe, als sie den
Kühlschrank öffnete, erinnerte sie sich, daß sie wegen jener Verrücktkeit mit
der Gans, es vergessen hatte, überhaupt die Koliwa[4] aufzutischen.
Der arme Vater Sica!
Aus dem Rumänischen von Radu Barbulescu
2001 im Verlag Radu Barbulescu erschienen:
Constanta Buzea, GEDICHTE,
Sammlung "Heutige Lyrik aus:
Rumänien", ISBN 3-930672-68-5, 52 S., DM 11.75 / Eur 6.--.
Constanta Buzea, eine der wichtigsten rumänischen Dichterinnen von
heute, wurde 1941 in Bukarest geboren und hat dort rumänische Sprache und
Literatur studiert. Über ihre Dichtung schrieb der bekannte Literaturkritiker
Laurentiu Ulici: "Wenige Dichter von heute haben die Erlebnisliefe
Constanta Buzeas erreicht..."
Laura
RUMICH
Manchmal weiß ich nicht,
wer ich bin. Ob ich nicht nur eine geschriebene Rolle in einem traurigen,
absurden, silhouettenreichen Film spiele!
Denn so oft scheint es
so aussichtslos.
Tausend Bilder. Angst,
Glück von kurzer Dauer. Als wären falsche Menschen um mich herum, die hinter
ihren perfekt geschminkten Masken andere sind, die Geld für ihre Arbeit
bekommen, die zwischendurch nach Hause fahren, um ihr eigenes Leben im
Realismus zu meistern.
Oft glaube ich, man
belügt mich, und ich möchte die Schauspieler nach Feierabend treffen, mit
ihnen reden, wie das wahre Leben sich anfühlt, ob dort Glück von längerer Dauer
ist, wie es DORT aussieht im Realismus!
Ob man ihnen irgendwann
kündigt, und wenn ja, ob sie dann in einem anderen Film mitspielen. Ich möchte
wissen, wer fest angestellt ist und wer nur eine Gastrolle bekommen hat! Ob
sie über "meinen Himmel" hinaus leben und ob der Horizont nur eine
Computer-Animation ist!
Ich möchte wissen, ob
die Menschen, die in meinem Film sterben, wirklich sterben oder einfach nur
aufhören zu arbeiten.
Vielleicht…
© 2001 Laura Rumich
Schreiben Sie?
Schreiben Sie uns!
Ihre archenoah
Gisela M. KIRBACH
Sicher, jedoch schleichend wie eine Katze bewegte sie sich
zur Beute hin, die ihr, je näher sie kam um so attraktiver erschien. Vor
Jahren, in regelmäßigen literarischen Treffen war ihr der Mann begegnet. Die
Ältere, an der Seite des Mannes, mit der er sich öffentlich nur selten zeigte,
übersah sie, obwohl sie einander vorgestellt wurden. Sie setzte sich nahe zu
ihm und er, von ihrer Erscheinung gefangen, öffnete sich der Freude über das
Wiedersen und sie erinnerte an längst gegebene Versprechen. Bald schon
verabredeten sie sich zu den, von ihr vorgeschlagenen, Zusammenkünften. Ob nur
ein Spiel oder nicht, der Mann schien willenlos ausgeliefert, und eitel wie er
nun einmal war, ging er auf alle Schmeichelheiten ein. Sie hätte ihn, wie eine
Katze, in die Luft werfen, wieder auffangen, laufen lassen und wieder einfangen
können. Seine Begleiterin bekam keine Möglichkeit in den Ablauf des Geschehens
einzugreifen. Er hatte ihr den Rücken zugedreht und als er einmal das Wort an
sie richtete, wurde aus dem vertrauten Du ein Sie. Farbloses Glas war sie
ihnen, durch das man hindurch blickt und als sich die, ihrer Beute Sichere nur
kurz, wie sie versprach entfernte, ging dann, nach einer unbedachten
Bemerkungseiner betroffenen Gefährtin auch der Mann. Die Frau saß regungslos.
Kraft und Sicherheit, die wohl nur er ihr gegeben hatte, schienen aus ihr
heraus zu fließen. Die zauberhafte Stimmung im alten Park verblasste mit der
Dämmerung, Musik und Worte klangen an ihren Ohren vorbei und verloren sich
irgendwohin. Der Mann der sich nach einer Weile doch an sie erinnerte, kam
zurück und drängte zum Aufbruch. Er bemerkte nicht, daß er etwas verloren
hatte.
Ovidiu
DUNAREANU
"Da draußen! ...
Als ob sich etwas bewegt hätte!"
"Das Fohlen ist's,
Tudor! Auch die Vasilica von dem Banu hat es gesehen. "Caterina" -,
sagte sie mir gestern beim Pfefferminzpflücken im Sumpf - "als wir
heute, ich und mein Vasile, zum Ulmengraben gehen wollten, was glaubst du, daß
uns erschien?" "Aber ich weiß nicht!" " sagte ich.
"Jenes wilde Fohlen, das sich um das Dorf schleicht. Er lief wie eine
leuchtende Bö aus blauem Staub und die weißen Frettchen kreisten aufgeregt nur so um es herum, um es
zu beißen" - sagte sie und schaute in die Sonne und blieb so als ob sie
ihre Gedanken dorthin verloren hätte, und schlug sich über die Titten und über
den Knöcheln mit blühenden Pfefferminzstielen.
"Horst du es? Jetzt
ist es unter dem Vordach. Reibt seine Nase an dem Efeu. Hin und her! Nicht
einmal das Geflügel hat es bemerkt! Die Hunde auch nicht! Es gibt keine
Ruhe!"...
Von einem Gedanken, eher
einem Wunsch erleuchtet, die ihm seiner
Behherschung beraubte, sprang Tudor der Verzauberte aus dem Bett. Er
zog sich in der Eile die Hose und das Hemd an, blieb stehen, zog die Ärmel hoch
und dachte, ohne daß seine Ohren den Druck der völligen Stille von draußen für
einen Augenblick verloren hatten, verlegen nach.
Wie sie mit dem Gesicht
zu der Kühle der Wand gedreht lag, konnte die Frau ihn nicht sehen, aber sie
hörte, wie er blind in das Nebenzimmer ging und wußte nicht gleich was er in
der Kiste suchte, aber nach einer kurzen Zeit
fing
sie an es zu ahnen. Sie verstand
nämlich,
daß, wie er in den Sachen dort herumwühlte und sie so
liegenließ, wie sie gefallen waren, weil sie ihn nicht interessierten, er nur
nach jenem Seil suchte, das er beim Pferderennen gewonnen hatte. Und sie hörte
wie er zurückkam und spürte seinen bitterlichen Geruch neben dem Bett, der
ihre Nasenlöcher erregte.
"Soll das heißen,
du gehst ihm nach, was?", fragte sie ihn aus.
"Ich fange
es!" " sagte der Mann und ging eilig raus. Hinter ihm versank erneut
das Zimmer in die absolute Ruhe des Schlafes.
Durch den Hof dampfte
ein grünlicher Schein und die Luft war warm und abgestanden und unbewegt.
Tudor der Verzauberte
schaute zuerst zum Himmel hinauf und der Himmel war sternenlos, nur schwarzer
Dampf und auch dort oben fing die Nacht unsicher zu verschwinden an. Er trat
unter das Vordach unter das unbewegte Efeunetz, schob das Türchen der Galerie
auf, stieg die kalten Steintreppen herunter und, als er auf die Erde treten
wollte, stolperte er über die letzte Stufe. Auf einmal stieg in ihm die Welle
einer rauen Fiebrigkeit auf. Obwohl er noch kein Rascheln, keine Bewegung
ausmachen konnte, schritt er schneller, ging rund um das Haus, lief durch den
Garten bis zum hinteren Zaun und hielt unter den Mandelbäume inne, um zu
warten. Er spitzte die Ohren. Aus dem Nachbarhof drang bis zu ihm, gleichmäßig,
ungestört, der Atem der erschöpften Tiere die unter dem Dach hinter dem
Maisschuppen schliefen. Als er ihnen zuhörte, fuhr der Mann zusammen... Als
die Zeit verging spürte er wie unter seinem Hemd, bis auf die Haut sich der wässrige Kleber drängt, der
unhörbar von den Blättern der
Mandelbäume tropfte und wie auf
seinen Armen, wie schnelle Eisnadeln, eine
Unzahl von Ameisen kroch, die aus den Rissen der Baumrinde aufgeschreckt
worden waren.
"Teufel noch mal!
Die Erde hat es bestimmt verschluckt!", sagte er leise und schüttelte überrascht
seine Arme. Er ließ sich in die Hocke fallen und tastete die Furchen ab, dann
ließ er seine Hände über einige weiße Grasbüschel gleiten, die vor kurzem
zertreten worden waren.
"Es ist wie
verhext! Wo zum Kuckuck soll es sein?", fragte er sich, aber bevor er den
Gedanken zu Ende geführt hatte schaute er nach oben, in die Bäume. Etwas
scharfes bewegte sich unter seine Zunge und in die Brust als er das sah, was er
sah: wie von den Ästen in deren Spitzen sich Bündel von Dunkelheit und Licht
in grünlichen und perlmuttfarbenen Tönen trennten und lautlos wie Rauch über
der nackten Hausdachspitze und über den Spitzen der Maisstengelhaufen, verschwanden.
"Was zum
Teufel!", staunte er bewegt und, so wie er in der Hocke da saß, mit müden
Augen und schwitzenden Schläfen und hörte wie ungewöhnlich sein Atem pfiff,
hatte er plötzlich der Eindruck, daß sich in ihm ein erregter Vogel eingenistet
hatte, durch dessen Ohren er ein leises Geräusch in der Unbeweglichkeit des
Gartens wahrnahm.
Endlich bewegte jemand
die Luft. Endlich spürte Tudor der Verzauberte den Geruch jener wilden Fohlen
wie er ihm von irgendwo in der Nähe rauh in die Nasenlöcher stieg. Er sprang
auf die Beine. Eine kalte Blässe klärte sein Gesicht auf. Nicht mehr in der
Lage sich zu beherrschen, eilte er zur anderen Hofecke. Der Balken, der die
großen Tore schloß, war herausgenommen worden und die Torblätter so verschoben,
daß man sich zwischen ihnen durchzwingen konnte. Tudor der Verzauberte stürzte
sich durch ihre Öffnung in die
Straßenmitte. Er blieb unschlüssig stehen wobei er das Seil in der Luft
schwang. Langsam spürte er wie die kalte Morgenluft ihm in den Rücken schnitt
und wie sein ganzer Mut verschwand.
In demselben Augenblick
aber, als er sein Gehör anstrengte, hörte er, wie jemand das Dorf von einem zum
anderen Ende durchquerte und wie er laufend an der Ziegelei vorbei und in der
Richtung des Flusses verschwand. Der Wildgeruch kam jetzt aufregend wie eine
geheime Kühle, von drüben, aus jener Richtung, vom Ulmengraben...
In dem Graben mit den
gelben, abgestürzten und von Mauerseglernestern durchlochten Ufern, die von
hohen Ulmen und von weißen Büschen bedeckt waren, kam das Licht schräg, bis auf
die Höhe eines Menschen über der Erde herab und blieb wie ein Nebel, von den
Ästen, den Abgründen und den Höhlen hängend. Es war so als ob sich auf die Schößlinge
und auf die Blätter in den Ulmenspitzen alter Goldstaub gelegt hätte, der das
Zittern der Luft und der Schatten vergrößerte.
Tudor der Verzauberte
schlich sich hinter die schwarzen Stämme der Bäume und atmete unruhig, schnell
ein und aus. Aus der Tiefe des Lochs stieg der anziehende Geruch vom altem,
gefallenen Holz. Die Ulmen schüttelten, leise knarrend, den nächtlichen Tau.
Auf diese Weise durchnäßt, verbreitete die Erde unter ihnen dünnen Nebel. Seine
Schritte wurden vorsichtiger, seine Stirn schwitzte leicht; er fühlte, wie er
von einer angenehmen Müdigkeit befallen wurde und das von Schatten zerrissenen
Licht ihn umhüllte, in die Augen stach. Um so weiter er herabstieg hatte er der
Eindruck, daß er durch ein bis oberhalb des Gürtels, unsichtbares und warmes
Gewässer ging das in seinen Körper eindrang und sein Gehen verweichlichte so
daß er stehen blieb, daß sich nichts in ihm noch bewegte, um seine Ungeduld
zu steigern.
An das gedämpfte Licht
gewöhnt, in den Büschen versteckt, sah er sich jeden Schatten, jeden Strauch
genau an. Die ausharrende Stille ließ
von dem anderen Ende des Grabens das gedämpfte Plätschern des Flusses auf den
steinernen Mauern des Felsens hören. Sein Blick blieb an dem Seil hängen und er
sah wie seine weißen, von Hornhaut überzogenen Finger sich fiebrig um den
Knoten der Schlinge krallen...
Ein Augenblick und aus
derselben Richtung des Felsens krachte ein Echo; es fuhr zwischen de Bäume,
beendete die Unbewegtheit der Laubbögen, schreckte die Büsche auf und nahm
ab, bis sich wieder die gierige Stille bemächtigte.
Tudor der Verzauberte
wollte erwartungsvoll nach vorne stürmen aber er kam nicht dazu, auch nur
einen Schritt zu machen, da er in demselben Augenblick gewußt hatte, daß es
nichts in dem Ulmengraben gab. Ausgelaugt, nicht mehr wissend, was er glauben
sollte, wischte er sich mit dem Ärmel die heiße Schweißrinne, die ihm auf der
Schläfe lief, weg. Er fühlte ein laues Geschmack in den Mund. Er dachte, daß es
besser wäre, aufzugeben: zuhause hatte die Caterina den Pferdewagen
vorbereitet und wartete, daß er zurückkehrte: der Sonnenaufgang sollte sie
auf dem Acker finden. Ohne zu wissen warum, bewegte er sich trotzdem nicht, im
Gegenteil: er spähte noch aufmerksamer in die Lichtungen und entdeckte, nur
einige Schritte von ihm entfernt, den Pfad, der er verloren hatte, und unten,
auf dem weichen, nassen Gras, sah er frische Spuren. Verwirrt, sprang er aus
seinem Versteck und ging hin, kniete nieder und sah sie sich aus der Nähe an,
so lange, bis er sich überzeugt hatte, daß er sich tatsächlich nicht getäuscht
hatte. Sie sahen wie schmale, unbeschlagene Fohlenspuren aus.
"So wie ich es
vermutet habe. Es ist zum Wasser gelaufen. Ich muß es die Schlucht bei dem
Felsen hinabsteigen lassen und dann, wenn es schwimmt, mit der Schlinge fangen.
Es wird mir nicht mehr entwischen können! Ich fange es!" - dachte sich
Tudor der Verzauberte und gleich fühlte er, wie etwas in ihm auftaute und daß
seine Brust tickte und daß er keine Luft bekam.
Er sprang beängstigt auf
die Beine. Eine trübe, unbegrenzte Freude hatte angefangen ihn zu übermannen.
Er nahm das Seil unter den Arm und nicht in der Lage sich von jener Freude zu
entzweien, die über ihm gekommen war, fing er an direkt durch das Gestrüpp zu
laufen. Das Laufen erwärmte ihn. Er
keuchte. Das Dickicht vermischte sich vor ihm, die rauhen Brombeerbüsche hakten
an seinen Kleidern, zerrissen sie, die Äste schlugen auf seine Knie und Arme.
Er lief mit allen Kräften, ohne etwas anderes hören zu können als das Traben
des Wildes, wie es hinter den Grabenrand kam, über den Graben glitt und die
Spitzen der Ulmen für lange Zeit durchrüttelte...
Als er den Graben
durchlaufen hatte und die Stiege zum Felsen in einem Atemzug hinabgestiegen
war, befand sich Tudor der Verzauberte am Flußufer. Rund um ihn wuchs die
Kühle, so wie durchdringender Dampf und schnitt ihm den Atem.
Aus der Hochebene, aus
der Richtung der Mandelbaumbewachsenen Einsamkeiten, kam ein kaum wahrnehmbares
Geflüster, das die glatte Haut der Donau kräuselte und das die Stille
vorausahnend vibrieren ließ. Vom anderen Ufer folgten ihm gurgelnde Hahnenschreie
und die Luft erfrischte sich und erbleichte noch mehr.
Dann entsprang ein
lebendiges, zerbrechliches Licht und der Himmel und der Wald und das Wasser
und die roten Wände der Felsen wurden wie aus Glas.
Dünne, samtene und blaue
Vogelumrisse, Menschenstimmen, Pferde- und Pferdewagengetrappel bewegten
sich unerwartet durch den heißen Staub. Tudor der Verzauberte schaute, schaute
ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu hören...
Die Sonne wurde stärker,
peitschte sein Gesicht. Unter seiner Feuersbrunst, von einer tiefen Stille
beherrscht, irrte der Fluß unfassbar wie eine Fata Morgana, wie ein rosa Dunst
bis hinter dem Horizont, zu den verschneiten, unsichtbaren Bergen.
Plötzlich fühlte er wie
in seinen Venen ein unbekanntes und betörendes Feuer loderte, das seinen Leib
erleichterte und seine Beine unheimlich stärkte. Ein Wiehern, zuerst wie ein
Geflüster, dann immer klarer und unbändiger
entwich seiner Brust und stieß in den hohen, aromareichen Sonnenaufgang.
Aus dem Rumänischen von Radu Barbulescu
Gheorghe SASARMAN
Der
triumphale Empfang war bis ins kleinste Detail geplant. Man erwartete, daß die
Retter sich jeden Augenblick der Menge zeigten. Zwar wußte niemand genau, wer
sie waren und wie sie eigentlich aussahen, aber alle waren davon überzeugt,
daß sie sie sofort erkennen würden, wenn sie erschienen. Was die Art betraf,
wie sie reisten, und die Richtung, aus der die geheimnisvollen Gäste
eintraffen sollten, bezogen sich die heiligen Bücher der Atlantiden auf eine
(für sie unverständliche) Zukunft.
Alle Seelen
der Großen Stadt hatten sich um die Stunde Z auf dem geräumigen Hauptplatz
versammelt. Der Schatten des Zeigers wanderte langsam über das weiße Antlitz
einer riesigen Sonnenuhr; sie verfolgten schweigend, vor Erregung übermannt,
wie er sich dem roten Strich näherte, der das dramatische Zeichen für das
Ende bedeutete. Natürlich war es unmöglich, daß einer der Anwesenden das
wußte; dennoch empfanden sie eine merkwürdige Ahnung, eine unerklärliche
Angst, die den mystischen Schauder des feierlichen Augenblicks verstärkten.
Die Stadt
war verlassen. Auf Straßen und Plätzen – mit Ausnahme des Versammlungsorts
– hatte das gewimmel plötzlich aufgehört; das Reich des Schweigens, das Jahrtausende
lang hier herrschen würde, war um einige Stunden vorweggenommen. Die konzentrischen,
aus der erstarrten Lava der erloschenen Vulkane errichteten Befestigungen –
die dieser Festung des Luxus und des Reichtums den Ruf der Unbesiegbarkeit
eingetragen hatten – konnten dem tellurischen Angriff nicht widerstehen. Eindrucksvolle
Paläste, die unvorstellbare Schätze enthielten, würden entgültig vor gierigen
Blicken in Sicherheit sein.
Der
blutrote, in den Marmor des Zifferblatts geritzte Strich wurde vom Schatten
bedeckt – ein böses Omen; im gleichen Augenblick erschütterte ein Stoß von
ungeheurer Gewalt die Grundfesten der Stadt. Die Erde erzitterte, die
Erdkruste brach auf wie eine dünne Schale, und das glänzende Atlantis
begann majestätisch in den
Fluten zu versinken; es nahm
das Schicksal eines Imperiums in die Tiefe mit.
Trotz der
Panik, die entstand, und obwohl sie die Kleidung dieser Zeit trugen, wurden die Gäste sofort erkannt.
Sie nahmen an einem Zeit-Raum-Unternehmen teil, das auf wissenschaftlichen
Überlegungen (und zugegebenermaßen auch auf journalistischer Neugierde)
beruhte, waren eben erst angekommen und wollten dem Untergang von Atlantis
beiwohnen. Dieses Phänomen war auf geologische Ursachen zurückzuführen – das
ging jedenfalls aus den Unterlagen hervor, die Ihnen zur Verfügung standen.
Aber das Zeitvehikel hatte eine Panne, und es wahr nicht sehr wahrscheinlich,
daß ihnen eine zweite Expedition zu Hilfe kommen würde, nachdem der erste Versuch
gescheitert war. Sie waren zwischen den barbarischen Helden der Vorgeschichte
ausgesetzt, den Folgen der Katastrophe preisgegeben, vielleicht für immer von
ihren Zeitgenossen getrennt, und ihre Situation war keinesfalls angenehm.
Sie fanden
jedoch die Kraft, ihre einzig mögliche Bestimmung zu verfolgen, nämlich als
Retter aufzutreten, und trugen mit der ganzen Intelligenz und Kultur, über
die sie verfügten, zum weiteren Verlauf der Ereignisse bei – über den sie ja
in großen Zügen Bescheid wußten.
„Zum Hafen!“
befahlen sie den Atlantiden, die ihnen widerspruchslos gehorchten.
„Nehmt nur
Lebensmittel mit, möglichst viele Lebensmittel! Unsere Rettung liegt auf
dem Meer...“
Sie
verließen den Kontinent, dessen Ruinen der Atlantische Ozean überflutete.
Viele Galeeren sanken unter dem Anprall der erbarmungslosen Wellen; für jeden,
der der Vernichtung entging, mußten hunderte ihr Leben lassen. Die Überlebenden
zerstreuten sich über die ganze Welt, befolgten die Lehren der als heilig
verehrten Retter und gründeten Zivilisationen, die lange Zeit für die
ersten gehalten wurden.
Es wurde
wiederholt versucht, die verschollenen Erforscher der Vergangenheit
zurückzuholen; aber jene von ihnen, die nicht während der langen Irrfahrten
bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen waren, hatten keine Lust, auf den
Status als Gottkönige oder auf die Berufung als Missionare der Evolution zu
verzichten, so daß
keiner mehr in seine Zeit zurückkehrte. Bis heute ist die Frage nicht beantwortet,
ob das Zeitvehikel durch die geologische Katastrophe zerstört, oder ob diese
Katastrophe durch einen Defekt in seinem Antriebssystem ausgelöst wurde. Man
kann auch keineswegs die Möglichkeit ausschließen, daß dieser Defekt von den
Forschern selbst absichtlich herbeigeführt wurde...
Dt.-Übersetzung:
Hilde Linnert.
Autorensteckbrief
Gheorghe
Sasarman: Doktor der Architekturtheorie, Schriftsteller,
Journalist, Informatiker.
Geboren am
9.4.1941 in Bukarest, Rumänien. Lebt seit 1983 in München. Studium und Promotion
an dem Institut für Architektur, Bukarest (1959-1965, bzw. 1978). Ausbildung
zum Systemanalytiker in Bukarest (1982) und zum EDV-Fachmann in München
(1984-1985).
Veröffentlichungen
in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbände in Rumänien, Deutschland, Frankreich,
Italien, Japan, Polen, Ungarn. Buchveröffentlichungen: Oracolul (Das Orakel), Erzählungen, Ed. Tineretului, Bukarest
1968; Cuadratura cercului (Die
Quadratur des Kreises), Erzählungen, Ed. Dacia, Cluj (Klausenburg) 1975 u.
2001; Himera (Die Chimäre), Erzählungen, Ed. Albatros,
Bukarest 1978; Functiune, spatiu,
arhitectura (Funktion, Raum, Architektur), Essay, Ed. Meridiane, Bukarest 1979; 2000, Roman, Ed. Eminescu, Bukarest 1982; Die Enklaven der Zeit (deutsche Fassung
von 2000), Roman, Heyne Verlag, München 1986; Cupa de cucuta (Der Schierlingsbecher), Roman, Ed. Sedona, Timisoara
(Temeschburg) 1994; La Quadrature du Cercle
(französische Fassung von Cuadratura cercului), Erzählungen, Verlag Noèl
Blandin, Paris 1994, Sud contra Nord (Süd
gegen Nord), Roman, Ed. Dacia, Cluj, 2001.
Internationaler
Preis für die beste Science-Fiction Kurzgeschichte (1963, beim Wettbewerb sieben
osteuropäischer Länder). Der Europa-Preis für die beste Erzählung (bei der
Europäischer Science Fiction Tagung EUROCON 1980, in Stresa, Italien).
Mitglied des
Rumänischen Schriftstellerverbandes (Uniunea Scriitorilor) und der
Deutsch-Rumänischen Schriftsteller Vereinigung (ASRG / DRSV-München).
Florin SLAPAC
2 x KURZGESCHICHTEN:
Katy hat die massive
Türe aufgeschoben und hat sich verstohlen in die Küche geschlichen.
Linkische Diener und
flinke Dienstmädchen liefen umher. Stramme Köchinnen mit klobigen Händen
schwirrten weiß bekleidet um die, mit dampfenden Fleischbrocken und geköpften
Gemüse vollbeladenen Tische herum. Geronnene Blutspuren krochen wie fette Regenwürmer,
auf den weißen Kachelwänden. Die Schlachtermesser, groß wie Äxte und scharf wie
Rasiermesser schnitten fleißig und warfen durch das Fenster scharfen Strahlen
der Sonne entgegen, die sich erfroren und düster aus die Spitze einer welken
Pinie umsah.
Klapps der Oberdiener,
der wegen seines Mundgeruchs von allen anderen gemieden wurde, verfolgte die
Vorbereitungen aus Totenaugen.
"Mein Gott, was für
ein entnervender Winter", murmelte er, wobei er seinem rheumatischen
Ellenbogen betastete. "Was langweiligeres gibt es nicht! Was ich nicht
geben würde, um für einen Augenblick wie Adam zwischen den Blumen herumtollen
zu können! Ein wenig spüren, daß ich lebe, daß ich lebe und atme..."
Nana die Köchin hat laut
geschnäuzt bevor sie ihren wogenden Gang fortsetzte. Sie trug einen mit
Schweineherzen gefüllten Flechtkorb. Als sie sie hörte, zog Klapps eine
strenge Augenbraue hoch. Bei jedem Schritt zuckten ihre riesigen, der
Verleumdung predestinierten Pobacken kräftig zusammen. Von einem Lustanflug
gestochen, kratzte sich Klapps den Kopf.
Der Wind pfif
ungebändigt und drang durch die Mauerrisse hindurch. Katy ließ ihr Kätzchen aus
dem Schoß auf dem Boden laufen und schnitt der Köchin Nana den Weg. Gleich als
sie sie sah, zog diese mit einer überraschend flinken Bewegung eine schmale,
schmutzige, vielfarbige Zuckerstange aus ihrer tiefen Schürzentasche. Klapps
hatte sie gesehen aber entschied sich, nichts zu sagen, nicht aus Großzügigkeit
sondern weil genau in jenem Augenblick ein furchtbarer Schmerz sein Ellenbogen
durchbohrt hatte.
Katy lief, ihre Zuckerstange
schnell schlekkend, hinter der Katze her. Sie ist in den Hof gelaufen, wo der
Wind ihr den Weg versperrte, aber sie hat nicht aufgegeben, hat ihren Schal
fester zugezogen, und ging, tränende Augen, weiter. Klapps hat den Knirps mit
den Augen verfolgt bis das Schneegestöber sie ganz verschluckte. Was er nicht
alles dafür gegeben hätte um an ihrem Platz zu sein, durch ein Wunder in ein
unbekümmertes und verschwitztes Kind verwandelt, an einer süßen Zuckerstange
statt an einem uralten, verfaulten Zahn lutschen zu können. Plötzlich tropfte
auf sein eingefallenes Gesicht eine blutfarbene Träne. Er war sicher, keinen
anderen Winter erleben zu werden. Nächstes Jahr um die Zeit wäre er vermutlich
begraben und noch verfaulter wie jetzt sein. Und trotzdem.
Nana erschien im
Fensterrahmen. Sie war so rundlich und lebendig, daß auch der Schneesturm sich
vor ihr beugte.
Klapps zog die Lippen
zusammen, kratzte sich nochmals am Kopf, zog seine bestickte Livree zurecht und
ging steif wie ein Zinnsoldat durch die Hintertür dieser Prosa raus.
Als Nana seinen eisigen
Atem im Nacken spürte, ließ sie überrascht den Korb aus ihren großen und roten
Händen fallen. Die gefrorenen Herzen wurden im schmutzigen Schnee verstreut.
Nur ein einziges hat noch einmal geschlagen, mit der, irgendwo in der Seele des
Mädchens - das von Weitem und mit dem Kätzchen im Arm die Szene betrachtete -,
versteckten Pendeluhr im Einklang.
Erleuchtung
Es war ein kaltes Jahr.
Wird es mir in Erinnerung bleiben? Nein. Als Beweis: es hat schon ein
anderes, genauso endloses, genauso kaltes, angefangen. Die Winterfeste sind vorbei.
Das Haus, vereist, scheint von Geistern bewohnt zu sein. Der Kälte wegen irre
ich von einem Zimmer zum anderen, vermummt wie eine Greisin. Mir tun die Zähne weh
und ein Ohr ist vereitert. Die Spiegel, von Eisblumen zerfressen, glänzen oder
verdunkeln sich wenn ich vorbei gehe. Die schweren, haarigen Kleider, mehrere
Lagen davon, kleben an meinem kalten, verschwitzten Körper. Die zwei Schals
drücken mein Hals und wollen mich erwürgen. Die Fellmütze mit Ohrenschützern
läßt mich nichts hören. Ich schreite wie in einem wattierten Traum. Die Wolke,
die von meinem pfeifenden Atem erzeugt wird, ist zerbrechlich, voller
Kristalle. Ich gehe vorsichtig um sie herum. Ohne Überzeugung versuche ich,
noch einmal die Türe zur Welt zu öffnen, die seit langem von einem Eisberg
versperrt ist. Ich gehe durch die Küche und breche den Eiszapfen ab, der über
Nacht an der Wasserhahn gewachsen ist. Ich lutsche ihn abwesend und das Brennen
scheint meinen Hals zu erwärmen. Ich irre herum, ich bemühe mich den steifen
Schrank zu öffnen, ich betaste die glasige Oberfläche einer Konserve. Ich kehre
ins Wohnzimmer zurück, streiche über das Leichentuch eines Sofas. Ich gehe in
die Bibliothek. Ich steige mit kraftsparenden Bewegungen auf die fünfsprössige
Leiter. Ich wähle ein massives Buch aus, versuche, es aus dem Regal
rauszuholen. Ich gebe mir Mühe, ich schnaufe, ich werde stur, das Spiel holt
mich ein, ich fühle irgendwo in der Brust und im Hinterkopf zwei winzige
Wärmepunkte. Die Hände gleiten auf der glatten Lederbindung, ich purzele herunter.
Ich suche blindlings in der Rumpelkammer, reiße einen Hammer und eine Meißel
ab, gehe zurück, steige wieder hinauf. Die Idee daß gerade dieses Band extrem
wichtig ist erwärmt mich. Ich bin überzeugt, daß ich umsonst geboren bin,
falls ich es nicht so zu sagen mit Devotion studiere. Ich schlage fest zu, ich zerbreche die Eisschicht, ich lecke den
Umriß des Rückens ab, und, endlich, mit dem Schinken in der Armen gehe ich zum
Tisch. Ich kann mich aber nicht, wegen den dicken Felljacken, in welchen ich
gehüllt bin, hinsetzen. Ich passe nicht in dem Stuhl. Ich schimpfe, aber habe
keinen Mut, mich eines Kleides zu entledigen. Ich habe den Eindruck, daß ich
augenblicklich erfrieren würde. Der Stuhl klebt am Boden fest, kann nicht
bewegt werden. Ich steige auf ihn drauf und lege mich ganz auf den Tisch. Es
ist eine etwas unbequeme Stellung, aber doch nicht allzu unbequem. Mit Hilfe
des scharfen Spitze der Meißels öffne ich das Buch irgendwo in der Mitte. Ich
sehe seltsame Buchstaben, die ich nicht verstehe. Oder habe ich vielleicht das
Lesen verlernt. Ist das möglich? Im Grunde genommen alles ist in diesem
dunklen und kalten Universum möglich. Ein Universum das, sagt man, auch einige
Wärmequellen hat, einige Feuersphären, so geizig, daß jenem der das Unglück
hat, die Augen zu weit von ihnen entfernt aufzumachen, der Vertrauen in das
Leben augenblicklich erfriert. Immerhin: irgendwann, vielleicht in meiner
Kindheit an welche ich mich gar nicht mehr erinnere, ist es mir warm und gut
gewesen. Sonst hätte ich bis jetzt nicht überlebt! Ich schlage die Seite auf.
Eine blendende Illustration macht mich die Augen schließen. Sie ist
buchstäblich blendend. Eine Sonne ist in die Mitte gemalt. Ich habe den
Eindruck, meine Augen werden zerplatzen. Ich höre aus dem Inneren meines
Kopfes, wie aus einer Ressonanzschachtel, meine Augenlider quietschen. Mir
wird schwindelig. Ich steige vom Tisch herunter, mit geschlossenen Augen um
mich tastend. Als ich endlich den Boden unter mir fühle, kommen mir die Tränen.
Ich habe Mitleid mit etwas. Nein, nicht mit mir. Vielleicht mit diesem Bündel
von kosmischen Kräften, die, müde von zu langem Warten, mit ihren Zähne knirschen.
Aber worauf warten sie? Was erwarten sie? Ich öffne zögernd die Augen und, mit
wohl überlegter Vorsicht, durch die steifen Augenlider blickend, packe ich den
schweren Band fest. Et voilà! Die Ordnung ist wiederhergestellt worden. Ich bin
zufrieden, weil ich einen lindernden Gedanken aus dem Flug gefangen habe.
Vielleicht derselbe vom vorigen Jahr. Es ist Zeit, ich fühle es, daß ich mich
zurückziehe. Ich arbeite mich vor, mich an die steinernen Möbelstücken
schlagend, bis ins Schlafzimmer. Gleich nachdem ich die Türe geöffnet habe,
wird die Luft um mich feucht. Von einer Dunstwolke umgeben gehe ich zum Kamin
in welchem das Feuer verglimmt. Ich nehme den Schürhaken, stöbere der Glut,
ich lege das Buch, von großem kalorischen Wert, dorthin wo sein Platz ist. Die
Ideen, die keine Erleuchtung bringen, tauchen umsonst auf. Die Flamme
erheitert plötzlich die Umgebung. Wärmewellen dringen durch mich hindurch. Ich
reiße die Kleiderschichten herunter mit der Geschwindigkeit des Lichtes, das
aus einer Ikonenleuchte fließt. Ganz nackt, bin ich von meinem wie ein
angezündeter Pfeil aufgerichteten Geschlechtsorgan zu dem Pelzhügel in der
Mitte des Zimmers gezogen, wo meine bessere Hälfte in der Obhut des vagen
Duftes einer unerfüllten Weiblichkeit
schläft. In dem Moment, als sich der Kontakt, selbstverständlich von
einer kolossalen Intensität, vollzieht, fange ich noch einen Gedanken im Flug
ab und... basta!, die Dunkelheit holt mich ein: im Licht eines Buches kann die
Dunkelheit selbst schwanger werden.
Aus dem Rumänischen von R.-F. Barth
Titu POPESCU
Dem Schauspieler und Freund Ovidiu
Schuhmacher
Ovidiu fand eine
seltsame Art (unmöglich jenen zu empfehlen, die nicht mit gewissen Fähigkeiten
ausgestattet sind), während seines Aufenthalts in München, etwas Geld zu verdienen.
Die Mehrheit derer, die auf ihrer Durchreise versuchten, das Vergnügen mit dem
Nützlichen zu verbinden und ihren touristischen Gefühlen das Fieber eines Gewinnes
hinzuzufügen, forderten das Schicksal durch das Risiko der Schwarzarbeit
heraus. Aber in dieser Gegend war es nicht so einfach. Die Firmenbesitzer
hatten Angst, vom Finanzamt aufgespürt und bestraft zu werden. Bei einigen
übertraf aber die Versuchung die Vorsicht und sie ließen sich vom Gewinn
durch niedrige und steuerfreie Zahlungen verführen. Andererseits war ja
aber auch der „Schwarzarbeiter“ Unannehmlichkeiten ausgesetzt, und im Falle,
daß er Pech hatte, war die größte Unannehmlichkeit die Ausweisung des Ausländers, der einige Jahre „das Land der Lorelei“ nicht mehr betreten
durfte. Aber weil die Versuchung beider Seiten groß war, konnte man glückliche
Besitzer deutscher Währung treffen, die mit dem Zurechtkommen in
Ausland beschäftigt waren: das Entdecken
der billigsten Läden und jener Geschäfte, wo man um den Preis feilschen konnte.
Die Erfahrung von Zuhause lehrte die Unseren, daß auch das Unmögliche möglich
sei. Es ist wahr, daß sich die wertvollen Lehren mit der etwas witzlosen Natur
der Deutschen und ihrer Ohren, die an einen gesungenen Anflehungsklang nicht
gewöhnt waren, nicht bewährten. Aber, wie ich schon sagte, gab es
auch einige, die das Risiko auf sich nahmen und durch welche man einen Gewinn,
der einen verlängerten Enthusiasmus garantierte, erzielen konnte. Aber weil
der Rumäne sich nicht sehr oft einer Radiographie seines Gewissens unterzieht,
hat er die gesunde Naivität, die gute und fröhliche Seite der Dinge einfach
hinzunehmen und alles andere in Vergessenheit geraten zu lassen.
Jetzt aber zu Ovidiu. In
München eingetroffen, konnte ich nicht ahnen, daß sein Besuch mich vor ein
„ästhetisches” Problem stellen würde. Es ist wahr, daß er selbst nichts davon
ahnen konnte, desto weniger unser gemeinsamer
Freund, der Maler Vasile, der ihn begleitete. Die Tatsache, daß sie
zusammen einreisen konnten, daß in der Hauptstadt Bayerns das Trio wieder zusammengefunden hat,
machte mich sehr glücklich: das Trio, daß eine lange Freundschaft zwischen
einem Schauspieler, einem Maler und einem Journalisten zusammengeschweißt hatte.
Ovidiu bekam ein
Geldproblem, als er erkannte, daß die Preise gebrauchter Kleinwägen höher
waren, als er es sich Zuhause vorgestellt, oder wie es ihm der eine oder andere
erzählt hatte. Da er aber ein humorvoller Junge war, fiel es ihm nicht schwer,
seinen Wunsch sofort aufzugeben... bis ein unerwartetes Ereignis ihm den
Schlüssel zur Lösung seines Problems bot.
Es war, wenn ich mich
noch recht erinnere, am dritten Tag nach seiner Ankunft, als der Wunsch, durch
die Stadt zu bummeln uns aus meiner Wohnung verjagte, wo wir eine verlängerte Wiedersehensfeier genossen und den
Versuch unseres ehemaliges und sehr berühmtes Triumvirat wiederherzustellen
versucht hatten. Nach einem langen Spaziergang durch den Englischen Garten
kamen wir in die Leopoldstraße und beabsichtigten, einen Biergarten am
Marienplatz aufzusuchen. Am Marienplatz angekommen schlichen wir uns durch die
Menschenmenge die Tag für Tag dieser, für jeden Besucher Münchens
besonderen Attraktion huldigt. Indem wir in den engen Gängen der zahlreichen
Biergärten des Marktes auf der Suche nach einem freien Tisch herumirrten, hörte
ich plötzlich Ovidu, den letzten in unserer Formation, siegreich schreien:- „Das ist es, ich
hab’s!“
Ich dachte, er hätte
einen freien Tisch, den wir übersehen hatten, gefunden, aber seine Hand zeigte
in eine völlig andere Richtung und zu was ganz anderem: zu einem Pantomimekünstler,
der seine Nummer, die in das Münchner sommerliche Bild paßte, gleich rechts von
uns vorführte. Er stand unbeweglich auf einem mit vergoldeter Folie eingewickelten
Podium. Wir blieben stehen, um ihm zuzuzusehen. Der Mann war ein Künstler der
Erstarrung, ein Virtuose der Zurückhaltung, das Gegenteil eines gewöhnlichen
Pantomimekünstlers, er machte die Unbeweglichkeit nach, die perfekte
Unbeweglichkeit. Er bewegte sich ebensowenig wie eine Statue auf einem Sockel.
Er war in der Farbe des Sockels gekleidet , sogar sein Gesicht war mit dieser
Farbe bemalt, auf dem Kopf trug er einen schwer erkennbaren Turban. Es schien
so, als ob ihn ein Goldregen völlig bedeckt und ihn in eine goldene Zusammengehörigkeit
mit dem schmalen Sockel gegossen hätte. So erstaunlich lang konnte er jegliches
Lebenszeichen unterdrücken, jegliches Aufzucken beherrschen, daß er wahrhaftig
eine Statue zu sein schien, die man in ihrer natürlichen Unempfindlichkeit
bewundern mußte. Seine Regungslosigkeit lenkte die Aufmerksamkeit der
Touristen und der Schaulustigen auf ihn. Wenn einer von ihnen sich der Mütze,
die vor ihm lag, näherte und in diese eine Münzte fallen ließ, dankte der
steinerne Mensch auf seine Art: er erhob langsam die Augenbraue oder lächelte
kaum merkbar. Ich beobachtete ihn längere Zeit mit jener gemeinen Neugier, die
nur darauf wartet, einen Makel zu entdecken. Aber nichts! Der Mensch trug
seine Nummer tadellos vor.
Der erste, der die
Geduld verlor, war Ovidiu: wir nährten uns einem Tisch, der gerade frei wurde;
man konnte seine Ungeduld, uns etwas sehr Wichtiges mitzuteilen, merken. Kaum
hatten wir Platz genommen, da fing er schon an: „Genau das werde ich auch tun“,
sagte er, und zeigte mit einer Kopfbewegung in die Richtung des reglosen
Menschen. „Lacht nicht“, fügte er sofort hinzu, weil er mein unglaubwürdiges
Lächeln und das von Vasile sah, „lacht nicht, ich meine es sehr ernst. In
erster Linie will ich mir selbst beweisen, daß ich auch diese Rolle spielen
kann, und zweitens kann ich vielleicht auch etwas Geld verdienen, wer weiß“...
Er ließ uns keine Zeit,
uns dazu zu äußern: „Ich bin Schauspieler und werde mich allein in die Rolle
dieses unbeweglichen Darstellers zu versetzen suchen. Danach, wenn ich auch von
Kopf bis... zum Sockel bemalt bin, wird mich niemand erkennen, auch wenn der
Zufall einen Landsmann, der mich kennt, vorbeiführen sollte. Nur ihr werdet es
wissen und nur ihr allein werdet Zeugen meines Erfolges, weil ihr wißt, daß ich
es schaffen werde. Nach drei Tagen Übung, oder besser gesagt Training, weil es
ja eigentlich nichts zu üben gibt, werdet ihr mich als Stein bewundern. Wie
ihr es sicherlich bemerkt habt, werdet ihr nicht die einzigen sein...“
Ovidiu meinte es ernst.
Was hätten wir ihm noch einreden können? Eigentlich war’s ja einen Versuch
wert. Wenn er es schaffen sollte, wäre daß nur eine Anerkennung seiner schauspielerischen
Leistung.
Am nächsten Morgen
verwandelte sich unsere alte Freundschaft in eine Schutzgöttin von Ovidius
Übungen. Er suchte sich eine Ecke des Zimmers aus, in der er versteinert und ob
gleichgültig wie nur möglich gegen unsere Bewegungen stand, und bat uns, uns
ganz natürlich zu verhalten, um den Rummel der Touristen vom Marienplatz zu
simulieren. Seine von der Bühme her geübte
Beherrschung favorisierte sichtlich den Versuch, in diese Rolle der
perfekten Versteinerung zu schlüpfen. Nur: Nach zwei Tage Versteinerung, war
seine perfekte Versteinerung gar nicht perfekt: ein Zittern des Armes, ein
Zucken der Augenbraue, eine leichte Bewegung der Brust verrieten ihn. Es war
offensichtlich, daß er sich anstrengte, und daß es ihn ärgerte. Aber seine
Hartnäckigkeit überzeugte uns, und wir glaubten an seinen Erfolg. Vielleicht war es nicht die richtige Technik,
die er dafür benutzte, oder er konnte einfach diese Rolle nicht spielen. Bei
jedem Versuch fehlte sehr wenig, um perfekt zu sein, aber genau das zerstörte
die Vollkommenheit. Ohne es ihm zu sagen, litten wir mit ihm. Dann kam dem
Maler die rettende Idee: „Ich hab’s! Ab jetzt wirst du nicht mehr üben müssen,
du wirst mir Modell stehen!“
Gleich erkannte ich, daß
Vasile es ernster meinte, als ich anfangs geglaubt hatte. „Aber nicht so wie du
jetzt dastehst“ fügte Vasile noch hinzu „sondern der Reihe nach und in
Fragmenten. Anfangs werde ich deinen linken Arm malen, konzentriere dich auf
ihn und zeig mir ihn so, wie er ist.“
Ich beobachtete Ovidiu,
wie er sich dem ernsten Spiel Vasiles fügte. Er hatte seine linke Hand
hochgehoben, so als hätte er die ganze
Energie seines Körpers dorthin verlagert, Energie, die ihn schwer und starr machte,
gleichzeitig raubte die innere Konzentration seine letzte Lebenskraft und versteinerte
sie. Vasile zeichnete ihn wahrheitsgetreu, in den feinsten Zügen, und das Wunder
geschah unter unseren Augen. Je mehr er in die Zeichnung alle Einzelheiten des
Arms sammelte, sammelte er darin seine ganze Persönlichkeit: die linke Hand
Ovidius schien ein verkohlter Ast eines uralten Baums zu sein. Ich hatte das
Gefühl, daß wenn ich ihn berührte, würde er in sterile Gesteinkörnchen
verfallen. Mit einer unglaublichen Geduld trennte in Zeichnungen Vasile das
Leben aller Körperteile Ovidius ab und überredete ihn jedesmal, daß seine
Zeichnungen lebendig seien, und daß er, der Schauspieler, nur noch in ihnen
existiere. Mich faszinierte dieser ästhetische Verwandlungsprozeß, diese
Materialisierung durch die Kraft der Kunst.
„Und jetzt die
endgültige Szene“ verkündete Vasile: „Der Schauspieler in einer vollständigen
Bewegung! Du sollst es wissen“ wendete er sich ihm zu „daß dann wenn die Zeichnung
fertig ist, es dich nicht mehr gibt,
sondern nur den aus der Zeichnung allein, und nur an das sollst du die ganze
Zeit denken, wenn du auf dem Markt bist.“
Alles verlief so, wie es
Vasile gesehen hatte: er hatte
ihn zerlegt und
wieder zusammengestetzt, er
ließ ihn die ganze Zeit an die Zuverlässigkeit seiner Arbeit glauben, in der
objektive Gewißheit seiner Arbeit. Es schien als wären wir zu viert: wir drei
und Ovidius Double, der die Gegenwart der Zeichnungen Vasiles beherrschte.
Der Maler Vasile wurde ein Magier, ein moderner Wundertäter.
Am nächsten Morgen
beeilten wir uns Ovidiu auf den Markt zu installieren. Nachdem wir den Sockel
zusammengebaut und die in Farbe gut eingetauchte Statue des Schauspielers
aufgestellt hatten, entfernten wir uns gerade als die Touristen anfingen, sich
um unseren Freund zu versammeln. Vasile war seiner Sache sicher, ich aber
versuchte meine Aufregung zu unterdrücken. Wir trafen uns auf dem Marienplatz,
wie wir es vereinbart hatten. Ovidiu dominierte den Platz mit der Feierlichkeit
seiner perfekten Unbeweglichkeit. Wir verspürten diese triumphierende
Unbeweglichkeit auch und hofften daß es auch Ovidiu so empfand, als Anerkennung
und Belohnung. In dieser Hinsicht haben wir uns geirrt. Wie er es uns Zuhause
gestand, hatte er während der ganzen „Vorführung“ gar nichts gefühlt: überhaupt
nichts, nicht einmal Müdigkeit, als würde ein
anderer seinen Körper
beherrschen, oder besser gesagt niemand, wie eine leere Gipsstatue...
Das wiederholte sich
einige Tage, aber es sollte ein unvorhergesehenes Ende haben. Am Nachmittag
dieses Tages, so wie wir es vereinbart hatten, erwarteten wir Ovidiu zuhause,
er erschien aber in einem unmöglichen Zustand früher als üblich: müde, erschöpft,
entkräftet; vor Zittern konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Wir
eilten beide, um ihm zu helfen und um zu erfahren was passiert sei: es war
offensichtlich etwas passiert. Und weil der Schauspieler die Geheimnistuerei
unter den Freunden nicht ausstand, erzählte er uns, gleich nach dem ersten
Glas Bier, was sich zugetragen hatte :
„Ich stand sehr ruhig
und ohne jeglichen Gedanken da, an dem gewohnten Platz, den ihr ja gut kennt,
bis zu dem Zeitpunkt als ich durch die halboffenen Augen einen Fremden, der
mich mit einer ungewöhnlichen Neugier beobachtete, entdeckte. Er studierte
mich, um mich abzuzeichnen oder um mich zu malen, so genau konnte ich es nicht
erkennen, es war klar, daß meine Exzentrizität ihn inspirierte. Er studierte
mich mit einer Hartnäckigkeit, die mich durchdrang und ärgerte. Es war, als
ob ich neu zum Leben erweckt würde. Er studierte mich und malte; ich erwachte
aus der Erstarrung und fühlte, daß ich nicht mehr ich
selbst bin, ich, der vom Sockel. Ein Arm fing an zu
schmerzen, dann der andere, danach der ganze Körper; letztendlich zwinkerte
ich, die Luft erfüllte meine Brust, die Beine fingen an zu zittern, mich
überfiel eine ungeheure Müdigkeit, wie noch nie... Du hast mich versteinert“
sagte er zu Vasile, „und er holte mich zurück ins Leben, er konnte mich nicht
zum zweiten Mal versteinern. Der steinerne Mensch schmolz, ihn gibt es nicht
mehr, ihn kann es nicht mehr geben. Dieser Tourist dürfte mich nicht zum
zweiten Mal zeichnen, weil es kein zweites Ende gibt, sondern nur eins, das
endgültige. Ich wollte seine Zeichnung zerstören, doch als ich zu mir kam, war
er in der Menschenmenge verschwunden und mit ihm der Traum meiner Unbeweglichkeit.
Er hat meinen Zauber gestohlen. Ich wachte auf und fühlte mich verspottet und
erniedrigt. Ich lief hierher...“
Es war der erste und der
letzte Versuch Ovidius, der steinerne Mensch zu sein.
Aus dem Rumänischen von Sorin Anca
Entnommen aus dem in unserem Verlag erschienenen Band Titu Popescus "Der steinerne Mensch und
andere ungewöhnliche Erzählungen", Sammlung Dl-Prosa, ISBN
3-930672-47, 60 S., DM 6.-- / Eur 3.15. Bestellungen durch den Buchhandel
oder direkt beim Verlag.
Radu Barbulescu
Als der große, gelbe
Postlastwagen vor der Münchner Wohnhaus von Ibni Mahmoudi Al Salmaanami
bremste, und die zwei fluchende Gepäckträger die mannshöhe, eineinhalb auf
eineinhalb Meter Breite sorgfältig gezimmerte Holzkiste auf die Wendetreppen
im letzten Stock trugen, war der Adressant nicht zuhause.
"Aber irgendjemand
muß doch uns geöffnet haben!", sagte der, der das von den Beiden das Sagen
zu haben schien.
"Es war vielleicht
ein Nachbar", meinte der andere Träger.
"Und was machen wir
jetzt?", fragte der erste, um eher sich selbst zu beantworten.
"Sollen wir die Scheißkiste zurücktragen?"
"Auf keinen Fall!",
meinte der zweite, der sich den Schweiß auf den Stirn mit drei zusammengefalteten
Tempotücher abwischte. "Die wiegt mindestens eine Tonne!"
"Es würde jemanden
auch schwer fallen, sie zu entwenden. Also, nichts wie weg!", sagte der
erste und fügte hinzu: "Der Kanake wird irgendwann wiederauftauchen, also
stecken wir ihn die Benachrichtigungszettel unter die Türe hindurch. Das Porto
wurde schon ordnungsgemäß bezahlt, also, hier haben wir tatsächlich nichts mehr
verloren."...
Die Kiste blieb also auf
dem Treppenhausflur stehen. Der glückliche Empfänger, der sich als
Langstreckenfahrer auf einer längeren Reise kreuz durch Europa befand, wusste
nichts darüber. Der Wohnungsnachbar, der gerade eine mehrwöchigen Alkoholentziehungskur
genoß, konnte auch nichts bemerken. Die Putzfrau, die jeden zweiten Tag die
Treppen abwischte, war nur froh, die sich unter die Kiste befindende Fläche
nicht mehr sauber machen zu müssen.
Ende der Woche dürfte
Ibni Mahmoudi al Salmaanami endlich wieder in seinem Münchner Bett schlafen.
Endlich schlafen! Die Firma, für welcher er arbeitete, steckte immer in große
Geldschwierigkeiten und die Fahrer, die immer zu wenige waren, um den Betrieb
in Schwung zu halten, mußten immer wieder einige Abstriche in was geregelte
Arbeitsverhältnisse betraf, machen. Die Fahrzeitaufzeichner hin und wieder zu
fingieren war keine allzu große Schwierigkeit, in einer Zeit in welcher man
alles fälschen kann, was von menschlicher Hand gemacht wurde. Noch mehr sogar,
man hat schon davon abgesehen, das Werk Gottes zu verfälschen, indem man über
die Genen der Zeitgenossen eingefallen ist... Was man aber trotz
Aufputschmitteln und gewechselten Aufzeichnungsscheiben nicht tun kann ist es,
die körperliche Müdigkeit ganz abzuschaffen. Und so kam Ibni Mahmoudi so
kaputt nachhause, daß er sich gleich nach dem Öffnen der Türe, ohne sich
auszukleiden, direkt auf dem Bett warf, und im selben Augenblick einschlief. Er
hatte sogar Muhammad Ali in der Schnelligkeit übertroffen, der meinte einmal,
er sei so schnell, daß wenn er auf den Lichtschalter drückt, er würde seinem
Bett erreichen bevor das Licht ausgeht: Ibni Mahmoudi konnte sein Bett
erreichen bevor er überhaupt auf den Schalter gedrückt zu haben und das Licht
angegangen war!
Er schlief lange und gut und träumte ausgiebig von der
Ehefrau und die Kinder, die auf ihn am Ufer des Malompompos Flusses seit
etlichen Jahren warteten. Er träumte, daß er endlich wieder nach Hause gefahren
war, und daß seine ganze Großfamilie, Kinder, Neffen und Enkeln, Frau, Schwestern
und Brüdern, Schwäger und Schwägerinnen, Vater und Mutter, Onkeln und Tanten,
ja, sogar Großvater und Großmutter war dort versammelt, um ihn willkommen zu
heißen. Und da stieg er aus seinem nagelneuen BMW herunter, streckte sich in
seinen Lederhosen aus, hob seinen mit Gamsbart verzierten Tirolerhut vom Kopf
und grüßte gelassen die versammelte Sippe! Alles war gut und wunderschön am
Ufer des Malampopos, er fühlte sich wie neugeboren, die Gefühle und Eindrücke
sprudelten nur so in ihm hoch, daß einzige, was im Bild nicht passte war es,
Moment Mal, waren es... die Großeltern! Ja, die passten gar nicht im Bild ein,
da sie schon vor einigen Jahren gestorben waren, genauso wie Onkel Humamamadi,
der dort links von der Gruppe aufhielt! Und da zogen sich die Augenlider von
selbst hoch, er starrte die weiße Decke seiner Münchner Bude, die Sonne kam
durch das Fenster, der Himmel war blau und strahlend, nur mit eine weiße
Wolkenfranse an dem linken Fensterecke. "Und erhaaalte unser Himmel / in
den Farben Weeiß und Blaau!", fuhr ihn durch den Kopf, und mußte lachen.
Er fühlte sich wieder
topfit, sprang direkt auf den Beinen und ging schnurrtracks zur Toilette. Über
die Einzelheiten seiner Toilette muß der Erzähler leider schweigen. Hauptsache
ist, daß nach dem Allerlei, was einem Manne in der Badezimmer geschieht, ging
Ibni Mahmoudi in der Küche, koch sich Kaffee und fing an, die durch den Türenschlitz
geworfene Post zu lesen. Rechnungen, Amtsbriefe und Ähnliches ließ er
selbstverständlich links liegen du widmete sich der privaten Korrespondenz.
Was seine Aufmerksamkeit gleich anzog, war ein Brief aus Malanpopos-Malandalanmundi.
Er stammte von seiner Frau und war schon, obwohl per Luftpost verschickt,
einige Wochen alt. Mahmoudi offnete mit ungeduldige Finger das Kuvert, nachm
einen Schluck Kaffee zu sich und fing an zu lesen, indem er die zwei
beigelegten Fotos flüchtig betrachtete. Auf einen Foto sah er seine geliebte
Quassilà, mit den drei lieben Bengel, Ali, Mahdi und Nalila, die jungste von den
drei. Auf den anderen strahlte ihn ein hübsches, jünges Gesicht entgegen, der
auf ein gerstenschlanken, an einem Palmenstamm leicht angelehnten, von
Duftöl glänzenden schwarzen Prachtkörperchen, mit kleinen spitzen Brüste und
schön geschwungenen Hüften, deren Einzelheiten um so mehr zu beobachten waren,
als die junge Braut die traditionelle Kluft der Malapoposfrauen trug: mehreren
Silber-, Kupfer- und Goldbänder, die um den Knöchel, um den Hals und um den
Handgelenke gelegt waren; und, natürlich, man sollte den von Glasperlen,
Halbedelsteine und Dattelkerne kunstvoll gefertigten Kopfschmuck. Die Augen
und das Herz Ibni Mahmoudis freuten sich, und eine lustige Gedanke fuhr ihm
durch den Kopf: "Hier sollte die so umherlaufen, vielleicht am Eisbach
entlang, da würden manche Augen machen! Aber es würde auch den Gefahr einer
Pneumonie bestehen, also, soll sie doch am Malampopos bleiben!"
Der Brief, der von den
trockenen, mit Ockerfarbe bestrichenen Fingern Quasillàs mit kunstvollen
Arabesken verziert war, las sich leicht, fast wie ein Märchen. Und was las Ibni
Mahmaoudi al Salmaanami, daß sein Gesicht erst eine unter Schwarz sich breitmachende
Rote, und dann eine immer grünliche Blässe aufwies?
Schauen wir auch mal
rein, und Sie können mir glauben, sie begehen kein Risiko wegen Verletzung des
Briefgeheimnisses (das sowieso seit einige Zeit auch hier zulande nicht mehr
gilt, auch wenn die Leute, die an dem Inhalt privater Korrespondenz interessiert
sein können, wie Ämter, oder Behörden zum Beispiel, nicht auf die grobe Art der
Malampoposbehörden die Kuverts einfach zerreisen und dann mit Tesaband der
zerissenen Umschlag wieder kleben) angezeigt zu werden: in seinem Wunsch,
alle Verdacht von ihm zu entfernen, hat Herr Ibni Mahmoudi al Salmaanami ihn
mir ausgehändigt, mit der höfliche Bitte, in ganz oder auch nur Auszugsweise,
zu veröffentlichen. Also:
"Lieber Mann (schrieb Quassilà in kunstvollen Arabesken), ich weiß, daß Du in Bayernland, daß von
Malampopos so weit entfernt ist, daß dort den Pfeffer wachsen konnte falls es
nicht zu kalt wäre, sehr viel arbeiten mußt, um Dir das Geld für Deinen BMW zu
ersparen. Es gäbe inzwischen auch hier Möglichkeiten zu einem solchen Auto zu
kommen, aber da Du nicht in der Politik gehen würdest, und auch kein Amt in
Malampopos Hungerhilfekommitee nehmen würdest, hättest Du sowieso keine Chance,
wie der Cousin Hamal ibni Hamal oder Onkel Dibu al Kinder zu einer solchen
Karosse zu kommen. Die fahren nämlich schon jetzt, nach nur zwei Jahren Arbeit,
den Malanpopos rauf und runter in großen, nagelneuen, schwarzlackierten,
BMW-Autos von neueste Serie... Man sieht schon von Weitem die Staubfahnen,
die auf unsere Kamelenpfade von derer Räder erhoben werden, und den Himmel
Allahs verdunkeln! Man riecht schon lange nachdem Sie vorbei gefahren sind, den
betörende Duft ihrer Abgasen! Ach, mein lieber Mann, wenn Du endlich wieder
zurückkommen würdest, und Deine Quassilà und Ali und Mahdi und die kleine
Nalila in Deinem nagelneuen BMW nehmen würdest, was für wunderschönen,
himmelshöhen Staubfahnen würde es geben!
Mein lieber, lieber Mann! Bitte entschuldige Deine alte,
kranke Quassilà, die statt bei Dir zu sein und Dir neue, saubere Kinder Jahr
für Jahr zu erzeugen, sich hier am Malampopos mit die Erziehung Deiner
Bengeln, mit dem Bestellen unseren Maniok- und Maisfelder, das Züchten
unzähliger Hühner und Ziegen und das Sauberhalten unseren Anwesens vergnügt!
Wie gerne wäre ich bei Dir, mein lieber Mann! Aber ich weiß nur zu gut, daß ich
dir nur zur Last fallen würde.
Lieber Mahmoudi, seitdem Du weggegangen bist, habe lange
über vieles nachgedacht. Insbesondere über unsere Ehe habe ich nachgedacht,
die so glücklich und gut angefangen hat und uns das Kindersegen beschert hat.
Und ich wusste nicht mehr, wie ich es Dir schöner zu machen vermag. Ich weiß,
daß Du in Deiner Einsamkeit, dort in das Land der Bayer, eine Frau brauchst,
die Dir schöne Abendstunden bereiten kann. Ich kann es nicht mehr. Und da hat
mit der Allmächtige die gute Gedanke geschickt. Ich habe mich in der Gegend
umgeschaut, und für Dich eine für Dich eine zweite, schönere und jüngere Frau
ausgewählt. Du kannst sie in dem Foto betrachten, das ich Dir mit dem Brief
schicke. Ist sie nicht süß? Hat sie nicht alles was das Herz meiner alten,
guten Mahmoudi freuen kann? Schau Dir die kleinen Brüste, die schöne Beine,
die runden Hüften an. Sie hat eine wohlklingende Stimme, gute Zähne und eine
weiche Haut. Ist sie nicht ein Pracht von einem Mädchen? Sie kann Dir die alten
und neuen Lieder von Malampopos zwar gar nicht singen, aber sie kann für Dich
tanzen und sie kann auch mal Kaffee und Tee für Dich kochen. Mit dem
Essenvorbereitung ist sie noch nicht so weit, aber sie kann es lernen. Und, was
sie vielleicht noch wertvoller für Dich machen konnte, kommt erst jetzt: sie
ist stumm! Hat der Allmächtige in Seiner Weißheit nicht sehr gut mit uns
gewollt? Stell Dir vor, was wäre, wenn die kleine eine Schwätzerin wäre, die
Dir den Kopf nach Deine viele Arbeitsstunden mit tausende und abertausende
von Nichtigkeiten zerbrechen würde! Willst Du sie, so wie ich sie will, zu
Deiner zweiten Frau haben? Wenn ja, das wäre eine wahre Freude für Deine alte
Quasilla, die sie für Dich ausgewählt und sogar schon bezahlt hat. Sie ist mein
Geschenk an Dich, mein Liebster, bitte schlag ihn nicht ab. Wenn Du wieder mal
nach Malampopos kommst, wird Dich Deine größer gewordenen Familie mit größte
Freude empfangen, und die kleine Muntanassa wird die Freude Deiner Nächte noch
größer machen.
Deine immer liebende, alte aber nicht so dumme
Quasilla"
Warum sollte denn Ibni
Mahmoudi al Salmaanami denn so bleich werden, würden Sie sich fragen. Vor
Glück vielleicht? War er von der Große der Gefühle, die seine alte Quasillà
vorzeigte, dermaßen tief erschüttert? Auf der anderen Seite des Briefes liegt
in Form eines Post Scriptums die Antwort auf Ihre Frage:
"Lieber Mahmoudi. Ich hatte nicht das Herz,
Dir die Freuden die Dir die schöne Muntanassa bereiten wird, bis auf Deinen
Rückkehr zu enthalten. Wir haben zusammen - ich habe auch das Stummalphabet
ziemlich schnell gelernt - beschlossen, daß sie unbedingt ins Land der Bayern
muß. Da es keine Schwierigkeiten an der Grenze, mit Paß und so weiter, geben
soll, haben wir nachgedacht und einen Ausweg gefunden. Wir haben sie in eine
schön gezimmerte Holzkiste eingesperrt, mit Nahrung und Wasser für mehrere
Tage, und sie Dir per Luftpost zugeschickt. Cousin Frambouli, der bei der Zoll
arbeitet, hat die nötige Zollpapiere richtig gefälscht, keiner wurde zu der
Idee kommen, in die Kiste zu schauen. Ich nehme an, sie ist schon eingetroffen
und die Postmänner werden sie dir bald überbringen. Nehme sie bitte mit
Freude in Empfang. Sie ist schon wert, Deine Frau zu werden.
Quasillà"
Ibni Mahmoudi al
Salmaanami wurde bleicher und bleicher und fühlte wie das Blut aus seinen Ader
verfloß. Unter die geschlossene Eingangstür, durch den Briefschlitz strömte,
noch schwach aber immer mehr in Intensität wachsend, ein sußlicher
Leichengeruch.
Radu Barbulescu:
Josef Norbert Rudel wurde Ende Oktober 1921 im rumänischen
(heute ukrainischen) Tschernowitz geboren. Er besuchte das Lyzeum in seiner
Heimatstadt und teilte nach der Reifeprüfung das Schicksal der meisten seiner
jüdischen Altersgenossen: Ghetto und vierjährige Zwangsarbeit in verschiedenen
rumänischen Detachements.
1944, kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee,
flüchtete er aus dem Lager nach Bukarest, wo einige Jahre später seine
journalistische und literarische Karriere unter dem Preudonym Radu Nor
begann. Zwischen 1948 und 1972 wurden über 30 seiner Titel in rumänischer
Sprache veröffentlicht, darunter Romane, Novellen, Erzählungen, Kinderbücher,
Übersetzungen, ein sechssprachiges meteorologisches Wörterbuch usw. Er hat
1972 Rumänien als Tourist verlassen und hat sich in Israel niedergelassen, wo
er anfangs für einige in Rumänisch erscheinende Zeitschriften geschrieben
hat. Einige Jahre später beschloß er, zu seiner deutschen Muttersprache zurückzukehren
und sich in ihr literarisch zu betätigen. Es folgte die Mitarbeit an
deutschsprachigen Publikationen in Israel, Deutschland und Österreich und die
Erscheinung mehrerer Kurzprosa Bände. Er wurde Chefredakteur der israelischen
deutschsprachigen Monatszeitschrift "Die Stimme", Mitglied des Israelischen
Pen-Zentrums, Mitglied des Bundesverbandes deutscher Autoren Berlin, Geschäftsführender
Vizevorsitzender des Israelischen deutschsprachigen Schriftstellerverbandes.
Anläßlich seines 80 Geburtstags haben wir die folgende
Erzählung aus dem Band "Das waren noch Zeiten - Jüdische Geschichten aus
Czernowitz und Bukarest", 1997 im Konstanzer Verlag Hartung-Gorre erschienen,
ausgewählt. Unser Absicht ist es, damit einen Autor zu würdigen, der durch
seine Herkunft sowie durch seine langjährige, zweisprachige literarische
Tätigkeit einen Knotenpunkt der Kulturen in "Personalunion" darstellt.
Dem Menschen und seinem Werk wünschen wir fortwährendes Leben.
Josef N. Rudel
Oft roch schon im
Oktober nach Schnee. Die Sonne verbarg sich hinter aschgrauem Gewölk, der Wind
haschte nach den goldgelben Blätter, pflückte sie von den ƒsten und ergötzte
sich mit ihnen am Fangspiel. Die kurzen, erfrischenden Schauer des Sommers
verwandelten sich in Dauerregen mit schweren, kirschgroßen Tropfen, die wie
Seifenblasen auf dem Pflaster barsten.
Eines trüben Morgens
schwebten die ersten Schneeflocken zur Erde. Wir erfreuten uns an den
wunderbaren Formen der Eiskristalle, an den Nadeln, Prismen und Plättchen, die
sich in sternförmige Gebilde von unvergleichlicher Ebenmäßigkeit
verwandelten. Wir konnten uns an ihnen nicht sattsehen. Wir fingen sie behutsam
auf, verglichen sie mit den zauberhaften Mosaiken im Kaleidoskop, und wenn sie
auf der Nasenspitze landeten, schielten wir nach ihnen und wurden traurig, wenn
nichts als ein Tröpfchen Wasser übrigblieb.
Schließlich kam der
erste echte Czernowitzer Wintertag. Wir schoben frühmorgens die Vorhänge zur
Seite und stellten fest, daß die Welt weiß geworden war. Weiße Teppichböden
bedeckten die Trottoirs und das Kopfsteinpflaster, die Dächer trugen weiße
Hauben und die Bäume weiße Wattebärte. Mutter hatte die Galoschen
bereitgestellt und Wollschal und Wollmütze zum Auslüften hinausgehängt. Es roch
nach Naphtalin und Faschingskrapfen.
Der erste Schulgang
durch den Schnee dauerte doppelt so lang. Mama hatte uns manches zu sagen:
"Paß' auf dich auf und verkühl' dich nicht! Verlier' nicht wieder die
Handschuhe! Spiel nicht im Schnee, und komm' mir nicht mit nassen Füßen
zurück!" Und so weiter und so fort. Dann steckte sie noch rasch das mit
Paprika bestreute Gänseschmalzbrot in die Schultasche, verknotete den Schal an
unserem Nacken und zog uns die Mütze tief in die Stirn.
Während des Unterrichts
waren die Blicke viel seltener auf die Tafel als aufs Fenster gerichtet, wo man
dem fröhlichen Reigen der Flocken zuschauen konnte. Kaum ließ der Pedell
(Schuldiener) seine bronzene Glocke erklingen, stürzten alle ins Freie,
stampften durch den Schnee und suchten eifrig nach einer noch unberührten
Stelle, um als erste die Abdrücke ihrer Schuhe zu hinterlassen. Schneebälle
flogen durch die Luft, und bald waren wilde Schlachten im Gange. Man kämpfte
bis zum letzten Atemzug, bis zur letzte Sekunde der Pause! Man kämpfte
kreischend, johlend, jauchzend, bis man vom Kopf bis zu den Füßen wie ein
waschechter Schneemann aussah, die feuerroten Backen inbegriffen.
Der Nachmittag hingegen
gehörte uns uneingeschränkt. Die Schulaufgaben wurden, wenn überhaupt, in
Rekordzeit gemacht, und Mama hatte weder Zeit noch Gelegenheit, unangenehme
Fragen zu stellen. Wir holten die Rodelschlitten aus der Rumpelkammer,
bastelten an ihnen herum bis sie uns fahrbereit dunkten und zogen sie bis zur
nächsten, abschüssigen Gasse. Dann ging es bergab! Man rief: "Bahn
frei!", half mit den Füßen nach und kam in ein himmlisches Gleiten mit
immer schneller werdendem Tempo! Noch einmal und noch einmal, ohne die Stürze
in den eiskalten Matsch und die blauen Flecken an den verschiedensten Körperstellen
zu beachten. So ging es stundenlang weiter, bis uns die Dunkelheit nach Hause
trieb.
Am Sonntag konnten wir
das Rodelvergnügen vervielfachen, indem wir, gut ausgerüstet, mit
genagelten Schuhen und Rucksack versehen, zum Cecina-Berg zogen. Wir verbrachten
dort öfters den ganzen freien Tag.
Die Czernowitzer Kinder
waren natürlich auch leidenschaftliche Eisläufer. Am Nachmittag oder am Abend
gingen wir in Scharen zum Gruder-Platz oder zum Eislaufplatz in der
Dr.-Roth-Gasse. Wir trugen moderne Pumphosen, Haferlstrümpfe, Rollkragenpullover
und hatten uns die Schlittschuhe sportlich über die Schulter geworfen.
Alle Bitten der Mütter, eine Mütze aufzusetzen und über die Ohren zu ziehen blieben erfolgslos, weil man nur mit bloßem Kopf genügend männlich aussah. Nur so konnte man ein Mädchen ansprechen und mit ihr Hand in Hand einige Runden drehen. Die Lautsprecher, die abwechselnd "An der schönen blauen Donau" und "Geschichten aus dem Wienerwald" spielten, gehörten dazu. In den kurzen Unterbrechungen luden die Beherzten ihre "Damen“ ins Büffet zu einem kalten "Kracherl" d. h. Brauselimonade oder einem heißen Tee ein und baten um Erlaubnis, sie nach Hause begleiten zu dürfen.
Im Dezember war
Chanukka, das achttägige jüdische Lichterfest, und Weihnachten. Die Auslagen
der Geschäfte strahlten im Glanz der Lichter und hinter den Glasscheiben
glitzerten goldene Sternchen, silbernes Lametta und bunter Christbaumschmuck
aus farbigem Glas. In anderen Läden prangten prachtvolle, neunarmige Chanukkaleuchter
samt bunten, bleistiftdünnen Kerzen und "Dredel" genannte Kreisel
in den verschiedensten Formen und Ausführungen. In der Schaufensterauslage von
"Schmidt und Fontin" konnte man "Krampusse"
(österreichische Nikoläuse) in allen Größen und Stellungen bewundern, bei den
Spielzeughändlern stapelten sich Berge von Puppen, Eisenbahnen,
Märklinbaukästen und "Mensch ärgere dich nicht"-Spiele bis zum
Plafond, während in den Konditoreien Knusperhäuschen aus Marzipan, Krippen aus
Zuckerguß und Weihnachtsmänner aus Schokolade feilgeboten wurden. Auf den
Straßen schleiften Väter Tannenbäume durch den Schnee, und der Duft der
immergrünen Zweige vermengte sich mit dem dichten, schwarzen Rauch aus den
Kaminen.
Czernowitz war für seine
frostigen Wintertage berüchtigt. Das Thermometer am Rathausturm zeigte nicht
selten minus 25-30 Grad. Bei derartigem Frost begann der Atem zu stocken, den
Mündern entwichen milchige Wölkchen, die Nasenlöcher zogen sich zusammen und
klebten, als wären sie mit Leim bestrichen. Die Waghalsigen bewiesen ihren
Schneid dadurch, daß sie mit der Zunge eine Türklinke berührten.
Sie blieb haften und nur
mit Mühe und Not gelang es, sie loszulösen. Einige Tage konnte der Held dann
nur noch undeutlich lispeln, doch der gelungene Tapferkeitsbeweis wog unumstritten
die erlittenen Qualen auf.
Die Eltern warnten ihren
Nachwuchs vor solch kindischem Unfug und leierten die alte Geschichte vom bösen
Buben herunter, dem die Zunge von den Rädern abgeschnitten wurde, als er sie
auf die Trambahnschiene legte. Doch niemand machte sich etwas daraus. Die
Schaustellungen der Wichtigtuer und Prahlhänse gehörten einfach dazu. Ohne sie
wäre der Zauber des Winters mit den Schneemännern, den Rodelpartien, dem Eislaufen
und den Schneeballschlachten weniger reizvoll gewesen.
In späteren Jahren, als
wir Kinder 15- bis 16-jährige "Männer" geworden waren, kamen zu den
winterlichen Lustbarkeiten andere, ebenso reizvolle, hinzu: Die Masken- und
Kostümbälle der Studenten- und Schülerverbindungen, die romantischen Spaziergänge
zu zweit auf den verschneiten Alleen des Schillersparks oder der Dominikhöhe,
die Fahrten per Pferdeschlitten mit Glockengebimmel und die scheuen Küsse
eisiger Jünglingslippen auf von Frost gerötete Mädchenwangen.
Eines Tages, gewöhnlich
im April, war alles vorüber. Die ersten schüchternen Sonnenstrahlen liebkosten
die Schneedecke, brachten sie fast unmerklich zum Schmelzen, und die ersten
grünen Halme entsprossen dem Boden. Als die Schneeglöckchen erblühten, gab sich
der Winter endgültig geschlagen, und der Lenz hielt seinen prunkvollen Einzug.
Anisul HAQUE
1.
Plötzlich
bei Vollmond
das Licht auszumachen
dann am Fenster
das Auge der weißen Katze sehen
macht
ein Holzhacker klopfen
in der
Brust. Und
sollte mal in dieser
Brust sich
was verlieben
so tanzen schon
die körperlosen Ängste
unweit vom Herzen
einen Tanz der Hexen.
Plötzlich zieht
bei
Vollmond
ein Wort sich aus
und lässt im
Augenstern sich fangen -
wenn derart
eine weiße Katze
die Augen
nach oben dreht.
Die Liebeswörter
wandeln sich
in alte Geister: mit
Teufelei und Hohngelächter
füllen sie den Raum.
Schon plötzlich
hält das Goldpferd
der Träume an -
die Vorderbeine
in die Höhe -
ich sehe mich
auf dem harten Grund
des Tages,
ganz langsam
füllt mich
die Verzweiflung...
dann
irgendwann
bin ich dicht.
2.
Die Nacht
war in der Tat schön
obwohl
viele Sterne
fielen; stets
am Schoß des Himmels entlang.
Viele Grüße viele Worte
sprach die Nacht.
In dieser
Nacht
tönten
die Dampfer alle
und stachen ab -
niemand
wusste wohin.
In dieser
Nacht
brannten vielen Kerzen
aus.
In dieser
Nacht
brannten viele Herzen
im Giftgemisch
des Neids...
doch manche
waren glücklich
in dieser
Nacht.
In vielen Gärten
blühten
die Hasnahenas.
In vielen Gärten
gab
ein junges Kraut
die letzte Blüte ab
und starb.
Der Frühling
kam zu mir
ins Haus
dann der Winter -
die Leuchtkäfer
gruben Löcher
in den Leib der Nacht.
In dieser
Nacht
kam der Regen.
Und doch
fiel
aus dem Augenlid
das Feuer
das die Säfte
im Herzen
kühlten.
Jene
aus meiner Brust gepflückte
Nacht
war in der Tat schön.
3.
Aus der Ferne
schwebt ein Lied heran
und
macht mich still
mitten im Lärm....
wunderliches
Tauziehen
zwischen
Begehren und Befriedigung...
augenblicklich
erstarren mir die Worte.
Schon
ein kleines Mahl der Liebe
lässt die Seele
springen
wie ein Hirsch -
der Honig verzaubert ihr den Mund.
Dann:
Ferne -
die endlose Ferne einer erträumten Frau:
im Zirpentanz
des Augensterns
kratzt sie jetzt Schrammen
an der Brust
der Nacht.
An der Ferne
irre:
nach Inhalt
fahndend -
im Zwang
des Ausdrucks -
ich:
gefangen
im Raum meines Scheiterns.
Doch
lege ich den Blick
auf die Liebe einer erträumten Frau
zeichne Bilder
an die Brust der Zeit
und
schäume auf
augenblicklich
brunnenhaft.
4.
Ein Mann
ging
über die Straße
sah
verstohlen hinter sich:
ein Bild
hält er in der Hand -
das Bild
einer roten Frau.
Ein Mann
rannte
über die Straße
ganz allein
er flieht
lässt alle hinter sich:
er hält in der Hand
das Bild
einer grünen Frau.
Ein Mann
hinkte
über die Straße
verletzt
doch ein Sieger
sein Gesicht strahlt:
er hält in der Hand
das Bild
einer blauen Frau.
Drei Männer
und drei Bilder
einer roten, grünen, blauen Frau
trafen sich einmal -
was sie nicht einander
alles sagten!
Dann gingen sie
alle drei
drei Wege -
die Bilder
jetzt
ohne Farbe.
5.
Zuweilen:
der Wink
einer Traumhand -
wer näht
Figuren des Glücks
auf den Saum des Winters?
Ein Regenbogen
auf den Blasen
der Phantasie
verändert sich
zuweilen
in Irrlichter der Verlockung
zur Hoffnung
eines vollen Atems.
Ein Augenblick
war das nur -
nun kehren die Träume heim:
mein ich und
meine Einsamkeit
vereinen sich
in gemeinsamen
Tod.
Die Zeit:
trauerschwarz
im Leichenzug des Glücks -
und ich:
Wächter jetzt
meiner eigenen
Leiche.
Autorensteckbrief:
Anisul Hacque wurde am 30.06.1954
in Comilla (Bangladesh) geboren. Hat Physik und Meteorologie an der LMU-München
studiert. Lebt und arbeitet seit 1983 in München. Die von uns
wiederveröffentlichten Gedichte sind aus dem "DELTA - eine halbjährliche
Zeitschrift über Bangladesh", Jahrgang 1, Heft 1,
München1987, entnommen worden.
Constanta
BUZEA
48.
Wiegungen,
o Herr,
die
Pflanzen innerhalb des Windes
die Ufer
neben tobenden Wellen
die Seele
in dem Ei aus Kalk
die
zwinkernden Augen
die Stille
innerhalb des Redens
die Wolken
zwischen sich
die Materie
des Opferns und das Feuer
die Geburt
innerhalb der Düsterheit
die
lauernden Blicke neben dem Versteckten
ich hätte
auch die Angst gesagt
aber sie
zerfleischt, die Angst
innerhalb
der Angst
49.
du scheinst
in die Verflüchtigung meiner Hand
in das von
den Ästen der Nerven vollen
Fingern –
heißen
Spiralen in dem Zeige-
und
Mittelfinger
gedruckt zu
sein –
Perlmuttkanäle
durch welche
Leib und
Seele kommunizieren,
ihr
Niederfall der einen zu dem anderen
bezeugend
50.
ich habe
von dir
du hast von
mir
nur den
Schatten
einige
Tongefäße
Matrizen
aus geschnitztem Holz
sanfte
Baumwolle
und das
Fell des anonymen Lammes
der bitteren
Geist, der uns zu sagen lernt,
daß wir
schon gegangen sind
aber nicht
mehr zurückkommen werden
51.
wir sitzen
neben dem Feuer während es schneit
wir stehen
auf den Beinen entlang der warmen Mauer
erschöpft
sind die Hände, die
unter der
Macht des sich vom Nichtsein
verrückt
reibenden Blutes, fremd
am Körper
vorbei gleiten
brav im
Bild von der Last derselben
auf der
Schulter getragenen Engel besänftigt -
naive
Zeichnung Kinder im Staunen vergessen
in einer
von einem einsamen Gott
gen Himmel
getragenen Kammer
52.
es gab ein
Licht
aber kein
trauriges Licht
in seinem
großen Durst war
meine Seele
ganz
in der Luft
Bienen und Bücher
berührende
Sicherheiten
Miniaturen
im Sein
und der
Sommer - ein wanderndes Verb
aggressiv
und voll von lila Dornen
die nach
Gift rochen
und
Ziegelsteine beugten sich zu Gärten
wo der
Schatten
unter den
reinen Blättern
unter den
unnützen Augen
seine, wie
die aus dem Nichts
sprudelnde
Stille, den seltsamen Text
auf die
Erde bewegte
53.
nur durch
den Schatten
kann ich
mit dir all das bringen
was aus
diesem Tunnel entwischt
sich
entzündet und brennt
mein Leib
kennt eine Qual
die Seele
eine andere
voll von
der Asche der von überall
kommenden
Bäche
nicht jetzt
nicht bald
wird mitten
im Sommer die Buche von
einem von
so viel Frieden erschrockenen Gedanken
die
Miniatur eines Weinens
in den
Augen der Engel bezeugen
54.
ich bin die
Frau Luna oben die doppelte Luna
die ihren
Schatten in den Venen des Meeres dreht
die
verbrannten Gedanken, die gute Gedanken
aus der
Kammer wie mein Himmel ist
ein
schwarzer Schmetterling wird mich schlagen
ich kann
seine Ohnmacht nicht heilen
Blattrippem
trocknen aus und ich falle
Ich umarme
dich mit leeren Ärmeln
55.
schau, wie
sich eine Lage
in ein Verb
schleicht
in einen
Silbersee
umwunden in
dem Häuschen wie der Buchstabe,
wie die
Luftblase, die voll mit der Seele des Ertrunkenen
an die
Oberfläche steigt
das Nichts,
ein bis in die Unendlichkeit
immer am
selben Platz
auf der,
wie Pergament aussehende Haut
eingetippter
Buchstabe lässt sich hören
mir ist zum
Weinen zumute
und ich
kann nicht weinen
weinen und
nichts tun
in dem
Häuschen wie den, mit der Seele
des
Ertrunkenen volle Buchstabe
56.
kranker
Vulkan
Schmetterlinge
fahle Invasionen Richtung Mond
auf den
Fingern ihr Geruch
in Tropfen
auf den Schläfen ihre Schuppen
sind wie
eine Kette um die Äste gewickelt
Schlafschmetterlinge
auf dem Fluß
eine aus
Stein und aus Diamant
in der
hohen Dunkelheit
ein Gott
mit Lippen aus Schmetterlingen
Kind in dem
Bett von Schmetterlingen
geboren
57.
deine Seele
hat Platz
in meiner
Seele
dort gibt
es Zeit und Platz und Gras
gestreckte
Arme, daß du ganz
in ihre Winkel dringst
Frostschütteln
das die Blässe der Engel erschöpft
Leib in
einem Leib eingeschlossen
Perfektion
so rein wie der Tod
beweintes
Paradies, dein weißer Mund
zwischen
meinen Augenbrauen
und in den
Knien der Holzwurm
ein von
Gott gegebener Samen
58.
o Herr, ich
erinnere mich,
ich war ins
Meer gegangen
und hatte das
seltsamen Gefühl
von einem
Spinnennetz,
rauhen
Vogelschreien
voll von
ihren weißen Zeichen
unter dem
Lauf der freien Wolken
zum Sturm
von einem
Delirium der Unerschrockenheit
bis zum
Funken verbrannte Schreie
59.
ein offenes
Buch
mit
abgenutzten verbrannten Buchstaben
mir bleibt
auf den Händen alter Staub
die Sicht lässt
mich versteinern
wie das
schmale Tal zwischen den Bergen
und der,
wie das Papier dieser stillen Stunde,
geheimnisvolle
Fluß
ich lese
befriedet
verliere ich mich in Widerspiegelungen,
in silberne
Urwälder
ich suche
und finde mit deinen Augen
den wie ein
Stein warmen und harten Sinn
des Textes
Träumerei
und Bann
Bruch und
Rascheln
das Buch
fällt mir aus der Hand, es stirbt
die Wände
nähern sich wieder
60.
die Gardine
bauscht sich von der Abenddämmerung her
das Fenster
spaziert langsam
von einer Wand
zur Anderen
unter den
Schläfen hat eine durchsichtige Vene
ein
Hieroglyph gezuckt
arm bin ich
und ich liebe dich
mit allem
was ich habe aber insbensondere mit was ich nicht habe
die
Baumblätter nehmen eine Zinkfarbe an
ein
fiebriges Weltrascheln bereitet sich vor
für die
Ewigkeit
61.
verlange
nicht nach Wasser im Traum
es könnte
sein
daß sich
dein Durst einem Mund
mit einer
Seele ohne Gegenseite nähert
und daß du
sie wie in einer Auslöschung trinkst
_____________
Aus dem Rumänischen von
Radu Barbulescu
Carolina ILICA
(Vara
violeta)
Seit langem gab es so einen violetten
Sommer nicht mehr
Indem die Farbe die mir am meisten
gefällt
Mit allen seinen Nuancen
Von
Rosa und Himmelblau
Getragen wird.
Seit langem gab es so einen
exotischen Sommer nicht mehr
Mit so vielen Landschaften
Und
exotischen Früchten.
Der Knoten des Mangokerns
Ein
fibernes Glied
Das
zwischen den Hüften
Des
gelben und vor Aromen
Zu
süßen Fleisches krepiert
So wie manchmal das Herz im Menschen
krepiert,
vor
zuviel Selbstgefühl.
Seit langem gab es so einen fatalen
Sommer nicht mehr
Und Dir so schwer im Leichten
Und mir so schlecht von zu viel des
Guten.
MAULBEEREN UND
MOHNBLUMEN
(Dude si maci)
In dem Sommer hast Du mir
Nur eine Mohnblume gebracht.
Ihre Zartheit war
Auch meine Zartheit.
Ich
vergehe in einem einzigen Leben
Wie
sie an einem einzigen Tag.
Denselben in welchem
Ich für Dich im
Vorbeigehen
Purpurne, reife Maulbeeren geerntet
habe
Indem ich dachte, daß auch Du an die
Kindheit
Denken wirst.
Weil
man es nachhinein so sieht:
Glücklich,
eheu,
Und
von Maulbeeren verschmiert!
Also dann hast Du mir eine rote
Mohnblume
Gepflückt
Ich habe Dir schwarze, eigentlich
purpurne
Maulbeeren geerntet
Wir haben beide " von niemandem
"
Einer für den anderen gestohlen.
Das zarte, wenige
Und kurze Gras
Im Angesicht der zu großen Stadt
War ich vor so viel Höhe und Hitze
ermüdet.
Rot und schwarz. Schwarz und rot.
Ein Tauschgeschäft.
Du hast mich an den Mund und ich habe
Dich an dem Mund gebracht.
Du mich küssend
Ich Dich küssend.
Beide küssend.
Ach,
Dichtung
Meine Wort für Wort
verratene
affektive Erinnerung!
KLEINE WELT
(Lume mica)
Wie klein ist die Welt!
Ich
bin angekommen
Wo
Du gewesen bist.
Und
Du
Wo
auch ich gewesen bin.
Ich sehe Dich sogar
Wie
Du hinein und heraus
Heraus und hinein
Und wieder heraus
aus den Hüften des Meeres kommst:
wie
ein Delphin der in den Wellen spielt
wie
ein Mann
der eine Frau in Besitz nimmt
wie
ein Profischwimmer
der
am Ufer von Wasser
triefft.
Und wenn ich jetzt meine Zunge über die Lippen ziehe
Spüre ich das zurückgebliebene
Meersalz:
Auf
meinem Gesicht?
Auf
deinem Gesicht?
Ich kann es kaum erwarten, Dich zu
sehen
Dich zu kosten
So wie man einen guten purpurnen Wein
Kostet
Bevor man ihn genießt
Und bevor er betrunken
Deine Sinne
betrunken macht.
DRACULA II.
(Dracula II)
Erinnerst Du Dich?
Hölle und Himmel
Zugleich.
Wie ich Deinen Namen von dort aus
Schrie
Wie ich ihn wiederholte,
wie ich ihn von mir zu Dir
wie einen Bienenschwarm schickte,
der sich nicht niederlassen konnte
und wieder zu mir zurückkehrte:
in Form eines Echos
unendlich in sich selbst verliebt.
Erinnerst Du Dich noch?
Das verzweifelte Glück
Und die glückliche Verzweiflung
Aus meinen Augen
Aus meiner Stimme
Dieauch laut und auch kleinlaut nach
Dir schrie
Während Du rein
Und raus
Und wieder rein
in meiner immer jungfräulichen Seele
von einer Chimäne und einer Hestia
kamst.
O, Glück der Unglücklichen,
sind Violett und Schwarz deine
Farben?
ROTE ÄPFEL
(DRACULA III.)
(Mere rosii - Dracula III)
So wie ein einziges Gedicht von Trakl
In welchem
Man bis zu zwanzig Farben und Nuancen
zählen kann "
jener Sommertag "
ein breites Ehebett
das sich immer mehr verengt
um so mehr es sich in meine
visuelle Erinnerung vertieft,
sich eingräbt:
Das dunkle Lila
Wie bei der Bergflora
Das zu einem Schimmer von Rosa
Über dem Blau
auf einer Höhlenwand
spielen wird.
Nur ein abgestandenen Fleck
Ein trauriges Muttermal,
Ein hässlicher blauer Fleck
Auf dem hellen Gesicht eines Spiegels
Mit einem kalten
Silberrücken.
Und das Rote von damals,
purpurn,
vom edlem Hause
steht jetzt wankend
wie ein blasser Vampir
aus seinem feuchten Sarg auf.
INDEM ICH
(Încropind o cina)
Indem ich ein kaltes
sommerliches Abendmahl
aus Käse und Tomaten
und abkühlenden, stärkenden Früchten
auf einer lila Tischdecke
zusammenpuzzle
erinnere ich mich
ungewollt
an Dich
wie von eine andere
exotische
frisch gepflückte
Mangofrucht
deie implizit nach Cannabis riecht
und über Nacht in meinem Zimmer
unerträglich süß
ausgereift ist.
Blind wie die blinden Statuen aus den Parks
und trotzdem mich verstohlen anblickend:
wie ich meine lila,
intime Unterwäsche auszog
um wieder nackt zu schlafen:
von Außen betrachtet, ein weibliches Weib
aber Innerlich ein unverbesserliches, kleines Mädchen:
Das sich weigert, ohne Märchen
und ohne gewogen zu werden,
einzuschlafen.
SELBSTBILDNIS IM
SCHLAF
(Autoportret în somn)
Ich schlafe zwischen
Zwei nackten und kalten Schultern
Die halb aus dem Schlaf
Wie zwei weiße, runde
Und stehende Steine
Aus den Gewässer des unsteten Flusses
Heraustreten.
Zwischen denen
Ein größerer,
ovaler,
bewegten
immer heißer Stein
meinem unruhiges Kopf
ist.
Seine Träume träumende Aura
Wird nur zur Hälfte
ein Geschwungenen,
aus dreizehn –
von dem wie die Pflaume ins Schwarz tönenden,
bis zum mit dem Weiß verschmelzende
Lila –,
Violettnuancen bestehenden
Regenbogen,
sichtbar.
Die andere Hälfte pulsiert magnetisch
in dem Computer des Himmels
Dich überall suchend
um Dir auf Deiner
schwarzen,
dämonischen Aura
eine Krone zu aufsetzen.
_____________
Aus dem Rumänischen von
Radu Barbulescu
Arthur
Porumboiu
Jung und von
Illusionen besessen
bin ich nicht mehr.
Die Hände
betasten nicht mehr,
fieberhaft,
den Samt der Sonnenaufgänge
sondern den rauhen Stoff
der Zeit!
Das
goldene Gedicht
(Poemul de aur)
Du wurdest von Lauten geschliffen
wie die Hufen der Pferde auf dem Stein
und der Regen und der Duft der Kastanien
haben dir die Heilung gebracht.
Mit dir selbst unbarmherzig
hast du schwer, wie eine Bäuerin auf dem
Felde
geboren
und dein Leben wurde nicht zum goldenen
Gedicht
aber jedes Wort hat dich vom Tode bewahrt!
Gebet
um die Abendstunde
(Ruga la ceas de înserare)
Und falls deine Geschlecht ein Tempel ist,
der
gebiert;
und falls Du mich indem du mich gebierst,
vor dem Tod schützt,
um die Abendstunde bete ich dich,
Liebe,
jag' fort den Tod
und begrab' mich zwischen deinen
Licht gebärenden Brüste,
von der Zeit unberührt.
Erdklumpen
(Bulgare de tarâna)
Du kannst nicht bis zu mir hinaufsteigen
du, Erdklumpen, der nur aus dem
gemeinen Begehren lebst.
Deine Blicke können nicht zum Himmel gelangen
wo ich selbst der Himmel bin -
sie sind verkohlt und die Asche ist in
glanzlosen Formen vergangen.
Fruchtbar und von kleinen Sorgen befleckt
du kannst nicht das Ungesehene sehen,
kannst nicht das Unerreichbare erreichen.
Nicht mal deine Stimme kann vordringen
zu jenem kristallenen Ast des Lichts
in dem ich wohne.
Gesättigt in dem Fett des Mittags
und geschleift durch die klebrige Trägheit
niemals wird der Flügel den Himmel erreichen
wo das Licht die reine Essenz ist.
Dort
wo ein denkendes Schilfrohr
(Unde o trestie gânditoare)
Die Jugend wird ihre Flügel stützen
und wird in dem Alter eines müden Schwertes vergehen;
du wirst wie ein afrikanischer Krieger
gegen die Rassentrennung rebellieren;
zur Wache wird dir das Buch stehen
und an jedem Abend
werden die Gedanken in der Adoleszenz laufen,
wo ein denkendes, schlankes Schilfrohr
nur für dich selbst das purpurne Feuer
entzündet.
Und
ich habe gehört
(Si am auzit)
Die Akazien beleuchteten noch Düfte und in die Ferne
kamen die Strahlen frei;
Jungfrauen
stellten sich ein Ritual vor: auf süßen Leibern
lernten die Strahlen das Licht
zu verlangen; und dann hab' ich gehört:
"Der Sommer lebt in unseren Seelen!"
und Gott hielt sich auf den Wiesen auf -
und Vogel und Mensch haben kein Recht zu sterben!
Dt.-Übersetzung von Radu
Barbulescu
Amelia
STANESCU
Dich unter den chinesischen Mandarinen
zu lieben,
Dich küssen, Dir die grüne
Basilikumsoße von den Lippen
austrinken,
bis auf die Fußsohle
von wo aus
ich neugierig beobachtete
wie das Auge entfremdet
unter einem Mohnblatt schlägt
***
die versteckte Gleichgültigkeit
meine Verse
Dich trotzdem
suchend
***
Sei still.
Ich denke an dich
flüsternd
***
Welchen Geschmack hat die Stille
der Minuten die schwer werden
sich in der Ausatmung verlieren,
die wir (wie eine Krankheit)
fallen lassen
man spürt wie sein Blick an die Mauer schlägt
rabiat zurückkommt dann
die Vergewaltigung -
das Ausziehen der Sinne
ich schäme mich der Stille, die mich umgibt
ich schäme mich der Stunden
die an mir vorbei fließen
ohne daß ich etwas tue,
ohne daß ich spreche
ich bin leer wie eine Wasseruhr
der letzte Tropfen,
mein Herz
Dt.-Übersetzung: Radu
Barbulescu
Rhea
CRISTINA
Das ist das reine, farblose Gefühl.
Das ist mein Kreuz, in dem jungen,
unbekannten Leib gestochen.
Ein Teil will sterben, den anderen Teil
will leben
wie Wölfe die nach Flammen hungern.
Wir sind Zwei, fast unbewegt,
Falls wir zu tief einatmen, hören wir die Schmerzen des anderen.
Welchem Kreuz soll ich mich fügen?
Zwei tränenüberströmte Tote werden
bald sprechen.
Zwei, von dem eigenen Herzen belustigt,
wollen das Licht des Nachts an meine
unbekannte Wunde verkaufen.
Aus uns
Das Kreuz in mir ist am Morgen,
wenn es lacht, wenn es weint aufgewacht, der
Himmel ist ohne es zu fragen in ihm
zusammengekommen.
Ich komme mit einer Hand im Herzen zurück.
Es ist still, als ob Seelen ausbrechen würden:
Ein Teil mit mir,
ein Teil ohne mich.
Während ich mich wie ein normales Wesen
benehmen werde müssen. Lieben.
Ich gleite an mir vorbei wie eine Hyäne,
die ihre Seele reißt.
Die Meute hat mich.
Wo ES Liebe und Tod nicht gibt
Wo es Liebe und Tod nicht mehr gibt,
dort bin ich,
mit unterworfenem Herzen auf Gott wartend.
Den unschmerzlichen Sinn des Abgrunds liebend.
Indem ich versuche, nicht auf einmal
auf der einen und auf der anderen Seite zu sein.
Die Flammen sprechen mit dem Kreuz in mir
in meiner Abwesenheit.
Sie rufen mich zum Schmaus, zu meinem eigenen Schmaus.
Wenn das Gefühl in welchem ich geboren bin endet, wird ein
Schmerz, der
nicht ausgesprochen werden kann,
beginnen.
Mutter
Für Dodu
Mutter,
unser gemeinsames Auge.
Das Kreuz
sträubt sich
nach links: mein Unvermögen deiner Kraft
alle zu lieben und allen zu vergeben gleich zu sein.
Täglich deine Träne
in dem Wort Gottes.
Tage und Nächte
vertreibst du mir das Schaudern.
Gibt es
in der Welt
ein Zittern des kaum geborenen Jahrhunderts?
Von dir aus meidet mich der Tod:
Ich lebe in Deinem Licht.
Unsere Gefängnisse
Die Schranke der Hände.
Die Glocken brennen.
Mein Engel sucht mich auf der Diagonale.
Ich lebe
obwohl ich tot bin.
Es kommt nicht, o Herr, das rauhe, mit uns ungeduldige Lied.
Nein,
wir sterben nicht
wir müssen unsere Gefängnisse
haben.
Dt.-Übersetzung:
Radu Barbulescu
Adnan Al DHAHIR
Du bist
wie eine Prinzessin, die uns dominiert,
eine
schicksalhafte Gestalt, die uns offensichtlich
und
manchmal geheim manipuliert
(es ist
so schwer, die menschliche Struktur zu durchschauen)
denn, die
menschlichen Seelen gleichen den Engeln,
sie
kommen nach und nach, unvermeidbar
wie die
herbstliche Jahreszeit.
Sie
kommen wie Regenschauer zu uns aus dem Himmel
und wie
Weihrauch, als Geschenk fpr die paradiesische Braut
und die
Äste des Baumes duften wie Amber
für die
Halskette der Hoor El-Ein
und sie
kommen wie gute Geister,
die das
Universum durchstreifen wie ein verzauberter Prinz,
und sie
kommen wie der Honig
der
Königin der Königinnen aller Bienenvölker.
Ich aber
wandere und wandere und finde nichts davon.
Doch
finde ich das Pulver des Smaragdes
und mache
davon eine Essenz und trinke dieses Elixier um
meine
Isolation und bittere Niedergeschlagenheit zu heilen
und ich
sage einen Trinkspruch auf eine große offenbare Liebe
auf den
Sieg der menschlichen Seelen die das Leben auskosten
und nicht
zuletzt auf das Feuer,
das der
Bienenkönigin die Flügel verbrannt.
Winter1
Üble Laune und dunkles Gemüt kommen mit dem Winter,
wenn sich die Natur zurücknimmt und vergeht voll Kummer und
Furcht,
Tage werden kürzer und Nächte länger,
kein Wunder. Die Erde verändert ihre Umlaufbahn
und wechselt ihren Umdrehungswinkel.
Sie folgt ihrem ungeheueren Herrscher und Bezwinger.
Winter bringt mir Trübsinn, geheime Gefahr
und ein großes Verlangen allein im Haus zu bleiben,
darüber nachsinnend was das Leben nehmen oder geben kann.
(Das Leben ist ein
tüchtiger Händler und ehrloser Spieler)
Mir selbst hat es viel genommen und auch meiner großen Familie:
Es nahm meine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern
in weniger als zehn Jahren.
Es hat mich aus meinem Land fortgenommen
und mich in einen internationalen Zigeuner verwandelt
– der weder singen, noch spielen noch tanzen kann –
Ohne Gesundheit, keine Kraft, keine Tätigkeit oder Geld,
kein Reisepaß oder Sicherheit,
keine Hoffnung auf etwas Bestimmtes oder unerwartet Unverhofftes.
Frostiger Winter verwundet mich, zerschmettert mich–
läßt mir das Gefühl eines Gefangenen und überdies,
Winternächte stechen mich, quälen mich und
treffen wo Schmerz scharfe und lange Zungen, Fangarme und
Lippen hat. Es spricht und geht
durch das tiefe innerste System
wo es sich prächtig ausdrücken kann.
Winter heißt milchiger Schnee und schwarze Dunkelheit:
Zwei scharfe Kontraste, trotzdem, beide sind uns auferlegt.
Alas, alas. Keine Möglichkeit zu überspringen oder vorbeizukommen.
Keine Hintertür um zu verschwinden oder dem Ungemach zu
entfliehen.
Winter zerschmettert und greift an wie die meisten wilden Tiere.
Er hat seine eigenen stählernen Arme und Gemeinheiten: Scharfe
Zähne,
Klauen und ein furchtbares Gesicht.
Kalte Winternächte versteifen unsere Knoch